Archive for the ‘Gesellschaft’ Category

1226: Britischer Finanzminister warnt vor Brexit.

Dienstag, April 19th, 2016

Der britische Finanzminister George Osborne hat die Briten vor den wirtschaftlichen Folgen eines Austritts aus der EU gewarnt. Das

Bruttoinlandsprodukt

werde bei einem Brexit bis 2030 um sechs Prozent geringer sein als bei einem Verbleib in der EU. Dies entspreche Einbußen für die Privathaushalte von 4300 Pfund im Jahr (SZ 19.4.16).

Außerdem: Ohne Großbritannien wäre die EU extrem unvollständig. Auch wir Rest-Europäer wünschen den Verbleib des United Kingdom bei uns in Europa.

1225: Die Grünen – fortschrittsprägend und regierungsbereit

Sonntag, April 17th, 2016

Nach dem Wahldesaster bei der Bundestagswahl 2013 finden die Grünen sich gegenwärtig (nicht zuletzt nach der Wahl in Baden-Württemberg) regierungsbereit. Der schleswig-holsteinische Minister für Energiewende und Landwirtschaft, Robert Habeck, will die SPD als fortschrittsprägende Kraft ablösen. Und tatsächlich könnte die deutsche Politik neue Impulse gebrauchen bei der

– Integration von Flüchtlingen,

– dem europäischen Zusammenhalt,

– dem Bildungswesen.

Bisher schaffen die Grünen sogar ein auskömmliches Verhältnis zur Autoindustrie (da ist ja nach dem VW-Abgasskandal einiges klarer geworden).

Als Spitzenkandidatin bei der Bundestagswahl scheint Katrin Göring-Eckardt festzustehen. Bei den Männern kandidieren neben Robert Habeck natürlich Anton (Toni) Hofreiter und Cem Özdemir. Hoffentlich gibt das jetzt nicht ein derartiges Geholze, dass die Chancen der Partei insgesamt beschädigt werden.

Habeck ist ein bunter Vogel, ohne den die Partei auch klarkäme. Toni Hofreiter kommt mit seiner bayerischen Rhetorik in der norddeutschen Tiefebene nicht so gut an. Als Vorsitzender der Verkehrsausschusses des deutschen Bundestags erwies sich der Diplom-Biologe als kompetent und fair. Und Cem Özdemir stammt tatsächlich aus einer schwäbischen Arbeiter- und Migrantenfamilie (türkische Wurzeln). Insofern haben die Grünen eventuell sogar das Potential zu einer

Volkspartei.

Özdemir hat mit Volker Kauder (CDU) erfolgreich eine Armenien-Resolution im deutschen Bundestag vorbereitet. Aus seiner Sicht stehen zur Zeit eher schwarz-grüne (grün-schwarze) Koalitionen auf der Tagesordnung als rot-rot-grüne (Peter Carstens, FAS 17.4.16).

Bleibt die Frage, ob die grüne Basis dies alles versteht und verkraftet. Denn eines z.B. geht natürlich nicht: Erst ein bundesweites Fahradwege-Programm, das wir Fahrrdfahrer natürlich begrüßen. Und dann die Aufforderung, nicht auf Fahrradwegen zu fahren, sondern auf der Auto-Fahrbahn.

 

 

1224: AfD = Anti-Islam-Partei

Sonntag, April 17th, 2016

Der ehemalige Bundespräsident Christan Wulff hatte erklärt, der Islam gehöre zu Deutschland. Die AfD kapriziert sich als Anti-Islam-Partei. Ihre Führung, die in manchen Punkten nicht ganz einer Meinung ist, gibt sich in einigen Punkten meinungsstark:

1. „Der Islam ist keine Religion wie das katholische oder protestantische Christentum, sondern intellektuell immer mit der Übernahme des Staates verbunden. Deswegen ist die Islamisierung Deutschlands eine Gefahr.“

2. „Es ist notwenig, den Wildwuchs von islamischen Religionslehrern und Koranschulen, die privat finanziert werden, zu stutzen. Es muss Kontrollen geben, wer das finanziert und wer dort lehrt.“ Das gelte in erster Linie für Imame aus Saudi-Arabien.

