Archive for the ‘Gesellschaft’ Category

1098: Claude Lanzmann 90

Samstag, November 28th, 2015

Claude Lanzmann hat den Dokumentarfilm

„Shoah“ (1985)

gemacht. Er ist neun Stunden lang. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich ihn mit drei jüngeren Kolleginnen und Kollegen konzentriert angeschaut habe. Wir hatten uns dafür zwei Tage reserviert. An diesem Jahrhundertwerk, in dem Holocaust-Opfer auf der ganzen Welt befragt werden, hatte Lanzmann zwölf Jahre gearbeitet. Es hat unsere Sicht auf den Holocaust nochmals grundlegend verändert. Lanzmann war zu der Überzeugung gelangt, dass der Holocaust nicht in einem Spielfilm dargestellt werden könne, auch nicht etwa durch Steven Spielbergs „Schindlers Liste“ (1993).

Nun wird Claude Lanzmann 90 Jahre alt (Fritz Göttler, SZ 27.11.15). Er entstammt einer kommunistischen Familie und geriet durch seinen Vater in die Resistance. Darüber erfahren wir sehr viel in Lanzmanns „Erinnerungen“, die 2009 (dt. 2010) unter dem Titel

„Der patagonische Hase“

erschienen sind (682 S.). Ein unbedingt lesenswertes Buch. Lanzmann, der nicht an mangelndem Selbstbewusstsein leidet, hatte nach 1945 in Tübingen studiert und war an der Freien Universität Berlin als Lektor tätig. Auf einige Zeitungsartikel nach seiner Rückkehr nach Frankreich wurde Jean-Paul Sartre aufmerksam und holte ihn in die Redaktion von „Temps Modernes“, wo Lanzmann heute noch Herausgeber ist. Mit Sartre und Simone de Beauvoir lebte Claude Lanzmann in den Siebzigern des vergangenen Jahrhunderts in einer eigentümlichen Mémage-à-trois (mehr darüber im „Patagonischen Hasen“). In zweiter Ehe war er verheiratet mit der deutschen Schriftstellerin Angelika Schrobsdorff.

1972 erschien sein erster Film „Pourquoi Israel“, dessen Titel schon alles sagt. Nach „Shoah“ drehte Lanzmann noch „Tsahal“ (1994) über die israelische Jugend beim Militär. Damit hat er sich auf der politischen Linken in Europa sehr unbeliebt gemacht. Aber er geht eben realen Machtfragen nicht aus dem Wege, was ich für seine Stärke halte. 2013 erschien Lanzmanns

„Der letzte Ungerechte“

über den letzten „Judenältesten“ von Theresienstadt, Benjamin Murmelstein, der nach Meinung von Lanzmann viel zu schlecht beurteilt wird, weil er in seiner Funktion manche moralisch faulen Kompromisse mit den Nazis schließen musste.

Ich kenne kaum einen alten Mann, der körperlich so robust wirkt wie Claude Lanzmann.

1097: Das System Kaczynski

Mittwoch, November 25th, 2015

In der EU mit ihren 28 Staaten sind aus deutscher Perspektive besonders wichtig gute Beziehungen zu Frankreich und zu Polen. Das ergibt sich aus der Geschichte des 20. Jahrhunderts. Um so besorgter schauen manche Beobachter auf die Entwicklung in Polen nach dem Wahlsieg der Partei „Recht und Gerechtigkeit“ (PIS) von Jaroslaw Kaczynski. Sie errichtet anscheinend am Rande der Verfassung ein neues System (Florian Hassel, SZ 25.11.15).

1. Die vier Chefs der beiden privaten und beiden militärischen Geheimdienste wurden abgesetzt und durch Gefolgsleute ersetzt.

2. Der neue starke Mann bei dem Geheimdiensten, Mariusz Kaminski, der im März 2015 von einem Warschauer Gericht wegen Amtsmissbrauchs verurteilt wurde, ist inzwischen von Präsident Andrzej Duda begnadigt worden.

3. Die militärischen Geheimdienste fallen in den Verantwortungsbereich des neuen Verteidigungsministers Antoni Macierewicz, der zu Verschwörungstheorien neigt.

