Archive for the ‘Gesellschaft’ Category

985: Griechische Tragödie

Dienstag, Juli 7th, 2015

1. Die griechischen Wähler müssen die Verantwortung für ihr Votum übernehmen. Selbst dann, falls sie in großen Teilen nicht gewusst haben, was sie tun.

2. Der Sieg der Regierung Tsipras könnte sich als Pyrrhussieg erweisen.

3. Die Logik der Suppenküche, auch mit europäischer Hilfe, drängt sich außerhalb von Rettungsprogrammen auf. Ob das dem griechischen Stolz entspricht?

4. Es sieht so aus, dass Griechenland den Euro verlassen muss. Zwangsläufig dann, wenn das Bankensystem zusammenbricht.

5. Ein weiterer fauler Rettungskompromiss wäre kurzfristig billiger als der Grexit. Aber die griechische Umdeutung des europäischen Regelbuchs würde zum Zerfall der Euro-Zone und zur Zerstörung der Währung führen.

6. Nötig wäre ein großes Reformprogramm, damit der griechische Staat die Klientelwirtschaft überwindet und moderne wirtschaftliche und politische Strukturen aufbaut.

Ein solches Programm hat die Mehrheit der Griechen abgelehnt (Stefan Cornelius, SZ 7.7.15)

984: „Am Hofe Thielemanns“

Sonntag, Juli 5th, 2015

In der SZ (4./5.7.15) beschäftigt sich Harald Eggebrecht mit Christian Thielemanns Karriere. Er schreibt:

„Wer sich nämlich Thielemanns Laufbahn genauer anschaut, wird eine deutliche Spur von Verstimmungen und Krächen nicht übersehen können. Ob als Generalmusikdirektor in Nürnberg, als Chefdirigent an der Deutschen Oper Berlin oder bei den Münchener Philharmonikern – überall zeigte sich, dass dieser Kapellmeister die eigenen Vorstellungen nicht nur verfolgt, sondern ziemlich forsch durchsetzt. Kommt es, warum auch immer, zu Friktionen, angeblichen Intrigen oder vermeintlich unheilbaren atmosphärischen Störungen, kann Thielemann rasch die Lust verlieren. Gerade soll er mit seiner Robustheit in Bayreuth bewirkt haben, dass sich die Co-Intendantin Eva Wagner-Pasquier vom Festspielhaus fernhalten muss. Für viele war Thielemann auch der Favorit, als es um die Nachfolge von Simon Rattle bei den Berliner Philharmonikern ging. Doch an seinem Wesen schieden sich wohl die Philharmonikergeister.“

983: Poschardts Europa-Optimismus

Samstag, Juli 4th, 2015

In der „Welt“ (4.7.15) befasst sich Ulf Poschardt mit der Europa-Skepsis. Er schreibt:

„Ein Mantra der Euroskeptiker ist, dass es so etwas wie eine europäische Identität nicht gebe. Nie ist deutlicher geworden, wie falsch das ist, als in den vergangenen Tagen. Es ist zudem kein Widerspruch stolzer Europäer, deutscher Patriot und – am wichtigsten – leidenschaftlicher Franke zu sein. Auch Identitäten sind komplexer, als es Schlichtmaten gerne hätten. Vor über siebzig Jahren endete der fürchterliche Zweite Weltkrieg, ein Blutbad ungeahnten Ausmaßes, in dessen Zentrum ein barbarisch gewordenes Deutschland. Doch diese Tragödie hat zu einer epochalen Schubumkehr geführt. Nur eingedenk von Millionen von Toten und Verwundeten konnte eine derart stabile und segensreiche Friedensordnung entstehen wie hier in Europa. Mit unglaublichen Wundern wie der Freundschaft zwischen Deutschen und Polen, Deutschen und Franzosen, Deutschen und Israelis. Uns sollte also nicht bang sein in diesen Tagen, sondern wir sollten uns tatendurstig freuen auf das, was kommt.“

Dem schließe ich mich gerne an. Auch wenn die Berichterstattung der „Welt“ nicht immer unseren Anforderungen genügt. Und unsere Franken haben tatsächlich ihren Silvaner, ihre Weißbiere und das bayerische Helle. Und Grafenrheinfeld ist abgeschaltet.

982: TV-Rechte für Olympia bei Discovery

Samstag, Juli 4th, 2015

Das IOC unter Thomas Bach hat die TV-Rechte für die Olympischen Spiele 2018 und 2024 für 1,3 Milliarden Euro an den US-Konzern Discovery Communicatons vergeben. ARD und ZDF sowohl als auch die EBU, die Gemeinschaft europäischer öffentlich-rechtlicher Sender, gingen leer aus. Das ist wahrscheinlich wenig überraschend für die, die das schlechte Verhältnis von Bach zu den deutschen Öffentlich-Rechtlichen kennen. Denn Bach möchte einen eigenen olympischen Propagandakanal, auf dem nicht wie bei ARD oder ZDF ständig Doping oder Menschenrechtsverletzungen an den Austragungsorten thematisiert werden.

