Archive for the ‘Gesellschaft’ Category

1025: Fremdenfeindlichkeit in Ostmitteleuropa

Donnerstag, September 10th, 2015

Die aktuell nach Europa schwappende Flüchtlingswelle (in Deutschland waren 2015 bis zum 31. August im Jahr 413 535 Flüchtlinge registriert) erscheint kaum zu bewältigen. Und zu bezahlen. Die von der Bundesregierung locker gemachten 6 Milliarden extra reichen gewiss bei weitem nicht aus. Eine EU-weite Quotenregelung muss her. Wahrscheinlich kommen in diesem Jahr in Deutschland monatlich noch jeweils 100 000 Flüchtlinge dazu. Auch die Verteilung auf die Bundesländer muss gerecht sein.

Am meisten Widerstand gegen die Flüchtlinge in Europa kommt aber aus Ostmitteleuropa (Polen, Tschechien, Slowakei, Ungarn). Dazu hat Jens Bisky für die SZ (10.9.15) Philipp Ther interviewt, Professor für osteuropäische Geschichte an der Universität Wien. Der hat für sein Buch

„Die neue Ordnung auf dem alten Kontinent“

im Frühjahr den Preis der Leipziger Buchmesse erhalten.

SZ: In der aktuellen Flüchtlingskrise scheint sich eine neue Trennlinie zwischen Westeuropa, vor allem Frankreich und Deutschland, und Osteuropa herauszubilden. Was passiert da eigentlich?

Ther: Man darf nicht vergessen, dass auch Großbritannien erst keine Flüchtlinge aufnehmen wollte, Spanien und Portugal wollten es eigentlich auch nicht. Die Trennlinien verlaufen durch die gesamte europäische Union, zwischen verschiedenen Ländern, nicht nur zwischen Ost und West.

SZ: Aber gibt es nicht im Osten jetzt einen besonderen Widerstand?

Ther: Nun, innerhalb des ostmitteleuropäischen Blocks muss man auch wieder unterscheiden. Konkret geäußert haben sich die Staaten der

Visegrad-Gruppe,

aber auch in dieser Gruppe muss man differenzieren. Ungarn ist ja Transitland und hat jetzt auch relativ viele Flüchtlinge aufgenommen und Asylverfahren bearbeitet und positiv entschieden. Das passt erst einmal gar nicht zum Image der rechtspopulistischen Regierung von Victor Orban. Bei Tschechien, der Slowakei und Polen sind die Bedingungen jeweils spezifisch. In der Slowakei steht der Wahlkampf bevor. In Tschechien gibt es einen populistischen Präsidenten. Und wo Populisten an der Regierung sind, bedienen sie dann xenophobe Reflexe. In Polen dagegen gibt es die kritischste Debatte über die Verweigerung der Aufnahme von Flüchtlingen.

SZ: Wie kann man die Unterschiede erklären?

Ther: Wahrscheinlich ist in Polen die Erinnerung an die Situation nach der Verhängung des Kriegsrechts im Jahr 1981 frischer. Insgesamt ist dort die Zivilgesellschaft stärker und kritischer. Ich finde es beschämend, dass man sich in Tschechien und der Slowakei so schwertut mit Fremden, die von weiter herkommen. Es existiert noch die veraltete Vorstellung, dass es sich um ethnisch homogene Gesellschaften handle. Das stimmt aber gar nicht mehr. In Tschechien gibt es einige Hunderttausend ukrainischer Gastarbeiter und russische Zuwanderer. Aber das sind sozusagen „nahe Ausländer“, zu denen man historische Verbindungen hat, die sich auch schnell integrieren wollen.

SZ: Hat man in Osteuropa Angst vor Muslimen? Wie wird dort über Islam diskutiert?

