Archive for the ‘Gesellschaft’ Category

1154: „Die Israelis sind nicht wie wir.“

Dienstag, Februar 9th, 2016

Der 1957 als Sohn ungarischer Juden in München geborene Richard Chaim Schneider war von 2005 bis 2015 ARD-Korrespondent in Tel Aviv. In einem Kommentar in der „Zeit“ (28.1.16) nimmt er bewegt Abschied von seinem Gastland. Da heißt es:

„Ich habe Kolleginnen und Kollegen getroffen, die es völlig in Ordnung fanden, dass in weiten Teilen der palästinensischen Gesellschaft die Rolle der Frau euphemistisch gesagt sehr traditionell ist. Dieselben Journalisten kritisierten aber ohne Umstände die ebenso traditionelle Rolle der Frau im orthodoxen Judentum.

Zweierlei Maß. Unterschiedliche Erwartungen an Palästinenser und Israelis. Man muss sich dessen bewusst sein: dass man im Nahen Osten ideologisch auf wackeligem Grund steht.

Während im Westen vielen die Palästinenser fremd sind, glaubt man, die Israelis seien quasi wie wir. Doch das könnte nicht falscher sein. Und damit ist nicht nur das erwähnte Bedrohungsgefühl gemeint. Religion ist in Israel viel wichtiger als in Deutschland. Sie ist im Laufe der vergangenen Jahrzehnte für die politischen Prozesse der einzigen Demokratie im Nahen Osten immer wichtiger geworden. Auch die im Judentum seit biblischen Zeiten existierende Verquickung von Volk und Religion erweist sich für den Staat als Problem, das im Land selbst heftigst diskutiert wird. Kann Israel zugleich ein ‚jüdischer‘ und ein ‚demokratischer‘ Staat sein? Das Gesetz sagt Ja. Denn de jure sind die rund anderthalb Millionen Palästinenser mit israelischer Staatsangehörigkeit den jüdischen Israelis gleichgestellt. Aber de facto eher nicht – und doch genießen sie in Israel mehr Persönlichkeitsrechte und Freiheiten als in allen arabischen Staaten.“

1153: Islamismus und Front Nationale wollen dasselbe.

Montag, Februar 8th, 2016

Michel Houellebecqs Roman „Unterwerfung“ („Soumission“) trifft offenbar den Nerv der Zeit. An drei deutschen Bühnen kommt der Stoff gerade heraus: am Deutschen Schauspielhaus Hamburg, am Staatsschauspiel Dresden und am Deutschen Theater Berlin. Inszeniert wird das Stück in Hamburg von der Intendantin Karin Beier, die Hauptrolle spielt Edgar Selge. Für die SZ (6./7.2.16) hat Alex Rühle die beiden interviewt.

Selge interessiert sich dafür, was noch gültig ist an unserer Kultur, am Christentum, an der Aufklärung. „Nehmen Sie diesen Satz aus dem Roman: ‚Die Idee der Göttlichkeit Christi (…) sei der grundlegende Irrtum, der unausweichlich zu den Menschenrechten und dem Humanismus geführt habe.‘ Da wird alles drei denunziert, Christentum, Humanismus, Menschenrechte. Bei mir bewirkt der Satz aber das Gegenteil. Wir sehen Aufklärung und Christentum als Gegensatz. Vielleicht ist ja das Tolle, dass die Christusfigur erstmals zeigte, was Menschenrechte und Humanismus bedeuten.“

Beier antwortet auf die Bemerkung „Das Provokante des Buches ist der lasche Opportunismus der Pariser Elite, die geschmeidig zum Islam konvertiert.“: „Das ist der Kern. Wie leichtfertig sie alle ihre bis dahin gültigen Werte über Bord werfen. Francois konvertiert nicht aus spirituellen Gründen, sondern genau aus den Gründen, die Houellebecq an der westlichen Gesellschaft kritisiert: der Turboindividualismus, bei dem es nur eine Frage gibt: ‚Was springt für mich dabei raus?‘ Drei Frauen? Gut, ich bin dabei. Dass alle Frauen da beschädigt rausgehen, spielt keine Rolle. Er bringt in seiner Schilderung des sanften Islamismus immer wieder die extremistischen Erzfeinde in Deckung, indem er zeigt, dass Islamisten und Front Nationale dasselbe wollen:

