Archive for the ‘Kunst’ Category

4197: Jürgen Flimm ist tot.

Dienstag, Februar 7th, 2023

Der Theaterdirektor und Intendant Jürgen Flimm (81) ist tot. Er verstand die 68-er und blieb sich bewusst, dass das deutsche Subventionstheater von Menschen bezahlt wird, die gar nicht ins Theater gehen. Flimm assistierte nach dem Studium in Köln in München bei Hans Schweikart und Fritz Kortner. Trat dann seine Reise durch die Provinz an. In Zürich inszenierte er Marieluise Fleißers „Fegefeuer in Ingolstadt“. Wurde Intendant am Thalia Theater in Hamburg. Aber auch vor Bayreuth scheute er nicht zurück. Dort inszenierte er den „Ring des Nibelungen“. Flimm inszenierte auch für’s Fernsehen und spielte in Thomas Braschs „Engel aus Eisen“ mit. Nacheinander leitete er die Ruhrtriennale, die Salzburger Festspiele und die Berliner Staatsoper Unter den Linden. „Wer keine Versagensangst hat, ist dumm. Der bringt es zu nichts. Wer beim Inszenieren keine Angst davor hat, dass es nicht gelingt, kann es gleich sein lassen.“ (Willi Winkler, SZ 6.2.23)

4176: Andreas Hoffmann neuer Documenta-Geschäftsführer

Dienstag, Januar 24th, 2023

Der Archäologe Andreas Hoffmann, 51, wird zum 1. Mai 2023 neuer Geschäftsführer der Documenta. Er ist zur Zeit Geschäftsführer des Hamburger Bucerius-Kunst-Forums. Dort hat er u.a. 2007 „Etrusker. Luxus für das Jenseits“ kuratiert. Nach den Antisemitismus-Skandalen der Documenta 15 soll Hoffmann aufräumen. Wir brauchen für die Documenta frische Maßstäbe. Die letzte Documenta-Geschäftsführerin hatte die Leitung der Documenta an ein KuratorInnen-Kollektiv abgegeben, sodass sich letztlich niemand für antisemitisch konnotierte Kunstwerke zuständig fühlte. Organisierte Verantwortungslosigkeit. Das darf nie wieder passieren (Petra Schellen, taz 17.1.23).

4174: Dr. Mathias Döpfner darf seinen Doktortitel behalten.

Sonntag, Januar 22nd, 2023

Die Goethe-Universität Frankfurt teilt mit, dass der Vorstandsvorsitzende des Springer Verlags, Herr Dr. Mathias Döpfner, seinen Doktortitel behalten darf. Sie hat zwar „aufgrund der mehrfachen wörtlichen oder gedanklichen Übernahme fremder geistiger Autorenschaft“ ein wissenschaftliches Fehlverhalten festgestellt, die Befunde seien „jedoch in ihrer Summe und hinsichtlich ihrer Bedeutung für den wissenschaftlichen Kern der Arbeit nicht ausreichend, um eine Aberkennung des Doktorgrades zu begründen“. Döpfner hatte 1990 mit einer Arebiet „Musikkritik in Deutschland: inhaltliche und formale Tendenzen – eine kritische Analyse“ promoviert. Ein Sprecher des Konzernchefs teilte am Freitag mit: „Das Prüfungsergebnis ist erfreulich eindeutig. Der Hauptvorwurf, es gäbe ein Strukturplagiat, wurde komplett entkräftet.“ (SZ 21./22.1.23)

4168: Peter Rühmkorf-Gesamtausgabe: Band eins erschienen

Dienstag, Januar 17th, 2023

Peter Rühmkorf hatte versprochen, „nicht von jedem Streifen Lokuspapier einen Durchschlag“ zu hinterlassen. Aber genau das hat er getan. Bei Wallstein erscheint nun seine zwölfbändige Gesamtausgabe. Band eins ist da (548 S., 29 Euro). Es handelt sich um Rühmkorfs messerscharfe Lyrik-Kritiken von 1953 bis 1962. Hauptsächlich schrieb er unter dem Pseudonym Leslie Meyer. Im „Studentenkurier“, aus dem „Konkret“ wurde. Gleichzeitig arbeitete er als Lektor bei Rowohlt. Hauptsächlich nahm er sich mittelmäßige Autoren vor wie Reinhold Schneider, Karl Krolow, Helmut Heißenbüttel, Rudolf Alexander Schröder und Werner Bergengruen.

