Archive for the ‘Gesellschaft’ Category

1005: Peter Schreier 80

Donnerstag, Juli 30th, 2015

Der Tenor, Dirigent, Musikwissenschaftler und Musikpädagoge Peter Schreier ist am 29.7.2015 achtzig Jahre alt geworden. Er ist der deutsche

Welt-Star

in der Musik. Bis 2005 (Prag) ist er aufgetreten. Heute noch leitet er internationale Meisterklassen für Gesang (seit 1981 ist er Honorarprofessor). Mit Mendelssohns Liedern hat er vor sechs Jahren die deutsche Liedtradition endgültig wieder belebt. Schreier singt diese Lieder mit einer Schlichtheit, die dem Werk alle Chancen lässt, sich selbst zu erklären und scheinbar ganz aus sich heraus zu wirken. Musikkenner identifizieren Schreier sofort an seiner sanften und dennoch strahlkäftigen Tenorstimme. Sie ist einmalig.

Helmut Mauro findet bei Schreier selbst im fortgeschrittenen Alter bei aller Eleganz der Melodiebildung keine unnötigen Manierismen. Schreier hat immer noch Reserven. „Man hat ihn nie an seinen Grenzen erlebt. Ganz anders als der stimmschwächere , näselnd verschleiernde Dietrich Fischer-Dieskau. Wer will, kann das beim Duett aus Franz Schuberts ‚Alfonso und Estrella‘ sehr gut nachvollziehen.“

1943 trat Schreier in den Dresdener Kreuzchor ein. Seine wunderschöne Alt-Stimme inspirierte anscheinend Kreuz-Kantor Rudolf Mauersberger zu speziellen auf Schreier zugeschnittenen Kompositionen. Sie entstanden nach 1945 unter großem Leidensdruck und gewannen durch Schreiers kristallklare Alt-Soli einen Hoffnungschimmer. Der junge Peter Schreier hat die Wirkung seiner Stimme gespürt und sie technisch auf das höchste Niveau gebracht. Seine Gesangskunst besticht durch Gradlinikeit, Schlichtheit und Ehrlichkeit. Seine Stimme hat einen  enorm großen Obertonreichtum. Schreier scheint für jede Figur, die er auf der Bühne verkörpert, persönlich einzustehen. Er ist als Musiker vollkommen glaubwürdig (Helmut Mauro, SZ 29.7.15).

Peter Schreiers Kunst erstreckt sich nicht nur auf die Musik Johann Sebastian Bachs, mit der er als Evangelist geglänzt hat, sondern auch auf die Lieder Franz Schuberts, Robert Schumanns und Felix Mendelssohn-Bartholdis. Und er brillierte in Mozarts Opern (Zauberflöte, Don Giovanni, Clemenza di Tito, Entführung aus dem Serail, Cosi fan tutte) und bei den Salzburger Festspielen. Als Künstler war Schreier bis 1990 ein Export-Schlager der DDR. Schon 1983 erschien „Aus meiner Sicht“, Gedanken und Erinnerungen eines großen Musikers und Menschen.

 

1004: Mit der Handschrift entdecken wir uns selbst.

Dienstag, Juli 28th, 2015

Mit der Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern durch Johannes Gutenberg (1400-1468) begannen die großen Beschleunigungen der Neuzeit. Es setzte ein der

Machtverlust der Kirche,

das Bürgertum trat seinen Siegeszug an,

der Journalismus entstand.

Martin Luther (1493-1546)

wurde so etwas wie der erste Journalist. Die Reformation verbreitete sich rasend schnell. Durch die Presse konnte Luther wie zu einem Auditorium sprechen. Er redete mit seinen Lesern wie mit Zuhörern in einem Raum. Der schreibende Luther brauchte keine Agora, keinen Senat, keine Aula, keinen Reichstag mehr, um Menschen zusammenzubringen, anzustiften, zu überzeugen.