Rückabwicklung der emanzipierten Moderne, rurale Gesellschaft, konservative Rollenmodelle. Einziger Unterschied: die einen mit, die anderen ohne die Muslime.“

1152: Die Struktur der russischen Außenpolitik

Montag, Februar 8th, 2016

Es hat sich wohl allmählich herumgesprochen, dass Europa mit Russland sprechen muss, sollen einige Probleme gelöst werden, wie die russische Politik auch immer sei. Ich bin ebenso dieser Meinung. Wie die Stuktur der russischen Außenpolitik ist, und darin kommt schon ein Stück moralische Verkommenheit zum Vorschein, das sehen wir in Syrien:

Russland hat von Anfang an (gemeinsam mit China) das mörderische Assad-Regime unterstützt und im Weltsicherheitsrat verhindert, dass es dagegen entschlossene und von der internationalen Staatengemeinschaft legitimierte Aktionen geben konnte. Nun hat es seine Luftwaffe geschickt und lässt die Assad-Gegner bombardieren. Die begeben sich dann auf die Flucht. Und wenn sie in Deutschland ankommen, kritisiert Russland (u.a. ausgerechnet mit Hilfe der Russland-Deutschen) die deutsche Flüchtlingspolitik.

Damit ist das Maß der moralischen Verkommenheit voll.

Am dichtesten dran an der russischen Politik ist anscheinend die CSU.

1149: Zaimoglu: Moslemische Männer in der Krise

Sonntag, Januar 31st, 2016

Angesichts der sexuellen Übergriffe in der Silvesternacht in Köln kommt der Kieler Schriftsteller Feridun Zaimoglu, ein geborener Moslem, zu weitreichenden Schlussfolgerungen: „Wir Moslems müssen in unserem eigenen Saustall aufräumen, denn wir haben einen Saustall.“ Es handle sich aber nicht um eine Krise des Islam, „sondern wir haben eine Krise des moslemischen Mannes. Wir haben eine Krise moslemischer Männer mit Minderwertigkeitskomplexen.“ (Die Welt, 30.1.16)

1148: Brexit ? Zwanzig Argumente.

Sonntag, Januar 31st, 2016

1. Dass Großbritannien zu Europa gehört, kann ja wohl keine Frage sein.

2. Großbritannien ist Europa auf dem Weg zur individuellen Freiheit und zu den Menschenrechten vorangegangen (1215 Magna Carta Libertatum, 1588 Vernichtung der Armada, mit William Shakespeare 1564-1616 erster Höhepunkt in der europäischen Literatur, 1628 Petition of Rights, 1679 Habeas-Corpus-Akte, 1689 Declaration of Rights, Thomas Hobbes 1588-1679 und John Locke 1632-1704 erste Staatstheoretiker, mit Adam Smith 1723-1790 Theorie des Freihandels, 1776 Unabhängigkeitserklärung der USA durch Flüchtlinge aus Großbritannien und Erklärung der Menschenrchte, etc.).

3. Für viele Europäer wäre ein EU-Austritt Großbritanniens ein „affordable loss“.

4. Europapolitik ist in Großbritannien stets in den Parteien selbst umkämpft.

5. Durch seine Brüsseler Verhandlungen versucht David Cameron (Konservative) die eigenen Parteimitglieder zu besänftigen wie Harold Wilson (Labour) schon 1974/75 die seinen.

