Archive for the ‘Gesellschaft’ Category

1036: Jörg Baberowski über Gewalt

Sonntag, September 20th, 2015

Jörg Baberowski ist seit 2002 Professor für osteuropäische Geschichte an der Humboldt-Universität in Berlin. Studiert hat er u.a. von 1982 bis 1988 an der Georgia Augusta in Göttingen wohl hauptsächlich bei Manfred Hildermeier. In seiner Jugend war er beim KBW. Auch wenn ich die Bedeutung der K-Gruppen nicht überbetonen möchte, so kommt es mir schlüssig vor, dass ihre ehemaligen Mitglieder sich mit dem

Stalinismus

auseinandersetzen. Das ist bei Jörg Baberowski der Fall. Seine Habilitation 2000 hatte „Stalinismus im Kaukasus“ zum Thema. Baberowski hat das Thema weiter verfolgt. 2012 legte er „Verbrannte Erde. Stalins Herrschaft der Gewalt“ vor, in dem er den Fokus zunehmend auf die

Gewalt

legte. In dieser Woche erscheint

„Räume der Gewalt“. S. Fischer, 272 S., 19,99 Euro.

Für die FAS (20.9.15) hat Simon Strauß Baberowski zur Flüchtlingswelle und zur Gewalt interviewt.

FAS: Wer entscheidet in Deutschland, dem „Reich der Tugendwächter“, wie Sie es nennen, über den Wortgebrauch? Wer verbietet die freie Meinungsäußerung? Ihre Ansichten über die Flüchtlingskrise haben Sie ja beispielsweise Anfang letzter Woche sehr prominent auf der ersten Seite des FAZ-Feuilletons frei äußern können (vgl. hier Nr. 1029)?

Baberowski: Es gibt keine Instanz, die den Wortgebrauch festlegt, aber es gibt eine Atmosphäre, in der jene, die das wollen, anderen vorschreiben können, wie sie zu reden haben. Und zwar jene, die die Hoheit über die Kommunikation im politischen Raum haben. Sie können in Deutschland nur noch in einer verordneten Sprache sprechen, wenn Sie sich nicht selbst vom Gespräch ausschließen wollen. Ohne die Freiheit der Sprache kann manches aber überhaupt nicht mehr diskutiert werden, weil nur noch zählt, wer spricht und wie gesprochen wird, aber nicht mehr gelten soll, was jemand sagt. Es gilt inzwischen schon als ungewöhnlich, dass ein Aufruf zur Besonnenheit im Feuilleton der FAZ erscheinen darf.

FAS: Sie antworten auf die Frage, wie es dazu kommt, dass Gewalt ausgeübt wird mit dem Hinweis: Nicht Ideologie, nicht soziale Motive erklären sie, sondern die aktuelle Situation, in der sich der Täter befindet. Verkennt ein solcher Ansatz nicht das gewalttätige Potential von Ideen und Milieus?

Baberowski: Ich glaube, dass Ideen überhaupt keine Handlungspotentiale haben. Mit Ideen kann man Gewalt rechtfertigen, aber die Tat als solche wird ja nicht von den Vorstellungen, die man von der Welt hat, motiviert, sondern durch Aggressionen, durch Befehle, die jemand bekommen hat, durch die Tatsache, dass man Gewaltopfer ist und sich wehren muss. Das sind die Situationen, in denen Gewalt Bedeutung gewinnt. Ideologische Motive sind in diesem Zusammenhang belanglos.

FAS: Gewalt als Möglichkeit, sich anderen gegenüber zu behaupten, kommt in unserem deutschen „postheroischen Weltempfinden“ nicht mehr vor, wie Sie schreiben: „Nicht einmal der Verteidigungsminister weiß, was man mit den Waffen, die er in Krisengebiete schaffen lässt, anrichten kann“. Hat das auch negative Seiten, dass wir Gewalt nur noch als Normenverstoß wahrnehmen?

Baberowski: Ja, ich glaube, dass uns das tatsächlich irgendwann auf die Füße fallen kann. Ich frage mich, wie unsere Gesellschaft mit einer existenziellen Krise umgehen würde, wenn man gar nicht weiß, wie Gewalt funktioniert. Stattdessen wundern sich Menschen darüber, dass Soldaten, die in Afghanistan eingesetzt werden, nicht nur Kindergärten bauen, sondern manchmal auch schießen müssen. Wir leben nicht mehr in einer Gesellschaft von Helden. Das hat viele Vorteile. Aber wir sind dadurch zu Gewaltverleugnern geworden, die auf den Ernstfall nicht vorbereitet sind. … Es gibt zur dichten Beschreibung von Gewalt keine Alternative, wenn man begreifen will, was sie mit den Menschen macht und was Menschen mit ihr machen. Niemand muss ein Buch über Gewalt lesen. Aber wer es tut, muss in Kauf nehmen, dass ihm schlecht wird.