Ther: Gerade weil man mit Menschen aus dem Nahen Osten bisher wenig Kontakt hat, ist die Furcht vor Muslimen besonders groß, ein bisschen ähnlich wie in Ostdeutschland. Populisten fällt es leicht, diese Ängste auszuschlachten. Deswegen sind die antiislamischen Äußerungen dort schärfer. Hinzu kommt, dass Tschechien sich traditionell als eine prononciert philosemitische Gesellschaft versteht. Da spielt die Sorge eine Rolle, welche Menschen da kommen. Das ist eine Debatte, die in Deutschland noch nicht geführt wird: Wie antisemitisch sind denn die, die gerade zu uns kommen? Es kommt immer darauf an, auf welche Traditionen man sich besinnt. Polen war der einzige größere europäische Staat, der in der frühen Neuzeit tatsächlich in der Lage war, eine muslimische Minderheit, die aus dem Südosten zugezogenen Tataren, auf verschiedenen Wegen und für alle Seiten gewinnbringend zu integrieren.

1024: Franz Josef Strauß 100: ein pragmatischer Modernisierer

Dienstag, September 8th, 2015

Wenn der 100. Geburtstag von Franz Josef Strauß mit einem Gottesdienst, mit Gebirgsschützen und Studentenverbindungen gefeiert wird, ist das wieder einmal geeignet, Vorurteile hervorzurufen, zu bestätigen und zu verfestigen. Aber viele dieser Vorurteile sind falsch. Zum Glück gibt es im deutschen Journalismus Personen, die einer so gewaltigen und barocken Machtfigur, die Strauß war, dennoch gerecht werden könnnen. Ich zähle dazu Heribert Prantl von der SZ (5./6.9.15) und Patrick Bahners von der FAZ (5.9.15). Sie behandeln auch relativ unbekannte Seiten an Strauß und zeichnen ein hochplausibles Gesamtbild von ihm.

Der Schwabinger Metzgerssohn Franz Josef Strauß war hochbegabt und im Gymnasium ständiger Primus. Er studierte Geschichte und alte Sprachen, um Studienrat zu werden. Wegen des Zweiten Weltkriegs wurde daraus aber nichts. Der Oberleutnant Strauß geriet in die Politik. Und zwar in die klerikale Honoratiorenpartei des Anti-Nazis Josef Müller („Ochsen-Sepp“), die CSU. Diese Partei sollte Strauß als Generalsekretär und Vorsitzender später entschlossen zu einer effizienten pragmatischen Volkspartei umbauen, die heute in Bayern noch die absolute Mehrheit hält. Strauß‘ Motto war, dem Volk auf’s Maul zu schauen, ihm aber nicht nach dem Mund zu reden (Wolfgang Wittl, SZ 7.9.15).

Das Strauß-Bild der Gegenwart ist immer noch stark geprägt von dem „denunziatorischen Originalton“, in dem Strauß etwa vom „Spiegel“ (Rudolf Augstein) und der „Frankfurter Rundschau“ (Karl Gerold) beschrieben wurde. Dabei ließen sich sehr viele Korruptionsvorwürfe gegen Strauß gar nicht belegen. Vorgegangen wurde anscheinend nach dem Motto „Semper aliquid haeret“ (Es bleibt immer etwas hängen.). Wie Jan Fleischhauer im „Spiegel“ jetzt darlegte, ist „gegen Strauß zu sein“ heute noch „eine Art nachträglicher Widerstandshandlung“. Aber wir übersehen natürlich nicht die große Zahl der Affären, in die Strauß verwickelt war („Onkel Alois“, Fibag, HS 30, F 104-Starfighter u.a.)

Dabei hat Strauß tatsächlich Industrieansiedlung im großen Maßstab betrieben. Etwa die Auto- und die Luftfahrtindustrie nach Bayern geholt. In seiner Zeit als Ministerpräsident von Bayern (1978-1988) wurden dort Autobahnen gebaut und Universitäten gegründet. Und die bayerischen Schüler liegen bei allen Tests national und international vorne. Da staunen die Bremer und Hamburger.

