Archive for the ‘Gesellschaft’ Category

1142: Bei Fracking: Erdbeben

Samstag, Januar 23rd, 2016

Beim Fracking wird Flüssigkeit unter hohem Druck in tiefe Erdschichten gepumpt, um dort gelagertes Erdgas oder – öl zu fördern. In den USA wird das so intensiv betrieben, dass die unterirdischen Druckveränderungen auch Erdbeben auslösen. Bedeutender als die eingesetzte Frack-Flüssigkeit ist dort die Entsorgung anfallenden Abwassers. Bei den Bohrungen kommen Millionen Kubikmeter belastetetes Wasser aus dem Untergrund zu Tage. Um Geld zu sparen, pumpen die US-Firmen dieses Abwasser in tiefe Erdschichten, statt es in die ursprüngliche Lagerstätte zurückzuführen.

Der Geologe Georg Meiners ist Fracking-Gutachter für das Umweltbundesamt und für das nordrhein-westfälische Umweltministerium. Er hält Erdbeben auf Grund von Fracking auch in Deutschland für möglich. „Weil jedoch die eingesetzten Mengen an Frack-Flüssigkeit und Abwasser hier viel kleiner sind, würden diese in geringerer Intensität erwartet. Ob ein Erdbeben ausgelöst wird, hängt davon ab, um wieviel Flüssigkeit es sich handelt, wie tief unten sie eingepresst wird und wie stark die natürliche Spannung im Gestein ist. Ist sie stark, erhöht die injizierte Flüssigkeit den Druck und wirkt wie ein Schmiermittel.“ (taz 14.1.16)

1141: Pressecodex – hinderlich ?

Mittwoch, Januar 20th, 2016

Der Deutsche Presserat, ein freiwilliger Zusammenschluss der Verleger- und Journalistenverbände wird 2016 sechzig Jahre alt. Seit 1973 hat er einen Pressecodex, nach dem das Verhalten der Medien beurteilt werden kann. Auf eine Beschwerde hin. Meine Ausgabe des Pressecodex aus dem Jahr 2000 umfasst (einschließlich der Beschwerdeordnung) 32 Seiten. Der Deutsche Presserat hat als Organ der Selbstkontrolle große Verdienste. Ihm ist es zu danken, dass es in der deutschen Presse nicht zu schlimmeren Verfehlungen gekommen ist, als tatsächlich begangen wurden. Meistens war es die „Bild“-Zeitung, die mit den meisten Rügen des Presserats bedacht wurde. Die Instrumente des Presserats sind

– der Hinweis,

– die Missbilligung und

– die Rüge.

Die Rüge muss, die Missbilligung soll in einer der nächsten Ausgaben veröffentlicht werden. Das ist publizistische Ehrenpflicht. In den letzten Jahrzehnten hat sich anscheinend auch die Polizei nach den Regeln des Pressecodex gerichtet.

Nun ist der Deutsche Presserat selbst zum Ziel von Vorwürfen geworden. Wegen der Richtlinie 12,1: „In der Berichterstattung über Straftaten wird die Zugehörigkeit der Verdächtigen oder Täter zu religiösen, ethnischen oder anderen Minderheiten nur dann erwähnt, wenn für das Verständnis des berichteten Vorgangs ein begründbarer Sachbezug steht.“ Und: „Besonders ist zu beachten, dass die Erwähnung Vorurteile gegenüber Minderheiten schüren könnte.“ So ist es wohl dazu gekommen, dass die Medien in fast allen Fällen die Zugehörigkeit zu einer Minderheit oder ein Herkunftsland verschweigen, obwohl das nicht zwingend vorgeschrieben ist.

Das kann wie im Fall der Vorgänge auf der Kölner Domplatte in der Silvesternacht dazu führen, dass die Presse ihre Berichterstattungsfunktion nicht voll wahrnimmt. Ein schlimmer Fehler. Denn die Öffentlichkeit hat ein Recht darauf, alle für ein Geschehnis relevanten Sachverhaltsmerkmale zu erfahren. Inzwischen hat der Geschäftsführer des Deutschen Presserats, Lutz Tillmanns. erklärt: „Wenn Polizei und Opfer den begründeten Eindruck haben, dass die Täter aus Nordafrika stammen, ist das ein Detail, das Medien nicht verschweigen dürfen.“ (Heribert Prantl, SZ 19.1.16)

Sonst würden sie sich dem Vorwurf, „Lügenpresse“ zu sein, zu Recht aussetzen.

