Archive for the ‘Gesellschaft’ Category

1269: Das bringt der Brexit.

Mittwoch, Juni 29th, 2016

1. Die Verlogenheit der Tories hat uns den Brexit beschert, der den gesamten Westen beschädigt.

2. Verlierer ist David Cameron.

3. Die Desinformationskampagne der Tories hat die britischen Wähler verwirrt.

4. Jetzt wissen wir, dass der Brexit nicht gewollt war.

5. Bei Labour sieht es nicht viel besser aus, Jeremy Corbyn genießt kein Vertrauen mehr.

6. Häme und Schadenfreude unsererseits sind unangebracht.

7. Es geht nun um zügige Schadensbegrenzung für die 27 EU-Staaten.

8. In Großbritannien werden besonders die Alten, die Ungebildeten und die Landbevölkerung unter dem Brexit leiden, den sie selbst gewählt haben.

9. Der für die Brexit-Kampagne geschürte

Rassismus

wird Großbritannien lange beherrschen.

10. Bei der Globalisierung verliert Großbritannien, z.B. an den Universitäten.

1267: Hajo Seppelt ist kein Fan.

Montag, Juni 27th, 2016

Hajo Seppelt, 53, ist der Journalist, der die größten Beiträge dazu geleistet hat, dass das Staatsdoping in Russland aufgedeckt worden ist. Weshalb der internationale Leichtathletikverband (IAAF) russische Leichtathelten bei den Olympischen Spielen in Rio 2016 nicht starten lassen will. Seit Jahren ist Hajo Seppelt Chef der Journalistengruppe, die unter dem Label

„Geheimsache Doping“

über das weit verbreitete Doping in der Welt berichtet. Seppelt war schon

2008 bei uns in Göttingen zum Thema im „Literarischen Zentrum“

zu Gast. 2006 wurde er noch von dem damaligen ARD-Sportkoordinator Hagen Boßdorf als Schwimm-Reporter abgesetzt. Boßdorf, der aus der DDR stammte und dem Stasi-Verwicklungen nachgesagt wurden, hatte wohl zu viel Verständnis für das Doping im Radsport. Etwa bei Jan Ulrich, über den er ein Buch mit veröffentlicht hatte. Er musste als ARD-Sportkoordinator zurücktreten. Hagen Boßdorf war schon

2006 bei uns im „Literarischen Zentrum“

zu Gast.

In einem Gespräch mit Bernd Dörries (SZ 23.6.16) hat Hajo Seppelt nun über die Probleme des Sportjournalismus gesprochen. Es gäbe einen „zu große Nähe“, das „Kumpelige“, „Gefühlige“, das „Fansein“. „So langsam kommt das Bild des Sports der Wirklichkeit näher.“ Für den WDR, für den Seppelt arbeitet, betonte Fernseh-Direktor Jörg Schönenborn, dass der Sender wie die ganze ARD Wert darauf legten, dass

nichts unter den Teppich gekehrt werde.

Hajo Seppelt reflektiert die Tatsache, dass die ARD einerseits zur Fifa-Korruption recherchiert und andererseits der Fifa Geld für die WM-Übertragungsrechte zahlt. „Uns ist allen klar, dass wir uns mit dem Gegenstand der Berichterstattung nie gemein machen.“ „Ich habe keine Begeisterung für die deutsche Mannschaft, das ist nicht mein Job, ich bin nicht ’stolz auf Deutschland‘, ich bin kein Fan. Ich bin lediglich interessiert.“

In seinen Beiträgen zur Sportberichterstattung kommt Hajo Seppelt selbst viel vor. Seppelt im Auto, Seppelt am Telefon, Seppelt am Computer. Das nennen die einen

Eitelkeit.

Er selbst bezeichnet es als

Transparenz.

