Archive for the ‘Gesellschaft’ Category

1047: Erstes Opfer der Flüchtlingswelle: die Haushaltsdiziplin

Freitag, Oktober 9th, 2015

Die Flüchtlingswelle nach Europa wird teuer. Die Europäische Kommission setzt pro Flüchtling 6.000 Euro an, der deutsche Städtetag 10.000 Euro. Allein die beschlossene Verteilung von 120.000 Flüchtlingen in den nächsten Wochen kostet den EU-Haushalt 780 Millionen Euro. Da steht die schwarze Null nicht. Und die mühevoll sanierten kommunalen Kassen in Deutschland sind wieder leer. Es ist abzusehen, dass die vereinbarten Schuldenbremsen ausgesetzt und die Defizitregeln gelockert werden (Cerstin Gammelin, SZ 25.9.15).

In dieser dramatischen wirtschaftlichen Situation prallen die grundsätzlichen Gegensätze zwischen

Sparpolitikern und Keynesianern

härter als je zuvor aufeinander. Der „Vater des deutschen Wirtschaftswunders“, Ludwig Erhard (Wirtschaftsminister 1949-1963, Bundeskanzler 1963-1966), CDU, war Sparpolitiker. Er stürzte darüber, dass er Schulden als Globalsteuerung strikt ablehnte. Sein Nachfolger Karl Schiller, SPD, war Keynesianer. Mit seinem „Stabilitätsgesetz“ wurde Wachstum zum Ziel und die Schuldenmacherei stieg schnell an. Von „Weltstaatsmann“ Helmut Schmidt stammt die Aussage, 5 Prozent Inflation seien ihm lieber als 5 Prozent Arbeitslosigkeit. Mit der Wirtschaftskrise 1974/75 stieg der Schuldenanteil an den Staatshaushalten auf ca. 25 Prozent (vorher weniger als 20).

Seither ist in der Regel die Inflation das wirtschaftspolitische Hauptproblem. Für Wachstum um jeden Preis wird steigende Staatsverschuldung in Kauf genommen. Die Geldpolitik wird zur Magd der Wirtschaftspolitik. In der gegenwärtigen Lage allerdings bemühen sich die westlichen Zentralbanken, die Inflation anzuheizen. „Die Zinsen liegen bei null, und wer jetzt noch Geldpolitik fordert, muss notgedrungen auch über die

Pest negativer Zinsen

nachdenken und gleichzeitig zu ihrer Durchsetzung über die

Cholera der Bargeldabschaffung.“

(Roland Tichy, Jewish Voice from Germany, September 2015).

1046: Jerome Boateng – Führungsspieler in der Nationalmannschaft

Mittwoch, Oktober 7th, 2015

Die überrragende Form von Jerome Boateng in den Spielen des FC Bayern München und in der Nationalmannschaft ist nicht zu übersehen. Schon lange war er einer der talentiertesten Spieler im DFB. Aber kennzeichnend für ihn war lange Zeit, dass er zwischendurch immer wieder Aussetzer hatte. Eine überflüssige lange Grätsche, das Unterschätzen eines langen Balls oder des unmittelbaren Gegners, ein unnötiger Platzverweis.

Erst bei der Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien schaffte er es endgültig, sich vor den Augen der Welt als einer der besten Innenverteidiger zu präsentieren. Schnell, präsent, zweikampfstark, robust, schussstark, ein intelligenter Passgeber. Boateng war meistens der beste Mann auf dem Platz und der eigentliche Titelbringer. Das wird nun auch in den Spielen des FC Bayern sichtbar.

Boateng wünscht sich die Binde des Mannschaftskapitäns. „Die Binde wäre für mich etwas ganz Besonderes und eine große Ehre in meiner Karriere, trotz des Weltmeistertitels.“ „Als erster farbiger Kapitän wäre das mit Blick auf die Integration auch ein starkes Zeichen nach außen.“ (Johannes Aumüller, SZ 7.10.15)

Da hat Jerome Boateng recht.

