Archive for the ‘Gesellschaft’ Category

1131: Silvester 2015 in Köln – das Menetekel

Samstag, Januar 9th, 2016

Nachdem wir nun über das Versagen der Polizei in Köln an Silvester einigermaßen ins Bild gesetzt sind und der Polizeipräsident entlassen worden ist (was ist eigentlich mit dem Innenminister von Nordrhein-Westfalen?), zeichnet sich ab, was künftig geschehen muss, damit solche schlimme Kriminalität nicht wieder auftritt. Bestimmt brauchen wir mehr Polizisten. Gewiss müssen straffällig gewordene Flüchtlinge und Asybewerber leichter abgeschoben werden können. Und wir müssen sie abschieben. Das darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass es im Kern um eine Angelegenheit ging, über die viele nicht gerne sprechen:

um Gewalt (insbesondere sexualisierte) gegen Frauen.

Und hier ist der Stand, den wir uns mühsam erarbeitet haben, noch nicht so gefestigt, als dass wir damit leichtfertig umgehen dürften. Erinnern wir uns daran, dass Vergewaltigung in der Ehe bis 1997 kein Straftatbestand war. Und wir dürfen nicht nur nicht leichtfertig damit umgehen, wir dürfen bei diesem Thema auch keinen Millimeter von unserer Kultur zurückweichen. Denn um einen „Clash of Civilisations“ (Samuel Huntington) handelt es sich zweifelsfrei. Er wird auch dazu führen, dass wir künftig Kopftücher, Verschleierungen, Burkas, Schwimmstunden für muslimische Frauen, die Teilnahme an Klassenfahrten etc. anders beurteilen. Nüchterner.

Eva Schroeder schreibt in der SZ (9./10.1.16): „Es ist überhaupt nicht selbstverständlich, dass man als Frau nachts ohne Begleitung über eine Innenstadtbrücke schlendern oder die Töchter alleine mit einem Bus von einer Party nach Hause schicken kann. Es ist nicht selbstverständlich und auch nur in wenigen Ländern der Welt so problemlos möglich wie in Deutschland. Und auch hier ist es noch gar nicht lange so. Es ist die Errungenschaft mutiger Frauen, die nach allem, was sich in der Silvesternacht wohl in Köln ereignet hat, noch etwas weniger selbstverständlich erscheint.

Man will es sich lieber nicht vorstellen, wie es sich angefühlt haben mag, als Frau im Mob an diesem Bahnhof. Dabei kann man es sich gerade als Frau doch recht einfach vorstellen. Erniedrigung unter der Bedingung physischer Unterlegenheit, Ohnmacht und Hilflosigkeit, brennt sich ins Hirn. Sie nährt ein tiefsitzendes Depot weiblicher Grunderfahrungen. Und kann panische Angst machen.“

Und weiter: „Die größte Gefahr für sexualisierte Gewalt droht in den eigenen vier Wänden. Bis zu dieser Silvesternacht konnten sich Frauen mit etwas Hilfe ihres gesunden Menschenverstandes auch nach 22 Uhr an den meisten öffentlichen Orten sicher fühlen. Der Grund dafür aber war nicht etwa, dass das Problem sexualisierter Gewalt in Deutschland bereits gelöst wäre. Natürlich sind Rape Culture und Gang-Bang-Fantasien auch hier kein neues Phänomen. Aber es war doch weithegend aus dem Bewusstsein verbannt, dass einem sexualisierte Gewalt in diesem Ausmaß an einem polizeilich überwachten Hauptbahnhof begegnen kann.“

Vera Schroeder verweist auf die Frage, sie macht sie sich nicht zu eigen, „ob ein kurzer Rock (Armlänge) nicht doch eine Aufforderung ist. Oder schmatzende Schnalzgeräusche von einer pubertierenden Jungsgruppe an der Bushaltestelle denn nun wirklich so ein großes Drama sind. Sie sind es nicht. Das Drama steckt dahinter. Es ist die fehlende Aufklärung in Familien und Schulen, die es versäumen, den Zusammenhang zu erklären zwischen Schnalzgeräuschen, Gewalt und Frauenrechten.“

Was wir in Köln auch sehen konnten, war

das Elend der „Political Correctness“,

die Politik des Schönredens, Bestreitens und Gesundbetens. Sie hat in diesem Fall dazu geführt, dass die Polizei gelogen hat darüber, dass auch Ausländer, Flüchtlinge und Asylbewerber unter den von ihr festgestellten Tätern waren. Und einige Medien und Journalisten haben den „Stresstest für den Journalismus“ (Michael Hanfeld, FAZ 9.1.16) nicht bestanden. Da hilft auch die Behauptung über die angeblichen Vergewaltigungen auf dem Oktoberfest nicht weiter.

