Archive for the ‘Gesellschaft’ Category

1258: Rudi Altig, „die radelnde Apotheke“, ist tot.

Montag, Juni 13th, 2016

Er war ein sehr starker deutscher Radrennfahrer von internationaler Klasse, vielleicht der stärkste, Rudi Altig. 1966 wurde er auf dem Nürburgring Straßen-Weltmeister vor seinem Freund, dem fünfmaligen französischen Tour-de-France-Sieger Jacques Anquetil. Rudi Altig war dreimal Weltmeister in der Einzel-Verfolgung, vielfacher Etappensieger bei den großen Rundfahrten Tour de France, Giro d’Italia und Vuelta. Er gewann die Flandern-Rundfahrt 1964 und 1968 Mailand-San Remo. Eine große Karriere.

In einer Zeit, in der noch nicht so sehr auf Doping geachtet wurde, gehörte Rudi Altig aber auch zu den großen Beschwichtigern und Lügnern. Er wollte vom Doping nichts hören. Wir Radsportfans nannten ihn

„die radelnde Apotheke“.

Der „Bild“-Zeitung sagte Altig 1997: „Ich habe Pillen geschluckt, klar. Wie alle anderen auch. Aber in Absprache mit meinem Arzt, nie unkontrolliert. Außerdem: Zu meiner Zeit war Doping nicht verboten.“

Jetzt ist Rudi Altig an Krebs gestorben (Peter Burghardt, SZ 13.6.16)

1257: Berliner Fahrradkampf 2016

Sonntag, Juni 12th, 2016

1. Eine Berliner Aktivisten-Initiative sammelt Unterschriften für einen Volksentscheid, der zum Ziel hat, dass eine Gleichberechtigung der Fortbewegungsweisen (Fußgänger, Fahrrad, Auto) erreicht wird.

2. Das ist eine Folge der veränderten Wahrnehmungsweise des Verkehrs hin zu mehr Umweltverträglichkeit.

3. Die Befürworter der Initiative sehen sich als Speerspitze eines gesunden, ökologisch verträglichen, dynamischen Lebens, das den Autoverkehr als Anachronismus erscheinen lässt. Sie sehen sich als bessere Menschen.

4. Es handelt sich in den Termini des marxistischen Theoretikers Antonio Gramsci um einen Kampf um kulturelle Hegemonie.

5. Weil angeblich die Stadtverwaltung nicht in der Lage ist, vernünftige Verkehrsbedingungen zu schaffen, muss man das selbst in die Hand nehmen.

6. Die Hauptleidtragenden sind die Nicht-Kombattanten, die Naiven und Eingeschüchterten, die es unter allen am Verkehr teilnehmenden Gruppen gibt.

7. Kombattanten sind die Autofahrer, die jede Abweichung von der bisherigen Auto-Dominanz als persönlichen Angriff auf ihre Selbstbestimmung interpretieren und aggressiv werden.

8. Die Kampfradler bezeichnen sich jetzt selbst als „Kampfradler“.

9. Manche Aktivisten schrecken nicht davor zurück, sich zur Durchsetzung ihres eigenen Verkehrsverständnisses selbst in Gefahr zu bringen.

10. Solange der Kampf nicht entschieden ist, ist die Lage für alle Beteiligten und Unbeteiligten riskant. Es wird mehr Unfälle unter Beteiligung von Fahrrädern geben. Konkret ist vorgesehen, bis 2025 jedes Jahr fünfzig Kilometer Nebenstraßen zu Fahrradstraßen umzugestalten mit einem mindestens fünf Meter breiten Fahrradweg in der Mitte und schmalen Spuren links und rechts davon für die Autos (Mark Siemons, FAS 12.6.16).

Ich nehme selbst in Göttingen als Fußgänger, Fahrradfahrer und Autofahrer am Verkehr teil, hauptsächlich als Fahrradfahrer. Hier haben die Grünen den m.E. nicht besonders tauglichen Vorschlag gemacht, dass wir Fahrradfahrer die Autofahrbahn auch dann benutzen sollen, wenn ein Fahrradweg vorhanden ist. Ich habe dadurch allerdings noch keine schwerwiegende Verkehrsbehinderung beobachtet.