1045: Das Elend der Pädagogik

Mittwoch, Oktober 7th, 2015

Die Pädagogik, also die wissenschaftliche Beschäftigung mit Lehr- und Lernprozessen, hat hier und da permanent einen sehr schlechten Ruf. U.a. wird ihr eine zu große Anpassung an den Untertanengeist im Kaiserreich, an den Rassismus im Nationalsozialismus und an den weltanschaulichen Dunst in der DDR vorgeworfen. Das ist in einigen Fällen gewiss übertrieben, andererseits manchmal berechtigt. Auch in der alten Bundesrepublik gab es bizarre pädagogische Projekte.

Veronika Hackenbroch demonstriert das an der mutwillig herbeigeführten Rechtschreibkatastrophe (Der Spiegel 41/2015). Sie kam zustande, weil der bewährte Rechtschreibunterricht abgeschafft und durch die Methode „Lesen durch Schreiben“ ersetzt wurde. Dabei sollen Erstklässler nach Gehör eigene Texte verfassen und dadurch Lesen lernen. Rechtschreibung spielt dann erst in der zweiten oder dritten Klasse eine Rolle. Dieser Schwachsinn hat sich weithin durchgesetzt. Er kommt Lehrern entgegen, die selbst keine Rechtschreibung können.

Hackenbroch: „Müssen Lehrverfahren nicht in wissenschaftlich hochwertigen Studien auf ihre Wirksamkeit getestet werden, so wie neue Medikamente? Und zwar bevor sie flächendeckend auf die Kinder losgelassen werden? Leider nein.“ Die Verfechter des schwachsinnigen neuen Schreibenlernens halten Studien, die das Desaster belegen, entgegen: „Heute sind andere Fähigkeiten wichtiger.“ Wer in Studien messe, was Kinder tatsächlich könnten, werde der „Grundidee von Bildung“ nicht gerecht.

Dieser Schwachsinn ist völlig unverantwortlich. Wem nützt die „Grundidee von Bildung“, wenn er auf der weiterführenden Schule scheitert, weil er nicht richtig schreiben gelernt hat? Gar nicht zu denken an ein Studium. Schon zu meiner Zeit hätten wir Kurse „Deutsch für Deutsche“ gebraucht. Wie will jemand, der kein Deutsch kann, eine andere Sprache lernen? Wie will jemand, der seine eigene Sprache nicht beherrscht, Fremde, etwa Flüchtlinge, verstehen?

1044: Martin Walser hat Walter Jens und Günter Grass gemeint.

Dienstag, Oktober 6th, 2015

Martin Walser (geb. 1927) gehört zweifellos zu unseren größten Schriftstellern. Nach dem Tod von Günter Grass und Siegfried Lenz hat er eine gewisse Alleinstellung unter den „Alten“ (immerhin wird er 2017 neunzig). Aber er war zu allen Zeiten ein „bunter Hund“, in vielerlei Kämpfe verwickelt, vieler Dinge bezichtigt, von denen sich dann herausstellte, dass es doch wohl anders gewesen war. Und er hat wunderbare Romane, Erzählungen, Drehbücher und Theaterstücke geschrieben. Darunter „Ein fliehendes Pferd“ (1978) oder „Ein springender Brunnen“ (1998).

Vorsichtshalber füge ich hier eine kleine Auswahl von Lebensdaten an: Walser war Hörfunkredakteur beim SDR, saß im Seminar von Henry Kissinger, galt als DKP-Mitglied (was er nie war), war eng befreundet mit Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld, hat den Sohn Jakob Augstein mit Rudolf Augsteins damaliger Frau Maria Carlsson, trat Gerüchten, er sehe sich kurz vor dem Literatur-Nobelpreis, nie entschieden genug entgegen, etc. Das genügt für mehrere Leben.

