Archive for the ‘Gesellschaft’ Category

976: EKD: Judentum, Christentum und Islam unterscheiden sich.

Freitag, Juni 26th, 2015

In ihrem Grundsatztext „Christlicher Glaube und religiöse Vielfalt in evangelischer Perspektive“ expliziert die EKD die Unterschiede der „abrahamitischen Religionen“. „Die drei monotheistischen Religionen unterscheiden sich in dem, was sie verbindet.“ Es gehe nicht um denselben Gott, der sich für Christen in Jesus Christus offenbare, für Muslime im Koran. Daher sei die Ansicht, dass alle drei monotheistischen Religionen an denselben Gott glauben würden, „eine Abstraktion“. Und leere Abstraktionen würden nicht weiterhelfen.

„Da der christliche Glaube eine je eigene individuelle Gewissheit ist, kann er nicht verantwortlich vertreten werden, ohne das Recht divergierender religiöser Überzeugungen und damit das Recht des religiösen Pluralismus anzuerkennen und zu stärken.“ Gegen Christenverfolgungen auf der ganzen Welt protestiert der Text entschieden. In religionsverschiedenen Ehen müsse sich der „zu Christus bekennende Ehepartner ohne die Angst leben können, sich zwischen Glaube und Liebe entscheiden zu müssen“. Der evangelische Grundsatztext betont, dass es falsch sei zu meinen, dass alle Religionen irgendwie dasselbe glauben. Christen dürften sich nicht an „die Indifferenz der Religionsmüden anpassen“.

Zum Judentum habe das Christentum eine ganz besondere Beziehung, weil „es den christlichen Glauben ohne die bleibende Verbundenheit mit der Geschichte des jüdischen Volkes gar nicht gäbe“. Gottes Erwählung Israels bestehe auch nach Jesu Kommen weiter, Christen und Juden hätten „eine gemeinsame Grundlage“. Altes und Neues Testament seien Gottes Wort. Das Alte Testament sei nicht „als Buch einer anderen Religion“ zu begreifen (Matthias Kamann, Die Welt 13.6.15).

975: EnBW-Chef: Überzeugungstäter bei Wind und Solar

Donnerstag, Juni 25th, 2015

EnBW-Chef Frank Mastiaux hat den Auftrag, seine Firma zu einem grünen Energiekonzern umzubauen. Er bezeichnet sich selbst als „Überzeugungstäter bei Wind und Solar“. Markus Balser und Max Hägler haben ihn für die SZ (24.6.15) interviewt.

SZ: Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer etwa torpediert den Bau neuer Stromautobahnen. Sein jüngster Vorschlag: Der Strom soll durch Baden-Württemberg fließen statt durch Bayern. Eine gute Idee?

Mastiaux: Ich fand das schon sehr bemerkenswert, als ich das hörte. Das würde auf eine komplette Änderung des Netzbauplanes hinauslaufen und bedeutet mehrere Jahre Verzögerung beim Ausbau der dringend benötigten Hochspannungsleitungen.

SZ: EnBW will zum Windkonzern werden – und für 550 Millionen Euro den insolventen Windpark-Planer Prokon kaufen. Es gibt nur ein Problem: Viele Mitarbeiter und Eigentümer wollen lieber eine Genossenschaft gründen. Ist die Chance dahin?

Mastiaux: Es sind zwei sehr unterschiedliche Konzepte, über die 75ooo Genussrechtsinhaber abstimmen müssen. Wir sind dabei, in vielen Veranstaltungen Überzeugungsarbeit für unser Konzept zu leisten. Wir glauben, das bessere Angebot zu haben.

SZ: Das bessere? Sie zahlen weniger!

Matiaux: Bei uns erhalten die Anleger ihr Geld sofort und sicher – und nicht wie im Genossenschaftsmodell erst in 15 Jahren und dann auch nur, wenn die Erträge dies ermöglichen. Und wir werden nicht nur den Bestand des Unternehmens sichern, sondern Prokon mit erheblichen Investitionen weiterentwickeln.

