Archive for the ‘Gesellschaft’ Category

1291: Julius Schoeps misstraut Ignaz Bubis.

Freitag, Juli 22nd, 2016

Der bekannte jüdische Historiker Julius H. Schoeps, der inzwischen emeritiert ist, hat ein Buch über seine Begegnungen mit anderen Juden herausgegeben, die sich ebenso wie er sehr mit dem Verhältnis von Juden und Deutschen beschäftigt haben:

Julius H. Schoeps: Begegnungen. Berlin (Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag) 2016, 421 S., 22,95 Euro (Klaus Hillenbrand, taz 16./17.7.16).

Wir erfahren sehr viel über Philipp Auerbach, den Konservativen Ernst J. Cramer, der im Springer Verlag Karriere machte, den linken Historiker Walter Grab, der in Tel Aviv blieb, und den Friedensaktivisten Uri Avnery (Helmut Ostermann), der sich bei der israelischen Obrigkeit unbeliebt machte. Pikant ist die Darstellung der Begegnung mit Ignaz Bubis, dem 1999 gestorbenen Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland, dem es Schoeps nicht nachsehen kann, dass er sich in Israel begraben ließ. Schoeps zieht daraus den Schluss, dass Bubis daran gezweifelt habe, dass Deutschland ein Ort für Juden sei. Hier bewegt sich Schoeps ganz in den Fußstapfen seines Vaters, des bereits 1946 aus dem Exil zurückgekehrten Religionshistorikers Hans-Joachim Schoeps.

1290: Kachelmanns Schmerzensgeld

Mittwoch, Juli 20th, 2016

„Von der Unschuldsvermutung blieb in einem Strafprozess selten so wenig übrig wie im Fall Kachelmann. Daran hat sich selbst nach dem rechtskräftigen Freispruch wenig geändert. Der Ruf dieses Mannes blieb gemordet.

Schuld daran war nicht nur, aber auch die Art und Weise, wie die ‚Bild‘-Zeitung den Fall behandelt hat: exzessiv, persönlichkeitszerstörend und existenzvernichtend; beim Ausschlachten der Intimsphäre des Angeklagten gab es keine Grenzen und keine Hemmungen. Angesichts dessen ist das Schmerzensgeld, zu dem nun das Oberlandesgericht Köln den Springer-Verlag verurteilt hat, nicht spektakulär, sondern bescheiden. Das Geld gibt Kachelmann sein altes Leben nicht zurück; aber es gibt Genugtuung. Ob es abschreckende Wirkung für die Zukunft hat? Die

395000 Euro

haben wohl nicht einmal gewinnabschöpfende Wirkung. Der verurteilte Verlag hat an Kachelmann ein x-Faches dessen verdient, was er nun bezahlen muss.

Es ist nun aber auch billig, nur mit dem Finger auf ‚Bild‘ zu zeigen. Andere Medien haben es hier nicht viel besser gemacht, und leider hat eine überforderte Strafjustiz zur medialen Vorverurteilung beigetragen; sie hat die Intimsphäre der Beteiligten in einer Weise bloßgelegt, die jeder Beschreibung spottete. Das Schmerzensgeld, zu dem die Justiz nun Springer verurteilt, darf von eigenen Fehlern nicht ablenken.“ (Heribert Prantl, SZ 13.7.16)

1289: Der Raub des jüdischen Kunst-Eigentums

Mittwoch, Juli 20th, 2016

„Tausende Kunstwerke waren es, welche die Amerikaner im Jahr 1949 den Deutschen übergaben. Sie stammten aus den beschlagnahmten Sammlungen der Nazi-Größen. Der Auftrag an die Deutschen war klar: Diese Werke gehören den Juden, denen sie geraubt wurden. Findet die rechtmäßigen Besitzer!

Doch die Deutschen kümmerten sich nicht darum. Sie verteilten die Kunst auf ihre Museen, wo sie bis heute hängen, oder sie versteigerten sie zugunsten öffentlicher Kassen. Eine andere, noch skandalösere Praxis wurde soeben bekannt: Die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen und die Finanzbehörden verkauften Raubkunst auch direkt an Angehörige von Nazis (oder an diese selbst) zurück – an dieselben Leute also, denen die Amerikaner sie weggenommen hatten.“ (Jörg Häntzschel, SZ 13.7.16)

1288: IOC: Betrug als Kerngeschäft

Mittwoch, Juli 20th, 2016

Das russische Staatsdoping treibt den Weltsport in eine neue tiefe Krise. Dazu schreibt Claudio Catuogno in der SZ (20.7.16):

„Deshalb ist es auch nur die halbe Wahrheit, dass die Russen das olympische Kerngeschäft beschädigt haben. Sie haben es auf die Spitze getrieben. Und sich dabei erwischen lassen.