4. So erklärt er den Flugzeugabsturz bei Smolensk von 2010, bei dem Präsident Lech Kaczynski, der Bruder Jaroslaws, zu Tode kam, zum Attentat.

5. Die Parlamentsopposition wurde von der Geheimdienstkontrolle ausgeschlossen.

6. Das Verfassungsgericht ist in Bedrängnis. Mehrere legal neu gewählte Mitglieder wurden von Präsident Duda nicht ernannt.

7. Ein regimekritisches Gutachten des juristischen Diensts des Parlaments zum Verfassungsgericht wurde übergangen.

8. Kritiker sprechen auf dieser Basis von einem „Staatsstreich“.

9. Der neue Kultusminister Piotr Glinski, der 2012 und 2014 im Zuge eines Misstrauensvotums vergeblich gegen Donald Tusk angetreten war, hat in Breslau ein Theaterstück der österreichischen Nobelpreisträgerin Elfried Jellinek abgesetzt.

10. Als sich eine Fernseh-Moderatorin nach der Rechtsgrundlage für diese Absetzung erkundigte, wurde sie vom Intendanten suspendiert.

1096: Unbesetzte Lehrstellen in Deutschland

Dienstag, November 24th, 2015

Die Zahl der unbesetzten Lehrstellen in Deutschland steigt ständig (Vivien Timmler, SZ 24.11.15). Inzwischen beträgt die Quote bundesweit

6,6 Prozent.

In den letzten zehn Jahren hat sich die absolute Zahl der unbesetzten Lehrstellen verdreifacht. Besonders groß ist der Anstieg im Berufsfeld „Rohstoffe, Glas und Keramik“. Von 2011 bis 2014 hat sich der Anteil der unbesetzten Lehrstellen von 7,8 Prozent auf 16,1 Prozent erhöht. Noch schlechter sieht es bei den „Lebensmittelberufen“ (Köche, Fleischer, Bäcker) aus. Hier stieg der Anteil der unbesetzten Stellen im gleichen Zeitraum von 13,1 Prozent auf 19,1 Prozent.

Die größten Probleme mit unbesetzten Lehrstellen gibt es in Ost- und Süddeutschland. Aber aus unterschiedlichen Gründen. Während in Ostdeutschland die fallenden Schülerzahlen verantwortlich sind, läuft die Wirtschaft in Bayern besonders gut. Die Stadtstaaten Berlin, Hamburg und Bremen haben den mit Abstand niedrigsten Anteil unbesetzter Lehrstellen. Sie bieten aber auch relativ wenige an. Nordrhein-Westfalen bietet demgegenüber 122 000 Lehrstellen, von denen nur 4,3 Prozent unbesetzt sind.

285 Berufe in Deutschland erfordern eine abgeschlossene Berufsausbildung. Davon wiesen in den vergangenen vier Jahren 23 einen starken Engpass bei den besetzten Lehrstellen auf.

Eine persönliche Zwischenbemerkung von mir: ein Grund für die Lage ist die Tatsache, dass heute 60 Prozent eines Jahrgangs ein Studium beginnen (1995: 30 Prozent). Auch wenn die OECD und andere das verlangen, ist es

ganz und gar falsch.

60 Prozent eines Jahrgangs sind den angemessenen Anforderungen an ein Studium nicht gewachsen. Ein Teil von ihnen kann einen Abschluss nur erreichen, wenn die Prüfungsanforderungen (die Qualität) gesenkt werden. Das kann kein vernünftiger Mensch wollen. Und die jungen Leute haben gar nichts davon.

Besonders in den

MINT-Fächern,

also Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik, steigt die Studentenzahl überdurchschnittlich schnell. Außerdem wächst die Zahl der Studierenden, die eine duale Ausbildung betreiben, also eine Kombination von Betriebsausbildung und Studium. 17 der 23 Engpassberufe werden in einer dualen Ausbildung erlernt.

Die gravierendste Folge der unbesetzten Lehrstellen ist der beängstigende Fachkräftemangel.

1095: Gunnar Heinsohn: Der Kriegsindex

Dienstag, November 24th, 2015

Der Sozialpädagoge Gunnar Heinsohn hat bis zu seiner Emeritierung in Bremen gelehrt. Heute arbeitet er am NATO Defense College in Rom. Er will erklären, wie es zu Kriegen kommt (Die Zeit 5.11.15).