 

 

974: Bildungspolitische Binsenweisheiten – Qualität der Lehrer entscheidet.

Dienstag, Juni 23rd, 2015

1. Erstaunlich finde ich es immer wieder, wie gut Deutschland wirtschaftlich, sozial und politisch dasteht angesichts der vielen Fehler, die in der Bildungspolitik der letzten Jahre permanent gemacht worden sind: Gleichmacherei, Absenken von Leistungsanforderungen, Hinterherwerfen von Bildungsabschlüssen. Dann kommen die Zöglinge dieses Systems im Handwerksbetrieb an und können nicht rechnen. Oder auf der Universität landen sie und können kein Deutsch. So kann es doch wohl nicht weitergehen. Der Platz Deutschlands ist wohl nur so zu verstehen, dass es in anderen Staaten noch schlechter aussieht.

2. Wer konnte eigentlich auf die Idee kommen, dass G 8, das Abitur nach zwölf Jahren, oder Bachelor- und Master Studiengänge richtig sind, die völlig verschult, schematisiert und formalisiert wurden und in denen es keine akademische Freiheit zum wirklichen Lernen mehr gibt. Stand dahinter etwa auch die Selbsterkenntnis mancher Befürworter, dass die eigene Kompetenz in vielen wichtigen Fragen unzureichend ist? Und dass es gar nicht gut ist für die jungen Leute, wenn sie so viel wissen, da kommen sie nur auf „dumme Gedanken“? Ich fürchte ja. Sozusagen die Solidarität der Inkompetenten.

3. Die Hauptschule ist in den letzten Jahrzehnten ja bildungspolitisch bewusst „abgewirtschaftet“ worden. Als Kind habe ich noch eine Zeit erlebt, als meine Klassenkameraden nach der Hauptschule sehr kundige Handwerksmeister und erfolgreiche Unternehmer wurden.

4. Noten sollen weithin abgeschafft werden. Dabei wird übersehen, dass sie in der Summe aussagekräftig und gerecht sind. Ja, sie können denjenigen, welche die „Beurteilungslyrik“ aus den Schulen nicht verstehen, sogar helfen. Insbesondere sozial schwächeren Kreisen. Wenn deren Kinder begabt und leistungsfähig sind.

5. Schullaufbahnempfehlungen sollen partiell abgeschafft werden. Das bringt gar nichts; denn sie haben sich bisher als sehr treffend erwiesen.

6. Der Trend zum Abitur für alle (etwa bei der OECD) entwertet das Abitur vollständig. Es ist dann gar nichts mehr wert. Manche wollen das wohl.

7. Sitzenbleiben soll es nicht mehr geben. Natürlich ist das nicht gottgegeben, aber es orientiert. Ein Teil der Sitzenbleiber hätte das Ziel erreichen können, wäre er nur besser gefördert worden. Ein Teil hat insgesamt zu große Lücken, die durch ein Jahr der Wiederholung geschlossen werden (hier nicht auf die SPD und die GEW hören!). Für einige kommt das Sitzenbleiben, weil sie in der falschen Schulart sind.

8. Es ist Unsinn, für den Zugang zur Universität die Abiturnoten zu nehmen. In Bremen kriegst du ganz andere als in Baden-Württemberg. D.h. die Schüler aus den leistungsstarken Bundesländern sind beim Uni-Zugang benachteiligt. Pervers.

9. Inklusion ist eine menschenfreundliche Idee. Aber wo es um Leistung geht, kann sie zur Demotivierung führen (etwa im Sport, in der Musik, in der Mathematik, anderswo auch). Zugespitzt: Wir haben an der Universität noch nicht genug Inklusion, es fehlen uns die ganz Doofen.

