Archive for the ‘Gesellschaft’ Category

1322: Gilles Kepel steht unter Polizeischutz.

Sonntag, September 18th, 2016

Der französische Sozialwissenschaftler und Islamforscher Gilles Kepel ist von Annabelle Hirsch für die FAS (18.9.16) interviewt worden.

FAS: Herr Kepel, Sie erforschen den arabischen Raum und seine Entwicklung nun schon seit mehr als dreißig Jahren. Man hat nicht immer gerne gehört, was Sie zu sagen haben, derzeit sind Sie allerdings gefragter denn je. Wie erleben Sie diese Anerkennung?

Kepel: Aufgrund der Ereignisse von 2015 und 2016 ist es zum ersten Mal ganz offensichtlich, dass das, was ich schreibe, mit der Realität zusammenfällt. Zum ersten Mal ist es schwer, die Tatsachen zu ignorieren, was lange, zu lange getan wurde. Mir wäre es allerdings lieber, wenn es nicht so wäre.

FAS: Sie stehen derzeit unter Polizeischutz. Warum?

Kepel: Man hat nach dem Attentat von Magnanville, bei dem im Juni zwei Polizisten zu Hause getötet wurden, eine Liste gefunden, die dazu aufrief, Personen des öffentlichen Lebens – Journalisten, Polizisten, Rapper, Intellektuelle – zu töten. Vor einigen Wochen hat Rashid Kassim, ein Drahtzieher in Syrien, sie auf seinem Kanal im Netzwerk „Telegram“ noch einmal veröffentlicht. Wir sind etwa dreißig auf der Liste, ich stehe mittlerweile relativ weit hinten.

FAS: Sie scheinen das gelassen zu nehmen.

Kepel: Ich habe keine Wahl. Allerdings finde ich es schon irrsinnig, dass Leibwächter, die bisher Politiker begleiteten, jetzt Journalisten zum Mittagessen eskortieren müssen.

W.S.: Kepel nennt zwei Ereignisse aus dem Jahr 2005, welche die Stoßrichtung der Entwicklung, vorgezeichnet hätten:

1. der Jugendlichen-Aufstand in den Banlieues von Paris,

2. den Aufruf zum „Dschihadismus der Nähe“, der seine Gewalt mit einfachen Mitteln, Messern, Autos etc. ausübt, siehe Nizza.

Kepel weiter: … Das Endziel sind der Bürgerkrieg und die Zerstörung Europas, auf dessen Ruinen man dann das Kalifat errichten könnte. … Der Salafismus strebt einen radikalen Bruch mit den europäischen Werten und der europäischen Kultur an. Sie können das in den Banlieues beobachten: In Clichy ist es mittlerweile unmöglich, anders als

halal

zu essen; wenn Sie ein Glas Wein wollen, müssen Sie zum Portugiesen in den nächsten Ort fahren. …

1321: Wie die Wörter zur Welt kamen.

Sonntag, September 18th, 2016

Eine neue Studie der Max-Planck-Gesellschaft stellt das seit hundert Jahren gültige sprachwissenschaftliche

Prinzip der Arbitrarität sprachlicher Zeichen

in Frage. Es besagt, dass es zwischen Lautbild eines Wortes und seiner Bedeutung keine natürliche Verbindung gibt.

Die Wissenschaftler haben nun durch einen Vergleich von 4.000 Sprachen herausgefunden, dass es möglicherweise doch im menschlichen Hirn eine Neigung gibt, bestimmten Vorstellungsinhalten bestimmte Laute zuzuordnen. So sei es wohl kein Zufall, dass ‚N’ase mit N beginne.

4.000 Sprachen sind zwei Drittel der geschätzten 6.000 Sprachen, die auf der Welt gesprochen werden. „Das ist praktisch alles, was als Datensatz zugänglich ist“, erläutert einer der Wissenschaftler, der Leipziger Professor für Mathematik, Peter F. Stadler. In den 4.000 Sprachen verglichen die Wissenschaftler die Lautung der Wörter mit der Bedeutung:

Blut, Knochen, Brust, kommen, sterben, Hund, trinken, Ohr, Auge, Feuer, Fisch, voll, Hand, hören, Horn, ich, Knie, Blatt, Leber, Laus, Berg, Name, neu, Nacht, Nase, eins, Pfad, Person, sehen, Haut, Stern, Stein, Sonne, Zunge, Zahn, Baum, zwei, Wasser, wir und du.