Demnächst soll Seppelt wohl über seine eigene Produktionsfirma beauftragt werden. Im investigativen Sportjournalismus eher selten. Seppelt: „Der ist weiter notwendig. Was in der Politik mittlerweile als No-Go gilt, ist im Sport immer noch üblich, die totale Vermengung der Interessen: Der Vizepräsident des IOC ist gleichzeitig Präsident der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada. Das ist so, als würde der Chef eines Zigarettenkonzerns gleichzeitig dem Nichtraucherbund vorstehen.“

1266: Macht uns der Kapitalismus doch krank ?

Sonntag, Juni 26th, 2016

In der FAS vom 26. Juni 2016 streiten die Soziologen Martin Dornes (66) und Hartmut Rosa (50) über die Krankheiten in unserer Gesellschaft. Von Dornes stammt der Bestseller

„Der kompetente Säugling“, 2015 in der 16. Auflage.

Von Rosa kennen wir das Buch über die

„Beschleunigung“ (2005).

Das Gespräch wurde moderiert von Corinna Budras und Rainer Hank.

FAS: Herr Rosa, macht uns der Kapitalismus krank?

Rosa: Der Kapitalismus befördert Verhältnisse, unter denen Burnout oder Depressionen zunehmen, und deshalb kann man auch sagen, dass der Kapitalismus krank macht. Wir haben es mit einer Form von Entfremdung zu tun, die durchaus kapitalistische Ursachen hat. Ein gutes Leben gelingt nur schwerlich unter diesen Bedingungen.

Dornes: Das bestreite ich ernergisch. Dass psychische Störungen wie Burnout und Depressionen in den vergangenen dreißig oder vierzig Jahren zugenommen haben, wiederholen linke Sozialwissenschaftler wie Sie, Herr Rosa, unablässig. Aus der Zunahme der Burnout-Diagnosen schließt man auf die Zunahme dieser Krankheiten und daraus wiederum, dass die Lebensverhältnisse unter dem neoliberalen Kapitalismus die Krankheitszahlen nach oben treiben. Dieser Zusammenhang existiert nicht. Wenn die Krankheitsdioagnosen zunehmen, bedeutet das noch lange nicht, dass es auch mehr Kranke gibt. Je mehr Ärzte es gibt, desto mehr Krankheiten werden diagnostiziert; je mehr Kinderpsychiater, desto mehr ADHS. Man nennt das eine angebotsinduzierte Nachfrage, die die Diagnosen in die Höhe treibt. Die Leute waren vorher schon krank, und jetzt werden sie ins diagnostische Hellfeld überführt. Was zugenommen hat, ist unserer Sensibilität für Symptome, die wir früher ignoriert haben. Aber sie waren immer da.

W.S.: Martin Dornes hat Recht.

1265: Der Nationalismus bedroht weiter Europa.

Sonntag, Juni 26th, 2016

Der Politikchef der FAS, Volker Zastrow, arbeitet in einem Kommentar (26.6.16) heraus, wie die Lage der EU nach dem Brexit aussieht. Er argumentiert besonnen und überlegt. Ich bringe hier zwei Zitate:

„Und das ist der eigentliche Grund für den Brexit. Die Europäische Union hat keine Legitimationsdefizite, sie hat auch kein Demokratiedefizit – sie hat ganz einfach unbeirrbare, entschlossene Gegner. Die haben Verbündete gewonnen, und aus vielen dieser Gegner sind in den vergangenen Jahren Feinde geworden. Aber nicht nur in Großbritannien, sondern auch auf dem Kontinent. Der

Nationalismus

sieht in der EuropäischenUnion seinen Hauptfeind, und ganz zu Recht, denn genau diesen

Nationalismus

will sie überwinden. Deswegen sehen die Nationalisten den Brexit als das Signal dafür, dass die EU endlich sturmreif geschossen ist.“