10. Ich sehe zwei Maßnahmen, mit denen der gegenwärtigen Misere entgegengewirkt werden kann:

a) Die Universitäten dürfen sich nicht auf die Schulnoten verlassen, sondern müssen in Eingangstests selbst die Eignung von Bewerbern feststellen.

b) Entscheidend für die Qualität unseres Bildungssystems ist die Qualität der Lehrer auf allen Ebenen. Die Kandidaten sollten von erfahrenen Rektoren, Direktoren und Lehrern, Pädagogen an Universitäten eignen sich vermutlich weniger, geprüft werden, ob sie auch sozial und menschlich ihren künftigen Aufgaben gewachsen sind. So vermeiden wir bei den Lehrern die Sadisten, die Zyniker und die Gleichgültigen. Wir brauchen dort die qualifizierten Förderer. Das entscheidet.

973: Pistorius: Flüchtlingen helfen

Dienstag, Juni 23rd, 2015

Heribert Prantl (SZ 23.6.15) hat den niedersächsischen Innenminister Boris Pistorius (SPD) zu Flüchtlingen befragt.

SZ: Die EU-Außenminister haben soeben Militärmaßnahmen gegen Schlepper beschlossen, die in ihren Booten Flüchtlinge übers Mittelmeer befördern. Ist das kluge Flüchtlingspolitik?

Pistorius: Nein. Mit solchen militärischen Mitteln kann man vielleicht kurzzeitig dafür sorgen, dass die Zahl der Flüchtlinge zurückgeht. Eine Hilfe für die Flüchtlinge ist das natürlich nicht; das ist ein neues Element in der bisher praktizierten Abschreckungspolitik, aber nichts Zukunftsweisendes.

SZ: Wollen Sie die Schlepper nicht abschrecken? Wollen Sie deren Geschäft nicht bekämpfen?

Pistorius: Der Druck der Verhältnisse in den Fluchtländern ist so groß, dass die Menschen fliehen, koste es, was es wolle. Die Situation spitzt sich zu: Urlauber auf Kos erleben, wie am Strand Flüchtlinge anlanden. Militäraktionen dürfen da keine Aus-den-Augen-aus-dem-Sinn-Aktionen werden. Militärische Aktionen haben noch nie etwas gelöst.

SZ: Der Kardinal von Köln hat die Kirchenglocken für die toten Flüchtlinge läuten lassen. Es sollte  ein Weckruf sein, „der die Politik aufrüttelt“.

Pistorius: Mich treibt das Flüchtlingsproblem seit Langem um. Wer fliehen muss, der muss auch fliehen können. Als früherer Oberbürgermeister von Osnabrück, der Stadt des Friedensschlusses nach dem Dreißigjährigen Krieg, zitiere ich die Worte des gebürtigen Osnabrückers

Erich Maria Remarque:

„Mein Thema ist der Mensch dieses Jahrhunderts – die Frage der Humanität.“ Remarque hat das auf das 20. Jahrhundert bezogen. Wir müssen es aufs 21. Jahrhundert beziehen.

SZ: Was heißt das? Mit Appellen kommt man nicht weiter; die gibt es zur Genüge.

Pistorius: Ich bin kein Kardinal, kein Prediger, sondern ein politischer Praktiker. Ich habe mit den operativen Schwierigkeiten zu tun, die es gibt, wenn die Flüchtlingszahlen jeden Tag steigen – mit den finanziellen Auswirkungen, mit den Problemen der Unterbringung. Das tu ich und tun auch tausend andere Politiker und Beamte in Verantwortung in Kommunen und Ländern. Aber darüber hinaus muss man das ganze Problem einmal viel größer anpacken.

SZ: Packen Sie.

Pistorius: Wir brauchen nicht nur den deutschen Flüchtlingsgipfel, in dem wir über die Fragen der Finanzen und der administrativen Bewältigung verhandeln. Wir brauchen einen europäischen, vielleicht sogar einen Weltflüchtlingsgipfel. So etwas gab es schon einmal, 1938 in Evian. So einen internationalen Gipfel brauchen wir wieder.