Bei den genannten Begriffen prüften die Max-Planck-Forscher, ob diese häufiger oder seltener mit bestimmten Lauten belegt werden, als es der Zufall erlaubt. Dazu verwendeten sie Werkzeuge der Bioinformatik. Gewöhnlich werden sie verwendet, um genetische Verwandtschaften in der Biologie aufzudecken.

Die Forscher ermittelten zahlreiche Zusammenhänge in Sprachen, die nicht miteinander verwandt sind: So treten in den Wörtern für das Knie häufig die Buchstaben O, U, P, K und Q auf, Sand kommt weltweit oft mit einem A, ein Stein mit einem T.

„Unsere Analyse zufolge werden bestimmte Laute bei einem großen Teil aller Begriffe über Kontinente und Sprachfamilien hinweg bevorzugt oder vermieden, und zwar von Menschen, die kulturell, historisch und geografisch sehr verschieden sind. … Das Ergebnis ist gerade in Anbetracht der enormen Variationsmöglichkeiten in den weltweiten Sprachen erstaunlich.“

Das Prinzip der Arbitrarität hatte der Begründer der modernen Sprachwissenschaft formuliert, der Schweizer

Ferdinand de Saussure (1857-1913).

Das seinerzeit neue Dogma widersprach dem jahrhundertealten Dilettantismus von Poeten und Grammatikern, die glaubten, am Anfang müsse jede Wortlautung natürlich motiviert gewesen sein. Noch Richard Wagner (1813-1883) begründete seine Stabreime damit, dass etwa der Laut L in den Wörtern ‚L’ust und ‚L’iebe einen Zusammenhang mit der Erotik habe.

De Saussure Buch „Grundlagen der allgemeinen Sprachwissenschaft“ ist eines der wichtigsten Bücher des 20. Jahrhunderts. Vergleichbar mit Sigmund Freuds (1856-1939) „Traumdeutung“. Auf de Saussures Lehren gehen so wichtige Fächer und Methoden zurück wie

der Strukturalismus und

die Semiotik.

In der Sprachwissenschaft haben seine Lehren Gesetzescharakter.

Doch diese Dogmen werden nicht zum ersten Mal in Frage gestellt. So haben Linguisten schon lange bemerkt, dass in sehr vielen Sprachen ein M in den Wörtern für Mutter und Brust vorkommt. Bekannt ist der

Bouba-Kiki-Effekt.

Er besagt, dass dann, wenn man eine Elefanten und einen Vogel zeigt und fragt, welches Tier wohl Bouba und welches Kiki heiße, die Antwort fast immer heißt: Bouba für den Elefanten und Kiki für den Vogel.

Die Lautähnlichkeit zwischen so auffällig vielen Wörtern besteht nun aber auch nach der neuen Studie nicht, weil sich alle untersuchten Sprachen aus einer gemeinsamen Ursprache entwickelt haben. Die Idee einer Ursprache, die zunächst von allen Menschen gesprochen wurde, liegt dem Mythos vom

Turmbau zu Babel

zugrunde. „Wir sehen, dass die Zuordnung von Lauten zu Konzepten auch erhalten bleibt, wenn wir Sprachen aus verschiedenen Sprachfamilien ohne nachweisbare Ähnlichkeiten betrachten.“ (Matthias Heine, Die Welt 17.9.16)

1320: Wieviel Kinder haben Intellektuelle?

Samstag, September 17th, 2016

Peter Sloterdijk wird anlässlich seines neuen Buchs „Das Schelling-Projekt“ von Sven Michaelsen, David Pfeifer und Vera Schroeder interviewt (SZ 17./18.9.16).

