Archive for the ‘Gesellschaft’ Category

1068: Autoritärer Staat in Polen ?

Dienstag, Oktober 27th, 2015

Der klare Sieg der Nationalisten der Pis in Polen führt uns vor Augen, dass in Europa längst nicht alle Bürger so aufgeschlossen und liberal sind, wie wir uns das wünschen (Florian Hassel, SZ 27.10.15). „Die Pis hat sich nie verstellt, sondern im Wahlkampf offen Fremdenfeindlichkeit betont und die Übernahme von Flüchtlingen in großem Stil ebenso abgelehnt wie die weitere EU-Integration oder gesellschaftliche Modernisierungsprozesse wie künstliche Befruchtung.“ 38 Prozent haben Pis gewählt, 9 Prozent den fremdenfeindlichen Rocksänger Pawel Kukiz und 5 Prozent den europa-skeptischen Janusz Korwin-Mikke. Diese Mehrheit könnte bei Verfassungsänderungen bedeutsam werden. Sie ist zustande gekommen, obwohl Polen 3,6 Prozent Wirtschaftswachstum aufweist.

Die Wahlversprechen der Pis sind verheerend nicht nur, weil sie Milliarden kosten, sondern weil es keine Investitionen in die Zukunft oder die Infrastruktur sind. Jaroslaw Kaczynski ist ein Bewunderer Viktor Orbans in Ungarn. Und es wird sich nun zeigen, ob er ebenso wie Orban einen autoritären Staat installiert.

„Auch bei der ersten Wahl Wladimir Putins zum russischen Präsidenten wiegelten viele Beobachter zunächst ab. Putin werde von liberalen Ratgebern gezähmt, hieß es; ähnlich war es bei Viktor Orban. Tatsächlich begannen sowohl Putin als auch Orban umgehend mit dem Aufbau eines autoritären Staates. Gewiss, Kaczynski braucht dafür eine Zweidrittelmehrheit im Parlament. Doch die ist angesichts weiterer nationalistischer Parteien im neuen Parlament nicht ausgeschlossen.“

1067: Russische Militärmission in Syrien

Montag, Oktober 26th, 2015

Der russische Militäreinsatz in Syrien treibt noch mehr Flüchtlinge nach Europa. Das ist so beabsichtigt. Inga Polypchuk hat in der „Literarischen Welt“ (24.10.15) den russischen Schriftsteller Sergej Lebedew dazu befragt.

Literarische Welt: Was halten Sie von der russischen Militäroperation in Syrien?

Lebedew: Ein Bekannter von mir, ein Offizier, hat die Situation mit einem Satz auf den Punkt gebracht: „Russland hat kein anderes Exportprodukt mehr als das Blut seiner Soldaten.“

1065: Gleichgültigkeit bringt nichts.

Montag, Oktober 26th, 2015

Der ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Wolfgang Huber, 73, beschäftigt sich mit religiöser Pluralität in Deutschland im Zeichen der Flüchtlingsströme (SZ 24./25.10.15). Überzeugend legt er dar, dass „gleichgültige, indifferente Toleranz“ nichts bringt. Denn denjenigen, die gar nicht „religiös alphabetisiert“ sind, fehlt die Urteilsfähigkeit. Sie können dem Islam gar nicht wirklich tolerant begegnen. Ich sehe bei den vielen Menschen, die keinen richtigen Konfirmandenunterricht oder keinen richtigen Kommunionsunterricht gehabt haben, Wissenslücken, die bis an den Rand der geistlichen Haltlosigkeit gehen können. Sie ähneln manchmal den „Gottgläubigen“ bei den Nazis.

Huber schreibt: „Wer einen Islam will, der zu Deutschland gehört, kann nicht alle Haltungen hinnehmen, für die der Islam in Anspruch genommen wird. Er muss mit Muslimen über das Verständnis der Freiheit und die Voraussetzungen der Freiheit sprechen. Weder das Faustrecht noch eine rechtliche Subkultur, die sich an der Scharia orientiert, verträgt sich mit dem Ziel der Integration. Die Rücksicht auf kulturelle Prägungen – zum Beispiel im Verhältnis von Männern und Frauen – darf nicht zu einer Erosion des geltenden Rechts führen.“

1064: Im Islam sind die Reformgegner das Problem.

