Archive for the ‘Gesellschaft’ Category

1238: Fritz Stern ist tot.

Mittwoch, Mai 25th, 2016

Der große Historiker Fritz Stern ist tot. Der 1926 in Breslau geborene und 1938 mit seinen Eltern in die USA ausgewanderte Wissenschaftler hatte als sein Lebensthema die deutsche Geschichte seit dem 19. Jahrhundert. Schon in seiner ersten Veröffentlichung von 1961

„Kulturpessimismus als politische Gefahr“

analysierte er den deutschen Konservatismus und seine Fehler. Die Urheber des Kulturpessimismus Paul de Lagarde, Julius Langbehn und Arthur Moeller van den Bruck waren die Ideengeber der

„konservativen Revolution“.

Stern entstammte einer jüdischen Wissenschaftlerfamilie. Sein Patenonkel war der Chemie-Nobelpreisträger Fritz Haber, der am Ende des Ersten Weltkriegs für Deutschland die neuartigen Chemiewaffen entwickelt hatte. Zeit seines Lebens sprach Fritz Stern eine unverwechselbare Mischung aus schlesischem Zungenschlag und amerikanischem Akzent.

Als Sterns Hauptwerk wird die Doppelbiografie Otto von Bismarcks und seines jüdischen Bankiers Gerson Bleichröder betrachtet. Darin zeigt Stern, dass der eine nicht ohne den anderen hätte erfolgreich sein können. Trotzdem galt der für das deutsche Reich so wichtige Bleichröder vielfach noch als „Hofjude“ und „Börsenjobber“.

Am deutschen Bürgertum kritisierte Fritz Stern „das feine Schweigen“. „Diese aristokratische Weigerung, mit offenem Visier und freiem Wort am Meinungsstreit teilzunehmen, die Neigung, sich lieber zurückzuhalten und den Lauten, Frechen und Fanatischen das Feld zu überlassen, erkannte Stern als das Grundgebrechen einer Gesellschaft, die nie gelernt hatte, liberal nicht bloß zu denken, sondern auch zu leben. Stern war dankbar für jeden Widerständler, den er ehren konnte, aber die Verdrucksheit der besseren Stände, die lieber kulturell übelnahmen als debattierten, blieb ihm, mehr als einzelne Ansichten, ein Hauptfaktor des deutschen Problems im 20. Jahrhundert.“

Im 17. Juni 1953 erkannte Fritz Stern einen Freiheitskampf und die Vorwegnahme der Bürgerrechtsbewegung von 1989, den Kampf für freie Wahlen, die Meinungs- und Reisefreiheit. Fritz Stern hat zur Wiedervereinigung Deutschlands aktiv beigetragen (Gustav Seibt, SZ 19.5.16).

In seinen Erinnerungen „Fünf Deutschland und ein Leben“ (675 Seiten), 2006 erschienen, hat Stern die Weimarer Republik, das dritte Reich, die Bundesrepublik, die DDR und die Berliner Republik Revue passieren lassen und mit sich selbst in Beziehung gesetzt. Ein großartiges Buch auch für Nicht-Historiker. Fritz Stern war Bürger der USA und ein nüchterner und zugleich glühender deutscher Patriot.

1237: Hentig verunglimpft Odenwaldschul-Opfer.

Dienstag, Mai 24th, 2016

Bernhard Pörksen ist Professor für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen. Ihm verdanken wir einige Bücher zum Konstruktivismus, eine der wichtigsten Groß-Theorien der Sozialwissenschaften. Pörksen erforscht die Dynamik öffentlicher Empörungsprozesse. Er hatte die Berichterstattung über den sexuellen Missbrauchsskandal an der (inzwischen geschlossenen) Odenwaldschule gerechtfertigt. Vom Verlag hatte Pörksen die Fahnen zu

Hartmut von Hentigs

neuem Buch „Noch immer Mein Leben. Erinnerungen und Kommentare aus den Jahren 2005 bis 2015.“

erhalten. Pörksen hat das zum Anlass für eine umfassende Kritik des Werks genommen (Die Zeit, 21.4.16).

