Archive for the ‘Gesellschaft’ Category

1109: Die französische Misere

Samstag, Dezember 12th, 2015

Am Sonntag findet in Frankreich der zweite Durchgang der Regionalwahlen statt, von dem wir erwarten müssen, dass der Front Nationale dabei gewinnt. Eine schwer erträgliche Entwicklung. Aber sie hat sich seit langem angekündigt und ist nicht das Produkt kurzfristiger Entscheidungen, sondern der Reflex einer französischen Misere. Alex Rühle hat dazu den französischen Politologen Jean-Yves Camus befragt (SZ 10.12.15). Dabei kommen die Ursachen ans Tageslicht.

1. Die Integration der aus Nordafrika stammenden Franzosen, die im Ersten Weltkrieg in der französischen Armee schon gegen Deutschland gekämpft haben, ist insgesamt gescheitert.

2. Der fundamentale Zentralismus der französischen Politik führt in die Irre. So hat im Süden der Republik Toulouse alles für sich vereinnahmt, Verwaltung, Geld, Verkehr, und Albi, Montauban und Narbonne stark vernachlässigt. Das wurde uns etwa schon berichtet, als wir vor ein paar Jahren dort mit dem „Orchester Göttinger Musikfreunde“ waren.

3. Die Gewerkschaften bedürfen eines Modernernisierungsprozesses. Besitzstandswahrung und Festhalten an liebgewonnenen Gewohnheiten genügen nicht. Die deutschen Gewerkschaften sind stärker produktivitätsorientiert.

4. Die beiden großen demokratischen Parteien der Republik, die Konservativen (UDF) um Nicolas Sarkozy und die Sozialisten (PS), haben versagt.

5. Die klassischen Konfliktthemen sind a) die Einwanderung, b) die nationale Identität und c) die Sicherheit.

6. Mit Methoden des autoritären Staates, etwa der Gängelung der Presse, kommen wir kein Stück voran.

7. Attraktiv erscheint den Rechtsextremisten in Westeuropa wie dem Front Nationale (FN) das autoritäre Modell Wladimir Putins.

8. Ein simpler Einwanderungsstopp ist nicht aussichtsreich.

9. Die Strukturen der EU sind gewiss verbesserungsbedürftig, aber zur EU gibt es grundsätzlich keine Alternative.

10. Mit radikalen Muslimen wird man prinzipiell nicht fertig nach dem Modell der „nationalen Bevorzugung“, sondern nur mit Integration. Gift ist der tägliche Rassismus im Kindergarten, in der Schule, am Arbeitsplatz, in der Universität. Usw.

Jean-Yves Camus erwartet einen Sieg des FN in zwei Regionen: Alpes-Maritimes im Süden und Pas de Calais im Norden.

1108: Razzia bei Kurienkardinal Müller

Freitag, Dezember 11th, 2015

Unter Vatikan-Beobachtern gilt Kurienkardinal Gerhard Ludwig Müller, seit 2012 Präfekt der Glaubenskongregation und vorher zehn Jahre lang Bischof von Regensburg, als einer der schärfsten Gegner von Papst Franziskus. Er hat das dritthöchste Amt der Kurie inne. Dort haben jetzt Fahnder der vatikanischen Generalbuchhaltung eine Razzia durchgeführt. Dabei fanden sie im Schreibtisch von Müllers Verwaltungsleiter, Monsignore Mauro Ugolini, 20.000 Bargeld hinter einer Würstchendose.

Müller und Vatikansprecher Federico Lombardi gaben zu, dass es Unregelmäßigkeiten in der Finanzverwaltung der Glaubenskongregation gegeben habe. Müller sei aber nicht persönlich betroffen. Es könne sich um Gebühren handeln, die der Vatikan weltweit von Bistümern erhebe, wenn er Verdachtsfälle auf sexuelle Übergriffe untersuche. Müller sagte, es sei richtig, dass für Aufgaben in der Ehe- und Disziplinarabteilung ein Beitrag erhoben werde (Mattias Drobinski, SZ 10.12.15).

