Archive for the ‘Gesellschaft’ Category

1175: Kretschmanns Gebet

Mittwoch, Februar 24th, 2016

Die Unions-Wahlkämpfer in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt werden vor den Landtagswahlen am 13. März nervös. Das ist verständlich; denn etwa in Baden-Württemberg sollen die Grünen die CDU bereits überholt haben, sie liegt dort bei 30 Prozent. Die Unions-Wähler sind verunsichert. Dabei besteht die Union bei weitem nicht nur aus Sprüchemachern wie Horst Seehofer,

die der AfD den Boden bereiten.

In der Union gab und gibt es viel Hilfsbereitschaft für Migranten und die entsprechende Organisationskompetenz. Und die Kanzlerin gehört nach wie vor zur CDU.

Dass die Zuwanderung kontrolliert und – vor allem – begrenzt werden muss, bestreitet kein ernstzunehmender Mensch. Ob das mit Obergrenzen, Kontingenten oder Grenzzentren getan wird, ist nicht entscheidend. Der Hauptfehler jetzt ist, dass die Rest-EU Angela Merkel im Stich lässt. Eine Schande für Europa.

Indessen bereitet die CSU ihre Klage vor dem Bundesverfassungsgericht gegen die Politik der Bundeskanzlerin vor,

einmalig.

Sie soll am 14. März, einen Tag nach den drei Landtagswahlen, erhoben werden. Vom bayerischen Kabinett wurde der Lehrstuhlinhaber für Öffentliches Recht in Bayreuth, Markus Möstl, mit der Verfassung der Klageschrift beauftragt. Er wurde auch zum Prozessbevollmächtigten bestellt. Die Sechsmonatsfrist, bis zu deren Ablauf die Klage jederzeit eingereicht werden könnte, beginnt mit dem 26. Januar, als Horst Seehofers Brief im Kanzleramt einging.

Fragen wir uns einmal, was die Union ohne Angela Merkel macht. Das beantwortet m.E. der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann treffend mit seiner Lobpreisung:

„Welcher ihrer Amtskollegen in der EU soll denn Europa zusammenhalten, wenn sie fällt? Da ist weit und breit niemand in Sicht. Deshalb bete ich jeden Tag dafür, dass die Bundeskanzlerin gesund bleibt.“ (Josef Kleinberger, Robert Rossmann, Daniela Kuhr, SZ 24.2.16)

1174: Nachkriegsjustiz: eine Kette von Versagen und Skandalen

Mittwoch, Februar 24th, 2016

Die Präsidentin des Bundesgerichtshofs (BGH), Bettina Limperg, hat sich auf einem Symposium in Karlsruhe von den Anti-Zigeuner-Urteilen des BGH distanziert und sie „unerträglich“ genannt. „Diese Rechtsprechung beschämt uns zutiefst.“ Im Zentrum standen zwei BGH-Urteile von 1956, in denen Sinti und Roma, die im Mai 1940 als „Zigeuner“ in polnische Lager deportiert wurden, eine Entschädigung versagt wurde.

Damals erkannte der BGH nur die NS-Maßnahmen ab 1943 an, weil erst sie auf die Vernichtung der Betroffenen abzielten. Diese Differenzierung vertrat der BGH bis 1963 (bis zum Auschwitz-Prozess in Frankfurt). In seinem 1956er Urteil verwies der BGH auf die „Zigeunerplage“. „Sie neigen , wie die Erfahrung zeigt, zur Kriminalität, besonders zu Diebstählen und Betrügereien, es fehlen ihnen vielfach die sittlichen Antriebe zur Achtung von fremden Eigentum, weil ihnen wie primitiven Urmenschen ein ungehemmter Okkupationstrieb zu eigen ist.“

Auf die Skandalurteile der 50er Jahre hatte der Zentralrat der Sinti und Roma 2014 bei einer Veranstaltung des Justizministeriums hingewiesen und den BGH zu einer ausdrücklichen Distanzierung aufgefordert. In der Folge traf sich die BGH-Präsidentin mit dem Vorsitzenden des Zentralrats Romani Rose und vereinbarte die Organisation einer gemeinsamen wissenschaftlichen Tagung. Die Justiz-Staatssekretärin Stephanie Hubig (SPD) bezeichnete die Tagung als „symbolische Bitte der deutschen Justiz um Entschuldigung“.

