Archive for the ‘Kunst’ Category

3798: Martin Walser 95

Donnerstag, März 24th, 2022

Unter anderem für Martin Walser ist der Begriff des „Großschriftstellers“ geprägt worden. Er wird 95 Jahre alt. Eine Zeit lang ging er keinem Streit aus dem Wege und bezog auch eigentümliche Positionen. Manchmal kehrte er sein Inneres nach außen. Das stellen wir fest beim Streit um das Berliner Holocaust-Denkmal und bei Walsers Roman „Tod eines Kritikers“, wo er seinem Hass auf Marcel Reich-Ranicki freien Lauf ließ. Das brachte ihm u.a. den Vorwurf des Antisemitismus ein.

Inzwischen hat das Literaturarchiv in Marbach Walsers Privatbibliothek übernommen und 75 Bände seiner Tagebücher. Der Mann will öffentlich diskutiert werden. Sexualität spielt bei ihm eine große Rolle. Nun erscheinen seine „Postkarten aus dem Schlaf“. Da kann er nicht lügen, findet Martin Walser, weil die Geschichten aus dem Traum kommen. Von Sigmund Freuds Theorie des Traums hält er nichts, bezieht sich aber immer wieder darauf. „Man konnte nichts sagen, weil er immer schon wusste, was man sagen würde.“ „Meine Träume müssen nicht gedeutet oder gar nach den billigsten Schlüsseln übersetzt werden. Sie sind mir deutlich genug.“ Walser schreibt auch über Prominente wie Thomas Mann, Rudolf Augstein und Pete Sampras (Marie Schmidt, SZ 24.3.22).

3797: Michael Haneke 80

Mittwoch, März 23rd, 2022

Unter vielen ernstzunehmenden Cinéasten gilt der Österreicher Michael Haneke als der größte Filmregisseur der Gegenwart. Er hat den Oscar, zwei Goldene Palmen, zwei Golden Globes und zahlreich europäische Filmpreise gewonnen. Er wird 80 Jahre alt. Begonnen hatte er seine Karriere Ende der sechziger Jahre beim Südwestfunk (SWF) als Fernsehdramaturg. Die meisten Drehbücher gefielen ihm nicht. Also schrieb er selber welche. Mit dem „Siebenten Kontinent“ (1989) gelang ihm sein erster großer Erfolg. Er zeigt eine Familie, die in ihrer Wohnung alles zerstört und Selbstmord begeht. Schon hier bezieht Haneke das Publikum als ohnmächtige Zeugen und begierige Voyeure zentral ein.

Häufig protokolliert Haneke die Vorgänge in ihrer nackten, unerklärlichen Dimension. Immer wieder ist Gewalt das Thema. „Funny Games“ (1997) zeigt zwei Widerlinge, die eine bürgerliche Familie ohne jeden Grund einfach „zum Spaß“ beim Wochenendausflug überfallen und abschlachten. Die mediale Selbstreflexion macht alles nur noch schlimmer. In „Die Klavierspielerin“ (2001) nach Elfriede Jellinek (nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Film von Jane Campion) brilliert Isabelle Huppert.

„Das weiße Band“ (2009) (Goldene Palme in Cannes) spielt Anfang des 20. Jahrhunderts, einer gefährlichen Zeit, in einem norddeutschen Dorf und zeichnet nach, wie die Grausamkeiten der Welt im grausamen Umgang mit Kindern wurzeln. Für mich, der aus einem norddeutschen Dorf stammt, Hanekes bester Film. Auch ein Panorama des Protestantismus. „Liebe“ (2012, zweite Goldene Palme) zeigt das Siechtum und Sterben eines alten Ehepaares, er bringt sie am Ende um (die Hauptrollen gespielt von Emmanuelle Riva und Jean-Louis Trintignant, in einer Nebenrolle Isabelle Huppert). Überwältigend. In seinem letzten Film „Happy End“ (2017) schaut Michael Haneke einer französischen Großbürgerfamilie bei ihrem Zerfall zu. Und viele Fragen bleiben offen (Philipp Stadelmaier, SZ 23.3.22).

3769: Matthias Brandt über das Arschloch Putin

Samstag, März 5th, 2022

Der große Schauspieler Matthias Brandt wird in der SZ (5./6.3.22) von Peter Laudenbach interviewt. Grund ist Brands Mitwirken in Max Frischs „Mein Name sei Gantenbein“ am Berliner Ensemble. Brandt kehrt ans Theater zurück.

Er sagt am Anfang des Interveiws: „… Im Moment ist aber meine Wahrnehmung sowieso vollkommen überschattet von dem, was in der Ukraine passiert. Es erscheint mir fast obszön, hier über meine Nebensächlichkeiten zu sprechen. Dann denke ich wieder, ich lass mir doch von diesem Arschloch Putin nicht vorschreiben, worüber ich gerade nachdenke. …“

3766: Münchener OB entlässt Gergiev.