3. „Wir sind für ein Verbot von Minaretten, von Muezzins und für ein Verbot der Vollverschleierung.“

4. Der Ruf des Muezzins müsse auch deswegen verboten werden, weil darin der Text vorkommt, dass es außer Allah keinen anderen Gott gebe.

5. Wir brauchten nicht unbedingt ein Moscheenverbot und auch kein generelles Verbot der Beschneidung.

6. „Einen Euro-Islam gibt es in Wirklichkeit nicht. Es ist nie klargeworden, was für ein Islam das sein soll.“

7. „Viele Muslime gehören zu Deutschland, aber der Islam gehört nicht zu Deutschland.“

8. „Es kann nicht sein, dass es bei Schulspeisungen kein Schweinefleisch mehr geben wird, weil es so für einige Schüler besser ist. Es kann nicht sein, dass wir Regeln ein ganz fremden Religion mitmachen.“ (mwe, FAS 17.4.16)

Lohnt es sich, darüber nachzudenken?

1223: Ponkie ist 90.

Samstag, April 16th, 2016

Ilse Kümpfel-Schliekmann kennen wir Zeitungsleser unter ihrem Künstlernamen

Ponkie

als Fernsehkritikerin der Münchener „Abendzeitung“ (AZ). Sie schreibt dort seit 1956. Heute immer noch dreimal die Woche. Schon die Filmemacher des „Jungen deutschen Films“, die 1962 unter der Ägide von Alexander Kluge das

Oberhausener Manifest

verfasst hatten, hat Ponkie unterstützt. Insbesondere waren das

Volker Schlöndorff und Rainer Werner Fassbinder.

Später kam Helmut Dietl dazu. Ponkie (der Name stammt aus der Studienzeit) ist gerade 90 Jahre alt geworden. Sie schreibt häufig sehr kurz und zugespitzt. Zur Erdogan-Affäre fiel ihr folgendes ein:

„Der Herr läuft blau an vor Empörung und kläfft ins ‚Nachbarland‘ hinüber, man möchte dem Missetäter doch gefälligst den Prozess machen und ihn anschließend gleich teeren und federn oder am nächsten Laternenpfahl aufhängen. Notfalls wäre man auch mit einer Verurteilung zu mindestens zwanzig Jahren Gefängnis zufrieden. Jetzt fühle ich mich allerdings als Zuschauer beleidigt wegen Verhöhnung meiner Intelligenz.“ (Hannes Hintermeier, FAZ 16.4.16)

David Denk und und Benedikt Frank haben Ponkie für die SZ (16./17.4.16) interviewt, die zum gleichen Verlag gehört wie die AZ.

SZ: Aber vor allem im Privatfernsehen laufen doch viele US-Serien.

Ponkie: Das Privatfernsehen klammere ich in meinen Kritiken weitestgehend aus, weil es mir zu albern und zu primitiv ist.

SZ: Ihr Ideal wäre also, dass die Macher dem Publikum mehr zumuten?

Ponkie: Ich würde mir schon wünschen, dass es mehr Wagnisse gibt und weniger Rücksichten auf die sogenannten Sehgewohnheiten des Publikums. Bis in die Siebzigerjahre hinein war das Fernsehen ein interessantes Medium. Der Gesamteindruck war: Man kann ab und zu Qualität sehen. Und das ist dann abgeflacht, als das Fernsehen, nicht zuletzt durch die Privatsender, zum reinen Unterhaltungsmedium wurde.

SZ: Wagen es die Kollegen, Ponkie zu redigieren?