Der Autor des Standardwerks „Furchtbare Juristen“, Ingo Müller, weist nach, dass die Nachkriegsjustiz die Ausgrenzung von Sinti und Roma nicht als NS-Unrecht ansah, weil sie schon vor 1933 diskriminiert worden waren. Einige Oberlandesgerichte, dies sei zur Ehre der deutschen Justiz festhestellt, haben von Beginn an auch für die Deportationen von 1940 Entschädigungen gewährt. Sie wurden vom BGH immer wieder korrigiert.

Romani Rose warnte: „Auch heute wird die Kriminalität Einzelner oft wieder zu einem Abstammungsmerkmal erklärt.“ (Christian Rath, taz 19.2.16)

1173: Wie Meera Jamal sich fühlt.

Dienstag, Februar 23rd, 2016

Meera Jamal, eine pakistanische Journalistin, lebt seit 2008 in Deutschland. Sie beschreibt, wie sie sich nach der Kölner Silvesternacht hier fühlt (SZ 23.2.16).

„Egal wie man die Ereignisse auch nennen mag, ich fühle mich seither weniger sicher unter dem beharrlichen, prüfenden Blick der arabisch aussehenden Männer, die in jüngster Zeit neu in die Stadt gekommen sind. Irgendwie erinnert mich das daran, wie ich mich in Pakistan gefühlt habe, unwohl und verletzlich. In Pakistan – einem islamischen Land, in dem die Scharia Verfassungsrang hat – ist außerehelicher Sex verboten und strafbar. Trotzdem wurden drei von fünf Frauen in dem Land schon einmal in der Öffentlichkeit begrapscht oder anders sexuell belästigt. Es ist noch nicht lange her, dass eine Frau vier Zeugen benennen musste, wenn sie den Vorwurf erhob, vergewaltigt worden zu sein. Sexhungrige barbarische Männer erregen sich in pakistanischen Moscheen ganz offen, wenn von den ‚Jungfrauen‘ die Rede ist, die ihnen nach dem Tod zufallen, an der lebhaften Beschreibung ihrer Brüste, Haare und ihrer Haut. Sie rechtfertigen sich damit – ganz ähnlich wie arabische Männer – dass eine Frau, die ihr Haus verlässt, ‚wünscht‘ vergewaltigt zu werden. Sie möchte Männer verführen. Wenn sie Jeans trägt, knappe Kleidung oder Kleidung, die Haut freilässt, ist das eine Einladung zum Sex.“

Das gibt Ärger mit Feministinnen.

1172: Der Nebel von Alessandria

Dienstag, Februar 23rd, 2016

Wenn wir Jahr für Jahr in Miriams Haus in Civezza (Ligurien) fahren (wunderbar), dann kommen wir jedesmal an Alessandria (Piemont) vorbei. Ganz egal ob über den Gotthard und Mailand oder den Großen St. Bernhard und Turin. Und häufig erleben wir dann dort den Nebel („Nebbia“). Dort wurde

Umberto Eco (1932-2016)

geboren. Und sein Werk, das journalistische, wissenschaftliche und literarische Seiten hat, war stets davon gekennzeichnet, dass er bemüht war, den Nebel, der gut ist für den Wein und für die Haut, von dort zu vertreiben. Aufzuklären! Unvergesslich.

1171: „Wer kein Auto hat, denkt anders.“

Montag, Februar 22nd, 2016

Carsharing hat sich in Deutschland etabliert. 150 Firmen konkurrieren gegenwärtig miteinander. Mittlerweile sind Tochtergesellschaften von Daimler, BMW und der Deutschen Bahn dabei. Während die großen Autofirmen auf den in Ballungsräumen stark wachsenden „Free Floating“-Markt setzen, bei dem die Autos irgendwo abgestellt werden können, lassen sich stationsgebundene Anbieter wie Cambio die Bereitstellung der Autos mit einem monatlichen Mitgliedsbeitrag finanzieren. Das macht die Mitgliedschaft verbindlicher und schlägt sich auch im stadtökologischen Effekt nieder: ein Cambio-Auto „spart“ 15 private PKWs, ein Free-Floater-Auto degegen nur drei (3).