„Die Weimarer Republik ist nicht an ihrer Schwäche gescheitert, sondern an ihren Feinden. Auch die Europäische Union bringt ihre Widersacher nicht selbst hervor. Das ist nur deren Behauptung. Auch die angeblichen demokratischen Defizite der Union sind im Wesentlichen nur darin begründet, dass die Souveränität unverändert bei ihren Mitgliedern, also den Staaten, liegt und dass die Bürger kleinerer Länder begünstigt werden – also für das EU-Parlament nicht das Prinzip „one man, one vote“ gilt. Beide Entscheidungen stehen gegen einen Brüsseler Zentralismus, man kann sie kritisieren, aber ganz sicher sind sie demokratisch begründet. Und der erste Punkt war nun gerade eine Konzession an die Skeptiker. Auch das ist eines ihrer

propagandistischen Kampfmittel:

die Folgen jener Zugeständnisse zu Lasten der Integration, die sie in den Verhandlungsphasen selbst erwirkt haben, wenig später als

Systemfehler

zu brandmarken.“

1264: Die Grünen: halbstark

Samstag, Juni 18th, 2016

Die Grünen haben einen politischen Triumph gefeiert. Sie konnten verhindern, dass Marokko, Algerien und Tunesien vom Bundestag zu sicheren Herkunftsländern erklärt wurden. Einmal abgesehen davon,

dass ich die Position der Grünen für falsch halte,

spricht das für einen Machtzuwachs. Die Grünen sind in zehn Landesregierungen vertreten, die CDU nur noch in sieben. Im Punkt der sicheren Herkunftsländer muss das Kanzleramt nun einen neuen Kompromiss versuchen. Bei 40 Prozent der vom Bundestag beschlossenen Gesetze muss der Bundesrat zustimmen.

Die Macht der Grünen beruht auf ihrer Vetostärke dort. Im Bundestag sind sie seit elf Jahren in der Opposition, führen ein kümmerliches Dasein. Seit dem Abgang Joschka Fischers gibt es keine klare Führung mehr. Die Partei hat sich noch nicht von der Doppelspitze verabschiedet. Das Auftreten von Cem Özdemir, Simone Peter, Anton Hofreiter und Karin Göring-Eckardt ist regelmäßig nicht hinreichend abgestimmt. Für die Spitzenkandidatur bei der Bundestagswahl 2017 steht zusätzlich Robert Habeck bereit.

Die heute schon bekannten wunden Punkte der Grünen sind

1. die Erbschaftssteuer, 2. die Vermögenssteuer, 3. die Wahl des neuen Bundespräsidenten, 4. die gewünschte Koalition im Bund ab 2017.

Es genügt nicht, einen „Kurs der Eigenständigkeit“ zu proklamieren (Robert Rossmann, SZ 18.6.16). Die logisch und inhaltlich schlüssige Variante für die Grünen beim Weg an die Macht heißt

Schwarz-grün bzw. Grün-schwarz.

Für Rot-rot-grün sind die Grünen nicht antikapitalistisch genug, sie sind fest verankert beim Immobilien-Kapital und in der Ökologie (weg mit der Braunkohle!).

Der eigentliche Knackpunkt bei den Grünen liegt aber da, wo die Basis regelmäßig die auf Bundesebene geführte häufig vernünftige Politik tatsächlich gar nicht will. An der Basis gibt es noch viele Linke, alte Kommunisten etc., die sich insofern für den Machtgewinn klug verhalten, dass sie bei neuralgischen Punkten die Klappe halten. Ich misstraue der Grünen-Basis aufs Äußerste, auch wenn sie sich bisher nicht offen gegen den Westen (NATO, EU, europäische Institutionen) ausgesprochen hat. Da gibt es viel Klammheimliches.

Und das ist schlecht.

1263: Sexualstraftaten gehen zurück.

Freitag, Juni 17th, 2016

Das Beispiel München zeigt: Sexualstraftaten (Vergewaltigung, sexuelle Nötigung, sexueller Missbrauch von Kindern, exhibitionistische Handlungen, Erregung öffentlichen Ärgernisses) gehen zurück. Wie das Polizeipräsidium München mitteilte, 2015 um fünf Prozent. 717 Straftaten seien im letzten Jahr in München registriert worden, der niedrigste Wert in den vergangenen zehn Jahren. Es wurden 150 Vergewaltigungen gemeldet. Im Zehnjahresvergleich sind sie um 26 Prozent zurückgegangen. 2006 waren 204 Fälle angezeigt worden. Jede dritte Vergewaltigung geschieht in einer Beziehung.