Martin Walser hat sich nicht gescheut, Dinge zu tun, von denen abzusehen war, dass er dafür scharf abgelehnt würde bis zum Hass. Drei Vorgänge sind hier hervorzuheben:

1. die Rede in den Münchnener Kammerspielen 1988 „Über Deutschland reden“, in der Walser sich nicht mit der Teilung Deutschlands abfinden wollte (vgl. W.S.: Deutsche Diskurse. Hamburg. 2. Auflage 2009, S. 63-89),

2. die Paulskirchenrede anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels 1998, in der Walser verlangte, man dürfe Auschwitz nicht instrumentalisieren (vgl. W.S.: Deutsche Diskurse. Hamburg. 2. Auflage 2009, S. 163-167) und

3. sein Roman „Tod eines Kritikers“ 2002, in dem sich Walser mit Marcel Reich-Ranicki auseinandersetzte (vgl. W.S.: Deutsche Diskurse. Hamburg. 2. Auflage 2009, S. 167-171).

Zu diesen Skandalen hat sich Martin Walser nun anlässlich des 70. Jubiläums der SZ in einem Interview (Christian Mayer und Christopher Schmidt, 6.10.15) geäußert:

SZ: Als Sie schrieben, dass Sie sich nicht abfinden können mit der deutschen Teilung galten Sie plötzlich als Nationalist.

Walser: Die besten und intelligentesten Leute haben sich von mir distanziert, Habermas zum Beispiel. Oder Jurek Becker. Auch Freundschaften sind an Intoleranz kaputtgegangen. Noch die Paulskirchenrede hat mir 1998 ein fatales Unverständnis eingebracht, weil ich gesagt habe, man dürfe Auschwitz nicht instrumentalisieren. Weil ich es, warum auch immer, unterlassen habe zu sagen, wen ich meine, als ich von der „moralischen Keule“ sprach, hat der damalige Vorsitzende des Zentralrates der Juden in Deutschland, Ignatz Bubis, behauptet, ich würde jüdische Ansprüche kritisieren.

SZ: Na ja, Sie haben von „unserer Schande“ gesprochen, nicht von unserer Schuld. Wer war denn der Adressat der Rede?

Walser: Gemeint habe ich Walter Jens, Günter Grass, die gesagt haben, die deutsche Teilung sei eine Strafe für Auschwitz. Und das ist – ich habe ja mal Geschichte studiert – in jeder Hinsicht absurd. …

SZ: Und deshalb diese ganze Aufregung?

Walser: Wenn ich den Literaturbetrieb aus der Ferne betrachte, von ganz weit oben, kann ich sagen, dass ich der einzige Autor war, der sich gegen diese Machtausübung namens Reich-Ranicki gewehrt hat: und das kann ich mir nicht übelnehmen, auch wenn ich es damit anderen, die sowieso schon ein  bisschen was gegen mich hatten, leicht gemacht habe. Zum Beispiel Frank Schirrmacher, der in dieser Sache ein richtig begabter Opportunist war. Er hat die Diskussion über das Buch für einen Auftritt genutzt, wie er ihn brauchen konnte. …

1043: Botho Strauß – der letzte Deutsche

Montag, Oktober 5th, 2015

Noch sehr gut erinnere ich mich daran, wie Botho Strauß‘ „Anschwellender Bocksgesang“ (Der Spiegel 6/1993) bei denjenigen meiner Studierenden Furore machte, die sich mit publizistischen Kontroversen beschäftigten. Schon seinerzeit schrieb der Schriftsteller: „Wir werden herausgefordert, uns Heerscharen von Vertriebenen und heimatlos Gewordenen gegenüber mitleidvoll und hilfsbereit zu verhalten, wir sind per Gesetz zur Güte verpflichtet.“ Und in meinem Archiv (noch ganz aus Papier) finde ich spielend die zahlreichen Strauß-Kritiker, die keineswegs alle anderer Meinung waren als der Dichter: Michael Maar, Thomas Assheuer, Robin Detje, Klaus Kleinschmidt, Willi Winkler, Bodo Kirchhoff, Tilman Spengler, Reinhard Mohr, Mathias Schreiber und Rober Misik.