Was Strauß‘ Bild heute verdunkelt, ist die Tatsache, dass er die Atomindustrie gefördert hat und für die Bundeswehr Atomwaffen wollte. Außerdem hatte er sich in der „Spiegel“-Affäre 1962 vergaloppiert und musste als Verteidigungsminister zurücktreten. Um allerdings in der großen Koalition unter Kanzler Kurt Georg Kiesinger (CDU) 1966 als Finanzminister wie Phoenix aus der Asche zu kommen und mit Karl Schiller (SPD) das wirtschafts- und finanzpolitische Erfolgs-Duo „Plisch und Plum“ (nach Wilhelm Busch) zu bilden.

Ein Verdikt (am 20. März 1958 im Bundestag ausgesprochen) des FDP-Abgeordneten Reinhold Maier war es, dass an Strauß kleben blieb sein Leben lang: „Wer so spricht, der schießt auch.“ In seiner protokollarisch korrekten Version taucht dieser Satz sogar in Uwe Johnsons „Jahrestagen“ (1971-1983) auf. Strauß gelang es, dafür zu sorgen, dass es rechts von der CSU keine demokratisch legitimierte Partei geben konnte. Er war die Symbolfigur des autoritären und nationalistischen Potentials in der Union. Wobei er von der CDU in der Bundestagswahl 1980, in der er Kanzlerkandidat war, wohl nicht voll unterstützt worden ist. Damals wurden unter Mitwirkung des späteren „Spiegel“-Chefredakteurs Stefan Aust (69), der seit 2014 Herausgeber der „Welt“-Gruppe ist, Anti-Strauß-Filme gedreht wie „Der Kandidat“.

Selbst in seiner eigenen Partei galt Strauß als „Altbayer“. Wie es der CSU-Landtagspräsident Franz Heubl einmal formulierte: vital, brutal und sentimental. Zu welchem Pragmatismus der Antikommunist Strauß aber fähig war, das beweist der von ihm angebahnte Kredit für die DDR 1983. Ohne den wäre der zweite deutsche Staat schon vor 1989 am Ende gewesen. Strauß hatte die DDR-Bürger, die Menschen im Auge.

Franz Josef Strauß stilisierte sich selbst gerne mit literarischen Zitaten. So nahm er aus Conrad Ferdinand Meyers „Huttens letzte Tage“ den Satz: „Ich bin kein ausgeklügelt Buch. Ich bin ein Mensch in seinem Widerspruch.“ Und Heribert Prantl, der gänzlich unverdächtig ist, ein CSU-Anhänger zu sein, schrieb über Strauß: „Er war mit dem Herzen Europäer und mit der Seele Bayer.“

Über Strauß‘ großen Antipoden Rudolf Augstein schrieb Peter Gauweiler, der ehemalige stellvertretende CSU-Vorsitzende, 2015: „Am Ende war Augstein ein verhinderter Straußianer. Die Wiedervereinigung hat er mit speziell nationalen Argumenten unterstützt, vorbehaltlos und im Gegensatz zu den westdeutschen Intellektuellen, die dafür anfänglich nur Hohnlachen übrig hatten.“ (Die Welt, 5.9.15)

Nach Strauß‘ Tod 1988 hat die CSU nie wieder solches Führungspersonal wie ihn gehabt. Sie ist heute eine Ressentiment-Partei (siehe Pegida-Maut, die u.a. europarechtlicher Unfug ist) mit erkennbar schwachen Ministern in Berlin. Wenn sie damit in Bayern die absolute Mehrheit gewinnt, ist ihr das kaum zu verübeln. Und die SPD sollte ihre „kleinkarierten Bedenken“ bei der Strauß-Ehrung 2015 zurückstellen.

1023: Theodor-Wolff-Preis für Barbara Sichtermann

Montag, September 7th, 2015

Eine der großen deutschen Journalistinnen bekommt den Theodor-Wolff-Preis für ihr Lebenswerk, Barbara Sichtermann. Wir kennen sie aus der „Zeit“ und dem „Tagesspiegel“. Barbara Sichtermann hat auch sehr viel fürs Radio gearbeitet. 25 Jahre saß sie in der Jury des Adolf-Grimme-Preises. Ihre Themen sind Frauen, das Geschlechterverhältnis, Sex, Kinder und das deutsche Fernsehen. Frau Sichtermann ist stets sehr Problem bewusst und gleichzeitig selbstkritisch. Und sie kann schreiben.