Sonntag, Oktober 25th, 2015

Mouhanad Khorchide bildet an der Universität Münster angehende muslimische Theologen und Islamlehrer aus. Für ihn sind die Reformgegner im Islam das Problem. Arnfried Schenk hat ihn für die „Zeit“ (15.10.15) interviewt.

Zeit: In Ihrem neuen Buch („Gott glaubt an den Menschen.“) gehen Sie mit diesen Reformverweigerern hart ins Gericht …

Khorchide: Sie sagen, der Islam sei abgeschlossen, wir müssen nichts mehr neu denken. Sie geben auf

Fragen des 21. Jahrhunderts

Antworten aus dem 9. Jahrhundert –

die sie eins zu eins übernehmen. Der Islam als Religion ist aber nicht vom Himmel gefallen. Der Koran ist das Wort Gottes, ja. Doch der Islam unterliegt einem Prozess der ständigen Auslegung. Will er eine universale Religion sein, für alle Zeiten, dann muss er entsprechend auf den Wandel der Gesellschaften reagieren, ohne dabei seine Prinzipien aufzugeben. Das eigentliche Problem des Islams sind nicht die Extremisten, die sind nur Symptome. Das Problem sind die Reformverweigerer.

Zeit: Auch der Islamkritiker und Publizist Hamed Abdel-Samad widerspricht Ihnen. Er beschreibt den Islam als unreformierbar und Mohammed als Psychopathen.

Khorchide: Er zeichnet ein sehr selektives, negatives Bild des Propheten. Aus denselbelben Quellen, die er zitiert, kann man einen sehr barmherzigen Mohammed zeichnen – und sich für dieses Prophetenbild starkmachen. Wir haben im Islam keine Kirche , keine Institution, die von oben sagt: So ist es. Das obliegt dem Diskurs – die Lesart, die sich durchsetzt, ist die gültige. Daher bemühe ich mich um die theologische Begründung eines humanistischen und barmherzigen Islams.

Zeit: Wollen Sie einen Großteil der Werke der islamischen Rechtsgelehrten über Bord werfen?

Khorchide: Nein. Aber wird dürfen ihre Aussagen nicht unhinterfragt als göttliche Wahrheit für alle Zeiten übernehmen. Nicht wenige davon rechtfertigen zum Beispiel Gewalt und die Versklavung und Vergewaltigung von Frauen. Positionen, auf die sich heute der IS beruft. Wir müssen wieder mehr auf Mündigkeit und Vernunft setzen.

Zeit: Setzt jetzt ein Wettrennen um das Denken dieser Muslime ein? Angeblich wollen die Saudis 200 Moscheen in Deutschland bauen.

Khorchide: Das ist natürlich genau das, was die Flüchtline und unsere Gesellschaft nicht brauchen. Wir müssen sie schnell in unser Bildungssystem einbinden. Auch die einheimischen Salafisten werben rege. Da dürfen wir nicht zusehen. Wir Theologen müssen bei den Flüchtlingen für unser Islamverständnis werben. Für einen barmherzigen Islam, der sich mit unseren demokratischen Grundwerten vereinbaren lässt.

1063: Acht Forderungen an den DFB

Sonntag, Oktober 25th, 2015

Angesichts der sich zuspitzenden DFB-Krise stellen Anno Hecker, Michael Ashelm und Christoph Becker von der FAS (25.10.15) acht Forderungen an den DFB.

1. Rücktritt Niersbach

Er war an der „treuwidrigen Rückzahlung“ 2005 („Zuschuss Kulturprogramm“) beteiligt. Intern hat er im DFB forschen lassen, obwohl er als OK-Vizepräsident selbst Gegenstand der Untersuchung sein müsste. Er ist wie Franz Beckbauer nicht mehr geeignet, eine politische Unterstützung für die Fußball-EM 2024 zu gewinnen.

2. Das Wohl des DFB

Die DFB-Amateure können für die in Rede stehenden Vorgänge nichts. Auch die DFL unter der Führung von Reinhard Rauball ist nicht direkt involviert. Trotzdem müssen beide mit die Folgen tragen.