Angesichts der Flüchtlingswellen hat sich der in der Uckermark lebende Botho Strauß, 70, der uns zwischendurch vor der technisch-ökonomischen Intelligenz und vor dem Verlust von Kultur und Gedächtnis gewarnt hatte, wieder zu Wort gemeldet (Der Spiegel 41/2015). Er erweist sich dabei als sehr konservativ, vorsichtig formuliert.

Er interpretiert die deutsche Flüchtlingspolitik und ihre Aufnahme in der Bevölkerung als Selbstaufgabe. Wir seien ein aussterbendes Volk. Politische Korrektheit lähme uns. Unsere Willkommenskultur sei nicht anderes als Furcht vor den uns überflutenden Fremden. Es dominiere der Pazifismus mit seinem Satz „Deutschland wird jeden Tag weniger. Das finde ich großartig.“

Botho Strauß verwendet partiell Selbstzitate: „Manchmal habe ich das Gefühl, nur bei den Ahnen noch unter Deutschen zu sein. Ja, es ist mir, als wäre ich der letzte Deutsche.“ Der Dichter sieht sich selbst als „Fortsetzer“ „von Empfindungs- und Sinnierweisen“, „die seit der Romantik eine spezifisch deutsche Literatur hervorbrachten“.

„Ich möchte lieber in einem aussterbenden Volk leben als in einem, das aus vorwiegend ökonomisch-demografischen Spekulationen mit fremden Völkern aufgemischt, verjüngt wird, einem vitalen.“

Für Strauß ist die „linkskritische Intellektualität“, die sich gegen die Hegemonie des Ökonomischen auflehnte, ersetzt worden von Geistesverwandten, die selbst Ökonomen seien: Thomas Piketty, Joseph E. Stiglitz, Paul Krugman.

Die meisten „ansässigen Deutschen, die Sozial-Deutschen seien nicht weniger entwurzelt als die Millionen Entwurzelten“, „die sich nun zu ihnen gesellen“.

„Uns wird geraubt die Souveränität, dagegen zu sein. Gegen die immer herrschsüchtiger werdenden politisch-moralischen Konformitäten. Ihre Farbe scheinen parlamentarische Parteien heute ausschließlich in der Causa Schwulenehe zu bekennen.“

„Bei uns bestimmen Massen und Medien das Niveau der politischen Repräsentanten, die allesamt Ungelehrte in jeder Richtung sind …“

„Dank der Einwanderung der Entwurzelten wird endlich Schluss sein mit der Nation und einschließlich einer Nationalliteratur. Der sie liebt und ohne sie nicht leben kann, wird folglich seine Hoffnung allein auf ein wiedererstarktes, neu entstehendes ‚Geheimes Deutschland‘ richten.“

Dieser Reflex auf Claus Graf Schenck von Stauffenberg und den deutschen Widerstand gegen die Nazis kommt mir reichlich hochgestochen vor.

Aber hat Botho Strauß nicht recht mit seiner Aufforderung, uns auf uns selbst zu besinnen? Zu wissen, wer wir sind? Kennen wir unsere Literatur überhaupt? (Strauß zitiert Paul Valéry: „Die Dichtung hat die Aufgabe, die Sprache einer Nation in einigen vollendeten Anwendungen zu zeigen.“) Unsere Theologie? Unsere Philosophie? Uns?

Sprechen Sie mit den Menschen in Ihrer Umgebung!

1042: Walter Lippmann und die Ökonomie

Samstag, Oktober 3rd, 2015

Mit

„Public Opinion“ (1922)

hat Walter Lippmann (1889-1974) ein Gründunbgsdokument der modernen Kommunikatiosforschung verfasst. Dabei schlug der gelernte Geisteswissenschaftler zugleich eine Brücke zwischen der Kommunikationswissenschaft und der Ökonomie. Während des Ersten Weltkriegs hatte Lippmann prägende Erfahrungen mit der „Psychologischen Kriegsführung“ gemacht. Erst sie habe ihm die Gestaltbarkeit der

öffentlichen Meinung

beigebracht. Bei den Versailler Friedensverhandlungen hatte Lippman John Maynard Keynes kennengelernt, den führenden Vertreter des Staatsinterventionismus. Keynes war Berater der britischen Regierung, Lippmann Berater von Präsident Wilson.