1140: Humboldt-Forum – ein Symbol der Unterwerfung ?

Dienstag, Januar 19th, 2016

Der Kameruner Bonaventure Ndikung, 39, leitet den Kunstraum SAVVY Contemporary in Berlin. Werner Bloch hat ihn für „Die Zeit“ (7.1.16) zum Humboldt-Forum befragt.

Zeit: Herr Ndikung, was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie das Humboldt-Forum sehen?

Ndikung: Da tauchen viele Fragen auf. Was bedeutet es, mitten in Berlin ein Schloss zu bauen? Welches Signal geht davon aus, wenn man es nach Humboldt benennt? Bei allem Respekt vor Humboldt – er war doch unmittelbarer Teil des kolonialen Systems. Alexander von Humboldt hat als Geograf, Philosoph, Botaniker und vor allem als „Entdecker“ und „Erforscher“ eine wichtige Rolle bei der Ausbreitung westlicher Denkweisen in der ganzen Welt gespielt – vor allem in Lateinamerika – und dabei die dortigen Denkweisen fast völlig zerstört. Was passiert soziologisch, geschichtlich und psychologisch mit Menschen, wenn deren Flüsse, Berge, Tiere, Pflanzen nach Humboldt benannt und damit gleichsam enteignet werden? Und was mir auch durch den Kopf geht: was es eigentlich bedeutet, Objekte aus nicht westlichen Kulturen ins Humboldt-Forum zu holen, Objekte, von denen man oft nicht weiß, wie sie eigentlich dort hingelangt sind.

Zeit: Bedeutet der Umzug ins Berliner Schloss nicht vor allem Wertschätzung?

Ndikung: Eigentlich ist so etwas eher eine Unterwerfung. Die Deutschen bauen sich ein Museum, um darin Objekte aus dem „Nichtwesten“ zu zeigen. Dieses Museum liegt am Schlossplatz, nicht fern von der Alten Nationalgalerie, die ausschließlich Objekte des „Westens“ beherbergt. Da inszeniert man wieder den alten Gegensatz von „wir“ und „die“. Solange wir das tun, werden wir nie in der Lage sein, Ereignisse wie etwa in Beirut, Paris oder Bamako zu verstehen. Es gibt keine „wir“ und kein „die“, weder politisch noch kulturell.

1139: Olympische Spiele 2020 durch Korruption nach Tokio

Sonntag, Januar 17th, 2016

Der internationale Hochleistungssport liegt moralisch vollständig am Boden. Nun hat sich herausgestellt, dass die Olympischen Spiele 2020 nach Tokio vergeben wurden, weil die Türkei sich geweigert hatte, vier bis fünf Millionen Dollar an den IAAF-Präsidenten Lamine Diack zu zahlen.

Japan zahlte.

Mittlerweile ist erwiesen, dass es systematisches staatliches Doping (Blutwerte) in Russland gab und dass IAAF-Präsident Lamine Diack diese Erkenntnisse gegen hohe Bestechungsprämien unterdrückt hatte. Nur deswegen konnten die Olympischen Spiele in London 2012 und die Leichtathletik-WM in Moskau 2013 überhaupt mit russischer Beteiligung stattfinden. Insbesondere die Leichtathletik (IAAF), die olympische Kernsportart, ist vollkommen auf den Hund gekommen. Weiter als die hochkorrupten Fußballverbände FIFA und UEFA. Deren Ex-Präsidenten Joseph Blatter und Michel Platini lebenslänglich gesperrt sind.

Der gegenwärtige IAAF-Präsident Sebastian Coe war seit 2003 Mitglied im IAAF-Council. Er ist infolgedessen ungeeignet, die internationale Leichtathletik aus dem Sumpf zu führen. Zumal er als gut dotierter NIKE-Botschafter die Vergabe der Leichtathletik-WM 2021 an den NIKE-Stammsitz Eugene (USA) ohne Abstimmung bewerkstelligt hatte (Thomas Kistner, SZ 15.1.16, 16./17.1.16, Johannes Knuth, SZ 15.1.16).