3. Sofort zum Kadi

„Netzer bestreitet, gegenüber Zwanziger von der Bestechung asiatischer Fifa-Funktionäre gesprochen zu haben, als er nach der Verwendung der 6,7 Millionen Euro gefragt wurde.“

4. Geld zurück

Der DFB hat alle Anspruchsgrundlagen zu prüfen, wie er wieder an die 6,7 Millionen Euro kommt. „Angesichts der allenfalls ansatzweise aufgedeckten Zahlungsvorgänge in den Jahren 2000 (Darstellung Zwanziger) und 2002 (Darstellung Niersbach) und 2004/2005 erscheint völlig offen, gegen wen sich mögliche Ansprüche noch richten könnten: Beckenbauer, Niersbach, Schmidt, Zwanziger, Mohammed bin Hammam, Joseph Blatter? Die Liste der womöglich in Betracht kommenden Personen ist schon in der vergangenen Woche Tag für Tag länger geworden.“

5, Beckenbauer muss reden.

„Wahrscheinlich hält er es wie der Kanzler der Einheit. Die Quellen für die schwarze Kasse der CDU hat Helmut Kohl bis heute nicht genannt.“

6. Her mit der Wahrheit

Wolfgang Niersbach und der ehemalige Bundesinnenminister Otto Schily (SPD), der den Bund im dem damaligen OK-Aufsichtsrat vertrat, widersprechen sich beim Zahlungsvorgang der 6,7 Millionen Euro.

7. Aktiv im Reformprozess

Es gibt im Fußball allenfalls eine Handvoll Nationalverbände, die Uefa und Fifa saubere und nachvollziehbare Strukturen geben können, der DFB sollte dazugehören. Gegenwärtig kandidiert (noch hinter den Kulissen) der bahreinische Scheich Salman al Khalifa für das Amt des Fifa-Präsidenten.

8. Vorwärts mit neuer Struktur

„Der DFB braucht eine interne Compliance- und eine Ethikkommission wie die Fifa, die mit unabhängigen, nicht weisungsgebundenen Personen besetzt werden.“ „Dass die jeweiligen Anti-Korruptions-Beauftragten beim DFB zugleich hohe Funktionäre in den Landesverbänden waren, ist grotesk.“ „Die Vergütungen der Funktionäre auch aus anderen Tätigkeiten im Fußball, zum Beispiel bei den internationalen Verbänden, müssen offengelegt werden, um Interessenkonflikte nachvollziehen zu können.“

1062: FAS-Sport: DFB sucht Nachfolger für Niersbach.

Sonntag, Oktober 25th, 2015

Nach Informationen des FAS-Sports (25.10.15) sucht der DFB bereits einen Nachfolger für Wolfgang Niersbach.

„Hinter den Kulissen wird nach Informationen dieser Zeitung schon nach einem Nachfolger für Niersbach gesucht, der gemeinsam mit seinem Amtsvorgänger und Intimfeind

Theo Zwanziger,

dem Chef des WM-Organisationskomitees,

Franz Beckenbauer,

und Beckenbauers damaligem Stellvertreter

Horst R. Schmidt

im Zentrum der Affäre steht. Offenbar herrscht unter den Landesverbänden und unter den Mitgliedern des Präsidiums des Deutschen Fußball-Bundes aber noch keine Einigkeit hinsichtlich einer neuen Führung.“

1061: Die Großmufti-Theorie

Donnerstag, Oktober 22nd, 2015

Als der israelische Premierminister Benjamin Netanjahu vor seinem Deutschland-Besuch behauptete, Hitler habe den Beschluss zur „Endlösung“ erst gefasst, nachdem er vom palästinensischen Großmufti von Jerusalem, Amin al-Husseini, dazu „ermutigt“ worden sei, bezog er sich auf Thesen, die in der Anfangsphase Israels verbreitet waren. Es wurde der Versuch gemacht, Husseini zum Kriegsverbrecher zu stempeln, der vor das Nürnberger Tribunal gehört hätte. Nach Meinung des israelischen Historikers Tom Segev sind diese Thesen auch heute noch in Israel verbreitet. Netanjahu hatte sich 2012 schon einmal auf sie bezogen.

Historisch verbürgt ist ein Treffen Hitlers mit al-Husseini am 27. November 1941 in Berlin. Husseini residierte in einer „arisierten“ Villa. Er war ein scharfer Antisemit. Die Nazis hofften auf ein Bündnis mit ihm. Der Chefideologe Alfred Rosenberg lobte die „heftige geistige Angriffsstimmung in den islamischen Zentren“. Die Entscheidung zur „Endlösung“ aber war lange gefallen. SS-Führer Reinhard Heydrich hatte im Mai 1941 in Mord-Befehlen in Polen mehrfach von der „Endlösung“ gesprochen. Hitler gab al-Husseini im November seine Absicht bekannt, „die Judenfrage zu lösen“.