SZ: Wolf Biermann hat von vier Frauen neun Kinder, dazu kommt ein angenommenes Kind. Günter Grass hatte sechs leibliche Kinder von drei Frauen und zwei Ziehkinder. Martin Walser bringt es immerhin auf fünf Kinder. Ist der Typus des vitalen, sich an seiner Kinderschar erfreuenden Intellektuellen am Aussterben?

Sloterdijk: Intellektuelle, die größere Fortpflanzungsergebnisse an den Tag legen, sind selten geworden. Es ist zu befürchten, dass mit Martin Walser die gelebte Erotomanie in der deutschen Nachkriegsliteratur ausstirbt. Nachfolger sind nicht bekannt. Es überwiegt der Typus, der null Kinder von sieben Frauen hat. Die Könige gehen ins Exil.

1319: Russland: öffentliche Meinung auf primitivem Niveau

Freitag, September 16th, 2016

Das zu Zeiten von Michail Gorbatschow 1987 gegründete Lewada-Zentrum ist das größte unabhängige Meinungsforschungsinstitut in Russland. Kürzlich wurde es auf die Liste der „ausländischen Agenten“ gesetzt. Julian Hans hat die Instituts-Leiterin Natalja Sorkaja, 60, interviewt (SZ 16.9.16).

SZ: Was wird Ihnen vorgeworfen?

Sorkaja: Wir arbeiten seit vielen Jahren mit der Universität Wisconsin zusammen. Es ist internationale Praxis, dass man für solche Aufgaben mit Kollegen im Land zusammenarbeitet. In diesem Fall ging es um alltägliche Dinge wie die Wohnsituation. Weil die Universität Fördergeld von einer Stiftung bekam, die von der US-Regierung unterstützt wird, heißt es, wir hätten für die Amerikaner spioniert.

SZ: Woher kommt also die Zustimmung (für Putin)?

Sorkaja: Die 80 Prozent sind ein Zeichen für die Niederlage der Zivilgesellschaft und die Wiedergeburt paternalistischer Beziehungen zum Staat. In Russland ist keine starke Gesellschaft gewachsen. Die repressive Politik hat alle Ansätze dazu zerstört. Gruppen, die sich Einfluss hätten erarbeiten können – Nichtregierungsorganisationen, Menschenrechtsverteidiger – wurden an den Rand gedrängt. Die Masse hat das Gefühl, dass sie keinen Einfluss hat. In gewissem Sinne ist das ja auch so. Allerdings erhält nur Putin nach wie vor so große Zustimmung. Bei allen anderen Institutionen, der Regierung, dem Parlament, sinken die Werte im Lauf der Krise stetig.

SZ: In Deutschland gibt es den Begriff des „Russlandverstehers“ für Menschen, die mehr Verständnis für Russlands Handeln fordern. Versteht Russland sich selbst?

Sorkaja: Nein. Noch nicht. Vielleicht gibt es zarte Ansätze, Experten verschiedener Fachrichtungen vernetzen sich, und es bildet sich ein Konsens, wie das Land zu verstehen ist. Damit dies wächst, bräuchte man aber freie Medien und Konferenzen für Debatten. Aber das Massenbewusstsein befindet sich auf einem primitiven Niveau, und der Staat tut viel dafür, dass es so bleibt. …

Die Konsolidierung der Gesellschaft nach dem Krim-Anschluss funktionierte über primitive Mechanismen, die die sowjetische Gesellschaft zusammenhielten:

Großmacht,

der Westen als Feind,

uns ist egal, wie wir leben,

Hauptsache der Westen zittert vor uns.

1318: Wo liegt die Krim, Mr. Trump?

Donnerstag, September 15th, 2016

David Cay Johnston, 68, ist Wirtschaftsjournalist und Bestsellerautor. Er hat den Pulitzerpreis gewonnen und beschäftigt sich seit fast dreißig Jahren mit Donald Trump. Soeben ist in Deutschland sein Buch

„Die Akte Trump“

erschienen. Hubert Wetzel hat Johnston für die SZ interviewt (15.9.16).

SZ: Manche Kritiker werfen ihm vor, politisch eine Art Prinz der Finsternis zu sein, ein Demagoge, der düstere Pläne hegt wie einst Mussolini oder gar Hitler. Stimmt der Vergleich?