„Wie entwickelt sich ein Gebiet, in dem gestern noch die Waffen schwiegen, in ein Bürgerkriegsgebiet oder Kriegsgebiet? Ich verwende dafür einen simplen

Kriegsindex.

Er misst die Relation zwischen 55- und 59-jährigen Männern, die sich auf die Rente vorbereiten, und 15- bis 19-jährigen Jünglingen, die den Lebenskampf aufnehmen. Deutschland hat einen Kriegsindex von 0,66. Auf 1.000 alte folgen 666 junge Männer. Der Kriegsindex im Gazastreifen ist zehnmal so hoch. Auf 1.000 alte folgen 6.000 junge Männer. In Afghanistan ist es genauso. In Nigeria steht der Kriegsindex bei knapp 5. Europa hatte eine ähnliche Situation vom 16. bis zum frühen 20. Jahrhundert. Immer gab es Personal ohne Ende für Krieg, Völkermord, Welteroberung und Auswanderung.“

1094: Deutschsein bei Armin Nassehi

Dienstag, November 24th, 2015

Der Münchener Soziologe Armin Nassehi spricht über „das Deutsche“ (SZ 21./22.11.15):

„Was also ist das Deutsche? Hier zu leben. Mehr sollte man darüber nicht sagen müssen. Es kann heute in einer pluralistischen, globalisierten Gesellschaft keine starke und exklusive Selbstverortung mehr sein. Das ‚Hier‘ wird zu einem ‚Wir‘ nicht durch kulturelle Oktroys, sondern durch gesellschaftliche Selbsterfahrung, durch eine alltägliche Praxis, die man durch geeignete Maßnahmen auch Einwanderern ermöglichen muss – durch Teilhabe an Bildung, am Arbeitsmarkt, am konkreten Leben.

Erstaunlicherweise wissen die Terroristen von Paris – übrigens auch die von Beirut, denn die meisten Opfer des sogenannten Islamischen Staates sind Muslime – was ‚unser‘ Eigenes ist, gegen das sie bomben. Es ist jene Lebensform, die auf gemeinsame Bekenntnisse so weit wie möglich verzichten kann. Es ist eine Lebensform, die es nicht nur aushält, dass es in ihr eine gewisse Indifferenz und Interesselosigkeit darüber gibt, wie die unterschiedlichen Gruppen und Milieus leben. Sie greifen eine Gesellschaft an, die dies gar nicht als Defizit erlebt, sondern als ihr Ureigenes zelebriert.“

1092: Keine Olympischen Spiele für Hamburg 2024 !

Montag, November 23rd, 2015

Martin Müller ist Professor für Geografie an der Universität Zürich. Er forscht zu Planung und Auswirkungen von Großveranstaltungen. Und er hält ein Plädoyer gegen Olympische Spiele in Hamburg 2024 (SZ 18.11.15).

1. Nach eigenen Planungen benötigt Hamburg 6,2 Milliarden Euro vom Bund. Will selbst 1,2 Milliarden aufbringen. 3,8 Milliarden sollen durch Einnahmen gedeckt werden. Insgesamt 11,2 Milliarden für zwei Wochen Hochleistungssport? Und wer von uns glaubt an die Kostenplanung angesichts des Berliner Flughafens und der Elbphilharmonie?

2. Die Kostenplanung ist unglaubwürdig. Für Sicherheit wird nur ein Drittel dessen vorgesehen, das London dafür verbraucht hat. Für Sportstätten und Infrastruktur nur die Hälfte.

3. Das Ganze ist in Wirklichkeit ein Stadtentwicklungsprojekt für Hamburg. Von Dritten bezahlt. Vom Steuerzahler.

4. Ein Risiko ist die unlimitierte Bürgschaft für das IOC. Denn seit Montreal 1976 wird eine solche Bürgschaft verlangt. Die kanadische Stadt hatte erst nach 30 Jahren ihre Schulden abbezahlt.

