Archive for the ‘Gesellschaft’ Category

1359: Die Grünen = zwei verschiedene Parteien

Samstag, Oktober 29th, 2016

Der taz-Chefredakteur Georg Löwisch kennt die Grünen sehr gut. Er begründet, dass die Urwahl die Machtverhältnisse in der Partei klären soll. Eigentlich bestünden die Grünen aus zwei Parteien.

„Die erste Partei hat als Ideal den moralischen Reinraum, dessen Schleusentechnik beim Erkennen von Realostaub Alarm auslöst. Die zweite Partei erhebt die koalitionstechnische Kompromisslerei zum Kult.“

„Die erste Partei möchte Reiche möglichst reich lassen, damit diese das Klima mit retten können. Die zweite Partei möchte die Reichen dagegen schröpfen, damit der Staat das Klima besser retten und die Gesellschaft gerechter machen kann.“

„Neulich hat Cem Özdemir, der Parteichef der einen Grünen, bei ‚Spiegel Online‘ ein hartes Vorgehen des Westens gegen Putin verlangt. Woraufhin sich Simone Peter, Parteichefin der anderen Grünen, gegen Säbelrasseln wandte und die Einbindung Putins forderte.“

Durch die Partei geht ein Riss. Die eine grüne Partei regiert am selben Tisch mit, wo die andere Opposition betreibt. Dummerweise steht im Herbst 2017 schon wieder eine Bundestagswahl an. Da kommt alles auf einmal.

„Linksgrüne Persönlichkeiten mit Bindekraft stehen ihnen an der Spitze von Partei und Fraktion nicht zur Verfügung. Anton Hofreiter fehlen Erfolge. Und Simone Peter hat ungefähr so viel Ansehen, wie wenn man früher Claudia Roths Standing von dem Jürgen Trittins abgezogen hätte.“

In Robert Habeck sieht Löwisch den Jamie Oliver der Partei, der dafür steht, die schwarz-grüne Juniorversion von Winfried Kretschmann zu sein (Georg Löwisch, taz 20.10.16).

1358: Norwegen dopt.

Freitag, Oktober 28th, 2016

In den letzten Jahren waren die norwegischen Skilangläufer die Weltbesten. Nun wissen wir, warum. Dort wird mehr als anderswo gedopt. Ziemlich systematisch, wie es scheint. Norwegen hat einen Ruf wie die Doping-Staaten

Russland und

Kenia.

Nun hat es die 28-jährige Therese Johaug erwischt, die Jahresbeste 2015, siebenmalige Weltmeisterin und Staffel-Olympiasiegerin von 2010.

Am 16. September ist sie während des Höhentrainingslagers im italienischen Livigno der Einnahme des Mittels Clostebol überführt worden, eines nicht ganz stark wirkenden Steroids. Danach die üblichen Ausflüchte auch der Team-Ärzte. Ob und wie Johaug vom Ski-Weltverband FIS bestraft wird, ist derzeit noch unklar.

So kurz vor der Ski-WM in Lahti (Finnland) kommt das unpassend. In Lahti bei der WM 2001 waren sechs finnische Langläufer des Dopings überführt worden. In Norwegen wird seit langem gedopt. Das geht bis in die Ära der Vegard Ulvang und Björn Dählie zurück. Zuletzt war im Juli 2016 der ehemalige Weltcup-Gesamtsieger Martin Johnsrud Sundby überführt worden (Joachim Mölter, SZ 14.10.16).

 

1356: Tom Hayden gestorben

Mittwoch, Oktober 26th, 2016

Der Anführer der US-Studentenbewegung der sechziger Jahre, Tom Hayden, ist im Alter von 76 Jahren gestorben. Er hatte 1960 „Students for a Democratic Society“ (SDS) mit begründet. Im Sommer des gleichen Jahres traf er mit

Martin Luther King

zusammen, der aus ihm einen politischen Aktivisten machte. In dieser Zeit gingen viele junge Weiße aus den Nordstaaten in den Süden, um gegen die

Rassentrennung

zu protestieren. In der Gefängniszelle schrieb der 22-jährige Tom Hayden das „Port Huron Statement“, das 64-seitige Gründungsmanifest der Neuen Linken in den USA. Aber der Antikapitalismus ließ sich eben in den USA nicht machen.