Der Chefideologe der Reformpädagogik, Hartmut von Hentig, rechtfertigt sich in seinem Buch selbst. Er versucht, sein „Lebenswerk“ zu retten. Dabei geht er so weit, den sexuellen Missbrauch an der Odenwaldschule, 132 Fälle sind nachgewiesen, partiell so umzudeuten, dass einige Täter wohl von den missbrauchten Kindern und Jugendlichen „verführt“ worden seien. Auch der

Haupttäter, von Hentigs Freund und Lebenspartner Gerold Becker.

Von Hentig selbst will nichts gewusst haben und nicht mit seinem Freund über den Missbrauch gesprochen haben.

„.. es geht schließlich um die infame Beschreibung sexueller Gewaltverhältnisse als mehr oder minder einvernehmliche Liebesbeziehungen zwischen Jugendlichen und ihrem Lehrer und um die Diskreditierung von Opfern, die einen bei der Lektüre vor Wut zittern lässt.“

Von Hentig behauptet, im Nachlass Beckers Briefe seiner Opfer gefunden zu haben, die seine (Hentigs) Behauptungen rechtfertigten, diese aber aus rechtlichen Gründen nicht veröffentlichen zu dürfen.

Von Hentig kritisiert, dass man

Andreas Huckele,

einen hundertfach von Gerold Becker missbrauchten Ex-Schüler und Autor eines erschütternden Enthüllungsbuchs, den Geschwister-Scholl-Preis zuerkannt hat. Und zugleich charakterisiert er Huckele als Opfer. Begriffsakrobatik.

„Man muss sich, wenn man solche widerlichen, auf die erneute Demütigung eines Menschen zielenden Gedankenspiele liest, eines klarmachen: Hartmut von Hentig hat in dem Versuch, die eigene Rolle zu erklären, die eigene Ahnungslosigkeit eines selbst Betrognenen zu belegen und gleichzeitig doch irgendwie das öffentliche Bild von Gerold Becker zu korrigieren, stets zuverlässig neue Empörungsanlässe produziert, so auch in diesem Buch. All seine Versuche, die Einfälle des Freundes als pädagogische Jahrhundertideen zu verherrlichen, seine Verbrechen jedoch durch die Kritik der Kritiker zu relativieren, sind gescheitert.“

1236: Margot Honecker gestorben

Dienstag, Mai 24th, 2016

Der Tod Margot Honeckers in Chile hat relativ hohe Wellen geschlagen. Die 1927 in Halle geborene Margot Feist wurde Erich Honeckers dritte Ehefrau und von 1963 bis 1989

Ministerin für Volksbildung

der DDR. In dieser Funktion war sie sehr wichtig und ist deswegen verantwortlich für die zahlreichen Verwerfungen und Simplifizierungen im Denken der aus der DDR stammenden Menschen, von denen einige noch heute zu spüren sind. Ihre Macht hatte sie sich selbst im SED-Apparat erworben, nicht etwa ihrem Mann zu verdanken.

Margot Honecker war dafür verantwortlich, dass am Ende der DDR die meisten Menschen über das Bildungssystem der DDR nur noch mit Verachtung und Hass sprachen. Sie selbst blieb von ihrer Politik bis zum Ende überzeugt. Als Ministerin war Margot Honecker neben Günter Mittag (Sozialpolitik) und Erich Mielke (Geheimpolizei) eine der Stützen der Macht ihres Mannes. Im Bildungssystem gab es Formen der Dressur und der Einübung in Rituale. Lebenschancen wurden willkürlich zugeteilt. Es gab Zwangadoptionen, die Zurichtung von Jugendlichen in Werkhöfen, Schikanen gegen Gläubige und die

Einführung des Wehrunterrichts.

Alles Weitere findet sich in Freya Kliers zornigem Buch

„Lüg Vaterland“.

1989/90 traf Margot Honecker stärkerer Hass als Erich Honecker (Jens Bisky, SZ 10.5.16).

1235: Führender Doping-Staat der Welt: Russland

Dienstag, Mai 24th, 2016

Doping gibt es auf der ganzen Welt. Wenn auch in der staatlich geförderten Variante nicht überall. Hier ragt ein Staat heraus: Russland in der

Putin-Ära.

