Archive for the ‘Gesellschaft’ Category

1121: Der Becher Wein bei Avicenna

Samstag, Januar 2nd, 2016

„Des Nachts kehrte ich stets ein, legte eine Lampe vor mich und widmete mich dem Lesen und Schreiben. Wenn je der Schlaf mich überkam oder ich mir eines Schwindens meines Bewusstseins gewahr wurde, trank ich einen Becher Wein, auf dass meine Kraft zurückkehren würde. Dann las ich weiter.“ Dieser Satz stammt von Ibn Sina (980-1037), einem persischen Arzt und Philosophen und Muslim, der uns eher unter seinem latinisierten Namen

Avicenna

bekannt ist und der viele Bücher zur Medizin und zur Philosophie auf Persisch oder Arabisch hinterlassen hat. Von ihm stammen zentrale Kommentare zu Aristoteles (384-322 v.C.), in denen wir Europäer unsere griechischen Wurzeln erkennen konnten, was im 15. und 16. Jahrhundert zur Renaissance führte (SZ 2./3.1.16).

Das ist vielen bekannt, sollte möglicherweise aber heute stärker in den Vordergrund gestellt werden.

1120: Göttingen: „Provinzielle Arroganz und Hybris“ bis heute ?

Samstag, Januar 2nd, 2016

Seine „Harzreise“ unternahm Heinrich Heine vom 14. bis 21. September 1824. Göttingen kam dabei nicht gut weg, aber auch Orte wie Northeim, Osterode und Clausthal-Zellerfeld nicht, soweit sie überhaupt vorkamen. Die Stadt Göttingen sei „berühmt durch ihre Würste und Universität“, sie gefalle einem am besten, „wenn man sie mit dem Rücken ansieht“. „Die Zahl der Göttinger Philister muss sehr groß sein, wie Sand, oder besser gesagt, wie Kot am Meer“. Als Student war Heine zweimal in Göttingen und machte hier am Ende seinen Doktor der Jurisprudenz, ohne das Fach besonders zu schätzen. In der Stadt kannte er vier Stände, Studenten, Professoren, Philister und Vieh. „Der Viehstand ist der bedeutendste.“ Das machte ihn bei den Göttingern nicht beliebt, wie er ohnehin vielen Lesern auch anderswo zu frech, zu kess, zu respektlos erscheint. De facto eine seiner größten Stärken.

Insofern ist Heine für ein modernes Stadtmarketing nicht so leicht zu verwerten wie etwa Karl-Friedrich Gauß (vgl. z.B. Michael Kehlmann: Die Vermessung der Welt). Für Heine war Göttingen wichtig, aber doch nicht so wichtig wie manche Göttinger denken. Die „Harzreise“ war hauptsächlich eine Auseinandersetzung mit sich selbst. Wie andere Werke von ihm auch. Und Göttingen, das als Universitätsstadt ursprünglich für den Geist des Fortschritts, der Aufklärung und der Moderne stand, war zu Heines Zeit in eine beidermeierliche Phase eingetreten, wie der gegenwärtige Stadtarchivar Göttingens, Dr. Ernst Böhme, ein geborener Göttinger, behauptet. „Die provinzielle Arroganz und Hybris, sich immer mit den größten Universitaten der Welt zu messen und sich für den Nabel der wissenschaftlichen Welt zu halten“, sei bis heute eine Schwäche Göttingens, meint Böhme (Harald Hordych, SZ 2./3.1.16). Wir sehen also, dass – bei weitem – genug Selbstkritik vorhanden ist.

Heute muss sich Göttingen ja mit „Weltuniversitäten“ wie Eichstätt, Paderborn und Esslingen vergleichen … Eine Folge der bizarren Wissenschaftspolitik in Europa und Deutschland. Heinrich Heines „Harzreise“ ist für diejenigen, die lesen können, eine Reise in die Freiheit und ein Manifest für den freien Geist, den es gerade heute zu verteidigen gilt. Wo islamistischer Terrorismus einerseits und akademischer Mief andererseits die Welt bedrohen.

1119: Das chinesische Modell

Mittwoch, Dezember 30th, 2015

Als Generalsekretär der chinesischen KP gab Deng Xiaoping 1989 den Schießbefehl für das Massaker auf dem Platz des himmlischen Friedens. 1992 verkündete er den „Sozialismus chinesischer Prägung“. Die wesentlichen Merkmale dieses diktatorischen Kapitalismus sind die grenzenlose Ausbeutung der Ressourcen des Landes, die Korruption und die Unterdrückung der Tibeter und der Uiguren, so erklärt es uns der chinesische Schriftsteller Liao Yiwu, der 2012 den Friedenspreis des deutschen Buchhandels bekommen hat (FAZ 19.12.15).