1256: Prokop-Brief an Bach wegen Olympia in Rio

Samstag, Juni 11th, 2016

Der Präsident des Deutschen Leichtathletikverbands (DLV), Clemens Prokop, hat wegen Olympia in Rio 2016 einen Brief an den IOC-Präsidenten Thomas Bach (Deutschland) geschrieben. Darin verlangt Prokop, der Direktor des Amtsgerichts Regensburg ist, russischen Leichtathleten, die einem System des Staatsdopings wie in der Sowjetunion unterliegen, keine Hintertür zu den Olympischen Spielen in Rio zu eröffnen. Die Chancengleichheit bei den Olympischen Spielen von 2008 und von 2012 sei offensichtlich nicht gegeben gewesen. Es habe beim Nachtest 55 positive Doping-Ergebnisse gegeben, davon 22 russische.

„Damit sind nicht nur Athletinnen und Athleten betrogen worden, auch das IOC und die olympische Idee sind hintergangen worden. Ich bitte Sie daher, die Sorge der Athletinnen und Athleten ernst zu nehmen und alle Möglichkeiten für glaubwürdige und chancengleiche Wettkämpfe in Rio auszuschöpfen. Dies sind wir gemeinsam den Athletinnen und Athleten schuldig.“ Die Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) geht Hinweisen auf weitere Manipulationen in anderen russischen Verbänden nach.

Thomas Bach hatte in einem FAZ-Beitrag vom 18. Mai bereits nach Möglichkeiten gesucht, das Startverbot für die russischen Leichtathleten in Rio zu umgehen.

In Russland werden die Doping-Kontrollen seit November 2015 von der britischen Anti-Doping-Agentur durchgeführt. Der Hammerwerfer Sergej Litwinow hat mitgeteilt, er sei sieben Monate ohne Kontrolle gewesen. Prokop wendet sich nicht ausschließlich gegen Russland, sondern auch gegen

Eritrea, Äthiopien, Kenia und Marokko.

Noch immer ist nicht geklärt, welche elf (11) Weltverbände olympischer Sportarten außer den Boxern Doping-Tests vollständig verweigern.

Clemens Prokop: „Der Sport erlebt eine Glaubwürdigkeitskrise. Wenn wir nicht handeln, wird er in sich zusammenbrechen.“ (Michael Reinsch, FAZ 11.6.16)

1254: Soccermatics

Freitag, Juni 10th, 2016

Wer David Sumpters Buch

Soccermatics – Fußball und die Magie der Zahlen. Salzburg 2016, 320 Seiten, 19,95 Euro,

lesen will, braucht Begeisterung für den Fußball und eine hohe Motivation für die Mathematik. Sumpter kommt zu dem Schluss:

„Was sich auf dem Fußballplatz abspielt, wird immer eine einzigartige Kombination von Glück, Struktur und Magie bleiben.“

Das beruhigt. Der britische Mathematiker untersucht moderne Spielsystem (4 – 4 – 2 oder 3 – 4 – 3 etc.). Er vergleicht die Netzdiagramme der ungarischen Nationalmannschaft von 1953, von Inter Mailand in den sechziger Jahren, dem FC Liverpool in den Siebzigern und dem FC Barcelona 2010/11. Sein Buch hat drei Teile:

„Auf dem Platz“,

„Auf der Trainerbank“ und

„In der Menge“.

Es ist aber Skepsis gegenüber Sumpters Analysen angebracht. Einmal hält er

England

für den Favoriten bei der EM. Zweitens untersucht er Zlatan Ibrahimovics Fallrückzieher-Tor von 2012 im Spiel Schwedens gegen England. Das schaut man sich besser an:

https://www.youtube.com/watch?v=7lVghHoWnwo ! (Holger Gertz, SZ 10.6.16)

1253: Maria Scharapowa zwei Jahre gesperrt

Freitag, Juni 10th, 2016

Der Tennis-Weltverband ITF hat Maria Scharapowa wegen der Einnahme des verbotenen Mittels Meldonium für zwei Jahre gesperrt. Scharapowa war im Januar bei den Australian Open positiv getestet worden. Sie bekam „mildernde Umstände“ und nicht die Höchststrafe von vier Jahren, weil sie nicht wissentlich, sondern nur fahrlässig gehandelt habe. Anders als die Biathlon-, Eisschnellauf- und Radsport-Weltverbände, die Sportler in ähnlichen Fällen freigesprochen hatten, entschied sich das ITF für eine Sperre. Meldonium ist ein Herzpräparat, das in

Russland

beliebt ist und die Durchblutung fördern soll (SZ 9.6.16).

1252: Gauck-Nachfolge: Die Linke ist das Problem.

Donnerstag, Juni 9th, 2016

1. Joachim Gauck ist ein guter Bundespräsident, so sehen es viele.

2. Angela Merkel und die Linke wollten ihn seinerzeit nicht.

3. Die Linke nahm noch zu sehr Rücksicht auf ihre SED-Veteranen, die damals den Bürgerrechtler und den Leiter der Stasiakten-Behörde Gauck scharf ablehnten.

