Archive for the ‘Gesellschaft’ Category

915: Ernest Bornemans Biografie

Mittwoch, Mai 6th, 2015

Fast wäre Ernest Borneman Programmdirektor des ZDF geworden. Aber der 1915 in Berlin geborene Jude war überall ein Außenseiter. Kurz vor dem Abitur musste er 1933 aus Deutschland fliehen. Vermutlich war er Mitglied der KPD. In der Emigration in Großbritannien und in Kanada bildete er sich autodidaktisch, arbeitete als Filmemacher und schrieb als Journalist über Jazz. Diese Musik sah er als fröhlich und lebensbejahend und machte daraus kein akademisches Projekt. Ende der fünfziger Jahre arbeitete Borneman für das ZDF. Aber er blieb stets ein freier Autor. Seit den sechziger Jahren setzte er sich orientiert an der

Psychoanalyse

für freie Sexualität

ein. Dabei blieb er stes nüchtern und sachlich, schaffte aber als Nicht-Studierter den Anschluss ans akademische Milieu nicht mehr. Hier etablierte sich eine empirisch arbeitende Sexualwissenschaft. Borneman wurde zusehends desillusionierter. Er betrachtete seine Themen

Sozialismus, Psychoanalyse und freie Sexualität

als überwiegend gescheitert. 1995 beging Borneman Selbstmord. Der dänische Historiker Detlef Siegfried hat ihm eine Biografie gewidmet:

„Moderne Lüste. Ernest Borneman – Jazzkritiker, Filmemacher, Sexforscher.“ Göttingen (Wallstein) 2015; 29,90 Euro (Jan Feddersen, taz 28.4.15).

914: Ayaan Hirsi Ali kann den Islam nicht reformieren.

Dienstag, April 28th, 2015

Ayaan Hirsi Ali ist in ihrer Kritik am Islam natürlich völlig frei. Aber reformieren kann sie ihn nicht; denn sie ist ja aus ihm ausgetreten. Eine Reform kann nur von innen kommen, von den Muslimen selbst (Thomas Avenarius, SZ 28.4.15).

Ich persönlich glaube, dass der Islam zwar zu Deutschland gehört, dass er sich aber ziemlich weitgehend reformieren muss, um den Anforderungen an eine Religion in der modernen Gesellschaft gerecht zu werden: Gleichberechtigung der Frau, Bildungschancen für alle Menschen, Beseitigung der patriarchalischen Familienstrukturen, deutschsprachige Ausbildung der Imame an der Universität etc.

Wir Nicht-Muslime können das deswegen so gut wissen, weil wir selbst noch dabei sind, manche dieser Ziele selbst vollständig zu verwirklichen.

913: Russische Propaganda will Angst verbreiten.

Dienstag, April 28th, 2015

Die russische Historikerin Ljudmila Alexejewa hat 1976 mit anderen Dissidenten die Moskauer Helsinki-Gruppe gegründet, die sich für Menschenrechte einsetzt. Julian Hans hat sie für die SZ interviewt (28.4.15).

SZ: Einige sagen, die Propaganda in den russischen Staatsmedien sei heute schlimmer als zu Zeiten der Sowjetunion.

Alexejewa: Das ist ohne Zweifel so. Ich erinnere mich gut an die sowjetische Propaganda. Den größten Teil meines Lebens habe ich in der Sowjetunion verbracht. Als ich ein Mädchen war, vor dem Krieg und besonders während des Krieges haben wir daran geglaubt. Aber nach dem Krieg hat sich dieser Glaube nach und nach verflüchtigt. Wissen Sie, es fällt mir schwer, das auszusprechen, aber ich habe den Eindruck, dass unsere heutigen Propagandisten nicht bei ihren Vorgängern in der Sowjetunion gelernt haben. Sie haben von Goebbels gelernt.

SZ: Wo liegt der Unterschied?

Alexejewa: Die sowjetische Propaganda zielte auf den Verstand. Goebbels und unsere heutigen Propagandisten wirken auf das Gefühl und auf das Unterbewusstsein. Ich habe Metastasen dieser Propaganda sogar bei Menschen entdeckt, die ich viele Jahre für Gleichgesinnte gehalten habe.

