Archive for the ‘Gesellschaft’ Category

1205: Briefwechsel Peter Suhrkamp – Annemarie Seidel 1935-1959

Montag, März 28th, 2016

An den jahrelangen bitteren Machtkampf im Suhrkamp Verlag und an die Querelen um den Umzug von Frankfurt nach Berlin erinnern viele sich noch allzu gut. Dass der Suhrkamp Verlag in der deutschen Publizistik nach 1945 eine überragende Rolle spielt, kann keine Frage sein. Er trägt den Namen von Peter (eigentlich: Johann Heinrich) Suhrkamp, der 1936 und 1950 jeweils auf eigentümliche Weise in seinen Besitz kam. Das ist eine heute noch nicht voll aufgeklärte Geschichte. Für die einen ist Peter Suhrkamp der aufrechte Widerstandskämpfer, der die Reste des S. Fischer Verlags erfolgreich über die Nazizeit gebracht hat, für die anderen hat er sich „seinen“ Verlag ergaunert.

Licht ins Dunkel bringen könnte der Briefwechsel

Peter Suhrkamp – Annemarie Seidel: „Nun leb wohl! Und hab’s gut!“ Briefe 1935-1959. Hrsg. von Wolfgang Schopf. Berlin (Suhrkamp) 2016, 847 S., 48,00 Euro.

Aber das geschieht nur partiell. Der hochdekorierte Stoßtruppführer des Ersten Weltkriegs, Peter Suhrkamp, verliebte sich Anfang der dreißiger Jahre in Annemarie Seidel. Sie heirateten 1935. Von da an bis zum Tod Suhrkamps 1959 datieren die 345 Briefe, die eine große und schmerzhafte Lektüre bereiten. Für Peter Suhrkamp war es die vierte Ehe. Einen Tag nach seinem Tod hätte sie geschieden werden sollen.

Der oldenburgische Bauernsohn aus Munderloh (über dieses Dorf gibt es einen Band mit Erzählungen von Peter Suhrkamp aus dem Jahr 1957), wo meine Schwägerin

Barbara Diepold

von 1963 bis 1967 Lehrerin war, hatte vor und nach dem Ersten Weltkrieg Germanistik studiert und als Lehrer gearbeitet, bevor er 1929 für den S. Fischer Verlag Herausgeber der „Neuen Rundschau“ wurde und im Feuilleton des „Berliner Tageblatts“ arbeitete. 1932 wurde Suhrkamp Mitarbeiter bei S. Fischer.

Briefe schrieben sich Suhrkamp und Seidel hauptsächlich dann, wenn sie getrennt waren. Suhrkamp versuchte im Nationalsozialismus den Spagat zwischen Integrität und Verrat. Ein lebensgefährliches Projekt. Wegen des Verdachts der Vorbereitung des Hoch- und Landesverrats wurde der Verleger 1944 von der Gestapo verhaftet. Er kam ins Gestapo-Gefängnis Lehrter Straße und ins Konzentrationslager Sachsenhausen. Hier wurde seine schon im Ersten Weltkrieg schwer lädierte Gesundheit endgültig zerstört. Im Februar 1945 wurde er todkrank entlassen.

In der Haftzeit nehmen die Briefe an Zahl und Intensität zu. Das Paar ist rührend umeinander besorgt. Suhrkamp macht sich Sorgen wegen Seidels starkem Alkohol- und Tablettenkonsum. Er hat Verbindungen zu den Nazis, die dem S. Fischer Verlag, der 1936 aufgeteilt worden ist, zugute kommen. Gottfried Bermann Fischer hatte mit dem Teil des Verlagsprogramms, der wie die Bücher von Thomas Mann nicht mehr in Deutschland gedruckt werden konnte, Deutschland verlassen. Suhrkamp suchte sich Kommanditisten und übernahm den Rest. Er pflegte enge Beziehungen zu seinen Autoren. Seinen Verlagsanteil als persönlich haftender Gesellschafter finanzierte seine Frau, die zeitweise im Verlag arbeitete. Sie zog sich häufig in ihr Haus in Kampen auf Sylt zurück (1953 kauft es Axel Springer). Die Nazis erzwangen den Namen Suhrkamp Verlag.

