Archive for the ‘Gesellschaft’ Category

1185: Der Untergang ist abgesagt.

Donnerstag, März 3rd, 2016

Der Ökonomie-Professor Thomas Straubhaar hat ein neues Buch vorgelegt:

Der Untergang ist abgesagt. Wider die Mythen des demografischen Wandels (Edition Körber Stiftung).

Er berücksichtigt dabei die Migration. Rainer Hank und Georg Meck haben Straubhaar für die FAS (28.2.16) interviewt. Ich mache daraus zehn (10) Thesen (für die ich natürlich die Verantwortung übernehme).

1. Wenn in Deutschland die Bevölkerung schrumpft, verteilt sich der Wohlstand auf weniger Köpfe.

2. Durch die Digitalisierung gibt es zunehmend weniger Arbeit.

3. Um die gegenwärtige Lücke am Arbeitsmarkt (Fachkräftemangel) zu schließen, genügt eine Steigerung der

Produktivität

zwischen 0,5 und 0,8 Prozent. Das schaffen wir spielend.

4. Besteuert werden müssen neben der Arbeit auch Maschinen und Roboter. Dann ist Alterung keine Bedrohung.

5. Eine Schrumpfung der Bevölkerung ist ein Glück auch für die Umwelt: weniger Staus, weniger intensive Landwirtschaft etc.

6. Mit der Zuwanderung wächst die Vielfalt und macht eine neue Definition davon erforderlich, was unsere Gesellschaft zusammenhält.

7. Schon heute reagiert die Politik auf den demografischen Wandel damit, dass sie Politik für die Alten (wie mich) und gegen die Jungen macht. Das ist falsch.

8. Die Zuwanderer haben vielfach nicht das passende Alter für unsere Gesellschaft. Deshalb brauchen wir weiterhin eine steigende Geburtenrate.

9. Die Migranten sind weder die Ursache für die meisten unserer Probleme noch deren Lösung.

10. Ein Volk von 81 Millionen Menschen kann jährlich ein bis zwei Millionen Menschen absorbieren.

1184: Die Blamage der Universität Freiburg

Mittwoch, März 2nd, 2016

Die Sportmedizin der Universität Freiburg war über Jahrzehnte das westdeutsche Dopingzentrum. Verantwortlich waren dafür so bekannte Professoren wie

Armin Klümper,

Joseph Keul,

Lothar Heinrich,

Andreas Schmid und

Georg Huber.

2007 hatte sich die Universität entschlossen, die Vorgänge umfassend aufzuklären. Das ist nun gescheitert, weil die „Unabhängige Evaluierungskommission zur Freiburger Sportmedizin“ bis auf ihre Vorsitzende Letizia Paoli (Belgien) geschlossen zurückgetreten ist. Wegen Behinderung ihrer Arbeit durch die Universität und ihren Rektor Hans-Jochen Schiewer.

U.a. waren fünf Kisten Geschäftsmaterial von Joseph Keul jahrelang verschwunden. Sie lagerten bei einer Uni-Angestellten. Im März 2015 gab es einen Alleingang des Kommissionsmitglieds Andreas Singler. Ohne Absprache mit der Kommission veröffentlichte er einen Zwischenbericht. Dabei wurde aufgedeckt, dass beim VfB Stuttgart und beim SC Freiburg in den späten 1970er und frühen 1980er Jahren Anabolika-Doping vorgenommen wurde.

Im Januar 2016 kam es zu einen neuen Forschungsskandal. Es gab in den 1980er Jahren erhebliche wissenschaftliche Mängel bei Dissertationen, Habilitationen und Fachpublikationen aus der Sportmedizin Freiburg. Mit ihrem Rücktritt machen die Kommissionsmitglieder darauf aufmerksam, dass sie erneut gegen die Behinderungen der Universität protestieren (Johannes Aumüller und Thomas Kistner, SZ 2.3.16).

„Einer der größten deutschen Sportskandale soll in der Schublade verschwinden. Das darf man der Uni Freiburg nicht durchgehen lassen. Nur: Wer könnte jetzt Druck ausüben? Stadt- und Landespolitiker sehen selbst schlecht aus in der Affäre, die Bande zu den prominenten Medizinern waren stets eng. Und vom Sport ist auch nicht viel zu erwarten. Zumal es Doping-Netzwerke wie in Freiburg ja nicht nur in der Vergangenheit gab.“ (Claudio Catuogno, SZ 2.3.16)

1183: Wie sind die US-Amerikaner ?