6. Als Großbritannien 1973 EU-Mitglied wurde, stagnierte Europa.

7. Als es in den 1980ern aufwärts ging, wurde das als Erfolg des Widerstands gegen Brüssel interpretiert.

8. Die Souveränität des britischen Parlaments ist nicht leicht aufzugeben.

9. In einem Land ohne geschriebene Verfassung fällt die Rechtsangleichung an Europa schwer.

10. In Großbritannien fehlt das Erlebnis der Niederlage im Zweiten Weltkrieg.

11. Großbritannien sieht in der EU die Handelsvorteile.

12. Heute befürworten Straßenverkaufszeitungen wie „Daily Mail“ und „Daily Express“ sowie der konservative „Daily Telegraph“ den Brexit.

13. Die gegenwärtigen europäischen Krisen (Flüchtlinge, Euro etc.) sind Wahlhelfer der Brexit-Anhänger.

14. Großbritannien hat sehr viele Menschen aus Osteuropa aufgenommen.

15. Deutschland erscheint den Briten zur Zeit als „hippie state“.

16. Nach Deutschland ist Großbritannien Europas zweitgrößte Wirtschaftsmacht.

17. Ein Brexit wäre eine Katastrophe für den fragilen Friedensprozess in Nordirland.

18. Großbritannien ist neben Frankreich Europas einzige Militärmacht von Rang.

19. Für die Weiterentwicklung eines starken, weltoffenen und wettbewerbsfähigen Europas ist Großbritannien für Europa unverzichtbar.

20. Für Deutschland steht bei einer Volksabstimmung über die EU in Großbritannien genau so viel auf dem Spiel wie für Großbritannien (Dominik Geppert, FAS 31.1.16).

1147: Aus ökonomischen Gründen: Schengen retten !

Sonntag, Januar 31st, 2016

Schon jetzt sind die wieder eingeführten Kontrollen an den deutschen Grenzen für die Unternehmen eine erhebliche Belastung. Sollten diese Abfertigungen, wie Minister Dobrindt (CSU) und seine Partei es fordern, weiter verschärft werden, würde dies zu massiven wirtschaftlichen Schäden führen.

„Eine Beschädigung oder gar Scheitern des Schengenraums wäre ein schwerwiegender Rückschlag für die Europäische Union und ihre Bürgerinnen und Bürger“, so heißt es in einer gemeinsamen Erklärung des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI), des Bundesverbands der Arbeitgeberverbände (BDA) und des Zentralverbands des Deutschen Handwerks.

2014 wurden Waren im Wert von 1.200 Milliarden Euro exportiert. Das entspricht 38,6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Gleichzeitig wurden Waren im Wert von 900 Miliarden importiert. 60 Prozent des Außenhandelsvolumens kommen aus dem innereuropäischen Handel. Knapp 80 Prozent des Warenverkehrs erfolgen über die Straße.

Personenkontrollen würden nach Hochrechnungen des deutschen Speditions- und Logistikverbands (DSLV) für Transporteure mit deutschen KfZ-Kennzeichen jährliche Mehrkosten von 18,5 Millionen Euro mit sich bringen. Lastwagen mit deutschen KfZ-Kennzeichen haben bisher einen Marktanteil von 20 Prozent. Die entstehenden Mehrkosten liegen insgesamt bei 90 Millionen Euro im Jahr, so der DSLV. Unternehmen müssten mehr Fahrzeuge und mehr Fahrer einsetzen. Das gilt erst recht, wenn Lastwagen durchsucht würden, etwa nach illegal Einreisenden.

Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) meint, dass Grenzkontrollen Sand im Getriebe „unseres arbeitsteiligen Wirtschaftens“ seien. Es müsste eine ganz neue Logistikstruktur aufgebaut werden. Der Bundesverband Großhandel, Außenhandel, Dienstleistungen nimmt bei Grenzkontrollen einen enormen volkswirtschaftlichen Schaden für Deutschland an. Er würde zu großen Wohlfahrtsverlusten führen (Anja Krüger, taz 25.1.16).

