Archive for the ‘Gesellschaft’ Category

956: „‚Schorsch‘ Aigner – der Mann, der Franz Beckenbauer war“

Mittwoch, Juni 3rd, 2015

Franz Beckenbauer war ein ganz großer Fußballer. Er gehört zu dem kleinen Kreis der Weltstars, die unangefochten erscheinen: Ferenc Puskas, Alfredo di Stefano, Pele, Eusebio, Johan Cruyff, Messi, Zlatan Ibrahimovic. Er war auch ein Erfolgstrainer (WM-Titel 1990). Und er ist ein führender Fifa-Fußballpolitiker.

In allen Rollen gabelt „Dittsche“ Olli Dittrich als „Schorsch“ Aigner Franz Beckenbauer auf. „Schorsch“ war angeblich über 50 Jahre das Double von Franz. Das verspricht scharfe Satire und klare Erkenntnis. Etwa über den Doppelbesuch 2005 in Togo und Ghana, bei dem der Franz für die Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland warb!

Aktueller geht’s nicht.

Donnerstag, 4.6.15, 23.30-24.00 Uhr, ARD!

955: Reemtsma-Nachfolge im Institut für Sozialforschung

Dienstag, Juni 2nd, 2015

Jan Philipp Reemtsma hat das von ihm 1984 gegründete Hamburger Institut für Sozialforschung von 1990 bis 2015 als Vorstandsvorsitzender geleitet. Sein Nachfolger ist mein Göttinger Kollege Wolfgang Knöbl, der in unserer Fakultät seit 2002 international vergleichende Sozialwissenschaften betrieb. Die Beiden werden in der SZ (2.6.15) von Jens Bisky interviewt.

SZ: Wenn man dem allgemeinen Gerede lauscht, hört man seit spätestens einem Jahr, seitdem zum IS-Terror, zur Euro- und Finanzkrise noch der Krieg in der Ukraine hinzugekommen ist, immer häufiger die Auskunft: Ich verstehe die Welt nicht mehr. Geht es Ihnen ähnlich?

Knöbl: Seit 1989, seit dem, was wir „Globalisierung“ nennen, tun sich die Sozialwissenschaften schwer. Meine Disziplin, die Soziologie, hat derzeit auch deswegen große Schwierigkeiten, weil sie es versäumt hat, sich mit historischen Aspekten der Wirklichkeit auch unter vergleichenden Gesichtspunkten auseinanderzusetzen. Man kann natürlich immer aus der Distanz über die Ukraine oder Syrien forschen, aber die guten Arbeiten zeichnen sich durch Orts- und Sprachkenntnisse aus.

SZ: Die alte Nachbarschaft von Soziologie und Kulturkritik wollen Sie also beenden?

Knöbl: Ich bin sehr für Trennung von Tatsachen und normativen Fragen. Allerdings glaube ich, dass sich die Soziologie, weil diese Trennung nie ganz durchzuhalten ist, an einem bestimmten Punkt auch normativen Fragen stellen muss. Dann muss sie sich aber mit der Philosophie und anderen Disziplinen ins Benehmen setzen, um ihre Urteile abzusichern. Es hat niemand einen privilegiuerten Zugang zu normativen Standpunkten.

954: Münkler: Deutschland – Macht in der Mitte

Montag, Juni 1st, 2015

Für den Berliner Politikwissenschaftler

Herfried Münkler

ist Deutschland gerade auf Grund seiner Vergangenheit, in der es schwerste Verbrechen begangen habe, geeignet, die Führungsrolle in Europa zu übernehmen. Ideen wie der von den Vereinigten Staaten von Europa erteilt Münkler eine Absage. Damit provoziert er in seinem Essay

Macht in der Mitte. Edition Körber-Stiftung, 208 Seiten, 18 Euro.

Europa müsse mit Deutschland endlich ein

Zentrum

finden, welches seine politische, ökonomische und kulturelle Macht besonnen ausüben könne. Frei von Einkreisungsängsten, die in der Vergangenheit zu gefährlichen Abenteuern, ideologischen Überschüssen und Zweifrontenkriegen geführt hätten.

„Offenbar ist das mentale Bedürfnis nach zentrierten Räumen eine anthropologische Konstante bei der imaginativen Vergegenwärtigung der Welt.“

Nach Münkler kann Deutschland die EU als Machtgebilde erhalten, stabilisieren, wirtschaftlich stärken und konfliktarm ausgestalten. Sehr wohl habe Deutschland als Nationalstaat das Interesse, das Gemeinwohl der gesamten EU zu befördern, weil es gleichsam in seinem Eigeninteresse liege. Frankreich und die südlichen EU-Staaten seien zur Übernahme dieser Rolle insgesamt zu schwach. Deutschland müsse noch stärker als bisher seine Rolle als

Zahlmeister und Zuchtmeister

spielen, um die EU wirtschaftlich zu stärken, damit sie im globalen Wettbewerb mithalten könne, und dabei die anderen EU-Staaten mitziehen.

