Archive for the ‘Gesellschaft’ Category

1380: Peter Suhrkamps Rolle bei der „Arisierung“ des S. Fischer Verlags

Freitag, November 18th, 2016

Über die „Arisierung“ des S. Fischer Verlags und über den Verleger Gottfried Bermann Fischer existieren ausnahmsweise fast vollständige Akten. Der Direktor der Stadtbibliothek Duisburg Jan-Pieter Barbian hat sie ausgewertet (SZ 18.10.16). Darin wird die Rolle Peter Suhrkamps geklärt, des wichtigsten Mitarbeiters Bermann Fischers und späteren Begründers des Suhrkamp Verlags.

Die Nazis hatten von Anfang an vor, Juden aus den deutschen Verlagen und aus dem Buchhandel zu vertreiben. Am 10. Mai 1933 wurden im Rahmen der „Aktion wider den undeutschen Geist“ öffentlich Bücher verbrannt. In Göttingen auf dem Albaniplatz, wo eine Plakette daran erinnert. Im Juli 1933 existierte eine schwarze Liste der Nazis mit 24 Schriftstellernamen und 64 Büchern. 1935 führte die Reichsschrifttumskammer eine „Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums“ ein. Von 19 Autoren waren sämtliche Schriften verboten. Darunter

Alfred Döblin, Klaus Mann, Arthur Schnitzler, Jakob Wassermann, Carl Zuckmayer und Stefan Zweig.

1936 gelang Bermann Fischer die Übersiedlung des S. Fischer Verlags nach Wien, von wo die Flucht 1938 weiterging. Die Nazis hatten ihm das Versprechen abgepresst, das in Berlin verbliebene Lager und die Bücher „in arische Hände“ zu überführen. Sein engster Mitarbeiter Peter Suhrkamp „übernahm“ 1936 den Verlag. Er war 1932 von der „Neuen Rundschau“ zu Fischer gekommen. Die Witwe des Verlagsgründers Samuel Fischer, Hedwig, übertrug Suhrkamp das Stimmrecht ihrer Aktien. Suhrkamp rückte in den Vorstand ein. Er hatte die alleinige Geschäftsführung.

1938 wurde die Verlags AG in eine Kommanditgesellschaft umgewandelt. Suhrkamp wurde persönlich haftender Gesellschafter mit einer Einlage von 50 000 Reichsmark, die aus dem Depot seiner vierten Frau, Annemarie Seidel, stammte, einer Schwester der Dichterin Ina Seidel. Peter Suhrkamp hatte z.T. sehr gute persönliche Beziehungen zu Nazis. So etwa zu dem Leiter der Schrifttumsabteilung im Reichspropagandaministerium Heinz Wissmann. Ihn kannte er von der Freien Schulgemeinde Wickersdorf, die der Volksschullehrer Suhrkamp von 1928 bis 1930 geleitet hatte. Über die Vorgänge bei S. Fischer war der Präsident der Reichsschrifttumskammer Hans Johst bestens informiert. Ihn hatte Suhrkamp Anfang der zwanziger Jahre noch als hoffnungsvollen expressionistischen Dichter kennengelernt.

Der Verlag wurde 1942 in „Suhrkamp Verlag vormals S. Fischer“ umbenannt. 1943 löschten die Nazis den Namen des Verlagsgründers. 1944 wurde die „Neue Rundschau“ eingestellt. Zu dieser Zeit befand sich Peter Suhrkamp bereits auf Grund einer politischen Denunziation in Haft. Am 14. April kam er ins Konzentrationslager Ravensbrück, von Oktober 1944 bis Februar 1945 saß er im Gestapo-Gefängnis Lehrter Straße. Dabei wurde seine Gesundheit zerrüttet. Nach 1945 konnten Peter Suhrkamp und Gottfried Bermann Fischer ihre einstmals so vertrauensvolle Zusammenarbeit nicht fortsetzen. In einem mühevollen und bitteren Prozess kam es 1949 zu einer Teilung in S. Fischer und Suhrkamp. Beide Verlage haben mittlerweile eine sehr wechselvolle und vielfach politisch hoch umstrittene Entwicklung genommen.