Berthold Kohler schreibt in der FAZ (9.1.16): „Wäre denn die Feststellung, die Täter und ihre Kumpane seien schon lange in Deutschland, vielleicht auch deutsche Staatsangehörige, beruhigender? Dann läge ein weiterer Beweis für massenhaft gescheiterte Integration vor. … Denn nur wenn sich Naivität mit Allmachtsphantasien paart, kann man ernsthaft glauben, die Einwanderung abertausender junger, muslimischer Männer aus den Kriegs- und Krisengebieten Asiens und Afrikas werde die bestehenden Probleme mit Migranten in Deutschland nicht vergrößern.“

Seit Köln hat die deutsche Flüchtlingspolitik eine andere Perspektive. Es war ein Wendepunkt. Ob wir es nun wollen oder nicht.

 

1130: Wir können unseren Konsum korrigieren.

Freitag, Januar 8th, 2016

Ohne französischen Gourmands oder dem deutschen Riesling zu nahe zu treten, dürfen wir sagen, dass wir uns an Italien halten, wenn es um gutes Essen und Trinken geht. Dort haben Ulrike Sauer und Thomas Steinfeld im Piemont Carlo Petrini interviewt (SZ 8.1.16). Er hat die Slow Food-Bewegung gegründet.

SZ: Ihrem Traum von guter, fairer und sauberer Nahrung steht Geld im Weg. Verdient wird an Massenproduktion. Warum?

Petrini: Weil die Landwirtschaft auf dem Prinzip beruht, dass die Natur ausgeplündert werden darf, um ihr maximale Produktivität abzuringen. Das geschieht in Funktion eines immer frenetischeren Konsums. Höchstes Ziel dieser Landwirtschaft ist das Geld. Es verlangt, die Mutter Erde auf einem niedrigen Preisniveau wettbewerbsfähig zu machen. Diese Landwirtschaft ist krank. Sie zerstört Ökosysteme und tötet.

SZ: Für die Star-Köche mit ihren teuren Menüs haben Sie wohl nicht viel übrig?

Petrini: Es gibt keine Hierarchien in der Weltgastronomie. Ich will nichts wissen von der Sterne-Gastronomie und von dieser Pornografie des Essens, die weltweit das Fernsehen überflutet. Wenn Sie um Mitternacht in Afrika den Fernseher einschalten, hantiert da auch jemand am Herd und deliriert.

SZ: Ist das nicht der Widerspruch: Wir sind besessen vom Essen und kaufen Discount-Milch und Billigfleisch?

Petrini: Ja, aber wir können das korrigieren. Die Menschen müssen sich ihr altes Wissen der bäuerlichen Gesellschaft wieder aneignen. Es ist verantwortungslos, Tomaten aus Süditalien zu kaufen, die von Afrikanern für drei Euro am Tag geerntet wurden. Oder eine Bio-Birne aus Argentinien, die Kontinente überquert hat.

SZ: Wie kriegen wir denn unsere Milch zurück?

Petrini: Ganz einfach, wir lassen die Bauern Viollmilch herstellen, möglichst von Gras fressenden Kühen. Und wir verkaufen sie auf lokaler Ebene zu einem fairen Preis. Wir müssen die lokalen Wirtschaftsgemeinschaften fördern. Aber aufgepasst: Ich bin nicht gegen die Industrie oder gegen die globalisierte Wirtschaft.