Ja, Deutschland solle sogar seine kulturelle Macht ausbauen, um akzeptiert zu werden. „Das beginnt bei der Attraktivität seiner Universitäten für ausländische Studenten … und endet bei der Reputation von Orchestern und Opernhäusern.“ (Adam Soboczynski, Die Zeit 7.5.15)

Mit seinen Thesen wird sich Herfried Münkler keine Freunde machen. Ich stimme ihm trotzdem im Wesentlichen zu.

953: DFB agiert erbärmlich.

Montag, Juni 1st, 2015

In der großen Korruptions-Affäre der Fifa agiert der DFB erbärmlich. Das könnte darauf zurückzuführen sein, dass Sepp Blatter stets Korruptions-Andeutungen zur deutschen WM-Bewerbung 2006 gemacht hat. Franz Beckenbauer war an der Vergabe der WM 2018 an Russland und 2022 an Katar beteiligt. Was hat es mit seiner Tätigkeit als Werbetestimonial für die russische Gasindustrie auf sich?

Klar ist demgegenüber, dass Chuck Blazer, der ehemalige Generalsekretär des mittelamerikanischen Fußballverbands Concacaf, als Kronzeuge dem FBI zur Verfügung steht. Die Fifa hatte 2008 im Zusammenhang mit der WM-Vergabe an Südafrika 10 Millionen Dollar an die Concacaf überwiesen. (Johannes Aumüller/Thomas Kistner, SZ 1.6.15) Wer bei der Fifa hat das unterschrieben?

Feststeht auch, dass sich Uefa-Präsident Michel Platini (Frankreich) für die WM-Vergabe an Katar ausgesprochen hatte. Dort verdient sein Sohn sein Geld. Insofern ist das Vorgehen der Uefa gegen die Fifa unglaubwürdig.

952: Bei Todesstrafe: Ausschluss Ungarns

Montag, Juni 1st, 2015

Der EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker hat angekündigt, dass Ungarn die EU verlassen müsse, falls die Regierung Viktor Orbans an ihrem Vorhaben festhalte, die Todesstrafe einzuführen.

Ich finde das gut, weil endlich einmal ganz deutlich wird, dass die Todesstrafe menschenrechtswidrig ist und welche Werte wir in der EU teilen.

951: Jeanine Meerapfel – Präsidentin der Akademie der Künste

Montag, Juni 1st, 2015

Jeanine Meerapfels erster Spielfilm „Malou“, den ich auf der Berlinale 1980 gesehen habe, ist eine Tochter-Mutter-Geschichte, in der Ingrid Caven die Malou spielt und Michael Ballhaus die Kamera führt. Beide haben viel mit Fassbinder gearbeitet. Meerapfel widmete sich in vielen Filmen, von denen mehrere autobiografisch sind, ihrer bayerisch-jüdischen Herkunft, etwa im „Land meiner Eltern“ (1981). Geboren ist sie 1943 in Buenos Aires. Leitende Themen ihrer Arbeit sind Aufbruch, Exil, Rückkehr und Entfremdung.

Meerapfel kam 1964 nach Deutschland und studierte in Ulm bei Alexander Kluge und Edgar Reitz. In ihrem letzten Film „Der deutsche Freund“ verlieben sich ein argentinischer Junge und ein jüdisches Mädchen. Der Vater des Jungen war SS-Obersturmbannführer. Der Sohn geht nach Deutschland und wird dort „Revolutionär“. Meerapfel konzentriert sich auf das Selbstzerstörerische der „Revolution“, das sie in dieser Stärke nur in Deutschland kennengelernt habe. Sie ist offen für die deutschen Diskurse.

Gerade ist sie zur Präsidentin der Akademie der Künste gewählt worden (Fritz Göttler, SZ 1.6.15).

950: Deutschland hat die niedrigste Geburtenrate.

Samstag, Mai 30th, 2015

Nach Angaben der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft BDO und des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts (HWWI) werden in Deutschland pro 1000 Einwohner durchschnittlich nur 8,3 Kinder geboren. Weniger als in allen anderen Staaten. Dadurch sinkt der Anteil der Erwerbsfähigen (zwischen 20 und 65 Jahren) an der Gesamtbevölkerung von derzeit 61 Prozent im Jahr 2030 auf 54 Prozent (FAZ 30.5.15)

948: Peter Singers Moral

Samstag, Mai 30th, 2015

Peter Singer ist ein berüchtigter Bioethiker. Der Australier lehrt in Princeton (USA). Schon in seinem Buch „Praktische Ethik“ (1979) formuliert er radikale Thesen.

Er bestreitet, dass Neugeborene in ihren ersten Tagen ein Lebensrecht hätten. Sie seien keine „Personen“.

Er tritt ein für die Ausweitung der aktiven Sterbehilfe.

Nun hat die phil.Cologne, ein internationales Philosophie-Festival, Peter Singer ausgeladen. Er hatte dort über das Thema „Retten Veganer die Welt?“ sprechen sollen. Grund für die Ausladung war ein Singer-Interview in der „NZZ am Sonntag“. Dort plädierte Singer u.a. dafür,

dass, wenn man die Wahl habe, Hunderte Schweine oder ein einziges Kind vor dem Feuertod zu retten, man sich von einer gewissen Anzahl an für die Schweine entscheiden müsse (Michael Stallknecht, SZ 29.5.15; Andrian Kreye, SZ 30./31.5.15).