SZ: Warum wirkt die Propaganda trotzdem?

Alexejewa: Es gibt da eine Sache, die mir erst durch die Geschichte mit der Krim klar geworden ist. Ich hatte gehofft, dass es nicht so ist: Die große Mehrheit unserer Bürger ist mit dem imperialen Syndrom infiziert. Russland war nicht nur zur Sowjetzeit, sondern über Jahrhunderte ein Imperium. Unsere Bürger sind daran gewöhnt, dass wir ein großes, starkes Land sind, dass wir andere Territorien erobern können, dass man sich vor uns fürchtet. Und wissen Sie was: Sie wollen, dass man Angst vor uns hat! Das ist fürchterlich.

912: Moskowitertum macht Linke unattraktiv.

Montag, April 27th, 2015

Wir können uns vorstellen, dass die Linke bei den Autoren der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ nicht allzu viel Sympathien genießt. Dies stellt Mechthild Küpper unter Beweis (25.4.). Sie schreibt:

„Die kritiklose Gefolgschaft gegenüber Putin und die kritiklose Bewunderung der verhandlungsfeindlichen Macho-Politik der griechischen Bruderpartei macht die Partei politisch und intellektuell uninteressant.“

„So zerstritten die Partei oft ist, in ihrem Moskowitertum sind sich offenbar die innerparteilichen Gegner – ob ‚Reformer‘ oder ‚linke Linke‘, ob ehemalige PDSler oder alte westdeutsche DKP-Chargen – herzlich einig.“

„Der Linkspartei ist klar, dass ihre Putin- und Tsipras-Verehrung sie davon entrückt hat, als Regierungspartner für SPD und Grüne in Frage zu kommen. Und so stellen sich Kipping und Riexinger in eine Tradition, die sie eigentlich durch eine ‚andere Tonalität‘ beenden wollten, und dreschen fröhlich auf die SPD und ihren laut Varoufakis ‚faustischen Pakt‘ mit den ‚Profitinteressen‘ und den Traum ‚von einem grünen Kapitalismus‘ ein.“

911: Adornos Verletzbarkeit und sein Hass

Montag, April 27th, 2015

Drei Rezensionen des Briefwechsels zwischen

Theodor W. Adorno und Gershom Scholem: Der liebe Gott wohnt im Detail. Briefwechsel 1939 – 1969. Hrsg. von Asaf Angermann. Berlin (Suhrkamp) 2015, 548 S.; 39,95 Euro,

bringen Bemerkenswertes zutage. Auch wenn es bisher nicht gänzlich unbekannt gewesen sein mag. Es sind die Rezensionen von Jürgen Habermas (Die Zeit, 9.4.15), Thomas Meyer (SZ 17.4.15) und Micha Brumlik (taz 18./19.4.15). Dabei werden insbesondere Eigenschaften und Haltungen Theodor W. Adornos herausgearbeitet.

Jürgen Habermas sieht Adorno und Scholem als Testamentsvollstrecker Walter Benjamins. Wie diesen habe die Briefeschreiber das

Schicksal des Sakralen nach der Aufklärung

interessiert, ob und wie es „in die Profanität einwandern“ (Scholem) könne. „Mit eigenen Interpretationen und Ernnerungen arbeiten sie an der Konstruktion eines öffentlichen Bildes von Walter Benjamin, das alsbald die Fantasie einer breiten Leserschaft beflügelt. Nie ist das Werk eines Autors im Zuge seiner Rezeption so unmittelbar mit der umwitterten Lebensgeschichte und den politischen Umständen seines tragischen Todes verschmolzen. Am Ende spricht Adorno von Benjamins ‚Nimbus‘ – selbst erstaunt über den unerwarteten Erfolg.“