Betrug, Mauschelei und Korruption

gehören längst zum olympischen Kerngeschäft. Das Anti-Doping-System ist ein Publikums-Beruhigung-System, das nicht funktioniert. Und Fairplay und Weltfriede sind die Marketing-Lügen die alles schön weichzeichnen.“

Zur Durchführung schreibt Catuogno: „Ein verstecktes Loch in der Wand des Anti-Doping-Labors. Dahinter ein Agent des Geheimdienstes, offiziell akkreditiert als Kanal-Ingenieur. Draußen in den Wettkampfarenen gehen für ein paar Stunden die Flutlichter aus. Und hier, in einem geheimen Labor-Trakt, beginnt ein Wettkampf der anderen Art: Urinfläschchen werden geöffnet, ohne die Siegel zu beschädigen, positive Dopingproben werden weggeschüttet, stattdessen kommen vorher eingelagerte und katalogisierte Körpersäfte aus der Urin-Bank in die Röhrchen.

Willkommen bei den Pipi-Panschern von Sotschi. …

Im Sportministerium wurde der Betrug geplant und überwacht, Mediziner entwickelten die Doping-Cocktails, Geheimdienstler die nötigen Verschleierungstechniken.“

 

1287: Göring-Eckardt: Trittins alte Muster

Dienstag, Juli 19th, 2016

Die Fraktionsvorsitzende der Grünen im Deutschen Bundestag, Katrin Göring Eckardt, ist von Stefan Braun für die SZ (19.7.16) interviewt worden:

SZ: Ist er (Jürgen Trittin) der Mastermind hinter der grünen Vierer-Spitze von Berlin?

Göring-Eckardt: Nein. Ganz bestimmt nicht. Die Politik bestimmen wir. Wir machen den Vorschlag, was im Wahlprogramm stehen wird; und wir werden es auch sein, die über Wahlkampfstrategien und später über mögliche Koalitionsverhandlungen reden werden. Ich finde es schade, dass Jürgen Trittin versucht, die alten Muster der Politik in die neue Zeit zu übertragen. Das geht nicht mehr. Die Lage hat sich national und international verändert. …

1286: Das Dilemma der Grünen

Montag, Juli 18th, 2016

Es kann sein, dass die Grünen im Wahljahr 2017 mehr Macht erringen, als sie je hatten, und trotzdem ihr Hauptziel verfehlen, bestimmenden Einfluss auf eine Bundesregierung zu bekommen. In zehn Landesregierungen sind sie jetzt schon vertreten. Dazu schreibt Constanze von Bullion (SZ 18.7.16):

„Die Grünen können sich nicht länger um die Frage herummogeln, wie sie ihrer Basis eigentlich verkaufen wollen, dass ein schwarz-grünes Bündnis im Bund nicht nur denkbar ist, sondern im Ernstfall auch kommen kann. Grüne Ministerinnen und Minister würden dann die Regierungsbank nicht nur mit Angela Merkel teilen, die seit der Flüchtlingskrise Kanzlerin vieler grüner Herzen ist. Es säßen dort auch Typen vom Schlage Söders und Seehofers. Nicht nur beim Thema Integration, auch in Steuer- und Familienfragen wünscht man da viel Vergnügen.

Die Kretschmänner unter den Grünen mögen dort wieder angekommen sein, wo sie ihre Eltern einst zurückgelassen haben: in der westdeutschen Wohlstands- und Bildungsbürgerwelt. Für erhebliche Teile der Basis gilt das aber nicht. Wer das nicht glaubt, kann ja mal Renate Künast fragen. Als sie 2011 Regierende Bügermeisterin von Berlin werden wollte und kurz vor der Wahl erklärte, sie würde auch mit der CDU regieren, brach bei ihren Anhängern ein Aufstand los. Die Kandidatin ging kläglich baden. So ein Richtungswechsel will also vorbereitet sein.“

1285: Pressekodex – in Gefahr ?

Sonntag, Juli 17th, 2016

Seit 1956 gibt es den Deutschen Presserat. Er ist ein Organ der Selbstkontrolle der Presse. Vertreten sind in ihm die beiden Verlegerverbände der Zeitungs- und Zeitschriftenverleger sowie die beiden Journalistenverbände (der Deutsche Journalistenverband und die im DGB zusammengeschlossenen Journalisten und Pressemitabeiter). Der Presserat soll dafür sorgen, dass das Verhalten der Massenmedien bewährten Grundsätzen entspricht.