Die Presse

und das gedruckte Wort werden wir deshalb nie unterschätzen. Und ging nicht die Erfindung des Rotationsdrucks für die Massenpresse dem ersten modernen Krieg voraus, dem US-amerikanischen Bürgerkrieg (1861-1865)? (Volker Zastrow, FAS 18.1.15)

Die genannten Tatsachen werden neuerdings gerne ins Feld geführt, wenn es darum geht, die Handschrift abzuschaffen und nicht mehr in der Schule zu lehren, allenfalls in rudimentärer Form. Dabei wird übersehen, dass es beim Schreiben mit der Hand um mehr geht, als nur Buchstaben zu Papier zu bringen. Es geht um alle Sinne. Alles konzentriert sich auf einen Punkt, auf die Spitze des Stifts, aus der Buchstaben auftauchen, die Wörter formen, die den Gedanken entspringen. Ausschweifungen sind nicht möglich, wenn Sinn entstehen soll. Das einmal Gedachte lässt sich wie das einmal von Hand Geschriebene nicht zurücknehmen. Das sorgfältige Schreiben mit der Hand wird zum Abbild des sorgfältigen Denkens. Durch das Schreiben mit der Hand wird das Geschriebene konzentriert. Die Schrift zwingt zum genauen Denken. Mit der Hand zu schreiben hilft dabei, schneller zu lesen, sich Informationen besser zu merken.

Das Tippen am Computer vermittelt dagegen die Illusion einer Welt ohne Fehler und Scheitern. Alles kann gelöscht, umgestellt, geändert werden. Vielleicht sehnen sich die Erwachsenen deshalb so danach. Die Anstrengung und mögliche Enttäuschung beim Schreiben mit der Hand, die sie selbst fürchten, wollen sie den Kindern vorenthalten. Sie wollen ihre Kinder zu effizienteren, normierteren, angepassten Menschen machen (Simona Pfister, FAS 18.1.15).

Aber das wollen wir doch gar nicht.

Wir wissen außerdem, dass die Studenten, die sich in der Vorlesung Notizen mit der Hand machen, bei der Wiedergabe von Fakten deutlich besser abschneiden als diejenigen, die auf einem Laptop schreiben. Gerade bei komplexeren Zusammenhängen. Die höhere Schreibgeschwindigkeit mit dem Laptop verleitet dazu, wörtlich mitzuschreiben. Papier- und Stiftbenutzer verarbeiten den Inhalt eher in eigenen, knappen Worten und verinnerlichen besser (Georg Rüschemeyer, FAS 18.1.15).

Die Schriftstellerin Cornelia Funke schreibt seit drei Jahren ihre Bücher wieder mit der Hand. Katrin Hörnlein und Jeanette Otto haben sie für die „Zeit“ interviewt (9.7.15).

Zeit: In Deutschland gibt es .. seit Jahren eine Debatte über die Schreibschrift. Vom Grundschulverband kommt die Empfehlung, künftig nur noch die sehr viel einfachere Grundschrift zu lehren. In etlichen Bundesländern geschieht das bereits.

Funke: Das verstehe ich überhaupt nicht. Wenn es die Schreibschrift noch nicht gäbe, müsste man sie erfinden. Ich glaube ganz fest daran, dass die Schreibschrift für Kinder und Jugendliche ein wunderbares Mittel ist, um sich selbst zu entdecken.

Zeit: Was entdeckt man da?

Funke: In der Art und Weise, wie wir schreiben, erkennen wir uns selbst – unsere Kraft, unsere Unsicherheiten. Wir sehen, ob wir gerade sehr aufgeregt und nervös sind oder ganz ruhig. Ob wir uns kleinmachen, wenn wir die Buchstaben klein halten, oder einen Platz in der Welt mit ausladenden Bögen behaupten. Im Schreiben drückt sich unsere Persönlichkeit aus.