Der Leiter der unabhängigen Welt-Anti-Doping-Agentur WADA, Richard Pound (Kanada), dessen Bericht die genannten Tatbestände ans Tageslicht gebracht hatte, hat trotzdem Coe als denjenigen bezeichnet, der die Leichtathletik am besten aus der Krise führen könne. Das ist unverständlich und absurd. Unmöglich. Vetternwirtschaft.

Und das IOC unter seinem deutschen Präsidenten Thomas Bach? Hält sich vornehm heraus, obwohl es in alle geschilderten Vorgänge verwickelt war. Toll! Und der DOSB?

1138: Alice Schwarzer und der Islam

Samstag, Januar 16th, 2016

Die „Emma“-Herausgeberin Alice Schwarzer bevorzugt bei der Analyse des Islam Klartext. Ulf Poschardt hat sie für „Die Welt“ (16.1.16) interviewt.

Welt: Was ist ihr intellektueller Zugang zum Frauenbild im Islam?

Schwarzer: Ich habe seit 36 Jahren sehr konkrete und vielfältige Kontakte zu Frauen im islamischen Kulturkreis, sowohl in Nahost wie in Nordafrika. Schon 1979 war ich ein paar Wochen nach der Machtergreifung von Khomeini mit einer Gruppe französischer Intellektueller auf den Hilferuf von Iranerinnen hin in Teheran. Und da war mir schon klar, was sich da entwickelte.

Man weiß inzwischen auch gar nicht mehr, was man überhaupt noch sagen darf. Es wechselt ja jeden Tag die politische Korrektheit. Das soll uns am freien Denken hindern. Form statt Inhalt. Da geht es nicht um die Menschen, sondern um Ideologie.

Welt: Wie sollte man Menschen behandeln?

Schwarzer: Nicht ideologisch, sondern menschlich. Man sollte ihnen sagen: Ihr habt die gleichen Rechte – aber auch die gleichen Pflichten! Nach den Ereignissen in Köln habe ich bei einer der sogenannten jungen Feministinnen gelesen, auch „weiße Bio-Deutsche vergewaltigen“. Da kann ich nur sagen: Richtig, das sagen wir feministischen Pionierinnen seit 40 Jahren! Doch jetzt müssen wir weiterdenken, denn die Ereignisse in Köln und an anderen Orten hatten über die uns bisher bekannte sexuelle Gewalt hinaus eine neue Qualität, eine ganz andere Dimension.

Welt: „Emma“ analysiert die sexuelle Gewalt gegen Frauen mit kulturellen Hintergründen schon länger.

Schwarzer: Bereits vor 20 Jahren hat ein Kölner Polizist zu mir gesagt: Frau Schwarzer, 70 bis 80 Prozent aller Vergewaltigungen in Köln gehen auf das Konto von Türken. Ich war entsetzt und habe geantwortet: Das müssen Sie unbedingt öffentlich machen! Denn auch ein Türke wird ja nicht als Vergewaltiger geboren. Das hat ja Gründe. Was ist los bei denen? Was können wir tun? Doch es kam die klare Ansage: „No way, das ist politisch nicht opportun.“ Und genau diese Art von politischer Correctness verschleiert die Verhältnisse. Reaktionärer geht es nicht.

Welt: Spielt diese Einstellung nicht jenen in die Hände, die den Medien nicht mehr glauben?

Schwarzer: Ja, leider. Ich persönlich bin seit Langem davon überzeugt, dass die Erstarkung der Rechtspopulisten in Westeuropa nicht möglich gewesen wäre, wenn die Parteien nicht durch die Bank seit Jahren und Jahrzehnten die Politisierung des Islams völlig ignoriert oder verharmlost hätten. Und die Medien haben mitgespielt. … Ab und zu sah man früher auch mal eine ältere oder junge Frau vom Land mit Kopftuch. Aber nicht mit dem islamistischen Kopftuch. Das gibt es bei uns erst seit Mitte der 80er Jahre. Dieses Kopftuch, das jedes Haar abdeckt und auch den Körper verhüllt, weil eben die Frau an sich Sünde ist. … Übrigens: Aus einer großen Studie des Innenministeriums wissen wir: 70 Prozent der Musliminnen in Deutschland haben noch nie ein Kopftuch getragen. Selbst von denen, die sich selber als streng religiös definieren, hat jede zweite noch nie ein Kopftuch getragen. Das Kopftuch hat also nichts mit Glauben zu tun. Es ist ein politisches Signal. … Ich bin viel dafür angegriffen worden, dass ich für ein Kopftuchverbot im öffentlichen Dienst und in der Schule bin. Das scheint mir aber eine Selbstverständlichkeit. So wie in Frankreich. Und in einer weltlichen Schule hat das Kopftuch schon gar nichts zu suchen. Aber darüber hinaus bin ich natürlich nicht für ein Verbot, sondern für das Gespräch mit den Kopftuchträgerinnen. … Seite an Seite mit der grünen Multikulti-Szene sind ja vor allem die linksliberalen Medien pro Kopftuch. Sie halten das für eine individuelle oder gar religiöse Neigung – und durchschauen nicht die politische Struktur dahinter. …