Das wissen wir spätestens seit dem Geständnis des ehemaligen obersten russischen „Dopingbekämpfers“ Grigorij Rodtschenko in der „New York Times“. Wissen konnte man vorher schon viel davon. Wenn man wollte. Die meisten von uns wollen das gar nicht wissen.

Die Doping-Spiele von London 2012 und Sotschi 2014 haben eine in Bezug auf Doping schlechte Bilanz. Am schlimmsten: die russische Leichtathletik (Julian Hans, René Hofmann, SZ 19.5.16; Evi Simeoni, FAZ 21.5.16). Es ist wie schon zu Zeiten der

Sowjetunion.

Wladimir Putin will verloren gegangene Macht zurückgewinnen. Am einfachsten scheint ihm das im Sport möglich. Deswegen hat er den Betrug „angeordnet“.

Ein Ausschluss Russlands etwa von den Olympischen Spielen würde den ganzen internationalen Sport in Frage stellen. Obwohl er moralisch gerechtfertigt wäre. Damit ist also nicht zu rechnen. Der globale Leistungssport ist ohnehin moralisch bankrott. Er hält sich am Leben durch seine Attraktivität im Fernsehen und in Verbindung damit dadurch, dass hier sehr viel Geld verdient wird. In erster Linie unter der Ägide des IOC unter Präsident Thomas Bach (Deutschland).

Also geht die große Misere des internationalen Leistungssports weiter.

Wollen wir das eigentlich?

1234: Tilman Lahme: Die Manns – ein großartiges Buch

Mittwoch, April 27th, 2016

Kürzlich erst habe ich die Lektüre von

Tilman Lahme: Die Manns. Geschichte einer Familie. Frankfurt am Main (S. Fischer) 2015, 479 S.,

beendet. Es ist ein großartiges Buch. Gestützt auf umfangreiches, teilweise bisher nicht ausgewertetes Quellenmaterial (insbesondere Briefe) und die ausgedehnte Forschungsliteratur zur Familie Mann. Tilman Lahme hatte 2009 bereits vorgelegt

Golo Mann. Biographie. Frankfurt am Main (S. Fischer), 551 S.

Er ist ein ausgewiesener Mann-Forscher. Er schreibt flüssig und ist sehr gut lesbar. Und so bekommen wir in sehr vielen Facetten das Leben einer hochneurotischen Künstlerfamilie geschildert, in der fast alle schrieben, die von Tablettenmissbrauch und Homosexualität geprägt wurde und die in vielen Fällen in den Selbstmord und in die Psychiatrie führte. Lahme bietet Neues, obwohl wir ja beispielsweise über die Familie Mann ziemlich gut informiert sind. Etwa durch die Forschungen von Marianne Krüll, die aus feministisch-emanzipatorischer Perspektive den Patriarchalismus herausgearbeitet hat. Der Fall Heinrich Mann, der etwa von seinem Bruder finanziell abhängig war, kommt nur am Rande vor.

Es geht um

Thomas Mann (1875-1955), Katja Mann (1883-1980), Erika Mann (1905-1969), Klaus Mann (1906-1949), Golo Mann (1909-1994), Monika Mann (1910-1992), Elisabeth Mann (1918-2002), Michael Mann (1919-1977).

Mehrere aus der Familie gestartete Musikerkarrieren scheitern mehr oder weniger. Michael Mann, der als Bratscher reüssieren wollte, endet 1977 als US-amerikanischer Germanistikprofessor im Selbstmord. Er ist der Vater von Thomas Manns „Lieblingsenkel“ Frido. Thomas Manns viele politische Fehlurteile werden von Lahme exakt vorgeführt. Klaus Mann, der es als bekennender Schwuler zu Lebzeiten schwer hat, ist heute zumindest unter Fachleuten als Autor anerkannt. Bei seiner Beerdigung 1949 in Cannes ist die Familie verhindert bis auf Michael, der ihm ein Bratschenkonzert spielt. Golo Mann ist in der Familie der seriöse Einzelgänger und Berater. Er macht als Wissenschaftler Karriere und als Politikberater (z.B. von Willy Brandt), ist aber schwermütig. Gegen Ende seines Lebens erweist er sich als Anhänger von Franz Josef Strauß.