Zeit: Das Argument gegen die Schreibschrift ist, dass die Kinder diese in der Arbeitswelt später nicht brauchen, da sei schnelles Tippen gefragt. Leuchtet Ihnen als studierter Pädagogin das nicht ein?

Funke: Überhaupt nicht! Erstens haben wir keine Ahnung, wie die Arbeitswelt in einigen Jahren aussehen wird – die Welt befindet sich in einem Umbruch wie nie zuvor. Und zweitens glaube ich, dass Kinder sowieso schon viel zu früh auf die Arbeitswelt vorbereitet werden anstatt auf die wirkliche Welt.

Zeit: Was meinen Sie mit der wirklichen Welt?

Funke: Wenn unsere Kinder eins für die Zukunft lernen müssen, dann kreative Lösungen für Probleme zu finden. Das Gegenteil ist der Fall. Der Kunstunterricht etwa wird gern abgeschafft, weil er nicht als besonders nützlich für die Vorbereitung auf das spätere Leben angesehen wird. Stattdessen wird nutzloses Wissen in die Köpfe gestopft. Es geht immer um Effizienz und Optimierung. Das finde ich ganz furchtbar!

 

 

 

1003: Sinkewitz: Anti-Doping – ein schlechter Witz

Dienstag, Juli 28th, 2015

Der internationale Radsportverband UCI hat ein internes Reinheits- und Aufklärungsprogramm aufgesetzt, die sogenannte Circ-Kommission. Dort sollten alle heiklen Themen der Vergangenheit und Gegenwart aufgearbeitet werden. Vernommen werden sollte auch Patrik Sinkewitz, der deutsche Fahrer, der 2006 und 2011 des Dopings überführt worden war. Sinkewitz war aussagebereit. Aber die Circ-Kommission hat es nicht zu einem Gespräch kommen lassen. Thomas Kistner hat Patrik Sinkewitz dazu befragt (SZ 25./26.7.15).

SZ: Hat sich nach Ihrer Einschätzung im Bereich der verbotenen Leistungshilfen mit Dopingmitteln Grundlegendes geändert im Vergleich zu der Zeit, als Sie noch aktiv waren?

Sinkewitz: Das Umfeld ist dasselbe geblieben. Das sagt doch eigentlich alles.

SZ: Sie meinen die Sportdirektoren, Ärzte und Betreuer?

Sinkewitz: Ich meine das große Ganze. Da hat sich doch personell nichts Grundlegendes geändert. Vom Radsport-Weltverband über die Tour-Organisation bis zu den Rennställen – der ganze Radsport hat sich eigentlich nicht spürbar verändert. Außer den Parolen über eine neue, saubere Generation, die jetzt angeblich am Start ist. Aber solche Parolen gibt es auch schon seit 17 Jahren.

SZ: Die Circ-Mitglieder verweigern auf Anfrage jede Stellungnahme … und verweisen auf eine Verschwiegenheitspflicht, die es geben soll.

Sinkewitz: Ich möchte mit diesen Leuten nichts mehr zu tun haben. Warum sollte ich dort noch Vertrauliches abladen? Niemals mehr, denn es würde eh nichts passieren. Das alles war und ist ein schlechter Witz.

1002: Brussig: DDR-Folklore will sexuelle Mystifizierungen.

Montag, Juli 27th, 2015

Der Schriftsteller Thomas Brussig, 50, stammt aus der DDR. 1991 erschien „Wasserfarben“. 1995 der Bestseller „Helden wie wir“. 1999 schrieb Brussig das Drehbuch zu „Sonnenallee“. In diesem Frühjahr ist sein neuer Roman „Das gibts in keinem Russenfilm“ erschienen. Caspar Busse und Steffen Uhlmann haben Thomas Brussig interviewt (SZ 24.7.15).

SZ: Als Student und Jungschriftsteller, der dann ganz schön durch die Betten gezogen ist, wie man im Roman lesen kann. Wie viel Kontrafaktisches steckt darin?

