Archive for the ‘Gesellschaft’ Category

1087: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde

Dienstag, November 17th, 2015

Der aus Österreich stammende Philosoph und Gesellschaftstheoretiker Karl Raimund Popper (1902-1994) floh vor den Nazis bis nach Neuseeland. Dort brachte er 1945 sein bekanntes Buch „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ heraus. Es beruht auf der Erkenntnis,

dass die Weltgeschichte keinen Sinn hat,

sondern dass wir

ihr nur einen Sinn beilegen können (eine Konstruktionsleistung). Popper, der der Hauptgegner der Marxisten aller Sorten und Grade war, erkannte, dass die Zivilisation ihren universalistischen Anspruch bisher nie voll durchsetzen konnte, sondern dass es eine Dialektik zwischen Aufklärung und Barbarei gibt. Der Kampf um die Freiheit endet nie, er ist ewig.

Ein Anhänger Poppers war der gerade gestorbene ehemalige Bundeskanzler Helmut Schmidt. Von ihm stammt der Satz: „Karl Popper hat keine Ethik geschrieben, aber er war ein Moralist.“ Das trifft wohl auch auf Helmut Schmidt selber zu, den manche als geistlosen Macher verkannt haben.

Popper kritisierte die Utopisten von Plato bis Marx, weil sie die Verantwortung für das Handeln, das allein bei den Menschen liegt, auf die Geschichte (etwa im historischen Materialismus) abschieben wollten.

Heute steht die Freiheit wieder auf dem Spiel. Der Kampf gegen den Terrorismus muss auch mit den Waffen des Arguments geführt werden, damit die offene Gesellschaft als Leitbild erkennbar bleibt. „Das ist nicht naiv. Daran hängt alles. Auch unser Wohlstand, der Ausfluss unserer Freiheitsentscheidungen ist.“ (Rainer Hank, FAS 15.11.15)

„In dieser Weise können wir sogar die Weltgeschichte rechtfertigen: sie hat eine solche Rechtfertigung dringend nötig.“ (Karl Raimund Popper 1945)

1086: Münkler: Weder Krieg noch Frieden

Dienstag, November 17th, 2015

Francois Hollande hat nach dem 13.11.15, dem Terrorfreitag, bewusst von Krieg gesprochen. Das erscheint mir insbesondere dann, wenn wir noch an „Charlie Hebdo“ denken, sehr verständlich. Gerade weil wir sehen, dass in Frankreich bereits Wahlkampf herrscht.

In Deutschland bricht beim Begriff Krieg wegen unserer Nazi-Vergangenheit regelmäßig Hysterie aus. Auch verständlich, aber nicht weiterführend.

Nun hat für die SZ (17.11.) Jens Bisky den Politikwissenschaftler Herfried Münkler gefragt, ob der Begriff Krieg ihm angemessen erscheint. Münkler hat gerade das Buch „Kriegssplitter“ herausgebracht, in dem er untersucht, wie Kriege sich seit 1914 entwickeln und in ihren Formen verändert haben. Seine Antwort:

„Das, was wir am Wochenende in Paris erlebt haben, ist etwas, das zwischen Krieg und Frieden angesiedelt ist. Von ‚Krieg‘ zu sprechen, würde ich mir allenfalls in Anführungszeichen erlauben – und Frieden ist es natürlich auch nicht. Das ist ja das eigentliche Problem des Terrorismus, dass er die staatliche Ordnung, die auf einer Binarität der politischen Aggregatzustände beruht, nämlich entweder Krieg oder Frieden, aufbricht. Deswegen hat es nicht so viel Sinn, nun von ‚Krieg‘ zu sprechen. Es kann jetzt auch fünf Jahre dauern, bis der nächste Anschlag in Europa stattfindet. Und das ist dann eine Zeit relativer Friedlichkeit, und wir vergessen auch wieder, was gewesen ist, so wie die Anschläge auf die Vorortzüge in Madrid 2004, die noch mehr Todesopfer gefordert haben als die Mordanschläge in Paris, dann auch wieder in Vergessenheit geraten sind. Die Terroristen haben ein Interesse daran, einen solchen Zwischenzustand herzustellen, weil sie nur auf diese Weise die Plötzlichkeit des Schreckens erzielen können.“

1084: Harting: Nun Kenia und Jamaika

Montag, November 16th, 2015

Diskus-Weltmeister Robert Harting aus Berlin hat sich mehrfach klar gegen Doping ausgesprochen. Dazu interviewt ihn Michael Reinsch (FAZ 14.11.15).