Rühmkorfs Leitfigur war Gottfried Benn, auch wenn er diesem Kritiken wie negative Gutachten schrieb. Der Abstand zu den anderen Lyrikern war Rühmkorf bewusst. Aber er lehnte Benns „Geschichtsvergessenheit“ ab. Aus heutiger Sicht voll verständlich. Auch Ingeborg Bachmann („das Fräulein“) und Paul Celan kriegten ihr Fett ab. Gleichzeitig erschien damals Hans Magnus Enzensbergers „Verteidigung der Wölfe“. Rühmkorf schrieb auch für die „Süddeutsche Zeitung“, „Die Zeit“ und die „Welt“. 1961 erschien seine Biografie Wolfgang Borcherts. Seinem Nachlassverwalter Stephan Opitz schrieb er: „Stephan, ich bin eigentlich ein Romantiker.“ Wohl der letzte relevante (Hilmar Klute, SZ 11.1.23).

4154: Wer wird Nachfolger Daniel Barenboims ?

Samstag, Januar 7th, 2023

Es zeichnete sich ab, und ist nun traurige Wirklichkeit geworden: der Generalmusikdirektor der Staatsoper Unter den Linden, Daniel Barenboim, tritt zum 31.1.2023 aus Krankheitsgründen von seinem Posten zurück. 30 Jahre hatte er ihn inne. Der Dirigent, Pianist und unermüdliche Streiter für die Aussöhnung von Juden und Palästinensern hat tiefe Spuren hinterlassen. Die Lindenoper auf höchstes Niveau geführt. Bravourös.

„Leider hat sich mein Gesundheitszustand im letzten Jahr deutlich verschlechtert. Ich kann die Leistung nicht mehr erbringen, die zu Recht von einem Generalmusikdirektor verlangt wird … Deshalb bitte ich um Verständnis, dass ich zum 31. Januar 2023 diese Tätigkeit aufgebe.“

Barenboim hat zeitlebens „exzessiv musiziert“. „Seine poetische Ernsthaftigkeit, seine nie nachlassende Neugier, seine Leidenschaft und die Fähigkeit, sich mit seinen Hörern ganz tief in die menschlichen Abgründe vor allem bei Richard Wagner und Ludwig Van Beethoven zu verlieren, machten ihn bis zuletzt zu einem der aufregendsten und bewegendsten Musiker der Nachkriegszeit.“ (Reinhard Brembeck, SZ 7./8.1.2023)

Den von ihm ersehnten „Ring des Nibelungen“ zu seinem 80. Geburtstag konnte er schon nicht mehr selbst dirigieren. In zwei Zyklen übernahm das Barenboims Kollege Christian Thielemann (Dresden). Souverän. Er gilt deshalb als erster Anwärter auf die Barenboim-Nachfolge. An seiner musikalischen Kompetenz kann nun wirklich kein Zweifel bestehen. Aber er polarisiert. So wurde 2015 bei den Berliner Philharmonikern nicht der Favorit Thielemann ausgewählt, sondern Kirill Petrenko. Warten wir also ab.

4143: Hans-Peter Hallwachs ist gestorben.