Barbara Sichtermann kam aus der zweiten Welle der Frauenbewegung, die aus der Studentenbewegung der sechziger Jahre hervorgegangen war. „Wir haben alles in Frage gestellt und nochmal ganz neu angefangen. Es war eine großartige Zeit.“ Mit diesem Schwung hat die Frauenbewegung schon sehr viel Vernünftiges erreicht, auch wenn die ungleiche Wahrnehmung und Behandlung von Frauen und Männern noch nicht überwunden ist. Aber wir sollten die Erfolge dieser Bewegung nicht gering schätzen.

Barbara Sichtermann ist gelernte Schauspielerin. Sie zog 1968 nach Berlin, um VWL und Sozialwissenschaften zu studieren. Das hat ihr stets genügend Know How und Nüchternheit verliehen. Nach dem sie ein Kind bekommen hatte, begann sie ihre Karriere als Schriftstellerin. Ihre journalistischen Beiträge und Essays waren und sind immer eine gelungene Mischung aus theoretischer Analyse und eigener Erfahrung. 1983 erschien ihr Buch „Weiblichkeit. Zur Politik des Privaten“. Barbara Sichtermann hat gekonnt über Sexualität geschrieben, z.B. über Orgasmen. „Über Sex zu schreiben hat mich gereizt, weil es so schwer ist.“ Die Frauenbewegung hat sie dort zu Recht kritisiert, wie ich finde, wo diese die biologischen Unterschiede zwischen Frauen und Männern bestreitet (Mounia Meiborg, SZ 7.9.15).

1022: Rummenigge über das internationale Fußballgeschäft

Freitag, September 4th, 2015

Als Stimme der Vernunft präsentiert sich der FC Bayern-Präsident Karl-Heinz Rummenigge im Interview mit Klaus Hoeltzenbein und Christof Kneer (SZ 4.9.15) über das internationale Fußballgeschäft am Ende der Transferperiode.

SZ: Spinnen die Engländer?

Rummenigge: Nein, ich verwende solche Vokabeln nicht. Ich sage auch nicht, dass der Transfermarkt wahnsinnig geworden ist. Er ist emotional, aber das war er zu meiner Zeit auch, nur eben mit anderen Summen. Und eines muss auch jedem klar sein: Wir haben erst die Spitze des Eisbergs gesehen. … Von den sogenannten Big Five (England, Spanien, Italien, Frankreich, Deutschland) sind wir mit Abstand Letzter bei den TV-Einnahmen.

SZ: Viele in der Branche sagen: Lass‘ die Engländer ruhig spinnen. Solange die zu viele Millionen für zu viele Spieler ausgeben, kann sich die Bundesliga immer noch wehren – indem sie listiger transferiert.

Rummenigge: Ich muss ein bisschen schmunzeln, wenn Fußball-Deutschland die Engländer gerade zu Spinnern stilisiert. Ich kenne die Verantwortlichen dort. Ich kann Ihnen versichern: Das sind Profis. Ich habe das Jugendleistungszentrum gesehen, dass Manchester City gerade hingestellt hat und kann nur sagen: Besser geht’s nicht. Ich war bei Tottenham, Arsenal und Chelsea: überall dasselbe. Ich sage Ihnen: Die Engländer geben Vollgas, auch im Nachwuchsbereich. … Für Jugendspieler (14-, 15-Jährige) wird bis zu einer Million gezahlt. Ich befürchte, dass bei deutschen Jugendspielen bald sehr viele englische Scouts auf den Tribünen sitzen werden.

SZ: Beim Pay-TV denken Sie wahrscheinlich an Anbieter wie die Telekom, an Vodafone, an die Kabelbetreiber oder an Discovery, die gerade die olympischen TV-Rechte erworben haben.