1129: Regensburger Domspatzen: „System der Angst“

Freitag, Januar 8th, 2016

Bei den Regensburger Domspatzen sind seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs 231 Kinder von Priestern und Lehrern des Bistums Regensburg verprügelt und etliche Kinder darüberhinaus sexuell missbraucht worden. Das hat der mit der Klärung der Missbrauchsfälle beauftragte Rechtsanwalt Ulrich Weber mitgeteilt. Damit ist die Zahl der Missbrauchten wesentlich höher als vom Bistum selbst bisher erhoben (Andreas Glas, SZ 8.1.16).

Es hat ein regelrechtes „System der Angst“ geherrscht. Von den bis zum Anfang der neunziger Jahre 2.400 Domspatzen ist jeder Dritte zum Gewaltopfer geworden. Auch nach 1992 hat es noch „vereinzelte Anschuldigungen gegeben, denen aber noch nachgegangen werden muss“. Zu den Verantwortlichen zählte auch Georg Ratzinger, der Bruder von Papst Benedikt XVI, der von 1964 bis 1994 Domkapellmeister war.

Die ersten Missbrauchsfälle waren im Jahr 2010 bekannt geworden. Der damalige Bischof Gerhard Ludwig Müller sprach von „Einzelfällen“ und stellte die Kirche als Opfer einer Medienkampagne dar. Müller ist gegenwärtig als Kurienkardinal Präfekt der Glaubenskongregation. Bei ihm hatte es kürzlich im Vatikan eine Razzia wegen finanzieller Unregelmäßigkeiten gegeben (vgl. hier Nr. 1108 am 11.12.15). Drei frühere Regensburger Domspatzen hatten vor einem Jahr in einer ARD-Dokumentation von einem „Missbrauchssystem“ gesprochen

1128: Hitlers „Mein Kampf“ (kritische Ausgabe) sollte erscheinen.

Donnerstag, Januar 7th, 2016

Am 8. Januar 2016 erscheint die vom „Institut für Zeitgeschichte“ (IfZ) (München/Berlin) herausgegebene „Kritische Ausgabe“ von Adolf Hitlers

„Mein Kampf“. Zwei Bände. München (Eigenverlag), 2.000 S., 59 Euro.

Hitler hatte diese Hetzschrift in der Festungshaft in Landsberg am Lech verfasst. Sie erschien 1925/26 und diente zur Rechtfertigung der faschistischen Herrschaft in Deutschland 1933 bis 1945, zur Verherrlichung des Rassismus und des Massenmords, auch wenn die Durchführung des Holocaust nicht in allen Details vorgezeichnet wurde (Jens Bisky, Johann Osel, SZ 28.12.15).

Dass sich gegen die Edition von 2016 Widerspruch erhebt, ist sehr verständlich und sollte in jedem Fall ernst genommen werden (z.B. Jeremy Adler, SZ 7.1.16). Und doch ist er in diesem Fall verfehlt. Er stellt im Wesentlichen ab darauf, dass Hitlers Werk das abgrundtief Böse anstrebt und es verkörpert. Darum geht es der „kritischen Ausgabe“ auch. Aber in erster Linie soll sie durch Kommentierung, Einordnung und Richtigstellung einen „richtigen“ Umgang mit Hitlers Text ermöglichen. Sie soll in der Schule eingesetzt werden können. Die konkreten Herausgeber sind vier Historiker. Sie haben sich der Hilfe von Kollegen aus den folgenden Fächern bedient: Germanistik, Biologie, Japanologie, Judaistik, Kunstgeschichte, Pädagogik, Wirtschaftsgeschichte.

Zur Beruhigung der Gemüter machen wir uns klar: Auch bisher schon war zu wissenschaftlichen Zwecken seit 1945, als das Urheberrecht dem Freistataat Bayern übertragen worden war, eine Ausgabe von Hitlers Hetzschrift zu bekommen. Ich habe sie so erhalten. Und im Internet ist der Text vielfach einzusehen, was anscheinend vor allem Nazis und Neonazis nutzen. Ganz untergegangen war die Hetzschrift also nie.

Und ein zentrales Argument vor allem dürfen wir nicht übersehen: die Lektüre von Hitlers Schrift ermöglicht es uns, Gleichheiten bzw. Ähnlichkeiten mit zeitgenössischen „Argumenten“, etwa in der Flüchtlings-Debatte, zu identifizieren. Dann erkennen wir, wes Geistes Kind diejenigen sind, die sie verwenden.