„Seit zwanzig Jahren fährt die chinesische Regierung außerordentlich gut mit ihrer Strategie der Umarmung kapitalistischer Marktwirtschaft bei völliger Unterwanderung des universellen Wertesystems. Sie ist ein erklärter Feind von Freiheit, Demokratie, Rechtsstaat und Menschenrechten, denn sie weiß nur zu gut, dass jedes Zugeständnis an diese Werte ihr eigenes Volk an seine Stärken von 1989 erinnern würde. Doch angesichts der Verheißungen des chinesischen Markts knicken westliche Regierungen ein, im Interesse der angeschlagenen Wirtschaftssituation geben sie nach und besuchen mit ihren Wirtschaftsdelegationen China, ohne mit der chinesischen Regierung Menschenrechtsfragen anzuschneiden. Wer wollte seinen wichtigsten Kunden verprellen?“

Angeblich sind die Werte der Aufklärung nicht mit der chinesischen Kultur vereinbar. „Von welcher Kultur ist die Rede? Von der, die ein faschistischer Diktator namens Mao Tse-tung seit 1949 in diesem Land etabliert hat, die Kultur der Gehirnwäsche? Gleich zu Beginn der Landreform hat Mao Tse-tung nach divergierenden Schätzungen zwischen zwei- und vierhunderttausend Grundbesitzer hinreichten lassen, das überlieferte Wissen der Landbevölkerung gründlich ausgemerzt und die Tradition des ‚Der Himmel ist hoch, und der Kaiser ist weit‘ gekappt.“

„Bei der Rückbesinnung auf die chinesische Tradition kann ich keinen Widerspruch entdecken zu den europäischen Vorstellung von Freiheit, Recht und Gerechtigkeit, auch nicht zur ursprünglichen europäischen Idee des Sozialismus. Es gibt im Gegenteil zahlreiche Berührungspunkte, an denen unsere Kulturen verschmelzen, aneinander wachsen, dasselbe Zukunftsideal vor Augen. Die von der KP Chinas beschworene kulturelle Besonderheit besteht allein in dem von ihr fabrizierten diktatorischen Kapitalismus. Mit unseren Traditionen hat das nichts zu tun.“

„Universelle Werte kennen keine Grenzen. Gegenwärtig werden die Menschen in China vom Kapitalismus auf der einen und der Diktatur auf der anderen Seite in die Zange genommen. Die Folge sind immer weiter auseinanderklaffende Unterschiede zwischen Arm und Reich, drastische Umweltverschmutzung, immer neue Krisen durch gesellschaftliche Widersprüche. Das größte Geschenk, das uns Europa machen könnte, wäre die nachdrückliche Unterstützung der Bewegung von 1989 in ihrer Forderung nach einem demokratischen System, … Nur so ließe sich eine

Welle von Flüchtlingen

vermeiden, die der gesellschaftliche Kollaps Chinas, der nur in einen Bürgerkrieg münden kann, hervorbringen wird. Das kann sich kein Staat wünschen.“

1118: „Gott verdankt Bach alles.“

Dienstag, Dezember 29th, 2015

Immerhin haben zu Weihnachten der katholische Schriftsteller Martin Mosebach und der Emeritus für evangelische Theologie Friedrich Wilhelm Graf über die Wahrheit gestritten (FAZ 24.12.15, Gesprächsleitung Patrick Bahners und Edo Reents). Auch wenn darin Graf einen „Öffentlichkeitsverlust der akademischen Theologie“ beobachtete, der sehr bedauerlich ist, gelangten die Disputanten zu weiterführenden Einsichten. So als über den Kulturprotestantismus gestritten wurde.

Mosebach: Den Kulturprotestantismus habe ich im Elternhaus als etwas geistig sehr Fruchtbares erlebt. Voraussetzung war natürlich eine akademische Welt, die es in dieser Form nicht mehr gibt. Das frechste Wort zu diesem Phänomen stammt von Cioran (dem rumänisch-französischen Existenzialisten und Zerfalls-Theoretiker, W.S.): „Gott verdankt Bach alles.“ Einen solchen Kulturkirchenvater haben die Katholiken freilich nicht. Als sich die protestantische Kirche von den Bildern trennte, ist in diesen Leerraum die Musik geströmt. Wenn man nach Eisenach kommt, findet man im Vorraum der Georgenkirche eine überlebensgroße Bronzestatue von Bach – und der rechte Fuß ist von den ehrfürchtigen Berührungen der Besucher blankpoliert, wie in St. Peter in Rom der Petrusfuß. So viel zum Kulturprotestantismus heute.