1146: Das Elend der PC und seine politischen Folgen

Samstag, Januar 30th, 2016

In der Präsidentschaft von John F. Kennedy (1961-63) wurde als erste Maßnahme zur Erreichung von „Political Correctness“ (PC) an US-Universitäten „Affirmative Action“ eingeführt, ein Programm zur Förderung Afro-Amerikanern und Latinos und anderen Minderheiten. Das war ein Emanzipationsprogramm zur Erweiterung der Bildungsmöglichkeiten und Lebenschancen. Es fand zunächst überwiegend Anklang. Heute ist es fast zum Gegenteil davon geworden, was es einmal erreichen sollte. Denn man kann den Eindruck gewinnen, dass das Vorhaben heute

Gesinnungschnüffelei und Gedankenkontrolle

bedeutet. Wir kennen inzwischen

1. Safe Spaces, in denen der Benutzer davor geschützt werden soll, herausfordernde Inhalte kennenzulernen,

2. Trigger Warnings, durch die Studierende vor extremen Schilderungen bewahrt werden, wie etwa den Vergewaltigungen in Ovids „Metamorphosen“,

3. Achtsamkeit bei Microaggressions, also unbeabsichtigt aggressiven Äußerungen, die einzelne Hörer trotzdem „verletzen“ können. Da ist im Netz manchmal der Teufel los.

Die Protestführer in den den USA (aber auch in Großbritannien) sind überwiegend weiße Studierende oder Schwarze und Latinos aus Mittelklassefamilien. Dass deren Chancen sich dadurch verbessern sollen, dürfen wir vermuten. Denn Hauptgegner der PC-Fans sind

weiße, männliche, heterosexuelle Professoren.

Insofern lastet insbesondere auf denjenigen Menschen ein großer Druck, die eine Festanstellung im Hochschulsystem anstreben. Betroffen sind aber auch weibliche Professoren, die eine eigene Meinung kundtun. So eine Kollegin an der Northwestern University, welche die Meinung geäußert hatte, dass die Missbrauchsangst bei Liebeleien auf dem Campus übertrieben werde. Gegen sie wurde ein Disziplinarverfahren eingeleitet.

Angeklagt wurde auch die bekannte Feministin

Germaine Greer,

die es wohl an der für richtig gehaltenen Sensibilität für Transsexuelle hatte fehlen lassen. Greer hatte die Auffassung vertreten, dass man durch eine Operation nicht zur Frau werde. Die Studentenvertretung verlangte ein Redeverbot.

Die iranische Menschenrechtsaktivistin Maryam Namazie musste kürzlich am Goldsmith Institute in London ihren Vortrag über „Apostasie, Blasphemie und freie Meinungsäußerung im Zeitalter des IS“ unterbrechen, weil ihr Projektor von islamischen Studenten abgestellt worden war. Namazie hatte sich gegen die Verfolgung von Bloggern und inhumande Strafen im arabischen Raum gewandt. Den Protest der Muslime unterstützten Schwulen- und Lesben-Verbände. So kommt es zu

erstaunlichen Koalitionen

gegen den „gemeinsamen Feind“.

Nicht mehr PC ist es auch zu verlangen, dass die am besten qualifizierte Person eine Stelle bekommen soll. Das ist für PC-Fans Diskriminierung. Ein Schulbuchverlag, der

Immanuel Kants „Kritik der reinen Vernunft“

herausgeben wollte, konnte das nur, wenn er auf der Titelseite vor dem Buch warnte. Das können wir uns beinahe nicht vorstellen.

Eine Kindersychologin in Yale musste sich weigern, für Halloween Vorschläge für politisch korrekte Kostüme zu machen, nachdem ein Yale-Gremium davor gewarnt hatte, „kulturell aneignende Kostüme“ – wie Indianerschmuck oder Sombreros – zu tragen.