1035: McGregor: Zersplitterung Deutschlands – eine Stärke

Samstag, September 19th, 2015

Neil McGregor

wird neben Hermann Parzinger und Horst Bredekamp Gründungsintendant des Berliner Humboldtforums, auf das wir an Berlin Interessierten schon sehr gespannt sind. Der britische Historiker ist ähnlich wie sein Kollege

Christopher Clark

Deutschland-Experte. Seine Londoner Ausstellung „Geschichte der Welt in 100 Objekten“ hat Furore gemacht. Noch größere positive Resonanz erfuhr seine Darstellung Deutschlands in der Ausstellung „Germany. Memories of a Nation“. Nun erscheint sein neuestes Buch

„Deutschland. Erinnerungen einer Nation“ München (C.H. Beck) 2015, 640 Seiten, 39,95 Euro.

Der Band ist mit 330 Abbildungen reich illustriert. Anscheinend will McGregor die bei der Betrachtung Deutschlands üblichen Stereotypen

Krauts, Nazis, Wirtschaftswunder

ersetzen durch

Goethe, Bauhaus, Buchenwald.

Im Interview mit Andreas Fanizadeh (taz 12./13.9.15) erläutert McGregor, dass seiner Meinung nach die Zersplitterung Deutschlands seit dem Mittelalter auch eine Stärke war. Er widerspricht damit der Generalthese des Göttinger Soziologen Hellmuth Plessner in seinem Buch

„Die verspätete Nation. Über die politische Verführbarkeit bürgerlichen Geistes.“ 1959.

taz: Herr McGregor, Sie bezeichnen die zersplitterte Ordnung des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation als einen Sieg der „kreativen Fragmentierung“. Wie meinen Sie das?

McGregor: Der vielleicht schwierigste Aspekt, deutsche Geschichte zu verstehen, bezieht sich auf die Geschichte des politischen Flickenteppichs. Man kann nicht von einer einheitlichen deutschen Geschichte sprechen, weil es sehr viele verschiedene Geschichten gab. Bis 1871 war entscheidend, ob man Bayer, Hamburger oder Preuße ist. Für uns war lange schwierig, das richtig zu verstehen. Die politische Fragmentierung wurde vor allem als Schwäche betrachtet, um spätere negative Entwicklungen zu erklären.

taz: Sie spielen auf Debatten wie die über die „verspätete Nation“ an?

McGregor: Ja.man sah in der politischen Zersplitterung vor allem die Schwäche. Doch man erkennt heute, dass Spaltung und Zersplitterung auch große Verschiedenheiten und Freiheiten erlaubten, die es in früh vereinigten Zentralstaaten so nicht gab. Die

Reformation

hätte ohne die Zersplitterung nicht stattfinden können. In England und Frankreich konnten die Zentralmächte religiöse Abweichungen sofort ersticken. Die Unterschiedlichkeit Deutschlands mit seinen vielen Fürstentümern bedeuteten letzten Endes für die Gesellschaften eine Stärke.

taz: Die politische Zerklüftung, das Patt nach Bauern- und Dreißigjährigem Krieg als Voraussetzung für religiöse Toleranz?

McGregor: Nach dem Frieden von 1648 bestand das Heilige Römische Reich aus Regionen mit verschiedenen – erlaubten – Religionen. Das war für Frankreich und auch Großbritannien undenkbar. In Deutschland musste der Kaiser die Tatsache anerkennen, dass er Katholiken wie Lutheraner zu Untertanen hatte. Schwierig blieb allerdings in allen europäischen Gebieten die Lage der Juden.

Vgl. Wilfried Scharf: Deutsche Diskurse. Die politische Kultur von 1945 bis heute in publizistischen Kontroversen. 2. Auflage. Hamburg (Coverport) 2009, 228 Seiten.