Oder wollen wir das gar nicht?

1127: Sportmedizin Freiburg: Neuer Forschungsskandal

Donnerstag, Januar 7th, 2016

Bei der schon weithin gebeutelten Freiburger Sportmedizin (Albert-Ludwigs-Universität) ist ein neuer Forschungsskandal bekannt geworden. Bei weiteren Dissertationen, Habilitationen und Fachpublikationen gibt es „erhebliche wissenschaftliche Mängel“. Die Vorsitzende der Evaluierungskommission Letizia Paoli (Belgien) konstatiert: „Dies ist eine neue Dimension wissenschaftlichen Fehlverhaltens mit möglicherweise gravierenden Folgen für das Fach Sportmedizin und den gesamten betroffenen Wissenschaftsbetrieb.“

„Hochkarätig publizierte Arbeiten“ sollen auf Fälschungen von Daten und Selbstplagiaten beruhen, Originaldaten aus den ursprünglichen Arbeiten seien weggelassen worden, wissenschaftliche Arbeiten „mit geringfügigen Änderungen ohne entsprechenden Hinweis mehrfach in unterschiedlichen Fachzeitschriften publiziert“ worden (SZ 7.1.16).

1126: „Was ist deutsch?“ bei Martin Mosebach

Dienstag, Januar 5th, 2016

Mein Buch „Deutsche Diskurse“ (2009) habe ich mit einem Kapitel über „die alte und immer wieder neue Frage: Was ist deutsch?“ begonnen. Da ging es u.a. um Friedrich Hölderlin (1770-1834), Friedrich Nietzsche (1844-1900) und Julien Benda (1867-1956) und sollte den Rahmen für die 20 deutschen Diskurse nach 1945 darstellen, die ich dann untersucht hatte. Heute habe ich wieder gesehen, dass es nicht gut für einen selbst ist, wenn man sich mit wahrhaft Großen vergleicht. Es geht um den katholischen Schriftsteller Martin Mosebach (geb. 1951), der sich heute (5./6.1.16) in der SZ mit der Frage „Was ist deutsch?“ beschäftigt und mit dem ich ansonsten vermutlich nur in wenigen politischen Analysen übereinstimme.

Was er über das Deutsch-Sein schreibt, trifft mich ins Herz.

„Die großen deutschen Schriftsteller haben Deutschland nicht geliebt, Klage, Abscheu und Verdruss reihen sich auf den Seiten jener Autoren, deren Art und Weise deutsch zu schreiben die geistige Existenz ihres Volkes ausmacht. Hölderlin fand in Deutschland ‚Handwerker, Kaufleute‘, aber ‚keine Menschen‘. Das ist natürlich etwas pauschal, aber dem französischstämmigen Theodor Fontane wird man kaum widersprechen können: ‚die slawisch-germanische Misch-Race‘ sei zu vielem befähigt, nur nicht zu ‚Form und Geschmack‘.

Rudolf Borchardt, ein begnadeter Verflucher, schrieb, ‚das deutsche Volk en masse‘ habe ‚die europäische Kultur, die ihm importiert worden‘ sei, ’nie wirklich recipiert und sich vielmehr immer in stummer Auflehnung gegen sie‘ befunden.

Sehr spät ist in Deutschland der Nationalismus erwacht – Arthur Schopenhauer meint noch, die Deutschen seien das einzige Volk Europas, das an dieser Dummheit keinen Anteil habe; das gehört vielleicht zu den Gründen, warum er in Deutschland so besonders peinlich ausfiel und warum er dann wieder so gründlich verschwand – in der Geschichte des Volkes hatte er keine tiefen Wurzeln. Aber eines fällt auf: Wenn man im Ausland auf Germanophile trifft – in England, Frankreich, Russland – , dann gehören sie stets zur Elite ihres Volkes. Um Deutschland lieben zu können, muss man etwas leisten.