Hayden wurde der Star der Vietnamkriegs-Gegner und fuhr nach Nordvietnam. 1968 organisierte er die Proteste am Rande des Parteitags der Demokraten in Chicago, die in Straßenschlachten mit der Polizei und der Nationalgarde endeten. Als Aufrührer angeklagt, wurde er in einem spektakulären Prozess freigesprochen. In dieser Zeit heiratete er die Filmschauspielerin

Jane Fonda.

1982 begann Hayden seinen Marsch durch die Institutionen. Er wurde ins kalifornische Abgeordnetenhaus und in den Senat gewählt. Noch nach 2000 engagierte sich Hayden gegen die US-Interventionen in Afghanistan und Irak. Er schrieb: „Selten, wenn überhaupt in der amerikanischen Geschichte hat eine Generation mit größeren Idealen begonnen und traumatischere Enttäuschungen erlebt als die, die in den kurzen Jahren zwischen 1960 und 1968 lebte.“ (Reymer Klüver, SZ 25.10.16)

1354: Werner Holzer 90

Montag, Oktober 24th, 2016

Der ehemalige langjährige Chefredakteur der „Frankfurter Rundschau“, Werner Holzer, ist 90 Jahre alt geworden. Als Soldat im Zweiten Weltkrieg wurde er schwer verwundet, studierte dann in München und wurde Journalist beim „Mannheimer Morgen“, bei der „Süddeutschen Zeitung“ und bei der „Abendzeitung“. Er war einer der Ersten, die regelmäßig und kundig über die „Dritte Welt“ berichteten. 1973 wurde er für fast zwanzig Jahre Chefredakteur der „Frankfurter Rundschau“. Er war ein „weltgewandter und liberaler Herr, ein besessener Reporter und ein starker Kommentator“. Zu seiner Zeit war die „Frankfurter Rundschau“ ein Blatt von bundespolitischem Gewicht. Werner Holzer „konnte Kommentare schreiben, die man nicht nach zehn Minuten schon wieder vergessen“ hatte (Heribert Prantl, SZ 21.10.16).

1353: Bundespräsidenten-Kandidaten

Montag, Oktober 24th, 2016

2017 wird ein wichtiges Wahljahr. Der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel hat als Bundespräsidenten

Frank-Walter Steinmeier (SPD)

vorgeschlagen, den Bundesaußenminister. Er sei ein Bewerber, „der unser Land repräsentieren kann, aber auch die Herausforderungen unserer Zeit kennt und Antworten darauf hat“.

CDU und CSU stellen für die Bundesversammlung 43 Prozent der Mitglieder, die SPD 31 Prozent. Eine absolute Mehrheit haben dort nur Union und SPD bzw. Union und Grüne. Die Union und die SPD wollen sich bemühen, einen gemeinsamen Kandidaten zu benennen. Noch geht das (Robert Rossmann, SZ 24.10.16).

Einzelne Unions-Abgeordnete möchten

Norbert Lammert (CDU),

den Bundestagspräsidenten, als Bundespräsidenten. Der hatte mitgeteilt, nicht kandidieren zu wollen. Allerdings wird er neuerdings von 70 ehemaligen DDR-Bügerrechtlern und DDR-Künstlern unterstützt. Darunter immerhin Freya Klier und Wolf Biermann. Gebraucht werde ein „Brückenbauer“ in einer „auseinanderdriftenden Gesellschaft“. Klier erhält in vierzehn Tagen den Franz-Werfel-Menschenrechtspreis. Sogar der Linken-Ministerpräsident von Thüringen, Bodo Ramelow, hat sich für Lammert als Bundespräsident ausgesprochen.