5. Anders als für den Berliner Flughafen, dessen Eröffnung schon mehrfach verschoben wurde, gibt es für die Olympischen Spiele eine unverrückbare Frist, die eingehalten werden muss.

6. Die Studien, in denen Arbeitsplätze und wachsende Steuern verheißen werden, sind unglaubwürdig. Es fehlt eine nüchterne Kosten-Nutzen-Analyse.

7. Es fehlt zudem die Kalkulation der „Opportunitätskosten“. Damit ist gemeint der entgangene Nutzen, der dadurch entsteht, dass man bessere Investitionsmöglichkeiten beiseite lassen muss.

8. Direkte Investitionen für Wohnungen, Büros und Freizeitanlagen wären besser als die Olympischen Spiele.

9. „Unterm Strich bleiben für Olympia in Hamburg kaum gute Argumente übrig. Stadtentwicklung und Imageförderung betreibt man besser ohne eine solche Veranstaltung. Deshalb werben die Befürworter vor allem mit großen Emotionen und einer gehörigen Portion Lokalpatriotismus. Wer ‚gegen Olympia‘ ist, riskiert als ‚gegen Hamburg‘ abgestempelt zu werden.“ Damit werde ich locker fertig.

10. „Bundeszuschüsse zu Olympischen Spielen gehören abgeschafft, denn sie tragen dazu bei, dass Städte sich um eine Ausrichtung bewerben, weil sie auf zusätzliches Geld hoffen.“

Die Sache wird dann nicht besser, wenn wir an die Korruption im internationalen Hochleistungssport denken (Fifa, Uefa, IOC, IAAF etc.). Eignen sich Olympische Spiele nicht eigentlich besser für Diktaturen wie Russland und China? Im Fernsehen anschauen können wir sie uns ohnehin, denn die dadurch entstehenden Einnahmen sind wesentlicher Bestandteil der Finanzierung.

Also: Bürger Hamburgs, stimmen Sie gegen die Olympische Spiele in ihrer Stadt !

 

1091: Mit 80 weiß Woody Allen Bescheid.

Montag, November 23rd, 2015

Am 1. Dezember wird Woody Allen 80 Jahre alt. Bettina Aust hat ihn für das „Magic Moments“-Magazin (2/2015) interviewt.

Magic Moments: Wird das Leben durch die Philosophie leichter?

Allen: Philosophie rettet nicht dein Leben. Wir werden trotzdem älter und müssen sterben, egal was sie dir erzählen: beispielsweise, dass der Tod nicht das Ende des Lebens ist, sondern ein Teil davon.

Magic Moments: Das hört sich pessimistisch an.

Allen: Wir haben eben diesen schlechten Deal. Wie Jean-Paul Sartre sagte: „Sobald du geboren bist, bist du zum Tode verdammt.“ Es gibt kein Entrinnen.

Magic Moments: Aber als Künstler leben Sie in Ihrem Werk weiter.

Allen: Das kann man sich einreden. Man kann auch versuchen, sich mit Religion zu trösten. Aber das ändert nichts an den kalten Fakten.

Magic Moments: Was bleibt denn dann?

Allen: Gar nichts. Auch das Universum wird irgendwann auseinanderbrechen. Alles löst sich auf. Dann gibt es kein Werk mehr von Shakespeare oder Beethoven. All diese Dinge sind nicht von Dauer.

Magic Moments: Wie lebt es sich mit so einer pessimistischen Einstellung?

Allen: Ich lenke mich ab, indem ich Filme mache. Dann bin ich beschäftigt. Das ist das Einzige, was man im Grunde genommen tun kann. In Ernest Hemingways Kurzgeschichte „The Killers“ heißt es: „Denk nicht über das Ende nach.“ So mache ich es auch.

1090: „Paris – ein Fest fürs Leben“

Sonntag, November 22nd, 2015

Paris war für viele von uns ein Sehnsuchtsort. Und ist es trotz aller Terroranschläge bis heute geblieben. Auch wenn ich, der zum ersten Mal 1962 dort war, die Stadt inzwischen weit besser kennengelernt habe. Unsere Freunde wohnen mitten in der Stadt. Unser Sohn hat dort studiert und gearbeitet. Paris ist eine Weltstadt. Ein Zentrum der Freiheit in Europa, auch wenn es in den Banlieues manchmal anders aussieht.

