Archive for the ‘Gesellschaft’ Category

1195: Benjamin von Stuckrad-Barre reizt in „Panikherz“ seinen Kampfhund.

Sonntag, März 13th, 2016

Zum ersten Mal habe ich Benjamin von Stuckrad-Barre erlebt auf dem gemeinsamen 100. Geburtstag seiner Eltern im Hainholzweg in Göttingen. Dort „moderierte“ er das Fest. Und er war dabei schon so schnell, cool und brillant, dass ich merkte, diese Power hätte für andere vernichtend sein können. Benjamin von Stuckrad-Barre hat aber  den Weg der Sucht und Selbstvernichtung gewählt. Das ist literarisch zumindest sehr ertragreich. Und da will er nun wieder heraus.

In seiner „Lebensbeichte“ (Memoir)

Panikherz. Köln (Kiepenheuer & Witsch) 2016, 564 S.,

kommt Göttingen häufig vor. Da werde ich als lokaler Spießer voll angesprochen. Max-Planck-Gymnasium, Café Kadenz, Literaturherbst, Nudelhaus etc. Und die lange Begründung, warum unser Autor nicht zur Feier des 20-jährigen Abiturs kommt, hat viel mit mir zu tun („Das müssen wir unbedingt wiederholen.“ „Ich bin ein totaler Familienmensch.“ „Du hast dich ja echt kaum verändert.“). Aber da, wo Stuckrad-Barre mich davon überzeugen  will, dass ich „Effi Briest“ gar nicht erst ganz lesen soll, stimme ich nicht zu.

Natürlich habe ich auch das verarbeitet, was Andrian Kreye (SZ 10.3.16), Helene Hegemann (Spiegel-Online 12.3.16), Klaus Bittermann (taz 3.3.16), Adam Soboczynski (Die Zeit 10.3.16), Boris Pofalla (FAS 13.3.16) et alii über „Panikherz“ gefragt und geschrieben haben. Das fließt dann mit ein. So weit ich will.

1998 erschien von Benjamin von Stuckrad-Barre „Soloalbum“. Und dann in relativ schneller Folge „Livealbum“, „Remix“, „Blackbox“, „Transskript“, „Deutsches Theater“. Das habe ich gar nicht alles gelesen. Wo aber doch, erwies sich Stuckrad-Barre als scharfer Beobachter und Formulierer.

Der Autor wollte uns aus den Zwängen von 1968 befreien, das für ihn (zu seinem Glück) seine Eltern in ihrem evangelischen Pfarrhaus repräsentierten, auch wenn manchmal „Das weiße Band“ durchschimmerte. Ironie, Posing, Popstar-Allüren kennzeichneten seinen Stil. Stuckrad-Barre erfand einen neuen Ton. In seiner Bedeutung auf einer Höhe mit Christian Krachts „Faserland“ (1995).

Im „Literarischen Quartett“ fand Maxim Biller „Panikherz“ „moralisierend“ und „ekelhaft“. Aber was wollen wir von einem Kritiker anderes erwarten, der in seinen eigenen Texten zwanghaft auf Pointen ausgeht und dabei im eigenen Vorgarten hängen bleibt. Eva Menasse lobte das Buch zu Recht als „herzanrührend“ und „witzig“.

Stuckrad-Barres Begabung blieb Publizisten wie Friedrich Küppersbusch, Harald Schmidt und Helmut Dietl nicht verborgen. Für alle hat unser Autor geschrieben. Und sich dabei anscheinend literarisch mächtig entwickelt. Aber die Zusammenarbeit endete erwartungsgemäß nicht immer in Wohlgefallen. So sagt Stuckrad-Barre 2016: „Am Ende hatte das, was Harald Schmidt machte, nie Herz, und vielleicht ist es auch nicht die Aufgabe des Satirikers, ein Herz zu haben. Aber dadurch bleibt das auch immer nur Kabarett. Künstlerisch größer ist es, sich hinzustellen, das Hemd aufzureißen und wahrhaftig zu sein. Das ist riskanter, das kann schiefgehen, es kann sogar peinlich sein …“ Na ja.

Der Meinungsführer, dem Stuckrad-Barre weiter folgt, ist ausgerechnet Udo Lindenberg. Wer den wie ich überwiegend als Nuschler, Nösler und Verschlammer von Wichtigem erlebt, bekommt da seine Schwierigkeiten mit „Panikherz“. Auch die Hollywood-Passagen, die Stuckrad-Barre über seine Erholung in Los Angeles nach dem Entzug schreibt, packen mich nicht. Bret Easton Ellis soll bekennender Knausgard-Fan sein. Langeweile als Prinzip.