FAZ: Leichtathletik-Funktionäre und die olympische Welt behaupten, vom systematischen Doping in Russland und von der Korruption an der Spitze des Leichtathletik-Verbandes IAAF hätten sie nichts geahnt. Sind Sie auch aus allen Wolken gefallen?

Harting: Nein, ich freue mich, dass der Sachverhalt aufgeklärt ist. Bisher hatten nur Journalisten das behauptet. Nun hat eine unabhängige Kommission die Beweise überprüft und festgestellt: Ist so. Ich glaube nicht, dass Funktionäre wirklich überrascht sind. Die wissen doch alle, wie es läuft, und genau so wussten alle in der IAAF, dass Lamine Diack kein Engel war.

FAZ: Und jetzt?

Harting: Wir haben das mit Russland geklärt, jetzt müssen wir nach Kenia und Jamaika rein und die gleiche Untersuchung anstellen. Das sind richtige Problemfälle in der Leichtathletik.

FAZ: Hätten Sie dafür votiert, die russischen Leichtathleten von den olympischen Spielen auszuschließen?

Harting: Ich hätte. Zum einen muss man Machtzentren zerschlagen; für Putin wäre das höchst peinlich. Zum anderen kann man von Athleten verlangen, dass sie sich für einen fairen Wettstreit einsetzen und nicht blind hinter einer Flagge herlaufen.

1079: „Gegenöffentlichkeit“ – nicht immer emanzipatorisch

Sonntag, November 8th, 2015

Während wissenschaftliche Theorien und Hypothesen dadurch gekennzeichnet sind, dass sie widerlegt werden können, haben

Verschwörungstheorien

die Eigenschaft, unabhängig von jeglicher empirischen Stichhaltigkeit zu existieren. Das gilt gerade für Behauptung von der

jüdischen, von der Wallstreet gesteuerten Weltherrschaft,

die uns in Deutschland etwa in der Form der

„Lügenpresse“

begegnet. Hier stimmen AfD, Pegida und Kommunisten überein.

Das führt Markus Linden (SZ 7.11.15) zu der Auffassung: „Im Zeitalter der internetbasierten Kommunikation verliert der Begriff der ‚Gegenöffentlichkeit‘ damit seine prinzipiell emanzipatorische Konnotation.“ Im Netz kann sich der User seine Freunde aussuchen. Es befördert eine Individualisierung, bei der sich der Netzaktivist in geschlossenen Gesinnungsgemeinschaften bewegen kann. So entstehen in negativer Abgrenzung politische Parallelwelten in der Form der Selbstbestätigung von Gleichgesinnten. Etwa bei den „Friedensmahnwachen“.  Gegner sind dann „die“ Politiker, „die“ Medien, „das“ System (in anderem Zusammenhang wurde die Weimarer Republik als „Systemzeit“ bezeichnet).  Eine letztlich tatsächlich unpolitische Verschwörungstheorie, die Extremisten begünstigt.

Die Schriften, in denen die emanzipatorische Kraft der „Gegenöffentlichkeit“ gesehen wurde und die meine Generation stark beeinflusst haben, sind doch

Bertolt Brechts „Radiotheorie“ (1932),

Walter Benjamins „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ (1936),

Jürgen Habermas „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ (1962) und

Hans Magnus Enzensbergers „Baukasten zu einer Theorie der Medien“ (1970).

Sie können heute nur noch eine begrenzte Plausibilität entfalten.

