Archive for the ‘Gesellschaft’ Category

1015: Das ungeheuerliche Senzow-Urteil verweist auf das Ende der Putin-Ära.

Montag, August 31st, 2015

In der Ära Putin sind manche Dinge wiedergekehrt wie die Willkürjustiz und Schauprozesse. Es ist wie ein Rückfall in die Zeiten der Sowjetunion (UdSSR). Das zeigen

die Inhaftierung Michail Chodorkowskis,

der Pussy Riot-Prozess und

der Bolotnaja-Prozess gegen Demonstranten gegen die dritte Amtszeit Wladimir Putins.

Und doch gibt es einen zentralen Unterschied, auf den Julian Hans (SZ 27.8.15) hinweist in seinem Kommentar des ungeheuerlichen Senzow-Urteils. Der Regisseur Oleg Senzow wurde zu

20 Jahren Straflager

verurteilt. Er war als Gegner der Krim-Annexion durch Russland politisch aufgetreten.

Für Hans verweist das Urteil schon auf das

Ende der Ära Putin.

Denn während die Sowjetunion „auf die Ewigkeit“ ausgelegt war, ist das Putin-System nur auf eine Person an der Spitze zugeschnitten, Wladimir Putin. Und die dürfte in 20 Jahren nicht mehr an der Macht sein.

„Ob der Bruch morgen kommt, in zehn Jahren oder später: Russland wird dann vor einem gewaltigen Trümmerhaufen stehen, politisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich. Die Wunden bei Ukrainern und Russen werden auch in zwanzig Jahren noch nicht verheilt sein. Dazu wird die Bürde kommen, das Unrecht aus Prozessen wie diesem aufzuarbeiten; und ein langer Weg, um die Menschen von der Lüge zu entgiften, die ihnen das Fernsehen täglich in großen Dosen verabreicht.“

1014: Jonathan Franzen: „Ich bin das Gegenteil von Philip Roth.“

Sonntag, August 30th, 2015

Als ich Jonathan Franzens Romane „Korrekturen“ (2001) und „Freiheit“ (2010) gelesen hatte, war ich schlicht begeistert und fand mich in meiner Vorliebe für anglo-amerikanische Schriftsteller bestätigt (Saul Bellow, John Updike, Philip Roth, David Lodge). Manche halten Franzen für den besten US-amerikanischen Autor, andere beklagen seinen Kulturpessimismus und seinen Konservatismus und werfen ihm seine Rückwärtsgewandtheit vor. Das wird wohl durch seinen neuen Roman

„Unschuld“ (der im Original „Purity“ heißt). Rowohlt, 832 S.; 26,95 Euro,

nicht anders werden (Wieland Freund, Literarische Welt 29.8.15/ Felicitas von Lovenberg, FAZ 29.8.15/ Sandra Kegel, FAZ 29.8.15/ Julia Encke, FAS 30.8.15). Franzen selbst sagt im Interview mit Wieland Freund: „Ich bin das Gegenteil von Philip Roth – eine Figur, die wie ich klingt, finde ich langweilig und peinlich.“

In „Unschuld“ spielt Deutschland (für den Deutschland-Kenner Franzen nicht unerwartet) eine Hauptrolle, insbesondere die DDR und was ihr folgte. Andreas Wolf ist mit Markus Wolf, dem Geheimdienstchef der DDR, verwandt und lebt als prominenter Whistleblower lange nach dem Fall der Mauer in Südamerika, um vor den westlichen Geheimdiensten sicher zu sein. Sein Gegenspieler ist der Journalist Tom Aberant. „Unschuld“ reicht von den achtzigern bis in die Gegenwart. Darin wird der „waghalsige Zusammenhang“ (Sandra Kegel) zwischen

der DDR und dem Internet

entwickelt. Beide gelten Franzen als totalitär. Denn auch mit dem System der DDR hätte man nicht wirklich in Beziehung treten können. Die konkurrierenden Plattformen des Internets vereine der Ehrgeiz, jeden Aspekt unserer Existenz zu definieren.

