Archive for the ‘Gesellschaft’ Category

4844: Mindestlohn: 16 Euro ?

Mittwoch, Juni 5th, 2024

Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) hat einen Mindestlohn von 15 Euro für angemessen gehalten. Nun schlägt die Denkfabrik „Dezernat Zukunft“ 16 Euro vor. Das würde der Wirtschaft nicht schaden. Die Erhöhung müsse schrittweise vorgenommen werden. Dann würde rund ein Viertel der Beschäftigten mehr verdienen (SZ 5.6.24).

4843: ANC verliert absolute Mehrheit.

Dienstag, Juni 4th, 2024

Südafrika ist der Staat mit der höchsten Korruption weltweit. Bei den Wahlen hat der ANC, der seit 30 Jahren regiert,  die absolute Mehrheit verloren. 40,21 Prozent hat er erreicht. Die Democratic Alliance (DA) bekam 21,78 Prozent. Jakob Zumas MK 14,58 Prozent. Die ganze Zeit machten Gerüchte von Wahlmanipulation die Runde. In Südafrika sind die Wirtschaftsdaten negativ. Der ANC wird nun eine Koalition bilden müssen (SZ 3.6.24).

4842: Literaturkritik nach identitätspolitischen Kriterien

Montag, Juni 3rd, 2024

Bei der Verleihung des „Internationalen Literaturpreises“ durch das „Haus der Kulturen der Welt“ (HKW) in Berlin 2023 kam ans Licht, was vermutlich schon bei manchen Preisverleihungen der Fall war. Dass der Preis nicht nach literarischen, sondern nach identitätspolitischen Kriterien vergeben wurde. Die Jurorinnen Juliane Liebert und Ronya Othmann machten darauf aufmerksam, dass nachdem die Punkte vergeben worden waren, eine Jurorin darauf verwiesen habe, dass die Autorin von „Über die See“, Marietta Navarro, eine

„weiße Französin“

sei. Sie zog daraufhin ihr Votum für Navarro zurück. Liebert und Othmann berufen sich auf ein HKW-Regelblatt, in dem steht:

„Die Einreichungen werden ohne Bevorzugung oder Vorurteile in Bezug auf Verlegerin, Herausgeberin, Autorin, Übersetzerin, Nationalität, ethnische Zugehörigkeit sowie politische und religiöse Ansichten bewertet.“

Nach der Meinung von Liebert und Othmann geht es bei der literarischen bewertung allein um Sprache, Originalität, um Voruteilsfreiheit in Bezug auf Identität und Ansehen des Autors, um Einzigartigkeit von Thema und Stimme. Damit verteidigen sie die Regeln des „Internationalen Literaturpreises“. Das teilten sie der Öffentlichkeit auch mit. 2024 wurden sie als Jurorinnen nicht wieder berufen (Nele Polatschek, SZ 25./26.5.24).

Ohne es belegen zu können, vermute ich, dass nicht-literarische Kriterien heute sehr häufig Jury-Entscheidungen zugrunde liegen. Das ist falsch und muss korrigiert werden.

Nachbemerkung: Eines ist ganz klar: dass ich der heute weithin geächteten Gruppe der alten weißen Männer zugehöre. Das tu ich sehr gerne. Bitte achten Sie darauf, wer uns so bezeichnet. Und wie schätzen Sie unsere Macht ein?

4841: Milena Jesenska war Franz Kafka ebenbürtig.

Sonntag, Juni 2nd, 2024

Die Journalistin Milena Jesenska hat mit Franz Kafka einen ausführlichen Briefwechsel gehabt. Erschienen ist er erst in den neunziger Jahren („Alles ist Leben.“), ihre journalistischen Beiträge sind gerade eben publiziert worden („Prager Hinterhöfe im Frühling“). Als Feuilletonistin schrieb Jesenska über Kleidung, Kino und Bücher, als Reporterin über Armut, Krankheit und das Recht auf einen Schwangerschaftsabbruch. Schließlich auch über die aus Deutschland vor Hitler geflohenen Menschen. 1896 wurde sie in Prag geboren, 1944 starb sie, die Jüdin, im

Konzentrationslager Ravensbrück.