Discovery geht es ums Geld. Vor einem Jahr hat die Gesellschaft in Europa Eurosport für 345 Millionen Euro gekauft. Das sind ca. 130 Millionen Fernsehhaushalte. Discovery hat Kooperationen mit Streamingdiensten wie Netflix und Hulu vereinbart. Die Firma geht auf Marktanteile. In Deutschland fürchten relativ zentrale Sportarten wie Schwimmen und Leichtathletik nun um ihre Programmpräsenz. Randsportarten seien auch bei ARD und ZDF kaum noch zu sehen.

981: Josef Masopust gestorben

Dienstag, Juni 30th, 2015

Europas Fußballer des Jahres 1962, Josef Masopust (Dukla Prag), ist im Alter von 84 Jahren in Prag gestorben. Masopust hatte in Tschechien einen Status wie Franz Beckenbauer in Deutschland. Mit Dukla Prag gewann er acht nationale Meistertitel und schoss als Mittelfeldspieler in 63 Länderspielen zehn Tore. Den FC Brünn führte er 1978 zum Meistertitel. Von 1984 bis 1987 trainierte er die tschechische Nationalmannschaft, danach bis 1991 die indonesische. In seiner Heimat wurde er 2000 zum größten Fußballer des 20. Jahrhunderts gewählt (SZ 30.6.15).

980: Hartmut von Hentig – eine „kümmerliche Figur“

Montag, Juni 29th, 2015

Die Odenwaldschule wird geschlossen. Das ist für die Opfer sexueller Gewalt, die dort geübt wurde, eine Genugtuung. 132 davon gibt es mindestens. Der Verein „Glasbrechen“, der die Geschichte der Odenwaldschule aufarbeiten will, schätzt die Zahl auf 500. Besonders schlimm war es in den siebziger und achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts unter dem Schulleiter Gerold Becker, einem praktizierenden und bekennenden Pädophilen. Schon der Gründer der Odenwaldschule, Paul Geheeb, war ein Pädophiler gewesen. Und insofern ist in der Odenwaldschule auch die „Reformpädagogik“ endgültig beschädigt worden.

Eine Lichtgestalt der „Reformpädagogik“, Hartmut von Hentig („Systemzwang und Selbstbestimmung“), wurde durch die Aufklärung über die Odenwaldschule moralisch vollkommen diskreditiert, eine „kümmerliche Figur“. Hentig war der „Lebensgefährte“ von Gerold Becker. Er sprach gerne vom „pädagogischen Eros“. Wenige Tage vor dem Bekanntwerden des Charakters der Odenwaldschule hielt er einen Vortrag, in dem er beklagte, dass die Gesellschaft misstrauisch auf jede Zärtlichkeit zwischen Lehrern und Schülern blicke. Später brachte Hentig es fertig zu sagen, Becker könnte von Schülern verführt worden sein. Eine Umdeutung der Opfer zu Tätern (Tanjev Schultz, SZ 29.6.15). Billig!

979: Bürger dürfen wissenschaftlichen Dienst einsehen.

Montag, Juni 29th, 2015

Das Bundesverwaltungsgericht hat letzte Woche entschieden, dass jeder Bürger das Recht hat, Gutachten des Wissenschaftlichen Dienstes des Deutschen Bundestags einzusehen. Damit legt es das Informationsfreiheitsgesetz (IFG) von 2006 aus. Geklagt hatte „Die Welt“, die recherchieren wollte, ob und wie weit der Plagiator Karl-Theodor zu Guttenberg Gutachten des Wissenschaftlichen Dienstes für seine plagiierte Dissertation verwendet und dabei ggf. plagiiert hatte. Das Bundesverwaltungsgericht korrigierte zwei Urteile des Verwaltungsgerichts – und des Oberverwaltungsgerichts Berlin. Der Bundestag hatte 2011 dem Journalisten Manuel Bewarder die Einsicht in die Gutachten verweigert.

Manuel Bewarder schreibt heute („Die Welt“ 27.6.16): „Wir haben gewonnen. Es ist ein wichtiges Urteil für den Anwendungsbereich des IFG in Deutschland. Nach vier Jahren werden wir die Möglichkeit bekommen, selbst dem Plagiatsverdacht nachzugehen.“

978: Habeck: Seehofer ist der Dr. No.

Sonntag, Juni 28th, 2015

Der schleswig-holsteinische Umweltminister Robert Habeck (Grüne) will Spitzenkandidat seiner Partei bei den Bundestagswahlen 2017 werden. Der 45-jährige Schriftsteller sieht sich als „angstfreie Alternative“ zur grünen Führungsriege in Berlin. Claudia Kade und Karsten Kammholz haben ihn für „Die Welt“ (27.6.15) interviewt.

Welt: Warum wollen Sie Spitzenkandidat Ihrer Partei werden?