Samstag, Dezember 31st, 2022

Der markante und bekannte Schauspieler Hans-Peter Hallwachs ist im Alter von 84 Jahren in Berlin gestorben. Er war im ersten „Tatort“ 1970 dabei. Überhaupt war für den schlaksig-eleganten Mann der Krimi das Metier. Er war auch im „großen Bellheim“ und in „Mord mit Aussicht“ zu sehen. Hallwachs hatte von 1959 bis 1961 die Fritz-Kirchhoff-Schauspielschule in Berlin besucht. Anfang der sechziger Jahre war er unverzichtbar bei Kurt Hübner in Bremen, wo ich ihn viele Male gesehen habe. Er war danach an vielen Bühnen tätig. Bei den Luisenburg-Festspielen in Wunsiedel gab er 1990 den Mephisto in Goethes „Faust“. Weswegen er den erkrankten Romuald Pekny in der Münchener Inszenierung von Dieter Dorn vertreten konnte. Hallwachs verkörperte oft finstere Typen. Er war ein scheiternder Titelheld in Wolf Gremms nicht besonders gelungener Verfilmung von Erich Kästners

„Fabian“.

Und viele Male bei den Salzburger Festspielen (Christine Dössel, SZ 31.12.22).

4139: „Stiftung Preußischer Kulturbesitz“ – umbenennen ?

Dienstag, Dezember 27th, 2022

Kulturstaatsministerin Claudia Roth (Grüne) schlägt vor, die „Stiftung Preußischer Kulturbeseitz“ umzubenennen. „Neben der umfassenden Strukturreform, die den einzelnen Institutionen jetzt mehr Autonomie und Handlungsfähigkeit verschafft, brauchen wir in einem zweiten Schritt auch einen attraktiven, zukunftsgewandten Namen.“ Vorschläge sind bisher keine gemacht. „Preußen ist ein wichtiges, aber nicht unser einziges Erbe, diese einseitige Priorisierung ist falsch. Deutschland ist viel mehr.“ Auch der Stiftungspräsident, Hermann Parzinger, ist für einen neuen Namen. „Das Ziel der Reform muss sein, dass wir unser riesiges Potential besser nutzen.“

Preußen war nach der Auffassung vieler der Grund, weshalb Deutschland zweimal einen Weltkrieg begonnen hatte. Es herrschten dort angeblich Militarismus, Staatsvergottung, Gehorsamkeitsfixierung und Intoleranz. 1871 wurde die liberalere, katholisch geprägte Kultur Süddeutschlands und Österreichs einfach beiseitegeschoben. An Freußen wird selbst heute noch manchmal geschätzt: effektive Verwaltung, unbestechlicher Beamtenapparat, Bildungsfreundlichkeit und Toleranz gegenüber Juden. Der ehemalige Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD) ist gegen eine Umbenennung. Er wirft den Grünen vor, „mit moralischem Furor Geschichtsreinigung zu betreiben“ (SZ 27.12.22).

4137: Reinhard Mey 80

Mittwoch, Dezember 21st, 2022

Der erfolgreichste deutsche Liedermacher, Reinhard Mey, wird 80 Jahre alt. Im Gegensatz zu seinen ebenfalls nicht unbekannten Kollegen Hannes Wader, Franz Josef Degenhardt und Wolf Biermann hat er sich nie gemein gemacht mit einer Partei, Weltanschauung oder Revolutionstheorie. Seit seiner Zeit im Schüleraustausch mit Frankreich ist Mey überzeugend französisch geprägt. Spricht perfekt französisch. Es gibt von ihm das Lied „Douce France“. Sein großes künstlerisches Vorbild: George Brassens. Was Reinhard Mey noch mehr geprägt hat, ist seine Abscheu vor der Gewalt des Mai 1968. Seine Haltung war immer der Pazifismus. Deshalb hat er sich auch verleiten lassen, in diesem Jahr den „Emma“-Brief gegen Waffenlieferungen an die Ukraine zu unterschreiben, ein Missgriff, der Mey anscheinend aber nicht geschadet hat. Seine Frau und er mussten 2014 den Tod eines Sohns nach fünfjährigemn Wachkoma verkraften. Reinhard Meys literarische Vorbilder in Deutschland sind Heinrich Heine (auch ein halber Franzose), Erich Kästner und Georg von der Vring (Hilmar Klute, SZ 21.12.22).