Graf: Es ist wohl kein konfesionelles Vorurteil, wenn man sagt, dass im Protestantismus die Wortkultur eine sehr viel größere Rolle gespielt hat. In der Tat ist im Protestantismus, einer

Ohrenreligion,

das Bekennen durch Musik wichtiger als in der katholischen

Augenreligion.

1117: Benedict Anderson ist tot.

Montag, Dezember 28th, 2015

Benedict Anderson ist tot, der Mann, der uns beigebracht hatte, dass Nationen „vorgestellte Gemeinschaften“ sind, „weil die Mitglieder die meisten anderen niemals kennen werden, aber im Kopf eines jeden die Vorstellung ihrer Gemeinschaft existiert“.

Sein Buch „Imagined Communities“ erschien 1983, auf deutsch 1988.

Meine Ausgabe trägt den deutschen Titel „Die Erfindung der Nation. Zur Karriere eines folgenreichen Konzepts.“ Frankfurt/Main (Campus) 1996, 306 S.

Anderson verabschiedete die Vorstellung von der Nation als etwas Essenziellem. Seiner These nach werden Nationen hergestellt durch Massenmedien, zunächst durch die Presse im 15. Jahrhundert, weil sie die nationale Sprache verbreiten helfen. Dementsprechend spielte die Reformation mit der übersetzten Bibel dabei eine große Rolle. Die Lektüre von Zeitungen und Zeitschriften stiftete die Gemeinschaft. Zu beobachten war die Nationenbildung aber am ehesten in Südamerika. Wenn Nationen vorgestellte Gemeinschaften sind, heißt das, dass auch andere Gemeinschaften vorstellbar sind.

Anderson wurde 1936 als Sohn britischer Kolonialbeamter in China geboren, wuchs als Protestant im katholischen Irland auf und wanderte nach dem Studium in Cambridge und den USA nach Indonesien aus, wo der Unabhängigkeitskampf gerade begann. Anderson sprach sechs europäische Sprachen und drei asiatische. Er war Professor an der Cornell Universität New York. Indonesien wurde trotz seiner Vielfalt zu einer Nation. Das war der Beleg dafür, dass hier eine Nation entstanden war durch den Gebrauch einer gemeinsamen, nicht religiösen Sprache.

In meiner Anderson-Ausgabe findet sich auf S. 202/203 ein sehr schöner Kommentar zur Eroberung Großbritanniens durch

Wilhelm den Eroberer (Guillaume le Conquerant, William the Conqueror)

1066 in der Schlacht von Hastings:

„Englische Geschichtsbücher offerieren das unterhaltsame Spektakel eines großen Gründungsvaters, dessen Name Wilhelm der Eroberer jedem Schulkind eingetrichtert wird. Den gleichen Schulkindern wird freilich nicht erzählt, dass dieser Wilhelm kein Englisch sprach, ja, es in der Tat nicht einmal hätte sprechen können, da die englische Sprache in jener Epoche überhaupt nicht existierte; und ebensowenig wird ihnen erzählt, was denn der ‚Eroberer‘ erobert hat. Denn die einzige vernünftige moderne Antwort müsste lauten: der „Eroberer der Engländer“, was den alten normannischen Räuber in einen Vorläufer von Napoleon und Hitler verwandeln würde, der erfolgreicher als diese gewesen war.“

 

1116: H.A. Winkler: Europa nicht überfordern !

Dienstag, Dezember 22nd, 2015

Der angesehene Historiker Heinrich August Winkler, SPD-Mitglied, warnt davor, Europa angesichts der Flüchtlingswelle und der schwerwiegenden weiteren Herausforderungen aus deutscher Perspektive zu überfordern. Zunächst erläutert er

a) den Unterschied zwischen der „kleindeutschen“ und „großdeutschen“ Lösung bei den Staatsgründungen 1871 und 1990,

b) geht auf das neue Staatsbürgerschaftsrecht von 2000 ein und wirft

c) dann ein Blick auf die Asylrechtsänderung von 1993.