1034: Flüchtlingslager auf der Welt

Freitag, September 18th, 2015

Durch die aktuelle Flüchtlingskrise ist Europa ins Zentrum des Interesses gerückt. Flüchtlinge gibt es aber anderswo auf der Welt in noch größerem Ausmaß. Ursachen sind meistens Kriege, Bürgerkriege oder der Kampf um Rohstoffe und Bodenschätze.

1. Seit dem sowjetischen Einmarsch in Afghanistan fliehen Menschen von dort. Der Strom ist in letzter Zeit wieder größer geworden, weil die USA und andere westliche Sicherheitsmächte sich von dort zurückziehen wollen.

2. Der muslimische Sudan und der christliche Südsudan haben zwei Staaten gebildet. Im ölreichen Südsudan herrscht seit 2013 ein mörderischer Bürgerkrieg. Sieben Waffenstillstandsabkommen haben nichts genützt.

3. Somalia hat seit den neunziger Jahren fast keine staatlichen Strukturen mehr. Dort herrschen Milizen.

4. Der an Bodenschätzen reiche Ostkongo ist seit Jahrzehnten Spielball von mörderischen Milizen.

5. Der Bürgerkrieg in Burundi hat eine Flüchtlingswelle ausgelöst.

6. Die Kämpfe in Irak und Syrien haben vielfältige und hochkomplexe Ursachen. Die erkennbar wichtigsten sind der verfehlte Einmarsch der USA 2003 in Irak und die permanente Unterstützung Russlands für das alewitische Assad-Regime in Syrien, wo neuerdings das russische militärische Engagement noch vergrößert wird. In Jordanien und Libanon bestehen Flüchtlingslager schon seit den Nahostkriegen 1948, 1956, 1973 und 1981.

7. Im UN-Sicherheitsrat werden beabsichtigte Sanktionen häufig von den Veto-Mächten blockiert. Sehr häufig von Russland.

Die Staaten, die am meisten Flüchtlinge aufgenommen haben, sind 1. die Türkei (1 938 999), 2. Pakistan (1 505 525), 3. Libanon (1 113 941), 4. Iran (982 027), 5. Äthiopien (659 524), 6. Jordanien (629 266), 7. Kenia (551 352), 8. Tschad (452 897), 9. Uganda (385 513), 10. China (301 052). Dass die meisten Flüchtlinge dort keine Perspektive sehen, liegt auf der Hand.

Die größten Flüchtlingslager sind

Daadab, Kenia (332 455),

Gambella, Äthiopien (219 620),

Dollo Ado, Äthiopien (208 331),

Nyarugusu, Tansania (151 258),

Adjumani, Uganda (112 620) und

Rwamwanja, Uganda (61 016).

Nicht immer werden aus großen Flüchtlingsströmen große Lager. Vor allem in der Türkei und in Pakistan, den aktuell wichtigsten Aufnahmestaaten, kommen die meisten Vertriebenen nicht in Camps unter, sondern leben dezentral in Dörfern und Städten (SZ 17.9.15).

1033: Gergiev über deutsch-russische Kulturbeziehungen

Donnerstag, September 17th, 2015

Valery Gergiev startet seine Zeit als Chef der Münchener Philharmoniker am kommenden Sonntag mit Gustav Mahlers „Auferstehungssinfonie“. Der internationale Musik-Star ist Putin-Anhänger und etwa durch herabsetzende Äußerungen über Homosexuelle aufgefallen. Wie er in einem Interview mit Michael Stallknecht (SZ 17.9.15) wieder zeigt, möchte er sich bei politischen Äußerungen weiterhin nicht zurückhalten.

Gergiev: … Ich begrüße die großzügige Gastfreundschaft des deutschen Staates, wenn wir über die Migration reden. Aber das politische Gesamtbild ist alarmierend. Dabei rede ich nicht nur über München, halb Europa ist jetzt voller Spannungen. In Russland haben wir eine Million Migranten aus der Ukraine, also ein ähnliches Problem. Ich weiß nicht, ob wir all diese großen Probleme lösen können. Ich kann nur hoffen. Aber ich weiß nicht, ob der Prozess erfolgreich sein wird, alle diese Menschen zu integrieren. Die kulturellen Unterschiede sind enorm, und Europa ist vorwiegend christlich geprägt. Nun gibt es viele Diskussionen, ob Europa seine Identität verliert. Ich hoffe nicht. In Russland lieben wir deutsche Musik, weil wir empfinden, dass sie ein starker Ausdruck der deutschen Seele ist. Deshalb hängen die Beziehungen zwischen Deutschland und Russland auch vom kulturellen Austausch ab. Das ist absolut essenziell in dieser Zeit. Wenn die Politiker sich nicht verstehen, heißt das nicht, dass die Völker sich nicht verstehen. Die Völker Russlands und Deutschlands haben meiner Meinung nach eine sehr breite Basis, um einander zu verstehen.

