Archive for the ‘Innenpolitik’ Category

3785: Oskar Lafontaines Abschied

Donnerstag, März 17th, 2022

Oskar Lafontaine hatte das Zeug zum großen Politiker. Analytisch, rhetorisch, von seiner Begabung her. Sein Lebenserk ist für Deutschland nicht unwichtig, sondern bedeutsam. Nun kandidiert unser Mann bei der saarländischen Landtagswahl am 27.3.22 nicht mehr. Und seine Partei, die Linke, scheint aufzuatmen.

Zwischendurch hatte Lafontaine immer wieder schwer Porzellan zerschlagen. Als SPD-Vorsitzender, als Linken-Vorsitzender. Das lag an seinen Verengungen beim Sozialismus und beim realen Sozialismus. Stellen wir uns einmal vor, Lafontaine wäre 1989/90 Bundeskanzler gewesen. Furchtbar. Nicht auszudenken. Zum Glück hatten wir Helmut Kohl als Kanzler der Einheit.

Heute sieht sich Oskar Lafontaine wieder einmal nicht in der Lage, eine treffende Russland- und Putin-Kritik abzuliefern. Wo doch alles so klar am Tage liegt. Lafontaine war immer zu sozialistisch verklemmt. Das bringt nichts Gutes.

Vielleicht dürfen wir aufatmen.

3784: Egidius Braun ist gestorben.

Donnerstag, März 17th, 2022

Egidius Braun war der letzte DFB-Präsident (1992-2001), dessen Integrationskraft stark genug war, den größten Fachverband der Welt zu moderieren. Von 1977 bis 1992 war er schon Schatzmeister gewesen. Danach gab es Zank und Streit, Affären, Korruption und schnelle Abschiede von Brauns Nachfolgern. Der aus Aaachen stammende Kartoffelgroßhändler war dem Gedanken der sozialen Gerechtigkeit verbunden und dem Amateurfußball. Dafür formte er den DFB zum Wirtschafstbetrieb. Und trug dazu bei, die WM 2006 nach Deutschland zu holen (ohne dabei selbst abzukassieren). Mit seiner Beharrlichkeit war ein Vorbild (Philipp Selldorf, SZ 17.3.22).

3783: Intel investiert in Magdeburg.

Mittwoch, März 16th, 2022

Der US-Chiphersteller Intel investiert 17 Milliarden Euro in Magdeburg. In die Errichtung von zwei einzigartigen Halbleiterfabriken. Das bringt tausende von Arbeitsplätzen (SZ 16.3.22).

3780: Carolin Emcke über die Strukturen der Demokratie

Sonntag, März 13th, 2022

Die Kolumnistin der SZ (12./13.3.22), Carolin Emcke, schreibt über die Strukturen der Demokratie.

„Was jetzt ‚Zeitenwende‘ genannt wird, ist die verspätete, aber bedeutsame Einsicht in Europa, dass nicht nur die Demokratien der anderen verwundbar sind, sondern auch die eigenen, dass die duldsame Gleichgültikeit gegen der Menschenverachtung eines Autokraten nicht nur andere Gesellschaften schutzlos ausliefert, sondern auch die eigenen. Zerstoben der bequeme Glaube, die Demokratie sei eine stabile Ordnung, nichts Fragiles, was wir alle substantiell nähren und stützen müssen.“

„Das hatte schon die Pandemie vorgeführt, dass sich die wohlfahrtsstaatliche Substanz nicht unbegrenzt aushöhlen lässt, dass es gut ausgebaute Praxen, Kliniken, Gesundheitsämter in der Fläche braucht, dass das unterschätzte und unterbezahlte Personal im Gesundheitswesen nicht schadlos ausgenutzt werden kann.“

Zu den lebenswichtigen Strukturen gehört auch die Energieversorgung.