4126: Peter Handke 80

Dienstag, Dezember 6th, 2022

Der Literaturnobelpreisträger von 2019, Peter Handke, wird 80 Jahre alt. Der Österreicher ist eine Art literarischer Weltstar. Ungeheuer ökonomisch erfolgreich gestartet schon in den sechziger Jahren mit Werken wie „Publikumsbeschimpfung“ und „Selbstbezichtigung“. Handke variierte seine Art zu schreiben und ging über in ein stärkeres Erzählen in den siebziger Jahren mit „Die Angst des Tormanns beim Elfmeter“, „Der kurze Brief zum langen Abschied“ und, vor allem, „Wunschloses Unglück“, in dem er sich mit dem Selbstmord seiner Mutter auseinandersetzte, eines seiner besten Werke.

1975 begann dann sein „Rückzug“ aus dem Literaturbetrieb, dem er tatsächlich immer voll angehörte. Geplant war ein großer Roman, für den er weite und intensive Reisen unternahm. Er erschien allerdings nicht. Dafür: „Langsame Heimkehr“, „Kindergeschichte“ und „Über die Dörfer“. In Briefen an seinen Verleger, Siegfried Unseld, erläuterte er seine tastende, bewusst ungelenke Schreibweise. Manche Kritiker sehen darin eine Art „Größenwahn“. Handke konterte mit „Mein Jahr in der Niemandsbucht“. Er litt zunehmend an der „Öffentlichkeit“ und „den“ Medien. Seit den Jugoslawienkriegen 1991 stellte er sich auf die Seite der serbischen Autokraten um Milosevic. Das hat viele Leser geschockt. Handke hielt unbeirrt an seiner Fehleinschätzung fest. Bis heute. Er lebt zurückgezogen in seinem Haus bei Paris.

4125: Rainer Maria Rilkes Nachlass im Literaturarchiv Marbach

Montag, Dezember 5th, 2022

Es handelt sich um einen der größten Nachlässe der deutschen Literatur, den von Rainer Maria Rilke (1875-1926). Er ist an das Literaturarchiv in Marbach am Neckar verkauft worden. Preis unbekannt. Rilkes Wirkung steht auf einer Höhe mit Franz Kafkas oder Thomas Manns. Er ist ein Schulbuch- und Kalenderdichter. Viele, die ihn nicht kennen, empfinden ihn als Schnorrer und lächerlich, sie kennen ihn ja auch nicht.

Viele seiner Sprüche sind weithin bekannt:

„Der Sommer war sehr groß.“,

„Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.“,

„Du mußt dein Leben ändern.“,

„Ihm ist als ob es tausend Stäbe gäbe und hinter tausend Stäben keine Welt.“.

Rilkes Roman „Malte Laurids Brigge“ war der erste deutsche Bewusstseinsroman. Rilkes Nachlass ist offenbar gut erhalten und sehr umfangreich. Seine Texte können nun erstmals systematisch entstehungsgeschichtlich herausgebracht werden. Rilke war ein Reisender, ein Wanderer und Netzwerker. Er verfolgte viele ästhetischen, religiösen und philosophischen Interessen. Der Nachlass enhält knapp 9.000 Briefe, eine Fundgrube. Rilke war Lebensreformer. Unaufgearbeitet ist das Thema „Rilke und die Frauen“. Bis zu Rilkes Urenkelinnen sind sie seine treuesten Überlieferinnen. Erwähnt seien hier nur Clara Westhoff und Lou Andreas-Salomé (Lothar Müller, SZ 2.12.22; Gustav Seibt, SZ 2.12.22).