1107: Elias Canetti „Das Buch gegen den Tod“

Dienstag, Dezember 8th, 2015

Seit 1942 hat Elias Canetti (1905-1994) Gedanken gegen den Tod notiert. Sehr viele. Ein Drittel von Canettis hinterlassenen Aufzeichnungen sind mit dem Tod befasst. Das war eine fixe Idee von ihm. Aber er hat daraus nie ein Buch gemacht, sondern einzelne Aspekte in verschiedenen Anthologien erscheinen lassen. Das Buch kommt erst jetzt heraus in einer Edition unter der Leitung seiner Tochter Johanna Canetti:

Das Buch gegen den Tod. Mit einem Nachwort von Peter von Matt. Frankfurt/Main (S. Fischer) 2015, 352 S., 10,99 Euro.

Das Buch enthält viele unveröffentlichte Stücke. Es beschimpft den Tod, macht ihn herunter, denunziert ihn, versucht, ihn seiner Allmacht zu berauben. Natürlich ist es ein Buch gegen Gott. Es wird vom Paradox bestimmt. Canetti wird persönlich böse gegen Nietzsche und Max Frisch und andere.

Weiterführend ist ein Vergleich mit den Einordnungen des Todes an anderer Stelle: als Teil des Lebens, als Sinn des Lebens, als Übergang in die ewige Seeligkeit und was der verständlichen, aber inplausiblen Einordnungen mehr sind. Cabettis Buch ist nichts für zarte oder fromme Seelen. Verschonen wir sie damit. Das ertragen sie nicht.

Aber wir dürfen das Buch doch lesen, in dem Canetti schreibt: „Mich zwingt niemand am Leben zu bleiben. Darum liebe ich es so. Es ist wahr, die Späteren, bei denen der Tod verpönt sein wird, werden diese eine größte Spannung nicht mehr kennen, und sie werden uns um etwas beneiden, auf das wir mit Freuden verzichtet hätten.“ (Fritz Göttler, SZ 8.12.15)

1106: Die neue völkische Bewegung verkehrt die Fronten.

Sonntag, Dezember 6th, 2015

In der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ vom 29.11.15 erschien ein Kommentar mit dem Titel „Die neue völkische Bewegung“ von Volker Zastrow, dem Politikchef des Blattes. Mit ihm bin ich vielfach nicht einer Meinung. Und über ihn darf man sagen, dass er gewiss kein Linker ist. Außerdem nimmt er meistens kein Blatt vor den Mund. Was den Vorteil hat, dass bei Meinungsverschiedenheiten Klarheit über die Positionen herrscht.

Auch in seinem Kommentar „Die neue völkische Bewegung“ ließ Zastrow kaum etwas im Unklaren. Für ihn hat sich um AfD und Pegida eine „völkische Bewegung“ gebildet, eine „Bürgerkriegspartei“, die von „Hunger nach Gewalt“ gekennzeichnet ist, „gewaltgeladen“, die „Gier nach Gewalt“ ausstrahlt. Die Bewegung wolle Deutschland vor seinen „demokratischen Politikern“ retten. Und vor Journalisten, die nicht im Sinne der Bewegung berichteten, darunter auch Frauen. Diese würden gezielt mit Gewalt bedroht. Natürlich seien die „Völkischen“ bei der Gewalt weniger zurückhaltend, wenn weder Kameras noch Polizisten in der Nähe seien. Zastrow schreibt, dass die Medien „mundtot“ gemacht werden sollten, statt der „Lügenpresse“ wolle die Bewegung „völkische Beobachter“.

Der Kommentator scheut sich auch nicht, den Schriftsteller Botho Strauß scharf anzugreifen. Er beweine sich als „letzter Deutscher“, dessen Volk „mit fremden Völkern aufgemischt“ werde. Dann kommt ein zentraler Punkt: Zastrow behauptet nämlich, dass die völkische Bewegung historisch stets durch die „schwarze Milch des Antisemitismus“ zusammengehalten worden sei.

Stimmt das etwa nicht ?