SZ: Evian? Im französischen Evian haben 1938 die Staaten der Welt auf Einladung des US-Präsidenten Roosevelt über eine Aufnahme der im Nazi-Deutschland verfolgten Juden verhandelt. Das Ergebnis war null, ein Desaster. Keiner wollte sie aufnehmen, vor allem deswegen, weil die Nazis ihnen vorher das Vermögen abnahmen. Arme jüdische Flüchtlinge wollte keiner haben. Evian ist ein abschreckendes Beispiel für Verweigerung von Hilfe.

Pistorius: Diese Konferenz ist grandios gescheitert, das stimmt. Aber daraus gilt es zu lernen.

SZ: Beschreiben Sie die Tagesordnung einer (solchen) Flüchtlingskonferenz.

Pistorius: Es gibt zwei Themenstränge. Erstens: Wie gehen wir mit den Flüchtlingsströmen um, wie kann man sie lenken, wer nimmt wie viele Flüchtlinge auf, wie unterstützen wir Regionen, in denen die Flüchtlinge ankommen? Zweitens: Fluchtursachenbekämpfung. Da geht es vor allem um Wirtschaft, das ist kein einfacher Marshallplan …

SZ: … das war das gewaltige Wirtschaftswiederaufbauprogramm der USA in Westeuropa nach dem Zweiten Weltkrieg.

Pistorius: Wir brauchen heute einen Marshallplan hoch zehn für die Länder, aus denen die Flüchtlinge kommen.

972: Stolpern über Stolpersteine ?

Dienstag, Juni 23rd, 2015

In München sind seit 2004 die von dem Kölner Künstler Gunter Demnig entwickelten „Stolpersteine“ verboten, in den Gehsteig eingelassene Messingplatten mit den Namen und Lebensdaten der von den Nazis ermordeten Menschen. Auf Stadtratsbeschluss. Der Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde München, Charlotte Knobloch, ehemals Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, ist der Gedanke unerträglich, dass Neonazis ihre Springerstiefel an den Plaketten mit den Namen der ermordeten Juden abwischen.

Ich sehe das ganz anders. Nach unseren Berliner Erfahrungen wissen wir, dass mit den Stolpersteinen ein kollektives und individuelles Erinnern sehr wohl befördert werden. Aber ich respektiere natürlich die Emotionen von jüdischen Angehörigen und – Nachkommen.

In München sollen die Stolpersteine in Häuserwände eingelassen oder auf Stelen vor den Häusern angebracht werden. Beides ausschließlich auf Wunsch und – nach Vorstellungen der CSU – auf Rechnung der Angehörigen. „Es ist paradox: Diejenigen, die sich auf Charlotte Knobloch berufen, verhindern damit auch ihr Herzensanliegen – das individuelle Gedenken an die Opfer mitten im Alltag.“ Eine mögliche Lösung liegt in einer Schubalde des Münchener Kulturreferats. „Die aus Spenden finanzierten Stolpersteine soll es demnach dort geben, wo Hinterbliebene und Nachkommen sie wollen – und da nicht, wo diese sie ablehnen. Und wo es weder die einen noch die anderen gibt, müssen Fachleute und Opferverbände entscheiden. Das klingt einfach. Und erfordert einfach Mut.“ (Martin Bernstein, SZ 23.6.15)

971: Intelligenz ist erblich.

Montag, Juni 22nd, 2015

Die Intelligenzforschung weiß es seit langem, nur will die Pädagogik in weiten Teilen es nicht zur Kenntnis nehmen, dass nämlich die Intelligenz erblich ist. In Deutschland hängt das gewiss weithin mit der völlig unwissenschaftlichen Nazi-Rassenlehre zusammen, die mit zum Holocaust geführt hat. Der Verhaltensgenetiker Robert Plomin, der in London lehrt, ist von Ulrich Bahnsen und Martin Spiewak interviewt worden (Die Zeit 3.6.15).

Zeit: .. Wer bestimmt denn nun in erster Linie, ob ein Schüler später studieren kann oder nur einen einfachen Schulabschluss schafft?