4. Joachim Gaucks Ankündigung seines Rückzugs ist wohlbegründet mit seinem Alter.

5. Heute soll die SPD mit einem Rot-rot-grünen Bündnis dazu verlockt werden, sich aus der „Umklammerung“ durch die Union zu befreien. Dazu soll sie mit der Agenda 2010 und Auslandseinsätzen der Bundeswehr brechen, für die sie seit 1998 stets gestimmt hat. Die SPD hat im Gegensatz zur Linken kein Problem mit der NATO.

6. Die Bundespräsidentenwahl wird als Vorbote für einen Machtwechsel überschätzt (trotz Gustav Heinemann).

7. SPD, Grüne und Linke haben keine Mehrheit in der Bundesversammlung. Die Landtagswahlen in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern dürften das verstärken.

8. Die Grünen werden von ihren Rivalen als links eingestuft. Sie selbst tun das nicht, sondern begreifen sich richtigerweise als Öko- und Kleinbürgerpartei, die vielfach in den sozialen Bewegungen verankert ist.

9. Angela Merkel muss einen Kandidaten für das Bundespräsidentenamt finden, der auch den Grünen und der SPD gefällt.

10. Die Linke ist noch nicht reif dafür, in Kompromisse für die Machterringung einbezogen zu werden. Sie hat immer noch ein gestörtes Verhältnis zu den westlichen Institutionen und Bündnissen (NATO, EU, Europäischer Gerichtshof für Menschenrechte etc.). (Nico Fried, SZ 9.6.16)

1251: Antisemitismus bei der AfD

Montag, Juni 6th, 2016

Landtagsabgeordnete aus Baden-Württemberg der CDU, der SPD und der Grünen beschweren sich über den Antisemitismus des AfD-Landtagsabgeordneten Wolfgang Gedeon. Der ist seit Jahren bekannt. Geschehen ist aber noch nichts. Vielmehr versichert der stellvertretende Bundesvorsitzende Jörg Meuthen Gedeon seines Respekts und seiner Wertschätzung. Dagegen waren Gedeons Wortbeiträge auf den Parteitagen in Kirchheim/Teck 2014 und Karlsruhe 2015 bei manchen Delegierten gefürchtet.

Gedeon hat zwei Bücher geschrieben:

1. Der grüne Kommunismus und die Dikatatur der Minderheiten und

2. Christlich-europäische Leitkultur. Die Herausforderung Europas durch Säkularismus, Zionismus und Islam.

In dem ersten gibt es antisemitische und islamfeindliche Äußerungen und den Versuch, den Holocaust zu relativieren. „Als sich im 20. Jahrhundert das politische Machtzentrum von Europa in die USA verlagerte, wurde der Judaismus in seiner säkular-zionistischen Form sogar zu einem entscheidenden Wirk- und Machtfaktor westlicher Politik. (…) Der vormals innere geistige Feind des Abendlandes stellt jetzt im Westen einen dominierenden Machtfaktor dar, und der vormals äußere Feind des Abendlandes, der Islam, hat via Massenzuwanderung die trennenden Grenzen überrannt, ist weit in die westlichen Gesellschaften eingedrungen und gestaltet diese in vielfacher Weise um.“

„Weltbedeutung hat das Judentum heute nicht direkt durch seine Religion, sondern im Wesentlichen indirekt, nämlich durch Judaisierung der christlichen Religion und Zionisierung des westlichen Politik.“

Anstoß nimmt Gedeon an der historischen Aufarbeitung der Geschichte des Nationalsozialismus in Deutschland. „Dass ein Volk auf dem größten Platz seiner Hauptstadt ein riesiges Denkmal zur Erinnerung an gewisse Schandtaten seiner Geschichte errichtet, ist dagegen selten, wenn nicht einzigartig. Das Schlimmste daran ist: Die meisten Deutschen finden das ganz normal.“

Gedeon verabscheut die politische Philosophin

Hannah Arendt (1906-1975),

die von Winfried Kretschmann geschätzt und häufig zitiert wird.

Der wissenschaftliche Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Peter Steinbach, kommt nach der Lektüre von Gedeons Aussagen zu einem eindeutigen Urteil: „Gedeon argumentiert offen rassistisch, völkisch, antisemitisch und erinnert in vielen seiner Assoziationen und Thesen an nationalsozialistische Vorstellungen.“

Die Vorwürfe sollen von Jörg Meuthen, der in Baden-Württemberg sowohl den Landesverband als auch die Fraktion führt, „sorgfältig geprüft“ werden. (Justus Bender/Rüdiger Soldt, FAZ 4.6.16)

Kann der das ?