Johnston: Das sehe ich nicht so. Hitler und Musspolini hatten große Visionen, was sie tun würden, sobald sie an der Macht wären. Donald hat keine solchen Visionen. Er glaubt, er müsse Präsident werden, aber es ist ziemlich klar, dass er weder die Pflichten noch die Macht noch die Grenzen versteht, welche die Verfassung dem Amt des Präsidenten zuschreibt. Er denkt, der Präsident sei ein Diktator. Er selbst hat gesagt, er sei an den meisten Pflichten des Präsidenten gar nicht interessiert und werde sie jemand anderem übertragen. Zudem sind seine politischen Aussagen äußerst widersprüchlich – er wettert gegen illegale Immigration, aber er hat immer illegale Einwanderer beschäftigt. Und er weiß nichts über die Welt. Ich bin mir ziemlich sicher, dass er zum Beispiel die Krim auf einer Landkarte nicht finden würde.

SZ: Trotz dieser persönlichen und politischen Defizite beten viele Menschen Trump geradezu an. Warum?

Johnston: Ich finde das auch seltsam. Es gibt drei Gruppen von Menschen, die sich zu Donald hingezogen fühlen.

Erstens: die abgehängte untere Mittelschicht.

Das sind Leute, welche die Erfahrung machen: Sie arbeiten mehr, aber sie verdienen weniger Geld. Die Menschen haben völlig zu Recht enorme Angst. Sie haben Angst, ihre Jobs zu verlieren, sie haben keine Ersparnisse und es gibt kein soziales Netz. Donald bietet diesen Leuten eine einfache Lösung an: Euch geht es schlecht, weil Barack Obama ein Idiot ist. Die mexikanischen Vergewaltiger und Mörder stehlen eure Jobs, die Chinesen stehlen eure Jobs. Die Muslime machen Probleme. Das sind einfache demagogische Antworten.

Die zweite Gruppe von Leuten, die Trump mögen, sind

Rassisten.

Deren Stimmen versucht er zu ergattern, das ist gar keine Frage. Die dritte Gruppe sind

evangelikale Christen.

Dabei ist seine persönliche Philosophie – Räche dich! Zahle es deinem Gegner heim! – alles andere als christlich. Er sagt: Niemand liest mehr in der Bibel als Donald Trump. Aber wenn man ihn dann bittet, einen Vers daraus zu zitieren, sagt er: Oh, es gibt so viele. So arbeiten Trickbetrüger.

SZ: Was sagt Trumps Erfolg dann über Politik in Amerika und über die amerikanische Gesellschaft aus?

Johnston: Amerikas Demokratie hat ein gewaltiges Problem. Ich habe mit Kellnern und Taxifahren in München gehaltvollere Gespräche über Politik geführt als mit Amerikanern in der ersten Klasse eines Inlandflugs. Wenn sich in Deutschland ein Mitglied der Christdemokraten so äußern würde wie Donald Trump, würde die Partei ihn bei der nächsten Gelegenheit von der Wahlliste entfernen. Aber wir haben in Amerika keine starken Parteien. Und das hat Donald Trump ausgenutzt.

1317: Investitionen in den Standort Deutschland

Mittwoch, September 14th, 2016

Es ist erfreulich, dass Deutschland bei den internationalen Investitionen in

Immobilien,

in Maschinen und Anlagen und

in das Ausrüsten von Betrieben und Dienstleistungen

an der Spitze liegt. 20 Prozent des Bruttoinlandsprodukts fließen in Anlageinvestitionen. Das ist mehr als in den USA oder im Durchschnitt in den anderen EU-Ländern. Im internationalen Vergleich der rein privaten Investitionsquoten hat die Bundesrepublik 2015 ebenfalls die Spitze erreicht. Das lässt zuversichtlich in die Zukunft blicken; denn dort, wo privates Kapital hinfließt, herrscht Handel und Wandel, entstehen Arbeitsplätze und Chancen.