 

947: Hans Bender: „Ich schreibe kurz.“

Freitag, Mai 29th, 2015

Hans Bender ist tot. Der 1919 im Kraichgau geborene Schriftsteller und Zeitschriftenredakteur („Konturen“, „Akzente“), ein Kollege von Walter Höllerer,  war eine der Schlüsselfiguren der deutschen Nachkriegsliteratur. Sein Terrain war die „kleine Form“. Erst 1949 war er aus sowjetischer Gefangenschaft zurückgekehrt und lebte seit 1959 in Köln. Seiner Heimat, dem Kraichgau, fühlte er sich stets verbunden. Das ging bis zum Aufstieg der TSG 1899 Hoffenheim. Benders Motto kommt in einem Buchtitel von 1996 zum Ausdruck:

„Ich schreibe kurz.“

Dem eifere ich hier nach.

946: Benjamin Murmelstein – vollständig rehabilitiert

Freitag, Mai 29th, 2015

In ihrem weltberühmten Buch „Eichmann in Jerusalem“ (1963, dt.: 1964) beurteilte

Hannah Arendt

die „Judenräte“ in deutschen Konzentrationslagern so, wie es vorher noch nie jemand gewagt hatte. Sie seien wegen ihrer Feigheit der Beihilfe an ihrer eigenen Ermordung schuldig. Wir wissen heute noch sehr genau, welche Empörung dies in der jüdischen Welt hervorgerufen hat. Einer der schärfsten Kritiker Arendts war der Kabbala-Forscher

Gerschom Scholem (als Gerhard Scholem in Berlin geboren),

der sich über „Eichmann in Jerusalem“ mit Arendt entzweite. In einer Person war sich Scholem aber mit Arendt einig, in der Verurteilung des „Judenältesten“ (ein Nazi-Wort) von Theresienstadt (Terezin)

Benjamin Murmelstein.

Über ihn schrieb Scholem an Arendt 1963: „Gewiss, Murmelstein verdient es, gehängt zu werden.“

Der Rabbiner Benjamin Murmelstein aus Wien ist inzwischen rehabilitiert worden. Und zwar von Claude Lanzmann. Für seinen Film „Shoah“ (1985) hatte er 1975 fünfzehn Stunden mit Murmelstein in Rom gedreht, dieses Material aber nicht für den berühmten Film verwandt. Nun hat er einen eigenen Film daraus gemacht:

„Der letzte der Ungerechten“,

in dem der Rabbiner ständig selbst zu Wort kommt. Der Film läuft auf eine Rehabilitation Murmelsteins hinaus. Er war im September 1944 zum „Judenältesten“ bestimmt worden. Theresienstadt war in gewisser Hinsicht ein Vorzeige-KZ, das z.B. dem Internationalen Roten Kreuz vorgeführt wurde. Dort haben die Nazis den Propaganda-Film „Der Führer schenkt den Juden eine Stadt“ gedreht (zur Regie gezwungen: Kurt Gerron), der in Teilen heute noch erhalten und in der Kreisbildstelle Göttingen auszuleihen ist. Ich habe ihn in der politischen Bildung von Lehrern mehrfach eingesetzt.

Murmelstein hat sein Amt benutzt, um schlimmere Verbrechen, als ohnehin geschahen, zu verhindern. „Mir ging der Ruf voraus, dass ich ein Schreier war und autoritär.“ Alle Insassen wussten: „Im Osten ist alles noch viel schlimmer.“ Aber nicht alle wussten, dass „im Osten“ Vernichtung auf sie wartete. Murmelstein: „Ich musste mich unentbehrlich machen und in gewisser Weise mit dem Ghetto identifizieren.“ „Ich war kein Träumer, ich war der berechnende Realist.“

Murmelstein bewegte sich auf dem Feld der Lüge, er log um der Wahrheit willen, er trickste und feilschte und war renitent durch Anpassung. Vorher war er in Wien Leiter der Auswanderungsabteilung der Israelitischen Kultusgemeinde gewesen. Dort hatte er 128.000 Juden zur Ausreise verholfen. „Ich gestehe, darüber Genugtuung zu empfinden.“ In Wien hatte er fast täglich mit Adolf Eichmann zu tun. „Eichmann war ein Sachverständiger für Auswanderung, aber gelernt hat er es bei mir.“ Hannah Arendts These von der

Banalität des Bösen

findet Murmelstein allerdings lächerlich. Eichmann sei ein korrupter, geldgieriger Erpresser gewesen, das komme bei Arendt gar nicht vor. „Eichmann war ein Dämon.“ Murmelstein kennt Scholems Forderung, ihn zu hängen durchaus. Zu Claude Lanzmann sagt er dazu: „Ein bisschen kapriziös ist der Herr mit dem Aufhängen, finden Sie nicht.“ (Thomas Assheuer, Die Zeit 7.5.15)