Plomin: Die Erbanalagen. Die Unterschiede im Lernerfolg von Kindern sind zu einem großen Teil von Genen abhängig, das weiß die Wissenschaft seit langem. Unsere jüngste Studie zeigt nun, dass neben der Intelligenz auch andere Persönlichkeitsmerkmale, die für ein erfolgreiches Lernen bedeutsam sind – also

Zuverlässigkeit,

Konzentrationsfähigkeit,

geistige Stabilität oder

Neugierde -,

einem erheblichen genetischen Einfluss unterliegen. …

Den größten Einfluss haben die Gene dabei auf die Intelligenz, also auf das

abstrakte Denkvermögen und

das Gedächtnis,

die räumliche Vorstellungskraft sowie

verbale Fähigkeiten.

Zeit: Gilt das für andere Fähigkeiten genauso?

Plomin: Die Umwelt, in der ein Kind aufwächst, bestimmt, wie sich das Potenzial entwickelt, das in den Genen steckt. Gleichzeitig aber formen die Gene wiederum die Umwelt. Sie treiben meine Enkelin ans Bücherregal und meinen Enkel auf den Sportplatz.

Zeit: In Deutschland sind solche Aussagen immer noch heikel. Ist die Botschaft von der Erblichkeit der Intelligenz im angelsächsischen Raum eher akzeptiert?

Plomin: Mittlerweile ja. Bevor ich vor zwanzig Jahren nach London wechselte, wurden wir als Intelligenzforscher in den USA regelrecht attackiert. Heute werden unsere Forschungsergebnisse weithin anerkannt. Nur ein Bereich macht da eine Ausnahme.

Zeit: Welcher?

Plomin: Die Bildung. Sie ist die letzte Bastion, die den Einfluss der Gene ignoriert. Wenn ich meine Erkenntnisse im englischen Bildungsministerium vorstelle, dann treffe ich dort nicht etwa auf Feindseligkeit, sondern auf Ahnungslosigkeit. Diese Leute sind wie vom Donner gerührt, sie haben noch nie davon gehört, dass die Genetik unsere kognitiven Fähigkeiten beeinflusst. Dabei wissen wir das seit Jahrzehnten.

Zeit: Warum sollte ein Bildungspolitiker oder ein Lehrer sich für ihre Forschungen interessieren?

Plomin: Weil ich eigentlich erwarte, dass jene, die für die Bildung unserer Kinder verantwortlich sind, wissenschaftliche Erkenntnisse über das Denken und Lernen zur Kenntnis nehmen.

Zeit: Was ist denn ihre Botschaft?

Plomin: Dass Kinder unterschiedlich sind und zwar besonders in ihrer Lernfähigkeit.

Zeit: Da erzählen Sie keinem Lehrer etwas Neues.

Plomin: Mag sein, aber dann frage ich mich, warum Lehrer sich immer noch vor 30 Schüler stellen und allen den gleichen Vortrag halten. Diese Methode scheint mir völlig verrückt zu sein, denn ein solcher Unterricht langweilt die klugen Schüler und bringt die schwachen Schüler in Schwierigkeiten. Was wir stattdessen brauchen, ist ein individueller Lehrplan, der sich den Voraussetzungen und Bedürfnissen des einzelnen Schülers anpasst. Nur so können wir optimale Lernergebnisse erzielen.

Zeit: Wie soll ein individueller Unterricht möglich sein? Wir können ja nicht jedem Kind einen Privatlehrer an die Seite stellen.

Plomin: Eine gute Bildung für alle kostet etwas. Mittlerweile eröffnen uns die digitalen Medien ganz neue Optionen, den Unterricht zu personalisieren. Es gibt bereits verschiedene Programme, mit denen Schüler in ihrem individuellen Lerntempo Mathematik lernen. Dabei werden die Lehrer entlastet und gewinnen Zeit, sich um Schüler zu kümmern, die wirklich Probleme in dem Fach haben.

Zeit: Spielt Ihr Ansatz nicht eher all jenen in die Hände, die sagen, wir machen es wie früher: ‚Educate the best, forget about the rest‘?