Brussig: (lacht) Meine Herren, bitte! Die DDR-Folklore will sexuelle Mystifizierungen. Dagegen bin ich machtlos.

1001: Laura Poitras kritisiert die USA.

Donnerstag, Juli 23rd, 2015

Die USA sind die westliche Führungsmacht. Im Rahmen der NATO gewährleisten sie unsere Sicherheit. U.a. mit Atomwaffen. Dass die Linken in Deutschland dies nicht anerkennen, verstehe ich so, dass sie sich nach wie vor mehr an Russland orientieren … Aber die USA spionieren im Netz auch rücksichtslos alle aus, von denen sie es für nötig halten. Unmöglich unter Freunden oder Verbündeten.

Laura Poitras ist die Vertraute von Edward Snowden. Gemeinsam mit Glenn Greenwald gibt sie das Informationsmaterial Snowdens über die Abhörpraktiken des US-Geheimdienstes NSA heraus. Für ihren Dokumentarfilm „Citizenfour“ hat sie 2015 den Oscar in der Kategorie „Bester Dokumentarfilm“ erhalten. Laura Poitras wird von den US-Behörden seit 2006 streng überwacht. Dagegen hat sie nun geklagt. Poitras lebte lange Zeit im Ausland, u.a. in Berlin, damit sie nicht US-Grenzen passieren musste. Ursula Scheer hat sie für die FAZ (18.7.15) interviewt.

FAZ: Was sagt die Situation, so, wie sie momentan ist, über die Lage der amerikanischen Sicherheitspolitik?

Poitras: Guantanamo, gezielte Tötungen mit Hilfe von Drohnen, Beobachtungslisten, Tötungslisten, präventive Kriege, diese Politik wird auf uns selbst zurückfallen. Nicht nur, dass diese Politik internationales Recht bricht und die Menschenrechte verletzt, sie untergräbt auf fundamentale Weise unsere Sicherheit. Die amerikanische Politik nach den Anschlägen vom 11. September hat zu einer Woge ungewollter Folgen geführt, und das ist eine Folge der Instabilität und der Gewalt, die wir verbreitet haben. Der IS ist ein Resultat des Machtvakuums, das bei der gescheiterten Okkupation des Iraks entstanden ist. Die Zerstörung rechtsstaatlicher Prinzipien und juristischer Rahmenbedingungen steht in keinem Verhältnis zu der Gefahr, der wir uns gegenübersehen. Es ist das Gegenteil dessen, was wir tun sollten.

FAZ: Was sollten wir tun?

Poitras: Die gegenwärtige amerikanische Politik schafft mehr Terror und mehr Chaos in der Welt, nicht weniger. Demokratien sollten ein Beispiel geben und den Buchstaben des Gesetzes folgen. Die willkürliche und tiefgreifende Bespitzelung von Regierungschefs und führenden Politikern befreundeter und verbündeter Staaten unterminiert die Fähigkeit der Demokratien, den vielen Gefahren zu begegnen, denen die Freiheit in der heutigen Welt ausgesetzt ist. Eine effektive, koordinierte Antwort erfordert ein hohes Maß an Vertrauen – genau jenen Wert, den die Überwachungsprogramme zerstören.

Kommentar W.S.: Die EU kann die US-amerikanische Politik hinnehmen. Oder sie kann sich bemühen, die Beziehungen zwischen den USA und der EU wieder auf einen solide politische und juristische Basis zu stellen. Wenn Europa sich von den USA lösen will, sind dazu riesige Anstrengungen (Militär, Geheimdienste etc.) erforderlich.

1000: DDR-Dokumentarist: Winfried Junge wird 80.