Andreas Wolf sagt: „Das Ziel des Internets und der mit ihm verbundenen Technologien war es, die Menschheit von Aufgaben – etwas zu tun, etwas zu lernen, sich an etwas zu erinnern -, die dem Leben zuvor einen Sinn gegeben und es folglich ausgemacht hatten, zu ‚befreien‘. Es war, als bestünde die einzige Aufgabe, die noch einen Sinn hatte, in der Suchmaschinenoptimierung.“

Whistleblower wie Assange und Snowden und die von ihnen ermöglichte

Transparenz

sieht Franzen durchaus kritisch: „Ein schönes Wort, wenn man neunzehn ist und keine Ahnung hat, wie die erwachsenen Welten der Diplomatie, der Gesetzgebung, des Handels und intimer Beziehungen wirklich funktionieren.“ Und er sorgt sich um den

guten alten Journalismus.

„Die Besitzer der Plattformen – Facebook, Twitter, Google und so weiter – werden reich, während die, die die Inhalte zur Verfügung stellen, kaum oder gar kein Geld verdienen. Das Beispiel Journalismus ist besonders bedeutend, weil die Demokratie auf ihn angewiesen ist und weil sich Profis nicht durch Amateure ersetzen lassen. Julian Assange fehlten alle Möglichkeiten, Sinn zu machen aus dem, was er geleakt hat. Er brauchte die ‚New York Times‘, er brauchte den ‚Guardian‘.“

Über Dissidenten sagt Franzen, sie seien großartig. Aber es brauche einen gewissen Narzissmus, um einer zu sein. Man müsse schon ziemlich viel von sich halten. Das Internet ist für ihn so ziemlich das größte Instrument zur Förderung des Narzissmus. „Die Idee, dass man sich dort einen sicheren Ort schaffen kann – … – ist zumindest höchst fragwürdig. Ich rede hier von einer modernen politischen Idee von Unschuld. Im Internet wird alles überwacht. Man darf nicht mal mehr von männlich und weiblich reden, sondern es gibt sechs verschiedene Geschlechterkategorien.“

„Unschuld“ ist für Sandra Kegel trotz aller essayistischen Exkursionen kein Thesenroman geworden, sondern eine in Raum und Zeit groß angelegte Erzählung, die von Vögeln und Landschaften ebenso berichtet, wie sie Einblicke in eine amerikanische Eliteuniversität der siebziger Jahre oder die Machenschaften eines agrarwissenschaftlichen Megakonzern à la Monsanto gewährt.

Julia Encke bleibt skeptisch gegenüber Franzen. Sähe man sich die Sätze, die auf den ersten Blick nach etwas Größerem klängen, wie die von der Analogie von Internet und DDR, länger an, erschienen sie einem als ziemlich hohle und effektheischende Phrasen. „Franzen war es offensichtlich ein ganz besonderes Anliegen, die Figur des Whistleblowers als größten Zyniker von allen zu skizzieren. Diese durchaus patriotische Pointe von ‚Unschuld‘ dürfte ihm bei Mitarbeitern von NSA und CIA zusätzlich viele neue Fans bescheren.“

 

 

1013: Gesetzentwürfe zur Sterbehilfe – verfassungswidrig ?

Freitag, August 28th, 2015

Vier Gesetzentwürfe zur Sterbehilfe liegen vor:

1. Der Vorschlag der Gruppe um die Abgeordneten Michael Brand (CDU) und Kerstin Griese (SPD), den bislang die meisten Parlamentarier unterstützen. Er verbietet organisierte Sterbehilfe, lässt aber den Einzelfall straffrei.

2. Der Entwurf der Gruppe um Renate Künast (Grüne) und Petra Sitte (Linke), der kommerzielle Sterbehilfe verbieten, aber organisierte zulassen will.

3. Das Modell von Karl Lauterbach (SPD) und Peter Hintze (CDU), das das Sterbehilfe-Verbot über das ärztliche Standesrecht regelt. Und

4. der Entwurf der CDU-Abgeordneten Patrick Sensburg und Thomas Dörflinger, der jede Form der Suizid-Beihilfe unter Strafe stellt.

