Archive for the ‘Gesellschaft’ Category

1312: Oliver Stone verdammt den Krieg.

Montag, September 12th, 2016

Der 1946 geborene US-Erfolgs- und -Skandal-Regisseur Oliver Stone bewirbt gerade in Deutschland seinen neuen Film „Snowden“, in dem er Edward Snowden feiert. Stone ist dreimal mit dem Oscar als bester Regisseur ausgezeichnet worden. Seine Filme provozieren und spalten das Publikum. Er hat viele sehenswerte Filme gemacht, von denen einige aber zu pompös, selbstgewiss und im Argument bisweilen pampig sind. Ganz wie der Regisseur selbst:

Platoon 1986,

Wall Street 1987,

Talk Radio 1988,

Geboren am 4. Juli 1989,

JFK 1991,

Natural Born Killers 1994,

Nixon 1995,

World Trade Center 2006,

Snowden 2016.

Der Vietnamkriegs-Veteran Stone ist ein scharfer Kritiker der US-Gesellschaft. Auch an Hillary Clinton lässt er kaum ein gutes Haar. Er wurde von David Steinitz und Tobias Kniebe für die SZ (10./11.9.16) interviewt:

SZ: Was regt Sie am meisten auf?

Stone: Dass wir Krieg führen. Weil für mich, seit ich als Soldat in Vietnam gekämpft habe, Krieg das Schlimmste ist. Und die Massenüberwachung durch die Geheimdienste, die Edward Snowden aufgedeckt hat, ist für mich ebenfalls Krieg – nur eben ein Krieg mit anderen Mitteln. Krieg gegen die eigene Bevölkkerung. Krieg um mehr Macht. Dagegen müssen wir uns wehren, das ist das drängendste Thema unserer Zeit. Und ich denke oft, dass zum Beispiel die Deutschen all diese Dinge besser verstehen als die Amerikaner.

1311: Die CDU – erstaunlich gelassen angesichts der CSU-Angriffe

Samstag, September 10th, 2016

Die CDU erscheint erstaunlich gelassen angesichts der CSU-Vorschläge für die Flüchtlingspolitik, die anscheinend teilweise verfassungswidrig sind. In dem fünfseitigen CSU-Papier heißt es u.a.: „In Zukunft muss gelten: Vorrang für Zuwanderer aus unserem christlich-abendländischen Kulturkreis.“ Dazu die saarländische Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU): „Bei der Aufnahme von Verfolgten unterscheidet unser Grundgesetz gerade nicht, ob jemand als Christ, Jude, Moslem, Mann oder Frau oder aus anderen Gründen verfolgt wird.“ Kramp-Karrenbauer weiter: „Bei der Zuwanderung in den Arbeitsmarkt kommt es doch eher auf die Qualifikation an statt auf die Religion.“

Frau Kramp-Karrenbauer erklärt der CSU auch, dass wir für ein Einwanderungsbegrenzungsgesetz die Genfer Flüchtlingskonvention kündigen und das Asylrecht im Grundgesetz abschaffen müssten. Ob die CSU das kapiert? Zur Obergrenze von 200.000 sagt Annegret Kramp-Karrenbauer: „Der Streit über die Obergrenze ist angesichts der aktuellen Situation, in der deutlich weniger Flüchtlinge neu ankommen, eine ziemliche Phantomdiskussion.“ Die CDU bewahrt die Ruhe. Dazu hat sie nicht nur Angela Merkel. Aber vor der Wahl in Berlin wird sie die Auseinandersetzung mit der CSU nicht verschärfen. (Robin Alexander, Die Welt 10.9.16)

1310: Die Wahrheit – keiner kennt sie.

Mittwoch, September 7th, 2016

Angesichts der faustdicken Lügen von Donald Trump, 81 Prozent der weißen Mordopfer in den USA seien von Schwarzen umgebracht worden, oder von Boris Johnson über die britischen Nettozahlungen an die EU drängt sich wieder einmal die Frage auf, ob Politiker und Massenmedien in jüngster Zeit vermehrt die Unwahrheit sagen. Da kann ich Sie, liebe Leserinnen und Leser, vielleicht nicht beruhigen, aber doch feststellen, dass es nie anders gewesen ist. Möglicherweise nehmen wir das Phänomen neuerdings aufmerksamer wahr.