Mittwoch, Juli 22nd, 2015

Für die DDR (1949-1990) haben sich lange Zeit viele nicht interessiert. In der Filmgeschichte für den Dokumentarismus ebenso nicht. Für beide steht Winfried Junge. Er wird 80. Sein Thema waren seit 1961 die „Kinder von Golzow“. Er hat 24 Kinder des Jahrgangs 1954/55 aus dem Oderbruch über Jahrzehnte mit der Kamera verfolgt. Ihre Geschichten erzählt. In neun Filmen. So wie sie waren. Nicht wie sie sein sollten. Winfried Junge hat sich stets ein Stück weit der Propaganda entzogen. Die Lebenswege der Kinder von Golzow verliefen bei weitem nicht alle nach Plan. 1981 kam Junge mit den „Lebensläufen“ heraus. Ein Paukenschlag.

Ob Winfried Junge bei den Film-Oberen der DDR wohlgelitten war, steht dahin. 1991 nahm sich zum Glück ein West-Berliner Produzent seines spröden Projekts an. Daraus wurde eine Jahrhundertchronik aus der ostelbischen Provinz. Noch zu Zeiten der DDR drehte Winfried Junge im Rahmen von Großaufträgen ostdeutscher Unternehmen im Erzgebirge, in Syrien, Somalia und Libyen. Er blieb dabei nüchtern. Ein Mann, der nicht in die jeweiligen Propagandastrukturen hineinpasste. Meine Studenten waren überwiegend von Junges Filmen bis 1990 begeistert. Vielleicht waren es die Gesichter der Kinder, die Winfried Junge Mut machten, als der Glaube an den Sozialismus verlorenging, schreibt Hans-Jörg Rother (SZ 18.7.15).

999: Zentralrat der deutschen Juden ?

Dienstag, Juli 21st, 2015

Der Zentralrat der Juden in Deutschland wird 65 Jahre alt. Elena Adam und Matthias Drobinski haben dazu den Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, befragt (SZ 13.7.15).

SZ: Warum werben Sie nicht mehr für sich? Es gibt viele junge Deutsche, die sich fürs Judentum interessieren.

Schuster: Juden missionieren nicht. Wer zum Judentum übertreten will, muss dies aus eigenem Antrieb tun. Und mit unserer Jugendarbeit wollen wir vor allem jüdische Jugendliche erreichen. Wenn dabei David und Mirjam zueinander finden, freuen wir uns. Dass David und Christine ein Paar werden, ist nicht unser Ziel.

SZ: Was wäre denn daran so schlimm?

Schuster: Von religiöser Seite her ist eine Mischehe nicht das, was wir anstreben. Die meisten Eltern wünschen, dass ihre Kinder jüdisch heiraten. Denn nach der Halacha, den jüdischen Religionsgesetzen, ist nur jüdisch, wer eine jüdische Mutter hat. Wir lehnen ja nicht die Menschen in Mischehen ab. Aber fördern tut das der Zentralrat nicht.

SZ: Helfen .. Stolpersteine? Charlotte Knobloch, Präsidentin der Münchener Gemeinde, fürchtet, das Andenken an die Toten könnte mit Füßen getreten werden.

Schuster: Ich bin von der Idee der Stopersteine überzeugt, betone aber auch: Es gibt beim Gedenken keinen Alleinvertretungsanspruch. Wenn man sich in München auf Tafeln oder Stelen verständigt, ist das auch gut. Aber ich beobachte das hier in Würzburg vor dem Kaufhof, dem früheren Kaufhaus Ruschkewitz. Dort liegen jetzt Stolpersteine. Wie oft bleiben da Leute stehen, die an alles Mögliche gedacht haben, nur nicht daran, plötzlich mit den Ermordeten konfrontiert zu werden. Die Steine sollten allerdings nicht für Überlebende verlegt werden. Oder Nazi-Bezeichnungen wie ‚Rassenschande‘ übernommen werden.

SZ: Wie viel Nähe oder Ferne zu Israel soll der Zentralrat haben?