1032: Putin „erweitert“ die NATO.

Mittwoch, September 16th, 2015

Die Angst vor Russland hat einst schon die Osteuropäer (Estland, Lettland, Litauen, Polen etc.) in die Arme der NATO getrieben. Nun führt

Putins Angriff auf die Ukraine

dazu, dass selbst in Schweden und Finnland die Zahl der Parteien und der Menschen zunimmt, die einen Beitritt zur NATO wünschen. In Schweden haben einige wichtige Parteien ihre bisherige Ablehnung aufgegeben. Das heißt nicht, dass beide Länder demnächst Mitglieder der Allianz werden, aber die Bedrohungslage und das Bedrohungsgefühl in Europa haben sich geändert.

„Und es gehört schon eine ganze Menge bedrohliches Gehabe dazu, um zwei so bedächtige Staaten wie Schweden und Finnland, die auf eine lange, stolze Tradition der Neutralität und Selbstverteidigung zurückschauen, die den gesamten kalten Krieg außerhalb der NATO verbracht haben, derart aufzuschrecken, dass sie nun ernsthaft daran denken, unter den Schutzschirm zu schlüpfen.

Und der Kreml und seine Apologeten werden nun wieder die Schuld der NATO zuschieben. Das Bündnis, so klagen sie gerne, rücke mutwillig an die Grenzen Russlands heran. Das Beispiel Schweden freilich zeigt: Der Vorwurf stimmt nicht, weder für Ost- noch für Nordeuropa.“ (Hubert Wetzel, SZ 16.9.15)

1031: Energiekonzerne haben Probleme beim Atomausstieg.

Mittwoch, September 16th, 2015

Seit die rot-grüne Bundesregierung im Jahr 2000 den Atomausstieg beschloss, führen Politik und Energiekapital

(Eon, RWE, ENBW, Vattenfall)

einen erbitterten Streit darüber. Es geht um die Kosten. Nun hat Wirtschaftsminister Gabriel einen Gesetzentwurf vorgelegt, der die Energiekonzerne verpflichtet, die Folgekosten des Atomzeitalters zu tragen.

Diese hätten die Kosten gerne auf den Steuerzahler abgewälzt.

Hinter Gabriels Gesetzentwurf steht die Überzeugung, dass die Energiekonzerne jahrelang vom staatlich geförderten Atomgeschäft profitiert haben und zahlen sollen.

Meines Erachtens ist dieser Ansatz alternativlos.

Aber es besteht die Gefahr, dass die Konzerne pleitegehen. Der Atomausstieg ist außerordentlich teuer. Für den Rückbau von Atomkraftwerken und die Lagerung des Atommülls in den kommenden Jahrzehnten werden zwischen

30 und 70 Milliarden Euro

veranschlagt. Falls die Suche nach einem Endlager für den Atommüll nochmals beginnt, könnten es dreistellige Milliardenbeträge werden. Das Kerngeschäft der Energiekonzerne, die konventionelle Stromerzeugung, lohnt sich kaum noch, seit wegen der

Energiewende

massenweise subventionierter Ökostrom ins Netz gespeist wird, der den Strompreis nach unten treibt. RWE hat in den vergangenen viereinhalb Jahren drei Viertel des Börsenwerts verloren. Eon verlor mehr als 60 Prozent und machte vergangenes Jahr mit drei Milliarden Euro den größten Verlust der Firmengeschichte. Beide Konzerne haben jeweils rund dreißig Milliarden Euro Schulden. Eon-Chef Johannes Theyßen gab vergangene Woche bekannt, dass der Konzern seine Atomkraftwerke nicht wie geplant auslagern, sondern behalten wird.

Ob Eon sich unter diesen Bedingungen erholen kann, steht in den Sternen (Lena Schipper, FAS 13.9.15).

1029: Einwanderung muss gesteuert werden.

Montag, September 14th, 2015

In der FAZ vom 14.9.15 kommen mit Udo di Fabio und Jörg Baberowski zwei Einwanderungs-Analytiker zu Wort, deren Beiträge geeignet sind, jeglicher Willkommenskultur-Euphorie zu widersprechen. Beide sind Gelehrte, die ich ins liberal konservative Lager einordne. Ich referiere einige Thesen.

