Archive for the ‘Gesellschaft’ Category

895: Lob für Götz Aly

Donnerstag, April 16th, 2015

Der Faschismus-Forscher Götz Aly, der Meister des Konkreten, der keine verschleiernden Strukturen und Funktionen benötigt, hat einen neuen Aufsatzband vorgelegt.

Götz Aly: Volk ohne Mitte. Die Deutschen zwischen Freiheitsangst und Kollektivismus. Frankfurt am Main (S. Fischer) 2015, 272 S., 21.99 Euro.

Sein Band wird gelobt von Per Leo, der 2014

Flut und Boden, Roman einer Familie. Stuttgart (Klett-Cotta)

vorgelegt hat, in dem er sich mit seinem Nazi-Opa Friedrich auseinandersetzt. Leo ist nicht unkritisch, aber weithin lobt er Götz Aly (SZ 9.4.15). Er schreibt:

„Dieser Forscher hat nichts gewählt, vielmehr ist er von seiner Sache ergriffen worden, mit einer Wucht, die unter deutschen Historikern ohne Beispiel ist. Lässt man Revue passieren, mit welchem Spürsinn, mit welcher Hartnäckigkeit und ja, auch mit welcher Wut Aly sich der Aufklärung nationalsozialistischer Staatsverbrechen verschrieben hat, dann liest sich das nicht wie eine Bilanz, sondern wie das Protokoll einer Obsession.

Eifrig wie ein Missionar und zudringlich wie ein Privatdetektiv muss Aly dem Archivar und der Leitung der Max-Planck-Gesellschaft vorgekommen sein, als er 1984 nachwies, dass die von der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft übernommene Hirnschnittsammlung von Opfern der Euthanasiemorde herrührte. Fünf weitere Jahre brauchte es, bis daraus die einzig mögliche Konsequenz gezogen wurde und die sterblichen Überreste der Ermordeten nicht, wie zunächst geplant, stillschweigend ‚vernichtet‘, sondern ordentlich bestattet wurden. Die Gedenktafel benennt weder die Täter noch die Opfer noch die Umstände ihres Todes, nur vom ‚Missbrauch durch die Medizin‘ ist die Rede.

Es waren unsere Institute, in denen an ausgeweideten Euthanasieleichen anatomisches Wissen vermittelt wurde; es waren unsere Doktorväter, die ihre raumpolitische Wissenschaft zu einer neutralen ‚Volksgeschichte‘ umdeuteten, bevor wir ihre Arbeit fortsetzten und Sozialgeschichte betrieben; und es sind unsere Wohnzimmer, unsere Kleiderschränke, unsere Vitrinen, in denen nach wie vor Gemälde hängen, Nerze liegen und Kristallgläser stehen, die Juden aus ganz Europa vor ihrer Ermordung geraubt wurden.“

893: Sir Simon Rattle bleibt in Berlin wohnen.

Mittwoch, April 15th, 2015

Sir Simon Rattle geht von den Berliner Philharmonikern zum London Philharmonic Orchestra. Dazu hat ihn Eleonore Büning interviewt (FAZ 28.3.15).

FAZ: Sie bleiben trotzdem in Berlin wohnen?

Rattle: Berlin ist das Zuhause geworden, für mich und für meine Familie. Wir sind hier in der Mitte von Europa, ich liebe diese Stadt. In Zukunft werde ich vier Monate im Jahr in London sein. Aber in Deutschland gesteht man mir und meiner Familie wirklich ein Privatleben zu. Die Berliner kennen und respektieren immer noch diese kleine Distanz zur privaten Person, die es so in London nicht mehr gibt. Hier habe ich meine Ruhe vor den Journalisten (lacht).

892: Documenta will Sammlung Gurlitt.

Mittwoch, April 15th, 2015

Der künstlerische Leiter der Documenta 14, die 2017 gezeigt werden soll, Adam Szymczyk, möchte den „Schwabinger Kunstfund“ zeigen, die Sammlung des Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt. Katrin Lorch hat ihn befragt (SZ 15.4.15).

SZ: Aber warum sollte man das Erbe eines NS-Kunsthändlers in Kassel zeigen, in der bedeutendsten Ausstellung zeitgenössischer Kunst?