Rummenigge: Es gibt auch noch das Free-TV. Die ARD hat es sich ja erlaubt, die Qualifikationsspiele der Nationalmannschaft und die olympischen Rechte zu verlieren – ich kann mir nicht vorstellen, dass sie auch noch die Sportschau verlieren wollen. … Ich bin jemand, der mit der Sportschau groß gewoden ist, ich mag diese Sendung – auch weil ich weiß, dass sich nicht jeder ein Abo fürs Pay-TV kaufen will.

SZ: Sie fordern also einen aggressiveren Bieterkampf. Welche Summe schwebt Ihnen am Ende vor?

Rummenigge: Schön wäre, wenn es der DFL mit Hilfe der Bundesliga gelänge, aus 500 Millionen eine Einskomma-X zu machen.

SZ: Ging es bei Thomas Müller tatsächlich um die kolportierten 100 Millionen als Ablösesumme?

Rummenigge: Ich spreche nicht über Zahlen, aber es war sehr hoch. Wenn ich Bankdirektor wäre, hätten wir das machen müssen. Aber als Fußballverein haben wir uns erlaubt, die Tür zuzumachen. Und diese Tür bleibt zu, das kann ich allen versprechen. Aber klar ist auch: Es wird angesichts des englischen Fernsehgeldes auch für den FC Bayern in Zukunft nicht leichter werden.

 

1021: FC Bayern hilft.

Freitag, September 4th, 2015

Der FC Bayern München wird sich unter anderem mit einer Millionenspende an der Hilfe für Flüchtlinge beteiligen. Die Münchener kündigten am Donnerstag an, in Abstimmung mit Stadt und Freistaat „finanzielle, materielle und praktische“ Unterstützung zu leisten. Zu den Maßnahmen gehöre ein Trainingscamp für Flüchtlinge, die dort zudem Deutschunterricht, Mahlzeiten und eine Fußballer-Ausrüstung erhalten sollen. Überdies werde eine Million Euro aus einem Freundschaftsspiel für Flüchtlingsprojekte bereitgestellt (SZ 4.9.15).

1020: Navid Kermani – ein 68er ?

Donnerstag, September 3rd, 2015

Navid Kermani ist Orientalist und Schriftsteller. Er hat über die Ästhetik des Korans promoviert. Zum 65-jährigen Bestehen des Grundgesetzes war Kermani der Festredner im Bundestag und rühmte die Integrationskraft unserer Verfassung in einer bewegenden Rede. Im August ist sein neues Buch „Ungläubiges Staunen“ erschienen, der Versuch einer sinnlichen Annäherung an das Christentum. Alexander Cammann hat ihn für die „Zeit“ (20.8.15) interviewt.

Zeit: Sie bekommen im Oktober in der Frankfurter Paulskirche den Friedenspreis des deutschen Buchhandels. Ein anderer Preisträger, Jürgen Habermas, hat 2001 in seiner Dankesrede Religion als Ressource für unsere moderne Gesellschaft entdeckt, obwohl er selbst einräumt, „religiös unmusikalisch“ zu sein.

Kermani: Ich bewundere Habermas dafür, wie er über seine eigenen Grenzen hinausdenkt, dass er nicht verurteilt, was er nicht versteht, sondern ein Potential erkennt. Das ist im Sinne einer intellektuellen Moralität ein beeindruckender Weg. Dabei waren die Stammväter der Kritischen Theorie religiös ziemlich musikalisch, wenn Sie an Adorno, Horkheimer und Benjamin denken, die wiederum eng mit Scholem und Bloch in Kontakt standen und sich gut in der religiösen Tradition auskannten, besonders in der mystischen. Gerade in der geistigen Schule, aus der Habermas kommt, ist ein transzendentes Moment angelegt. Dennoch tut er nicht so wie manche Talkshow-Katholiken von heute, als wäre das urplötzlich seine eigene Sache.

Zeit: Wo bleibt die Aufklärung? Nirgends taucht bei Ihnen das heilige Wort der Moderne auf.