Welt: Kommen wir zu einem anderen Punkt, der Flüchtlingskrise. Wie nehmen Sie die Flüchtlingspolitik der Bundeskanzlerin wahr?

Schwarzer: Angela Merkel hat grundsätzlich menschlich recht. Sie kann auch keine Obergrenze nennen. Aber konkret müssen wir schon sehr genau hinschauen. Wir können und dürfen nicht alle nehmen. …

Welt: Ist das Kind nicht schon zu tief in den Brunnen gefallen?

Schwarzer: Irgendwann muss man ja anfangen, es richtig zu machen. Wir müssen reingehen in die Communitys, in diese Milieus, wir müssen den Müttern sagen: „Kommt heraus aus dem Haus und lernt Deutsch!“ …

Welt: Auch bei der Toleranz gegenüber anderen Religionen gibt es Probleme.

Schwarzer: Ja, der flagrante Antisemitismus der arabischen Welt wird ausgerechnet in Deutschland nicht benannt. Das hat Tradition. Gerade die Linke pflegt unter dem Vorwand der – ja durchaus berechtigten – Kritik an Israel schon lange einen schamlosen Antisemitismus.

Welt: Kommen wir noch mal zurück auf die Silvesternacht in Köln …

Schwarzer: Gerne. Denn da stelle ich mir eine Menge Fragen. Zum Beispiel die: Könnte es sein, dass im Kern dieser sexuellen Gewalt eine kleine Gruppe von Provokateuren agiert hat, die gezielt zur Destabilisierung der Willkommenskultur in Deutschland gehandelt hat?

Welt: Meinen Sie wirklich?

Schwarzer: Es liegt nahe. Wenn Sie die Schriften der Islamisten und des IS lesen, ist deren Besessenheit Nummer eins die Emanzipation der Frau. Das ist die große Obsession.

Welt: Also Teil einer Kriegsstrategie?

Schwarzer: Ja. Und nicht zufällig in den Ländern, die die offensten waren. In denen die Emanzipation der Frauen am weitesten fortgeschritten ist: Deutschland, Dänemark, Schweden. Und dann kommt da noch ein demografisches Problem auf uns zu: Wir wissen seit Langem, dass ein starker Überhang an jungen, noch nicht gebundenen Männern zwischen 18 und 30 sehr heikel werden kann. Das kann sogar kriegsauslösend sein. …

1137: Was Frauen Silvester passiert ist.

Samstag, Januar 16th, 2016

Die „Süddeutsche Zeitung“ (SZ) hat ihre Reporter Kristiana Ludwig und Max Hägler losgeschickt, damit sie feststellen, was die Opfer der Übergriffe in der Silvesternacht wirklich erlebt haben (15.1.16). Die Reporter waren unterwegs in Köln, Stuttgart, Remscheid, Gummersbach und anderswo. Die Betreffenden sind von der SZ vollständig anonymisiert worden. Drei Beispiele.

