Am Sonntag findet in Frankreich der zweite Durchgang der Regionalwahlen statt, von dem wir erwarten müssen, dass der Front Nationale dabei gewinnt. Eine schwer erträgliche Entwicklung. Aber sie hat sich seit langem angekündigt und ist nicht das Produkt kurzfristiger Entscheidungen, sondern der Reflex einer französischen Misere. Alex Rühle hat dazu den französischen Politologen Jean-Yves Camus befragt (SZ 10.12.15). Dabei kommen die Ursachen ans Tageslicht.
1. Die Integration der aus Nordafrika stammenden Franzosen, die im Ersten Weltkrieg in der französischen Armee schon gegen Deutschland gekämpft haben, ist insgesamt gescheitert.
2. Der fundamentale Zentralismus der französischen Politik führt in die Irre. So hat im Süden der Republik Toulouse alles für sich vereinnahmt, Verwaltung, Geld, Verkehr, und Albi, Montauban und Narbonne stark vernachlässigt. Das wurde uns etwa schon berichtet, als wir vor ein paar Jahren dort mit dem „Orchester Göttinger Musikfreunde“ waren.
3. Die Gewerkschaften bedürfen eines Modernernisierungsprozesses. Besitzstandswahrung und Festhalten an liebgewonnenen Gewohnheiten genügen nicht. Die deutschen Gewerkschaften sind stärker produktivitätsorientiert.
4. Die beiden großen demokratischen Parteien der Republik, die Konservativen (UDF) um Nicolas Sarkozy und die Sozialisten (PS), haben versagt.
5. Die klassischen Konfliktthemen sind a) die Einwanderung, b) die nationale Identität und c) die Sicherheit.
6. Mit Methoden des autoritären Staates, etwa der Gängelung der Presse, kommen wir kein Stück voran.
7. Attraktiv erscheint den Rechtsextremisten in Westeuropa wie dem Front Nationale (FN) das autoritäre Modell Wladimir Putins.
8. Ein simpler Einwanderungsstopp ist nicht aussichtsreich.
9. Die Strukturen der EU sind gewiss verbesserungsbedürftig, aber zur EU gibt es grundsätzlich keine Alternative.
10. Mit radikalen Muslimen wird man prinzipiell nicht fertig nach dem Modell der „nationalen Bevorzugung“, sondern nur mit Integration. Gift ist der tägliche Rassismus im Kindergarten, in der Schule, am Arbeitsplatz, in der Universität. Usw.
Jean-Yves Camus erwartet einen Sieg des FN in zwei Regionen: Alpes-Maritimes im Süden und Pas de Calais im Norden.