Lange herrschte in Deutschland das Verständnis der Nation als „Schicksalgemeinschaft“ vor, die hauptsächlich von Sprache und Kultur bestimmt war und nicht auf politische Zusammengehörigkeit setzte. Das konnte „völkisch“ als Abgrenzung von „stammesfremden Elementen“ gedeutet werden. Trotzdem kam es aus politisch-pragmatischen Gründen 1871 (durch Bismarck) und 1990 zu „kleindeutschen“ Lösungen (ohne Österreich, die deutschsprachige Schweiz etc.). Zudem wurde im Jahr 2000 das deutsche Staatbürgerschaftsrecht zu einem Bodenrecht („jus soli“) verändert, wonach der Geburtsort (wie in Westeuropa) und nicht die Abstammung über die Staatsangehörigkeit entschied.

Kritisch betrachtet Winkler die Asylrechtsänderung von 1993, wonach für Personen, die aus einem Mitgliedsland der EU oder aus einem anderen sicheren Drittstaat stammten, nicht mehr das Recht auf Asyl galt. Für Winkler war das eine Lösung auf Kosten Dritter, nämlich Spaniens, Italiens, Maltas und Griechenlands. „Die Frage stellt sich nicht erst heute, ob es nicht eine ehrlichere Lösung gewesen wäre, Deutschland durch die Reform des Artikels 16 zu verpflichten, politisch Verfolgten nach Maßgabe seiner Aufnahme- und Integrationsfähigkeit, also im Rahmen des Möglichen und nach besten Kräften, Asyl zu gewähren, gleichzeitig auf die Europäisierung des Asyl- und Flüchtlingsrechts im Geist der Solidarität zu dringen und die legale Immigration, derer Deutschland aus demografischen Gründen dringend bedarf, durch ein großzügiges, modernes

Einwanderungssgesetz

zu erleichtern.“

Die meisten westlichen Demokratien kennen das Asylrecht nur als institutionelle Garantie im Rahmen des Völkerrechts als ein vom Staat gewährtes Recht. Der parlamentarische Rat 1948/49 hatte bei seiner Formulierung des Asylrechts die vor den Nazis und den kommunistischen Nachkriegsdiktaturen Flüchtenden vor Augen. Diese Unterschiede müssen H.A. Winkler nach berücksichtigt werden. Deutsche Alleingänge seien zu vermeiden. Es wäre bei den deutschen Entscheidungen des Sommers 2015 besser gewesen, sie vorher mit der EU abzustimmen.

Winkler warnt davor, Europa zu überfordern. Schon Hans Joas habe 2012 eine „rückwärtsgewandte Idealisierung und Sakralisierung Europas, die paradoxerweise auch für hochgradig säkularisierte Intellektuelle attraktiv ist“, konstatiert. Die Gefahr dieser Überhöhung liege in der

Enttäuschung.

Zugleich erschienen die Deutschen den anderen Europäern als die Moralisten mit dem erhobenen Zeigefinger. Dagegen brauchten die Deutschen in Europa Kompromissfähigkeit. Dazu seien sie tatsächlich in der Lage. Denn sie hätten ein überwiegend selbstkritisches Verhältnis zu ihrer Geschichte entwickelt und sich dadurch für den Westen geöffnet.

Zur Antwort auf die Frage „Was ist deutsch?“ gehörten „die unveräußerlichen Menschenrechte, darunter die Meinungs- und Religionsfreiheit und die Gleichberechtigung von Mann und Frau, das Bekenntnis zur wehrhaften, pluralistischen, repräsentativen Demokratie, die kategorische Absage an Rassismus und Judenfeindschaft und die allmähliche Überwindung des ethnisch verengten Verständnisses von Nation“ (Heinrich August Winkler, SZ 22.12.15).

1114: Diack hat Geld von der russischen Regierung bekommen.

Montag, Dezember 21st, 2015

Der Ex-Präsident der Leichtathletik-Weltverbands IAAF und Vorgänger von Sebastian Coe (Großbritannien), Lamine Diack, 82, Senegal, ist Anfang November in Frankreich wegen des Verdachts der Korruption und der Geldwäsche verhaftet worden. Er hat ausgesagt, dass er beim Doping von russischen Leichtathleten die Augen zugedrückt habe.

Dafür habe er Geld von der russischen Regierung bekommen.

Angesprochen worden sei er anlässlich der Bewerbung Sotschis für die Winterspiele 2014. Das wirft ein bezeichnendes Licht auch auf die Olympischen Spiele in London 2012 und auf die Leichtathletik-WM in Moskau 2013. Die IAAF sei für ihr Stillhalten zudem mit Sponsorenverträgen und dem Kauf von Fernseh-Rechten kompensiert worden (SZ 19.12.15).

1112: Polen hat die Contenance verloren.