Schuster: Israel ist unsere Lebensversicherung. Jeder Jude hat dort ein Einwanderungsrecht. Hätte es Israel 1933 bis 1945 gegeben, wäre es nicht zu dem gekommen, zu dem es gekommen ist. Aber wir sind auch nicht die Auslandsvertretung der israelischen Regierung.

SZ: Wird der Zentralrat noch lange Zentralrat der Juden in Deutschland heißen?

Schuster: Ich bin davon überzeugt, dass der Tag für den ‚Zentralrat der deutschen Juden‘ kommen wird. Wann – da bin ich kein Prophet.

998: Brecht und Urheberrecht

Freitag, Juli 17th, 2015

Frank Castorfs „Baal“-Inszenierung (Bertolt Brecht) kam im Januar 2015 am Münchener Residenztheater heraus. Sie wurde abgesetzt und konnte zum letzten Mal im Mai 2015 beim Berliner Theatertreffen gezeigt werden. Aufgrund einer einstweiligen Anordnung, welche die Brecht-Rechteinhaberin Barbara Brecht-Schall und der Suhrkamp-Verlag erwirkt hatten. Bei Castorff war Brechts „Baal“ eine Textrampe gewesen für einen historisch-politisch viel größeren Entwurf. Der Theater-Dekonstruktivist Castorf hatte das Stück in den Kontext des europäischen Kolonialismus gestellt. Darin waren Anleihen bei Francis Ford Coppolas „Apocalypse Now“, bei Rimbaud, Verlaine, Ernst Jünger und Frantz Fanon gemacht worden.

Das entsprach nicht dem Geschmack von Frau Brecht-Schall. Eine Aufführung gesehen hatte sie nicht. Der Direktor des Deutschen Bühnenvereins, Rolf Bolwin, dazu: „Der Fall zeigt, wie sehr das Urheberrecht noch immer wie in Stein gemeißelt dasteht, obwohl es der heutigen Aufführungspraxis in keiner Weise mehr entspricht.“ Das Urheberrecht schützt das geistige Eigentum eines Künstlers. In Deutschland bis 70 Jahre nach seinem Tod. Es wird auf die Erben übertragen. Das ist grundsätzlich gut. Es geht dabei meistens um viel Geld. Im Urheberrecht ist der Autor stark. Und der Regisseur schwach. Er macht aus dem Stück Theater und schafft damit eigenständig Kunst. Häufig und anscheinend auch bei Frau Brecht-Schall gehen die Erben etwa nach dem Motto vor: Streichungen gehen in Ordnung, Hinzufügungen nicht.

Brecht selbst ging bekanntlich mit geistigem Eigentum lax um. Es muss auch deshalb die Frage gestellt werden, warum das Urheberrecht eines weltberühmten, fast 60 Jahre toten Autors eigentlich so viel mehr wiegt als die Freiheit eines nicht minder großen Regisseurs, sich als Künstler damit auseinanderszusetzen. Zumal dann, wenn er es ernsthaft tut, ohne Verballhornung und Zersetzungswut. Rolf Bolwin fügt hinzu: „Die Schutzbedürftigkeit eines Werkes, das gerade erst geschrieben wurde, ist stärker als die eines Autors, der schon 60 Jahre tot ist. Da ist einfach bei Brecht mehr erlaubt als, sagen wir, bei Roland Schimmelpfennig.“

Das Bundesverfassungsgericht äußerte sich dazu in der gewohnten Klarheit, als es zu entscheiden hatte, ob Heiner Müllers „Germania 3. Gespenster am toten Mann“ urheberrechtswidrig war, in dem Passagen aus Brechts „Das Leben des Galilei“ und „Coriolan“ zitiert wurden. In dem Beschluss vom 29.6.2000 heißt es: „Dabei ist grundlegend zu beachten, dass mit der Veröffentlichung ein Werk nicht mehr allein seinem Inhaber zur Verfügung steht. Vilemehr tritt es bestimmungsgemäß in den gesellschaftlichen Raum und kann damit zu einem eigenständigen, das kulturelle und geistige Bild der Zeit mitbestimenden Faktor werden. Es löst sich mit der Zeit von der privatrechtlichen Verfügbarkeit und wird geistiges und kulturelles Allgemeingut.“ (Christine Dössel SZ 17.7.15)

In diesem Sinn muss unser Urheberrecht geändert werden.