Das Münchener Polizeipräsidium trat den Behauptungen nach den Sexualstraftaten in der Kölner Silvesternacht entgegen, beim Münchener Oktoberfest habe es eine extrem hohe Dunkelziffer bei Vergewaltigungen gegeben, die etwa bei 200 liege. Der Münchener Polizei nach sind auf dem Oktoberfest 2015 zwei Vergewaltigungen angezeigt worden (Susi Wimmer, SZ 16.6.16).

Hier stehen sich die verschiedene „Lager“ ganz besonders unversöhnlich gegenüber. Während der klassische Feminismus bestreitet, dass in Köln hauptsächlich Gruppen von Nordafrikanern straffällig geworden sind und weiße Mitteleuropäer im Verdacht hat, betrachten Justiz und Polizei es genau andersherum.

1262: Die Rundfunkgebühr ist rechtens.

Donnerstag, Juni 16th, 2016

Das Bundesverwaltungsgericht hat erneut entschieden, dass die Rundfunkgebühr rechtens ist. Dabei hatte das Gericht die Frage zu klären, ob die Gebühr in Wahrheit eine Steuer ist und ob sie mit dem Gleichbehandlungsgebot zu vereinbaren ist. Schon im März 2016 hatte das Gericht ebenso entschieden (SZ 16.6.16)

1261: Muhammad Ali – everybody’s darling ?

Mittwoch, Juni 15th, 2016

Lange vor seinem Tod in diesem Jahr galt Muhammad Ali als der Nenner, auf den sich alle einigen konnten. Spätestens seit er mit zitternden Händen (Parkinson) 1996 bei den Olympischen Spielen in Atlanta (USA) als US-Repräsentant auftrat. Das war in der Präsidentschaft Bill Clintons.

Mich hat das stutzig gemacht.

Ich kannte Cassius Clay, wie er damals noch hieß, als großartigen Boxer seit 1960, als er in Rom Olympiasieger im Halbschwergewicht wurde. Schon damals verkörperte er die Schnelligkeit und Eleganz des Boxens perfekt. Leider verstehen die meisten Menschen zu wenig vom Boxen, das im übrigen tatsächlich vor allem eine Geschichte des Betrugs, der Täuschung, der faulen Absprachen (mit einem Wort: der Korruption) ist.

Bei Muhammad Ali, wie er sich seit 1964 nannte, müssen wir vor allem den Zusammenhang zwischen dem betrachten, was im Ring geschah und was außerhalb. Beides steht bei ihm in einem unlösbaren Zusammenhang. Clay trat neben dem Boxen als Dichter und PR-Mann hervor („Fliege wie ein Schmetterling, stich wie eine Biene.“).

Die beiden schnellen Ko-Siege 1964 über den seinerzeit für unschlagbar gehaltenen Sonny Liston standen noch im Verdacht der Bestechung. Aber Ali zeigte bald in seinem unnachahmlichen Kampfstil, dass er ein wahrer Weltmeister war. Ich hatte meinen boxerischen Verstand an den drei Kämpfen zwischen Sugar Ray Robinson und Gene Fullmer Mitte der fünfziger Jahre geschult und bei der Armee selbst im Schwergewicht (ab 82 kg) geboxt.

Ali verweigerte 1967 den Wehrdienst mit den berühmten Worten, er werde „nicht 10.000 Meilen von zu Hause entfernt helfen, eine andere arme Nation zu ermorden und niederzubrennen, nur um die Vorherrschaft weißer Sklavenherren über die dunkleren Völker der Welt sichern zu helfen“. Wir überlegen, ob und wie weit dieser Satz heute (2016) noch gilt. Alis Haltung resultierte aus seiner Mitgliedschaft bei der Nation of Islam seit 1964 unter der Führung von Elijah Muhammad. Er wurde der prominenteste Mitstreiter von Malcom X und den radikalen Black Muslims. Diese sind Vorläufer der fundamentalistischen Moslem-Gruppen auf der ganzen Welt.