1379: Manès Sperber als Ratgeber für Wolf Biermann

Donnerstag, November 17th, 2016

Für meine Begriffe ist Wolf Biermanns Bedeutung anlässlich seines 80. Geburtstags und angesichts seiner Autobiografie

Warte nicht auf bessre Zeiten. Die Autobiografie. Berlin, 576 S., 28 Euro,

in den führenden deutschen Blättern noch nicht richtig gewürdigt worden (daran ändern auch die Beiträge von Durs Grünbein, FAZ 12.11.16, und Marko Martin, Welt 12.11.16, kaum etwas). Vielleicht hätte man dafür tatsächlich sehr viel Platz gebraucht. Denn Biermanns Rolle als Kommunist und Liedermacher bis zu seiner Ausbürgerung aus der DDR 1976, seine Leitfunktion für die deutsche Vereinigung und sein Antikommunismus ungefähr seit 1980 sind für einfache Gemüter schwer zu fassen, für Linke kaum zu ertragen. Dort wird er gehasst.

Wolf Biermann befürwortete das Eingreifen der NATO im Kosovokrieg 1999 und den ersten Irak-Krieg der USA und ihrer Verbündeten 2003 gegen Saddam Hussein. 2007 erhielt nach lagem Hin und Her die Ehrenbürgerwürde der Stadt Berlin. Der SPD fiel die Zustimmung schwer, nachdem Biermann ihre Koalition mit der PDS als Bündnis von „bankrotten sozialdemokratischen Apparatschiks“ mit „MfS-Kadern“ bezeichnet hatte. 2013 bekannte Biermann, er werde CDU wählen und empfahl Angela Merkel als Kanzlerin. Usw.

Weithin unbekannt ist der Einfluss, den der Sozialpsychologe und Schriftsteller Manès Sperber (1905-1984) Ende der 70er und Anfang der 80er Jahre in Paris auf Biermann ausgeübt hat. Sperber stammte aus dem seinerzeit österreichischen Galizien und schrieb deutsch. Er war ein Schüler des Begründers der Individualpsychologie

Alfred Adler (1870-1937)

und wurde in Wien dessen Mitarbeiter. 1927 zog Sperber auf Geheiß Adlers nach Berlin und trat der

KPD

bei. Fortan bemühte er sich, die Erkenntnisse der Psychologie für die Arbeiterbewegung nutzbar zu machen und sie für die Gesellschaftsanalyse zu verwenden. 1933 wurde er als Jude und Kommunist in „Schutzhaft“ genommen. Er konnte nach Österreich ausreisen und war danach in Sonderaufträgen der Internationale unterwegs, u.a. in Jugoslawien 1934. 1935 gelangte er nach Paris, wo er eng mit dem kommunistischen Chefpropagandisten

Willi Münzenberg (1889-1940)

zusammenarbeitete. Beide wandten sich unter dem Eindruck des mörderischen Stalinismus vom Kommunismus ab. 1942 konnte Manès Sperber in die Schweiz fliehen.

1950 regte er mit seinem Freund

Arthur Koestler (1905-1983)

den internationalen antikommunistischen „Kongress für kulturelle Freiheit“ in West-Berlin an. Sperber hat eine viel beachtete und mit autobiografischen Zügen versehene Romantrilogie „Wie eine Träne im Ozean“ geschrieben, in der die Entwicklung des Kommunismus zwischen 1930 und 1945 reflektiert wird. Der WDR hat 1970 daraus ein Fernsehspiel gemacht. Sein Autor Manès Sperber brachte Ende der siebziger Jahre in Paris Wolf Biermann endgültig vom Kommunismus ab.

1378: Steinmeiers Kandidatur: Signal für große Koalition

Mittwoch, November 16th, 2016

Die von SPD und Union gemeinsam getragene Kandidatur Frank-Walter Steinmeiers für das Amt des Bundespräsidenten ist ein klares Signal für die Weiterführung der großen Koalition in Berlin. So wie die Union jetzt Steinmeier akzeptiert, wird die SPD 2017 Merkel als Kanzlerin hinnehmen. Das könnte als kluges Signal gegen Rot-Rot-Grün gewertet werden. Insbesondere gegen die rückwärtsgewandte antiwestliche Politik der Linken, die im letzten Jahrhundert hängen geblieben ist. Teilweise im 19. Jahrhundert.

1377: Trump: Suprematist, Antisemit, Agent Putins?

Donnerstag, November 10th, 2016

In dem Chor der Trump-Kritiker fällt mir der Kulturkritiker Greil Marcus auf (SZ 10.11.16). Er schreibt:

„Die Vereinigten Staaten haben einen weißen Suprematisten gewählt, einen Antisemiten und einen Mann, für den Frauen Waren sind, die man kauft und verkauft. Es könnte sein, dass sie – wie in einem Roman – auch einen Agenten Russlands gewählt haben.“

 

1376: Nikab gehört nicht in Talk-Show.