Nun: Steinmeier ist ein fürchterlicher Phrasendrescher. Geschuldet ist das seinem Amt als Bundesaußenminister. Als Kanzlerkandidat ist er bereits einmal gescheitert. Lammert setzt als Bundestagspräsident Akzente, liegt nicht immer einfach nur auf Parteikurs. Er ist ein versierter Redner, was sich am Tag der deutschen Einheit in Dresden gezeigt hat. Er nimmt meistens kein Blatt vor den Mund.

Als Kandidat wird auch noch gehandelt der baden-württembergische Ministerpräsident

Winfried Kretschmann (Grüne),

ein ebenfalls sehr respektabler Kandidat. Wahrscheinlich haben die Grünen nicht genug qualifiziertes Personal, um es sich erlauben zu können, Kretschmann von Stuttgart weggehen zu lassen.

Andere Kandidaten sind bereits „verbrannt“.

1352: Sigmund Freud – ihn entlarven oder retten?

Dienstag, Oktober 18th, 2016

Sehr unterschiedliche Wege beschreiten Ulrike May (FAZ 15.10.16) und Alan Posener (Literarische Welt 15.10.16) bei der Rezension von

Peter André Alt: Sigmund Freud. Der Arzt der Moderne. München (C.H. Beck), 1.036 S., 34,95 Euro.

Beide lehnen Alts Buch im wesentlichen ab. Aber May doch hauptsächlich um das Ansehen des Begründers der Psychoanalyse, Sigmund Freud, und das der Psychoanalyse zu bewahren. Posener um die Psychoanalyse – wieder einmal – als „Pseudowissenschaft“ zu entlarven. Der Streit ist anregend, wo man sich doch zuerst gefragt hatte, was eine neue Freud-Biografie nach den großen von Ernest Jones, Ronald W. Clarke und Peter Gay eigentlich solle.

May schreibt: „Aber vor allem hat Alt eine originelle und kaum haltbare Hauptthese: Freud habe seine Sexualtheorie nur entwickeln können, weil er sexuell enthaltsam gelebt und mit seiner Frau Martha ’nur zum Zweck des Zeugungsvorgangs‘ verkehrt habe. Verkehr allein zur Befriedigung habe er für ‚unnatürlich‘ gehalten, während der Verlobung abstinent gelebt, zeitlebens keine außereheliche sexuelle Beziehung unterhalten, keine ‚ungewöhnlichen Sexualpraktiken‘ ausgeübt, sich die Masturbation verboten und auch nach Marthas Menopause auf Geschlechtsverkehr verzichtet. Nur weil er seine Libido sublimiert habe, gelang ihm eine ‚geistige Erkenntnis des Sexus‘.

Grund der Enthaltsamkeit sei eine ‚panische Angst vor Empfängnisverhütung und dem Coitus interruptus‘ gewesen. Diese Angst habe ihn von der Schwägerin Minna Bernays, die mit im Haushalt lebte, ferngehalten: ‚die einzige Geliebte, mit der er sich abgab, blieb seine Arbeit‘. So schützte er sich vor Verführungen, auch vor Patientinnen, die ihn ’schwer parfümiert‘ und mit ‚üppigem Schmuck‘ behangen zu ‚umgarnen suchten‘. Schließlich: Freud sei wegen seiner sexuellen Enthaltsamkeit oft krank gewesen, habe die Ursache jedoch ignoriert.

Freuds großes Werk beruhe, mit einem Wort, auf einer großen Sublimierung. Was ist das? Eine späte Reaktion auf das Achtundsechziger-Programm der sexuellen Befreiung? Eine neue Frömmigkeit, eine Art veganer Psychoanalyse? Und woher weiß Alt das alles? Er belegt seine These nicht, und sie lässt sich auch nicht belegen, weil wir kaum etwas über Freuds Sexualverhalten wissen. Von einer ‚panischen Angst‘ vor dem Coitus interruptus ist jedenfalls nichts bekannt. Hingegen wissen wir, dass Freud Sexualität ohne Zeugungsabsicht durchaus begrüßte, auch wenn er die damaligen Verhütungsmethoden als störend empfand.“