Das gefiel mir schon damals nicht.

Muhammad Ali war drei Jahre als Boxer gesperrt und kam 1970 in den Ring zurück. 1971 verlor er den legendären Weltmeisterschaftskampf gegen Joe Frazier über fünfzehn Runden nach Punkten. Frazier, der erheblich kleiner als Ali war, brillierte durch seine konsequente Angriffsführung. Er konnte fast nur auf der „Innenbahn“ agieren und musste dabei angesichts von Alis Reichweite sehr beweglich vorgehen. Gesundheitlich könnte ihm der Kampf nicht förderlich gewesen sein. M.E. war dies einer der sportlich maßgebenden Kämpfe der Boxgeschichte.

1974 boxte Ali aus Steuergründen im Kongo des Diktators Mobutu gegen George Foreman um den Weltmeistertitel. Es wurde der berüchtigte „Rumble in the Jungle“ (im Netz zugänglich), den Ali gewann. Allerdings musste er sehr viele schwere Treffer des schlagstarken Forman einstecken. Der Kampf riss Schriftsteller wie

Norman Mailer und Joyce Carol Oates

in Essays zur Begeisterung hin. Ali war endgültig zur Legende geworden.

1975 gab es den dritten Kampf gegen Joe Frazier, den „Thrilla in Manila“. Ali gewann durch Aufgabe Fraziers in der 14. Runde. Viele Experten meinen, dass dieser Kampf, den viele als Schlacht bezeichneten, das Leben beider Boxer nachhaltig verändert habe. Ali sagte nach dem Kampf, er habe sich noch nie dem Tode so nah gefühlt.

Danach gab es das insgesamt unwürdige Schauspiel einiger Kämpfe aus Geschäftsgründen. Bis 1981. Da war Ali 39 Jahre alt. 1984 wurde bei ihm Parkinson diagnostiziert, der seither sein Leben bestimmte. 1975 war Ali aus der Nation of Islam ausgetreten und hatte sich dem sunnitischen Islam zugewandt. Er wurde bürgerlich, milde, angepasst.

Präsident Obama würdigte Ali bei seinem Tod als einen „Mann, der für das gekämpft hat, was richtig war. Er hat für uns gekämpft.“ Ex-Präsident Bill Clinton erklärte: „Hillary und ich sind tieftraurig.“ Und Donald Trump nannte Ali einen „wahrhaft großen Champion und wunderbaren Kerl“ (Bernd Pickert, taz 6.6.16).

Ist das alles nur Propaganda ?

Und wie sieht es mit der Sklavenherrschaft der weißen Herren über die dunkleren Völker der Welt heute aus ?

1260: Großbritannien gehört zur EU.

Mittwoch, Juni 15th, 2016

Ein Brexit würde den Finanzplatz London schwächen und Beschränkungen im europäischen Handel mit sich bringen. Das wäre schon schlimm. Weitere Argumente fügt Edgar Klüsener hinzu, der Medientheorie an der Universität Manchester lehrt (SZ 15.6.16).

„Irland ist im Moment de facto vereinigt, zwischen der Republik und dem britischen Nordirland sind alle Grenzen gefallen. Menschen, Waren und Dienstleistungen fließen ungehindert in beide Richtungen und Familienbande verflechten die Republik mit dem Norden und der britischen Hauptinsel. Nach dem Brexit würden die Barrieren zwischen dem EU-Mitglied Irische Republik und dem britischen Nordirland wieder aufgerichtet werden, das Miteinadner in persönlicher wie politischer und ökonomischer Sicht erheblich komplizierter werden. Den Nordiren dämmert das langsam, eine klare Mehrheit darf das Brexit-Lager dort kaum noch erwarten. Wohl aber ein gewalttätiges Wiederaufleben alter Konflikte, die man mit dem Karfreitagsabkommen von 1998 eigentlich begraben geglaubt hatte.