Dienstag, März 1st, 2016

Gayle Tufts ist eine US-amerikanische Komikerin und Kabarettistin, die seit 1992 hauptsächlich in Berlin lebt. Gemeinsam mit ihrem aus Israel stammenden Regie-Kollegen Yaron Goldstein ist sie von Sabine Oberpriller und Arnd Brummer für „Chrismon“ (3/2016) interviewt worden. Dabei äußert sich Tufts auch über die US-Amerikaner:

„Wir sind laut, wir sind enthusiastisch. Manchmal auch einfach ahnungslos. Das ist ‚very american: Hiiii! Woooow!‘ Ich liebe es, Amerikaner im Publikum zu haben. Bestenfalls resultiert daraus eine Hilfsbereitschaft, zu sagen: Hey, wir packen das an. Im schlimmsten Fall bedeutet ahnungsloser Enthusiasmus: Tea Party, Donald Trump. ‚Ich finde ihn gut!‘ – ‚Warum?‘ – ‚I don’t know!‘ Man fragt sich verzweifelt: Denken die nicht nach? Das ist problematisch. Für vieles fehlt ein Bewusstsein. Zum Beispiel kann man es in Amerika nicht mehr vom Tellerwäscher zum Millionär bringen: Es gibt nur noch Einweggedecke. Es ist so verschwenderisch. Man möchte ökologisch sein. Also packt man das Fahrrad in den riesigen SUV, fährt in den Naturpark und macht da Sport.“

1182: Seehofer will Guttenberg zurück.

Dienstag, März 1st, 2016

Wenn Horst Seehofer jemand als Feind erkannt hat, dann kann er sehr beharrlich daran arbeiten, dieser Person Schaden zuzufügen. Diesmal geht es um den fränkischen CSU-Mann Markus Söder, der u.a. als Minister bisher nahezu unangefochten auf die Nachfolge Seehofers zuzusteuern schien. Das will Horst Seehofer verhindern. In der bayerischen Staatsregierung und an der Spitze der CSU.

Nun hat er es sich einfallen lassen, den vor fünf Jahren wegen seines Betrugs bei seiner Doktorarbeit gefeuerten Karl-Theodor zu Guttenberg als Nachfolger zu unterstützen. Guttenberg leitet gegenwärtig in New York die Beratungsfirma „Spitzberg“. Und Guttenberg spielt mit. Der „Financial Times“ teilte er mit, dass er sehr viele Anfragen „auch aus der Partei“ erhalte. Guttenberg gebärdet sich nicht mehr trotzig, sondern demütig. Er hat ein Schuldeingeständnis abgelegt (Roman Deiniger und Wolfgang Wittl, SZ 29.2.16; Roman Deiniger, SZ 1.3.16).

Was ist eigentlich mit der Doktorarbeit von Ursula von der Leyen?

1181: Rechtspopulisten gewinnen nicht immer.

Dienstag, März 1st, 2016

Überall, wo freie Wahlen möglich sind, scheinen Rechtspopulisten auf dem Vormarsch zu sein. In Frankreich, Großbritannien, Ungarn, Polen, der Schweiz, den USA (vgl. den Suppenkasper Donald Trump) und Deutschland beispielsweise. Da zeigt mitten in der europäischen Flüchtlingskrise die Volksabstimmung in der Schweiz über die schnellere Abschiebung von kriminellen Ausländern, dass es sich hier nicht um ein Naturgesetz handelt. Denn die SVP, die seit eh und je davon lebt, die Angst vor Überfremdung und vor kriminellen Ausländern zu schüren, hat die Wahl verloren. Ungefähr 60 Prozent der Schweizer haben dagegen gestimmt.

Die Zivilgesellschaft hat sich eingeschaltet. Rechtsprofessoren, Künstler und Politiker haben vor Totalitarismus und Willkür gewarnt. Sie haben Anzeigen geschaltet und sich nicht gescheut, wie die SVP plakative Aussagen zu machen. Plötzlich wurde nicht mehr über rumänische Einbrecher und den Kölner Hauptbahnhof diskutiert, sondern über die Verwundbarkeit der demokratischen Rechtsordnung. Das zugleich beschlossene Schweizer Abschieberegime ist scharf genug. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte will die Rechtsprechung in der Schweiz beobachten.

Wir lernen daraus, dass auch außerhalb der Schweiz die Wähler nicht unterschätzt werden sollten. Sie sind keine dumme Volksmasse.

Und die Nichtwähler sollten wissen, dass sie ihre stärksten Gegner unterstützen (Charlotte Theile, SZ 29.2. und 1.3.16).

1180: Vom Nutzen und Nachteil von Vorurteilen für das Leben

Sonntag, Februar 28th, 2016

1. Ohne Vorurteile kämen wir gar nicht durch das Leben. Sie erlauben uns, die Welt zu ordnen, in Gruppen einzuteilen und nicht die Übersicht zu verlieren. Alles das, was unter „Gruppendynamik“ zu lernen ist.