Benjamin von Stuckrad-Barres eigene Geschichte ohne jedes Namedropping hätte für das Buch vollkommen gereicht. „Ich selbst kannte mich einfach zu gut, um mich zu mögen.“ Das kommt von der Sucht. Das Leben zwischen Fressen und Kotzen in die Kloschüssel wird hier authentisch. Und die deprimierendste Eigenschaft der Drogensucht ist bekanntlich, dass sie zu einem wirklich spießigen Leben führt. Die „totale, zwanghafte Regelmäßigkeit, die nichts so fürchtet wie Varianten und Abwechslung.“

Sex und Frauen, von denen ich so gerne lese, kommen in Stuckrad-Barres Buch nicht vor. Das hat Boris Pofalla (FAS 13.3.16) als gentlemanesk bezeichnet. Es kann aber sein, dass der Autor gefürchtet hat, dann so weit an die Wahrheit heranschreiben zu müssen, dass es für ihn unerträglich geworden wäre. „Die Erinnerung ist die einzige Hölle, aus der es kein Entrinnen gibt. Und an sie zu rühren, sie zu betreten, sie mit Gegenwart aufzuladen, heißt, einen Kampfhund zu reizen.“

Allen, die nicht vom ruralen und veganen Leben auf dem Lande träumen, empfehle ich, „Panikherz“ zu lesen.

1194: Hemingway entlarvte großen Bluff.

Samstag, März 12th, 2016

Donald Trump hat vor einigen Tagen Benito Mussolini zitiert: „Es ist besser, einen Tag lang wie ein Löwe zu leben als hundert Jahre wie ein Schaf.“ Das ist einer dieser blöden Sprüche, die den Menschen imponieren, die immerfort von Größe und Stärke schwadronieren. Er atmet den Geist der Propaganda.

Als er noch Reporter des „Toronto Daily Star“ war, 1923, hat Ernest Hemingway Mussolini schon entlarvt. Er sei „the biggest bluff in Europe“. Es sei „eine sehr gefährliche Sache, den Patriotismus einer Nation zu organisieren, wenn man nicht redlich ist.“

Das erleben wir heute wieder. In Europa und den USA. Dort hat Donald Trump als die größte Luftnummer seit Jahrzehnten Erfolg. Das haben sich die Republikaner selber zuzuschreiben. Und das Misstrauen, die Verachtung und die Wut, die Trump genährt hat, werden wachsen.

„Europa weiß, wie das enden kann. Der Kontinent erlebt gerade selbst die Wiederkehr der starken Männer (und Frauen), die von

Moskau über Budapest und Dresden bis Paris

den verunsicherten Menschen erzählen, alle Probleme seien gelöst, wenn man nur die Schwarzen, Araber, Muslime (oder wer sonst der Sündenbock des Tages ist) aussperre und rauswerfe. Wenn man nur mal kräftig dreinschlage in das verrottete, korrupte ‚System‘.“ (Hubert Wetzel, SZ 3.3.16)

Lassen wir uns nicht in die Irre führen.

1193: Das Ungeheuerliche am NSU

Freitag, März 11th, 2016

Angesichts der drei Landtagswahlen am Sonntag in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt, von denen gesagt wird, dass sie bedeutsam seien, ist es gut, sich vor Augen zu führen, wie die Lage tatsächlich zu beurteilen ist. Das kann Annette Ramelsberger, die für die SZ vom ersten Tag an den NSU-Prozess in München verfolgt. Sie schreibt (5./6.3.16):

„Das Ungeheuerliche am NSU sind nicht Zschäpe, Mundlos und Bönhardt, auch nicht das abgrundtiefe Versagen von Polizei und Verfassungsschutz. Das Ungeheuerliche ist die Erkenntnis, dass die Terrorzelle gar nicht auffiel – unter verkappten Rechten, dummdreisten Verdrängern, stolzen Rebellen gegen einen Staat, der ihnen angeblich vom Westen aufgedrückt wurde. In dem Prozess wird deutlich: Die zehn Morde des NSU haben nicht alle erschüttert, viele lassen die Taten seltsam unberührt. Der rechte Rand ist viel breiter als gedacht, und das nicht nur im Osten.“

Machen wir uns klar: Phänomene wie Pegida, AfD, NPD kommen mitten aus der Gesellschaft. Das wissen wir doch, seit wir die politische Entwicklung in Deutschland seit dem Ende der zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts in den Blick nehmen. Da gibt es nichts zu beschönigen.

Das Gute ist ja: Wir anderen sind auch noch da.

Und wir vertrauen – letztlich – seriösen Parteien wie CDU/CSU, SPD und Grünen.