Ich habe die Objektivität von Fernsehnachrichten untersucht und dabei festgestellt, dass es sie nicht gibt (W.S.: Nachrichten im Fernsehen der Bundesrepublik und der DDR. Frankfurt am Main 1981, 222 S.). Nachrichtenredakteure können sich um Objektivität bemühen, viele Quellen auswerten, die verschiedenen Meinungen „ausgewogen“ repräsentieren, uns ausführlich benachrichtigen etc. Was sie bringen, ist nicht die Wahrheit. Diese kennt keiner. Es gibt keine Instanz, die uns die Wahrheit verbürgt.

Wir sind bei der Suche nach der Wahrheit – wie bei anderen tatsächlich wichtigen Tätigkeiten auch – auf uns selber angewiesen.

Theoretisch hat das weit vorher schon Hannah Arendt geklärt. 1954 schrieb sie in ihren Ausführungen zum Thema „Philosophie und Politik“: „Es gibt kein sichtbares Erkennungszeichen, das Wahrheit von Meinung unterscheidet.“ Dies können wir nun ausführlich erfahren:

Hannah Arendt: Sokrates. Apologie der Pluralität. Berlin (Matthes & Seitz) 2016, 110 S.; 12 Euro.

In ihrer Sokrates-Eloge lehnt Arendt aber die Suche nach treffenden Erkenntnissen keineswegs ab. Sie erklärt nur die Schwierigkeiten dabei. Arendt zieht natürlich die Demokratie allen anderen Staatsformen vor. Sie schätzt eine lebendige, vielfältige, plurale Öffentlichkeit und unterscheidet gute Verfahren der Berichterstattung von schlechten. Und sie unterstreicht die Wichtigkeit der

Freiheit der Berichterstattung.

Danach sind Putin, Kaczynski u.a. gerade auf dem falschen Weg. Sie betreiben Propaganda.

Sokrates, dieser begnadete Rhetoriker, hatte großen Einfluss auf die Jugend. Weil sie ihn darum beneideten, verurteilten ihn die Richter in seinem Verfahren. Darin war Sokrates‘ Meinung (seine Apologie) nur eine unter mehreren. Die Wahrheit kam nicht zum Zuge. Sokrates nahm den Becher (Michel Hampe, Die Zeit 14.7.16; Andreas Zielcke, SZ 2.8.16).

Im öffentlichen Raum haben Neid, Hass und Machtinteressen ein viel größeres Gewicht als die Suche nach der Wahrheit. Gerade darum muss er so frei wie möglich organisiert sein. Wenn wenig Verlautbarungen unterdrückt werden, ist die Wahrscheinlichkeit am größten, dass wir keine Gefahren übersehen, weniger Fehler begehen. Auch wenn uns die Flut der Informationen gegenwärtig geradezu überrollt.

Aber selbst Hannah Arendt war noch zu idealistisch in ihrer Lagebeurteilung. Sie nahm nämlich an, dass Sokrates und seinesgleichen „wahrhaftig sprechen“, dass sie meinen, was sie sagen. Wir kennen die Heere der Propagandisten und Public- Relations-Agenten (Öffentlichkeitsarbeiter), deren einzige Aufgabe darin besteht, die Wahrheit nicht ans Tageslicht kommen zu lassen.

Desinformation ist ihr Job.

1309: Union vor der Zerreißprobe

Dienstag, September 6th, 2016

Angela Merkel hat die Verantwortung für die Wahlniederlage in Mecklenburg-Vorpommern übernommen. Ihre Politik treibt CDU und CSU auseinander. Die Bundeskanzlerin polarisiert mit ihrer Flüchtlingspolitik. Damit hat sie das Land gespalten. Viele Menschen glauben, dass Merkel weg muss. Nun wird die Lage dadurch schwieriger, dass auch in der SPD und bei den Grünen die Kritik an der Merkelschen Flüchtlingspolitik lauter wird (die Ratten verlassen das sinkende Schiff).