1. Dana wacht noch immer von den Bildern der Männer auf, die sie eingekesselt hatten. Sie haben schlechte Zähne. Sie schlagen ihr auf die Hüfte, reißen an ihren Armen, greifen an den Busen, zwischen ihre Beine. Dana kommt aus Remscheid, wollte sich High Heels in Köln kaufen. Fährt dort hin mit ihrer Freundin. Am Hauptbahnhof zischen Raketen. Auch in die Menge. Männer laufen den Mädchen nach, langen nach ihren Brüsten, wollen Küsse. Es sind sehr, sehr viele Männer. Sie umzingeln die Mädchen. Einer macht ihre Hose auf. So geht das zehn Minuten bis eine Viertelstunde etwa. Die Frauen wenden sich an einen Polizisten. Der fragt: „Kannst du die Täter identifizieren?“ Und unternimmt sonst nichts. Auch eine Polizistin, die gerade sonst nichts zu tun hat, hilft nicht. Dana und ihre Freundin sagen: „Die haben uns nicht geholfen.“ Und: „Die lügen rum.“

2. Jasmin, 17, in Gummersbach bemüht sich um Coolness. Sie will in ihrer Klasse nicht als Opfer dastehen. An ihrem Hals hat sich ein rosa Fleck gebildet. „Mir wurde nur mein Handy geklaut.“ Jasmin hat um ein Uhr nachts mit vier Freundinnen die Domplatte in Köln betreten. Sie werden wie auf Kommando von sehr vielen Männern umringt. Sie stecken mitten drin. Hände kommen von allen Seiten. Natürlich kann Jasmin hinterher keine Täter identifizieren. In den Augen mancher Freundin flackert Panik. Eine liegt am Boden. Einige weinen. Eine Freundin stützt die zweite, eine dritte läuft davon, pendelt dabei von links nach rechts. Männer äffen die weinenden Mädchen nach. Rufe sind zu hören „Schlampe!“, „Du blöde Fotze!“ Die Männer wechseln sich ab, tauschen ständig die Plätze. Betrunken sind sie nicht. „Die wussten, was sie taten.“

3. In Stuttgart war Deborah mit ihrer Freundin um Mitternacht auf dem Schlossplatz. Massen von mit dem Handy filmenden Männern. Die Mädchen werden verfolgt. Ein Mann hebt Deborah hoch. Sie sagt: „Es gilt ja Fight or Flight, aber Fliehen war da nicht.“ Die umstehenden Männer weiden sich an der Angst der Frauen.  Keiner von ihnen spricht deutsch. Einer ruft „Jalla, jalla!“ (Schnell, schnell!). Deborah: „Es war so entwürdigend.“ Die Frauen versuchen, sich durch Schreien zu entlasten und zu befreien. Sie werden von vielen begrapscht.

1136: Nach Köln – die Strukturen

Mittwoch, Januar 13th, 2016

Nach der Gewaltkriminalität in der Silvesternacht in Köln sind in den öffentlichen Diskursen fast alle Dämme gebrochen. Es herrscht Unübersichtlichkeit. Da sollten wir uns bemühen, den Überblick zu behalten und die Struktur der Konflikte zu beschreiben.

1. Es hilft nicht mehr viel, darauf hinzuweisen, dass der Anteil der in Deutschland lebenden Muslime und der Anteil der Migranten an der polizeilichen Kriminalstatistik unterproportional ist.

2. Die Vorgänge in Köln werden weithin verharmlost.

3. Der Übergang vom Taschendiebstahl und Eigentumsdelikten zu massenhaften sexuellen Übergriffen (arabisch: „taharrusch dschamai“) kann fließend sein.

4. Es gibt Rückzugsräume für Taschendiebe, Straßenräuber und Einbrecher in bestimmten Stadtvierteln, etwa dem Maghreb-Viertel am Düsseldorfer Hauptbahnhof.

5. In der Silvesternacht in Köln geraubte Handys sind in Flüchtlingsheimen in NRW gefunden worden (BED, KJAN, KLU, SZ 13.1.16).

6. Haupt-Problemgruppen sind in der Regel alleinreisende Männer.

Für die Massenkriminalität wie an Silvester in Köln gelten spezifische Faktoren wie

7. einen Termin, hier: Silvester,

8. Lärm, damit Hilferufe nicht gehört werden können,

9. Alkoholkonsum, der die Gewalt beflügelt,

10. Raum zum schnellen Körperkontakt wie in Bahnhöfen, Stadien, Kaufhäusern etc.,

11. die Menge der Menschen, die zur kritischen Masse wird, wenn die Polizeikräfte zu gering sind,