Ponkie: Redigieren gibt’s nicht. Punkt. Das ist ein Privileg, das ich in der alten ‚Abendzeitung‘ bald hatte und auf das ich heute noch viel Wert lege. Mein Name steht schließlich unter dem Text, und damit trage ich auch die Verantwortung dafür, dass das inhaltlich in Ordnung ist.

SZ: Sie schreiben über ein Medium, das sich aus ihrer Perspektive zu seinem Nachteil verändert hat, leben in einem Bundesland, regiert von einer Partei, von der sie – gelinde gesagt – nicht sonderlich viel halten. Aber Sie sind München und dem Fernsehen immer treu geblieben. haben Sie eine masochistische Ader?

Ponkie: Masochistisch ist gut, ja. Ich bin ein altes SPD-Mitglied, ich wähle und schreibe sozialdemokratisch. Resignieren jedenfalls kommt nicht in Frage.

1222: Unglaubwürdigkeit der japanischen Politik

Freitag, April 15th, 2016

In jedem Jahr gedenkt Japan mit großem Aplomb des Atombombenabwurfs auf Hiroshima (6.8.1945) und Nagasaki (9.8.1945) durch die USA. Das versteht jeder, der nicht zuletzt an die mehreren Hunderttausend Toten und die verheerenden Folgen dabei denkt, auch wenn er die kriegsverkürzende Funktion des Abwurfs nicht aus dem Auge verloren hat. Die japanische Politik allerdings ist insgesamt völlig unglaubwürdig, weil sie nach dem Atomunfall von

Fukushima 2011

weiter voll auf Atomenergie setzt. Ich empfehle den Blick auf

Fukushima

und

Tschernobyl.

 

1221: Reformationsjubiläum spaltet die Kirchen.

Freitag, April 15th, 2016

Je mehr ich im Vorab über das Reformationsjubiläum lese, desto klarer wird mir, dass dadurch die Kirchen in Deutschland eher gespalten werden. Je genauer wir hinschauen, um so deutlicher werden uns die Unterschiede zwischen Katholiken und Protestanten. Das ist bedauerlich; denn eigentlich steht doch der Geist der Versöhnung auf der Tagesordnung. Es droht ein Rückfall in alte Denkmuster. Wie Lucian Hölscher (SZ 13.4.16) behauptet, in erster Linie bei der Evangelischen Kirche.

Sind die Protestanten der Demokratie näher? Hat Max Weber recht mit seinen Behauptung der protestantischen Wurzeln des Kapitalismus? Sind Äußerungen für die Ökumene Lippenbekenntnisse?

Lucian Hölscher geht so weit zu sagen, dass zentrale evangelische Formeln zur Glaubensidentität wie „allein Christus“ oder „allein aus der Gnade Gottes“ längst abgelöst worden seien durch ein „sowohl als auch“. Faule Kompromisse also für die Versöhnung?

„Italienischer Humanismus, französische Religionskritik und spanische Spiritualität waren ebenso Teil des reformatorischen Aufbruchs wie der deutsche Kirchenkampf.“

1220: Putin versus „Süddeutsche Zeitung“ (SZ)

Freitag, April 15th, 2016

Bei seiner Verteidigung angesichts der Publikation der Panama-Papers behauptet Wladimir Putin,

die „Süddeutsche Zeitung“ (SZ) gehöre Goldman Sachs.

Die SZ: Das ist nicht wahr. (SZ 15.4.16)

1219: Die kleinen Tyrannen werden groß.

Dienstag, April 12th, 2016

Martina Leibovici-Mühlberger (57) aus Wien hat als Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeutin und Mutter von vier Kindern ein Buch geschrieben:

Wenn die Tyrannenkinder erwachsen werden: Warum wir nicht auf die nächste Generation zählen können. Edition a. 2016, 224 Seiten, 21,90 Euro.

Darin beschreibt sie, dass immer mehr Kinder

verhaltensoriginell,

tyrannisch und

voller Widerstand

sind, und zeigt sie sich skeptisch über deren soziale Integration. Katrin Hummel hat sie für die FAS (10.4.16) interviewt.