1075: Hans Mommsen gestorben

Freitag, November 6th, 2015

Hans Mommsen, vielleicht der wichtigste deutsche Historiker in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, ist im Alter von 85 Jahren gestorben (sein Zwillingsbruder Wolfgang, ebenfalls Historiker, ertrank 2004 in der Ostsee). Sein Ururgroßvater war der Literaturnobelpreisträger Theodor Mommsen gewesen. Mommsen hatte bei dem konservativen jüdischen Historiker Hans Rothfels in Tübingen studiert. 1968 wurde er Professor an der neu gegründeten Ruhr-Universität Bochum. Schon als jungem Mann war es ihm – teilweise nur mit Aufsätzen – gelungen, der Geschichtswissenschaft neue Impulse zu geben.

1. 1964 vertrat er die These, die Zeitgeschichte dürfe nicht „dabei stehen bleiben, eine Kritik der Vergangenheit zugunsten der gelebten Gegenwart zu liefern, sie muss zugleich die Geschichte der jüngsten Vergangenheit von den Fragen her neu durchdenken, die von ihr her über Tage oder unterirdisch auf das gegenwärtige Handeln einwirken“.

2. 1966 erklärte Mommsen, dass die Widerständler des 20 Juli 1944 bei aller Tapferkeit als Vorbilder für die Bundesrepublik wenig taugten.

3. Mommsen verlangte die Einbeziehung von Kommunisten in den Kreis der anerkannten Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus.

4. 1971 erklärte Mommsen Hitler zum „schwachen Diktator“, womit gemeint war, dass Hitler sich stets mit schwachen Helfern umgab, keine Gegenargumente gelten lassen konnte und wenig Empfinden für Format hatte.

5. Mommsen „begründete“ den Funktionalismus in der Historiografie, der darauf gründete, dass man nicht das NS-Regime, den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust aus dem Charakter einer Person (Hitlers nämlich) erklären könne.

6. Mommsen erkannte, dass der Holocaust auch auf den Gefühlen „niederer Chargen“ beruhte, was Ian Kershaw später „dem Führer entgegen arbeiten“ nannte (Franziska Augstein, SZ 6.11.15).

7. Mommsen stand im Historikerstreit 1986 auf der Seite der erklärten Gegner Ernst Noltes.

8. Kritiker warfen Mommsen vor, der Funktionalismus in der Geschichtswissesnchaft könne die persönliche Verantwortung Einzelner zu gering gewichten.

9. In der „Reichstagsbrand-Kontroverse“ (ab 1959) hält Hans Mommsen 1964 unbeirrt an der „Einzeltäter-These“ (Marinus van der Lubbe) fest, obwohl die Version, dass es die Nazis selber waren, politisch opportuner ist (vgl. W.S.: Deutsche Diskurse. Hamburg. 2. Aufl. 2009, S. 27-34).

1074: Jitzchak Rabin – vor 20 Jahren ermordet

Dienstag, November 3rd, 2015

Am 4. November 1995 wurde der israelische Premierminister Jitzchak Rabin von dem Rechtsextremisten Jigal Amir erschossen. Und die interessierten Beobachter wissen, dass die israelische Politik einen solchen Mann wie Rabin wahrscheinlich nicht wiederbekommen wird. Seit 1948 hatte er seinem Land als Soldat gedient. Im Sechstage-Krieg 1967 führte er als Generalstabschef eine Brigade nach Ost-Jerusalem. Als Politiker machte Rabin, ohne Illusionist zu sein, eine konsequente Friedenspolitik. 1993 unterzeichnete er gemeinsam mit Jassir Arafat den Friedensvertrag von Oslo. Dafür wurde er gemeinsam mit Simon Peres und Jassir Arafat mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet.

In seiner letzten Rede sagte Rabin: „Der Weg des Friedens ist dem Weg des Krieges vorzuziehen. Ich sage euch das als jemand, der 27 Jahre lang ein Mann des Militärs war.“ Nach dem Mord an Rabin setzte sich nicht die Arbeitspartei durch, was moralisch zu erwarten gewesen wäre, sondern Benjamin Netanjahu gewann die Wahlen 1996, weil die Israelis – verständlicherweise – auf „Sicherheit“ setzten und setzen. Bei allem Verständnis dafür kommen wir nicht an der Erkenntnis vorbei, dass seine Politik in die Irre führt. Auf die Dauer verbürgt sie keine Sicherheit.