Posener baut seine Perspektive auf der Tatsache auf, dass Freud ursprünglich (so in einem Vortrag am 21. April 1896) Hysterie als Folge frühkindlichen Sexualmissbrauchs sah. Später hat er die Vergewaltigung durch den Vater als Wunschfantasie der hysterischen Frauen betrachtet, als Ausdruck unerfüllter Inzestwünsche. Dieser Theoriewechsel war in dem Buch von

Jeffrey Masson: Die Abschaffung der Psychotherapie. Ein Plädoyer. München (C. Bertelsmann) 1991, 352 S.,

ausführlich zur Grundlage einer Verdammung der Psychoanalyse genommen worden.

Posener: „Warum also änderte Freud seine Meinung? Masson vermutete eine Beziehung zum Fall der Emma Eckstein, die Freud und Fließ 1895 wegen neurotischer Störungen behandelten und beinahe töteten. Fließ, ein ausgemachter Scharlatan, besaß einen unheimlichen Einfluss auf Freud, der zeitlebens für Geheimwissen anfällig blieb. Fließ glaubte, bei Frauen eine intime Beziehung zwischen der Nase und den Geschlechtsorganen entdeckt zun haben, weshalb sich eine Behandlung der Hysterie durch Herumdoktern an der Nase anbot. Emma Eckstein, die unter starken Vaginalblutungen litt, wurde als Versuchsobjekt auserkoren. Fließ entfernte aus der Nase operativ einige Knochenteile (Emma wurde dauerhaft entstellt) und hinterließ aus Versehen – eine Freudsche Fehlleistung? – ein 50 Zentimeter langes Gazestück, das er zum Tamponieren gebraucht hatte. Der Kunstfehler kostete Emma fast das Leben.

Auch nach der Operation, die Freud als Erfolg deklarierte, litt Emma an starken Vaginalblutungen. Einige Jahre später wurde ein gutartiger Tumor an ihrem Uterus entdeckt. Nach der Entfernung der Gebärmutter genas sie. Freud hat weder seine Fehldiagnosen anerkannt noch die Stümperei seines Freundes kritisiert. Vielmehr meinte er in einem Brief an Fließ, Eckstein habe ‚aus Liebe geblutet‘ – aus Liebe zu ihm, dem Therapeuten. Wie bei den missbrauchten Mädchen machte Freud aus dem Opfer – in diesem Fall seinem Opfer – eine verhinderte Verführerin. Offensichtlich liegt hier ein Muster vor.

Wie geht Alt mit diesem Komplex um? … (Er) folgt den dogmatischen Freudianern, die Jeffrey Masson seine Kritik am Meister nie verziehen haben.

Der Fall ist leider symptomatisch für diese hagiografische Fleißarbeit. Man mag dem Autor zugute halten, dass er als Präsident der Freien Universität Berlin nicht die Zeit hatte, sein Sujet kritisch zu durchdenken. Doch steckt mehr dahinter. Alt ist Germanist, und unter dem Einfluss des Freudianers

Jacques Lacan

und seiner Jünger hat die Germanistik gelernt, dem Autor die Autorität über sein Werk abzusprechen und sie dem Deuter – dem akademischen Literaturkritiker – zuzuerkennen, so wie Freud seinen Patientinnen die eigenen Erinnerungen wegnahm und sie zu Einbildungen umdeutete. Freud kritisieren hieße, dieser Art von

Pseudowissenschaft

den Teppich unter den Füßen wegziehen.

Überflüssig zu sagen, dass Freud selbst das erste Beispiel dieser Pseudowissenschaft lieferte, als er Hamlet einer Analyse unterzog und zum Ergebnis kam, Shakespeares zögerlicher Dänenprinz könne seinen ehebrecherischen und mörderischen Onkel deshalb nicht töten, weil der genau das tat, was Hamlet wollte, nämlich den Vater töten und mit der Mutter schlafen. Tadaah! Genug.“

Liebe Leserinen und Leser: lesen und urteilen Sie selbst!