Auf Antrag der rechtspolitischen Sprecherin der Grünen, Katja Keul, hat dazu der wissenschaftliche Dienst des Deutschen Bundestages zwei Gutachten erarbeitet, in denen die Verfassungsmäßigkeit der Entwürfe geprüft worden ist. Danach ist nur der Entwurf von Patrick Sensburg und Thomas Dörflinger (4.) mit dem Grundgesetz vereinbar. Der aber hat politisch keine Chance.

Der Entwurf von Brand und Griese (1.) verstößt nach den Gutachten gegen das Bestimmungsgebot des Grundgesetzes. Ihm zufolge muss ein Gesetz klar regeln, wann sich jemand strafbar macht. Für die Gutachter ist unklar, wann die Grenze vom Einzelfall zur sogenannten geschäftsmäßigen Beihilfe überschritten ist. So könnte für Palliativ- und Intensivmediziner schnell die Schwelle erreicht sein, bei der das Leisten von Sterbehilfe zu einem wiederkehrenden Bestandteil ihrer Tätigkeit würde. Ähnliches gilt für den Vorschlag von Künast und Sitte (2.). Bei dem Vorschlag von Lauterbach und Hintze (3.) sehen die Gutachter einen Konflikt zwischen Bundes- und Länderkompetenzen. Denn das ärztliche Standesrecht ist Ländersache.

Katja Keul (Grüne) möchte deswegen die gegenwärtige Regelung beibehalten und auf Gesetzesänderungen verzichten. Der Schutz gegen unseriöse Vereine sei jetzt schon ausreichend. Kerstin Griese (SPD) hält ihren eigenen Entwurf (1.) nicht für verfassungswidrig. Man habe nach intensiver Beratung mit Straf- und Verfassungsrechtlern eine 26 Seiten umfassende Begründung verfasst, welche die Verfassungsmäßigkeit belege.

Eine schwierige Lage. Auch für das Bundesverfassungsgericht. Roger Kusch, dessen Sterbehilfe-Verein von einem Verbot betroffen wäre, hat den Gang nach Karlsruhe bereits angekündigt. Kerstin Griese (SPD) findet es nicht schlecht, wenn ein Gesetz vom Bundesverfassungsgericht überprüft wird (K.B. Becker/M. Drobinski SZ 27.8.15).

1012: Houellebecq: Wirtschaft unter Aufsicht stellen !

Mittwoch, August 26th, 2015

Der französische Schriftsteller Michel Houellebecq (geb. 1956) ist gemeinhin literarisch sehr umstritten. Dabei ist der Streit – wie nicht anders zu erwarten – auch politisch. Houellebecqs Hauptwerke sind in Deutschland viel diskutiert:

– „Ausweitung der Kampfzone“ 1994,

– „Elementarteilchen“ 1998,

– „Lanzarote“ 2000,

– „Plattform“ 2001,

– „Die Möglichkeit einer Insel“ 2005,

– „Karte und Gebiet“ 2010,

– „Unterwerfung“ 2015.

Julia Encke hat nun die politische Botschaft Houellebecqs gekonnt herauspräpariert (FAS 23.8.15). Dabei verwendet sie das posthum erschienene Buch von Houellebecqs Freund Bernard Maris (1946-2015)

Michel Houellebecq. Ökonom. Eine Poetik am Ende des Kapitalismus. Dumont Verlag, 142 S., 18,99 Euro,

der beim Anschlag auf „Charlie Hebdo“ ums Leben gekommen ist. Encke behauptet, Houellebecq verweise auf die Schriften der Ökonomen

Robert Malthus (1766-1834),

Karl Marx (1818-1883),

Alfred Marshall (1842-1924),

Joseph Schumpeter (1883-1950) und

John Maynard Keynes (1883-1946).

In seinen Büchern, die in einem engen Zusammenhang ständen, kritisiere der Schriftsteller die Verheerungen des Liberalismus und die Auswüchse des Individualismus (z.B. in „Elementarteilchen“). Die liberale Wirtschaft zerstöre alles, was kollektiv sei, die Arbeitsgruppe, die Familie, das Paar. Ein Zurück aus der Welt des Zerfalls gäbe es für Houellebecq nicht.