In den Briefen ist immer mehr von der Verlagsarbeit die Rede. „Es kann mir ja vieles, sehr vieles schief gehen, …“ „Ich spüre genau, wann du mir Hilfe schickst; und ich nehme mich auch zusammen und schüttle Düsterkeiten möglichst bald ab, damit du nicht darunter zu leiden hast.“ 1945 bekommt Peter Suhrkamp die erste Verlagslizenz der britischen Militärregierung. Aber die lange geplante Zusammenlegung der beiden Verlage scheitert 1950. War 1936 doch einen „Arisierung“ gewesen? Die meisten Autoren votieren für Peter Suhrkamp. Hermann Hesse setzt sich besonders für den neuen Verlag ein. Peter Suhrkamp lanciert die Edition Suhrkamp (Tilman Lahme, FAZ 26.3.16).

Suhrkamp und Seidel leben seit 1950 nicht mehr zusammen. Zu einer Scheidung kommt es aber nicht, weil einen Tag vor dem geplanten Termin der schwerkranke Peter Suhrkamp stirbt. Den Suhrkamp Verlag übernimmt als alleiniger Gesellschafter Siegfried Unseld, der seit 1951 dort Mitarbeiter war. Bei Suhrkamp werden Autoren verlegt wie Theodor W. Adorno, Samuel Beckett, Bertolt Brecht, Max Frisch, Carl Zuckmayer, Thomas Bernhard, Martin Walser und viele andere prominente Schriftsteller.

1204: Georg-Lukacs-Archiv wird geschlossen.

Donnerstag, März 24th, 2016

Im Zuge der rechtspopulistischen Neuordnung der ungarischen Politik wird das

Georg-Lukacs-Archiv

in Budapest geschlossen. Das teilte die Ungarische Akademie der Wissenschaften mit. Die Arbeit des Archivs, das Werk eines der großen marxistischen Philosophen des 20. Jahrhunderts zu erschließen und erforschen, endet damit. Die auf vielen Blättern gemachten Notizen Georg Lukacs‘ (1885-1971) werden auseinandergerissen, Briefe, Manuskripte und Bücher getrennt (Jens Bisky, SZ 21.3.16).

Georg Lukacs hatte an der Universität seiner Heimatstadt Budapest studiert, von der er 1906 zum Dr. rer. oec. und 1909 zum Dr. phil.promoviert wurde. Von 1909 bis 1918, dem Jahr seiner Rückkehr nach Budapest, lebte Lukacs in Heidelberg und Berlin. Er bewegte sich im Feld der Neukantianer (Emil Lask, 1875-1915) und gehörte zum Kreis um Max Weber (1864-1920) und Georg Simmel (1858-1918).

1915 veröffentlichte Lukacs seine

„Theorie des Romans“,

welche heute noch gelesen wird und welche die Geschichte ins Zentrum des gesellschaftlichen Lebens und des Romans rückt. Lukacs prägte den Begriff der „transzendentalen Obdachlosigkeit“. Seine Vorbilder fand er im Roman des 19. Jahrhunderts. Mit seiner Hinwendung zum

Marxismus

und seinem Eintritt in die KP fasste Lukacs dieses Phänomen in den Begriff der Entfremdung.

1919 gehörte Georg Lukacs als stellvertretender Volkskommissar für das Unterrichtswesen zur vier Monate im Amt befindlichen Räteregierung von Bela Kun. Er war Politkommissar der 5. Armee der ungarischen Roten Armee. In diesem Amt war er für die Tötung vieler politischer Gegner verantwortlich. Es herrschte Bürgerkrieg.