Diese hat er seit 1973 in den publizistischen Grundsätzen

(Pressekodex)

formuliert. Er umfasst 16 Punkte, die wiederum teilweise in weitere Richtlinien aufgefächert sind. Dadurch besteht eine Selbstkontrolle der Presse, die schnell und ohne obrigkeitlichen (staatlichen) Druck, fachliche Werturteile über einzelne Beiträge der Berichterstattung fällen kann. Der Deutsche Presserat kann Rügen aussprechen, die in den gerügten Medien abgedruckt werden sollen. Das ist bisher von Ausnahmen abgesehen weithin geschehen. Mit Erfolg. Denn die Medien sind bestrebt, nicht oder nur selten gerügt zu werden. Die meisten Rügen hat bisher die „Bild“-Zeitung bekommen.

Zur Überprüfung der Berichterstattung kommt es auf Grund von Beschwerden. Dazu gibt es eigens eine Beschwerdeordnung des Deutschen Presserats.

Mit einer Beschwerde kann sich jeder an den Deutschen Presserat wenden.

Bisher halten sich die deutschen Massenmedien an den Pressekodex.

Das könnte sich nun ändern. Denn die „Sächsische Zeitung“ in Dresden will sich nicht an die Richtlinie 12.1 (Berichterstattung über Straftaten) halten. Sie lautet: „In der Berichterstattung über Straftaten wird die Zugehörigkeit der Verdächtigen oder Täter zu religiösen, ethnischen oder anderen Minderheiten nur dann erwähnt, wenn für das Verständnis des berichteten Vorgangs ein begründbarer Sachbezug besteht.“

In ihrer Ausgabe vom 2 Juli 2016 hat die „Sächsische Zeitung“ begründet, warum sie sich nicht mehr an die Richtlinie 12.1 des Pressekodex halten wird. Die Richtlinie war vorher schon von Chefredakteuren wie Tanit Koch („Bild“) oder Rolf Seelheim („Nordwest-Zeitung“) als „Selbstzensur“ und „Wortkosmetik“ kritisiert worden.

Die „Sächsische Zeitung“ teilt zu 100 Prozent das Ziel des Schutzes von Minderheiten vor Stigmatisierung. Aber: „Gerade das Nichtnennen der Nationalität von Straftätern und Verdächtigen kann Raum für Gerüchte schaffen, die häufig genau denen schaden, die wir doch schützen möchten.“

Vorher hat es in der Redaktion der „Sächsischen Zeitung“ auf Grund einer Studie der Universität Dresden unter den Abonnenten eine Diskussion gegeben. Die Leser reagierten „verhalten positiv“, so Chefredakteur Uwe Vetterick. Den Geschäftsführer des Deutschen Presserats, Lutz Tillmanns, hat bisher noch keine Beschwerde über die Zeitung erreicht. Er plant derzeit kein Verfahren. Aber Tillmanns bezweifelt, dass die „Sächsische Zeitung“ ihr Ziel, Minderheiten zu schützen, mit der konsequenten Nennung der Herkunft erreichen kann. „Wenn ich schreibe: Das war ein Tunesier, dann hilft das vielleicht Ägyptern oder Marokkanern – aber gegenüber anderen Tunesiern schürt das Vorurteile.“

Die Regelung der „Sächsischen Zeitung“ soll in zwei Jahren überprüft werden (Karoline Meta Beisel/Cornelius Pollmer, SZ 15.7.16).

Hat die Zeitung vielleicht zu dieser Regelung gegriffen, um Pegida „gerecht“ zu werden?

1284: Das Märchen von der „Lügenpresse“

Samstag, Juli 16th, 2016

1. Die meisten Anhänger der These von der „Lügenpresse“ kennen die Massenmedien gar nicht, um die es dabei geht.

Der Klarheit zuliebe nenne ich Ihnen die Medien, auf welche die „Lügenpresse“-These gar nicht passt:

„Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (FAZ), „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ (FAS), „Süddeutsche Zeitung“ (SZ), „tageszeitung“ (taz), „Zeit“, „Der Spiegel“, die Nachrichtensendungen „Tagesschau“/ „Tagesthemen“ und „Heute“/“Heute-Journal“, die politischen – und Wirtschaftsmagazine in ARD und ZDF, Netzangebote wie „faz.net“ und „spiegel online“, die Cross-Media-Angebote einzelner Unternehmen und Verlage in

Presse/Radio/Fernsehen/Internet und speziell den „sozialen Medien“,

Fernseh- und Film-Dokumentationen, um nur einige Beispiele zu nennen, die ich kenne. „Die Welt“ bemüht sich unter Herausgeber und Chefredakteur Stefan Aust (früher „Der Spiegel“)   ebenfalls, ist aber noch nicht gleichmäßig gut (und zu klar Anti-SPD). Zu viel Porschefahrer und Autotester.