Der Schriftsteller schreibe von einer Gesellschaft, deren Regeln und Lebensformen von ihren Subjekten nicht mehr aktiv getragen würden, weil sie für die Einzelnen unerträglich geworden seien und weil dieselbe Gesellschaft das Leben ihrer Mitglieder nur noch als sinn- und ziellosen individualistischen Konkurrenzkampf aller gegen alle organisiere. Es fehle eine

kollektive moralische Instanz.

Houellebecq: „Wir müssen dafür kämpfen, die Ökonomie unter Aufsicht zu stellen und sie gewissen Kriterien zu unterwerfen, die ich als ‚ethisch‘ bezeichnen würde.“

 

1011: Lehrerpersönlichkeit kann man nicht lernen.

Mittwoch, August 26th, 2015

Dirk Stötzer war Lehrer, Beschwerdemanager und Schulleiter. In seinen Augen ist die Lehrerpersönlichkeit für die Qualität unseres Bildungssystems ausschlaggebend. Er hat gemeinsam mit Beate Stoffers ein Buch geschrieben

Superlehrer, Superschule, supergeil: Der beste Beruf der Welt. Goldmann Verlag, 352 S., 12,99 Euro.

Julia Schaaf hat Stötzer für die FAS (23.8.15) interviewt.

FAS: Was ist mit den Dauerkranken, Schlechtgelaunten, Totalgestressten? Ihr Buch legt nahe, dass solche Lehrer nicht Opfer widriger Rahmenbedingungen sind, sondern die falsche Persönlichkeit mitbringen.

Stötzer: Das ist aus meiner Sicht ein Hauptproblem. Die Lehrerpersönichkeit ist entscheidend. Wir reden in der Ausbildung viel zu viel über Methodenvielfalt. Dabei kommt es letztlich darauf an, wie jemand vorne vor der Klasse steht. Ein Lehrer muss den Schülern vermitteln: Ich weiß mehr als ihr; ihr könnt von mir lernen. Und wenn er die Schüler dazu bringt, dass sie das auch wollen, ist der große Schritt getan. Ich habe vielen Referendaren beim Staatsexamen gesagt: Überlegen Sie sich das noch mal. Halten Sie das wirklich 40 Jahre durch? Oder sind Sie vielleicht nach sechs, sieben Jahren ausgebrannt und werfen hin?

FAS: Warum?

Stötzer: Wenn Lehrer diese gewisse Ebene mit den Schülern nicht finden, müssen sie in jeder Stunde 150 Prozent geben, um überhaupt vernünftigen Unterricht machen zu können. Die versuchen dann mit Strenge und Strafen durchzusetzen, was ihnen an Führungspersönlichkeit fehlt. Das ist unheimlich anstrengend. Und ich habe viele Kollegen gesehen, die irgendwann deshalb zusammengebrochen sind. Wer in dem Job nicht glücklich ist und leidet, endet als Wrack.

FAS: Der renommierte Bildungsforscher John Hattie sagt: Das Wichtigste für den Lernerfolg der Kinder ist ein guter Lehrer.

Stötzer: Das habe ich lange vor Hattie gesagt. Das Problem ist nur: Persönlichkeit kann man nicht lernen. Die Persönlichkeitsentwicklung ist abgeschlossen, wenn Lehrer ins Referendariat kommen. Deshalb müsste man sich vorher fragen: Bin ich der Richtige für den Lehrerberuf?

FAS: Verdienen Lehrer zu wenig?

Stötzer: Nein. Die Lehrerbesoldung ist auskömmlich. Wenn eine Krankenschwester klagt, die mit Schichtdienst und allem 1200 Euro nach Hause bringt, kann ich das verstehen. Nicht bei einem Oberschullehrer, der 4700 Euro brutto verdient.

FAS: Sie haben auch eine Checkliste, um die eigene Persönlichkeit für den Lehrerberuf zu testen. Worauf kommt es besonders an?

Stötzer: Dass man Kinder mag. Überraschungen vertragen kann. Nicht zu lärmempfindlich ist. Und Humor. Eine Unterrichtsstunde, in der nicht mindestens einmal gelacht wird, ist eine schlechte Stunde.

1010: Ramelow: 5000 Lehrstellen nicht besetzt

Dienstag, August 25th, 2015

Zur Lage in Deutschland passt es, dass der thüringische Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) für seine Flüchtlingspolitik Morddrohungen erhält. Oliver das Gupta hat ihn für die SZ interviewt (25.8.15).