1923 erschien Georg Lukacs zentrales Werk

„Geschichte und Klassenbewusstsein“,

das wesentlich den Neomarxismus in Westeuropa fundierte. Lukacs distanzierte sich später teilweise von diesem Werk. Aber es gab auch den „Widerruf des Widerrufs“. 1928 veröffentlichte Lukacs seine

„Blum-Thesen“,

in denen er die Dikatatur des Proletariats skizzierte. Damit traf er auf den Widerstand der KPD. Lukacs war mittlerweile nach Moskau geflohen, wo er an allen, teilweise sehr blutigen, philosophisch-ideologischen Auseinandersetzungen im Stalinismus beteiligt war. Die „große Säuberung“ (1936-1938) überstand er mit Mühe und Not. 1941 wurde er vom NKWD vorübergehend in die „Lubjanka“ gesperrt.

In der „Expressionismus-Debatte“ (1934-1938) unter deutschsprachigen emigrierten Marxisten wurde der Expressionismus von Georg Lukacs und Alfred Kurella als Vorläufer des Faschismus gesehen. Während z.B. Bertolt Brecht und Hanns Eisler den „ästhetischen Innovationscharakter der bürgerlichen Avantgarde“ anerkannten. Insofern gilt Lukacs nicht zu Unrecht als ein Mitbegründer des „sozialistischen Realismus“ (ab 1934). Er wandte sich aber gegen „vulgärsoziologische Vorstellungen“ sowjetischer Literaturwissenschaftler. Andererseits kritisierte er die moderne Avantgarde-Literatur eines James Joyce und eines John dos Passos. In vielen Werkanalysen hat Lukacs seine Theorie begründet und erläutert. In

„Die Zerstörung der Vernunft“ (1946)

kritisierte Lukacs die deutsche Philosophie seit Georg Wilhelm Friedrich Hegel. Dabei stand er anscheinend stark unter dem Einfluss der KP, so dass Theodor W. Adorno über dieses Buch u.a. geschrieben hat, dass darin Friedrich Nietzsche und Sigmund Freud schlicht zu Faschisten erklärt würden.

Georg Lukacs war das Vorbild für die Figur des

Naphta

in Thomas Manns „Zauberberg“. Er kehrte 1945 nach Budapest zurück und wurde 1948 Professor für Ästhetik und Kulturphilosophie. Er war der intellektuelle Führer des Petöfi-Klubs, eines Gesprächszirkels, in dem der Budapester Aufstand von 1956 gegen die UdSSR vorbereitete wurde. 1956 wurde Georg Lukacs Kulturminister in der Regierung Imre Nagys. Seine programmgemäße Verhaftung und Internierung durch die Rote Armee (der Sowjetunion) soll ihn zu dem Satz gebracht haben, der seiner Literaturtheorie widerspricht:

„Kafka war doch Realist.“

 

 

1203: Wie mit der AfD umgehen ? 10 Punkte.

Montag, März 21st, 2016

Die Wahlerfolge der AfD bei den Landtagswahlen in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt haben Besorgnis, Bestürzung und Ratlosigkeit ausgelöst. Ich versuche zu zeigen, dass dazu wenig Grund besteht. Wir müssen aber wissen, wie wir mit der AfD umgehen:

1. Es hat keinen Zweck, Probleme zu negieren, wo sie da sind.

2. Die AfD ist gegenwärtig eine Ein-Thema-Partei: Fremdenfeindlichkeit bis zum Rassismus ist ihr Credo.

3. Das Alarmierende ist, dass in den anderen Parteien CDU/CSU, SPD, Grüne, Linke, FDP ebensolche Fremdenfeindlichkeit vorkommt.

4. Es bringt wenig, ins Programm zu schauen. Denn einmal ist das noch gar nicht offiziell beschlossen. Andererseits finden sich dort

neoliberale, etatistische, deutsch-nationale (= Anti-USA, Pro- Russland) Teile,

die das Ganze wirr und gestrig und europauntauglich erscheinen lassen.