Falls die PC-Fans es schaffen, ihre Weltsicht durchzusetzen, werden sie die Grundregeln des Zusammenlebens in einer liberalen Gesellschaft untergraben. Dann dürfen Dumme nicht mehr so genannt werden, sie sind „die anders Begabten“, und Marokkaner nicht mehr „Marokkaner“. Die Univerwaltung bekommt durch PC einen ungeheure Macht, denn sie wird geradezu dazu aufgerufen, anstößige Äußerungen zu bestrafen. „Dreht sich der politische Wind, kann die Verwaltung ihre neue Macht genauso dazu nutzen, Studenten zu zensieren oder Kritiker des Uni-Präsidenten zum Schweigen zu bringen.“

An der Humboldt-Universität Berlin wurde der bekannte und angesehene Historiker und Politologe Herfried Münkler von anonymen Netzaktivisten als „Aktivist der Mitte“ denunziert.

Wehren wir den Anfängen.

Denn sonst würden Individuen nicht mehr als solche wahrgenommen, sondern als Angehörige von angeblich unterdrückten Minderheiten. Und wir dürften nicht mehr „Fröhliche Weihnachten“ wünschen.

Besonders wichtig ist die Meinungsäußerungsfreiheit natürlich bei den Massenmedien (in Form der Presse-, der Rundfunk- und der Film-Freiheit). Denn wenn hier in falsch verstandener Einhaltung des

Pressecodex

unangenehme Meldungen vermieden werden, kommt leicht der Vorwurf der

„Lügenpresse“

dabei heraus. Propagandaslogan unserer „Deutsch-Nationalen“, die Ressentiments hegen gegen

die USA,

die Wallstreet,

die Juden und

Israel

(Peter Richter, SZ 17.12.15; Jochen Buchsteiner, FAS 3.1.16; Anonymus, Die Zeit 14.1.16).

 

 

1145: Warum sind vietnamesische Kinder so gut in der Schule ?

Montag, Januar 25th, 2016

In zahlreichen Bildungsstudien wurde nachgewiesen, dass der Schulerfolg von Kindern aus türkischen Migrantenfamilien geringer ausfällt als von vergleichbaren deutschen Kindern. Erklärt wird das üblicherweise so, dass Migrantenfamilien über geringere soziale und kulturelle Ressourcen verfügten. Sie investierten weniger in die Bildung ihrer Kinder. Wer wenig Bildung habe, wisse oft auch nicht, was Bildung wert sei.

Nun sind aber die schulischen Leistungen von Kindern vietnamesischer Herkunft deutlich besser als von deutschen Schülern. 2014 gingen 64,4 Prozent der vietnamesischen Jugendlichen aufs Gymnasium, 47,2 Prozent der deutschen und 19,9 Prozent der türkischen. Nach dem Ressourcenmodell ist das nicht einfach zu erklären. Denn die vietnamesischen Eltern verfügen über ein deutlich geringeres bildungsbezogenes Sozialkapital und ein deutlich geringeres Einkommen als die deutschen und türkischen Eltern.

Gerald Wagner berichtet (FAS 24.1.16) über die Untersuchung von Bernhard Nauck und Birger Schnoor, die 2013 in Sachsen und Hamburg deutsche, türkische und vietnamesische Eltern befragt haben. Danach sind die guten Leistungen der Vietnamesen nur schwer zu erklären, eigentlich gar nicht. „Etwa die Sprache: Während in nahezu allen deutschen Familen Deutsch auch die Alltagssprache zwischen Eltern und Kindern ist, gilt dies nur für 26 Prozent der türkischen Familien. Gut, bei den Vietnamesen wird nur in 40 Prozent der Fälle zu Hause Deutsch gesprochen. Dennoch sind die Deutschnoten der vietnamesischen Schüler nicht nur deutlich besser als die der türkischen, sie liegen auch noch deutlich über denen der deutschen! Die vietnamesische Stichprobe zeichnet sich weiter aus durch: die geringsten Deutschkenntnisse der Mütter, das geringste bildungsbezogene Sozialkapital und die geringste institutionelle Förderung der Kinder. Und dennoch die besten Noten.“