Wenn Tatjana Festerling von Pegida ihre Anhänger auffordert, die „volksverratenden, volksverhetzenden Eliten aus den Parlamenten, aus den Gerichten, aus den Kirchen, aus den Pressehäusern zu prügeln“, dann wissen wir, womit wir es zu tun haben. Und Herr Gauland von der AfD gibt den feinen Pinkel, der sich eine solche Ausdrucksweise niemals einfallen lassen würde. Er ist der typische Steigbügelhalter für ganz andere Kräfte.

1192: Bachelot: Rafael Nadal war gedopt.

Freitag, März 11th, 2016

Roselyn Bachelot ist ausgebildete Pharmazeutin. Von 2007 bis 2010 war sie im Kabinett von Präsident Nicolas Sarkozy französische Sportministerin. Sie bezieht sich auf die Patellasehnen-Verletzung von Rafael Nadal 2012 nach seiner Niederlage in Wimbledon:

„Wir wissen, dass die berühmte Verletzung von Rafael Nadal, wegen der er sieben Monate lang pausieren musste, darauf zurückzuführen war, dass er bei einer Dopingkontrolle positiv getestet wurde.“

„Wenn ein Tennisspieler mehrere Monate lang aussetzen muss, liegt das daran, dass er positiv auf Doping gestestet wurde und das vertuscht werden soll. Das passiert nicht immer, aber durchaus häufig.“ (JC, SZ 11.3.16)

 

1191: MHH: Fehler ohne Fehlverhalten

Donnerstag, März 10th, 2016

Die Medizinische Hochschule Hannover (MHH) erkennt in der Doktorarbeit (Robert Rossmann, Roland Preuss, Thomas Hahn, SZ 10.3.16) von Ursula von der Leyen („C-reaktives Protein als diagnostischer Parameter zur Erfassung eines Amnioninfektionssyndroms bei vorzeitigem Blasensprung und therapeutischem Entspannungsbad in der Geburtsvorbereitung“)

Fehler ohne Fehlverhalten.

Daraus ergeben sich Fragen:

1. Werden von der MHH auch künftig fehlerhafte Doktorarbeiten angenommen, sofern kein Fehlverhalten vorliegt?

2. Soll das alte Vorurteil bestätigt werden, dass medizinische Doktorarbeiten regelmäßig Fehler aufweisen, die ohne Fehlverhalten zustande gekommen sind und deswegen hingenommen werden?

1190: Dopingfälle im Tennis seit 1995

Mittwoch, März 9th, 2016

1995: Mats Wilander (Schweden) Kokain (drei Monate Sperre),

1998: Petr Korda (Tschechien) Nandrolon (ein Jahr),

2000: Juan Ignacio Chela (Argentinien) Methyltestosteron (drei Monate),

2001: Guillermo Coria (Argentinien) Nandrolon (sieben Monate),

2003: Mariano Puerta (Argentinien) Clenbuterol (neun Monate),

2007: Martina Hingis (Schweiz) Kokain (zwei Jahre),

2009: Richard Gasquet (Frankreich) Kokain (zweieinhalb Monate),

2012: Barbora Strycova (Tschechien) Sibutramin (sechs Monate),

2013: Marin Cilic (Kroatien) Nikethamid (neun Monate),

2013: Viktor Troicki (Serbien) verweigerte Blutprobe (ein Jahr),

2016: Maria Scharapowa (Russland) Meldonium (noch offen).

(Jürgen Schmieder, SZ 9.3.16)

 

1189: Horst Janssens Dilemma

Mittwoch, März 9th, 2016

Der Zeichner Horst Janssen (1929-1995) ist in Hamburg sehr berühmt. Weiter südlich nicht mehr so. Manche von uns hingen ihm an auch aus Oldenburger Nostalgie. Wir konnten uns halten an

Stefan Blessin: Horst Janssen. Eine Biografie. 1984.

Nun ist eine neue Biografie erschienen:

Henning Albrecht: Horst Janssen. Ein Leben. Reinbek (Rowohlt) 2016, 720 S., 29,95 Euro.

Sie verlässt aber kaum die schon von Blessin beschrittenen Wege. Auch das Rabaukenhafte an Janssen spart der Biograf nicht aus. Der Rezensent  der „Literarischen Welt“ (5.3.16), Hans-Joachim Müller, der sich als sehr kundig erweist, macht darauf aufmerksam, dass Joachim Fest, Fritz J. Raddatz, Rudolf Augstein und Ernst Jünger Fans von Horst Janssen waren.