Die Prager Literaturwissenschaftlerin Marie Kiraskova hat das Leben von Milena Jesenska recherchiert. Bis hin zu ihrer Gestapo-Akte. Deswegen wissen wir heute auch vieles, das mir unbedingt wissenswert erscheint. Jesenska war unabhängig, vorurteilsfrei und direkt. Auch in den Briefen an Kafka. Sie war ihm ebenbürtig. Nach dem Krieg konnte sie in der Tschechossolwakei nicht richtig gewürdigt werden, weil sie Zeit ihres journalistischen Lebens die Sowjetunion hart und berechtigt kritisiert hatte. Es hilft manchmal nichts, Recht zu haben.

Milena Jesenska hielt in den schwierigen Zeiten engen Kontakt zu Deutschen. Das erschien vielen nicht korrekt. Bei Kafkas Tod 1924 hatte sie geschrieben: „Er war ein Mensch und Künstler von so feinem Gewissen, daß er auch dort etwas spürte, wo sich andere, die nicht so empfindsam waren, ungefährdet fühlten.“ Für Alena Wagnerova war Milena Jesenska Kafkas große Liebe. „Es gibt doch Beziehungen, die eine große Liebe sind, aber nicht in der Ehe enden.“ (Viktoria Großmann, SZ 17.5.24)

4840: 77-jähriger Betrüger könnte der nächste US-Präsident werden.

Samstag, Juni 1st, 2024

Viele von uns betrachten Donald Trump seit langem als Gangster. Das ist nun von einem New Yorker Gericht in erster Instanz bestätig worden. In allen 34 Punkten wurde Trump schuldig gesprochen. „Zivilrechtlich musste er bereits wegen sexuellen Missbrauchs, Diffamierung und illegal aufgeblasener Vermögenswerte Hunderte Millionen Dollar Strafe bezahlen.“ Gegen ihn sind noch drei andere Prozesse anhängig. U.a. der wegen der Erstürmung des Kapitols am 6. Januar 2021 nach Trumps Anordnung. Diese anderen drei Prozesse befassen sich mit wesentlich schwerwiegenderen Vorwüfen als der jetzt mit dem Urteil beendete. Wahrscheinlich wird Trump als Ersttäter aber nicht zu Gefängnis verurteilt.

In jedem Fall kann er zur Präsidentschaftswahl am 5. November 2024 antreten. Und seine Anhänger stehen unverbrüchlich zu ihm. Die US-Gesellschaft ist tief gespalten. Das ist nicht gut für die westliche Führungsmacht. Der Westen muss gerade große Herausforderungen bestehen (russischer Vernichtungskrieg gegen die Ukraine, israelische Kriegsverbrechen in Gaza etc.). Trump hatte schon 2016 Geschäftsberichte gefälscht und Regierungsunterlagen mit in sein Privathaus nach Florida genommen. Und die US-Wähler allgemein interessieren sich mehr für Joe Bidens Alter (81), die Massen-Migration in die USA und das US-Engagement bei Konflikten aller Art in der Welt als für Trumps Mätzchen. Viele sehen nicht, dass ein Gangster Trump der falsche Präsident wäre (Peter Burghardt, SZ 1./2.6.24).

4839: Lobbyarbeit für Nord Stream 2

Samstag, Juni 1st, 2024

Wie interne Regierungsunterlagen belegen, haben frühere Bundesregierungen unter Angela Merkel (CDU) ihre falsche Energiepolitik mit Russland im In- und Ausland massiv beworben. Ähnlich ist es bei Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD). Es fanden regelmäßig Treffen zwischen Regierungsbeamten beider Seiten statt. Hauptsächlich vom Bundesministerium für Wirtschaft und Vertretern des von Russland kontrollierten Nord Stream 2-Projekts. Auch deutsche Botschaften wurden eingeschaltet (SZ 1./2.6.24).

4838: Sponsorenvertrag zwischen Rheinmetall und Borussia Dortmund

Freitag, Mai 31st, 2024

Der Rüstungskonzern Rheinmetall (Düsseldorf), ein Dax-Konzern, und Borussia Dortmund haben einen Sponsorenvertrag geschlossen. Wie das „Handelsblatt“ mitteilte, läuft er drei Jahre und umfasst 20 Millionen Euro. Das zahlt Rheinmetall wahrscheinlich aus der Portokasse. Sogleich brach in den sozialen Medien und in der Sportberichterstattung ein Sturm der Entrüstung los. Das Geringste, was unterstellt wurde, war Zynismus. Das zeigt, wie die Maßstäbe verloren gegangen sind. Denn mit dem russischen Vernichtungskrieg in der Ukraine haben sich die Kriterien geändert. Und die „Fanmeilen“ in den Fußballstadien haben nicht das Monopol für politische Urteile. Es geht im Wesentlichen um Bandenwerbung. Insofern ist der Protest gegen den Sponsorenvertrag vor allem eins, lächerlich (Thomas Fromm, SZ 31.5.24; Philipp Selldorf, SZ 31.5.24).