Mittwoch, März 2nd, 2022

Der Münchener OB Dieter Reiter (SPD) hat den Chefdirigenten der städtischen Müchener Philharmoniker, Valery Gergiev, entlassen.

„München trennt sich von Chefdirigent Valery Gergiev. Es wird damit ab sofort keine weiteren Konzerte der Münchener Philharmoniker unter seiner Leitung geben. Valery Gergiev hat sich trotz meiner Aufforderung, sich eindeutig und unmissverständlich von dem brutalen Angriffskrieg zu distanzieren, den Putin gegen die Ukraine und nun insbesondere gegen unsere Partnerstadt Kiew führt, nicht geäußert. Ich hätte mir erwartet, dass er seine sehr positive Einschätzung des russischen Machthabers überdenkt und revidiert. Nachdem dies nicht erfolgt ist, bleibt nur eine sofortige Trennung.“

Gergiev war 2015 in München angetreten und hatte mit den Philharmonikern außerordentliche künstlerische Erfolge gefeiert (ETHO, SZ 2.3.22).

Ähnlich wie OB Reiter verhalten sich die Mailänder Scala, die Wiener Philharmoniker und das Luzern-Festival. Gergiev steht dem russischen Machthaber seit langem sehr nahe. Im syrischen Palmyra etwa hatte er nach der russischen Rückeroberung ein Konzert dirigiert. Die Eroberung der Krim 2014 hatte er in einem offenen Brief unterstützt.

Detlef Esslinger (SZ 2.3.22) kritisiert die Entscheidung des Münchener Oberbürgermeisters. „Es ist ein Unterschied, ob einer sich lieber nicht distanziert – oder ob er, im Gegenteil, öffentlich Menschen preist, die so viel Elend über ganze Völker bringen. Daruf hat in der Gegenwartskunst ja

Peter Handke

das Copyright. Der bekommt trotzdem den Nobelpreis.“

3756: Harald Martenstein verlässt den „Tagesspiegel“.

Montag, Februar 21st, 2022

Nachdem der „Tagesspiegel“ Harald Martenstein Kolumne „Nazi-Vergleiche“ im Internet gelöscht hatte, trennte sich der Kolumnist von seinem Blatt, für das er seit 1988 gearbeitet hatte. Martenstein, der auch Kolumnist im „Zeit“-Magazin ist, hatte über das Tragen von „Ungeimpft“-Armbinden in der Form von „Judensternen“ bei Demos gegen die Corona-Maßnahmen geschrieben. Demonstranten wollten sich dadurch „zum totalen Opfer machen“. Das sei „immer eine Anmaßung, auch eine Verharmlosung, es ist für die Überlebenden schwer auszuhalten“.

Jedoch sei der „Judenstern“ bei den Demos „sicher nicht antisemitisch“, denn seine Träger identifizierten sich mit den in der NS-Zeit verfolgten Juden. An dieser Sichtweise gab es „sowohl innerhalb der Redaktion als auch von Leserinnen und Lesern“ starke Kritik. Martenstein: „Ich habe meine Meinung nicht geändert. Vielleicht irre ich mich. Wo man glaubt, nur man selbst sei im Besitz der Wahrheit, bin ich fehl am Platz.“ (Tyc, SZ 21.2.22)

3755: Was macht Harald Schmidt am Tegernsee ?

Montag, Februar 21st, 2022

Seit acht Jahren ist Harald Schmidt nicht mehr im Show-Business. Jetzt haben ihn Stephan Maus und Hannes Roß für den „stern“ (3.2.22) interviewt. Hoffentlich verstehen das alle Leser!

Schmidt: … Es gibt diesen alten Karl-Valentin-Witz: „Mit dieser neuen Eisenbahn bin ich in 20 Minuten am Tegernsee. Bloß, was mach ich dann dort?“

Stern: Kein verrücktes Hobby angefangen?

Schmidt: Um Gottes Willen! Mein Hobby ist der Alltag. Ich gehe gern in Supermärkte. Dort lasse ich die Leute an der Kasse vor. Ich sehe am Gesichtsausdruck der Menschen hinter mir: „Das ist das Arschloch aus dem Fernsehen.“ Und ich sage: „Bitte gehen Sie vor.“ Dann sind sie geschockt. Ich quäle Menschen durch Höflichkeit.

Stern: Man findet Sie nicht in Drei-Sterne-Restaurants?

Schmidt: Nie. Wenn ich hart drauf bin, gibt’s abgepackte Currywurst für die Mikrowelle.

Stern: Sie wirken pikiert? Weil wir Sie als Zyniker beschreiben?