SZ: Herr Ramelow, haben Sie Angst?

Ramelow: Nein, habe ich nicht. Das Thema ist ja nicht neu, aber ich nehme es nicht auf die leichte Schulter. In Thüringen wächst die Gewaltbereitschaft unter Rechtsextremisten. Die Nazis wollen Thüringen als Aufmarschgebiet nutzen. Wir haben einen sprunghaften Anstieg von braunen Kundgebungen.

SZ: Die CSU spricht inzwischen von einer „Völkerwanderung“.

Ramelow: Ich spreche auch von einer Völkerwanderung auf dem ganzen Globus, aber die CSU redet vor allem eine Krisenstimmung herbei. Mir geht es um etwas anderes. Zu uns kommen die Menschen aus Staaten, an deren Scheitern wir Mitschuld tragen. Wir ernten jetzt die Früchte einer Außenpolitik, die der Westen kollektiv zu verantworten hat, weshalb wir jetzt Verantwortung übernehmen müssen. Für mehrere Flüchtlingswellen ist der Westen mitverantwortlich: Despoten wie Saddam Hussein und Muammar al-Gaddafi wurden militärisch entfernt, aber dafür sind Irak und Libyen nun kollabierende, gescheiterte Staaten. Deutschland hat vor mehr als zwanzig Jahren voreilig Kroatien und Slowenien anerkannt und dadurch die Kriege im damaligen Jugoslawien forciert. Und nun wundern wir uns, dass die Leute aus den verarmten Staaten wie Serbien und Albanien zu uns kommen.

SZ: Wie könnte eine politische Lösung aussehen?

Ramelow: Die Politik muss den großen Wurf wagen. Deutschland braucht ein modernes Staatsbürgerschaftrecht und gleichzeitig ein Zuwanderungsrecht. Dann könnten wir endlich sauber unterscheiden: Menschen, die aus politischen Gründen flüchten, erhalten Asyl. Und Menschen, die hier arbeiten wollen, hätten die Chance, nach Deutschland zu kommen und einen Job zu finden.

SZ: Sollen diese Menschen sich auch in Thüringen ansiedeln?

Ramelow: Auch mein Bundesland braucht Zuwanderung. Wir brauchen in den nächsten zehn Jahren 280 000 Facharbeizter. Wir reden von einem Bundesland, das in den letzten zwanzig Jahren 350 000 Menschen durch Abwanderung verloren hat. Woher sollen die denn sonst kommen? Es gibt in Thüringen Ausbildungszentren und Berufsschulen, die zu einem Drittel leer stehen. Wir haben aktuell 5000 Lehrstellen nicht besetzt.

1009: Umweltschutz gegen Klimaschutz

Dienstag, August 25th, 2015

Wer im Zuge der Energiewende sein Geld mit Wind, Sonne und Biogas verdienen will und entsprechend investiert (Energie-Kapital), gerät zunehmend in Widerspruch zum Umweltschutz. Das zeigen die Auseinandersetzungen im Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND). „Ganz neue Fronten tun sich auf: Klimaschützer gegen Landschaftsschützer. Junge, global denkende Umweltaktivisten gegen regional verwurzelte Naturfreunde alten Schlags. Städter, die sich mittels Ökostromtarif ein grünes Gewissen kaufen, gegen Landbewohner, die sich von Windparks umzingelt sehen.“

Der BUND-Mitbegründer Enoch zu Guttenberg hat seinen Verband vor drei Jahren aus Protest gegen die Förderung der Windkraft verlassen. Da geht es um „Schreddern“ von Vögeln, Zugvogelkorridore und Fledermausarten. Artenschützer neuer und alter Art (vor 1945) kämpfen energisch und systematisch gegen die Windkraftlobby. Dazu der BUND-Landesvorsitzende von Rheinland-Pfalz Holger Schindler: „Wenn wir unterwandert sind, dann von Antiwindkraftinitiativen, die den Artenschutz nur als Vehikel nutzen, um ganz andere, rein egoistische Interessen durchzusetzen.“ (Georg Etscheid, Die Zeit 6.8.15)

1008: KZ ab 1900 – keine Vernichtungslager

Mittwoch, August 19th, 2015

Moderne Konzentrationslager (KZ) entstanden als Instrumente kolonialer Kriegsführung um 1900. U.a. KZs der Briten in Südafrika und der Deutschen in Südwestafrika. In seiner einleuchtenden Studie vergleicht

Jonas Kreienbaum

britische Lager im Burenkrieg (1899 bis 1902) mit deutschen Lagern im Krieg gegen die Herero und Nama (1904 bis 1907).