Jigal Amir hat heute Anhänger unter israelischen Fußballfans. Seine Begnadigung hat Israels Präsident Reuven Rivlin abgelehnt. Nun erschien auf Facebook eine Antwort darauf von Amirs Bruder Hagai. Den Mord an Rabin nennt er darin „vorherbestimmt von Gott“. Der werde auch dafür sorgen, dass „Rivlin aus der Welt verschwindet“ (Peter Münch, SZ 31.10./1.11.15) Dieser Hass macht eine vernünftige Politik so schwer. Ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass Israel zu einer realistischen Ausgleichspolitik mit den Palästinensern zurückkehrt. Etwas anderes bleibt uns auch nicht.

1072: Martin Luther – 2015 zeitgemäß ?

Samstag, Oktober 31st, 2015

Johann Hinrich Claussen rezensiert (SZ 30.10.15) das neue Buch von Reinhard Schwarz:

Martin Luther – Lehrer der christlichen Religion. Tübingen (Mohr Siebeck) 2015, 544 S., 39 Euro.

Dabei ist er nicht nur des Lobes voll für die frische, biegsame, elastische Sprache, die dem Gegenstand völlig angemessen sei, sondern findet auch zahlreiche treffende Zitate. Vor allem aber verweist Claussen auf das Buch des Göttinger Kirchenhistorikers Thomas Kaufmann „Geschichte der Reformation“ (2009), in dem dieser gezeigt habe, dass Luthers Theologie nur aus der Analyse

der sozialen und politischen Umbrüche seiner Zeit

zu verstehen sei. Heinz Schilling habe in seiner Luther-Biografie von 2012 belegt, dass Luther Zeuge einer Zeit war, die nicht mehr die unsere sei. Luther erscheint als

„Fremder und ganz anderer“.

„Luthers Theologie ist schwer zu greifen. Er selbst hat sie nie in einem System entfaltet. Die meisten seiner Veröffentlichungen waren Gelegenheitsschriften. Wer Luthers Theologie darstellen will, muss also sein immenses Gesamtwerk überblicken – eine wahrhaft herkulische Aufgabe -, um dann – was noch schwieriger ist – die wesentlichen Aspekt herauszufiltern und in einen plausiblen Gedankengang einzuordnen, ohne ihnen dabei jedoch ihre Lebendigkeit zu rauben. Daran sind viele Lutheraner gescheitert. Die Epigonen im 17. Jahrhundert haben Luthers Theologie in das starre Schema der orthodoxen Dogmatik gepresst, viele spätere Luther-Forscher sind ihnen darin gefolgt. Schwarz geht glücklicherweise einen anderen Weg. Er versucht, Luthers Gedankenmotive in ihrer inneren Kohärenz darzustellen, ohne sie jedoch ‚in Ordnung bringen‘ zu wollen. Vielmehr zeigt er, wie Luther in einer überaus intensiven Bibellektüre zu neuen, höchst spannungsgeladenen Einsichten gelangt. Es geht dem Reformator nicht um ewige und objektive Wahrheiten, sondern darum, seinen subjektiven Erfahrungen auf den letzten Grund zu gehen.“

„Dabei verschweigt Schwarz die abgründigen Seiten des Reformators nicht, aber er macht sie nicht zum alleinigen Gegenstand der Betrachtung, wie es heute fast schon Mode ist. Luther war eben nicht nur der konfliktfreudige Aufrührer, der schreckliche Wüterich, sondern auch ein religiöser Mensch, der seinen Glauben gefunden hatte und ihn auch ohne polemische Antithese zu formulieren wusste: still und konzentriert, sensibel und tiefsinnig.“

1071: Flüchtlingswelle und Mindestlohn

Freitag, Oktober 30th, 2015

Zugeben muss ich es ja, dass ich bei der Einführung des Mindestlohns skeptisch war. Ob er sich etwa anwenden ließe auf so viele verschiedene Branchen. Mit unterschiedlichen Strukturen. Aber nach zehn Monaten können wir sagen, dass der Mindestlohn funktioniert. Massenentlassungen blieben aus. Mit dem Mindestlohn verdient man brutto 1400 Euro im Monat.