Kermani: Natürlich will ich nicht hinter die Aufklärung zurück, meine intellektuellen Schlüsselerlebnisse verdanke ich dem Kanon der 68er, meine Bibel als junger Mensch war Adorno. Aber zur Aufklärung gehört genuin, sich ihrer Grenzen und Gefahren bewusst zu sein. Vernunft ist niemals blinde Verstandesgläubigkeit, sondern immer auch die Einsicht in die Grenzen des Verstandes.

1019: Wilhelm Raabe – ein unterschätzter Autor ohne „Code“

Donnerstag, September 3rd, 2015

Wilhelm Raabe (1831-1910) haben wir in der Schule gelesen. Ohnehin waren wohl der Englisch- und der Deutschunterricht nicht so schlecht. Ich hatte jedenfalls Lust dazu. So lernte ich „Else von der Tanne“ (1865) kennen, „Das Odfeld“ (1888) und „Stopfkuchen“ (1891). Wir lasen Raabe schon nicht mehr als Idylliker, sondern als Gesellschaftskritiker. Aber einige Klassenkameraden, die mehr in Richtung Mathematik und Maschinenbau tendierten, machten seinerzeit hämische Bemerkungen. So erklärt es sich wohl zum Teil, dass Raabe heute ein fast vergessener Autor ist. Auch im Weserbergland, wo der Dichter zeitweilig gelebt hat und wo einige seiner Erzählungen spielen. Ebenso in Göttingen, wo die Georg-August-Universität Raabe 1901 die Ehrendoktorwürde verliehen hat.

Dabei hat Raabe 68 Romane, Erzählungen und Novellen geschrieben. Er war Berufsschriftsteller und musste von seinen Honoraren leben. Das zeigt Werner Fulds

Wilhelm Raabe. Eine Biographie. München 2006, 382 Seiten,

eindrücklich. In einer biografischen Skizze hat Raabe 1906 über sich Auskunft gegeben. Er setzte sich auseinader mit dem Alten und dem Neuen, mit der Industriegesellschaft, mit der Umweltzerstörung. 1864 erschien sein ökologischer Roman „Pfisters Mühle“. Aus erzählerischer Distanz sah Raabe die Entwicklung seiner Zeit skeptisch, bisweilen pessimistisch. Und er erfasste dabei manche gesellschaftliche Misere sehr genau. 1931 wurde ihm zu Ehren in Berlin-Mitte die Spreestraße in „Sperlingsgasse“ umbenannt. In Anknüpfung an Raabes erstes Erfolgsbuch

Die Chronik der Sperlingsgasse, 1856.

Es folgten so bekannte und manchmal viel gelesene Werke wie

Unseres Herrgotts Kanzlei 1862,

Der Hungerpastor 1864,

Abu Telfan 1867,

Der Schüdderump 1870,

Das Odfeld 1888,

Stopfkuchen 1891 und

Altershausen 1901 (1911).

Davon habe ich bei weitem nicht alle gelesen. Der Erfolgsroman „Der Hungerpastor“ (1864) ist antisemitisch wie Gustav Freytags „Soll und Haben“. Der unsympathische Gegenspieler des Helden Hans ist intrigant, ökonomisch und sexuell erfolgreich. Und Jude. Marcel Reich-Ranicki hat Wilhelm Raabe nie gewürdigt.

Nun hat Moritz Baßler, der in Münster neuere deutsche Literatur lehrt, den in Vergessenheit geratenen Schriftsteller für uns in die Gegenwart geholt (FAZ 15.8.15). Er widmet ihm eine emphatische Besprechung, in der er zeigt, dass Raabe nicht in inniger Zurückgebliebenheit hängenbleibt, sondern den Gegensatz zwischen Weltläufigkeit und Heimatverbundenheit thematisiert. In Zeiten der Öko-Wende sehr aktuell. Raabe setzt sich mit der philiströsen Selbstgerechtigkeit auseinander. Vielleicht können auch erst wir Gegenwärtigen diese Lesart bevorzugen. Raabe kritisiert die Entfremdung in der ansonsten von nationalistischer Propaganda gerühmten „Gründerzeit“ nach 1870.