1. Es genügt nicht, wie Angela Merkel „Wir schaffen das.“ zu sagen, oder wie Sigmar Gabriel damit zu rechnen, dass demnächst jährlich eine halbe Million Zuwanderer nach Deutschland kommen. Es hat sich in der Welt nämlich herumgesprochen, dass man für die Einreise nach Deutschland keinen Pass benötigt. Geschaut werden muss auch auf die illegalen Zuwanderer. Dafür müssen sie richtig registriert werden.

2. In Einwanderungsländern wie USA, Kanada oder Australien gehört erst der dazu, der sich seinen Respekt erarbeitet hat.

3. Für Mütter, Bauarbeiter und Frisörinnen in Deutschland, die wenig Geld haben, ist es nicht leicht einzusehen, warum Einwanderer, die keinen Asylgrund haben, etwas geschenkt bekommen. Für Altenpflegerinnen schon gar nicht, die eine Wohnung in der Großstadt suchen.

4. Die Systeme von

Schengen und Dublin

sind gescheitert. Es bedarf dringend neuer besserer Regelungen für die Binnen- und Außengrenzen der EU.

5. Eine den Menschenrechten adäquate Ordnung gewährleisten nur Staaten. Diese sind definiert u.a. durch ihre Grenzen, innerhalb derer sie für Ordnung sorgen.

6. Margot Käßmanns Formel „Nur leere Kirchen machen Angst vor vollen Moscheen.“ erscheint plausibel. Worum es geht, ist, dass wir wissen, wer wir sind und was wir wollen. Es geht um unsere Identität. Falls die unklar bleibt, wird es brandgefährlich.

7. Der Westen ist immer noch wirtschaftlich, technisch und kulturell dominant, aber es gelingt ihm nicht, „sein Gesellschaftsmodell so bruchlos zu globalisieren, wie man sich das nach dem Zerfall der Sowjetunion vorgestellt hatte“. Diese Globalisierung des westlichen Modells ist aber äußerst wünschenswert.

8. „Es gilt, nüchtern auf die Grundlagen der westlichen Zivilisation zu schauen. Der Westen als Gesellschaftsmodell mag heute schwanken oder gar im Niedergang befindlich scheinen, aber er hat keine wirklichen Systemkonkurrenten, weder in China, in Russland, in Venezuela noch in Iran. Die Kräfte einer freien Gesellschaft sind enorm, wenn sie weiß, wie sie wurde, was sie sein will und was ihr normativer Kern ist.“ (Udo di Fabio)

9. „Ich möchte in einer Gesellschaft leben, die von den Errungenschaften der Aufklärung nicht abrückt, die religiösen Fanatikern Einhalt gebietet, die Einwanderern klarmacht, dass wir diese Grundsätze nicht aufgeben und sie auch verteidigen. Das wird nur gelingen, wenn wir uns unsere Einwanderer aussuchen dürfen. Und ich wünsche mir, in meinem Land offen sagen zu dürfen, was ich denke, ohne von ahnungslosen Fernsehpredigern und überforderten Politikern darüber belehrt zu werden, was moralisch geboten ist und was nicht.“ (Jörg Baberowski)

1028: Angst zulassen

Montag, September 14th, 2015

Angesichts der in den letzten Tagen erkennbar gewordenen Willkommenskultur bei sehr vielen Deutscher und angesichts gleichzeitig brennender Flüchtlingsheime darf unsere politische Analyse nicht in Einseitigkeiten hängenbleiben. Wir müssen zu einer nüchternen Erkenntnis der Gesamtlage fähig bleiben. Dazu gehört auch, wie Detlef Esslinger in der SZ (12./13.9.15) darlegt, dass wir Angst zulassen können.

Denn eine der letzten Umfragen ergab, dass 61 Prozent der Befragten keine Angst vor Flüchtlingen haben. 38 Prozent aber doch. Und das sind nicht alle Pegida-Fans oder Neonazis. Einige meiner Bekannten sprachen mich darauf an, ob sie nicht ihre schönen Einfamilienhäuser für Flüchtlinge öffnen müssten. Da konnte ich nur antworten, dass sie einmal überhaupt kein schlechtes Gewissen haben müssten und dass eine Wohnungszwangsbewirtschaftung wie nach 1045 gegenwärtig nicht angezeigt sei.