Michael Glotz-Richter ist in Bremen Referent für „nachhaltige Mobilität“. Er sagt: „Uns geht es um einen Wechsel in der Denke. Wer kein Auto in der Garage stehen hat, der denkt anders. Wer ein Auto gekauft hat, will damit immer und überall bis vor die Haustür fahren. Es scheint ja so, dass das Auto billiger wird, wenn man es mehr nutzt. Wer kein Auto besitzt, muss ein anderes Mobilitätsdenken entwickeln, das aufbaut auf Fahrrad, zu Fuß gehen. ÖPNV, und dann gibt es als Ergänzung das Leihauto oder das Taxi. Das ist der ‚Game Changer‘. Darum geht es. Da liegt auch der Unterschied zu den Free Floatern: Ein Car2go-Auto ersetzt drei private, eines von Cambio in Bremen sogar 15.“

Glotz-Richter setzt sich aber ab von den grünen Fahrrad-Indianern etwa in Göttingen, die wollen, dass wir Fahrradfahrer auf der Straße fahren, um den Autoverkehr mehr zu behindern. Glotz-Richter: „Die Fahrradstädte haben wenig Staus. Wenn man eine autofreundliche Stadt haben will, muss man den Radverkehr promoten.“ (Klaus Wolschner, taz 20./21.2.16)

1170: Hannes Koch: Mehr Tempo 30 und mehr Fahrradwege

Montag, Februar 22nd, 2016

Hannes Koch ist Redakteur bei der taz und schreibt folgenden Kommentar (18.2.16) zur Verkehrspolitik:

„Der moderne Mensch ist nicht nur Fußgänger, Radfahrer oder Bahnfahrer. Oft benutzt er auch das Auto – nicht um den Globus zu ruinieren, sondern weil es ein schnelles, bequemes und billiges Transportmittel ist. Auch wenn Ökologen das ungern hören: Autofahren kann Lebensqualität bedeuten. Diese sollte die Regierung nicht zu sehr einschränken.

Deshalb liegt Verkehrsminister Alexander Dobrindt durchaus richtig. Es muss mehr Tempo-30-Zonen dort geben, wo sie nötig sind – vor Kindertagesstätten, Schulen, an Bushaltestellen -, überall da, wo viele Menschen auf eingem Raum unterwegs sind.

Zur Regelgeschwindigkeit sollte Tempo 30 aber nicht werden. Denn es gibt viele Hauptstraßen, auf denen man in der Stadt problemlos 50 km/h fahren kann, ohne andere zu gefährden. Hier zu reglementieren wäre Schikane – oder der Versuch, das Gebührenaufkommen für zu schnelles Fahren zu erhöhen. Bei der Straßenverkehrsordnung geht es um die Sicherheit im Verkehr. Wer das Auto als Fortbewegungsmittel zurückdrängen will, sollte sich die angemessenen Mittel suchen.

Mehr Radwege

oder

ein attraktiver öffentlicher Nahverkehr

könnten durchaus helfen.“

Ich kann mir weitere ergänzende Maßnahmen vorstellen, von denen stets behauptet wird, dass sie „wirtschaftsschädlich“ sind, ohne dass ich das für erwiesen halte:

1. Höchstgeschwindigkeit von 130 km/h auf Autobahnen,

2. eine Kerosinsteuer,

3. Verzicht auf Straßenneubau.

1169: „Osteuropäer sehen sich als Verlierer.“

Montag, Februar 22nd, 2016

Die Slawistin Juliana Roth ist Professorin für Interkulturelle Kommunikation an der LMU München. Sie gilt als Osteuropa-Expertin. Im ehemaligen Kommunismus gibt es die meisten Verstöße gegen den europäischen Geist. Margarete Moulin hat Frau Roth für die „taz“ (8.2.16) interviewt. Ich fasse die Aussagen Roths in kurzen Thesen zusammen:

1. Es herrscht Klientelismus. Wer die richtigen Leute kennt, kann einen Mercedes fahren.

2. Der EU-Beitritt hat der alten Nomenklatura (KP-Mitglieder und ihre Trabanten) genutzt.

3. Eine handlungsfähige Zivilgesellschaft (NGOs, Bürgerinitiativen) fehlt noch.

4. Betrügereien gehören zum Alltag. Wer Benzin getankt hat, weiß nicht, ob es gestreckt ist.

5. „Abziehen“ ist unter Kindern und Jugendlichen an der Tagesordnung. Wer mit neuen Schuhen in die Schule geht, kommt manchmal ohne zurück.

6. Privatschulen, auf denen eine moderne Didaktik erprobt werden kann, sind sehr, sehr teuer.

7. Die Korruption führt u.a. dazu, dass bei vielen Blitzern bestimmte Autonummern nicht festgestellt werden, auch wenn die Autos zu schnell fahren.