Seit 1931 hat Walter Lippmann Zeitungskolumnen verfasst und dabei großen Einfluss auf US-Ökonomen gewonnen. So brachte er wirtschaftswissenschaftliche Perspektiven einem Millionenpublikum nahe. Auch den Keynesianismus. In der Weltwirtschaftskrise hat Lippmann mit dazu beigetragen, dass einige heilige Kühe der klassischen ökonomischen Lehre geschlachtet wurden wie z.B.

– der ausgeglichene Haushalt und

– der Goldstandard.

Der Glaube an die makroökonomische Gestaltbarkeit des Marktsystems blieb Lippmann bis zu seinem Lebensende erhalten. Seiner Meinung nach vernachlässigte die Roosevelt-Administration mit ihrem

„New Deal“

diese Erkenntnis. In dieser Politik erkannte er die permanente Strangulierung der Selbstheilungskräfte des Marktes. Und so lieferte er mit „Good Society“ (1937) so etwas wie eine Begründung des

Neoliberalismus.

Lippmann plädierte für die Interdependenz von politischer und ökonomischer Freiheit, für Markt und Wettbewerb und gegen den Zwang der Administrationen. Walter Lippman war wichtiger Grenzgänger zwischen Politik, Wissenschaft und Medien und bildete besonders als Journalist ein Gegengewicht gegen das Spezialistentum der Sozialwissenschaftler. Es wäre vermutlich gut, sich daran zu erinnern. Denn heute sind manche Ökonomen wegen ihrer Überspezialisierung nicht mehr in  der Lage zum Dialog mit dem Bürger. Oder sie meinen als Übergeneralisten (wie Paul Krugman) sich zu allem äußern zu können (Stefan Kolev, FAZ 14.9.15)

1041: Von der Leyen hat anscheinend Plagiat begangen.

Montag, September 28th, 2015

Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) hat anscheinend ein Plagiat begangen. Das legen von Vroniplag Wiki im Netz veröffentlichte Belege sehr nahe. Die Firma hatte früher schon dafür gesorgt, dass die beiden FDP-Politiker

Silvana Koch-Mehrin

und

Jorgo Chatzimarkakis

ihren Doktortitel verloren. Ursula von der Leyen hat ihre Alma Mater, die Medizinische Hochschule Hannover, gebeten, ihre Dissertation von 1990 zu überprüfen. Das ist bereits im Gange. So dass bald Ergebnisse zu erwarten sind. Von der Leyen hatte eine Arbeit über die Diagnose von Krankheiten vor der Geburt vorgelegt.

„62 Seiten umfasst der Hauptteil der Dissertation, auf 27 davon haben die Mitarbeiter des Wikis nach eigenen Angaben Plagiate gefunden und dokumentieren diese im Netz. Dies entspricht einem Anteil von 43,5 Prozent aller Seiten, also annähernd die Hälfte. Nimmt man die Textlängen als Maßstab, so stuft Vroniplag rund zwölf Prozent des Hauptteils der Dissertation, ohne Einleitung und Literaturverzeichnis, als Plagiat ein.“

„Auf einer dieser Seiten, Seite 22 der Doktorarbeit, werden demnach zum Beispiel Formulierungen aus einem Aufsatz des Wissenschaftlers Jörg Fehr von 1988 großzügig übernommen, ohne dass von der Leyen diese Stellen zitiert oder ihn auch nur nennt. Lediglich auf der Seite davor wird Fehr kurz erwähnt, jedoch wird für den Leser das Ausmaß der Übernahmen nicht deutlich. Nach den gängigen Maßstäben ist dies ein Verstoß gegen die Grundregeln wissenschaftlichen Arbeitens und ein Plagiat.“