1250: „Die Sprache kommt vor der Tat“

Samstag, Juni 4th, 2016

Der Präsident des Bundeskriminalamts (BKA), Holger Münch, beklagt die Verrohung der Sprache in den Medien. Im Interview mit Eckart Lohse und Matthias Wyssuwa (FAZ 4.6.16) sagt er:

„Ich nehme einmal das Thema Hasskriminalität. Wir sehen hier eine Verrohung der Sprache in den verschiedenen Foren im Internet. Es werden Vorurteile geäußert, aber auch Beleidigungen und Bedrohungen ausgesprochen. Wir hatten im letzten Jahr einen Anstieg auf 1.800 solcher Delikte. Das ist für uns ein Schwerpunkt; denn die Sprache kommt vor der Tat. Und wir müssen genau beobachten, ob sich aus den einzelnen Straftaten Hinweise auf überregionale Strukturen und Zusammenhänge ergeben.“

1249: Darf man Luther feiern ?

Freitag, Juni 3rd, 2016

„Kann man in Deutschland einen Mann feiern, der den Juden wünschte, ‚dass man ihre Synagoga oder Schule mit Feuer anzünde‘? Einen Mann, der Muslimen, Katholiken und aufständischen Bauern Pest, Tod und Teufel an den Hals wünschte? Darf man fröhlich eines Jahrhunderts gedenken, das darin endete, dass ein furchtbarer Krieg samt Seuchen und Hunger ein Drittel der Menschen in Mitteleuropa dahinraffte?

Die Frage wird dieses Jahr akut, denn am 31. Oktober ist es 499 Jahre her, dass Martin Luther in Wittenberg seine 95 Thesen gegen den päpstlichen Ablasshandel veröffentlichte. In diesem Wittenberg wird dann Heinrich Bedford-Strohm, der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche, gemeinsam mit dem katholischen Christenbruder Kardinal Reinhard Marx ein Jahr des Feierns und Gedenkens eröffnen; am selben Tage empfängt im schwedischen Lund der Lutherische Weltbund Papst Franziskus. Bis zum 500. Jahrestag des legendären Thesenanschlags gibt es Tausende Veranstaltungen, eine große Pilgerfahrt durch Europa, einen Kirchentag in Berlin mit einem Abschlussgottesdienst in Wittenberg mit bis zu 300.000 Gläubigen. Ein ganzes Jahr wird es luthern in Deutschland und der Welt.“ Das schreibt Mathias Drobinski (SZ 10.5.16).

In der Vorbereitung auf das Jubiläum habe die evangelische Kirche viel gelernt. Sie habe sich mit den „abgründigen Seiten des Reformators“ befasst und erkenne in ihm nun doch wohl eher einen „spätmittelalterlichen Menschen“ als einen modernen. Der Reformation werde dieses Mal so

ökumenisch, europäisch, international und aufgeklärt

gedacht wie noch nie zuvor. Luther war eben ein leidenschaftlicher Gottsucher und ein Menschenhasser, der Katholiken, Juden und Andersgläubige ausgegrenzt habe. Das sei bemerkbar bis zu dem Jahr 1983, als sich die Partei- und Staatsführung der DDR Luthers bedient habe, um sich am Leben zu erhalten.

Matthias Drobinski kommt dann ausführlich auf Luthers Verdienste zu sprechen. „Da sind Luthers Bibel und Sprache. Da ist seine Erkenntnis, dass der Mensch als Mensch von Gott angenommen ist, egal, was er leistet. Und auch Luthers Abgründe haben Folgen bis heute. Vergangenen November drückte die Synode der evangelischen Kirche ihre Scham angesichts der jahrhundertelangen kirchlichen Judenfeindschaft aus. Schämen kann sich aber nur, wer, was geschehen ist, vergenwärtigt. Das ist ja der Wert eines kulturellen und auch religiösen Gedächtnisses: …“

Grund zum Feiern besteht also. Als Folge Luthers hat sich in der Neuzeit der Individualismus durchgesetzt, auf den die Menschenrechte 1776 gegründet worden sind.

Sollte man den Papst 2017 nach Deutschland einladen? Das werden sich die Protestanten reiflich überlegen. Denn sie kennen die jugendliche Leidenschaft, mit der manchmal die Katholiken ihre alten Männer (wie Papst Benedekt XVI.) feiern. Da könnte dann doch ein falsches Bild entstehen.

1248: Seyran Ates plädiert für eine liberale Moschee.