997: Reform des Kulturschutzgesetzes ?

Mittwoch, Juli 15th, 2015

Georg Baselitz

kündigt an, er werde die Werke, die er der Münchener Pinakothek der Moderne, dem Dresdener Albertinum und den Kunstsammlungen Chemnitz geliehen habe, zurückfordern. Der Grund dafür sei die geplante Reform des Kulturschutzgesetzes. Kurz darauf meldet sich

Gerhard Richter.

Er werde es genauso machen wie Baselitz. „Die Bilder aus den Museen holen und verkloppen.“

Der Reformentwurf aus dem Haus von Kulturstaatsministerin Monika Grütters sieht verschiedene Methoden vor, Kunstwerke als „nationales Kulturgut“ zu klassifizieren und mit einem Ausfuhrverbot zu belegen. Werke, die in diesen Verzeichnissen stehen, dürfen verkauft werden, aber nur im Inland und dann vermutlich zu Preisen, die weit unter Weltmarktniveau liegen.

Da protestiert natürlich der Kunsthandel.

Unstrittig ist, dass die illegale Einfuhr von antiken Gegenständen endlich gestoppt werden muss. Künftig muss bei der Einfuhr nach Deutschland eine Exportgenehmigung vorgelegt werden. Zu lange hatte sich Deutschland durch laxe Gesetz als Drehscheibe für den Antikenhandel angeboten. Und das, obwohl viele dieser Werke illegal ausgegraben werden und Gangstern und Terroristen als Geldquelle dienen.

Der Gesetzentwurf verschärft die Bestimmungen dafür, was schützenswert ist. Auch Exporte in EU-Länder sind genehmigungspflichtig, wenn die Werke einen bestimmten Wert und ein bestimmtes Alter überschreiten. Es gibt Begriffe wie „national wertvolles Kulturgut“ oder „besonders bedeutendes Kunstwerk“. Aber was ist „besonders bedeutend“? Es ist wohl notwendig, eine begrenzte Zahl herausragender Werke vor den immer stärker werdenden Marktkräften abzuzuschirmen. Das tut die UNESCO mit ihrer Weltkulturerbe-Liste (Jörg Häntzschel SZ 15.7.15).

996: „Bloodlands“ auf Russisch

Mittwoch, Juli 15th, 2015

Als 2010 das Buch des US-Amerikaners Timothy Snyder „Bloodlands“ herauskam, galt es gleich als Sensation. Darin nimmt sich der Historiker das Territorium vor, das zwischen 1933 und 1945 unter deutscher und sowjetischer Herrschaft gestanden hatte. Höhepunkt: der Hitler-Stalin-Pakt von 1939 (bis 1941). Geschaut wird auf die Opfer: Polen, Weißrussen, Ukrainer, Balten, Juden. Inzwischen ist das Buch in 26 Sprachen übersetzt. Nun erscheint es auf Russisch. In einem kleinen ukrainischen Verlag, Duliby (timothysnyder-bloodlands.com), im Netz. Das erinnert an die Zeiten des

Samisdat,

als regimekritische Schriften nur in Form von handschriftlichen Kopien weitergereicht werden konnten. Timothy Snyder hat sein Buch kürzlich in Charkiw im Museum für den Großen Vaterländischen Krieg vorgestellt und in Dnjepropetrowsk im Holocaust-Museum. Den Vortrag dazu hielt Snyder auf Ukrainisch, das Publikum fragte auf Russisch. Intelligente ukrainische Propaganda (Cathrin Kahlweit SZ 15.7.15).