Zastrow sieht in der Zuwanderung von hunderttausenden von Muslimen eine „historische Herausforderung, die nur unter Aufbietung aller konstruktiven Kräfte und natürlich nicht ohne Kontroversen gemeistert werden kann“. AfD-Vizesprecher Alexander Gauland „bemäntele“ die völkische Bewegung nur mit bürgerlichem Fadenschein. Als Entschuldigung für Übergriffe behaupte er „Hass ist ein Symptom und keine Ursache“. Die völkische Bewegung gehöre nicht zur politischen Mitte, sie sei eine Brandstifterin, so Zastrow.

So weit, so klar!

Die FAS stellte den Kommentar am 29.11. nachmittags ins Netz. Daraufhin erhob sich dort ein Sturm der Entrüstung. Binnen kurzem erschienen 740 Leserkommentare aus dem völkischen Lager, worüber Friederike Haupt in der FAS vom 6.12. berichtet. Von „linksfaschistischer Propaganda in der f.a.z.“ war da die Rede. Frauke Petry meldete sich auf Facebook zu Wort: „Neu in der F.A.Z.: Hass und Hetzjournalismus auf niedrigstem Niveau.“ Haupt: „Die Kommentare auf der AfD-Facebook-Seite lesen sich wie Beweise für die These, die sie entkräften wollen.“ Die FAS gehört zu „diesen Staats- eigenen Propaganda-Schmierblättern“. Rene Kruschewski postete ein Foto, das eine blonde Frau zeigt mit einem blonden Kind. darauf steht in altdeutscher Schrift: „Deutschland wird auch die BRD überleben.“

Alles klar?

Typisch ist bei dem rechtsextremen Hass, der über Volker Zastrow und andere Journalisten ausgegossen wird, dass die politischen Fronten verkehrt werden. Wer die völkische Bewegung kritisiert oder Wladimir Putin, der gilt als Nazi.

Umgekehrt wird ein Schuh draus!

1104: Ernährungskunde ?

Freitag, Dezember 4th, 2015

Wer wachen Sinnes durch seine Stadt geht oder durch sein Dorf, der sieht die vielen Fetten, Übergewichtigen, Adipösen. Und wer alt genug ist, zu wissen, wie es „früher“ war, der stellt fest, dass die Zahl der Fetten offenbar stark zunimmt. Darunter sind viele Kinder.

Wenn dann Landwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) vorschlägt, „Ernährungskunde“ in den Lehrplan aufzunehmen („Jedes Kind soll das Einmaleins einer gesunden Ernährung lernen – unabhängig von Herkunft und vom Schultyp.“), dann kann man mit den üblichen Abwehrargumenten rechnen. Die Präsidentin der Kultusministerkonferenz, Brunhilde Kurth (CDU) aus Sachsen, meint dementsprechend: „Wenn wir allen Wünschen nach zusätzlichen Unterrichtsfächern nachkommen würden, wären wir schnell bei einer 80-Stunden-Woche für Schüler.“

M.E. verfängt das Argument nicht, wenn es auch bedacht werden sollte. Denn eine allgemein bessere Ernährung würde hin bis zu den Kosten des Gesundheitssystems viele Vorteile mit sich bringen. Warum schalten sich hier die

Krankenkassen

nicht stärker in die Debatte ein? Die Kinder in Deutschland essen

zu viel Fleisch,

zu viel Zucker und

zu viel Fett.

Das muss nicht so bleiben (Jan Heidtmann, SZ 3.12.15).

1103: Sicherheit in Israel und in Europa

Donnerstag, Dezember 3rd, 2015

Die israelische Politik hat Europa häufig für sein angeblich mangelhaftes Sicherheitsverständnis kritisiert (Peter Münch, SZ 2.12.15). Professor Boaz Ganor, Direktor des Instituts für Terrorismusbekämpfung in Herzlija, erzählt folgende Anekdote:

„Kennen Sie den Unterschied zwischen einer israelischen und einer europäischen Mall? Wir kontrollieren die Taschen am Eingang, ihr am Ausgang.“

1102: Wett-Kultur in Deutschland

Dienstag, Dezember 1st, 2015

Der Europäische Gerichtshof hat 2010 das Staatsmonopol bei Sportwetten beseitigt. Daraufhin wurde in Deutschland 2012 der Glücksspielstaatsvertrag geschlossen, mit dem das Staatsmonopol erhalten bleiben und zugleich private Sportwetten zugelassen werden sollten. Das hat anscheinend nicht gut funktioniert. Denn ob ein Wettanbieter illegal ist, ist dem Staat offenbar nicht so wichtig, wenn er Steuern einnehmen kann.