Nun aber gerät der Mindestlohn von einer anderen Seite unter Druck. Von der Flüchtlingswelle. Gefordert wird die „Öffnung des Arbeitsmarkts“. Damit sind gemeint gezielte Ausnahmen vom Mindestlohn und die volle Beibehaltung der Zeitarbeit, die an sich zurückgebaut werden sollte. Und natürlich ist das Argument stark, dass im letzten Jahr jede dritte Firma nicht alle Lehrstellen besetzen konnte. Steuererhöhungen zur Bewältigung der Flüchtlingskrise sind ja auch nicht beliebt. Es gilt das Motto: „Keine Integration ohne Arbeit, keine Arbeit ohne Bildung.“ Der französische Weg der rigiden Arbeitsmarktordnung ohne Flexibilität ist falsch. Er führt zu Investitions- und Wachstumsschwäche, zu Staatsverschuldung und Arbeitslosigkeit.

Besser mit Minijobs und niedrig bezahlten Jobs in den Arbeitsmarkt einsteigen als gar keine Arbeit, Nichtstun und Frust (Tom Enders, SZ 26.10.15).

Es ist die Aufgabe der Gewerkschaften, darauf zu achten, dass mit solchen Ausnahmeregelungen kein Missbrauch getrieben wird.

Eine Ausnahme vom Mindestlohn gibt es schon. Für Menschen, die länger als ein Jahr ohne Arbeit sind. Wir müssen auch schauen, wie die Bevölkerung reagiert, wenn Flüchtlinge einen Bonus auf dem Arbeitsmarkt gegenüber gering qualifizierten Deutschen haben. Davon haben wir schon zu viele. „Bei der Integration der Flüchtlinge sollte es Flexibilität geben, wenn diese hilft, am Ende Jobs zu mindestens 8,50 Euro die Stunde zu verschaffen. Praktika etwa, die den Berufseinstieg erleichtern, sollten keinen MIndestlohn erfordern.“ (Alexander Hagelüken, SZ 28.10.15)

1070: Mythologisierung des Stalinismus in Russland

Mittwoch, Oktober 28th, 2015

Jürgen Zarusky ist Historiker und Mitarbeiter des Instituts für Zeitgeschichte in München/Berlin sowie stellvertretender Chefredakteur der „Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte“. In seiner Rezension von

Oleg Chlewnjuk: Stalin. Eine Biographie. Siedler Verlag 2015, 592 S.; 29.99 Euro

kommt er auf die „Mythologisierung des Stalinismus“ in Russland zu sprechen (SZ 27.10.15), die immer stärker werde. Unter Stalinismus verstehen wir dabei das unter Stalins Leitung und Herrschaft stehende System (1929-1953), das durch Gewalt, Brutalität und Mord gekennzeichnet war. Es hat in der Sowjetunion (1917-1991) etwa 20 Millionen Tote gekostet, weltweit (unter Einbeziehung Chinas, Vietnams, der DDR etc.) ca. 100 Millionen Tote (vgl. Stephane Courtois et alii: Das Schwarzbuch des Kommunismus. Unterdrückung, Verbrechen, Terror. München-Zürich 1998 (1997), S. 16 ff.).

Josef Dschugaschwili (1878-1953), seit 1912 Stalin (der Stählerne) genannt, hatte 1899 nach viereinhalb Jahren das Priesterseminar in Tiflis (Tblissi) verlassen und danach bis 1917 als Berufsrevolutionär agiert. Vorzugsweise im Untergrund, im Gefängnis, in der Verbannung und auf der Flucht. Bei der Revolution 1917 war er ein effektiver Partner Lenins, herausragend im gewalttätigen Kampf durch seine persönliche Brutalität. Er hatte militärische Erfolge zu verzeichnen und war dadurch der Konkurrent von Leo Trotzki, dem Chef der Roten Armee. Nach Lenins Tod 1924 wurden die beiden Todfeinde. 1929 hatte Stalin sich durchgesetzt. Er ließ Trotzki 1940 in Mexiko ermorden.