5. In der Auseinandersetzung mit der AfD helfen nur Argumente, so mühselig das manchmal erscheinen mag.

6. Die AfD ist in einigen Bundesländern demokratisch gewählt. Da hilft es nichts, den Versuch zu machen, sie für undemokratisch zu erklären.

7. Die Wähler der AfD sind weithin politikverdrossen, aber nicht alle sind „Abgehängte“. Und diese wiederum würden sich wundern über den noch vorhandenen Neoliberalismus in der AfD (z.B. Privatisierung von Teilen der Sozialversicherung).

8. Es war Geld da für die Bankenrettung und für Kitas. Warum soll jetzt kein Geld da sein für Sprachkurse, Grundschulen und sozialen Wohnungsbau?

9. Es bringt nichts, die AfD zu parodieren oder lächerlich zu machen. Das entlastet sie eher vom Ernst der Politik.

10. Die meiste Hoffnung dürfen wir auf den Eintritt der AfD in die parlamentarische Arbeit setzen. Er wird zur Entzauberung der Partei führen wie vorher schon bei NPD, DVU und Republikanern.

1202: Stadtluft macht frei.

Montag, März 21st, 2016

Wenn in Deutschland Flüchtlingsheime brennen, dann meistens auf dem Dorf. Das muss die irritieren, die vom Dorfleben mehr Naturnähe, Authentizität und Menschlichkeit erwarten. Und dort hinziehen. Natürlich herrscht auch in der Stadt meistens nicht gerade eine Idylle, aber die Stadtbewohner sind daran gewöhnt, dass unter ihnen viele sind, die ganz anders leben als sie selbst. Auf dem Dorf verlangt man sich mehr Nähe, Übereinstimmung, Zusammenleben, Sich-gegenseitig-kennen-und-schätzen ab. Ich weiß das, weil ich zwanzig Jahre auf dem Dorf gelebt habe. Insofern sind Stadt und Großstadt geradezu

Friedensstifter.

Stadtluft macht frei.

1201: Vertragspartner Türkei

Montag, März 21st, 2016

Das Flüchtlingsabkommen der EU mit der Türkei trifft auf starke Kritik, weil in der Türkei die Menschenrechte verletzt würden, dort mehr Journalisten im Knast säßen als in Russland, die Kurden unterdrückt würden und überhaupt das Land innerlich zerrissen sei. Alles richtig. Aber trotzdem kein Grund, von einem Abkommen mit der Türkei abzusehen, wenn es denn ansonsten Erfolg verspricht.

Wir brauchen doch nur an die Ostpolitik Willy Brandts zu denken, die darauf beruhte, mit der diktatorischen Sowjetunion zu verhandeln. Oder die Vereinigungspolitik Helmut Kohls, wo das Gleiche galt. Und wie sollten wir heute eine Verständingung mit dem Völkerrechtsverletzer Wladimir Putin hinkriegen? Oder mit der kommunistischen Diktatur Chinas, wo die Menschenrechte ebenfalls mit Füßen getreten werden?

Hoffentlich haben die heutigen Türkei-Kritiker (Grüne, Linke, CSU) ihre Argumente nicht schon vergessen, wenn es um den EU-Beitritt der Türkei geht!

1200: Martin Luther als Schrumpfgermane

Sonntag, März 20th, 2016

Der Göttinger Ordinarius für Kirchengeschichte und Reformations-Spezialist Thomas Kaufmann, geb. 1961, der erfreulicherweise für uns auch Vorträge außerhalb der Universität hält, hat sich in einer Rezension (FAZ 19.3.16) neue Bücher zum Reformationsjubiläum 2017 vorgenommen. Erfreulicherweise nimmt er kein Blatt vor den Mund. An den besprochenen Büchern lässt er kaum ein gutes Haar.

Zunächst belegt Kaufmann, dass das Lutherbild von heute verhängnisvoller Weise das des nationalistischen Heros des 19. Jahrhunderts ist. Tatsächlich wäre dem Größe im Sinn originaler historischer Prägekraft oder bleibender Bedeutsamkeit nicht zuzusprechen. Dann gäbe es gar keinen Grund, das Reformationsjubiläum zu begehen. Kaufmann demonstriert, wie Luther aus drei Richtungen missverstanden wird.