Ein trauriges Fiasko. Koloniale Konzentrationslager im südlichen Afrika 1900-1908. Hamburg (Hamburger Edition) 2015, 300 S., 28 Euro.

Kreienbaum fragt nach Praktiken, Gemeinsamkeiten und Kontinuitäten. Die kolonialen Lager waren nach seiner Meinung noch keine Vernichtungslager. Sie dienten im Guerillakrieg zur Abschottung der Kämpfer von der Unterstützung durch die eigene Bevölkerung. General von Trothas berüchtigter Vernichtungsbefehl wurde von Kaiser und Reichskanzler widerrufen. Die deutschen und die britischen Lager, so Kreienbaum, unterschieden sich kaum. Er widerspricht damit der

Sonderwegsthese.

Die Lager dienten auch nicht zur „Vernichtung durch Arbeit“. Entschieden wendet sich Kreienbaum gegen die These von der Kontinuität

von Windhuk nach Auschwitz.

Es gibt keine plausiblen Belege für ein nationalsozialistisches „Lernen“ von den kolonialen Konzentrationslagern. Die deutschen Lager in Südwestafrika spielten beim Aufbau der KZs keine Rolle (Peter Hoeres, FAZ 11.8.15).

1007: Sam Peckinpah-Retrospektive

Donnerstag, August 13th, 2015

Dem US-amerikanischen Western- und Roadmovie-Regisseur Sam Peckinpah (1925-1984) widmet das Filmfestival in Locarno eine Retrospektive. Diese sind in Locarno stets besonders sorgfältig zusammengestellt und werden von Einführungen und Diskussionen begleitet. In diesem Jahr beeindruckte

Senta Berger,

die 1965 in „Major Dundee“ und 1977 in „Steiner – das Eiserne Kreuz“ von Peckinpah eine Chance bekam. Senta Berger verkörperte die schöne Frau, die dem männlichen Helden einen Ausweg aus einem Leben im Kampf, im Krieg, in der Gewalt zeigen will. Aber die schöne Frau ist nicht immer erfolgreich.

Peckinpah zeigt uns alternde Männer, die ihr Scheitern voraussehen und doch aus ihrer Haut nicht herauskönnen. Sie erscheinen uns lächerlich. Wer könnte das besser erkennen als ich. Tragisch ist in Peckinpahs Filmen, dass die Helden in vermeintlicher Pflichterfüllung manchmal ihre Freunde erschießen. Peckinpah gilt als Regisseur der Gewalt und der Ausweglosigkeit. Bei seinen Produzenten, bei der Kritik und beim Publikum hatte er bisweilen schlechte Karten. Auch weil er als Alkoholiker und zeitweise Drogenabhängiger manchmal undiszipliniert zu Werke ging. Stilistisch arbeitete Peckinpah mit vielen Einstellungen, assoziativen Eingangssequenzen, Zeitlupen und Großaufnahmen. Er war ein Vorbild für Quentin Tarantino. Nur eines hat Tarantino nicht von Peckinpah übernommen, dass es nämlich um etwas geht. Dass es kein guter Augenblick ist beim Töten und Sterben sich genussvoll zurückzulehnen und gut unterhalten zu fühlen (Verena Lueken, FAZ 11.8.15).