2. In der Medienwissenschaft gibt es ebenfalls wenige, meist jüngere Kolleginnen und Kollegen, welche die Massenmedien ebenfalls nicht gut genug kennen. Sie befassen sich lieber mit wissenschaftlichen Methoden und technischem Chichi, ohne einen Begriff von politischer Öffentlichkeit zu haben.

3. Die Straßenverkaufszeitungen wie „Bild“ werden unterschätzt. In Großbritannien hat die Boulevardpresse („Sun“, „Mirror“ etc., die mit den noch größeren Lettern) den Brexit mit herbeigeschrieben.

4. Unter den Anhängern der These von der „Lügenpresse“ sind auffällig viele Menschen mit einer DDR-Sozialisation.

5. Bevorzugt wird eine simple Welt unter dem Motto „So einfach ist das.“ Die Welt ist aber nicht einfach.

6. Verabscheut wird der öffentlich-rechtliche Rundfunk (der gesellschaftliche Rundfunk), der aus Gebühren finanziert wird. Diese werden als „Steuern“ denunziert.

7. Dabei hat das Bundesverfassungsgericht in vielen zentralen Entscheidungen seit 1960 (dem Urteil zum „Adenauer-Fernsehen“) hinreichend Klarheit geschaffen und seit 1985 privaten Rundfunk zugelassen. Was der tut, ist jeden Tag zu beobachten.

8. Bei den Anhängern der These von der „Lügenpresse“ sind Verschwörungstheorien verbreitet (am beliebtesten: die des  „US-israelischen Finanzkomplexes“, der uns bekannt vorkommt).

9. Natürlich können nicht alle Menschen die Massenmedien so gut kennen wie Medienwissenschaftler, dazu fehlt es ihnen auf Grund des Arbeitslebens an Zeit und vielen an Bildung.

10. Fördernd für solch eine Fehleinschätzung wie die der „Lügenpresse“ ist eine Weltanschauung, die das Globale, Neue und Fremde fürchtet und häufig in Rassismus endet.

1283: Hofreiter (Grüne) gegen Helmpflicht

Samstag, Juli 16th, 2016

Anton Hofreiter sitzt seit 2005 für die Grünen im Bundestag. 2011 wurde er Vorsitzender des Verkehrsausschusses, 2013 Fraktionsvorsitzender. Er kandidiert für die Spitzenkandidatur gegen andere Bewerber. Jan Heidtmann hat ihn nun für die SZ (16./17.7.16) interviewt. Dabei erscheint mir Hofreiter, obwohl er zum linken Flügel der Fraktion gezählt wird, weithin ziemlich sympathisch.

SZ: Hat Tschernobyl sie politisiert?

Hofreiter: Und Franz Josef Strauß. Der war damals, also 1985, noch Ministerpräsident. Die Art, wie er Politik machte, hat mich rausgefordert. Dass eine Wiederaufbereitungsanlage gebaut werden sollte gegen allen Widerstand. Dass denjenigen, die dagegen waren, das Bayrisch-Sein abgesprochen wurde. So wollte ich nicht leben, das war nicht mein Bayern. Damals wurden die Auseinandersetzuungen noch mit einer ganz anderen Härte geführt. Strauß hat seine Gegner Ratten und Schmeißfliegen genannt.

SZ: Von der Physikerin Angela Merkel heißt es, sie betreibe Politik mit dem kühlen Kalkül einer Wissenschaftlerin. Prägt die Biologie Ihren Blick auf die Politik?

Hofreiter: Man lernt, wie komplex die Zusammenhänge sind. Wenn sie an der einen Ecke zupfen, passiert an der anderen auch etwas. Und was für die Biologie gilt, gilt auch für die Politik: Diese Systeme sind nicht vollständig zu überschauen.

SZ: An Ihrem Buch über die Fleischindustrie ist bemerkenswert, wie Sie sich weigern, den Menschen Vorschriften zu machen.