Es entspricht wahrscheinlich meiner chauvinistischen Weltsicht, dass ich die Leistungen von Erika, Monika und Elisabeth Mann nicht für so bemerkenswert halte.

Thomas Man hat die Romane „Buddenbrooks“ (1901), „Der Zauberberg“ (1924), die Joseph-Tetralogie (1933-1943), „Doktor Faustus“ (1947) und „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ (1954) veröffentlicht.

Klaus Mann „Mephisto“ (1936) und die Autobiografie „Der Wendepunkt“ (1952).

Golo Mann die „Deutsche Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts“ (1958) und „Wallenstein“ (1971).

1233: Rudolf Chimelli gestorben

Montag, April 25th, 2016

Seit 1957 hat Rudolf Chimelli, der jetzt einen Tag vor seinem 88. Geburtstag in München gestorben ist, für die „Süddeutsche Zeitung“ (SZ) geschrieben. 1964 ging er nach Beirut (Libanon), danach berichtete er aus der Sowjetunion, von 1979 an aus Frankreich. Am 2. April 2016 erschien sein letzter Leitartikel. Rudolf Chimelli war der „Senior Foreign Corresponent“ der SZ. „Einen wie ihn wird es in der SZ und im deutschen Journalismus nicht mehr geben.“ (Kurt Kister, SZ 25.4.16)

Der 1928 geborene Chimelli war überall als „Weltmann“ angesehen, er sprach viele Sprachen. 1956 hatte er am Werner-Friedmann-Institut, der heutigen Münchener Journalistenschule, eine Grundausbildung absolviert. Sein langes und abwechslungsreiches Journalistenleben ist die Quelle unzähliger Anekdoten. Seine Pariser Wohnung mit Blick auf den Eiffelturm gehörte insbesondere zum SZ-internen Legendenstoff. Nie plusterte Rudolf Chimelli sich auf. Bei ihm fand man nicht den schwer erträglichen Antiamerikanismus eines berühmten Kollegen. Rudolf Chimelli gehörte am Ende des letzten Jahrhunderts in die goldene Zeit der Auslandskorrespondenten.

Sein Chefredakteur Kurt Kister schreibt über ihn: „Vielleicht ist das die richtige Beschreibung für Rudolf Chimelli: Augenzeuge einer Ära. Seine Zeugenschaft hat er verlässlich über Jahrzehnte in dieser Zeitung abgelegt, er hat berichtet und kommentiert, er hat analysiert und er hat nüchtern und präzise beschrieben, was er sah. Er war kein Blender und hat nicht schwadroniert, wie das manche Reporter gerne tun. Er war ein Gentleman-Reporter.“

1232: Grüner Steuerstreit

Montag, April 25th, 2016

Die schwarz-gelbe Regierung Kohl schaffte die

Vermögenssteuer

1997 ab. Nun wollen sie einige Grüne, insbesondere vom linken Flügel, wiederhaben Als Instrument gegen die wachsende Ungleichverteilung in der Gesellschaft. Toni Hofreiter: „Wir müssen uns trauen, sehr große Vermögen zu besteuern.“ Simone Peter: „Dass Vermögen heute gar nicht besteuert wird, macht es einigen Leuten leider zu leicht, ihren Besitz und ihr Einkommen daraus, vor dem Fiskus zu verstecken – zum Beispiel in Steueroasen.“ Auch der grüne Finanzpolitiker Gerhard Schick meint: „Eine verfassungskonforme Vermögenssteuer ist machbar und notwendig.“ Sogar viele Realos sind dieser Meinung. In Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Rheinland Pfalz, Berlin und Bremen haben sich die Grünen für eine Vermögenssteuer ausgesprochen. Die Bundesländer haben Interesse an einer solchen Steuer; denn sie käme ihnen zugute.