Mit „Sacramento“ (1962) verabschiedete Sam Peckinpah parallel zu John Fords „Der Mann, der Liberty Vanace erschoss“ (1961) den klassischen Western und läutete die Ära des „Spätwestern“ ein. 1969 folgten „The Wild Bunch“, 1973 „Pat Garrett jagt Billy the Kid“, 1974 „Bring mir den Kopf von Alfredo Garcia“. Die Roadmovies „Getaway“ (1972) und „Convoy“ (1978) vervollständigten mit dem Kriegsfilm „Steiner – das Eiserne Kreuz“ (1977) das Werk des selbstzerstörerischen und früh gestorbenen Regisseurs. Für „Pat Garrett“ schrieb

Bob Dylan

„Knocking on Heaven’s Door“. Peckinpah kaprizierte sich in seinen späten Filmen häufig auf den Gegensatz USA-Mexiko. Und nicht zugunsten der USA. Um sich hatte er eine Stamm-Mannschaft von Schauspielern versammelt wie James Coburn, Kris Kristoffersen und Steve McQueen.

1006: G.A. Bürgers Briefe – persönlich bis zum Äußersten

Dienstag, August 11th, 2015

Für Göttingen ist Gottfried August Bürger (1747-1794) wichtig. Ein Aushängeschild. August Wilhelm Schlegel war der Meinung, allein seine Ballade „Lenore“ werde Bürger „die Unsterblichkeit sichern“. Trotzdem ist der Dichter heute weithin vergessen. Auch wenn er z.B. noch die Lügengeschichten des Barons von Münchhausen geschrieben hat, dessen Prahlereien erst Bürger auf den Nebenbeiton „augenzwinkender Schnurrpfeifereien“ stimmte.

Bürger wurde 1747 im Pfarrhaus in Molmirswende geboren und starb 1794 vereinsamt und verarmt in Göttingen. Er hatte sechs Semester Theologie in Halle studiert und sein Rechtsstudium in Göttingen abgebrochen. Seit 1772 verdiente er sein Brot als Amtmann am von Uslar’schen Patrimonialgericht Altengleichen bei Göttingen. Sein Lebenswandel zunächst mit zwei Schwestern und dann nach einem Huldigungsgedicht und öffentlichen Heiratsantrag 1792 mit der Scheidung von einer jüngeren Frau, die ihn in Göttingen hemmungslos betrog, ist es wohl auch gewesen, der Bürger literarisch das Genick gebrochen hat. Denn die Herren Schiller und Goethe sind es gewesen, die G.A. Bürger als „liederlichen“ Dichter abqualifizierten, dem es an „sittlicher Maßbeschränkung“ mangele (Schiller) und der nicht gesellschaftsfähig sei in der Republique des lettres (Goethe). Insbesondere Friedrich Schiller, der „Moraltrompeter von Säckingen“, wie Friedich Nietrzsche ihn nannte, hat Bürger wohl auch als Konkurrenten gefürchtet.

Nun haben Ulrich Joost und Udo Wargenau den ersten Band von Bürgers Briefen (eine vierbändige Ausgabe ist auf fast 1800 Exemplare geplant) herausgegeben.

Gottfried August Bürger: Briefwechsel. Bd. 1: 1760-1776. Hrsg. von Ulrich Joost und Udo Wargenau. Göttingen (Wallstein) 2015, 1008 Seiten, 69 Euro.

Darin zeigt sich uns Gottfried August Bürger als bewegter und von starken Gefühlen geprägter Mensch, der in seinen Briefen kein Blatt vor den Mund nahm und seine Seele nach außen kehrte. Hier wandte er die gleichen Stilmittel an, welche auch die starke Wirkung seiner Balladen ausmachten. Bürger arbeitete an den Briefen, verbesserte und polierte. Das zeigt sich gerade im Austausch mit den Mitgliedern des Göttinger Hainbunds. „Bürger ist in seinen Briefen persönlich bis zum Äußersten.“ Und obwohl Bürger ab 1784 als Göttinger Privatdozent für Poetik und Ästhetik auch bei den akademischen Kollegen nicht salonfähig war, fasziniert sein Briefwechsel. Georg Christoph Lichtenberg schätzte ihn. Mit seinen Freunden tauschte er sich überschäumend aus, bei seinem Verleger Christian Dietrich gab er sich unverblümt. Bei zeitgenössischen Geistesgrößen schrieb er launig und burschikos (Walter Schübler, FAZ 7.8.15).

Und es war Heinrich Heine, der Gottfried August Bürger den ihm gebührenden Platz zuwies: „Der Name Bürger ist im Deutschen gleichbedeutend mit dem Wort citoyen.“