Schmidt: Nur wegen der Unkenntnis darüber, was Zynismus bedeutet. Wenn man sagt: „Können Sie ein bisschen zur Seite gehen, weil ich sonst im Schatten sitze?“ heißt es: „Ganz schön zynisch.“ Was heute alles zynisch und menschenverachtend sein soll, das ist doch inflationär.

Stern: Hat der Zeitgeist Sie überholt?

Schmidt: Nicht überholt. Er hat sich verändert.

Stern: Inwiefern?

Schmidt: Man ist heute wütend, gekränkt und beleidigt. Das ist das neue Staatsgefühl: ständig in seiner Würde verletzt zu sein.

Stern: Was würde Sie noch locken im TV?

Schmidt: Nichts.

Stern: Hätte es Sie iriitiert, wenn Impfgegner Sie vereinnahmt hätten?

Schmidt: Kriege ich nicht mit, weil ich in keinem sozialen Netzwerk unterwegs bin. Ich musste mir neulich erklären lassen, was es heißt, wenn einer „trendet“.

Stern: Sie müssten ja nicht den Glauben hinter sich lassen, nur die Institution.

Schmidt: Es gehört mit dazu, dass ich die positive Seite in der Kirche stärke. Ich kenne einfach viele fantastische Priester. Oder großartige Krankenhäuser, die von katholischen Orden getragen werden. Das darf man bei all dem Horror nicht vergessen.

Stern: Denken Sie darüber nach, wie Sie sterben werden?

Schmidt: Meine bevorzugten Todesarten wechseln je nach Tagesform. Wenn ich an Udo Jürgens denke, der eben noch auf der Bühne stand und beim Spaziergang am Bodensee aus heiterem Himmel zusammenbrach, denke ich schon: sicher eine schöne Sache für den, der stirbt. Aber für die Hinterbliebenen natürlich ein Schock.

3753: Isabelle Huppert erhält in Berlin den Ehrenbären.

Samstag, Februar 19th, 2022

Für ihr Lebenswerk erhielt Isabelle Huppert – wegen Corona in Abwesenheit – auf der Berlinale den Ehrenbären. Ihre Filmografie ist fast der Gegenbeweis zu der These, dass es für Frauen über 40 keine gewichtigen Rollen mehr gibt. Bekannt geworden war Huppert 1977 in „Die Spitzenklöpplerin“. Da spielte sie schon ein junge Frau, die das doppelte Spiel aus aufgesetzt kühler, distanzierter Fassade und reichem, stürmischen, widersprüchlichem Innenleben beherrschte. Die komplizierte Frau wurde Isabelle Hupperts Spezialität. So wurde sie „La Huppert“. Sie hat auch in Michael Ciminos Flop „Heaven’s Gate“ (1980) gespielt. Aber für die USA war sie zu schwierig. Trotzdem erhielt sie für ihre Rolle in Paul Verhoevens „Elle“ (2017) eine Nominierung für den Oscar. Sie brillierte in Claude Chabrols „Biester“ und Michael Hanekes „Die Klavierspielerin“. Selten hat man eine Frauenfigur im Kino die Opferrolle so konsequent zurückweisen sehen wie hier (Barbara Schweizerhof, taz 12./13.2.22).

3750: Margarethe von Trotta hätte gern Rosa Luxemburg dabei.

Freitag, Februar 18th, 2022

Margarethe von Trotta erhielt 1981 für „Die bleierne Zeit“ in Venedig den Goldenen Löwen. In einem Interview mit Martina Knoben (SZ 17.2.22) reflektiert sie, die demnächst 80 wird, ihr Leben und Werk.

SZ: Sie haben sich dann zielsicher interessante junge Regisseure ausgesucht.

Trotta: Die haben mich ausgesucht! Volker Schlöndorff hatte mich in einem Film gesehen und wollte mich für „Baal“ haben. In „Baal“ spielte Fassbinder die Hauptrolle, so habe ich Fassbinder kennengelernt, der dann auch mit mir Filme machen wollte. Und dann kam irgendwann Herbert Achternbusch dazu.

SZ: War das ein Machoklub?

Trotta: Fassbinder war mit seinen Leuten ganz schön übergriffig, aber weder mit Hanna Schygulla noch mit mir. Er wusste schon, mit wem er es machen kann. Nach drei Filmen habe ich dann Volker Schlöndorff geheiratet, da mochte Fassbinder mit mir nicht mehr drehen. Er wollte, dass alle auf ihn konzentriert bleiben.

SZ: Wie mutig war es damals, hinter die Kamera zu gehen?

Trotta: Nachdem ich den Film „Das siebente Siegel“ von Ingmar Bergman gesehen hatte in Paris, wusste ich: ich will Regie führen. Aber ich habe das nicht laut gesagt, weil damals durfte eine Frau an so was gar nicht denken.