Zurückzuführen ist die positive Entwicklung einmal auf die Arbeitsmarktreformen der Agenda 2010 (von Gerhard Schröder, SPD), zum anderen auf die Auswirkungen der Immobilien- und Finanzkrise vor allem in Südeuropa (Cerstin Gammelin, SZ 14.9.16).

1316: Junge Leute haben keine Ahnung von den Medien.

Mittwoch, September 14th, 2016

In einem Interview mit Sebastian Jannasch (SZ 14.9.16) erläutert Kim Otto, Professor für Wirtschaftsjournalismus an der Universität Würzburg, dass viele Menschen heute den Medien nicht mehr trauen. Vor allem Menschen, die ihre wirtschaftliche Lage als schlecht bewerten, und junge Menschen. Fast 63 Prozent der 25- bis 34-Jährigen vertrauen der Presse nicht.

Aber sie können sie gar nicht wirklich beurteilen; denn im Zeitalter der sozialen Medien nutzen sie die Medien gar nicht. Das ist ähnlich wie bei den Pegida- und AfD-Fans, die sich allenfalls bis zur „Bild“-Zeitung vorgearbeitet haben.

Das Märchen von der „Lügenpresse“ brachte der Ukraine-Konflikt hervor. Dort hatte Russland widerrechtlich die Krim annektiert und unterstützt ukrainische Separatisten mit politischer Propaganda, Menschen und – vor allem – Waffen.

1315: Otto Bock-Chef Näder kritisiert IOC-Chef Bach.

Mittwoch, September 14th, 2016

Der Vorstandsvorsitzende von Otto Bock (Duderstadt), einer Firma, die mit Prothesen und Rollstühlen für Behinderte auf dem Weltmarkt führend ist, Hans-Georg Näder, kritisiert die Politik des IOC-Präsidenten Thomas Bach. Näder ist Aufsichtsrat-Chef der Nationalen-Anti-Doping-Agentur (Nada). Anders als das IOC bei Olympia in Rio hatte das Internationale Paralympische Komitee (IPC) die russischen Athleten wegen Staatsdopings von den Paralympics in Brasilien ausgeschlossen:

„Bach blamiert Deutschland und beschädigt durch sein Verhalten massiv die olympische Bewegung, weil er nicht klar Position bezieht zu Korruption im IOC und zum Doping – eine Problematik, die nicht nur auf Russland beschränkt ist.“

„In einer Welt, die sowieso aus dem Gleichgewicht geraten ist, wo alle klugen politischen Köpfe und alle Global Citizens mit Einfluss versuchen, ruhig Kopf zu bewahren, hat Thomas Bach die olympische Idee, die gerade in dieser Zeit eine wichtige Vorbildfunktion haben könnte, durch sein Missleadership schwer beschädigt.“

Das IOC antwortet: „Herr Näder ignoriert offensichtlich die Tatsache, dass der IPC-Präsident der IOC-Entscheidung aufgrund der Unterschiedlichkeit der Statuten beider Organisationen zugestimmt hat.“ (SZ 14.9.16)

 

1314: CSU greift ARD und ZDF an.

Dienstag, September 13th, 2016

Der öffentlich-rechtliche (also: gesellschaftliche) Rundfunk, also ARD, ZDF und Deutschlandradio, ist eines der wichtigsten Hassobjekte der AfD. Mit seinen Nachrichten, politischen Magazinen, Wirtschaftsmagazinen, Kulturmagazinen und Dokumentationen ist er nach wie vor das Rückgrat der öffentlichen Informationsversorgung in Deutschland. Seine Unterhaltungsangebote mögen kleinbürgerlich-spießig sein, sie gehören zum Programmauftrag. Der AfD ist der öffentlich-rechtliche Rundfunk zu positiv unserer Bundesrepublik gegenüber eingestellt. Dass sie dadurch ausgerechnet das Geschäft der am US-Vorbild ausgerichteten Privatsender (seit 1985) betreibt, erscheint absurd. Aber was ist bei der AfD schon schlüssig außer ihrer völkisch-rassistischen Basis.