2. Dabei stellt sich unversehends die Einteilung in „wir“ und „die da“ ein.

3. In der gegenwärtigen Medienwelt werden viele Vorurteile nicht mehr offen ausgesprochen (besonders in Deutschland), sind deswegen aber noch nicht verschwunden.

4. Unsere Vorurteile bilden sich nach dem Vorbild der Eltern, soweit sie noch da sind.

5. Wie ein ideologischer Bodensatz ist bei uns in Europa der Antisemitismus da, der häufig auch dort virulent wird, wo es in erster Linie gar nicht um Juden geht. Sondern etwa um Migranten.

6. In Stadtvierteln und Gegenden, in denen es viel Zuwanderung gibt, existieren weniger Vorurteile gegenüber den Migranten als anderswo.

7. In Deutschland gibt es den Antisemitismus nicht erst seit Hitler. Er war auch bei besser beleumdeten Autoren vorhanden wie

Martin Luther (1483-1546),

Ernst Moritz Arndt (1769-1860),

Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1831),

Richard Wagner (1813-1883) und

Theodor Fontane (1819-1898).

8. Antisemitismus wird heute gerne getarnt als Antizionismus oder „Kritik an Israel“.

9. In der Anonymität des World Wide Web (WWW) ist der dort verbreitete Hass („Hate Speech“) viel unverstellter als in der analogen Welt.

10. a) Geläufig sind Bezeichnungen wie „Ratten“ (Fritz Hippler, der Regisseur des Hetzfilms „Der ewige Jude“ 1940), „Ratten und Schmeißfliegen“ (Franz Josef Strauß), „Pinscher“ (Ludwig Erhard), „Viehzeug“, „Gelumpe“ und „Dreckspack“ (Lutz Bachmann), „Parasiten“, „Schmarotzer“, „Volksverräter“, „Lügenpresse“ etc.

b) Facebook und Co stellen den Hetzern ihre Plattformen zur Verfügung und geben vor, nicht einschreiten zu können, wenn gegen ihre Guidelines nicht verstoßen worden ist.

c) Twitter gibt jedem die Möglichkeit, unter Pseudonym jeden anzusprechen und zu beschimpfen (Michael Brendler, FAS 28.2.16).

1179: Rotherham – harte Strafen für die Täter

Samstag, Februar 27th, 2016

Zwischen 1997 und 2013 sind im nordenglischen Rotherham mehr als 1.400 Minderjährige – meist Mädchen aus sozial prekären Verhältnissen – sexuell missbraucht worden. Stadtverwaltung, Polizei und Lokalpolitiker hatten Hinweise darauf, wurden aber nicht tätig, um nicht als Rassisten zu gelten. Jetzt hat ein Strafgericht in Sheffield erste Täter verurteilt. Den Bandenführer Arshid Hussain zu 35 Jahren Gefängnis, seine Brüder Basharat und Bannara zu 25 bzw. 19 Jahren, seinen Onkel Ourban Ali zu zwölf Jahren Gefängnis. Sie stammen aus Pakistan.

Allein den drei Brüdern wurden mehr als fünfzig Sexualdelikte nachgewiesen, darunter Vergewaltigungen an zwölf und dreizehn Jahre alten Mädchen. Verurteilt wurden auch zwei Frauen. Sie hatten Räume für den Missbrauch zur Verfügung gestellt.

Der britische Innenminister erwägt, den Verurteilten, die zwei Pässe besitzen, die britische Staatsbürgerschaft zu entziehen, um sie abschieben zu können (FAZ 27.2.16).

1178: Die Krise der SPD

Samstag, Februar 27th, 2016

1. Die SPD profitiert nicht mehr von den Rückgängen der CDU wie früher. Dafür die AfD. Das ist das Hauptverdienst von Horst Seehofer und der CSU.

2. In Baden-Württemberg liegt die SPD bei 16 Prozent (und das kann m.E. nicht an der Arbeit der SPD-Minister Nils Schmidt, Reinhold Gall, Andreas Stoch, Bilkay Öney und Simone Altpeter liegen), CDU und Grüne bei 30. In Sachsen-Anhalt könnte die SPD vierte Kraft hinter

– CDU,

– Linken und

– AfD

werden.

3. Beim Asylpaket II hat ein gutes Viertel der SPD-Fraktion nicht für die große Koalition gestimmt.

4. Sigmar Gabriel hat häufig Probleme mit Journalisten.

5. Die SPD fühlt sich in der Großen Koalition unter Wert gehandelt. Das haben früher schon Frank Walter Steinmeier und Peer Steinbrück so wahrgenommen.