Anfang der dreißiger Jahre hatte Stalins „Revolution von oben“, im Wesentlichen die energisch durchgepeitschte Industrialisierung und eine brutale Zwangskollektivierung, hauptsächlich Hungersnöte, besonders in der Ukraine, zur Folge. In der Tschistka, der „großen Säuberung“ 1936-1938, behielt Stalin die Zügel fest in der Hand und entledigte sich seiner innerparteilichen Gegner, auch wichtiger Offiziere. Der Hitler-Stalin- Pakt (1939-1941) frappierte die politische Linke auf der ganzen Welt. Hier paktierten zwei zu allem entschlossene Diktaturen miteinander. Er erklärt, warum Russland heute so unbeliebt bei seinen Nachbarn ist. Und er ermöglichte Deutschland seinen verbrecherischen Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941.

Obwohl Menschenverachtung, ideologischer Wahn und Gewalt den Stalinismus charakterisierten, ist nicht zu übersehen, dass die Sowjetunion unter Stalin wesentlich und unter zahlreichen Opfern (ca. 17 Millionen Tote) dazu beigetragen hat, Nazi-Deutschland zu besiegen. Stalin starb 1953. Der real existierende Sozialismus bestand noch bis 1991. Nun kehren ihm eigentümliche Verhaltensweisen in die internationale Politik zurück, Menschenrechtsverletzungen, Völkerrechtsverletzungen, Aufrüstung, aggressive Außenpolitik und anderes. Die „Mythologisierung des Stalinismus“ passt zum Putinismus.

1069: Zwei Unternehmenskulturen und die Verwirrung beim DFB

Mittwoch, Oktober 28th, 2015

Der Organisationssoziologe Stefan Kühl, 49, Professor an der Universität Bielefeld, erklärt uns die Korruptionslage im nationalen und internationalen Fußball. Dort habe sich nie das von Max Weber beschriebene Prinzip staatlicher Bürokratie durchsetzen können,

die Trennung von Amt und Person.

Und hier läge der Unterschied zu VW mit seinem Abgas-Skandal und Siemens mit seiner Korruptions-Affäre. „Bei den Vorfällen bei VW und Siemens handelt es sich um die für alle Organisationen recht typischen Abweichungen von der Formalstruktur, die nicht der persönlichen Bereicherung der Mitglieder dieser Organisation, sondern der flexiblen Anpassung dieser Organisation an komplizierte Umfeldbedingungen dienen.“

Das im Fußball geltende Prinzip sähe auch die persönliche Bereicherung vor. Wie in Zentralafrika oder der indischen Verwaltung. Dabei komme es zu – in der Regel – zeitversetzten „Austauschen“. In

Südamerika nenne man das „Confianza“,

in China „Guanxi“,

in Russland „Blat“

und bei der Fifa das „System Blatter“.

Bei der Zusammenarbeit mit Organisationen, die diesem Tauschprinzip folgten, sei es schwierig, die „Übersetzung“ hinzubekommen. Einerseits die eigenen rigiden Standards einzuhalten. Und andererseits den Partner zu erreichen.

„Bei der notwendigen Übersetzungsleistung im Kontakt zwischen typischen, auf Systemvertrauen basierenden Organisationen in Frankfurt, New York und London und den vorrangig auf Personenvertrauen basierenden Organisationen in Brazzaville, Delhi und Zürich müssen die westlichen Organisationen ihr Nicht-Wissen professionell managen. Man muss wissen, welche Angelegenheiten nicht in die Akten gehören, welche Aspekte man möglichst nicht genau evaluieren sollte und was nicht ohne Weiteres zu rekonstruieren sein sollte. Insofern ist die momentane Verwirrung beim DFB nicht überraschend, sondern Ergebnis des weitgehenden Verzichts auf die sonst üblichen Prinzipien der Aktenführung.“ (SZ 27.10.15)