Stellen wir uns einmal vor, was passiert wäre, wenn der FC Bayern München einen solchen Vertrag geschlossen hätte.

4837: Grüne Jugend fordert Kurskorrektur der Ampel.

Freitag, Mai 31st, 2024

Die grüne Jugend verlangt eine Kurskorrektur der Ampel. „Es kann nicht sein, dass eine winzige Minderheit auf Miliardenvermögen sitzt, während viele Kinder nicht mal ein warmes Mittagessen auf dem Tisch haben.“ „Wir müssen in Deutschland die Superreichen, also Multimillionäre und Milliardäre, stärker besteuern, die Erbschaftssteuer reformieren und Schlupflöcher schließen, um Ärmere zu entlasten und unsere Daseinsvorsorge endlich gut aufzustellen.“ Ziel der Grünen sei es, Bereiche wie die Energie-, Wasser- und Gesundheitsversorgung wieder in die öffentliche Hand zu überführen. Große Wohnungskonzerne sollten enteignet werden (SZ 31.5.24).

4836: Ilko-Sascha Kowalczuks „Walter Ulbricht“ erschienen

Donnerstag, Mai 30th, 2024

Ilko-Sascha Kowalczuk: Walter Ulbricht. Der kommunistische Diktator (1945-1973). München (C.H. Beck) 2024, 956 Seiten, 58 Euro.

Das Buch beruht auf aktuellen wissenschaftlichen Recherchen und führt zu klaren Ergebnissen. Enthalten sind auch die Sprüche, die Ulbricht im Westen zur Witzfigur machten. Im Osten gab es nicht viel zu lachen.

„Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu bauen.“

„Ich denke, Genossen, mit der Monotonie des yeah, yeah, yeah und wie das alles heißt, ja, sollte man doch Schluss machen.“

(Nach Wolfgang Leonhard: Die Revolution entlässt ihre Kinder. 1956: „Es ist doch klar: Es muss demokratisch aussehen, aber wir müssen alles in der Hand haben.“

Ulbricht, der politisch eng mit Stalin verbunden war, sorgte 1946 für die Zwangsvereinigung von KPD und SPD zur SED. Er war ein gelehriger Schüler Lenins. Er gebärdete sich wie ein „Oberdrahtzieher“. Wirtschaftlich konnte die DDR nicht mit der BRD mithalten, das musste Ulbricht gegenüber Moskau zugeben. Er bettelte dort um Subventionen. Die DDR-Bürger sollten sein: prokommunistisch, antisozialdemokratisch, antiwestlich, prosowjetisch. In Kowalczuks Buch kommt auch das Lächerliche und Brutale vor. Ans Ende gebracht hat die DDR aber erst Erich Honecker (Stefan Mahlke, taz 10.5.24).

Damit ist der Rahmen gesetzt, in dem sich heute die „Linke“ und das „Bündnis Sahra Wagenknecht“ bewegen. Wir brauchen sie eigentlich nicht.

4835: Roger Corman ist tot.

Donnerstag, Mai 30th, 2024

Im Alter von 98 Jahren ist Roger Corman gestorben. Die Legende für B-Pictures als Produzent und Regisseur. Und als Förderer vieler Regisseure, die heute als Stars gelten. Corman kam 1950 nach Hollywood. Drehte Filme wie „Teenage Doll“ und „The Cry Baby Killer“. In letzterem debütierte 1958  Jack Nicholson, der dann in den siebziger Jahren als Schauspieler einer der Stars von „New Hollywood“ wurde. Bei Corman als Produzent starteten die Regisseure

Jonathan Demme, Peter Bogdanovich, Monte Hellman, James Cameron, Martin Scorsese und Stephanie Rothman.

Vielfach handelte es sich zunächst um schnell runtergekurbelte billige Genreware, aber der Bezug zur Kunst war stets erkennbar. Roger Corman als Produzent schuf in seinen Filmen den ästhetischen Freiraum für die Regisseure. Bis zum Schluss blieb er eine lebende Legende. Geachtet und geschätzt (Ekkehard Knörer, taz 13.5.24).