Nico Fried (SZ 6.9.16) sieht hier für Angela Merkel zwei extreme Alternativen:

1. Durchziehen. Und die Bundestagswahl zum Plebiszit über ihre Flüchtlingspolitik machen. Da mag es sogar Wähler geben, die dann die Union wählten, obwohl sie es ansonsten fast noch nie getan haben.

2. Zurücktreten. Das wirkte natürlich wie eine Kapitulation. Aber wenn man die Stimmen aus der CSU und von Sigmar Gabriel hört, legt sich diese Alternative durchaus nahe.

Nico Fried: „Mit der ersten Variante hat Merkel durchaus die Chance, noch einmal eine Wahl zu gewinnen. Mit der zweiten Variante würde sie ganz sicher Geschichte schreiben.“

Was sagt die Union dazu?

1308: Martin Amis über: USA, UK, Germany und Terror

Montag, September 5th, 2016

Der Autor Martin Amis gehört zu den scharfzüngigsten englischen Autoren der Gegenwart. Seine satirische Schärfe ist gefürchtet. Nach der britischen Entscheidung über den

Brexit

hat Peter Kümmel ihn  für die „Zeit“ (21.7.16) befragt.

Über die USA: Der Abstieg findet schon statt, … Spätestens 2025 wird China mächtiger sein – ökonomisch und mit allem, was daran hängt. Und ich glaube nicht, dass die Amerikaner sich so vernünftig benehmen werden, wie die Engländer es taten. … England wurde ein zweitklassiges Land, und das ohne Gebrüll, Gekicke, Theater. …

Über den Postrassismus der Briten: Es kommt natürlich darauf an, in welchem Teil von London Sie sind. Je reicher die Gegend, desto weniger scheren sich die Leute um die Frage, welcher Rasse einer anbgehört. … Amerika wurde reich dadurch, dass man die Schwarzen dazu zwang, auf dem Land zu arbeiten, das man den Indianern gestohlen hatte.

Über die deutschen Eigenschaften, die zum Holocaust führten: … Eine gewisse Buchstabengläubigkeit, die Bereitschaft zur strengen Auslegung von Text und Befehl. Das war nötig, um alle europäischen Juden, elf Millionen, umbringen zu wollen. … Es war ein humorloses Projekt, völlig unironisch und sehr autoritätsgläubig, das Projekt tiefer Antiintellektualität. Und das, obwohl Deutschland das exemplarische Land der Intellektuellen ist.

Über den Brexit: Der Brexit ist ein Ausbruch krankhafter ‚Englishness‘, britischen Stolzes. Er steht für einen Isolationismus, der mir vollständig unpraktizierbar und weltfremd erscheint. Eigentlich geht es den EU-Gegnern um die Globalisierung, die ist ihr Feind, davor fürchten sie sich, nicht vor Europa.

Über die Attentate von Brüssel, Paris, Istanbul, Nizza: Joseph Conrad schrieb 1908 in seinem Roman ‚Der Geheimagent‘, die beiden Hauptcharakterzüge, die zum Terrorismus führten, seien

Eitelkeit und Faulheit.

Er hat recht. Wenn Sie eitel sind, haben sie den Drang, auf die Welt großen Eindruck zu machen. Wenn Sie faul sind, haben Sie nicht die Geduld und Kraft, dieses Ziel auf einem seriösen Weg zu erreichen und 30 Jahre dafür zu investieren. Also jagt man sich in die Luft und hofft, Spuren zu hinterlassen. Atta, der Städteplaner aus Kairo, hat sich in gewisser Weise unsterblich gemacht. Nicht indem er gebaut, sondern indem er zerstört hat.

 

 

1307: SPD wackelt in der Flüchtlingspolitik.

Samstag, September 3rd, 2016

Wer die Umfragewerte (einschließlich der Sonntagsfrage) der SPD betrachtet, versteht, dass die Partei versucht, alles zu tun, um von ihrer schlechten Position wegzukommen. Dabei hat sie ja in der großen Koalition viele ihrer Projekte durchgesetzt (Rente mit 63, die ich persönlich für falsch halte, Mindestlohn, Mietpreisbremse u.a.). Der Vorsitzende Gabriel hat seit seiner Wahl kaum Fehler begangen. Trotzdem betrachten viele Wähler die SPD anscheinend weithin als Juniorpartner und nicht zur Führung der Bundesregierung geeignet. So weit, so ungerecht.