 

1351: Bob Dylan – ein Konservativer ?

Montag, Oktober 17th, 2016

Zunächst wollte ich gar nicht über Bob Dylans Literatur-Nobelpreis schreiben. Einmal geschah das überall, mehr oder weniger kundig. Und zweitens bin ich gar kein Fan von Dylan. Aber dann nahm sich mit Tobias Rüther ein richtiger Popmusik-Kenner der Sache an und schrieb in der FAS (16.10.16).

„Nichts gegen Dylan. Es ist auch gar nicht wichtig, wie gut oder schlecht man ihn nun findet. Wie einzigartig seine Stimme. Wie ergreifend seine Texte. Wie radikal seine Hinwendung von der akustischen zur elektrischen Gitarre und zu Jesus und wieder zurück. Wie entscheidend seine Rolle als Chronist amerikanischer Verhältnisse und Chronist ihres Wandels. Wie bewundernswert seine Ausdauer, seine Unbestechlichkeit, seine Unbeirrtheit. All das spielt überhaupt keine Rolle, um den Nobelpreis für Literatur an Bob Dylan für einen Fehler zu halten: Und zwar nicht um der Literatur, sondern um der Popmusik wegen.“

Das saß.

Vorher hieß es erwartungsgemäß: „In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat es keinen anderen Poeten gegeben, dem es so wie Dylan gelungen wäre, Träume, Hoffnungen, Verzweiflung so vieler Menschen so rätselhaft eindeutig auszudrücken und zu besingen.“ (Kurt Kister, SZ 14.10.16)

Bundsaußenminister Frank Walter Steinmeier schrieb: „Er formulierte die Fragen an die Erwachsenen, die auch wir stellen wollten, er war für mich wie ein

Willy Brandt

der Rockmusik.“ (Die Welt 15.10.16) Nun ja, ein Außenminister eben.

Die immerwährenden Dylan-Fans verwiesen auf die Bezüge zu Homer, Sappho, Ovid und Skakespeare (Lothar Müller, SZ 14.10.16) oder betonten die Nachbarschaft zu Elvis Presley, Woody Guthrie, Bertolt Brecht, Pete Seeger, Jack Kerouac und Allen Ginsberg (Willi Winkler, SZ 14.10.16) und Dylans Wurzeln im Blues. Einigkeit bestand darin, Dylans ständigen Verstöße gegen das zu betonen, was man von ihm erwartete. Dass Dylan als der Gott der Gegenkultur wahrgenommen wurde. Die wohl tiefste Verstörung erzielte Dylan mit seiner Entdeckung von Jesus. Kam als nächstes aber programmgemäß auf sein fundamentalistisches Judentum zurück. Es kündigte sich früh seine „Never Ending Tour“ an. 2011 wurde ihm sogar ein Oscar zuerkannt.

In der „Welt“ (15.10.16) machte Alan Posener darauf aufmerksam, dass Bob Dylan nie daran geglaubt hatte, dass politische Mauern durch Aktionen eingerissen würden. Er habe nur

opportunistische Ausflüge

ins Genre des politischen Protests unternommen. Ständig habe er sich bemüht, durch seine Perspektivenwechsel seine Fans vor den Kopf zu stoßen. Posener belegt, dass Dylan seine Nähe zu

Lee Harvey Oswald

behauptet habe. Den großen Konsensus im Juste Milieu habe er verabscheut. Bob Dylan feierte in seinen Songs den Boxer Rubin „Hurricane“ Carter, den Gangster Joseph Gallo, die Atomspione Julius und Ethel Rosenberg und Judas Ischariot. „Wenn man also nicht begreift, dass Dylan in einer progressiven Zeit

ein großer Konservativer,

in einer Massenkultur ein großer Einsamer, in einer säkularen Gesellschaft ein Religiöser war, kann man seine Bedeutung nicht ermessen.“ (Alan Posener)