Was gut ist in Deutschland: säuerliches Roggenbrot mit einer krachend harten schwarzen Kruste. Firn gewordener Riesling vom Rheingau oder der Mosel. Helles bayerisches Bier, das nach beinahe nichts schmeckt. Aber sollte ich Deutschland verlassen müssen, wäre es nur der Firnwein, der mir fehlen würde – dieser Geschmack ist unersetzlich. Drei Stilrichtungen der Literatur hat Deutschland hervorgebracht: deutsch ist der Märchenton, die sanfte, schlanke Einfalt mit ihrer rätselhaften Lakonie der Brüder Grimm und des Johann Peter Hebel, von Robert Walser, Franz Kafka, Bertolt Brecht und des W.G. Sebald. Deutsch sind die verschlungenen Manierismen und Dunkelheiten des Georg Friedrich Hamann und des Jean Paul.

Das deutsche Laster aber ist der Expressionismus – bei Martin Luther beginnend, im Sturm und Drang die neue Zeit erreichend, in den Zwanzigerjahren des 20. Jahrhundert nicht endend: Wahrheitsaufdringlichkeit, Gefühlsprahlerei, Rotz und Wasser, Schmalz und Schleim. Weil das beste, was wir haben, bestimmte Gedichte sind, und nicht wie bei Engländern, Franzosen und Russen Dramen und Romane, weil unser Bestes unübersetzbar ist, darf man dankbar sein, wenn man in die deutsche Sprache hineingeboren wurde – wer das nicht ist, dem entgeht etwas.

Kommunismus und Nationalsozialismus, Auto und Telefon, Penicillin und Computer, Fernsehen und Atombombe, industrielles Bauen und Autobahn, und schließlich sogar der industrielle Massenmord sind ohne federführende deutsche Mitwirkung nicht zu denken. In Europa ist Deutschland das Land, das die Verbindung zu seiner Vergangenheit am vollständigsten gekappt hat. Es ist das modernste aller europäischen Länder. Der Fortschritt ist deutsch. Wer sich dem Rhythmus des Fortschritts nicht beugen will, der ist hier fehl am Platz.“

Dann spricht Mosebach noch von der größten Glocke im Frankfurter Kaiserdom, der „Gloriosa“. „Dieser tiefe Glockenton bringt den Zorn über die weitgehende Verhunzung meiner Geburtsstadt jedesmal für eine Weile zum Schweigen. Wenn ich mich eindringlich prüfe, womit ich ein Gefühl von Heimat verbinde, dann gelange ich schließlich zum Geläut der ‚Gloriosa‘.“

1125: Schertz: Die gnadenlose Gesellschaft

Montag, Januar 4th, 2016

Christian Schertz, 49, ist einer der renommiertesten Medienrechtler der Bundesrepublik und vertritt häufig „Prominente“ vor Gericht. Stephan Lebert hat ihn für die „Zeit“ (3.12.15) interviewt.

Zeit: Der Wettermoderator

Jörg Kachelmann

durchlitt eine monatelange Dauerberichterstattung über die von ihm angeblich begangene Vergewaltigung – bis er freigesprochen wurde. Jetzt hat er von „Bild“ ein Schmerzensgeld von rund 635 000 Euro erstritten, angeblich das höchste aller Zeiten. Ist das in ihren Augen gerecht?

Schertz: Was heißt gerecht? Die Summe – auch wenn ein Schmerzensgeld unbekannter Höhe vom Burda Verlag noch dazukommt – wird nie aufwiegen, was an Vernichtung stattgefunden hat. Natürlich ist das Schmerzensgeld richtig, da hat der Kollege Ralf Höcker einen guten Job gemacht. Aber Kachelmann bleibt stigmatisiert, er ist ein besonders erschreckendes Beispiel dafür, was Medien bei einem anrichten können, der im Ergebnis als unschuldig zu gelten hat. Wir leben in einer

gnadenlosen Gesellschaft,

es gibt einen regelrechten Vernichtungswillen. Auf Leute, die einen Fehler oder auch nur vermeintlich einen Fehler gemacht haben, wird so lange eingetreten, bis sie nicht mehr aufstehen können. Ich finde die Entwicklung verheerend. Straftäter können resozialisiert werden, Medienopfer oftmals nicht.

Zeit: Ist das schlimmer geworden?