Das Wettgeschehen vollzieht sich in Deutschland seither in einer rechtsstaatlichen Grauzone. Und wir wissen darüber zu wenig. Es gibt wohl etwa 10.000 teils illegale Wettbüros (plus die Wettseiten im Netz). Aber die Kriminalität wird bisher nicht geahndet. Eine Gefahr gerade für junge Menschen und für Männer; denn Frauen beteiligen sich am Wetten kaum. Besonders gefährdet sind junge Männer mit viel Zeit und wenig Geld. 4,5 Milliarden Euro wurden 2014 umgesetzt (Jan Willmroth, SZ 21.22.11.15). Mit steigender Tendenz.

Wie viele der Wettbüros ordentlich Steuern zahlen, ist nicht bekannt. Von den 18 Bundesligaklubs haben 16 mindestens einen privaten Wettanbieter als Sponsor. Hertha BSC beispielsweise „bet-at-home“. Besonders schwer zu übersehen ist das Wettgeschehen, das vom Rechner zu Hause aus zu bedienen ist. Fachleute für Suchtkrankheiten schätzen den Anteil von Spielsüchtigen an den Wettern auf 25 Prozent. Das kann den Staat nicht kalt lassen.

1100: Özdemir: Ankara muss die Muslime in Deutschland freigeben.

Montag, November 30th, 2015

Der Grünen-Vorsitzende Cem Özdemir wurde für die FAZ (28.11.15) interviewt von Johannes Leithäuser.

FAZ: Sie haben ja die bestehenden muslimischen Dachverbände in Deutschland jüngst stark dafür kritisiert, dass sie sich nicht als Religionsgemeinschaften qualifizieren, weil sie national gebunden seien, wie Ditib an die Türkei, oder politisch orientiert, wie der Islamrat, zu dem die orthodoxe türkische Milli Görüs gehört. Stört die Grünen an diesen Organisationen nicht vor allem, dass sie ein konservatives Weltbild propagieren?

Özdemir: Nein, meine Kritik richtet sich gar nicht pauschal gegen die Arbeit der Verbände. Die Arbeit von Ayman Mayzek, dem Vorsitzenden des Zentralrats der Muslime, beispielsweise schätze ich sehr, der nach dem Anschlag auf „Charlie Hebdo“ die Solidaritätskundgebung vor der französischen Botschaft organisiert hat. Aber er weiß so gut wie ich, dass die vier muslimischen Verbände nicht durch ein Glaubensbekenntnis geprägt sind, wie es das deutsche Staatskirchenrecht vorsieht. Und im Fall von Ditib haben wir es mit einer Organisation zu tun, die immer jene Einstellungen wiedergibt, die von den jeweiligen Regierungen in Ankara vertreten werden, mit Religion, wie wir es kennen, hat dies nichts zu tun. Das gilt sicher nicht für alle Moscheen, die zu diesem Dachverband gehören. In vielen Moscheegemeinden machen besonders die Frauen eine beeindruckende Integrationsarbeit für junge Muslime. Aber für die Spitze des Verbands muss gelten, dass seine Repräsentanten sich nicht in erster Linie als Diplomaten anderer Staaten verstehen. Das kann kein Land zulassen, und wir dürfen es auch nicht. Ankara muss die Muslime in Deutschland freigeben.