Wunderliche Wendungen wie „nicht totzukriegen“ oder „im Zusammenhang der Dinge“ stammen von Raabe. Nach Baßler hat Thomas Mann hier von ihm gelernt. Bei der Raabe-Lektüre wird ebenso seine Nachbarschaft zu Theodor Fontane deutlich. Der Dichter, der nach Stationen in Berlin, Wolfenbüttel und Stuttgart ab 1870 in Braunschweig lebte, sah weder in der Religion noch in der Liebe, der Kunst, dem Vaterland oder der Familie die Rettung. Moritz Baßler findet das ausgerechnet in John Lennons Motto „Nothing to kill or die for/and no religion, too.“ ausgedrückt. Raabe folgte keiner Erlösungsideologie. Seine Helden müssen sich durchwurschteln.

„Untertitel wie ‚eine See- und Mordgeschichte‘ (‚Stopfkuchen‘, 1891) führen bewusst in die Irre, so wie der aussortierte, schrullige alte Klosterschullehrer Magister Buchius in ‚Das Odfeld‘ (1888) seine unwahrscheinliche Kleingruppe um eine Schlacht des Siebenjährigen Krieges herum im Kreis führt. Und dennoch wird man in der deutschen Literatur ein Buch, das in ähnlicher Weise Bildung, Geschichte, Humanität und Tod zu einem historischen Roman verdichtet, vergeblich suchen.“

Raabe zieht aus dem Fehlen eines verlässlichen Sinncodes eine radikale Konsequenz: Uns bleibt nur das „Muddling through“.

 

1018: Schwarz-Grün: Optionen für 2016 und 2017

Mittwoch, September 2nd, 2015

Vor einigen Jahren haben die Grünen Henriette Reker zur Sozialdezernentin in Köln gemacht. Heute ist sie gemeinsame OB-Kandidatin von CDU und Grünen. Mit Aussichten, den SPD-Oberbürgermeister abzulösen. Allein würden das weder die Grünen noch die CDU schaffen. Die CDU erscheint bei diesem Projekt manchmal noch zögerlich. Aber im Vorgriff auf 2017 ist es wichtig:

März: Wahl des Bundespräsidenten,

Mai: Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen,

Herbst: Bundestagswahl.

Der Spitzenkandidat der CDU in Nordrhein-Westfalen, Armin Laschet, ist ein Anhänger von Schwarz-Grün. Kanzleramtsminister Peter Altmaier auch, ebenso Generalsekretär Peter Tauber. Und das CDU-Präsidiumsmitglied Julia Klöckner möchte im

März 2016

Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz werden. Mit Hilfe der Grünen. Es steht also einiges auf dem Spiel (Günter Bannas, FAZ 29.8.15).

Die Grünen stürzt das in Turbulenzen. Ihre Basis könnte die ideologische Aufweichung beklagen, die einem Zusammengehen mit der Union vorausgehen müsste. Allerdings winkt die Beteiligung an der Macht, stets ein gewichtiges Argument. Bei den Grünen gibt es ja sowohl im Bund als auch auf Länderebene manche fähigen Politiker. Nur die noch in Ideologie verfangene Basis, die zudem stark an Subventionen interessiert ist, muss zum Jagen getragen werden.

 

1017: Menschenhandel und Moral im Fußball

Dienstag, September 1st, 2015

Dass Kevin de Bruyne für fast 75 Millionen Euro vom VfL Wolfsburg zu Manchester City wechseln kann, ist zunächst sehr gut zu verstehen. Der Besitzer von Manchester City ist nämlich

Scheich Mansour

aus Abu Dhabi. Und der hat das Geld. Außerdem haben die beiden Bezahlsender

British Telecom und Sky

für die drei Spielzeiten der Premier League von 2016 bis 2019

6,9 Milliarden Euro

geboten. Das Geld ist also da. Und nicht nur für Manchester City und den FC Chelsea, sondern auch für den FC Bournemouth oder West Bromwich Albion. Der dritte nicht zu unterschätzende Faktor in dem Spiel um Macht und Moneten ist

die globale Sprache Englisch,

welche die globale Vermarktung sehr erleichtert. Englisch wird überall verstanden. Die Premier League ist in Bombay, Peking und Schanghai attraktiv, in Melbourne und Chicago.