EU-Bürger zieht es seit Jahrzehnten aus den unterschiedlichsten Gründen ins Vereinigte Königreich. Sie studieren und arbeiten dort, sind Ingenieure und Barkeeper, Ärzte und Krankenschwestern, Fußballer und Ladenhilfen. Andere kamen der Liebe wegen, oder wegen der britischen Pop- und Ravekultur. Was auch immer der Grund war oder ist, eins ist allen gemeinsam:

Man wird schnell heimisch in einer Gesellschaft, die zugleich konservativ und weltoffen ist, die auf Distanz achtet und einen trotzdem willkommen heißt. …

Eine der extremen Brexit-Ideen ist die Theorie, wonach die EU Teil eines deutschen Geheimplans zur Etablierung eines

Vierten Reichs

ist. Die Verschwörungstheorien wuchern im gleichen Maße wie die Fremdenfeindlichkeit. …

Ein Auseinanderbrechen des Landes nach dem Referendum ist zudem eine durchaus realistische Möglichkeit. Schottlands regierende Nationalisten haben bereits unmissverständlich angedeutet, dass im Falle eines Ausscheidens Großbritanniens aus der EU auch die Frage des weiteren Verbleibs Schottlands im Vereinigten Königreich neu gestellt werden müsse. …“

1259: Hermann Kant 90

Dienstag, Juni 14th, 2016

Hermann Kant hatte das Pech, Schriftsteller in der DDR und als Nachfolger von Anna Seghers ab 1978 Präsident des Schriftstellerverbands der DDR zu sein. Denn Kant war ein großer Schriftsteller, der sich mit seinen drei Romanen „Die Aula“ (1965), „Das Impressum“ (1974) und „Der Aufenthalt“ (1977) einen festen Platz in der deutschen Literaturgeschichte erschrieben hat. Er hat in seinen jungen Jahren als Journalist gearbeitet und viele Erzählungen geschrieben. Darin fing er den „Stagnationssozialismus“ ein.

Als überzeugter Kommunist und Schriftsteller-Funktionär wurde Kant zwangsläufig in die Machtspiele von SED und Staat verwickelt. Und dabei hat er wohl keine rühmliche Rolle gespielt. Etwa als am Ende der siebziger Jahre nach der Ausbürgerung Wolf Biermanns 1976 „unbotmäßige“ Kollegen wie Adolf Endler oder Stefan Heym gemaßregelt wurden. Kants Gegner behaupten, es sei ihm immer nur um seine Machtposition gegangen. Kant hat sich dagegen – insgesamt wohl vergeblich – verteidigt. Zuletzt in seinen Erinnerungen mit dem Titel „Abspann“ 1991.

Hermann Kant hatte nach dem Krieg, an dem er als Wehrmachtssoldat noch teilgenommen hatte, er geriet in Polen in Gefangenschaft, zunächst an der Arbeiter-und-Bauern-Fakultät (ABF) in Greifswald studiert. Daran schloss sich das Studium der Germanistik an der Humboldt-Universität Berlin an. Kant wurde Assistent von Alfred Kantorowicz, einem bekannten Spanienkämpfer. Um seiner Verhaftung zu entgehen, floh Kantorowicz 1957 nach West-Berlin. Kant blieb in der DDR.

In seinem ersten großen Roman „Die Aula“ lässt Kant einen sehr unsympathischen Antifaschisten vorkommen und berichtet ausführlich von einem Republikflüchtling. Dieser „Quasi“ Riek war organisatorisch und rhetorisch sehr versiert. Er verließ die ABF in Richtung Westen. Wahrscheinlich im Auftrag der Stasi als „Kundschafter“ (Jens Bisky, SZ 14.6.16). Ich habe die Romane Hermann Kants in den siebziger jahren gerne gelesen.