Dann kommt er auf Horst Janssens Dilemma zu sprechen: „Wenn man das riesenhafte Werk überblickt, dann begegnet man Blatt für Blatt einer stupenden Begabung. Aber man könnte nicht wirklich sagen, wofür sie eingesetzt ist, wem sie dient. Eine Haltung zur Welt, ein Reflex auf Zeit und Geschichte, ist diesem Zeichnen nicht zu entnehmen. Es herrscht auf der langen Strecke ein vergnüglicher Plauderton, dem da und dort eine Groteske, ein Witz gerät, der im nächsten Blatt schon wieder kassiert wird. Er fließt einfach dahin, der Janssen-Strich, unaufhaltsam, und ganz wird man das Gefühl nie los, dass es aufs Ende gesehen doch verlorene, leere Energie ist, die sich da verausgabt hat.“

 

1188: Heinrich Gerlachs Roman 1949/1957/2016

Dienstag, März 8th, 2016

In unserer Bibiliothek steht Heinrich Gerlachs Roman

Die verratene Armee. München (Deutscher Taschbuchverlag) 1962 (1957), 313 S.

Meine Frau hat ihn als Schülerin (Abitur 1966) noch gelesen. Und sie kannte den Autor Heinrich Gerlach (1908-1991) persönlich. Er war Lehrer am Gymnasium Brake, wo sie Schülerin war. Sie hatte ihn aber nicht im Unterricht. Der Roman war ein Bestseller. Die zehntausend (10.000) Exemplare der ersten Auflage waren schnell vergriffen. Es lagen Anfragen aus aller Welt für Übersetzungen vor. Das Buch wurde in viele Sprachen übersetzt.

Heinrich Gerlachs Roman hat eine eigentümliche, ja einmalige Geschichte. Geschrieben wurde er zuerst bis 1949 in sowjetischer Gefangenschaft. Gerlach hatte als Offizier an der Schlacht um Stalingrad (1942/43) teilgenommen. Aber der sowjetische Geheimdienst entdeckte das Manuskript und auch die eigens angefertigte Miniversion, so dass Gerlach 1950 nach Deutschland ohne das Manuskript zurückkam. Aber er konnte es mit Hilfe eines Hypnotiseurs rekonstruieren. 1957 erschien „Die verratene Armee“. An dem Erfolg wollte der Hypnotiseur partizipieren. Er verlangte Geld von Heinrich Gerlach. Die beiden verglichen sich.

Indessen hatte nach 1990 der Gießener Germanist Carsten Gansel erfahren, dass die Moskauer Archive wieder für die internationale Forschung geöffnet seien. Mit einem Mitarbeiter machte er sich auf nach Moskau. Und tatsächlich fand er dort Gerlachs Originalmanuskript unter dem Titel „Durchbruch bei Stalingrad“. Es erscheint 2016.

Heinrich Gerlach: Durchbruch bei Stalingrad 1944. Herausgegeben und mit einem Nachwort von Carsten Gansel. Galiani-Verlag, 693 S., 34 Euro.

Verblüffend sind die Übereinstimmungen mit „Die verratene Armee“. Der Schriftsteller Heinrich Gerlach kann wiederentdeckt werden. Er hat einen wirklichen Anti-Kriegsroman geschrieben. Selbst Kriegsverbrechen der Deutschen Wehrmacht werden thematisiert. Der Titel „Die verratene Armee“, der manche von uns an die falsche These von der im Gegensatz zu den Nazis sauberen Armee erinnert, steht für einen Anti-Kriegsroman. Gerlach hat keinen „Offiziersroman“ geschrieben, „sondern dokumentiert – und das macht ihn so besonders – das Leben und Empfinden der Soldaten aller Ränge“ (Julia Encke, FAS 6.3.16).

1187: IOC will, dass Russlands Athleten in Rio dabei sind.

Montag, März 7th, 2016

Obwohl ein ARD-Team unter Hajo Seppelt gerade wieder gezeigt hat, dass in der russischen Leichtathletik das systematische Doping unter staatlicher Anleitung weitergeht (WDR, Sport inside, 6.3.16, 22.05-22.35 Uhr), will das IOC, dass die russischen Leichtathleten bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro an den Start gehen. Hier zeigt sich die Verkommenheit der IOC-Politik unter dem aus Deutschland stammenden Thomas Bach. Er pflegt gute Beziehungen zu Putin und anderen Potentaten und versucht gleichzeitig, das Image des IOC zu pflegen. Mit Geld geht wahrscheinlich vieles (Johannes Knuth, SZ 7.3.16).

1186: Odenwaldschul-Abwicklung

Montag, März 7th, 2016

Pünktlich zur Abwicklung der Odenwaldschule erscheint das Buch dazu:

Jürgen Oelkers: Pädagogik, Elite, Missbrauch. Die „Karriere“ des Gerold Becker. Beltz Juventa 2016, 608 S., 58 Euro.

Es zeigt in einem noch stärkeren Maße, als wir es schon wussten, den zeitweiligen Schulleiter Gerold Becker als pädagogischen Hochstapler und Kinderschänder (Tanjev Schultz, SZ 7.3.16).