Nun verlangt die CSU die Zusammenlegung von ARD und ZDF. Einmal abgesehen davon, dass etwa Horst Seehofer selbst Mitglied des ZDF-Verwaltungsrats ist und dass die CSU beim BR in München seit eh und je die übliche Standortpolitik betreibt, haben wir hier ein weiteres Beispiel dafür, wie die CSU Wasser auf die Mühlen der AfD leitet. Außerdem bedürfte die Abschaffung eines öffentlich-rechtlichen Senders der Zustimmung aller 16 Bundesländer. Die CSU weiß also, dass die Zusammenlegung nicht kommt. Die übliche Symbolpolitik.

Dabei haben die öffentlich-rechtlichen Sender durchaus Kritik verdient. Das bezieht sich neben den Gebühren und ihrer Verwendung sogar auf Teile ihres Informationsprogramms, die Plattheit der Unterhaltungsprogramme (aber wenn die Zuschauer einschalten?). Die viel zu teure Altersversorgung, die bedeutet, dass die öffentlich-rechtlichen Pensionäre auf fast allen Feldern Beamte ausstechen. Die Honorare von „Experten“ z.B. beim Fußball. Und einiges mehr (Hans Hoff/Katharina Riehl, SZ 13.9.16).

Das Bundesverfassungsgericht hat seit 1961 (der Ablehnung des Adenauer-Fernsehens) bis in die jüngste Gegenwart stets ARD und ZDF gestärkt. Ein Dorn im Auge von AfD und CSU.

1313: Es gibt keine globale Elite, welche die Welt regiert.

Montag, September 12th, 2016

Michael Hartmann zählt in der Soziologie zu den eher seltenen Eliteforschern. Er ist von Elisabeth Niejahr und Mark Schieritz in der „Zeit“ (1.9.16) zur Ungleichheit und zu Gegenmaßnahmen dazu befragt worden.

Einleitend bemerkt Hartmann: „Ich habe mir Daten von mehreren Tausend Spitzenmanagern und von über tausend Milliardären der sechs wichtigsten Wirtschaftsnationen sehr genau angeschaut. Seitdem bin ich sicher, dass völlig falsch eingeschätzt wird, wie sesshaft und national geprägt die Eliten sind. …“

Zeit: Aber in den Luxusgeschäften von Moskau, Shanghai oder Rio finden Sie doch überall die gleichen Handtaschen und Designerkleider.

Hartmann: Richtig. Aber sobald die reichen Russinnen nach dem Shoppen wieder auf ihren Datschen residieren, leben sie ganz anders als reiche Chinesinnen oder Brasilianerinnen. Je genauer man auf die Privilegierten schaut, desto offensichtlicher sind die Unterschiede. Ein Chinese isst anders als ein Schwede, auch wenn er Milliarden besitzt. Britische Manager haben andere Hobbys als Franzosen.

Zeit: Welche Hobbys pflegt die deutsche Elite?

Hartmann: Das kommt auf die Generation an. Früher war klassische Bildung für deutsche Spitzenmanager ganz charakteristisch. Ich habe vor gut zwanzig Jahren mal die Führung von Hoechst nach ihren Hobbys befragt. Drei von sieben Vorständen spielten konzertreif Instrumente. Heute ist Sport wichtiger. … Die Elite schickt die Kinder aufs staatliche Gymnasium, das allerdings gern einen altsprachlichen Zweig haben darf.

Zeit: Wenn es also keine globalen Eliten gibt: Ist die Welt weniger ungerecht als vermutet?

Hartmann: Nein. Das wäre die falsche Schlussfolgerung. Die Eliten sind nur eben national organisiert. Das ändert aber nichts an der ungerechten Verteilung. In Deutschland und in fast allen anderen westlichen Ländern nimmt die Konzentration der Vermögen und Einkommen stetig zu und damit auch der Einfluss der Reichen. Die Gewerkschaften  und andere Gegenkräfte haben an Einfluss verloren.

Zeit: Wenn Sie drei Maßnahmen vorschlagen könnten, um die Ungleichheit zu verringern: Welche wären das?

Hartmann: Das ist einfach. Erstens: Steuern. Zweitens: Steuern. Drittens: Steuern.