Über seinen „Lehrer“ Adorno schreibt Habermas: „Entspannt war er nur im engsten Kreise und wirklich frei nur an seinem Schreibtisch. Diese verletzbare Person behielt Zugang zur eigenen Kindheit und war gleichzeitig mehr als bloß erwachsen. Sie lebte überwach und ängstlich, gleichsam mit vorgestreckter Hand, sowohl diesseits wie jenseits einer Normalität, an der wir anderen unseren Halt haben.“

Micha Brumlik zitiert zum Beleg dafür, dass Adorno Hannah Arendt gehasst hat, aus einem Brief von 1963, in dem Adorno Scholems Kritik an Arendts ‚Eichmann in Jerusalem“ zustimmt und schreibt, dass „nur die alte Antipathie bestätigt (wird), welche ich gegen diese Dame seit unserer Jugend hegte; gegen den maßlosen Ehrgeiz, das intellektuelle Neophytentum. Nur in einem hat sie recht: Sie ist nie eine Linksintellektuelle gewesen, freilich kommt sie auch nicht von der deutschen Philosophie her. Sie ist eine Schülerin von Jaspers.“

910: Joseph Roth lesen !

Montag, April 27th, 2015

Vor 20 Jahren erschien Christian Krachts „Faserland“. Der Roman wird heute noch häufig gelesen. Felicitas von Lovenberg fragt den Autor (FAZ 25.4.15):

„Faserland“ hat sich literaturgeschichtlich als enorm einflussreich erwiesen; Sie selbst gehören zu den meistgenannten Vorbildern junger Autoren. Was raten Sie denen, die heute Schriftsteller werden wollen?

Kracht: Schreiben Sie kürzere Sätze. Lesen Sie Joseph Roth.

909: Wladyslaw Bartoszewski gestorben

Sonntag, April 26th, 2015

Der ehemalige polnische Außenminister Wladyslaw Bartoszewski ist im Alter von 93 Jahren gestorben. Zwei Linien bestimmten seine politische Identität:

der Kampf gegen die totalitären Diktaturen der Nazis und der Kommunisten und

die Aussöhnung der Polen mit den Deutschen und den Juden.

Seine Lektion hatte er wohl auf dem Appellplatz in Auschwitz 1940 gelernt. 5000 Mann stehen auf dem Platz. SS-Männer rufen einzelne Gefangene vor, werfen sie zu Boden, treten sie, bis sie leblos daliegen. Und 5000 Mann, gegenüber die SS-Maschinengewehre, unternehmen nichts.

Bartoszewski hat daraus seine Lehren gezogen. In seinem späteren Leben, wo er unter Stalin und der Solidarnosc noch zweimal im Gefängnis saß, war er bekannt für seine schnelle Zunge, seinen auch schwarzen Humor, seine verletzliche Eitelkeit und seine biblischen Donnerwetter. Der überzeugte Katholik blieb niemals mehr politisch passiv. 1941 erreichte es das Internationale Rote Kreuz, für das er arbeitete, dass er freikam. Er schloss sich der polnischen Heimatarmee AK an. Im „Komitee für Judenhilfe“ besorgte besorgte Bartoszewski für Juden gefälschte Ausweise. Dafür wurde er von Israel in den Rang eines „Gerechten der Völker“ erhoben.

Bartoszewski stellte sich aber auch polnischem Fehlverhalten. Er brachte den polnischen Präsidenten Alexander Kwasniewski dazu, sich für die Mordtaten in

Jedwabne

zu entschuldigen. Bartoszewskis Versuche der Versöhnung mit Deutschland waren in Polen zunächst hochgefährlich. Die Kommunisten und die Nationalisten bezeichneten solche Leute gerne als „Lakaien Berlins“. Für Wladyslaw Bartoszewski war das Böse, das dem polnischen Volk in überreichem Maße angetan worden war, kein Grund, selber böse zu handeln. In seiner großen Rede vor dem deutschen Bundestag 1995 erkannte er die Mitschuld seines eigenen Volks bei der Vertreibung der Deutschen aus den heutigen polnischen Westgebieten an. Der Präsident des Europäischen Rates, Donald Tusk, machte in seiner Zeit als polnischer Ministerpräsident Bartoszewski zu seinem Deutschlandbeauftragten (Konrad Schuller, FAS 26.4.15).