Hofreiter: Ich will Gesetze für den Stall, nicht für den Küchentisch. Ich halte einfach nichts davon, dem Einzelnen auf den Nerven herumzutrampeln. Man kann das Versagen der Politik nicht auf die Leute abwälzen. In diesem Fall ist es das Versagen der Agrarpolitik. Wenn die Leute ein Stück Fleisch kaufen, also etwas völlig Legales tun, dann zu sagen, das ist moralisch verwerflich? Ich finde das schwierig.

SZ: Sie sind auch gegen eine Helmpflicht bei Fahrradfahrern. Was spricht dagegen? Es gibt auch eine Gurtpflicht. Die hat viele Menschenleben gerettet.

Hofreiter: Ich halte von einer Helmpflicht gar nichts, ich trage auch keinen. Aber es ist eine Abwägungsfrage. Die Gurtpflicht hat so einen krassen Unterschied gemacht, dass sie legitim ist. Der Helmpflicht steht entgegen, dass es dann weniger Radfahrer gibt, und alle Statistiken zeigen: je weniger Radfahrer, um so gefährlicher ist es für sie im Straßenverkehr. …

SZ: Und Sie glauben wirklich, die Welt ist noch zu retten?

Hofreiter: Die Welt muss man nicht retten, die kommt auch ohne uns gut zurecht. Es geht um unsere Lebensgrundlagen als Menschen. Und, ja, ich glaube, die sind noch zu retten.

SZ: Woran machen Sie das fest?

Hofreiter: Wir haben den ‚Point of no return‘ noch nicht überschritten. Der ist zum Beispiel erreicht, wenn Grönland komplett abschmilzt. Das hieße, der Meeresspiegel würde um sieben Meter steigen. Dann ist Bangladesch weg, aber auch Florida. Dann werden Milliarden Menschen von den Küsten fliehen.

SZ: Sie sind so wunderbar optimistisch.

Hofreiter: Das ist vielleicht der Grund, weshalb ich nicht Journalist geworden bin, sondern Politiker. Ich könnte meinen Job nicht machen, wenn ich nicht optimistisch wäre. Ich will auch kein Zyniker werden. Wenn man zynisch wird, hört man am besten auf.

1282: NSU-Prozess – deutscher Abgrund ?

Freitag, Juli 15th, 2016

Der NSU-Prozess ist jetzt schon einer der längsten Prozesse in der Bundesrepublik Deutschland. Und er ist teuer. Alles zahlt der Staat. Annette Ramelsberger beobachtet den Prozess vom ersten Tage an für die SZ (15.7.16). Sie schreibt:

„Inhaltlich ist im NSU-Prozess nichts Neues mehr zu erwarten.“

Das Gericht puffere sein Urteil nur noch gegen die Revision ab. In Norwegen habe der Prozess gegen Anders Breivik von der Anklage bis zum Urteil ganze vier Monate gedauert.

„Der NSU hat über 13 Jahre hinweg aus dem Untergrund zwei Sprengstoffanschläge, 15 Banküberfälle und zehn Morde begangen – ein Geständnis gibt es (anders als im Fall Breivik) nicht. Auch der Verfassungsschutz tut noch immer alles, damit seine Rolle nicht zu sehr beleuchtet wird. Das hat Tradition. Auch im bisher längsten Prozess der Nachkriegszeit, dem

Schmücker-Prozess in Berlin,

blockierte der Geheimdienst die Aufklärung, er ließ sogar die Tatwaffe verschwinden, mit der der Linksterrorist und V-Mann Ulrich Schmücker getötet worden war. 15 Jahre dauerten die Prozesse, am Ende stellte das Gericht alles ein – weil die Wahrheit nicht mehr zu ermitteln war.

So weit ist es im NSU-Prozess nicht. Das Gericht kann die Wahrheit recht gut einkreisen.

Es sollte nur nicht mehr allzu lang damit warten.

Denn auch historische Prozesse haben ein Verfallsdatum. Wenn die Richter den Punkt des allgemeinen Überdrusses überschreiten, dann ist das Urteil am Ende nur noch juristisch, aber nicht mehr gesellschaftlich relevant. Und das wäre gerade beim NSU-Prozess bitter. Denn der Prozess hat einen Blick in den

deutschen Abgrund

eröffnet, wie es ihn selten gibt: auf alle Fehler der Nachwendezeit, auf naive Polizisten, ignorante Geheimdienstler, eiskalte Rechtsradikale und angeblich brave Bürger, denen zehn Tote völlig egal sind. Der Prozess ist eine Geschichtsstunde, aus der man für Gegenwart und Zukunft viel lernen könnte. Wenn Geschichtstunden aber ewig dauern, dann zermürben sie.“