12. Diffusion von Verantwortung,

13. Täter, die in der eigenen Gruppe Anerkennung bekommen und bei anderen Angst verbreiten (Machtgefühl),

14. die Beteiligung von Männern aus frauenverachtenden Kulturen und Religionen,

15. indifferente „Bystander“, die sich am Geschehen „aufgeilen“, aber keine Verantwortung empfinden,

16. starke Parolen, die in der Regel von denen verbreitet werden, die sich schwach fühlen,

17. Verabredungen zu solchen Taten im Netz,

18. die Tatsache, dass es nichts hilft, die Herkunft von Tätern zu verschweigen, was nur dazu führt, dass ganze Gruppen wie Migranten oder Muslime verunglimpft werden (Wilhelm Heitmeyer, SZ 13.1.16),

19. Erscheinungen wie die, dass „konservative Christen“ nunmehr Miniröcke verteidigen und männliche Homosexuelle, die sich öffentlich küssen. Das dürfen sie natürlich. Oder haben Menschen, die keine „konservativen Christen“ sind, das Monopol darauf (Matthias Drobinski, SZ 13.1.16)?

20. Mir kommt zu wenig für reale Integration von den Islam-Verbänden.

 

 

1135: Köln: Vor allem Marokkaner fallen auf.

Dienstag, Januar 12th, 2016

1. a) Unter den bisher 19 Tatverdächtigen der Kölner Silvesternacht befinden sich keine deutschen Staatsbürger. 9 Verdächtige halten sich illegal in Deutschland auf. 10 Personen sind Asylsuchende, davon wurden 9 nach dem September 2015 registriert. Von den 19 Verdächtigen kommen 14 aus Nordafrika, vor allem aus Marokko. Nur 1 Syrer ist darunter.

b) Dies liegt im Trend, nach dem es seit einiger Zeit einen dramatischen Anstieg von Tatverdächtigen aus Nordafika gibt. 40 Prozent der nordafrikanischen Zuwanderer werden innerhalb des ersten Jahrs straffällig, von den Syrern nur 0,5 Prozent. Familien aus Tunesien und Marokko schicken häufig den ältesten Sohn, der innerhalb kurzer Zeit das Geld für die Schlepper verdienen muss (SZ 12.1.16).

2. Der Vergleich mit dem Oktoberfest ist erlaubt, wo die Feministin Anne Wizorek im ZDF-Morgenmagazin eine jährliche Dunkelziffer von 200 genannt hatte, die von der Polizei als viel zu hoch bezeichnet wurde. Rainer Samietz von der Münchener Polizei nannte 26 angezeigte Sexualdelikte im Jahr 2015 auf dem Oktoberfest. Darunter 2 Vergewaltigungen, 2 versuchte Vergewaltigungen sowie exhibitionistische Handlungen und Beleidigungen auf sexueller Basis. Die Zahl der Sexualdelikte auf dem Oktoberfest bewege sich seit 30 Jahren auf der gleichen Höhe. Das seien angesichts der 6 Millionen Besucher pro Jahr erstaunlich wenig, so Samietz (Susi Wimmer, SZ 12.1.16).

3. Frauen-Selbsthilfegruppen raten zu folgendem:

a) Auf Konfrontationskurs gehen, b) Laut werden und Blickkontakt suchen, c) gezielt einzelne Umstehende ansprechen („He du, im gelben Pullover!“), d) für Umstehende sind sexuelle Übergriffe keine Privatsache, e) die Täter müssen merken, dass ihr Handeln gesellschaftlich nicht akzeptiert wird (Dina Riese, taz 6.1.16).

1134: Untergang des Abendlands

Montag, Januar 11th, 2016

Thomas Assheuer, 60, ist seit 1997 „Zeit“-Redakteur im Feuilleton. Spezialisiert auf Philosophie und eher komplizierte politische Zusammenhänge. Er hat meistens viel mehr gelesen als die meisten von uns. Aber wer sollte sich auch bemüssigt fühlen, die Texte eines Schützengraben-Romantikers wie Ernst Jünger zu lesen?

In seinem großen Beitrag

„In der Nacht der Götterferne“

analysiert Assheuer („Die Zeit“ 30.12.15) im Zusammenhang folgende fünf Romane: Curzio Malaparte „Die Haut“ 1946, Ernst Jünger „Eumeswil“ 1977, Botho Strauß „Der junge Mann“ 1984, Christian Kracht „Imperium“ 2012 und Michel Houellebecque „Unterwerfung“ (2015) im Angesicht der europäischen Krisen. Und wenn wir bei Autoren wie Jünger und Strauß in der Regel wissen können, was uns bei ihnen erwartet, so ist vielen das bei Kracht und Houellebecque nicht klar. Das besorgt Assheuer.