Plomin: Ich bin Mitglied der Labour-Partei. Ich sehe das ganz anders und zwar nicht nur aus sozialen, sondern auch aus ökonomischen Gründen. Denn es ist eine Dummheit, zu glauben, man brauche nur ein paar Genies, die Google oder Youtube erfinden, und für alle anderen reiche es, wenn sie die Techniken benutzen können. In unseren technologisch avancierten Gesellschaften hängt der wirtschaftliche Erfolg von einer sehr breiten Basis gut gebildeter Menschen ab. Allein deshalb muss man sich um alle Schüler kümmern. Die größten ungenutzten intellektuellen Potentiale dürften in sozial benachteiligten Familien liegen. Für Kinder aus solchem Umfeld benötigen wir eine kostenlose Vorschulerziehung spätestens ab dem Alter von zwei Jahren.

Vgl. Christine Scharf: Vorschulerziehung als eine Maßnahme gegen Lernschwierigkeiten im Anfangsunterricht. Schriftliche Hausarbeit für das Lehramt an Volksschulen. Göttingen 1969 !

 

970: Milliardenentschädigung für Yukos

Sonntag, Juni 21st, 2015

Im Juli 2014 war der Ständige Schiedsgerichtshof in den Haag zu dem Schluss gekommen, dass Russland den seinerzeit größten Ölkonzern des Landes Yukos gezielt in den Bankrott getrieben habe, um die Überreste in das Staatsunternehmen Rosneft zu überführen. Das Gericht sprach den Yukos-Aktionären 50 Milliarden Dollar Entschädigung zu.

Ein Teil davon ist jetzt in Belgien, Frankreich und Österreich geltend gemacht worden. Betroffen davon sind auch die Nachtrichtenagentur Tass und das Propaganda-Netzwerk „Russia Today“. Es dürfte größte Auswirkungen geben, falls das Haager Urteil auch in Großbritannien umgesetzt wird. Dort sind tausende Personen, Firmen und Trusts ansässig, die auf vielfältige Weise mit russischen Staatsunternehmen verbunden sind. Interessant wären dann die Reaktionen des Finanzplatzes London (Julian Hans, SZ 20./21.6.15).

969: Die Atmosphäre ist Gemeinschaftseigentum.

Sonntag, Juni 21st, 2015

Der stellvertretende Direktor des Potsdamer Instituts für Klimafolgenforschung, Ottmar Edenhofer, erklärt die päpstliche Enzyklika „Laudato si. Lettera Enciclica sulla cura della casa commune.“ Michael Bauchmüller und Christopher Schrader haben ihn für die SZ (20./21.6.15) interviewt.

SZ: Klimaschutz gilt für viele Staaten mittlerweile als Überlebensthema. Wie konnte der Vatikan so lange dazu schweigen?

Edenkofer: Der Klima- und Umweltschutz tauchte schon in mehreren Enzykliken auf, aber immer nur am Rande. Die Kirche war immer sehr skeptisch gegenüber der grünen Bewegung der siebziger Jahre. Aus vatikanischer Sicht standen dort zu sehr die Folgen einer wachsenden Weltbevölkerung am Pranger. Und das Thema Klimawandel hat der Vatikan lange Zeit für geradezu absurd gehalten.

SZ: Obwohl viele Katholiken in Regionen leben, die den Klimawandel am ehesten spüren?

Edenkofer: Ja, und es waren auch Bischöfe des Südens, die als erste auf den Tisch gehauen haben. Bis dahin galt der Klimawandel als Luxusproblem der Reichen. Der Kampf gegen die Armut war der Kirche wichtiger als der gegen den Klimawandel. Das hat Franziskus gut aufgelöst.

SZ: Nämlich wie?

Edenkofer: Laudato si verbindet

Armut, Ungleichheit und den Klimawandel

miteinander, also die drei zentralen ethischen Herausforderungen. Sie ist deshalb auch keine Klima-, sondern eine

Gerechtigkeits-Enzyklika.