Tobias Rüther begründet, dass die Popmusik einen Literatur-Nobelpreis wirklich nicht nötig hat, dass die Herablassung der Nobelpreis-Jury völlig unangebracht ist. „Doch die Popmusik ist eine Kunstform aus eigenem Recht und mit eigenen Regeln. Daran wird dieser Literatur-Nobelpreis 2016 für den amerikanischen Sänger Bob Dylan nichts ändern. Eine falsche Entscheidung bleibt er trotzdem. Eine Entscheidung, die sich zwar unkonventionell gibt, zeitgemäß und ‚groundbreaking‘ – aber ganz im Gegenteil ein Ausdruck von

Desinteresse

ist, von Unsicherheit und vielleicht sogar von Arroganz. Als wäre Popmusik etwas, das sich noch rückversichern muss.“

Ich habe Ende der sechziger/Anfang der siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts Interviews mit Bob Dylan gesehen, an die ich mich nicht mehr genau erinnere. Nur an eines: dass Bob Dylan von Politik keine Ahnung hatte.

1350: Judith Butler über Hannah Arendt

Sonntag, Oktober 16th, 2016

Gregor Quack (FAS 16.10.16) hat Judith Butler zu ihrem, neuen Buch

„Anmerkungen zu einer performativen Theorie der Versammlung.“ Berlin (Suhrkamp), 312 S., 28 Euro,

interviewt. Darin setzt sich Butler nicht zuletzt mit Hannah Arendt auseinander:

„Ein großer Teil des Buches ist eine ausführliche Auseinandersetzung mit dem Demokratiebegriff bei Hannah Arendt. … Die Beobachtungen von Versammlungen will ich nutzen, um darüber nachzudenklen, wie wir heute über Demokratie denken und welche Rolle der Körper in einem demokratischen Prozess spielt. Ich beschäftige mich schon seit einiger Zeit mit Arendt und bin der Meinung, dass viele ihrer Ideen für unser gegenwärtiges Demokratieverständnis absolut unabdingbar sind. Gleichzeitig finde ich aber auch, dass sie in vielen Ihrer Schriften, und vor allem in ‚Vita activa‘, unser körperliches und politische Leben zu scharf voneinander trennt. Für Arendt ist Politik etwas, das wir debattieren, etwas, das auf rein sprachlicher Ebene stattfindet. Ich hingegen bin der Meinung, dass auch körperliche Bewegungen und Gesten Forderungen artikulieren können. Ich versuche mit meinem Buch, unserem Arendtschen Demokratieverständnis den Körper zurückzugeben. Vor allem, wenn sie in einer großen Gruppe stattfinden, können solche körperlichen Aktionen auf sehr effektive Art Demokratie einfordern.

Hannah Arendt hat 1943 in ihrem Artikel ‚Wir Flüchtlinge‘ versucht, ein anderes Verständnis von Zusammengehörigkeit zu entwickeln als das von Gemeinschaft auf der Basis gemeinsamer Sprache, Religion oder Nation. Flüchtlinge werden solche Einheiten immer wieder durcheinanderbringen. Doch anstatt sie anzugreifen, sind wir gefordert, darüber nachzudenken, wer zu unserem ‚Wir‘ dazugehört.“

 

1349: Juli Zehs „deutscher Geist“

Samstag, Oktober 15th, 2016

In der ersten Ausgabe seiner „Literarischen Welt“ 1925 fragte Willy Haas internationale Schriftsteller: „Was verdanken Sie dem deutschen Geist?“. In ihrer Ausgabe vom 15.10.2016 stellt die aktuelle „Literarische Welt“ deutschen Schriftstellern die gleiche Frage. Wir können uns vorstellen, dass viele von ihnen sich bemühen, originell, frech, widerborstig, kokett zu sein, etc. Leicht ist es auch, die Frage falsch zu finden. Manche haben einfach von Politik keine Ahnung.

Julie Zeh, deren Roman „Unterleuten“ 2016 von der Kritik breit wahrgenommen wurde, antwortet folgendermaßen:

„Ich bin in der festen Überzeugung aufgewachsen, dass Deutschland ein Land ist, in dem man zwei Dinge verstanden hat: was Demokratie bedeutet und warum europäische Einigung nicht nur eine gute, sondern eine alternativlose Idee ist.