8. Getan wird überall etwas für die „Unsrigen“.

9. Sorgen sind verbreitet, was interessieren da irgendwelche Araber.

10. Die Enttäuschung über die EU ist grenzenlos, die Osteuropäer fühlen sich als Verlierer der Modernisierung.

11. Manche sehen sich immer noch als „Bollwerk“ gegen Barbaren aus dem Osten (wie einst Hunnen, Mongolen, Osmanen).

12. 1683 vor Wien haben polnische Truppen das Habsburger Reich vor den Türken gerettet. Viele Osteuropäer empfinden, dass dieses Opfer nicht genug gewürdigt wird.

13. In Ungarn verkaufen sich sehr gut Autoaufkleber mit dem Umriss des alten Ungarn, das 1920 im Vertrag von Trianon Territorien abgab an Rumänien, Serbien, Tschechien und die Slowakei.

14. Mazedonien bezieht sich auf die Antike, hauptsächlich Alexander den Großen, Albaner werden negiert.

15. In der DDR wurden Vertragsarbeiter aus Vietnam, Angola und Kuba ghettoisiert.

16. Lernprogramme für Interkulturelle Kompetenz (IKK) werden in Ostdeutschland nicht angenommen.

17. Osteuropa muss üben, mit Fremden zurechtzukommen.

1168: Europäisches Affentheater mit den Briten

Montag, Februar 22nd, 2016

1. Die europäischen Institutionen (Kommission, Parlament etc.) möchten Großbritannien aus historischen, politischen und ökonomischen Gründen bei Europa (in der EU) halten.

2. Die britische Regierung möchte ihr Land hauptsächlich aus ökonomischen Gründen (z.B. Finanzplatz London etc.) in der EU lassen.

3. Trotzdem musste die britische Regierung wegen der Europafeinde von UKIP, der Euopaskeptiker in der Konservativen Partei und Unsicherheiten bei den Wählern mit der EU über Reformen verhandeln.

4. Die Reformen sind, was bei einer konservativen Partei nicht verwundert, im Wesentlichen Sozialabbau und Beruhigung der britischen Skeptiker, aber sie gefährden Europa noch nicht.

5. Nun sind immer noch sechs (6) von 29 Ministern für einen Austritt aus der EU. Dazu kommt der Londoner Bürgermeister Boris Johnson, der sich seit Längerem gegen David Cameron aufbaut.

6. Das darf aber nicht dazu führen, dass Großbritannien Europa erpresst. Was tun die Briten eigentlich für Europa?

7. „Europa ist zu einem Club dumpfdreister Egoisten verkommen. Dabei bräuchten die Europäer so sehr eine starke EU. Denn ihre Idee der offenen, demokratischen, liberalen Gesellschaften gewinnt nicht mehr an Terrain – sie verliert an Boden. Die neuen Autokratien in Russland und der Türkei sind dafür Beispiele. ‚Starke Männer‘ wie Putin oder Recep Tayip Erdogan faszinieren immer mehr Menschen. Tyrannen wie der Syrer Baschar al-Assad verwüsten die europäischen Nachbarregionen. Und die USA sind immer weniger dazu bereit, ihre schützende Hand über Europa zu halten.“ (Stefan Ulrich, SZ 22.2.16)

1167: Wladimir Putins Welt

Sonntag, Februar 21st, 2016

So sehr sein aggressiver Neoimperialismus (siehe Tschetschenien, Ukraine, Syrien etc.) klar zutage tritt, so fragen sich doch viele Menschen im Westen, was Wladimir Putin eigentlich im Kern zu seiner Politik antreibt. Diese Frage versucht der französische Philosoph und Journalist Michel Eltchaninoff in seinem Buch

In Putins Kopf. Stuttgart (Tropen) 2016, 192 S.; 14,95 Euro

zu beantworten. Auch wenn die Analyse dort nicht vollständig ist, gibt sie uns wertvolle Hinweise.

Vorab sollte uns eines klar sein, dass es nämlich die Völker der Sowjetunion waren, die am meisten unter dem von uns Deutschen angezettelten Zweiten Weltkrieg gelitten haben und die die weitaus meisten Opfer gebracht haben. Das ist eine Tatsache.

Putins Politik ist davon gekennzeichnet, dass die russische Wirtschaft schwach ist und die soziale Lage der meisten Russen schlecht im Vergleich mit Westeuropa, was stets den Nationalismus beflügelt. In jeder Krise hat Putin seine Politik verschärft. Das gehört zusammen mit seinem persönlichen Herrschaftsanspruch (wechselnde Präsidentschaft etc.).