Habeck: Weil man nicht in der Zufriedenheit verharren soll, sonst wird sie zur Selbstgerechtigkeit. Ich kann einen Beitrag dazu leisten, die Grünen 2017 in die Regierung zu führen. Und zwar aus meiner Erfahrung als Verantwortlicher in einer Regierung. Ich werde dann fünf Jahre Regierungserfahrung haben, aber auch das Wissen, wie man Debatten so führt, dass man am Ende mehrheitsfähig ist. Ich möchte die Themen der Grünen so vortragen, dass uns mehr Menschen ihr Vertrauen schenken. Das ist heute ja schon mein täglich Brot. Wir haben im Land eine dünne Mehrheit, viele Themen in meinem Ressort betreffen nicht das grüne Milieu. …

Welt: Parteichef Cem Özdemir wird sich wohl auch bewerben. Wieso sollten sich die Grünen-Mitglieder bei der Kandidatenkür für Sie entscheiden?

Habeck: Sie sollen sich für ein offensives Politikverständnis entscheiden, eines, das Probleme angehen will und der Alternativlosigkeit etwas entgegensetzt: Nämlich Ermöglichung!

Welt: Die CSU lehnt jeden grünen Anstrich ab: Horst Seehofer will keinen Atommüll in Bayern – zugleich bremst er beim Ausbau der Netze  für erneuerbare Energien. Welche Erklärung haben Sie dafür?

Habeck: Seehofer ist der Dr. No der deutschen Politik. Er verkörpert das genaue Gegenteil dessen, was ich will. Sein Verhalten ist irrational und populistisch. Keinen Atommüll wollen und keine Energiewende haben wollen, aber Bayern als Industrieland halten – krasse Logik.

Kommentar W.S.: Das klingt ziemlich vernünftig. Nur: was machen wir mit den grünen Fahrrad-Indianern, welche als Ideologen die Wirtschaft beschädigen und den Verkehr lahmlegen wollen? Die sollten sich gefälligst überlegen, wo ihre Subventionen herkommen, wenn die Wirtschaftsleistung sinkt.

977: Camus‘ Moral der Brüderlichkeit

Samstag, Juni 27th, 2015

Albert Camus (1913-1960), der französische Philosoph und Literatur-Nobelpreisträger von 1957 war ein großer Moralist. Seine Philosophie, die mit dem Existentialismus verbunden war, wird allgemein als

Philosophie des Absurden

bezeichnet. Sie ist angelehnt an Friedrich Nietzsche (1844-1900).

1942 erschien „Der Mythos von Sisyphos“,

1951 „Der Mensch in der Revolte“.

Nach Camus‘ Kurzgeschichte „Der Gast“ hat der französische Regisseur David Oelhoffen nun den Film „Den Menschen so fern“ (mit Viggo Mortensen) gedreht. Darin treffen im Algerienkrieg Daru und ein Mann aufeinander, die einmal Kameraden in der französischen Armee waren. Heute stehen sie auf verschiedenen Seiten. Der Mann sagt: „Daru, ich liebe dich wie einen Bruder. Aber wenn ich dich morgen töten muss, weil du auf der falschen Seite stehst, werde ich das tun.“ (Rainer Gansera, SZ 25.6.15)

Das ist die Moral, der Albert Camus stets widersprochen hat. Niemals darf die Brüderlichkeit irgeneiner „Sache“ (Ideologie) geopfert werden. Das war auch Camus‘ Haltung in der Algerienfrage. Es macht ihn zum Philosophen der Menschlichkeit.

976: EKD: Judentum, Christentum und Islam unterscheiden sich.

Freitag, Juni 26th, 2015

In ihrem Grundsatztext „Christlicher Glaube und religiöse Vielfalt in evangelischer Perspektive“ expliziert die EKD die Unterschiede der „abrahamitischen Religionen“. „Die drei monotheistischen Religionen unterscheiden sich in dem, was sie verbindet.“ Es gehe nicht um denselben Gott, der sich für Christen in Jesus Christus offenbare, für Muslime im Koran. Daher sei die Ansicht, dass alle drei monotheistischen Religionen an denselben Gott glauben würden, „eine Abstraktion“. Und leere Abstraktionen würden nicht weiterhelfen.

„Da der christliche Glaube eine je eigene individuelle Gewissheit ist, kann er nicht verantwortlich vertreten werden, ohne das Recht divergierender religiöser Überzeugungen und damit das Recht des religiösen Pluralismus anzuerkennen und zu stärken.“ Gegen Christenverfolgungen auf der ganzen Welt protestiert der Text entschieden. In religionsverschiedenen Ehen müsse sich der „zu Christus bekennende Ehepartner ohne die Angst leben können, sich zwischen Glaube und Liebe entscheiden zu müssen“. Der evangelische Grundsatztext betont, dass es falsch sei zu meinen, dass alle Religionen irgendwie dasselbe glauben. Christen dürften sich nicht an „die Indifferenz der Religionsmüden anpassen“.

Zum Judentum habe das Christentum eine ganz besondere Beziehung, weil „es den christlichen Glauben ohne die bleibende Verbundenheit mit der Geschichte des jüdischen Volkes gar nicht gäbe“. Gottes Erwählung Israels bestehe auch nach Jesu Kommen weiter, Christen und Juden hätten „eine gemeinsame Grundlage“. Altes und Neues Testament seien Gottes Wort. Das Alte Testament sei nicht „als Buch einer anderen Religion“ zu begreifen (Matthias Kamann, Die Welt 13.6.15).