Wenn nun allerdings Sigmar Gabriel angesichts der Not, in der sich der mecklenburg-vorpommersche Ministerpräsiden Erwin Sellering (ebenfalls SPD) kurz vor der Landtagswahl befindet, die Flüchtlingspolitik der Union kritisiert, wird es gefährlich: „Er scheut sich nicht, die Wahrheit zu sagen: dass die Union in der Flüchtlingspolitik große Fehler gemacht hat.“ Gabriel spielt sogar auf eine Flüchtlingsobergrenze an: „Die Union hat die Herausforderungen unterschätzt, und wir haben immer gesagt, es ist undenkbar, dass wir in Deutschland jedes Jahr eine Million Menschen aufnehmen.“ (leu, Die Welt 3.9.16)

Damit lenkt Gabriel Wasser auf die Mühlen der AfD. Ein ganz gefährliches Vorgehen. Ähnlich wie bei der CSU.

1306: Die Grünen – tief gespalten

Freitag, September 2nd, 2016

Wollen die Grünen mit dem baden-württembergischen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann die Steuern nicht erhöhen und streben eine schwarz-grüne bzw. grün-schwarze Koalition im Bund an

oder

wollen sie mit der Parteivorsitzenden Simone Peter die Steuern erhöhen und streben eine rot-rot-grüne Koalition an?

Wahrscheinlich wollen sie meine Stimme gar nicht.

1305: Henryk M. Broder 70

Donnerstag, September 1st, 2016

Henryk M. Broder gehört zu den besten deutschen Journalisten. Konflikten weicht er nicht aus. Manchmal scheint er sie zu suchen. Er scheut nicht davor zurück, über Autos zu schreiben. Seit den siebziger Jahren sind seine Hauptgegner die Linken und die Antisemiten. In unnachahmlicher Weise enttarnt er die als Antizionisten getarnten Antisemiten. In den achtziger Jahren wurde es für ihn so ungemütlich in Deutschland, dass er für zehn Jahre nach Israel übersiedelte. Zum Glück kam er mit der deutschen Vereinigung zurück. Er kennt Israel heute noch sehr gut und hält sich häufig dort auf.

Broder ist in Kattowice geboren und kam 1958 mit seinen Eltern, Auschwitz-Überlebenden, nach Deutschland. Er studierte Rechtswissenschaften, Soziologie und Volkswirtschaft und gelangte schnell in den Journalismus. Zuerst zu den „St. Pauli Nachrichten“, wo er früh Stefan Aust kennenlernte, der jetzt bei der „Welt“ wieder sein Chef ist. Broder hat für viele führende Blätter geschrieben, den „Spiegel“, den „Tagesspiegel“, die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“. (Michael Hanfeld, FAZ 20.8.16, Leon de Winter, „Die Welt“ 20.8.16) Viele halten ihn für einen Workoholic, der auch noch sehr viele gut lesbare Bücher geschrieben hat. Besonders erfolgreich: „Linke Tabus“, „Der ewige Antisemit“ und „Hurra, wir kapitulieren!“.

Mit dem aus Ägypten stammenden Autor Hamed Abdel-Samad hat Broder kürzlich im Fernsehen „Entweder Broder – Die Deutschland Safari“ gemacht, eine Reihe mit vielen ungewöhnlichen Erkenntnissen, unverwechselbar. Auch im Institut in Göttingen hat uns Broder häufig durch seinen Witz und seinen Einfallsreichtum bereichert und belehrt. Herzlichen Dank dafür.

1304: Hermann Kant ist tot.

Donnerstag, September 1st, 2016

Hermann Kant ist tot. Anlässlich seines 90. Geburtstags hatte ich hier am 14.6.16 unter 1259 über sein Schriftstellerleben geschrieben. Er bleibt uns in Erinnerung als

„zwiespältige Figur“.

Er war einmal ein Schriftsteller von „großer Härte, Helligkeit und höhnisch-heiterer Ironie“ und zum zweiten ZK-Mitglied, Präsident des Schriftstellerverbands der DDR und Zuträger der Staatssicherheit. Darin war er ganz entschieden. Als Schriftsteller wurde er u.a. gelobt von Marcel Reich-Ranicki.