In einem Punkt zeigt die Studie deutliche Unterschiede der drei untersuchten Gruppen: im Erziehungsstil. In 57 Prozent der vietnamesischen Familien ist er überwiegend autoritär-distanziert, in sechs (6) Prozent nachsichtig-tolerant (Deutsche 12: 40, Türken 25: 26). Sollte das als Plädoyer für mehr elterliche Strenge und Kontrolle gelesen werden? Offenbar nicht. „Die Autoren stellen vielmehr fest, dass ein autoritärer Erziehungsstil in den türkischen und deutschen Familien zu einem ’signifikant negativen Zusammenhang mit dem Bildungserfolg steht‘ – er verschlechtert die schulischen Leistungen also deutlich. Warum funktioniert es dann aber bei den Vietnamesen? Die Autoren räumen ein, dass sie diese Frage nicht abschließend beantworten können.“

1144: Sport – Fortsetzung des Totalitarismus ?

Sonntag, Januar 24th, 2016

1. Über Sport in der Welt, der ihm totalitär erscheint, schreibt Robert Redeker, 60 (taz 16./17.1.16). Redeker ist Redaktionsmitglied von „Les Temps Modernes“ (gegründet von Jean-Paul Sartre). Nach einem islamkritischen Beitrag von Redeker im „Figaro“ („Was soll die freie Welt angesichts der islamischen Einschüchterungsversuche tun?“) 2006 wurde der Autor mehrfach mit dem Tode bedroht und musste an geheim gehaltenen Orten in Südfrankreich leben. Ich möchte hier zeigen, dass Redeker viele treffende Argumente vorträgt, sich aber andererseits doch irrt, weil er nicht über einen tragfähigen Totalitarismus-Begriff verfügt. Da schauen wir bei Hannah Arendt nach.

2. Redeker sieht die „erdrückende Invasion der Sportberichte“ in den Medien, hauptsächlich im Fernsehen (es handelt sich also um ein Medienphänomen!). „Diese Überdosis an Sport hat eine zerstörerische Umkehrung der Werte und der Hierarchie der Information zur Folge.“ Das wirklich Wichtige werde vernachlässigt: Philosophie, Malerei, Dichtung, Choreografie, Musik, Architektur. Die Allgegenwart des Sports bedeute eine „tödliche Usurpation“. „Es ist heute bei uns ebenso unmöglich, ihm zu entrinnen, wie dies bei der ideologischen Propaganda im Nazideutschland, in Stalins UdSSR oder im maoistischen China möglich war.“

Der Sport normiere die Sprache mit seinen „stereotypen Vorstellungen eines mechanischen Funktionierens ohne jede Überraschung“. Die Fantasie werde gelähmt. Im Sport herrsche heute Sklavenhandel, das Geld spiele die Hauptrolle. Durch den Sport würde die Zustimmung der Massen für die kapitalistische Gesellschaft bewerkstelligt. Die große Zahl der Fernsehzuschauer signalisiere Massenloyalität. Der marxistische „Entfremdungsbegriff“ reiche hier nicht aus.

„Der allgegenwärtige sportliche Diskurs ist ein soziales und politisches Programm geworden – er ist vorab eine schrankenlose Propaganda für die verallgemeinerte Konkurrenz, für das Gott gewordene Geld.“

3. Ziemlich plausibel. Jedoch nicht wirklich an der Totalitarismus-Theorie geprüft. Diese hat vor allem Hannah Arendt entlang der Begriffe

– Antisemitismus,

– Imperialismus und

– totale Herrschaft

gebildet (Vgl. Elemente und Ursprünge totaler Herschaft, 1951).

Den alle gesellschaftlichen und staatlichen Felder durchdringenden Totalitarismus expliziert sie an den folgenden Begriffen: Untergang der Klassengesellschaft/Massen/das zeitweilige Bündnis zwischen Mob und Elite/totalitäre Propaganda/totale Organisation/Staatsapparat/die Rolle der Geheimpolizei/Konzentrationslager/Ideologie und Terror.