Die leitende Historikerin der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem, Dina Porat, sagte, es sei historisch „nicht wahr“, dass Hitler den Beschluss zur Judenvernichtung erst auf Grund des Gesprächs mit dem Großmufti gefasst habe. Israels Oppositionsführer Isaac Herzog sprach von Geschichtsverdrehung. Der Leiter der vereinigten Liste arabischer Abgeordneter in Israel, Ayman Oleh, warf Netanjahu vor, er wolle „die Geschichte neu schreiben, um gegen das palästinensische Volk zu hetzen“. (Ronen Steinke, SZ 22.10.15)

1060: Briefwechsel Fritz Bauer – Thomas Harlan

Donnerstag, Oktober 22nd, 2015

Zeit seines Lebens litt Thomas Harlan daran, der Sohn des hoch-befähigten Nazi-Filmregisseurs Veit Harlan zu sein. Dieser sah seine Schuld bis zu seinem Tod 1964 nicht ein, hatte aber vorher einige überaus beeindruckende Filme gedreht, wenn auch die meisten davon Nazi-Propaganda waren:

1937 Der Herrscher,

1938 Jugend,

1939 Das unsterbliche Herz,

1940 Jud Süß,

1942 Der große König,

1943 Immensee,

1944 Opfergang,

1945 Kolberg.

Thomas Harlan arbeitete für Theater und Film und war offensichtlich auf „Wiedergutmachung“ aus. Mit Klaus Kinski hatte er auf einer Israel-Reise sein Gewissen geschärft. 1958 in Berlin inszenierte er ein Stück über das Warschauer Ghetto. Danach trat er vor sein Publikum und benannte Männer, die vor 1945 NS-Verbrechen begangen hatten wie die beiden FDP-Politiker Ernst Achenbach und Franz Alfred Six. Daraufhin brach ein Sturm der Entrüstung los. Und Thomas Harlan floh nach Polen. Von dort wandte er sich brieflich an Fritz Bauer, den hessischen Generalstaatsanwalt, um Verständnis.

So kam es zum sechs Jahre langen Briefwechsel zwischen diesen beiden Außenseitern.

Werner Renz (Hrsg.): „Von Gott und der Welt verlassen“. Fritz Bauers Briefe an Thomas Harlan. Campus Verlag 2015, 299 S.; 29,90 Euro.

Fritz Bauer fand Harlans Bemühen, Nazi-Verbrecher vor Gericht zu bringen, naiv. „Du bist doch Dichter und nicht Faktensammler.“ „Verstehe, dass ich gegen viele Seiten kämpfen darf. Ich stehe doch praktisch in einem luftleeren Raum.“ „Thomas, mein Freund, es hat doch keinen Sinn, dass wir uns gegenseitig kritisieren. Wir beide dürfen doch unseren allerbesten Freundeswillen keinen Augenblick in Zweifel ziehen. Wo in aller Welt käme ich hin, wenn ich fürchten müsste, dass du meine Wort nicht im Sinne der völligen Verbundenheit interpretieren würdest. Ich bin von Gott und der Welt verlassen genug.“ (Ronen Steinke, SZ 20.10.15)

Die beiden Freunde konnten sich in der westdeutschen Gesellschaft nicht durchsetzen. Aber Fritz Bauers Briefe zeigen ihr unermüdliches Bemühen. Das berührt.

 

1059: Zwei große (neue) Theorien zur Gewalt

Mittwoch, Oktober 21st, 2015

Zwei neue gelehrte Groß-Theorien zur Gewalt sind erschienen:

1. Timothy Snyder: Black Earth. Der Holocaust und warum er sich wiederholen kann. München (C.H. Beck) 2015, 488 S., 29,95 Euro,

und

2. Jörg Baberowski: Räume der Gewalt. Frankfurt am Main (S. Fischer) 2015, 263 S., 19,99 Euro.

Die beiden unterscheiden sich auf den ersten Blick gar nicht so sehr, bei näherem Hinsehen dann doch.