„Es wäre nötig, auch die Öffentlichkeit als Struktur zu erkennen, die verwundbar und schutzbedürftig ist. Eine demokratische Ordnung ist abhängig von einer intakten Öffentlichkeit, in der gesellschaftliche Meinungs- und Willensbildungsprozesse stattfinden können. Es sind diese Selbstverständigungsdiskurse, in denen wir, Bürgerinnen und Bürger, verhandeln können, wie wir leben wollen. Es sind diese diskursiven Strukturen, durch die sich das Regierungshandeln kritisch reflektieren und potenziell auch korrigieren lässt.“

„Eine Öffentlichkeit, die keinerlei Orientierung an Wahrheit oder einer gemeinsamen Wirklichkeit mehr bietet, eine Öffentlichkeit, in der Ressentiment und Wahn sich gegenseitig stimulieren, unterwandert nicht nur unser Verständnis von der Welt und voneinander, sondern zerstört die Demokratie.“

Zwei Beispiele: a) der Brexit und b) der Sturm aufs Kapitol.

„Zuletzt muss allerdings auch schonungslos analysiert werden, ob nicht in manchen Teilen des Journalismus durch die sukzessive Aufweichung argumentativer Standards, die kalkulierende Lust am Tabubruch und die absurde Aufsplitterung der Wirklichkeit in ‚Pro und Contra‘ die deliberative, also die überlegende Demokratie zusätzlich geschwächt wurde.“

3779: Rainer Koch fliegt aus dem DFB-Präsidium.

Samstag, März 12th, 2022

Bernd Neuendorf ist mit großem Abstand zum DFB-Präsidenten gewählt worden. Er erhielt 193 Stimmen, sein Gegenkandidat Peter Peters 50. Möglicherweise viel wichtiger aber ist die Tatsache, dass Rainer Koch, der ewige „Strippenzieher“ und dreimalige DFB-Vizepräsident, seiner Gegenkandidatin Silke Sinning, einer Sprtwissenschaftlerin, mit 68 zu 163 Stimmen unterlag. Daraus leitet der Sportchef der SZ, Thomas Kistner, die Auffassung ab, dass nun ein Neuanfang im DFB möglich werde. Affären gibt es beim DFB ja genug. Es geht nicht nur um den dubiosen Vertrag mit dem Kommunikationsberater Kurt Diekmann. Der neue DFL-Aufsichtsratschef, Hans-Joachim Watzke, sagte: „Wenn wir weiter DFB und DFL, zwei Züge, aufeinander zurasen lassen, wird der deutsche Fußball dramatisch verlieren.“ (SZ 12./13.3.22)

3778: Protestanten treten aus der Kirche aus.

Freitag, März 11th, 2022

Im vergangenen Jahr sind 280.000 Menschen aus der evangelischen Kirche ausgetreten. Damit gehörten erstmals weniger als 20 Millionen Menschen einer der 20 Gliedkirchen an. Die hohe Zahl der Austritte wurde durch die hohe Zahl der Sterbefällr ergänzt. Die Zahl der Taufen nimmt mittlerweile wieder zu. Wie viele Menschen aus der katholischen Kirche ausgetreten sind, ist noch nicht bekannt. Die Größenordnung dürfte ähnlich sein. Eine große Rolle scheint die Vertrauenskris im Erzbistum Köln zu spielen. Ein Schwerpunkt ist die sexuelle Gewalt. Unter den Katholiken ist die Ablehnung von Homosexualität groß. „Eine empfundene ‚persönliche Irrelevanz‘ von Religion und Kirche kristalliisiert sich als wichtiger Faktor heraus.“ Besorgt äußerte sich die EKD-Ratsvorsitzende, Präses Annette Kurschus. Die EKD würde die sinkenden Mitgliederzahlen nicht als gottgegeben hinnehmen. Unter anderem wolle man mit Taufaktionen gezielt Familien ansprechen (Annette Zoch, SZ 10.3.22).

3777: Künftige DGB-Chefin für Vermögenssteuer

Donnerstag, März 10th, 2022

Die designierte DGB-Chefin Yasmin Fahimi (SPD) fordert von der Bundesregierung Maßnahmen, um die soziale Ungleichheit zu verringern und Frauen besserzustellen. „Frauen sitzen viel zu oft in Teilzeit, in Minijobs, in Befristungen fest.“ Fahimi will die Abschaffung der Minijobs und fordert die Einführung einer Vermögenssteuer (SZ 10.3.22).

3776: Angela Merkels Energiepolitik war falsch.