Wir kennen sechs Kennzeichen totaler Herrschaft:

a) eine einheitliche Ideologie,

b) eine Einheitspartei (ggf. mit „Blockparteien“),

c) ein Machtmonopol (also keine Demokratie und keine  rechtsstaatliche Gewaltenteilung),

d) die weitgehende Überwachung der Bevölkerung durch die Geheimpolizei,

e) die politische Verfolgung Andersdenkender (zum Teil mit Terror und bis hin zu Vernichtungslagern) und

f) ein Propaganda- und Medienmonopol.

4. Hannah Arendt schreibt: „Das Wesentliche der totalitären Herrschaft liegt absolut nicht darin, dass sie bestimmte Freiheiten beschneidet oder beseitigt, noch darin, dass sie die Liebe zur Freiheit aus dem menschlichen Herzen ausrottet; sondern einzig darin, dass die Menschen, so wie sie sind, mit solcher Gewalt in das eiserne Band des Terrors schließt, dass der

Raum des Handelns,

und dies allein ist die Wirklichkeit der Freiheit, verschwindet.“ (Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. Antisemitismus, Imperialismus, Totalitarismus. München, Zürich (Piper) 1986, S. 958)

Dies hat Redeker nicht ausreichend berücksichtigt. Denn der „Raum des Handelns“ ist für die Sport-Konsumenten des Fernsehens noch vorhanden. Er wird vor allem von Bürger-Initiativen, Nicht-Regierungs-Organisationen und der Zivilgesellschaft genutzt. Darauf können wir unsere Hoffnung setzen. In Zeiten der – buchstäblich – weltweiten Vermarktung des Sports. Der hohen Kosten für Fernsehen (vgl. Premier League) und den unmoralischen Preisen für Fußballer (vgl. Gareth Bale), wo Flüchtlingskinder, Jungs, manchmal mit Trikots von Lionel Messi oder Christiano Ronaldo unterwegs sind.

Und das Denken ist auch nicht verboten, was Hannah Arendt in ihrem Buch

Vita Activa. München (Piper) 1981 (1958)

formuliert. Darin erarbeitet sie die Begriffe der Arbeit, des Herstellens, des Handelns und des Denkens. Sie schreibt: „Das Denken … ist möglich und sicher auch wirklich, wo Menschen unter den Bedingungen politischer Freiheit leben. Aber auch nur dort. Denn im Unterschied zu dem, was man sich gemeinhin unter der souveränen Unabhängigkeit der Denker vorstellt, vollzieht sich das Denken keineswegs in einem Wolkenkuckucksheim, und es ist, gerade was politische Bedingungen anlangt, vielleicht so verletzbar wie kaum ein anderes Vermögen.“ (S. 414)

Es ist möglich. In Freiheit. Daran halten wir fest. Den Terror bekämpfen und besiegen wir.

Und deswegen hat Redeker letzlich nicht recht.

 

 

1143: „Bild“ sexualisiert und degradiert Frauen.

Samstag, Januar 23rd, 2016

Tanit Koch ist seit dem 1.1.2016 als erste Frau „Bild“-Chefredakteurin. Vor kurzem bekam sie Post von der seit zwei Jahren bestehenden Initiative „StopBildSexism“. Darin heißt es: „Liebe Frau Koch, als Chefredakteurin von ‚Bild‘ haben sie die Möglichkeit, maßgeblich das gesellschaftliche Klima Deutschlands zu beeinflussen.“

Tagtäglich würden Frauen in „Bild“ diskriminiert und degradiert. Sie würden nackt gezeigt und sexualisiert. Zwei Monate hätte die Initiative täglich nachgezählt: Von 155 Personen-Abbildungen zeigten nur ein Drittel Frauen. Begriffe wie „Sex-Mob“ und „Sex-Gangster“ im Zusammenhang mit der Silvester-Kriminaltät von Köln seien verharmlosend.

„StopBildSexism“ kämpft gegen Sexismus in den Medien. Besonders in „Bild“ und „Bild am Sonntag“. „Bild“ hatte 2012 das Nacktfoto von Seite eins verbannt, aber die Nackten im Blatt behalten. 37.000 Personen haben die Online-Petition zur Abschaffung der „Bild Girls“ unterschrieben (taz 14.1.16).