Szymczyk: Genaudeshalb – weil sie nie gezeigt und gesehen werden sollte. Die Documenta ist eine Ausstellung zu zeitgenössischen Themen, nicht zwingend von zeitgenössischer Kunst. Bei der vergangenen Documenta stellte man auch 4000 Jahre alte Skulpturen aus und Fotografien, die von der Amerikanerin Lee Miller nach Kriegsende im Badezimmer von Adolf Hitler aufgenommen wurden. Die Documenta war immer auch eine Meta-Ausstellung – eine Aussage über die Welt der Gegegnwart, von der die Kultur ein empfindlicher Teil ist, eine kognitive Erweiterung. Außerdem war der Fall Gurlitt – neben der Skandalisierung – auch für viele Kunst-Diskurse der vergangenen Jahre bestimmend.

891: Was Naomi Klein weiß.

Dienstag, April 14th, 2015

Naomi Kleins Buch „No Logo“ wurde 2000 zur Bibel der Globalisierungskritiker. 2007 kritisierte die Kanadierin den Neoliberalismus in ihrem Buch „Die Schock-Strategie“. Nun ist ihr Buch zum Klimawandel erschienen

„Die Entscheidung. Kapitalismus vs. Klima.“ Frankfurt am Main (Fischer) 2015, 704 S., 26,99 Euro.

Thomas E. Schmidt und Anne Ameri-Siemens haben sie interviewt (Die Zeit 26.3.15; FAS 29.3.15).

Ist es überhaupt noch möglich, die globale Erwärmung auf zwei Grad zu begrenzen, wie es sich die Staatengemeinschaft jahrelang zum Ziel gesetzt hat?

Klein: Mit dem jetzigen System sind zwei Grad sehr unrealistisch, aber physikalisch ist es nicht unmöglich.

Damit wären wir wieder bei dem Plan. Was muss geschehen, damit es gelingt?

Klein: Weltweit und ab sofort müssten die Emissionen um sechs Prozent gesenkt werden. Europa und die USA – kurz gesagt: die reicheren Länder – müssten mit acht bis zehn Prozent Einsparung pro Jahr mehr Belastung übernehmen. Und entscheidend ist, dass der Wandel von Wirtschaft sowie politischer und gesellschaftlicher Kultur gerecht vollzogen wird. … In den USA wird dies nur geschehen, wenn eine soziale Bewegung von unten Druck macht. Demokraten und Republikaner werden von den mächtigen Energiekonzernen finanziert. Da gibt es gar keine andere Möglichkeit, als dass eine Bewegung aus der Bevölkerung auf einer Umstellung auf einhundert Prozent erneuerbare Energien beharrt – und dieser Wandel muss bis 2020, spätestens 2030 geschehen.

Sie behaupten, es sei nötig, den Kapitalismus abzuschaffen. Aber der Sozialismus war ökologisch auch nicht die Lösung – oder?

Klein: Ich sage ja, dass der industrialisierte Sozialismus nicht besser war. Diese Alternative schlage ich wirklich nicht vor. Aber: Es gibt keine nichtradikalen Optionen. Wir brauchen einen radikalen Wechsel, auch im Wirtschaftssystem. Sie können sagen, das mögen wir in Deutschland nicht, wir setzen auf schrittweisen Wandel. Aber das heißt nicht, dass radikale Lösungen nicht nötig wären.

Was tun Sie, um die Leute davon zu überzeugen, dass es schneller gehen muss? Glauben Sie noch an die Kraft vernünftiger Argumente?

Klein: Nein, ich glaube nicht mehr, dass rationale Argumente etwas an der Machtverteilung ändern. Ich persönlich möchte vor allem keine Angst verbreiten. Es geht nicht um Furcht. Ich schreibe lediglich Bücher, die möglicherweise für die Bewegung nützlich sind. Ich selbst bin niemand, der sich irgendwo einreiht. Ich bin eine Schriftstellerin, und Schriftsteller sind Einzelgänger. Früher habe ich, wie viele, daran geglaubt, dass kluge Bücher die Welt verändern können. Etwas später war ich dann ziemlich enttäuscht. Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass Bewegungen die Welt verändern können.