SZ: Als Sie dann den Goldenen Löwen bekommen haben, 1981 für „Die bleierne Zeit“, muss das sensationell gewesen sein.

Trotta: Es war sensationell. Peter Bogdanovitch, der damals in der Jury saß, hat mir erzählt, dass er es war, der dafür gesorgt hatte, dass ich den Preis bekomme. Die Italiener wollten, dass ich ihn mit einem Italiener ex aequo bekomme. Und Bogdanovitch hat wohl gesagt: Wenn sie nicht den Hauptpreis bekommt, verlasse ich die Jury.

SZ: Sie haben viele Frauen porträtiert. Wen hätten Sie gerne bei Ihrer Feier zum 80. Geburtstag dabei?

Trotta: Rosa Luxemburg. Vielleicht weil sie die erste historische Figur war, die ich porträtiert habe. Sie war mir auch am nächsten. Und weil es am schwierigsten war, zu ihr zu finden. Eigentlich wollte Fassbinder den Film machen. Er ist darüber gestorben. Sein Produzent hat mich angerufen und gesagt, jetzt musst du den Film machen.

3749: Heinrich Breloer über den öffentlich-rechtlichen Rundfunk

Donnerstag, Februar 17th, 2022

Der vielfach für seine „Dokudramen“ („Todesspiel“ 1997, „Die Manns“ 2001, „Speer und er“ 2004, „Brecht“ 2019) ausgezeichnete Regisseur Heinrich Breloer wird 80. Im Interview mit Claudia Tieschky und Willi Winkler (SZ 16.2.22) spricht er u.a. über den öffentlich-rechtlichen Rundfunk.

SZ: Vielleicht hat das öffentlich-rechtliche Fernsehen Ihrer Generation die Sehnsucht nach Unterhaltung unterschätzt?

Breloer: Im öffentlich-rechtlichen Fernsehen unterhalten wir uns über unsere Probleme. Und die Aufgabe besteht darin, das spannend und unterhaltsam zu machen. Man muss die Menschen zu sich hinführen, nicht von sich wegführen, wegträumen lassen. Ohne die Öffentlich-Rechtlichen ist die Demokratie gefährdet.

SZ: Und das öffentlich-rechtliche Fernsehen, ist das gefährdet?

Breloer: Ja, denn es gibt einen Faktor, um den kommst du nicht herum: die Zeit. Die Menschen haben am Tag alle nur 24 Stunden. Um diese Zeit kämpfen sie jetzt alle. Diese neuen Filme und Serien sind raffiniert gemacht, die binden dich, du schaust die durch – da ist kein Platz mehr für ein anderes Fernsehen. Netflix und Amazon machen Programm wie McDonalds, bisschen salzig, bisschen süß, alle nach einem Schema, und die Öffentlich-Rechtlichen machen es nach. Schon jetzt gibt es da viele Filme, wo jemand zum Beispiel mit einer Pistole in der Hand einen dunklen Flur entlanggeht, er macht ganz langsam eine Tür auf, und hinten im Bett vögeln zwei. Dann kommt Schnitt und die Einblendung „Vor vier Monaten“.

3747: Gerhard Richter 90

Montag, Februar 14th, 2022

Gerhard Richter ist der wohl bekannteste und vermutlich auch am besten verdienende bildende Künstler Deutschlands. Er wird 90 Jahre alt. Der gebürtige Dresdener ging 1961 in die BRD. Weltbekannt ist er wegen seiner „fotorealistischen Gemälde“ wie etwa „Tante Marianne“ oder „Onkel Rudi“. Seine Sujets sind also privat und infolgedessen hochpolitisch. Bei Richter gibt es Selbst- und Familienanalyse und dadurch Gesellschaftsanalyse.

Im Westen lebte und arbeitete Richter in Düsseldorf und Köln. Er lehrte an Kunsthochschulen und Universitäten. Was er vorher in der DDR gemacht hatte, sollte keine Rolle mehr spielen. Trotzdem hat ein Dresdener Galerist 2021 noch ein Auftrags-Wandbild von Richter in Görlitz entdeckt. Mit Henckel von Donnersmarks Film „Werk ohne Autor“, einem biografischen Werk über Richter, war dieser selbst gar nicht einverstanden. Das ist unvermeidlich. Jetzt gibt es eine Geburtstagsausstellung im Museum Ludwig in Köln. 1993 hatte Richter in der Bundeskunsthalle Bonn mit „Gerhard Richter Malerei 1963-1993“ seinen endgültigen Durchbruch gehabt. In Düsseldorf ist der „Birkenau“-Zyklus zu sehen, den Richter als Dauerleihgabe für die Hauptstadt Berlin vorgesehen hat. Sein Archiv geht nach Dresden (Peter Richter, SZ 9.2.22).