Natürlich sind die für Fußballspieler gezahlten Summen in Zeiten weltweiter Flüchtlingsströme moralisch fragwürdig. Das Verhältnis des glänzenden Fußballs zu Elend und Tod der Flüchtlinge wirkt zynisch. Aber der Fußball kennt nicht nur die gigantische Schattenwelt von FIFA und UEFA, sondern kommt selbst im grellen Licht der Öffentlichkeit zur Austragung, vor den Objektiven der Fernsehkameras. Und die Fußballstars werden auf ihren Facebook-Seiten international beschimpft. Ihre Leistung steht immer in der Kritik.

Wir übersehen auch nicht, dass Fußball als sozialer Faktor an der Basis positiv wirkt. Als Integrationsraum, in dem Ehrenamtliche viel Gutes erreichen (Klaus Hoelzenbein, SZ 1.9.15).

Die teuersten Transfers (in Millionen Euro):

1. Christiano Ronaldo, 2009, von Manchester United zu Real Madrid, 94,0,

2. Gareth Bale, 2013, von Tottenham Hotspur zu Real Madrid, 91,0,

3. Neymar, 2013, von FC Santos zu FC Barcelona, 86,2,

4. Luis Suarez, 2014, von FC Liverpool zu FC Barcelona, 81,0,

5. James Rodriguez, 2014, von AS Monaco zu Real Madrid, 80,0,

6. Zinédine Zidane, 2001, von Juventus Turin zu Real Madrid, 76,0,

7. Kevin de Bruyne, 2015, von VfL Wolfsburg zu Manchester City, 75,0,

Angel de Maria, 2014, von Real Madrid zu Manchester United, 75,0,

9. Zlatan Ibrahimovic, 2009, von Inter Mailand zu FC Barcelona, 70,0,

10. Raheem Sterling, 2015, von FC Liverpool zu Manchester City, 69,0,

19. Mesut Özil, 2013, von Real Madrid zu FC Arsenal, 50,0.

1016: Sport definiert Frau und Mann.

Montag, August 31st, 2015

Bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft 2009 in Berlin trat „sie“ zum ersten Mal auf. Caster Semenya aus Südafrika. Damals 18 jahre alt, drahtig, burschikos mit tiefer Stimme. Sie gewann die 800 m in 1:55,45 Minuten. Vor dem Finale war vom Internationalen Leichtathletik-Verband (IAAF) ihr Geschlecht untersucht worden. Semenya erschien nicht zur Pressekonferenz. Und die Welt rätselte, ob sie nun Frau oder Mann sei.

Danach wurden vom IAAF per Testosteronspiegel Grenzen zwischen Frauen und Männern festgelegt. Bei 10 Nanomol pro Liter Blut. Athleten, bei denen man vermutete, dass sie diesen Wert überschritten oder unterschritten hatten, mussten sich fortan untersuchen lassen. Wer durch den Test fiel, dem wurde zu einer Hormonbehandlung geraten. Der IAAF betonte, dies beruhe auf starkem Konsens in der Wissenschaft.

Manche Wissenschaftler halten die Regel für „idiotisch“. Auch in der Natur überlappten sich die Geschlechter immer wieder. Jede Grenzziehung zwischen Frauen und Männern sei infolgedessen willkürlich (JKN, SZ 27.8.15).

Meinetwegen.

Es stört mich auch nicht, dass bei Jonathan Franzen sechs „Geschlechter“ durchs Netz geistern, bei Judith Butler neun, in anderen Darstellungen sogar 66. Wunderbar. Allerdings hilft das dem Sport nicht. Denn bei ihm soll ja bei Frauen und Männern

Chancengerechtigkeit

herrschen. Da ist eine Definition erforderlich, was männlich oder weiblich ist. Sonst starten bald mehr als zwei Geschlechter.

Von mir aus.