1. Aus der Perspektive des Roms der Reformationszeit war Martin Luther ein germanischer Barbar, von dem die dortigen Skribenten, Nuntien und Kurtisanen nichts Substanzielles wussten. Sie hegten ihre Ressentiments. Und sie verstanden nicht, warum nach Luther Mönche und Nonnen ihre Klöster verließen, Priester heirateten, Stifter ihre Bilder und Altäre abbrechen ließen. Etc. Manchmal habe ich den Eindruck, dass eine derartige Einstellung partiell auch heute noch in Rom vorhanden ist.

2. Die theologische Richtung, die an Luther hauptsächlich seine starke Prägung durch die mystische Theologie Johannes Taulers hervorhebt, zeigt uns ebenfalls nicht den ganzen Luther. Sie sieht nicht Luthers Konzentration auf das Gotteswort, die Freiheit eines Christenmenschen, das Priestertum aller Gläubigen, die Sakramentenlehre etc. In dieser Perspektive wird Luther zugunsten der ihm vorausgegangenen Frömmigkeitstradition geschrumpft.

3. Eine überwiegend journalistische Sicht versteht Luther in erster Linie als Anfang einer politischen Unheilsgeschichte. Kulminierend im dreißigjährigen Krieg (1618-1648). Dabei kommen Untertanen heraus. Nicht gesehen wird, wie durch den Augsburger Religionsfrieden von 1555 und den Westfälischen Frieden 1648 ein Weg der Pazifierung beschritten wurde. Eben dieses Modell der Entschärfung religiöser Gewaltpotentiale ist es gerade, das heute angesichts neu aufkomender religiöser Intoleranz so dringend propagiert werden muss. Die Antwort unserer Rechtskultur auf diese zentrale Frage der Gegenwart ist die Zivilisierung der Religion mit den Mitteln des staatlichen Rechts.

Ignoranten, auch atheistische, sehen das nicht oder können es nicht erkennen.

Martin Luther (1483-1546) war ein brillanter Publizist, ein virtuoser Sprachküstler und ein Kämpfer für die Freiheit des Glaubens. Er hat den neuzeitlichen Individualismus mit begründet, aus dem die Menschenrechte abgeleitet worden sind. Zum Schrumpfgermanen eignet er sich nicht.

1199: Jörg Thadeusz möchte Claudia Michelsen nackt sehen.

Sonntag, März 20th, 2016

Jörg Thadeusz (47) ist ein besonderer „Talkmaster“. Er hat, wie früher im Fernsehen, nur einen Gast („Thadeusz“). Oder diskutiert mit Journalisten („Thadeusz und die Beobachter“). Alles beim RBB. Und Jörg Thadeusz mag keine „Spießer“. „Auf dieses deutsche Spießertum, dass die Leute auf dem Boden bleiben sollen, habe ich sowieso keinen Bock, mich langweilt das. Wenn jemand etwas Außerordentliches wird, dann darf er sich auch außerordentlich benehmen. Er darf ruhig ein bisschen zickig sein, das ist wunderbar.“

Claudia Tieschky hat Jörg Thadeusz für die SZ interviewt (19./20.3.16).

SZ: Sie stellen ziemlich oft Fragen, die irgendwie mit dem Körper zu tun haben.

Thadeusz: Ja sicher, weil mich das natürlich interessiert. Ich möchte schon Claudia Michelsen am liebsten nackt sehen. Aber das geht ja nicht.

SZ: Nein, Sie haben sie bloß gefragt: „Zu welcher Tageszeit sind Sie am schönsten?“

Thadeusz: Das ist ein anderes Phänomen, das mich sehr interessiert: Wissen schöne Menschen, dass sie schön sind? Und wenn schöne Menschen wissen, dass sie schön sind, gibt es darin Wechsel – und wie gehen sie damit um? Das ist interessant.