Gerhard Dannemann, Professor für Englisches Recht sowie Britische Wirtschaft und Politik an der Humboldt-Universität Berlin, dazu: „Es ist eine Arbeit, die wissenschaftlichen Maßstäben nicht genügt.“ „Vroniplag stellt nichts auf die Homepage, wenn eine Aberkennung des akademischen Grades nicht grundsätzlich gerechtfertigt wäre.“ „Auffällig ist die Kombination von Abschreiben und dem Übernehmen von Fehlern, denen die Autorin weitere hinzufügt.“ „Wer sich an dieser Dissertation orientiert, könnte eine falsche Diagnose stellen.“

Dannemann sagt sogar: „Ich halte die Mängel für schwerwiegender als bei Frau Schavan, wenn auch in einem anderen Fach.“ Annette Schavan (CDU) hatte im Fach Erziehungswissenschaft an der Universität Düsseldorf 1980 ein Plagiat begangen und dadurch ihren Doktortitel verloren. Dannemann zum Fall von der Leyen: „Wir sprechen hier nicht von einem Grenzfall.“ „Die Häufigkeit und leichte Vermeidbarkeit der Fehler spricht für grobes Schlampen.“

Der Plagiatsexperte Volker Rieble zu von der Leyens Dissertation: „Das ist ein eindeutiges Plagiat, es wurde eindeutig abgeschrieben.“ (Roland Preuss, SZ 28.9.15)

Bei vielen Wissenschaftlern haben Doktorarbeiten im Fach Medizin einen schlechten Ruf. Sie enthalten oft zu wenig Substanz und sind im Vergleich zu anderen Fächern mit wenig Aufwand zu erstellen. Über die Wissenschaftlichkeit der Texte wird öffentlich gelästert. Dies spiegel sich auch in öffentlich gewordenen Plagiatsfällen wider. Unter

151

bei Vroniplag dokumentierten Arbeiten stammen

85

aus der Medizin.

Vermutlich wird Ursula von der Leyen (CDU) ihren Doktortitel verlieren. Wie schon

Annette Schavan (CDU) und

Karl-Theodor von und zu Guttenberg (CSU),

der ehemalige Verteidigungsminister, ihr Vor-Vorgänger.

Ich halte Ursula von der Leyen für eine gute Politikerin.

1040: Leben Fritz Bauers verfilmt

Montag, September 28th, 2015

Lars Kraume hat das Leben von Fritz Bauer (1903-1968) verfilmt: „Der Staat gegen Fritz Bauer“. Der Film kommt in dieser Woche am Donnerstag ins Kino. Darin wird das Leben des hessischen Generalstaatsanwalts reflektiert, der mit beinahe unfassbarer Energie und Beharrlichkeit darauf hingewirkt hatte, dass

Adolf Eichmann

in Argentinien entdeckt und 1960 dort vom israelischen Geheimdienst Mossad entführt wurde, so dass er in Jerusalem vor Gericht gestellt und 1962 hingerichtet wurde. Bauer hatte gegen schwerste Widerstände in der Justiz und Politik den Frankfurter Auschwitz-Prozess (1963-1965) vorbereitet und organisiert, der uns das ganze Ausmaß des Holocaust erkennen ließ. Dabei war anfangs nur der hessische Ministerpräsident Zinn (SPD) eingeweiht.

Fritz Bauer hatte es als Jude in der westdeutschen Gesellschaft nicht leicht. Zwischen 1933 und 1945 befand er sich im Exil in Dänemark. Danach baute er die deutsche Justiz wieder mit auf, die allerdings seinerzeit ganz und gar von Nazis beherrscht wurde. Als Homosexueller hatte Fritz Bauer damals zusätzlich Probleme in der Gesellschaft. 1968 beging er Selbstmord.