FAS: Warum rebellieren diese Kinder denn?

Leibovici-Mühlberger: Weil sie nicht in einer kindgerechten Umgebung aufwachsen. Die Eltern dieser Kinder machen ihren Job nicht. Sie wollen lieber die Freunde ihrer Kinder sein, als sie zu erziehen. Aber eigentlich müssten sie Verantwortung für ihre Kinder übernehmen und ihnen einen geschützten Raum zur Verfügung stellen, in dem sie sich entwickeln können. Sie müssten altersadäquate Grenzen ziehen und dem Kind in diesem Rahmen Gelegenheit geben, sich auszuprobieren.

FAS: Warum hat sich das gerade in der letzten Generation geändert?

Leibovici-Mühlberger: Das hängt an der politischen Entwicklung. Früher hatten wir den Kalten Krieg, aber den hat der Westen „gewonnen“, der Westen mit seinem Kapitalismus und den Möglichkeiten der freien Entfaltung des Individuums. Und weil alle Eltern das Beste für ihr Kind wollen, denken viele von ihnen nun, dass diese maximale Freiheit auch das Beste für ihre Kinder sei. Sie denken sich: Wir wollen keine Untertanen erziehen, sondern einen freien Geist.

FAS: Was ist so falsch daran?

Leibovici-Mühlberger: Alles. Wenn Kinder immer nur machen dürfen, was sie wollen, lernen sie weder Durchhaltevermögen noch Konzentration, sie lernen nicht, zurückzustecken und ihre eigenen Bedürfnisse zu verschieben, und sie lernen auch nicht, vorausschauend zu sein. Erste Folgen dieser freiheitlichen Erziehungsmethode zeigen sich, wenn das Kind in die Schule mit ihren knallharten Leistungs- und Konkurrenzgedanken kommt. Da kann es dann mit seinem Wortbeitrag nicht abwarten, wenn ein anderes Kind spricht, oder es guckt die ganze Zeit zum Fenster raus, und es macht zum ersten Mal die Erfahrung, dass nicht jeder seiner Striche bewundert wird. Es erlebt also zum ersten Mal Frustration und wird entsprechend auffällig. Hier wäre es dann an der Zeit, dass die Eltern sich Hilfe suchen. Aber manche Eltern stehen ihrem Kind selbst dann noch zur Seite, bis zum Abitur und darüberhinaus.

FAS: Und das Problem wächst sich nicht irgendwann aus?

Leibovici-Mühlberger: Nein, diese Kinder werden

totale Narzissten.

Und meist kommt ja auch der „Zahltag“. Die wenigsten Eltern werden ihr Kind sein Leben lang unterstützen. Irgendwann werden sie ihm sagen: „Jetzt musst du eigenes Geld verdienen.“ Und dann fühlt sich der junge Mensch betrogen, verraten und im Stich gelassen. Denn die Eltern haben ihn ein Leben lang wie einen Prinzen oder eine Prinzessin behandelt und ihm gesagt, dass er sich nicht anzustrengen braucht oder dass ihnen seine Schulergebnisse nicht so wichtig sind. Jetzt aber sind sie plötzlich unzufrieden mit ihm, weil er sich nicht anstrengen mag. Das führt zu großen Aggressionen bei dem jungen Menschen. Ich habe in meiner Praxis viele Jugendliche, die sagen,

dass sie ihre Eltern hassen,

und die sich von ihnen abwenden.

FAS: Hat denn nicht in der Phase, als die Eltern ihrem Kind noch seinen Willen gelassen haben, eine tragfähige Bindung zwischen Eltern und Kind etabliert, von der beide Seiten in dieser Krise profitieren können?