Timothy Snyder hatte 2010 „Bloodlands“ publiziert, in dem er erläuterte, wie sich in den Zonen und Regionen des Hitler-Stalin-Pakts (1939-1941) die Gewalt bis zum Völkermord entfaltete. Die Linke fühlte sich auf den Schlips getreten, ihr war die Schilderung der Nazi-Gewalt und der kommunistischen Gewalt zu ähnlich. Nun legt Snyder mit „Black Earth“ nach. Tatsächlich sieht er Hitler als jemand, der gar nicht auf den Staat setzt, sondern diesen zerschlägt, um dann in den „entstaatlichten“ Räumen Osteuropas und Ostmitteleuropas unbehindert morden zu können. Für Snyder war es gerade die Beseitigung der Bürokratie, die den Holocaust möglich machte. Aber Snyder verfolgt auch eine Mission. Er will darauf hinaus, dass sich in Zeiten des Klimawandels und der Putinschen Expansionspolitik ein Holocaust jederzeit wiederholen könne.

Sein Rezensent Jörg Baberowski schreibt: „Snyder mag Putin für einen Schurken und den Klimawandel für eine Gefahr halten. Aber ist es die Aufgabe eines Historikers, den Menschen der Gegenwart Ratschläge zu erteilen, wie sie leben sollen? Und muss man den Holocaust für diesen Zweck missbrauchen?“ (Zeit Literatur, September 2015).

Baberowskis eigene Theorie schließt an seine Studien zum stalinistischen Terror an. Das klingt vielversprechend. Im Kern besagt sie, dass dann, wenn man Menschen dazu Raum und Gelegenheit gäbe, diese töten und quälen würden, Macht ausüben und terrorisieren. Das beträfe „ganz normale Männer“ (wie Polizisten), Vegetarier (wie Hitler) und Naturschützer (wie Himmler). Gewalt sei nicht „strukturell“, sondern sie brauche Täter. Baberowski prüft die Zivilisations- und Machttheorien von Norbert Elias, Michel Foucault, Jan Philip Reemtsma und Wolfgang Sofsky ernsthaft und verwirft sie am Ende. Macht beruhe auf glaubwürdiger Gewaltanwendung, Macht sei verstetigte Gewalt, Herrschaft verstetigte Macht. Deswegen benötigten wir eine Ordnung, in der die potentiellen Gewalttäter abgeschreckt und domestiziert werden würden (Gustav Seibt, SZ 21.10.15).

Nach Snyder brauchen wir also Staaten zur Verhinderung von Gewalt und Terror, nach Baberowski eine „Ordnung“. Darin sind sie sich beinahe einig.

1058: Mirna Funk: Jeder Hanswurst hat eine Meinung zu Israel.

Dienstag, Oktober 20th, 2015

Mirna Funk hat im Sommer ihren Roman „Winternähe“ herausgebracht. Dafür erhielt sie den Uwe-Johnson-Förderpreis für das beste deutschsprachige Debüt der letzten zwei Jahre. Darin werden deutsch-israelische Beziehungen verhandelt. Die 1981 in Ostberlin geborene Autorin lebt als Journalistin in Berlin und Tel Aviv und heiratet demnächst einen Israeli. Mirna Funk ist die Urenkelein von Stephan Hermlin (1915-1997), der in der DDR einerseits kommunistischer Funktionär war, andererseits 1962 eine Lesung junger Lyriker organisiert hatte (mit Wolf Biermann, Volker Braun, Bernd Jentzsch, Sarah Kirsch, Karl Mickel) und 1976 zu den Organisatoren des Protests gegen die Aubürgerung Wolf Biermanns gehört hatte.

Mirna Funk ist von Ulrich Gutmair für die taz (17./18.10.15) interviewt worden.

Funk: Warum behauptet in Deutschland jeder, der antisemitische Äußerungen macht, kein Antisemit zu sein? Warum möchte jeder Hanswurst eine Meinung zu Israel haben?

taz: Das Schöne an ihrer Protagonistin ist, dass sie nicht nur sympathisch ist, sondern auch als nervende Tussi erscheint, die dumme Sachen sagt.

Funk: Es war mir wichtig, eine Protagonistin zu schaffen, die nicht so ist wie in anderen deutsch-jüdischen Romanen. Die zurückgehen zu den Wurzeln ihrer Familien, und alles ist wahnsinnig weichgespült und aufbereitet für den Deutschen, damit der sich nicht schämen muss. Das sollte eine durchgeknallte Jüdin sein, die sagt und denkt, was sie will. Sie sollte das Kantige repräsentieren, das in Deutschland nicht besonders beliebt ist.