Sie stellt nicht das Bevölkerungsproblem ins Zentrum, sondern die Verteilung. Die Reichen verursachen den Klimawandel, die Armen tragen die Folgen. Und der Papst sagt klar: Verantwortlich ist die Verbrennung von Kohle, Öl und Gas und die Abholzung von Wäldern. Das war überfällig.

SZ: Schön und gut, aber was ändert es?

Edenkofer: Eine ganze Menge. Es gibt in der Enzyklika einen Satz, der heißt: Die Atmosphäre ist ein Gemeinschaftseigentum der Menschheit, ein Gemeinschaftsgut von allen für alle. Ein revolutionärer Satz.

968: Sinn: Der Grexit ist die Rettung.

Sonntag, Juni 21st, 2015

Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn befürwortet den Grexit. Christian Siedenbiedel hat ihn für die FAS (21.6.15) interviewt.

FAS: Was würde Deutschland der Grexit kosten?

Sinn: Der Grexit kostet Deutschland vermutlich nichts. Eher im Gegenteil: Wenn Griechenland im Euro bliebe, müssten wir immer neue Kredite geben, um die alten abzulösen und die fehlende griechische Wettbewerbsfähigkeit zu finanzieren. Die Verluste würden immer größer. Wenn Griechenland seinen Staatsbankrott offen zugibt, würde das nur die Verbuchung von Verlusten erzwingen, die heute schon da sind. Das maximale Verlustrisiko für Deutschland bei einem Konkurs von Staat und Banken liegt bei 87 Milliarden Euro; aber nur ein Teil wird anfallen. Bei einem Austritt kämen allerdings noch Verluste durch die später zurückfließenden Eurobanknoten hinzu.

FAS: Würde Griechenland nach dem Grexit ein neues Hilfsprgramm brauchen – und, wenn ja, in welcher Größenordnung?

Sinn: Man sollte überlebenswichtige Importe für Griechenland, die durch die Abwertung teurer werden, über ein Hilfsprogramm subventionieren: Medizin und Energie vor allem. Das ist aber weitaus weniger Geld, als man für eine Fortsetzung des jetzigen Kurses brauchen würde.

967: Studium.org setzt auf Inhalte.

Freitag, Juni 19th, 2015

Seit 1998 vergleicht das CHE-Ranking des Centrums für Hochschulentwicklung und der „Zeit“ in Deutschland Studiengänge. Dazu zählt es zum Beispiel, wie viel Abschlüsse in der Regelstudienzeit erreicht werden, und befragt Studenten. Etwa nach dem Engagement der Dozenten. Je nach Punktzahl werden die Studiengänge mit der Ampelmethode (grün, gelb, rot) gerankt: Spitze, Mittelfeld, Schlussgruppe. Wie in einer Bundesliga-Tabelle.

Eine Soziologengruppe um meinen ehemaligen Göttinger Kollegen Stefan Lessenich, der via Jena nun in München forscht und lehrt, fand die CHE-Erhebungen schon 2012 methodisch fragwürdig und die Ergebnisse pauschal und irreführend. Lessenich: „Wir setzen nicht auf Rankings, sondern auf Inhalte.“ Ausgerechnet der vom CHE positiv gerankte Fachbereich Soziologie an der Universität Jena, wo Lessenich seinerzeit arbeitete, führte die Rebellion gegen das Ranking an.

Sie ließen das Portal „Studium.org“ entwickeln, das von den Soziologen und Historikern in Deutschland finanziert wird. Angeschlossen haben sich inzwischen die Erziehungswissenschaften und die Publizistik- und Kommunikationswissenschaft, meine eigene Wissenschaft. Studium.org setzt auf Inhalte und berücksichtigt auch „weiche“ Kriterien wie

den regionalen Mietspiegel,

die Kinodichte oder

die Zahl der Sonnentage am Studienort.

Stefan Lessenich: „Wir halten Rankings für ungeeignet, um die Qualität von Lehre zu messen.“ Wie wahr, wie wahr!! (Anna Lehmann, taz 17.6.15)