Leibovici-Mühlberger: Nein. Sie verwechseln da was. Es ist nicht so, dass Kinder ihre Eltern automatisch lieben, wenn die nur alles für sie tun. Ganz im Gegenteil, solche Kinder haben keinen Respekt vor ihren Eltern, weil sie ihnen keine Grenzen vorgeben und ihr Kind nicht „festhalten“. Es fühlt sich alleine und hat

keine Struktur auf der Welt.

Die Kinder solcher Eltern sehen in ihren Eltern keine Personen, sondern Diener, und fühlen sich selbst als Chef. Das führt aber dazu, dass sie keine Grundsicherheit spüren, sie wissen nicht, wer sie beschützen könnte und auf wen sie sich verlassen könnten. …

 

1218: Heinz Bude erklärt die soziale Spaltung.

Montag, April 11th, 2016

Der Kasseler Soziologe Heinz Bude unternimmt den Versuch, uns zu erklären, warum in Deutschland die Lage so sehr unterschiedlich beurteilt wird, obwohl die sozial-ökonomische Situation relativ stabil ist (FAS 10.4.16). Er geht aus von der

Fehleinschätzung Tony Blairs von 1999,

dass die Gesellschaft der Zukunft eine differenzierte Dienstleistungsgesellschaft mit einem wertschöpfungsintensiven finanzindustriellen Komplex sei. Heute erscheint dagegen

Deutschland als das wirtschaftlich stärkste Land Europas,

das auch politisch nicht ohne Einfluss ist. Dies kommt aber nicht nur vom Euro, sondern auch von der Niedrighaltung der Lohnnebenkosten seit der Regierung Schröder/Fischer.

Die deutschen „Hidden Champions“ von der Schwäbischen Alp, aus Ostwestfalen und Oberfranken leben von der Einsicht ihrer Belegschaften in die Erfordernisse der Konkurrenzfähigkeit. Die deutschen Angebote überzeugen nicht, weil sie billig sind, sondern weil sie in digitaler Gestalt maßgeschneidert werden. Jegliche Betriebsstörung wird innerhalb von 48 Stunden behoben. Das kann Deutschland nicht erreichen durch starres Klassendenken. Die Belegschaften werden selbst initiativ, um die Kundenwünsche zu befriedigen. „Man steigert die Produktivität durch Kontrolle aus der Mitte des Betriebs. … Die Beschäftigten arbeiten verantwortlicher, nachhaltiger und effektiver, wenn sie sich im wahrsten Sinne des Wortes als Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Unternehmens verstehen. Sie müssen nicht mehr geführt werde, sie führen sich selbst.“

Aber um welchen Preis?

„Burnout“ ist nach Bude bei Industriemeistern, Entwicklungsingenieurinnen und Mechatronikern üblich geworden. Lebenslanges Lernen ist nicht nur ein Gewinn, sondern auch eine Drohung.

Dazu tritt ein „Dienstleistungsproletariat“, etwa Paketzusteller, Gebäudereiniger und Pflegebedienstete. Sie erhalten ca. 1.000 Euro netto im Monat. Aufstiegsmöglichkeiten? Keine! Zudem das Modell des Outsourcing. Für Heinz Bude ist das

neue Dienstleistungsproletariat

weiblicher,

ethnisch heterogener und

qualifikatorisch diffuser.

Die einzige Möglichkeit der Effizienzsteigerung besteht in der Verringerung des Zeittakts (im Pflegedienst, bei der Zimmerreinigung, beim Transport mit LKWs etc.). Die neue soziale Spaltung erfolgt in der Mitte der Gesellschaft. Die neue Mehrheit leistet sich vermehrt einfache Dienstleistungen. Dies muss man sich vor Augen führen, will man die Beunruhigung in der Gesellschaft verstehen.

„Bei Befragungen zur Stimmungslage fällt eine Gruppe ins Auge, die höher gebildet und nicht schlecht verdienend ist, die sich als weltoffen bezeichnet, aber der die ganze Richtung der ‚Willkommenskultur‘ gegen den Strich geht. Es handelt sich um 10 Prozent der repräsentativ Befragten, die bei näherem Hinsehen starke Überzeugungen von ihrer Kompetenz haben, aber von dem Gefühl beherrscht sind, dass sie auf Grund von Bedingungen, die sie selbst nicht kontrollieren könnten, unter ihren Möglichkeiten geblieben sind. Das sind die

Verbitterten der deutschen Wohlstandsmitte.