Aus disem Glauben resultiert nicht nur ein umfassendes Wertesystem, aufgehoben in unserer Verfassung. Es ergeben sich daraus auch klare Handlungsleitlinien, sowohl für die Politik wie für das Leben jedes Einzelnen. Fragen nach Identität, Zukunft und Gesellschaft lassen sich mühelos damit beantworten. In den letzten Jahrzehnten hat sich das Modell nicht nur als friedensstiftend, sondern auch in ökonomischer Hinsicht als unfassbar erfolgreich erwiesen.

Und trotzdem wissen wir nicht, wer wir sind, woran wir glauben und was uns zu einer Gemeinschaft macht? Trotzdem fehlt uns die Vision? Trotzdem müssen wir protestwählen, mit apokalyptischen Ideen liebäugeln, uns vor Nichtigkeiten fürchten und andere ausgrenzen, um uns wieder zu spüren? Ach, deutscher Geist, was willst du denn noch.“

1348: Nazis beherrschten OG und BND bis 1968.

Freitag, Oktober 14th, 2016

Geheimdienste sind generell moralisch fragwürdig. Ganz auf sie verzichten können wir allerdings nicht, weil nicht auszuschließen ist, dass ihre Arbeit Erkenntnisse bringt, die nirgendwo anders zu bekommen sind. Im Detail ist es manchmal noch schlimmer. So etwa steht der Landesverfassungsschutz (LVS) Thüringen  im Verdacht, mit dem Nationalsozialistischen Untergrund (NSU= Bönhardt, Mundlos, Tschäpe) zusammengearbeitet zu haben. Das ist bei anderen Diensten kaum anders. Die umfassendsten Erkenntnisse darüber brachten die Enthüllungen von Edward Snowden über die US-Geheimdienste ans Tageslicht. Von den US-Diensten war die CIA nach 1945 in Deutschland besonders aktiv. Sie nahm den Bundesnachrichtendienst (BND) in Pullach unter ihre Fittiche.

Der Zeithistoriker Klaus-Dietmar Henke war von 1997 bis 2001 in Dresden Direktor des Hannah-Arendt-Instituts für Totalitarismus-Forschung. Seit 2011 gehört er gemeinsam mit Jost Dülffer, Wolfgang Krieger und Rolf-Dieter Müller der Unabhängigen Historiker-Kommission zur Erforschung der Geschichte des Bundesnachrichtendienstes (BND) an. Die ersten vier Bände der auf 13 Bände angelegten Dokumentation über den BND sind Anfang Oktober erschienen. Wolfgang Gast hat Henke für die taz (6.10.16) interviewt.

taz: Eine der Hauptanschuldigungen gegenüber dem BND und seiner Vorläuferorgnanisation (Organisation Gehlen: OG, W.S.) ist die Aufnahme belasteter Funktionäre des NS-Regimes. Haben Sie Hinweise gefunden, wie weit diese Kontinuitäten reichten?

Henke: Ja, auf Schritt und Tritt. Die Organisation Gehlen (OG) unterscheidet sich in ihrer Entstehung ja von allen anderen Diensten und Behörden der Bundesrepublik. Die Angehörigen der OG sind unmittelbar nach Kriegsende in Pullach hinter dem Paravent des Hochgeheimen in amerikanischen Diensten verschwunden. Dort waren sie gut mit Dollars versorgt und brauchten keine weitere Unbill zu fürchten. Es war eine sehr kommode Situation für sie. Da die Rekrutierung für die OG so ablief, dass ein Kriegskamerad den anderen nachzog, bildete die Organisation Gehlen schließlich einen freikorpsähnlichen Männerbund. In diesem war es möglich, viele Leute unterzubringen, die NS-belastet waren, die zum Teil schwerstens belastet oder sogar NS-Verbrecher waren. Und so gut wie alle von ihnen wurden mit der Gründung des BND im April 1956 in den Bundesdienst übernommen.