(Claudia Michelsen ist heute abend um 20.15 Uhr im ZDF zu sehen in „Ku’damm 56“, Montag und Mittwoch wieder um 20.15 Uhr.)

1198: Gottfried Benn wollte Sterbehilfe.

Samstag, März 19th, 2016

1977, 1979 und 1980 erschienen die 750 Briefe Gottfried Benns (1886-1956) in drei Bänden an seinen kongenialen Briefpartner Friedrich Wilhelm Oelze (1891-1978), einen Bremer Kaufmann.

Gottfried Benn: Briefe an F.W.Oelze 1932-1945, 1945-1949, 1950-1956. Herausgegeben von Harald Steinhagen und Jürgen Schröder. Wiesbaden und München (Limes) 1977, 1979, 1980. Insgesamt 1.238 S.

Diese Ausgabe hatte ich für meine Benn-Lesung zum 100. Geburtstag des Dichters am 2. Mai 1986 Im „Jungen Theater“ Göttingen voll „ausgeschlachtet“ (seinerzeit zahlenmäßig ein großer Erfolg bei ausverkauftem Haus um 22.30 Uhr).

Nun ist im Wallstein-Verlag die Ausgabe mit den knapp 600 Gegenbriefen Friedrich Wilhelm Oelzes erschienen.

Gottfried Benn – Friedrich Wilhelm Oelze: Briefwechsel 1932-1956. 4 Bände. Göttingen (Wallstein), 2.334 S., 199 Euro.

„Der Spiegel“ (12.3.16) hat öffentlich gemacht, dass Benn 1956 angesichts seiner schweren Krebserkrankung von seiner Frau Ilse Benn, einer Zahnärztin, Sterbehilfe verlangt hat. In einem Brief an Oelze vom 16. Juni 1956 heißt es: „Über meinen Zustand gibt es keinen Zweifel mehr, es lässt mich aber ziemlich gleichgültig. Nur leiden will ich nicht, Schmerzen sind etwas Entwürdigendes. Meiner Frau, die mir in diesen Tagen sehr nahe ist, habe ich das Versprechen abgenommen, dass sie mir die letzte Zeit erleichtert, es wird alles rasch zu Ende gehen.“

Die Quelle dieser Aussage ist eine etwas zweifelhafte Zuschrift an die Herausgeber Harald Steinhagen, Stephan Kraft und Holger Hof. Aber wer hier auch immer ein Interesse daran hat, durch Geheimniskrämerei die Aufmerksamkeit für Benn zu erhöhen. Der zitierte Brief entspricht voll und ganz der Lebenseinstellung Benns. Er ist ja der Dichter, der sich zwar 1933 politisch vollkommen vergaloppiert hatte, in seinen Gedichten und Essays aber wie kaum ein Zweiter unser Leben verstanden, es seziert und analysiert hat. Das ist keine warme Luft, sondern kalte Analyse (in sprachlich wunderschöner Form).

Das ist nichts für alle, aber für Leser.

Benn ließ den oben zitierten Zeilen an Oelze die Aussage folgen: „Jene Stunde … wird keine Schrecken haben, seien Sie beruhigt, wir werden nicht fallen, wie werden steigen -/ Ihr B.“ (Gisela Trahms, Literarische Welt 12.3.16; Friederike Reents, FAZ 19.3.16)

„Nur zwei Dinge

Durch so viel Formen geschritten,/ durch Ich und Wir und Du,/ doch alles blieb erlitten/ durch die ewige Frage: wozu?

Das ist eine Kinderfrage./ Dir wurde erst spät bewusst,/ es gibt nur eines: ertrage/- ob Sinn, ob Sucht, ob Sage -/ dein fernbestimmtes: du musst.

Ob Rosen, ob Schnee, ob Meere,/ was alles erblühte, verblich,/ es gibt nur zwei Dinge: die Leere/ und das gezeichnete Ich.“ (1953)

 

1197: Biller sieht in „Willkommenskultur“ Antisemitismus.