Sie leben nicht im prekären Wohlstand, sie sind nicht sozial abgerutscht, sie pushen sich nur mit dem Hass auf eine Welt auf, von der sie sich abgefertigt und missachtet fühlen. Als ‚unnütze Normale‘ … mit Hochschulabschluss und Eigentumswohnung erheben sie sich gegen ‚Lügenpresse‘ und Systempolitiker. In unbeherrschtem Ton machen sie gegen die Quatschbuden der Nation mobil und finden Beifall bei einem missgelaunten Kleinbürgertum, das sich in seinen ‚kleinen Lebenswelten‘ durch vermehrte Wohnungseinbrüche, ‚queeren‘ Sexualkundeunterricht und das Inkasso-Gebaren der GEZ gestört fühlt. Daneben hat sich ein Dienstleistungsproletariat verfestigt, das die Überzeugung hat, dass seine Stimme eh nichts zählt. Man richtet sich ein im Blick auf eine Zukunft, die einem nichts mehr verspricht.

Der einzige Anker der Selbstachtung

ist die Abgrenzung gegenüber jenen, die vom Amt leben.

Dienstleistungsproletarier und Hartzer mögen sich überhaupt nicht. …

Sie können die Geschichte vom ungeheuren Erfolg Deutschlands nicht mehr hören, weil für sie klar ist, dass sie die Leidtragenden des Erfolgs der anderen sind.“

Nicht ganz einfach argumentiert, aber schlüssig!!

1216: Die Eroberung des Kurfürstendamms

Sonntag, April 10th, 2016

1931 erschien bei Rowohlt Gabriele Tergits Roman

Käsebier erobert den Kurfürstendamm.

2016 erlebt er seine Wiederauflage (Frankfurt am Main, 400 Seiten, 24,95 Euro). Gabriele Tergit war das Pseudonym der Journalistin Elise Hirschmann, die 1894 in Berlin geboren worden war. Sie arbeitete früh für Zeitungen. Seinerzeit beherrschten drei Verlagshäuser die Szene:

Ullstein, Mosse und Scherl.

Darüber wäre sehr vieles zu sagen. Gabriele Tergit jedenfalls arbeitete für das

Berliner Tageblatt,

das bei Mosse erschien (vgl. W.S.: Rudolf Mosse 1843-1920. In: Heinz-Dietrich Fischer /Hrsg./: Deutsche Presseverleger des 18. bis 20. Jahrhunderts. Pullach bei München 1975, S. 204-213). Die Nazis hassten sie und überfielen 1933 ihre Berliner Wohnung. Gabriele Tergit floh über Prag und Palästina nach London, wo sie 1982 starb (Jens Bisky, SZ 2./3.4.16).

In nur sechs Wochen soll die Journalistin den Roman geschrieben haben, der von den Erfahrungen der Reporterin lebt, vom genauen Blick auf Details, darauf, was die Wohnungseinrichtung über Menschen erzählt, wie einer mit Taxifahrern umgeht, wie man sich Liebesdinge schönredet. Der Roman war so plastisch und wirklichkeitssatt, dass er wenig ausgedacht wirkte. „Tergit erzählt von denen, die glauben, am großen Rad zu drehen, die zu den besseren Kreisen sich zählen, und dabei erfahren, dass sie ihr Ich viel zu wichtig nehmen, …“ Der Roman ist das Zeitbild einer Stadtgesellschaft, die ins Rutschen gekommen ist. Die Diagnose teilt er mit

Hans Falladas „Kleiner Mann – was nun?“ (1932) und

Erich Kästners „Fabian“ (1931).