Hermann Kant ist nicht nur zu verstehen als SED-Funktionär. Denn er hat Schriftstellern wie Erich Loest in mühsamen Querelen mit der Kultusbürokratie auch zu Druckerlaubnissen verholfen. Das hat in seiner „Akte Kant“ 1995 sogar der „unnachsichtigste aller Stasi-Jäger“, Karl Corino, eingeräumt.

„Hermann Kant, 1926 in Hamburg geboren und jetzt in Neustrelitz gestorben, wird ohne Frage in den Dichterhimmel aufsteigen, in dem, ungeachtet ihrer irdischen Lügen und Charaktermängel, die deutschen Ironiker seit je die Nachwelt mit ihren halsbrecherischen Späßen und abgründigen Melancholien unterhalten. Auch der sozialistische Mensch ist nur ein Gleichnis – eine Spielform des universalen Scheiterns, das allein Kunst uns erträglich macht.“ (Jens Jessen, Die Zeit 18.8.16)

1303: Ernst Nolte gestorben

Mittwoch, August 31st, 2016

Während unseres diesjährigen, ausführlichen Frankreich-Aufenthalts ist Ernst Nolte gestorben. Er war der Historiker, der am 6. Juni 1986 durch seinen FAZ-Beitrag „Vergangenheit, die nicht vergehen will“ den „Historiker-Streit“ in Gang gesetzt hatte (vgl. W.S.: Deutsche Diskurse. 2. Aufl. Hamburg 2009, S.44-61). Dieser wurde seinerzeit als hegemonialer Diskurs der deutschen Identitätsbildung betrachtet. Daran beteiligt waren so prominente Philosophen und Historiker wie Jürgen Habermas, Noltes Haupt-Antipode, Andreas Hillgruber, Klaus Hildebrand und Michael Stürmer. Aber auch Autoren wie Rudolf Augstein, Joachim Fest, Eberhard Jäckel, Jürgen Kocka, Martin Boszat, Hans Mommsen und Heinrich August Winkler nahmen vehement an dem Streit teil.

Nolte hatte gefragt: „Vollbrachten die Nationalsozialisten, vollbrachte Hitler eine ‚asiatische‘ Tat vielleicht nur deshalb, weil sie sich und ihresgelichen als potentielle oder wirkliche Opfer einer ‚asiatischen‘ Tat betrachteten? War nicht der ‚Archipel Gulag‘ ursprünglicher als Auschwitz? War nicht der ‚Klassenmord‘ der Bolschewiki das logische und faktische Prius des ‚Rassenmords‘ der Nationalsozialisten?“ Ernst Nolte sah hier einen „kausalen Nexus“. Das war hinreichend verschwurbelt und trug insofern dazu bei, dass der Konflikt um so heftiger wurde.

Nolte war im Zweiten Weltkrieg aus Gesundheitsgründen vom Kriegsdienst befreit gewesen und hatte in dieser Zeit Philosophie, Germanistik und klassische Philologie studiert. U.a. bei Martin Heidegger in Freiburg. Nolte war deswegen stets mehr als ein Historiker, er war ein Geschichtsphilosoph, der sich mühte, die letzten großen Fragen zu beantworten. Sein Standardwerk

„Der Faschismus in seiner Epoche“

von 1962 ist auch heute noch ein Standardwerk (wie u.a. Maxim Biller hier unter der Nr. 1299 behauptet hat).

Ernst Nolte geriet, wie sich denken lässt, nach dem „Historiker-Streit“ in eine „fühlbare Isolation“. Teils wegen der harten Angriffe auf ihn, teils aus eigenem Ungeschick. Dabei hatte Wolf Biermann schon 1992 befunden: „Darf man, kann man, soll man Auschwitz vergleichen mit irgendetwas, etwa 50 Millionen Opfern des Stalinismus? Soviel Philosophie zum praktischen Gebrauch müsste in den Schrumpfköpfen doch drin sein: Man darf! Ihr lieben Kindlein!!“ („Der Spiegel“ vom 13.1.1992, S. 166)

Lorenz Jäger, FAZ 19.8.16; Peter Körte, FAS 21.8.16; Patrick Bahners, FAS 21.8.16