Mittwoch, November 9th, 2016

Die Massenmedien (Presse, Hörfunk, Fernsehen) sollen „die Realität“ darstellen. Mit allen Facetten. Dazu gehören auch extreme Ansichten. Insofern kann es berechtigt sein, Extremisten einmal zu Wort kommen zu lassen. Aber nur dann, wenn das journalistisch gekonnt geschieht. Insofern ist ja Günter Jauch gescheitert, als er sich mehrfach u.a. einem Islam-Prediger und Vertretern der AfD nicht gewachsen zeigte. Jauch passt besser zu „Wer wird Millionär?“ und zu Autoversicherungen.

Anne Will hat einer schweizerischen Islam-Propagandistin im Nikab einen Auftritt in ihrer Talk-Show zugestanden. Die Verschleierte machte aus ihrer Sympathie für den IS keinen Hehl. Und sie wurde von Anne Will nicht in ihre Schranken gewiesen. Das wäre aber erforderlich gewesen. Der Medienrechtler Christoph Degenhart sagt dazu: „Natürlich muss die Moderation problematische Äußerungen zurechtrücken. Nicht alles darf unwidersprochen bleiben.“ (Karoline Meta Beisel/Ralf Wiegand, SZ 9.11.16) Insofern ist die eine Talk-Show von Anne Will gescheitert. Journalismus ist keine Veranstaltung für Überforderte und Nichtskönner, sondern manchmal harte berufliche Praxis.

Mein Wort zum Nikab in der Sendung: Verschleierte sollten dort nicht auftreten. Wir können von ihnen verlangen,

dass sie ihr Gesicht zeigen.

1375: Trump wird US-Präsident.

Mittwoch, November 9th, 2016

Donald Trump wird US-Präsident. Was viele von uns sich nicht vorstellen konnten oder wollten, ist eingetreten. Ich bin noch ganz entgeistert.

Freuen können sich

1. Globalisierungsgegner,

2. Freihandelsgegner (TTIP, Ceta etc.),

3. NATO-Gegner,

4. Migrationsgegner,

5. Rassisten,

6. Sexisten,

7. ungebildete Weiße.

Es gibt einige Gründe für die Entwicklung. Am wichtigsten sind wohl die neuen sozialen Medien, in denen es keinen verlässlichen Bezug zur „Realität“ mehr gibt. Scharlatanerie und Verschwörungstheorien sind Tür und Tor geöffnet.

1374: Peter Weiss 100

Dienstag, November 8th, 2016

Als Peter Weiss‘ „Roman“ „Die Ästhetik des Widerstands“ (1975/78/81) vollständig erschienen war, entstanden an der Universität Göttingen gleich Lese- und Diskussionszirkel auf der Linken dazu. Ich habe mich daran nie intensiv beteiligt, was mir später leidtat, als Weiss‘ Hauptwerk als solches wahrgenommen wurde. Es beschäftigt sich mit dem Widerstand der Arbeiterbewegung gegen den Faschismus und integriert immer wieder autobiografische Perspektiven von Peter Weiss. Es ist wohl ein Jahrhundertwerk mit Ecken und Kanten, ein „sperriger, mehrdeutiger und überbordender Roman“ (Helmut Böttiger, SZ 8.11.16). Die negative Kritik daran ist hauptsächlich politisch motiviert und arbeitet mit den Vokabeln „unklar“, „schwammig“ und „raunend“.

Peter Weiss wurde in einer wohlhabenden Fabrikantenfamilie geboren. Weil der Vater jüdischer Herkunft war, wurde die Familie, die ursprünglich in Berlin und Bremen angesiedelt war, von den Nazis durch Europa gejagt: London, Tschechoslowakei, Stockholm. Der Vater war überall wirtschaftlich erfolgreich. Schon als Schüler in Deutschland zeigte Peter Weiss großes Interesse an der Malerei und am Fotografieren. In London starb seine Schwester Margit 1934 bei einem Autounfall. Der „Anfang von der Auflösung unserer Familie“. Peter Weiss gelangte über die Schweiz nach Schweden. Er war schließlich bis zu seinem Tod 1982 schwedischer Staatsbürger.