Ernest Hemingway

schrieb 1950 an einen Freund: „Wenn du das Glück hattest, als junger Mensch in Paris zu leben, dann trägst du die Stadt für den Rest deines Lebens in dir, wohin du auch gehen magst, denn

Paris ist ein Fest fürs Leben.“

Hemingway wurde von 1921 bis 1926 in Paris zum Schriftsteller. Er verkehrte im Salon von Gertrude Stein und in der Buchhandlung von Sylvia Beach. Dann kam

„Fiesta“.

Als er viele Jahre später, 1957, von Depressionen geplagt wurde, begann er sein Erinnerungsbuch

„Paris ein Fest fürs Leben“

zu schreiben, um darüber hinwegzukommen. Das Buch erschien 1964 erst nach seinem Tod im Jahr 1961. Ich lese in der Ausgabe meiner Frau von 1971. Das Buch stand in der letzten Woche plötzlich auf

Platz eins

der Bestsellerlisten (FAZ 21.11.15).

1089: Dopingopfer gegen Olympia in Hamburg

Freitag, November 20th, 2015

Der Dopingopfer-Hilfe-Verein (DOH) verschickt in den kommenden Tagen 500.000 Postkarten an Hamburger Haushalte und fordert die Bürger auf, am 29.11.15 gegen die Olympischen Spiele in der Stadt zu votieren. Die Vereinsvorsitzende Ines Geipel sagte, der organisierte deutsche Sport „trimme“ seine Sportler auf Medaillenerfolge und habe bisher die deutsche Doping-Vergangenheit nicht hinreichend aufgeklärt. Dementsprechend stehe er für „systematischen Betrug“. Zuletzt habe der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) nicht einmal mehr Briefe von Dopingopfern beantwortet.

Der DOH vertritt etwa 700 frühere Athleten, die über Gesundheitsschäden klagen, die auf die Verabreichung von Dopingmitteln zurückzuführen sind. Die Bundesregierung hat den Dopingopfern soeben eine

Finanzhilfe von 10,5 Millionen Euro für 2016 und 2017

zugesagt. Geipel begrüßte diese Geste, unterstrich aber, dass „eine Einmalzahlung keine veränderte Sportpolitik“ darstelle. Der DOSB ist von der Bundesregierung aufgefordert worden, sich an dem Fonds für Dopingopfer zu beteiligen. Ines Geipel regte an, die Pharmakonzerne in die Pflicht zu nehmen, die an den Dopingprogrammen beteiligt waren (SZ 19.11.15).

1088: Ein Wert ist der Werterelativismus.

Dienstag, November 17th, 2015

Es mehren sich die Anzeichen dafür, dass der „Clash of Civilisations“ (Samuel Huntington) stattfindet. Darin geht es vorzugsweise um „Werte“. So sprechen wir geläufigerweise. Nun macht uns Gustav Seibt (SZ 17.11.15) darauf aufmerksam, dass die Rede von den Werten „polemogen“ (kriegserzeugend) ist, mit Niklas Luhmann zu sagen. „Ich habe meine Werte, du hast die deinen. Im Zweifel siegen die höhere Überzeugtheit und Entschlossenheit, die größere Skrupellosigkeit.“

Seibt schreibt: „Ist ‚Aufklärung‘ ein ‚Wert‘, für den wir kämpfen sollten? Das mag man redensartlich so sagen, aber genauer wäre doch: Aufklärung ist ein Prinzip (Gebrauch des eigenen Verstandes, öffentlicher Vernunftgebrauch, Anzweifeln von Autoritäten), im Zweifelsfall eines, mit dem man auch ‚Werte‘ überprüft. Dann aber müsste man sagen: Einer der Werte, für die wir kämpfen, ist auch der Werterelativismus, also das Eingeständnis, das Ziel der Geschichte nicht zu kennen, und die Erlaubnis, sein eigenes Leben jeweils eigenen Werten zu unterwerfen. Da kann der eine dann die Lust wählen (‚Hedonismus‘), der andere die Selbstbeherrschung (‚Askese‘), die meisten einen Mix daraus.“