6. Angesichts des Rassismus von Heidenau sprach Sigmar Gabriel zu Recht vom „Pack“. Dieses latent rechtsextreme Milieu müsste gemeinsam mit der Union stärker bekämpft werden.

7. In der europäischen Flüchtlingskrise erinnert sich die SPD wieder an die angeblich von ihr vertretenen sozial Schwachen. Mit einem „Solidaritätsprojekt“. Sie denkt an die Pflegeversicherung, die Erhöhung der Niedrigrenten und die Besserstellung von Leiharbeitern. Wahrgenommen wird das anscheinend kaum.

8. Die Flüchtlingspolitik der Bundeskanzlerin stützt die SPD eisern. Wie die Wirtschaftsverbände (BDI, BDA, DIHT, Zentralverband des deutschen Handwerks). (Nico Fried, SZ 27./28.2.16, Josef Kelnberger, SZ 27./28.2.16)

1177: Komische Oper Berlin – kein dekadenter Haufen

Freitag, Februar 26th, 2016

Meine Frau, meine Kinder und ich haben in der letzten Zeit einige sehr anregende und amüsante Aufführungen in der Komischen Oper Berlin in der Behrenstraße erlebt. Deren Intendant Barrie Kosky, der 1967 in Melbourne (Australien) geboren wurde, ist von Christian Mayer und Verena Mayer für die SZ (26.2.16) interviewt worden.

SZ: Oper heute heißt: großzügig vom Staat subventioniert.

Kosky: Ja, und es ist ein Privileg, von der öffentlichen Hand Geld für Kunst zu bekommen. Im australischen System, aus dem ich komme, muss man erst drei Viertel des Budges bei privaten Sponsoren eintreiben. Dennoch sind wir hier an der Komischen Oper Berlin kein dekadenter Haufen. Alles ist streng budgetiert, jeder Knopf, jedes Schuhband.

SZ: Die teuerste Karte kostet an der Komischen Oper 92 Euro. Ist das nicht zu günstig, um Kosten zu decken?

Kosky: Klar, wenn man es mit London oder New York vergleicht. Oder Madrid: Über 350 Euro für eine Premieren-Karte im Parkett! Aber in Berlin und selbst in München würde das Publikum niemals so viel bezahlen. Unsere Angst ist immer, dass Gelder gekürzt werden und man die Preise erhöhen muss. Aber dann kommen nur noch Zuschauer, die sich solche Mondpreise leisten können, und man muss Star-Theater machen wie an der Mailänder Scala. Und irgenwann ist man nicht nur elitär, sondern auch künstlerisch irrelevant. Wir möchten Kunst auf höchstem Niveau machen, die für alle zugänglich ist.

1176: Kamel Daoud beendet Journalismus.

Freitag, Februar 26th, 2016

Kamel Daoud war acht Jahre lang Chefredakteur des „Quotidien d’Oran“. Sein Blatt war die schärfste Gegenstimme gegen die algerischen Gerontokraten, die noch aus dem nordafrikanischen „Sozialismus“ kommen. Zugleich beklagte Daoud die verheerenden Auswirkungen der islamischen Theokratie in der arabischen Welt.

Nun hat Daoud seinen Rückzug aus dem Journalismus angekündigt. Grund dafür sind ausgerechnet Angriffe französischer Historiker, Anthropologen und Soziologen. Daoud hatte nach der Kölner Silvesternacht in internationalen Zeitungen (darunter der FAZ) zwei Texte veröffentlicht, in denen er westlichen Medien die „Reaktivierung alter Ängste vor einer Invasion der Barbaren  nach dem Muster des Gegensatzpaares ‚barbarisch‘ – ‚zivilisiert'“ vorgeworfen hatte.

Dann hatte er selbst so eindringlich wie drastisch davor gewarnt, kulturelle  Unterschiede zwischen der westlichen und der islamischen Welt zu ignorieren. „Der Andere kommt aus jenem riesigen schmerzvollen und grauenhaften Universum, welches das sexuelle Elend in der arabisch-muslimischen Welt darstellt, mit ihrem kranken Verhältnis zur Frau, zum Körper und zum Begehren.“ Die Integration könne kaum gelingen, solange „die Frau in der Welt Allahs verleugnet, abgewiesen, getötet, vergewaltigt, eingschlossen und besessen“ werde.

Seine französischen Kritiker warfen Daoud vor, er bediene damit die islamophoben Fantasien eines immer größeren Teils der europäischen Öffentlichkeit. Daoud fiel aus allen Wolken. Offenbar stecke er selbst aber in einer Zwickmühle: Dadurch dass er in der Heimat die islamische Theokratie angreife, befeuere er anscheinend in Europa den Hass auf Moslems (Alex Rühle, SZ 26.2.16).