Sonntag, Dezember 20th, 2015

Jaroslaw Kaczynski und seine Partei PIS streben in Polen eine autoritäre Herrschaft an, wie sie zwischen den beiden Weltkriegen des vergangenen Jahrhunderts Marschall Jozef Pilsudski innehatte. Strikt nationalistisch und katholisch. Das Verfassungsgericht wird bedrängt. Eine legale Wahl von Richtern ignoriert. Die Gewaltenteilung missachten die neuen Herren in Polen. Bis auf die Ebene von Schuldirektoren werden die Posten politisch besetzt, weil die neuen Schulleiter Einfluss auf die Unterrichtsinhalte nehmen sollen (Markus Wehner, FAS 20.12.15).

Bisheriger Höhepunkt des ultra-nationalistischen politischen Kurses war die Absetzung des Leiters eines NATO-Kompetenzzentrums für Spionageabwehr. Bei Nacht und Nebel. Mit Hilfe der Militärpolizei. Das hat die NATO noch nicht erlebt. Polens Glaubwürdigkeit im Bündnis ist dahin. Flüchtlinge will Polen keine übernehmen. Aber Subventionen kassieren.

Als ob Europa nicht schon genug Probleme zu lösen hätte!

1111: Grenzen im Zeitalter des Internets

Donnerstag, Dezember 17th, 2015

Angesichts der vielen Ängste wegen der Flüchtlingswelle wird uns klar, dass wir uns bald entscheiden müssen, ob wir in Europa wieder ein Grenzregime a la Ungarn haben wollen, oder auf dem freien Fluss auch von Menschen bestehen.

Waren, Daten und Geld

fließen heute ungehindert um die Welt. Und Menschen nicht? An der saudisch-irakischen Grenze errichtet gerade der EADS-Airbus-Konzern, den wir als Rüstungskonzern kennen, eine technisch elaborierte Zaun- und Grabenanlage mit Radar, Kameratürmen, Bewegungssensoren und Lagezentren. Der letzte Stand der Technik. Auch der letzte Stand der Menschenrechte?

Wir wissen, dass das Internet Menschen, die sich nicht vor Ort begegnen, weltweit verbindet. Auch bei Interessen und Bedürfnissen, die sehr speziell sind. Und mit gleichen Werten. Die Flüchtlinge sind heute regelmäßig gut vernetzt.

Die Ursachen ihrer Flucht sind:

Perspektivlosigkeit der Jungen, Klimawandel, Dürre, fragwürdige westliche Außenpolitik (siehe Irakkrieg 2003), Unterdrückung durch regionale Potentaten (wie Assad), durch Spekulation angeheizte Nahrunsmittelpreis-Steigerungen. Etc. Die Menschen müssten ja beschränkt sein, wenn sie nicht fliehen würden. Nach welchem System und in welcher Familienordnung auch immer. Und das Internet nützt nicht nur dem arabischen Frühling und dem Flirt, sondern auch der Flucht.

Viele Deutsche helfen dabei, weil die Informations- und Kommunikationsfreiheit universelle Menschenrechte sind. Sie engagieren sich mit deutscher Effizienz. Und natürlich taucht dann die Frage auf:

Was ist deutsch?

Für Frank Rieger (SZ 16.12.15) ist das der

Kanon der deutschen Ingenieurstugenden:

„pünktlich sein, präzise, gründlich, diszipliniert und nachhaltig arbeiten, Probleme klar benennen, Lösungen finden oder erfinden – zwar manchmal teuer, kompliziert und langwierig, aber am Ende meist erfolgreich“.

Ein ungarisches Grenzregime wollen wir nicht.

1110: Wir wollen dem Klima eine Chance geben.

Sonntag, Dezember 13th, 2015

Gegenüber Kopenhagen (2009) war der Pariser Klimagipfel schon ein Erfolg. Ob er zur Erhaltung des Klimas reicht, bezweifle ich. Trotzdem sollten wir alles tun, dieses Ziel zu erreichen.

1. Der Pariser Vertrag ist erstmals für fast alle Staaten der Welt verbindlich.

2. Die Erderwärmung soll auf weniger als 1,5 Grad begrenzt werden.

3. Die Treibhausemissionen müssen so schnell wie möglich sinken.

4. Die nationalen Klimaziele werden alle fünf Jahre überprüft.

5. Die Industrieländer sollen für den Kampf gegen den Klimawandel an die Entwicklungsländer zahlen. Dieses von mir für besonders wichtig gehaltene Ziel ist schwer zu erreichen.

Sicher sein können wir in einem: Wenn die Ziele des Pariser Klimagipfels nicht konsequent und zügig verfolgt werden, gibt es die von den Ökologen seit sehr langem angekündigte Katastrophe.