Die fünf Autoren attackieren die liberale Moderne. Sie zerstöre unsere Seele. Durch das amerikanische Nützlichkeitsdenken und den internationalen Finanzkapitalismus. Die Autoren befördern die Sehnsucht nach der heilen, in der Vergangenheit gut geordneten Welt. Der Liberalismus habe ungefähr 500 Jahre gebraucht, seine Denk- und Wirtschaftsweise der ganzen Welt aufzudrücken. „Literatur ist keine imaginative Quelle von Sinn, sondern Restmüll der Geschichte.“ Während die Alten noch lebendiger Teil einer kosmischen Kultur waren, starrten wir nur noch auf den kosmischen weiblichen Hintern.

Wie Jünger und Strauß auch nehme Houellebecque schmerzfrei Abschied vom Nationalstaat und bringe die alte Reichsidee ins Spiel. Die „Achse des Südens“ sei nichts anderes als jener Traum vom Süden bei Malaparte, der auch von Philosophen wie

Alexandre Kojève und Girogio Agamben

beschworen werde als Antwort auf den kalten protestantischen Norden Europas.

Strauß schreibe unverblümt: „Ich möchte lieber in einem aussterbenden Volk leben als in einem, das aus vorwiegend ökonomisch-demografischen Spekulationen mit fremden Völkern aufgemischt, verjüngt wird, einem vitalen.“ Kracht halte sich politisch zwar bedeckt, seine „Erzählplantagen“ würden aber, wie Georg Diez gezeigt habe, „aus rechtskonservativen Quellgebieten bewässert“. In den Romanen gäbe es keinen Fortschritt mehr, nur Erschöpfung und Entzauberung, nur sinnloses Geld und sinnlose Aufklärung.

„Es ist diese Totalperspektive auf ‚die Zivilisation‘, ‚den Westen‘ und ‚den Liberalismus‘, die die konservative Modernekritik nach innen hellsichtig und nach außen attraktiv macht. Doch der allwissende Blick auf das Große und Ganze hat einen gefährlichen blinden Fleck: Er macht denselben Fehler, den er der Moderne zur Last legt – er ist totalitär, er schleift die Unterschiede und macht alles gleich. In der tief stehenden Sonne, die eine hochfahrende Kulturkritik über den Verhältnissen untergehen lässt, erscheinen bitter erkämpfte Errungenschaften, selbst Demokratrie und Menschenrechte, wie grandiose Irrtümer, wie sinnlose Schattenspiele auf der historischen Bühne.“

1132: Lacan: Löwen können nicht bis drei zählen.

Sonntag, Januar 10th, 2016

Cord Riechelmann schreibt in der FAS (10.1.16):

„Als der Psychoanalytiker Jacques Lacan Anfang der fünfziger Jahre in einem Londoner Zoo einen Löwenmann, der in friedlicher Eintracht mit drei Löwenfrauen zusammenzuleben schien, beobachtete, wähnte er sich dem Unterschied von Tier und Mensch ganz nah. Dass die drei Löwinnen mit dem einen Mann zusammensein konnten, ohne in eifersüchtige Streitereien zu verfallen, lag für Lacan daran, dass Löwen keinen Begriff von der Zahl drei hätten, dass sie nicht bis drei zählen könnten. Das ist von heute aus gesehen natürlich Unfug. Es ist mittlerweile für viele Tierarten nachgewiesen, dass sie ein zahlenmäßiges Verhältnis zur Welt entwickeln und Individuen in ihrer Nähe sehr wohl unterscheiden können. Was Lacan aber richtig bemerkt hat, ist, dass Löwinnen untereinander ein egalitäres Verhalten zeigen. Die Frauen der einzigen in Gruppen organisierten Katzenart jagen kordiniert gemeinsam, versammeln ihre Kinder, während die anderen jagen, in Kindergärten, auf die ein bestimmtes Weibchen aufpasst. Und sie säugen die Kleinen der anderen unabhängig von der Mutterschaft mit.“