Freitag, Juni 3rd, 2016

Die deutsch-türkische Rechtsanwältin und Menschenrechtsaktivistin Seyran Ates plädiert in der „Zeit“ (19.5.16) für eine liberale Moschee. Ich zitiere hier daraus zentrale Passagen:

„Mein Vater gehörte zu den vielen Muslimen, die irgendwann in Berlin in keine Moschee mehr gingen. Er kam aus einem Dorf in Zentralanatolien, aber den altmodischen Islam, den die Imame in Deutschland verkündeten, empfand er nicht als Heimat. Die Grabenkämpfe zwischen den Moscheen und auch die politischen Predigten, welche Partei man wählen sollte, schreckten ihn ab. …

Zugleich wünschen sich immer mehr Musliminnen und Muslime einen friedlichen Islam, der den Dialog mit anderen Religionen pflegt. …

Die meisten Moscheen weltweit sind heute konservativ bis fundamentalistisch. Männer und Frauen beten in getrennten Räumen. Die Männer natürlich im schönen Hauptraum, die Frauen hinten, hinter einem Paravent, oder in einem lieblosen Nebenraum. Selbst in der großen Sultan-Ahmed-Moschee in Istanbul dürfen wir den großen Gebetsraum nicht betreten. Ein Schild zeigt eine durchgestrichene Frau. An keinem anderen Ort fühle ich mich derart diskriminiert wie in Moscheen. Ist meine Religion Männersache? …

Der erste Mensch, der mit dem Propheten Mohammed betete und dem Islam beitrat, war seine Ehefrau Chadidscha (türkisch: Hatice), mit der er 25 Jahre monogam lebte. Trotzdem verteidigen die meisten Imame die Vielehe als Norm. Am Hofe des Propheten beteten Männer und Frauen gemeinsam, die Verhüllung der Frauen kam später. Warum dürfen wir heute nicht zusammen beten? …

Wenn Terroristen ihre Morde mit Koranversen rechtfertigen, ist es falsch zu rufen: ‚Das hat alles nichts mit dem Islam zu tun!‘ Doch, es hat leider mit dem Islam zu tun. Solange wir das leugnen, kommen wir keinen Millimeter weiter. Wir überlassen den Militanten (dem IS, den Taliban, Al Kaida, Boko Haram, Hamas) und den fundamentalistischen Staaten (Iran, Katar, Saudi-Arabien) die Deutungshoheit über unsere Religion. Schon jetzt prägen Fundamentalisten das Bild vom Islam. …

Wo entsteht dieser Wahn? In Männergruppen, die sich als wahrhaft muslimisch definieren. Die Biografien nahezu aller Selbstmordattentäter lesen sich ähnlich. Ihre Radikalisierung findet sowohl durch (Moschee-) Gemeinden als auch durch soziale Medien statt. Trotz dieser Erkenntnis fehlt es seit Jahren an Gegenprogrammen. …

Zu viele Moscheen predigen einen Islam von vorgestern. Sie erstellen Gutachten, damit Schülerinnen vom Biologie- und Schwimmunterricht befreit werden und nicht an Klassenfahrten teilnehmen müssen. Sie unterstützen nachhaltig das Kopftuch bei Schülerinnen, fordern Gebetsräume in Schulen und warnen Eltern davor, ihre Kinder zu Feiern christlicher Familien zu schicken. Dies sind noch keine Hasspredigten gegen die demokratische Mehrheitsgesellschaft. Doch die meisten aktiven Imame in Deutschland haben ein gestörtes Verhältnis zu demokratischen Standards wie Religionsfreiheit, Glaubensberechtigung und Respekt vor Homosexualität. …

Woher kommen diese Imame? Die größte Gruppe der Muslime in Deutschland stammt aus der Türkei. Demzufolge wird die Mehrzahl der über 2.000 Moscheen in Deutschland von türkischen Mosscheevereinen geführt. Die meisten Imame stammen aus der Türkei, können kein Deutsch, kennen Land und Leute schlecht. … Stets ist der türkische Staat der Arbeitgeber. …

Mein Traum: eine demokratische Moschee in Berlin zu schaffen. Berlin ist meine Heimat in Freiheit. Hier möchte ich auch frei glauben, wie so viele meiner Verwandten und Freunde, wie tausende Muslime, die nach Europa kamen. … Wir könnten .. die kriegerischen und gewalttätigen Aussagen in der islamischen Lehre als Symptome einer vergangenen Zeit sehen und uns davon emanzipieren. Wir könnten fragen, was der Islam heute an Positivem für das Zusammenleben der Menschen bietet. …“