Christiane Grefe schreibt in ihrer Rezension von Naomi Kleins Buch: „Naomi Kleins Buch ist erhellend als Blick zurück im Zorn. Für den Blick nach vorn aber muss man andere Bücher lesen.“ (Zeit Literatur März 2015)

890: Günter Grass ist unser Nationaldichter.

Dienstag, April 14th, 2015

Der am Montag gestorbene Günter Grass ist unser deutscher Nationaldichter. Das ist literarisch durch den Literaturnobelpreis von 1999 hinreichend beglaubigt. Seine Sprachmacht war einmalig. Er hat freilich nie mehr die literarischen Höhen der „Blechtrommel“ (1959) erreicht, aber das teilt er ja mit vielen großen Schriftstellern.

Wichtiger noch als Schriftsteller aber war Günter Grass als öffentliche Institution, als Intellektueller, als politischer Kommentator und Kritiker. Er hat sich eingemischt und durch sein Engagement Maßstäbe gesetzt. Vieles davon ist unvergessen, sein Eintreten gegen Extremismus, sein Engagement für die deutsch-polnische Aussöhnung und manches andere.

Mit den Deutschen war er durch seine Biografie eng verbunden. Etwa durch sein spätes Bekenntnis (2006), dass er als junger Mann Mitglied der Waffen-SS gewesen war (vgl. W.S.: Deutsche Diskurse. Hamburg 2009, S. 171-181). Die Wiedervereinigung Deutschlands hat Grass abgelehnt, sie erschien ihm als Anschluss der DDR an die BRD (vgl. W.S.: Deutsche Diskurse. Hamburg 2009, S. 63-88). Hoffentlich wird sein anti-israelisches Gedicht „Was gesagt werden muss“ (2012) nicht einmal prophetisch.

888: „Gegenforensik“ in Gaza

Sonntag, April 12th, 2015

Forensik nennt man die Verfahren, mit denen sich die materiellen Spuren eines Verbrechens untersuchen lassen anhand von Fingerabdrücken , Blutflecken, Tatwaffen, Einschusslöchern und natürlich den Körpern der Opfer. Bis vor kurzem waren Forensiker technische Dienstleister der Justiz. Das hat sich in den letzten zwanzig Jahren gewandelt. Mit der

„Gegenforensik“

arbeiten nun auch Menschenrechtsorganisationen. Einer ihrer Vertreter ist der aus

Israel

stammende Eyal Weizmann. Jörg Häntzschel hat ihn für die SZ interviewt (25.3.15).

SZ: Woran arbeiten Sie gerade?

Weizmann: Wir untersuchen gemeinsam mit Amnesty und dem Palestinian Center for Human Rights (PCHR), was am 1. August 2014 in Gaza passiert ist. Kurz nachdem sich Israel und Hamas auf einen Waffenstillstand einigten, brachten Hamas-Leute drei israelische Soldaten in ihre Gewalt. Zwei wurden getötet, ein dritter gefangen genommen. Daraufhin lancierte Israel einen Angriff auf Gaza, bei dem 150 bis 200 Menschen starben, die meisten davon Zivilisten. Wir versuchen den räumlichen und zeitlichen Ablauf der Angriffe zu rekonstruieren. Wo wurden Zivilisten getötet? Was wurde bombardiert? Der genaue Ablauf ist wichtig. Zur gleichen Zeit wurde nämlich versucht, den Waffenstillstand zu erneuern, und der Tod des Soldaten wurde festgestellt. Und es gibt andere Fragen: Wer hat den Waffenstillstand gebrochen? Hat Israel noch weitergebombt, nachdem der Soldat tot war?

SZ: Was haben Sie herausgefunden?

Weizmann: Nach unseren ersten Erkenntnissen lassen Ablauf und Orte der Einschläge vermuten, dass Israel versucht hat, den eigenen Mann nicht zu retten, sondern zu töten, um zu verhindern, dass die Palästinenser ihn als Pfand benützen. So haben auch viele israelische Soldaten ihren Einsatzbefehl verstanden.