Es gibt also die Menschen, die Angst vor den Flüchtlingen haben. Wir sollten mit ihnen sprechen. Geduld haben. Wie wir ja auch den langfristigen Erfolg der Integrationspolitik haben wollen. Keine kurzfristigen Scheinblüten. Natürlich kommt eine Politik wie die von Victor Orban für uns nie in Frage. Aber dass Eltern sich um die Schulausbildung ihrer Kinder sorgen, Sportvereins-Vorstände die Sporthallen wieder nutzen können wollen und Messe-Vorstände sich um die nächste Messe Gedanken machen, ist nur verständlich.

Die Flüchtlinge sind entweder schon da. Oder auf dem Weg. Und wir können sie nicht auf einer ungarischen Wiese überwintern lassen. Aber die EU muss nun zeigen, wozu sie in der Lage ist! Übrigens würde ein

Einwanderungsgesetz

gerade die Begrenzung der Zuwanderung und die Aufteilung der Zuwanderer im Auge haben und erreichen können.

1027: Rechnungshof warnt Hamburg vor Olympia-Bewerbung.

Samstag, September 12th, 2015

In einer „beratenden Äußerung“ hat der Hamburger Landesrechnungshof die Stadt Hamburg vor einer Olympia-Bewerbung für 2024 gewarnt. Das für Ende November geplante Votum der Hamburger zur Bewerbung komme zu früh. Die Kosten könnten dann noch nicht realistisch abgeschätzt werden. Der Landesrechnungshof rät Senat und Bürgerschaft, vor dem Abschluss eines Gastgeberstadtvertrags mit dem IOC 2017 noch einmal die Finanzlage zu prüfen. Falls die Kosten nicht mit der

Schuldenbremse

vereinbar seien, sei die Bürgerschaft nicht an ein mögliches „Ja“ in der Volksabstimmung gebunden. Nach der olympischen Charta, dem „Grundgesetz“ des IOC, müsse die Gastgeberstadt unbeschränkte Gewährleistung für die Durchführung der Spiele übernehmen (FAZ 12.9.15).

Ich habe hier ja schon mehrfach klargemacht (vgl. 987, 879, 872), dass ich gegen Olympische Spiele in Hamburg bin. Das würde viel zu teuer. Die Kosten würden niemals gerecht verteilt. Die ökologischen Gefahren sind nicht abzuschätzen. Es käme noch mehr Gentrifizierung. Wir wollen doch keine Olympischen Spiele für Immobilienmakler und Hauseigentümer.

Wann wird eigentlich die Elb-Philharmonie eröffnet?

1026: Für Cheney ist Obama schuld.

Freitag, September 11th, 2015

Dick Cheney war Vizepräsident unter George W. Bush, der von 2001 bis 2009 Präsident der USA war. Er war ein vehementer Befürworter des Einmarschs in Irak und ist insofern mitverantwortlich für die gegenwärtige desaströse Lage im Nahen Osten, insbesondere in Irak und Syrien. Das bezweifeln in den USA nicht einmal so erzkonservative Medien wie Fox-News. Nun hat Cheney gemeinsam mit seiner Tochter Liz ein Buch geschrieben, für das vehement geworben wird:

„Warum die Welt ein mächtiges Amerika braucht“.

Darin werden zwei zentrale Behauptungen aufgestellt.

1. Für das Desaster in Irak sei nicht etwa die Bush-Administration verantwortlich, sondern Barack Obama, weil unter ihm die US-Truppen den Irak verlassen hätten. Indirekt sei Obama damit auch schuld am Aufstieg des IS.

2. Cheney kritisiert sehr scharf das von der Obama-Administration, den UN-Vetomächten (China, Russland, Großbritannien, Frankreich) und Deutschland mit Iran ausgehandelte Atomabkommen. „Es wird zu einem nuklear bewaffneten Iran führen, zu einem atomaren Wettrüsten im Mittleren Osten und, mehr als wahrscheinlich, zum ersten Einsatz einer Atomwaffe seit Hiroshima und Nagasaki.“ (Sacha Batthyany, SZ 10.9.15)

Hier haben wir klar die

beiden außenpolitischen Konzepte der USA

vor Augen. Einmal die Politik der Stärke mit Militäreinsätzen in aller Welt (Bush, Cheney). Andererseits den Versuch, Verhandlungslösungen zu erreichen (Obama, Kerry).

Wählen Sie selbst.