Schertz: Eindeutig, das hat auch mit dem rein wirtschaftlichen Ziel hoher Klickzahlen zu tun. Wir haben das im grotesken Ausmaß bei

Christian Wulff

erlebt, der die Nerven hatte, einen absurden Prozess bis zum Freispruch durchzustehen. Oder bei

Alice Schwarzer.

Ja, da gibt es ein Steuerverfahren, das muss aufgeklärt werden. Aber muss deswegen die ganze Reputation einer Frau mit solch einem Lebenswerk infrage gestellt werden? …

1124: Özdemir und Beck gegen die Anerkennung der Islamverbände

Montag, Januar 4th, 2016

Etwa vier Millionen Muslime leben in Deutschland. Die meisten unauffällig und gut angepasst. Einen Teil dieser Menschen vertreten die Islamverbände

Zentralrat der Muslime,

Islamrat,

Verband der islamischen Kulturzentren und

Ditib,

wobei letzterer dem Religionsministerium der Türkei untersteht. Die Islamverbände sind nicht als Relgionsgemeinschaften anerkannt und kämpfen seit Jahren um die Gleichstellung mit Christen und Juden.

Die Grünen-Politiker Cem Özdemir und Volker Beck haben sich dagegen ausgesprochen. Für sie sind die Verbände eher migrantische Organisationen als Glaubensgemeinschaften (taz 19./20.12.15).

1123: Die Fremdenfeindlichkeit in Osteuropa

Montag, Januar 4th, 2016

Wir versuchen zu verstehen, warum in Osteuropa (und Ostmitteleuropa) die Fremdenfeindlichkeit so stark ist, obwohl dort nur wenig Ausländer leben. Gemeint sind die Staaten

Estland, Lettland, Litauen, Polen, Tschechien, Slowakei, Ungarn, Rumänien, Bulgarien (alle EU-Mitglieder).

1. Die Staaten sind „verspätete Nationen“, weil sie zur Zeit der Aufklärung erst im Werden waren.

2. Es fehlt an politischer Bildung, wo früher kommunistische Propaganda herrschte.

3. Der Wert der Menschenrechte muss erst erkannt werden.

4. Das Böse wird auf den „imperialistischen Westen“ projiziert.

6. Der dort verbreitete Antisemitismus wird als Antikapitalismus, Antiimperialismus, Antiamerikanismus, Antizionismus getarnt.

7. Der Vorkriegs-Antisemitismus wird auf das „imperialistische“ Israel projiziert.

8. Viele Menschen empfinden sich als Opfer der Wende vom Kommunismus zur Freiheit um 1990.

9. Der Untergang der „Nation“ wird befürchtet.

10. Universalismus und Individualismus, die im Westen hochgeschätzt werden, sind dort Angstbegriffe.

Die politische Kultur in den folgenden Staaten ist ähnlich strukturiert: Slowenien, Kroatien, Serbien, Bosnien-Herzegowina, Montenegro, Mazedonien, Albanien.

 

1122: Sind Linke für Verschleierung ?

Sonntag, Januar 3rd, 2016

Julia Klöckner will für die CDU die Landtagswahlen in Rheinland-Pfalz gewinnen. Ralph Bollmann hat sie für die FAS (3.1.16) interviewt.

Klöckner: … Jetzt verteidigen aber ausgerechnet Leute, die für eine gendergerechte Sprache eintreten, die Vollverschleierung von Frauen als Ausdruck kultureller Vielfalt. Wo bleiben in dieser Debatte die linken Vorkämpferinnen der Frauenrechte?

FAS: Sie verlangen mehr Genderpolitik?

Klöckner: Ich verlange Logik, frei von Ideologie. Wie kann man sich für Frauenquote und gleiche Bezahlung einsetzen – aber ein Auge zudrücken, wenn Frauen auf unserem Boden unterdrückt werden, begründet durch die Kultur? Das ist keine Toleranz, sondern Ignoranz.

Es muss von Anfang an klar sein, dass wir bestimmte Dinge nicht durchgehen lassen. Wenn ein Vater nicht mit einer Lehrerin spricht, weil sie eine Frau ist, sollten wir nicht den Weg des geringsten Widerstands gehen und einen männlichen Kollegen schicken.