Putin bedient sich einer Mischung aus sowjetischem Denken, großrussischem Nationalismus und Panslawismus. Er hat drei Institutionen für seinen Machtanspruch eingespannt:

1. den Geheimdienst,

2. den militärisch-industriellen Komplex und

3. die russich-orthodoxe Kirche.

Sein „Antifaschismus“ ermächtigt den russischen Neoimperialismus dazu, sich über das Völkerrecht zu stellen (siehe Annexion der Krim).

Putins Eklektizismus verwendet aber ebenfalls Gedanken der „konservativen Revolution“ (Armin Mohler 1950), die von Autoren wie Carl Schmitt (1888-1985), Ernst Niekisch (1889-1967) und Ernst Jünger (1895-1998) ausgearbeitet worden sind. Dieses Denken ist

antidemokratisch,

antiliberal und

antiegalitär.

Deswegen sind die Verbindungen vom Putinismus zum europäischen Rechtsextremismus und Rechtspopulismus so gut (Richard Herzinger, Literarische Welt 20.2.16). „Die philosophischen Quellen des Putinismus, so verschieden sie auch sein mögen, beruhen alle auf zwei Grundtendenzen:

der Idee des Imperiums

und

der Apologie des Krieges.“

1166: Am Pranger: das reformpädagogische Milieu

Samstag, Februar 20th, 2016

Die Vereinigung deutscher Landerziehungsheime hat einen Forschungsauftrag über ihre Geschichte an den Rostocker Pädagogen Jens Brachmann vergeben. Dieser legt nun seine Ergebnisse vor:

Reformpädagogik zwischen Re-Education, Bildungsexpansion und Missbrauchsskandal. Die Geschichte der Vereinigung Deutscher Landerziehungsgeime 1947-2012. Bad Heilbrunn (Julius Klinkhardt) 2015, 704 S., 49,90 Euro.

Dass dabei der pädokriminelle Leiter der Odenwaldschule, Gerold Becker, in den Mittelpunkt der Analyse gerät, verwundert nicht. Brachmanns Studie stellt den gesamten Verband, die Pädagogik der Landerziehungsheime und das reformpädagogische Milieu insgesamt an den Pranger. Der Wissenschaftler konnte das Archiv der Vereinigung 1950 bis 1999 nutzen. Ob es „bereinigt“ wurde, ist unklar. Im Jahr 1999 hat der vielfach von Becker missbrauchte Altschüler Andreas Huckele dessen Übergriffe (zunächst in der „Frankfurter Rundschau“) veröffentlicht. Zunächst fast ohne Reaktion.

Zentrale Figur des Verbands war sein Syndikus Hellmut Becker, der „Bildungsbecker“. Er war es, der für die Landerziehungsheime die Öffentlichkeitsarbeit organisiert hat, ohne die sie bildungspolitisch nie die Rolle gespielt hätten, die ihnen überproportional zu ihrer Bedeutung zuwuchs. Beckers Personalpolitik war „unkonventionell“. So installierte er Gerold Becker als Schulleiter der Odenwaldschule. Zunächst mit einer mehrwöchigen Freistellung für die Abfassung einer Dissertation, aus der aber nichts wurde.

Gerold Becker wiederum gelang es, „eine Mannschaft von Mitarbeitern anzuheuern, die entweder von ihm abhängig waren oder deren eigene Integrität bereits beschädigt war“. Die Leitungsstrukturen der Odenwaldschule waren autokratisch. So konnte Gerold Becker nach seiner Entlassung 1987 seinen eigenen Nachfolger einsetzen.

Hellmut Becker beschaffte ihm ein Stipendium des Stifterverbands  für die deutsche Wissenschaft in Höhe von 120 000 Mark auf Grund einer vierseitigen Antragsskizze für eine Monografie. Gerold Becker  verbrachte danach acht Jahre in einem gut gepolsterten Wartestand, ehe er die Leitung des Verbands der Landerziehungsheime übernahm. Zwischen 1987 und 1990 bezog er ein Bruttogehalt von 7850 Mark zuzüglich einer steuerfreien Pauschale für Sachkosten in Höhe von 500 Mark.

Den Nachfolgern Gerold Beckers gelang es nicht mehr, die verwahrlosten Institutionen wieder aufzubauen und ihnen zukunftsfähige Strukturen zu geben (Heike Schmoll, FAZ 20.2.16). Das ist wahrscheinlich gut so.