Aber es gibt natürlich auch Gegner einer solchen Politik. Hauptsächlich aus Realo-Kreisen. Die Grünen in Baden-Württemberg möchten mehr Mut bei der Reform der

Erbschafts- und Schenkungssteuer.

Eine grüne Steuerkommission arbeitet permanent. Für einige Realos ist die Vermögenssteuer nur ein Placebo-Vorschlag. Außerdem lenke sie von einer wertschöpfungsstarken Erbschaftssteuer ab. Privatvermögen und Betriebsvermögen seien schwer voneinander zu trennen. So stehen sich auf der einen Seite Toni Hofreiter mit seiner Aussage „Trotz guter Steuereinnahmen brauchen wir viel Geld für Wohnungsbau, Integration oder faire Löhne in Kitas und Schulen.“ und andererseits Matthias Wagner mit der Aussage „Ich habe ein Déjà-vu und kann nur davon abraten, die Steuerpolitik erneut zum Thema des üblichen Flügelstreits zu machen.“ gegenüber.

2013 hatten grüne Steuerpläne für ein sehr schlechtes Wahlergebnis gesorgt. (Ulrich Schulte, taz 21. und 22.4.16)

1231: „Sonnenfinsternis“-Skript wieder aufgetaucht.

Sonntag, April 24th, 2016

Der Kasseler Germanistik-Doktorand Matthias Weßel hat 2015 das deutschsprachige Ur-Skript von

Arthur Koestlers (1905-1983)

„Sonnenfinsternis“ (1940)

in der Universität Zürich wiederentdeckt. Es ist ein Manifest des linken Antikommunismus. Gespeist aus Koestlers Erfahrungen mit dem Zionismus, der KPD, dem spanischen Bürgerkrieg und vor allem mit dem stalinistischen Terror. Es geht darin um den Revolutionsveteranen

Rubaschow,

der von seiner eigenen Partei als Verräter nach quälend langen Verhören zum Tode verurteilt und hingerichtet wird. Das Original-Skript trägt in der Züricher Bestandsliste den Titel „Rubaschow. Unveröffentlichtes Manuskript. März 1940“. Es erschien in einer Übersetzung von Koestlers Freundin zunächst auf Englisch und wurde von Koestler selbst ins Deutsche zurückübersetzt, weil das Original in den Wirren der dreißiger und vierziger Jahre verlorengegangen zu sein schien (Tobias Rüther, FAS 24.4.16).

Der hochbefähigte Arthur Koestler (1905-1983), der ungarisch, deutsch, englisch und französisch fließend sprach und auch des Russischen und des Iwrith (Neu-Hebräisch) mächtig war, hatte ein abenteurliches Leben geführt (Budapest, Wien, Palästina, Berlin, Spanien, Großbritannien). Seine erste Abrechnung mit dem Kommunismus erfolgte im

„Spanischen Tagebuch“ (1937).

Es folgten noch „Der Yogi und der Kommissar“ (1945) und das atheistische Manifest „Gottes Thron steht leer“ (1951). Später driftete Koestler in die Esoterik-Szene ab und wurde zu einer Ikone der Suizid-Bewegung. 1983 nahme er sich gemeinsam mit seiner dritten Frau das Leben.

Inhaltlich verbunden war Koestler mit Autoren wie

Aldous Huxley (1894-1963, „Schöne neue Welt“ 1932),

George Orwell (1903-1950, „Mein Katalonien“ 1938, „Farm der Tiere“ 1945, „1984“ 1949),

Ignazio Silone (1900-1978, „Schule der Diktatoren“ 1938),

Stephen Spender (1908-1995),

W.H. Auden (1907-1973, „Das Zeitalter der Angst“ 1947) und

Christopher Isherwood (1904-1986, „Leb wohl, Berlin“ 1939).

1230: Der Videobeweis muss her gegen den „Bayern-Bonus“.