In Kraumes Film spielt Burghart Klausner Fritz Bauer. Der Schauspieler bringt den rauhen Umgangston des Juristen sehr gut zum Ausdruck, seine Schroffheit und sein Misstrauen gegenüber seiner Umgebung. Bauer ließ sich nicht vom Bundesnachrichtendienst einschüchtern, der beharrlich versuchte, seine Recherchen zu behindern. Auch die Hinhaltetaktik anderer Staatsanwaltschaften brachte Fritz Bauer nicht von seiner Lebensaufgabe ab. Er war schließlich erfolgreich. Aber um den hohen Preis der Einsamkeit (Peter Körte, FAS 27.9.15).

Nach seinem Tod 1968 geriet Fritz Bauer in der deutschen Gesellschaft in Vergessenheit. Dagegen wurde 1995 in Frankfurt das „Fritz Bauer Institut. Studien- und Dokumentationszentrum zur Geschichte und Wirkung des Holocaust“ gegründet. Es gibt seit 1996 das „Jahrbuch zur Geschichte und Wirkung des Holocaust“ heraus und fördert die einschlägige Wissenschaft. Die entsprechende Zeitschrift ist das „Bulletin des Fritz Bauer Instituts“. Sie können beitreten dem

„Förderverein Fritz Bauer Institut e.V.“, Grünebergplatz 1, 60323 Frankfurt am Main (www.fritz-bauer-institut.de).

1039: Dr. med. in der Krise

Montag, September 28th, 2015

In einem Kommentar (SZ 26./27.9.15) thematisiert Werner Bartens die Krise des Dr. med. Er schreibt:

„Ein guter Arzt ist nicht an seinem Doktortitel zu erkennen. Dass er geforscht hat, ist nicht wichtig dafür, ob er Patienten gut behandelt. Einfühlung, diagnostisches Gespür, Erfahrung und ein geschulter Blick unterscheiden den guten Arzt vom medizinischen Mechatroniker. Der Doktortitel? Stört nicht weiter. Hilft aber auch nichts, wenn der Mediziner eine emotionale Niete ist und Patienten am liebsten in Form ihrer Krankenakte begegnet.

Die medizinische Promotion ist ins Gerede geraten. Das ist richtig, wenn auch aus falschen Gründen. Datenvergleicher haben in Doktorarbeiten wiederholt Text-Plagiate entdeckt. Abschreiben ist unzulässig und verhöhnt den Anspruch, mit der Dissertation eine eigenständige geistige Leistung zu vollbringen. Das größere Problem sind jedoch verfälschte oder erfundene Daten, die zu falschen Schlussfolgerungen führen und so womöglich indirekt Patienten schädigen.“

Bartens verweist darauf, dass sich bei medizinischen Großprojekten häufig in verschiedenen Dissertationen die gleiche Einleitung und Methodenbeschreibung finden. Das sei ebenso in Biologie, Chemie und Physik. Viele medizinische Dissertationen seien ohne Wert. Allerdings stiegen bei einem „Dr. med.“ die Einküfte im Durchschnitt um einen Drittel. Das sei mehrfach unabhängig berechnet worden.

1038: Israel fürchtet russische Waffen auf dem Golan.

Dienstag, September 22nd, 2015

Russlands verstärktes militärisches Engagement in Syrien versetzt Israel in Alarmstimmung. Es fürchtet, dass die russischen Waffen weniger dem Kampf gegen den IS dienen, als den syrischen Diktator Baschar al-Assad stärken sollen. Der könnte die Waffen an seine Verbündeten von der Hisbollah weitergeben, die sie dann im Kampf mit Israel nutzen könnten. Die von Iran unterstützte schiitische Hisbollah-Miliz agiert in Libanon. Schon bisher erhält sie ihren Nachschub aus Iran durch das Gebiet, das in Syrien von Assads Truppen kontrolliert wird. Benjamin Netanjahu war deshalb nach Moskau geflogen, um dort aus erster Hand zu erfahren, was mit den russischen Waffen beabsichtigt sei, insbesondere mit den Kampfjets in Latakia. Wladimir Putin hat angeblich versucht, Netanjahu zu beruhigen (Julian Hans/Peter Münch SZ 22.9.15).