Mittwoch, März 16th, 2016

Maxim Biller (geb. 1960 in Prag) zehrt immer noch von dem Skandal um seinen Roman „Esra“ (2003). Er konnte nicht erscheinen, weil Billers ehemalige Freundin und deren Mutter sich darin wiedererkannten und per Klage das Erscheinen des Romans verhinderten. Billers Kolumnen in der „Fankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ (FAS) lese ich regelmäßig. Nun erscheint am 8. April Maxim Billers neuer Roman

Biografie. Köln (Kiepenheuer & Witsch) 2016, 896 S.; 29,99 Euro.

Dazu hat Adam Soboczynski Maxim Biller interviewt (Die Zeit 3.3.16). Im Interview spricht Biller ständig von „den Deutschen“. Der Kürze halber bringe ich hier einige Aussagen Billers, der anscheinend um der Werbung willen auf Provokation setzt.

„Alle haben in diesem Roman Schreckliches erlebt. Die Familien haben den Holocaust oder den Stalinismus durchlitten, der

Sex

ist ein Mittel damit umzugehen. Es ist eine Binsenweisheit, aber das macht sie nicht falsch: In der Sexualität verdichten sich gute und schlechte Aspekte jeder Biografie.“

„Es gibt ja in der deutschen Literatur keinen Sex. … Deutsche Leser sind prüde.“

„Wenn du den ganzen Tag den Leuten eintrichterst: Wir waren Nazis, und ihr dürft keine sein … also, wenn ich jetzt 15 und nicht ich wäre, hätte ich größte Lust, kurz Nazi zu werden.“

Zu Migranten: „Ich frage mich manchmal, wie die Deutschen reagieren würden, wenn Millionen Juden auf der Flucht wären und nach Deutschland kämen. Ob dann auch die ganzen Teddys und Luftballons an den Bahnhöfen verteilt würden? Es kommen viele Menschen aus Ländern, die sich seit Jahrzehnten im Krieg mit Israel befinden. Ich habe das Gefühl, dass man Partei ergreift, ohne sich dessen bewusst zu sein. Da sind ja Leute dabei, die in der dritten, vierten Generation gehirngewaschen sind. Die denken, dass Juden kleine Kinder essen. … Es gibt offenbar eine unbewusste, klammheimliche Solidarität mit den Gegnern Israels.“

Über die Deutschen. „Weil ich mit meiner Literatur zur deutschen Literatur gehören möchte – es ist wahrscheinlich das alte Heinrich-Heine-Drama – und hoffentlich auch gehöre, ich stehe ja zum Glück nicht außerhalb. Ich will meine Welt teilen. Und ich will, dass die Deutschen ihre Welt mit mir teilen.“

Ich werde Maxim Billers Roman bestimmt lesen.

1196: Landtagswahlen: Rechtsruck mit mehreren Verlierern

Montag, März 14th, 2016
  1. Die Wahlsiegerin der drei Landtagswahlen am Sonntag ist die AfD. Sie ist im Westen deutsch-national und im Osten völkisch und rassistisch. Dafür hat sie in Sachsen-Anhalt 24 Prozent bekommen.
  2. Die CDU hat ihre Wahlziele in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz verfehlt und in Sachsen-Anhalt gerade mal 30 Prozent erreicht.
  3. Die SPD wird, abgesehen von Rheinland-Pfalz, mehr und mehr zu einer 10-Prozent-Partei, sie ist jedenfalls keine bundesweite Volkspartei mehr. Es droht Lebensgefahr.
  4. Die Grünen haben neben dem Kretschmann-Sieg in Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt gerade mal 5 Prozent. Dabei in Rheinland-Pfalz 10 Prozent verloren.
  5. Die Linken haben in ihrem Stammland Sachsen-Anhalt 10 Prozent verloren.
  6. Kretschmann in Baden-Württemberg und Dreyer in Rheinland-Pfalz haben mit Merkels Flüchtlingspolitik gewonnen.