Samstag, April 23rd, 2016

Der Stammtisch hat es schon immer gewusst, dass es beim Fußball den „Bayern-Bonus“ gibt, die Bevorzugung des FC Bayern München bei Schiedsrichterentscheidungen. Das ist nun auch wissenschaftlich erhärtet. Und im Ergebnis höchst unerfreulich. Der Frankfurter Volkswirtschaftsprofessor Eberhard Feess hat Daten zu Schiedsrichterentscheidungen zwischen

2000 und 2014 aus 4.248 Erstliga-Spielen

statistisch ausgewertet. Die Schiedsrichterentscheidungen wurden kategorisiert nach

richtig, strittig und falsch.

In der Erhebung wurden nur die Entscheidungen aus der Kategorie „falsch“ herangezogen. Also: Tore, die nicht gebeben, Elfmeter, die nicht verhängt wurden, etc. Zu den 666 Fehlentscheidungen bei den Elfmetern kamen noch 1.290 mit der Hilfe von Fernseh-Aufzeichnungen hinzu, die von den Datensammlern als „strittig“ bewertet wurden.

Auszüge aus den Ergebnissen:

1. Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Mannschaft benachteiligt wird, steigt, wenn sich Mannschaften mit „unterschiedlichem Status“ (gemessen am Tabellenstand) gegenüberstehen.

2. Ist eine Mannschaft am Spiel beteiligt, für die es noch um etwas geht (Auf- und Abstieg oder Teilnahme an internationalen Wettbewerben), zögern die Schiedsrichter, gegen sie zu pfeifen.

3. Der „Heimvorteil“ ist statistisch erwiesen. Zur Wirkung kommt er meistens „unbewusst“.

4. Der „Heimvorteil“ ist um so größer, je mehr Zuschauer im Stadion sind.

5. Für eine Mannschaft ist es klüger, die Schiedsrichterentscheidungen zu kritisieren, statt sie hinzunehmen.

6. Ist der FC Bayern am Spiel beteiligt, ist die Wahrscheinlichkeit von Fehlentscheidungen zugunsten der Bayern signifikant höher.

7. Jeder kann wissen, dass dann, wenn in München gespielt wird, die Auswärtsmannschaft mit Benachteiligungen zu rechnen hat.

8. Die Fehler der Schiedsrichter gleichen sich nicht aus.

Liebe Freunde, gegen diese ganze erwiesene Misere hilft nur der

Videobeweis!! (Christoph Becker, FAZ 16.4.16)

1229: Buchenwald: die neue Dauerausstellung

Donnerstag, April 21st, 2016

Neben „Auschwitz“ ist „Buchenwald“ die Chiffre, die für das System der deutschen Konzentrationslager und den Massenmord der Nationalsozialisten steht. Gelegen unmittelbar bei Weimar (Goethe und Schiller), der heimlichen deutschen Kulturhauptstadt. Ich war schon zu DDR-Zeiten mehrmals da. Es war auch seinerzeit schon ein würdiges Erinnerungsmal, wenn auch mit der marxistisch-leninistischen (kommunistischen) Schlagseite der Legende von der Selbstbefreiung des Lagers durch deutsche Kommunisten („Nackt unter Wölfen“). Aber ich konnte lernen, dass der Vorsitzende der deutschen Kommunisten (KPD), Ernst Thälmann, dort kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs mit Genickschuß ermordet worden war.

Seit 1990 wird die Geschichte Buchenwalds aufgearbeitet. Seit langem ist dabei der Gedenkstättenleiter Volkhard Knigge verantwortlich. 1995 hat er eine erste historisch korrekte Ausstellung gestaltet. Dabei wurden auch die

Sinti und Roma, Homosexuellen und Zeugen Jehovas

einbezogen. Das Lager wurde von 1945 bis 1950 von der UdSSR als Internierungs- und Sterbelager geführt.

Nun gibt es in Buchenwald eine neue Dauerausstellung. Sie verfolgt andere Ziele. „Historische Kenntnisse dürfen nicht vorausgesetzt werden. Die Ausstellung solle, so Knigge, interessant sein für jeden Jugendlichen, aber auch für jeden Professor. Alles Schreckliche, was in Buchenwald geschah, müsse so dargestellt werden, dass es nicht dem Voyeurismus dient, der sich am Leid anderer berauscht.“ (Franziska Augstein, SZ 18.4.16)