1099: Kopftuchverbot in Frankreich erlaubt

Sonntag, November 29th, 2015

„Der europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat Frankreich die Befugnis für ein striktes Kopftuchverbot im öffentlichen Dienst zugebilligt. Der Gerichtshof hat die Beschwerde einer französischen Muslimin abgewiesen, deren Zeitvertrag als Sozialarbeiterin in einem französischen Krankenhaus im Jahr 2001 nicht verlängert worden war. Sie hatte sich, trotz mehrerer Beschwerden von Patienten, geweigert, während der Arbeit ihr Kopftuch abzulegen. Ihre Klage wegen Verletzung ihrer Religionsfreiheit war vor französischen Gerichten gescheitert.“ (Wolfgang Janisch, SZ 27.11.15)

Nach Meinung des Gerichts war der Eingriff durch das legitime Ziel gerechtfertigt, namentlich die Rechte der Patienten zu schützen. Dem französischen Staat räumte das Gericht einen großen Beurteilungsspielraum ein. „Das französische Kopftuchverbot habe seine Wurzel darin, dass in Frankreich eine strenge Trennung von Religion und Staat gelte. Die Beurteilung der Frage, unter welchen Voraussetzungen ein solches Verbot verhältnismäßig sei, müsse deshalb den französischen Behörden und Gerichten überlassen bleiben.

Die dortigen Gerichte waren zum Ergebnis gekommen, das Kopftuch sei ein ‚ostentatives‘ religiöses Symbol. Sie maßen dem Grundsatz der staatlichen Neutralität größeres Gewicht bei und hielten das Verbot daher für berechtigt. Damit, so entschied das Menschenrechtsgericht, hätten sich die französischen Gerichte innerhalb ihres Beurteilungsspielraums gehalten.“

1098: Claude Lanzmann 90

Samstag, November 28th, 2015

Claude Lanzmann hat den Dokumentarfilm

„Shoah“ (1985)

gemacht. Er ist neun Stunden lang. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich ihn mit drei jüngeren Kolleginnen und Kollegen konzentriert angeschaut habe. Wir hatten uns dafür zwei Tage reserviert. An diesem Jahrhundertwerk, in dem Holocaust-Opfer auf der ganzen Welt befragt werden, hatte Lanzmann zwölf Jahre gearbeitet. Es hat unsere Sicht auf den Holocaust nochmals grundlegend verändert. Lanzmann war zu der Überzeugung gelangt, dass der Holocaust nicht in einem Spielfilm dargestellt werden könne, auch nicht etwa durch Steven Spielbergs „Schindlers Liste“ (1993).

Nun wird Claude Lanzmann 90 Jahre alt (Fritz Göttler, SZ 27.11.15). Er entstammt einer kommunistischen Familie und geriet durch seinen Vater in die Resistance. Darüber erfahren wir sehr viel in Lanzmanns „Erinnerungen“, die 2009 (dt. 2010) unter dem Titel

„Der patagonische Hase“

erschienen sind (682 S.). Ein unbedingt lesenswertes Buch. Lanzmann, der nicht an mangelndem Selbstbewusstsein leidet, hatte nach 1945 in Tübingen studiert und war an der Freien Universität Berlin als Lektor tätig. Auf einige Zeitungsartikel nach seiner Rückkehr nach Frankreich wurde Jean-Paul Sartre aufmerksam und holte ihn in die Redaktion von „Temps Modernes“, wo Lanzmann heute noch Herausgeber ist. Mit Sartre und Simone de Beauvoir lebte Claude Lanzmann in den Siebzigern des vergangenen Jahrhunderts in einer eigentümlichen Mémage-à-trois (mehr darüber im „Patagonischen Hasen“). In zweiter Ehe war er verheiratet mit der deutschen Schriftstellerin Angelika Schrobsdorff.

1972 erschien sein erster Film „Pourquoi Israel“, dessen Titel schon alles sagt. Nach „Shoah“ drehte Lanzmann noch „Tsahal“ (1994) über die israelische Jugend beim Militär. Damit hat er sich auf der politischen Linken in Europa sehr unbeliebt gemacht. Aber er geht eben realen Machtfragen nicht aus dem Wege, was ich für seine Stärke halte. 2013 erschien Lanzmanns

„Der letzte Ungerechte“

über den letzten „Judenältesten“ von Theresienstadt, Benjamin Murmelstein, der nach Meinung von Lanzmann viel zu schlecht beurteilt wird, weil er in seiner Funktion manche moralisch faulen Kompromisse mit den Nazis schließen musste.

Ich kenne kaum einen alten Mann, der körperlich so robust wirkt wie Claude Lanzmann.