887: Hybride Kriegsführung und postheroische Gesellschaft

Sonntag, April 12th, 2015

Der Politologe Herfried Münkler, 63, der an der Humboldt-Universität in Berlin lehrt, hat den Begriff der

„Asymmetrie des Krieges“

geprägt. In einem Interview mit Julia Encke in der FAS (12.4.15) beschäftigt er sich mit der

postheroischen Gesellschaft,

dem Drohnenkrieg und

der hybriden Kriegsführung.

FAS: Einer der bekanntesten Kritiker von Drohneneinsätzen ist der französische Philosoph Grégoire Chamayou. In seinem Buch „Ferngesteuerte Gewalt“ verurteilt er, dass der Soldat zum Scharfrichter werde, einer „Ethik von Henkern und Vollstreckern“ folge, „nicht mehr von Kämpfern“. Ist das nicht ein ziemlich veraltetes Soldatenbild?

Münkler: Man hört bei Chamayou noch mal die Hacken knallen. Es ist eine Kriegerethik, mit der er argumentiert. Das ist schon verwegen, weil wir nun mal eine postheroische Gesellschaft sind, gekennzeichnet durch zwei Elemente.

Eine niedrige demographische Reproduktionsrate. Es gibt nicht mehr die überzähligen jungen Männer fürs Schlachtfeld.

Und die Vorstellung des Sich-selbst-Darbringens auf dem Altar des Vaterlandes ist uns völlig fremd.

Wir beobachten eine Verpolizeilichung des Krieges. Es werden Ziele verfolgt, die als Investitionen in die Zukunft des Interventionsgebietes bei Minimierung eigener Verluste zu verstehen sind. Insofern argumentieren die Kritiker der Drohne mit dem Ethos des 19. Jahrhunderts gegen die Waffen des 21. Jahrhunderts. Hegel hat die Waffen als „das Wesen des Kämpfers“ bezeichnet – Drohnen sind die typischen Waffen der postheroischen Gesellschaft. Da gibt es kein Kriegsethos und keine Ästehtik des Kampfes. Es gibt lediglich die Effektivität der Gefechtsfeldbewirtschaftung.

FAS: Diese hybriden Formen der Kriegsführung, von denen Sie sprechen, diese Mischung aus politischer Täuschung, militärischem Eingreifen, Propaganda, haben mit Symmetrie und Asymmetrie eigentlich nichts mehr zu tun, oder?

Münkler: Nein, wir kommen nicht mehr in die Zeit der Symmetrie zurück, wo sich zwei Helden verabredet haben, um herauszubekommen, wer im Kampf der bessere Mann ist. Diese Zeiten sind vorbei. Wir wollen aber nicht vergessen, dass es in unseren postheroischen Gesellschaften eine Reihe von Leuten gibt, die diese Gesellschaft langweilig und spießig finden und nach Syrien zum IS gehen,um dort die Wahrheit des Lebens oder den Reiz des Opfers zu erfahren.

FAS: Wie reagiert man auf diese neuen, hybriden Formen der Kriegsführung?

Münkler: Wir müssen realisieren, dass die Vorstellung, die in den 1990er Jahren von

Jürgen Habermas,

Ulrich Beck und anderen

vertreten worden ist – nämlich: Wir setzen den Frieden und die Prosperität im globalen Maßstab durch -, gescheitert ist. Der

hybride Krieg

ist längst ein ständiger Begleiter unseres Friedens geworden.

886: F.J. Raddatz hat deutsche Kriegsfilme kritisiert.

Samstag, März 21st, 2015

Fritz J. Raddatz war meistens ein unerbittlicher Kritiker. Etwa der Schriftsteller der „inneren Emigration“. Insbesondere hat er sich verdient gemacht als Kritiker von Kriegsfilmen. So schrieb er am 8. März 1985 über den ungeheuer erfolgreichen Film von Wolfgang Petersen „Das Boot“, der auch in Hollywood reüssierte, das Folgende:

„Ein Kriegsfilm am Rande der Verherrlichung. (…) Es geht mir um die zugleich so simple wie komplizierte Frage nach der politischen Moral; die dieser Film nicht stellt: Wie war denn das so im Stuka über Warschau? Im Panzer vor Leningrad? Im U-Boot eben unter dem Atlantik? Das war doch nicht nur heiß und eng und voller Gestank, Schweiß, Angst und Zote? Das war doch auch ein Verbrecher-Handwerk? Ich will gar nicht so weit gehen wie Kurt Tucholsky, der gesagt hat ‚Soldaten sind Mörder.‘ (…) Ich will aber so weit gehen, zu sagen: Schiebt es nicht immer auf ein paar SS-Bestien und Leibstandarten-Henker – auch die deutsche Wehrmacht hat tausendfach Verbrechen begangen; hat gemordet, geplündert, gebrandschatzt, geraubt. Sie hat einem der schlimmsten Terroristen der Geschichte g e d i e n t . (…)

Die guten Leute (…) waren privat vielleicht ehrbar, muntere Puffgänger, brave Familienväter und feste Trinker bei Rosita Serranos Schellack-Gekrächze. Doch was sie ausübten, war ein unehrbarer Beruf. Und sie wollten siegen; ‚Wir bauen für den Sieg‘ stand an einem U-Boot-Bunker des Films gepinselt. Wohl wahr. Gott bewahre, sie h ä t t e n gesiegt.

Keine dieser Fragen stellt der Film.

Er zieht unser Mitleid in die falsche Richtung; weil ein Film ja optisch argumentiert, nicht verbal, zieht er den Beobachter auf die Seite der Männer in ihrer Not und Bedrängnis und macht prompt vergessen, dass ja sie es waren, die Tausende in Not und Bedrängnis brachten, Frauen und Kinder in den Tod bombten. (…)

Bestimmte Dinge nicht sagen – auch das kann heißen: lügen. Insofern ist dies ein verlogener Film.“ (Ulrich Greiner, Die Zeit 5.3.15)

Genau. So funktionieren Kriegsfilme stets: die Gräuel des Krieges munter und gekonnt zu zeigen. Und dann die Männer, die angeblich darin sauber geblieben sind. Die Helden. Kriegshelden. So wird der Krieg verherrlicht.

885: Ende des Kapitalismus ?

Samstag, März 21st, 2015

Der real existierende Kapitalismus ist eine moralisch fragwürdige Sache. Er beruht auf dem Eigennutz und soll durch die Verfolgung privater Interessen allgemeine Wohlfahrt hervorbringen. Sein einziges Maß ist der Profit (Gewinn). Insofern kann der Kapitalismus das Allgemeinwohl nur fördern, wenn er demokratisch beherrscht wird. Er muss domestiziert werden. Es hat der Primat der Politik zu gelten. Die großen Energiekonzerne z.B. haben dem zu folgen, was im Parlament etwa zur Energiewende beschlossen wird. Das funktioniert gar nicht immer einfach.

So moralisch fragwürdig der Kapitalismus ist, so klar ist zugleich, dass er jedem real existierenden Sozialismus auch moralisch überlegen ist. Der real existierende Sozialismus ist eine Gewaltherrschaft, die keine Demokratie, keinen Rechtsstaat, keine Gewaltenteilung etc. kennt. Der wichtigste Protagonist des realen Sozialismus ist Stalin. Die wichtigste und erfolgreichste Form des Kapitalismus ist der US-Kapitalismus, der gemeinsam mit Stalin den Faschismus (in der Hauptform des deutschen Nationalsozialismus) besiegt hat.

Weil der Kapitalismus so unmoralisch ist, wird gerne über sein Ende philosophiert. Zwar habe er viele Widersacher besiegt wie die Arbeiterbewegung, er wende sich aber auch gegen die Natur, gerate außer Kontrolle und mache schließlich vor seiner eigenen Substanz nicht halt, er zerstöre sich selbst. Wie Pyrrhus.

Wenn hier mal nicht der Wunsch der Vater des Gedankens ist!

Denn zu wenig untersucht ist die Dynamik des Kapitalismus, seine Flexibilität, wie es ihm immer wieder gelingt, seine Krisen zu bewältigen. Das geschieht meistens durch die Schaffung neuer Bedürfnisse, die vorher gar nicht vorhanden waren. So hat der Kapitalismus seine Profitrate gehalten, bisweilen sogar erhöht.