Donnerstag, März 10th, 2022

Gerhard Schröder ist ein einfacher Lobbyist, von dem jeder weiß, was seine Aufgabe ist. Er soll die Anhängigkeit Deutschlands von russischer Energie erhöhen. Aber er war und ist nicht der einzige, der hier grundsätzlich falsch lag und liegt. Und wesentlich dazu beigetragen hat, dass unsere Versorgung durch Russland mit Energie für Wärme, Mobilität, Stromversorgung und Industrie gefähret ist. Auch Angela Merkel hat hier jahrzehntelang Fehler gemacht. Bundeskanzler Olaf Scholz soll nun die energiepolitischen Fehler binnen kurzem ausbügeln. Ein Öl- und Gasembargo traut er sich nicht zu. Dadurch finanzieren wir den russischen Krieg in der Ukraine. Im übrigen gab es bei der Energiepolitik in der Ära Merkel zwischen SPD und Union kaum Unterschiede. Angela Merkel (CDU) und Manuela Schwesig (SPD) haben Nord Stream 2 vorangetrieben. „Es war vor allem Deutschland, das es versäumt hat, Terminals für Flüssiggas zu bauen, und es war Deutschland, das seine Gasspeicher in russische Hand gab.“ (Daniel Brössler, SZ 10.3.22)

3775: Inge Deutschkron ist gestorben.

Donnerstag, März 10th, 2022

Im Alter von 99 Jahren ist Inge Deutschkron gestorben. Nach ihrer Autobiografie „Ich trug den gelben Stern“ (1978) hat sie sich energisch für das Gedenken an den Holocaust und für die Versöhnung von Juden und Deutschen eingesetzt. Vorzugsweise in Schulen. Die 1922 im brandenburgischen Finsterwalde geborene Deutschkron hatte mit ihrer Mutter im Untergrund überlebt und dabei partiell Unterstützung aus der Bevölkerung erhalten. Das war eine Minderheit. Später arbeitete Deutschkron in Israel und Deutschland. Sie gründete den Förderverein „Blindes Vertrauen“ und rief im Rahmen ihrer Stiftung zur Courage auf (SZ 10.3.22).

3773: Gesetzentwürfe zum assistierten Suizid

Dienstag, März 8th, 2022

1. Eine Parlamentariergruppe um die Grünen-Abgeordneten Renate Künast und Katja Keul stellt einen neuen Vorschlag für assistierte Sterbehilfe vor. Danach kann der assistierte Suizid angestrebt werden wegen einer schweren Krankheit oder „aus anderen Gründen“. „Im ersteren Fall soll der Ärzteschaft bei der Prüfung, ob das Hilfsmittel zur Verfügung gestellt wird, eine entscheidende Rolle zukommen.“ Zu den Anforderungen gehört eine schriftliche Dokumentation, dass der Sterbewunsch auf freiem Willen beruht und dauerhaft ist. Sterbewillige müssen von einer unabhängigen Beratungsstelle zweimal im Abstand von mindestens zwei und höchstens zwölf Monaten beraten werden. Neben mehreren Grünen-Politikerinnen und -Politikern unterstützen die SPD-Politikerin Nina Scheer und die Linken-Angeordnete Cornelia Möhring den Antrag. Grüne Rechtspolitiker betonen, dass die Entscheidungen des Einzelnen derart vielfältig sein könnten, dass Staat und Gesellschaft diese unabhängig von Wertvorstellungen, religiösen Geboten und gesellschaftlichen Leitbildern zu respektieren hätten. „All das findet bereits statt. Unsere Aufgabe ist es daher, diese Vorgänge aus dem Klandestinen herauszuholen und klar zu regeln.“

2. Eine weitere Parlamentariergruppe um die FDP-Abgeordnete Katrin Helling-Plahr legt demnächst ebenfalls einen Entwurf vor. Zu den Befürwortern gehörte ursprünglich auch der gegenwärtige Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD), der nun als Minister nicht mehr dabei ist.

3. Eine dritte Parlamentariergruppe aus Abgeordneten von SPD, FDP, Grünen, Union und Linken bremst eher. Danach bleibt assistierter Suizid strafbar, kann aber unter engen Bestimmungen straflos bleiben. Die Abgeordneten befürchten eine „gefährliche Schieflage“, sollte der Zugang zu assistiertem Suizid leichter sein als zu palliativer Versorgung und Psychotherapie (Annette Zoch, SZ 7.3.22).