908: Bedford-Strohm: Abschreckung ist Zynismus.

Sonntag, April 26th, 2015

Der Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirchen in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm, wird in der FAS (26.4.15) von Ralph Bollmann und Inge Kloepfer zu Flüchtlingen befragt.

FAS: Wäre Abschreckung nicht auch im christlichen Sinne? Menschen würden dann gar nicht erst ihr Leben riskieren. Es heißt ja auch, der Mensch soll Gott nicht versuchen.

Bedford-Strohm: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Und: Was ihr dem geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan. Diesem Auftrag Christi sind wir verpflichtet. Unterlassene Hilfeleistung als Mittel der Abschreckung ist in meinen Augen blanker Zynismus. …

907: Odenwaldschule vor dem Aus

Sonntag, April 26th, 2015

Die Odenwaldschule teilte mit, dass es nicht gelungen sei, die Finanzierung für die nächsten Jahre zu gewährleisten. „Das Schuljahr wird noch zu Ende geführt.“ Die Eltern müssten nun entscheiden, „welche Schule für ihre Kinder zum neuen Schuljahr die richtige ist“ (FAS 26.4.15).

906: Ayaan Hirsi Ali: Zurück zum kalten Krieg !

Sonntag, April 26th, 2015

Die in Harvard lehrende Ayaan Hirsi Ali will den

Islam reformieren.

Dabei argumentiert sie einigermaßen radikal. Sie schreibt (Die Welt 28.3.15):

„Dabei können wir uns von einem anderen Konflikt inspirieren lassen, um eine Entwicklung in Gang zu bringen: vom kalten Krieg. Denn auch wenn sich der Islam grundlegend vom Kommunismus unterscheidet, beinhaltet er in gewisser Hinsicht eine ebenso große Verachtung für die Menschenrechte. Islamische Republiken gingen gegen die eigenen Bürger so brutal vor wie einst die Sowjetrepubliken. Trotz allem heißen wir fundamentalistische Prediger in unseren Städten willkommen und sehen tatenlos zu, wie sie mit Hetzreden tausende unzufriedener junger Menschen radikalisieren. Und weitaus schlimmer: wir unternehmen fast keine Versuche, dem Missionswerk der Medina-Muslime etwas entgegenzusetzen. wenn wir diese Politik der kulturellen Nichteinmischung weiterbetreiben, werden wir uns aus der Logik des aktuellen Krieges niemals befreien. Denn mit Luftschlägen, Kampfdrohnen oder sogar mit Bodentruppen allein lässt sich eine Ideologie nicht bekämpfen. Wir müssen gegen sie mit – besseren und positiven – Ideen zu Felde ziehen. Wie im kalten Krieg müssen wir ihr eine alternative Vision entgegenstellen.

Der Westen hat den kalten Krieg nicht nur durch wirtschaftlichen Druck oder die Entwicklung neuer Waffensysteme gewonnen. Von Anfang an erkannten die Vereinigten Staaten, dass der Kampf auch ein ideologischer Wettstreit war. Anders als einige ’nützliche Idioten‘ an linken Universitäten, behaupteten wir nicht, dass das Sowjetsystem unserem moralisch ebenbürtig gewesen sei. Und wir sahen den Sowjetkommunismus auch nicht als eine Ideologie des Friedens an. Vielmehr ermunterten die Vereinigten Staaten über viele kulturelle Initiativen, die direkt oder indirekt von der CIA finanziert wurden, antikommunistische Intellektuelle dazu, dem Einfluss der Marxisten oder anderer Fellow Travellers auf dem Zug der radikalen Linken etwas entgegenzusetzen. Am 26. Juni 1950 wurde in West-Berlin der Kongress für kulturelle Freiheit gegründet, der im Kampf der Ideen linksliberale Werte verteidigte. Führende Intellektuelle wie Bertrand Russel, Karl Jaspers und Jacques Maritain dienten als ehrenamtliche Vorsitzende.“

Ja, so sind wir nun mal, wir Antikommunisten.