Nur wenn gezeigt werden könnte, dass Karl Marx Gesetz vom tendenziellen Fall der Profitrate richtig ist, wäre ein nahendes Ende des Kapitalismus in Sicht. Hier zeigt sich übrigens nebenbei, dass die Bekämpfung des Wachstums durch einige Gutmenschen ökonomischer Unsinn ist. Nur durch Wirtschaftswachstum sind die Profite zu gewährleisten. Die können dann gerecht verteilt werden. Oder ungerecht.

Bei der Gelegenheit habe ich mich erinnert, dass mein Freund Kurt Erdmann, einige Kommilitonen und ich im WS 1970/71 Marx‘ Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate untersucht und, soweit es ging, berechnet haben. Das war in der Übung „Probleme des organisierten Kapitalismus“ von Hans-Paul Bahrdt. Gehalten von seinem Assistenten Horst Kern, dem späteren Präsidenten der Universität Göttingen. Unser Thema hieß „Das Gesetz des tendenziellen Falls der Profirate – Grundsätzliche Kritik und empirische Überprüfung durch Gillman“. 1969 war Joseph M. Gillmans Buch über das Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate erschienen.

Die jungen Forscher gelangten u.a. zu folgendem Ergebnis: „Wenn auch Marx‘ Herleitung des Gesetzes nicht in letzter Hinsicht schlüssig ist und teilweise eigene Erkenntnisse offenbar nicht voll berücksichtigt, folgt daraus nicht, dass die allgemeine Profitrate unbegrenzt konstant bleiben kann oder steigen muss. … Werden andererseits bei Marx entwickelte Kategorien wie produktive und unproduktive Arbeit stärker in die Analyse einbezogen, wenn auch vielleicht nicht so schematisch wie bei Gillman, so ergibt sich, wie für die USA gezeigt, mit einiger Plausibilität eine Tendenz zur fallenden Nettoprofitrate. Dies heißt nicht direkter ökonomischer Zusammenbruch. Und wahrscheinlich kann eine größere Krise oder eine Folge von zum Zusammenbruch des Kapiatlismus führenden Krisen vermieden werden. Es bedeutet aber ungeheuer anwachsende unproduktive Ausgaben (vor allem mit Hilfe des Staates) und permanente Manipulation der Konsumenten. Wobei es fraglich erscheinen muss, ob die Verwertungsschwierigkeiten letzten Endes anders als über den Rüstungssektor (mit Weltraumfahrt) durch eine Art von Neo-Imperialismus aufgefangen werden können.“

Ich staune manchmal, was wir (im WS 70/71) für wichtige Fragen und Probleme studiert haben.

883: Putins Partner im Sport

Mittwoch, März 18th, 2015

Die Fußball-Weltmeisterschaft 2018 soll ausgerechnet in Russland stattfinden. Der CDU-Bundestagsabgeordnete Frank Stefell meint dazu: „Solange russische Soldaten völkerrechtswidrig in der Ukraine Zivilisten ermorden, kann es keine Fußball-Weltmeisterschaft in Russland geben.“ Der hessische Innenminister Peter Reuth (CDU) ergänzt: „Bei der Rolle, die Russland und Präsident Putin im Ukraine-Konflikt spielen, ist ein weiteres großes Sportereignis wie die WM 2018 in Russland unvorstellbar.“

Die Verbände des internationalen Spitzensports (z.B. IOC, Fifa, DFB, Bayern München),

dieser Allianz aus Kommerz und Doping,

lehnen einen Boykott ab. Thomas Bach (IOC): „Boykotte von Sportveranstaltungen führen zu nichts. … Ein Boykott widerspricht dem Sinn des Sports, Brücken zu bauen. Der Sport hält die oftmals letzte Türe zum Dialog offen.“ Wolfgang Niersbach (DFB): „Es ist sinnvoller, die weltweite Strahlkraft großer Turniere zu nutzen, um sich für Menschenrechte einzusetzen und, wo nötig, auf politische Veränderungen zu drängen.“ Karl-Heinz Rummenigge, der Uhren-Liebhaber (FC Bayern): „Die Vergangenheit hat gezeigt, dass Boykotte im Sport nicht die beabsichtigte Wirkung erzielt haben.“ (SZ 18.3.15)

Diese Brückenbauer und Menschenrechtsexperten sind die Partner von Putin.