In Schweden erlebte Weiss die konkreten Probleme der Emigration aus erster Hand. In erster Linie mit der Sprache. Aber auch mit der Familie. Er hat sich zwei ausführlichen Psychoanalysen unterzogen. Peter Weiss studierte und lehrte in Stockholm nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs Filmtheorie und -praxis. Er hat selbst 16 Experimental- bzw. Dokumentarfilme gedreht. Daneben aber immer geschrieben. 1952 erschien sein „Mikro-Roman“

„Der Schatten des Körpers des Kutschers“

bei Suhrkamp. Weiss galt fortan als literarischer Avantgardist. Nach dem Tod seiner Eltern erschienen 1961 seine Erzählung „Abschied von den Eltern“ und 1962 der Roman „Fluchtpunkt“, in denen er sich autobiografisch äußert. Ich habe beide Bände sofort gelesen, weil mein Freund Wolfgang Spethmann gute Beziehungen zum Delmenhorster Buchhandel unterhielt und mich aufmerksam machte. Wer in oder bei Bremen aufgewachsen ist, spürt die Relevanz der Beschreibungen darin.

Peter Weiss‘ Theaterstücke „Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats“ (1964) und „Die Ermittlung“ (1965) wurden riesige Erfolge. Erwin Piscator und Peter Palitzsch schalteten sich in die Publizierung und die Inszenierungen ein. Grundlage der „Ermittlung“ war der Frankfurter Auschwitz-Prozess (1963-1965). Peter Weiss politisierte sich immer mehr. Er nahm am Russel-Tribunal gegen den Vietnamkrieg teil. Bei seiner kritischen Beobachtung der Bundesrepublik und der DDR gab er letztlich der DDR den Vorzug. Er wusste wohl nicht genug. Er verfasste schließlich 1965 „10 Arbeitspunkte eines Autors in der geteilten Welt“.

Peter Weiss hat zahlreich wichtige Preise bekommen. Darunter den Lessing-Preis der Freien und Hansestadt Hamburg (1965), den Heinrich-Mann-Preis der Deutschen Akademie der Künste (DDR) (1966), den Literaturpreis der Stadt Bremen (1982)und schließlich den Georg-Büchner-Preis (posthum am 15. Oktober 1982). Kurz davor war Weiss an einem Herzinfarkt in Stockholm gestorben. Er gilt heute als einer der größten deutschen Schriftsteller nach 1945. Der Widerstand gegen den Nationalsozialismus war sein Hauptthema. 2016 sind mehrere Biografien und Monografien über ihn erschienen.

1372: Afrika kommt nicht voran.

Montag, November 7th, 2016

Prinz Asfa-Wossen Asserate ist 1948 in Addis Abeba geboren. Er lebt seit 40 Jahren in Deutschland und hat Jura studiert. Seit 1983 arbeitet er als Unternehmensberater für Afrika und den Nahen Osten. Viele von uns kennen sein Buch

„Manieren“.

Philip Plickert (FAZ 5.11.16) hat ihn über Afrika befragt. Es ist immer noch weithin der dunkle Kontinent. Dort gibt es

54 Staaten, tausende kleiner Ethnien und 2000 verschiedene Sprachen.

Die afrikanischen Staaten sind ausgesprochen unterschiedlich wirtschaftlich entwickelt. Viele Afrikaner wollen nach Europa. Asserate sagt:

„Warum wollen viele Afrikaner zehn Kinder oder mehr? Drei Kinder sterben, bevor sie zehn Jahre alt sind, drei Kinder sterben, bevor sie 20 sind. Die restlichen Kinder sind dann die Altersversicherung der Eltern. Eine staatlich garantierte Mindestrente würde hier viel ändern. In Europa und Deutschland war die Geburtenrate auch sehr hoch. Als Bismarck in den 1880ern die Sozialgesetze und die staatliche Altersrente einführte, begann sie rapide zu sinken. Auch die mangelnde Bildung besonders der Frauen und ihre schwache soziale und rechtliche Stellung spielt eine wichtige Rolle, dass sie keine Familienplanung betreiben können.“

„Die EU subventioniert die europäischen Bauern, die ihre billige Getreideproduktion auf afrikanische Märkte schütten. Damit kann ein einfacher afrikanischer Bauer nicht mithalten. Das ist ein unfairer Handel. EU-Geflügelproduzenten exportieren Hühnchenbeine und Reste – die Menge hat sich auf 600 000 Tonnen verdreifacht – und machen mit dem Dumpingangebot die afrikanischen Geflügelzüchter kaputt, etwa in Nigeria. Ein anderes Beispiel: Billiges Tomatenmark aus Italien verdrängt den ländlichen Tomatenanbau in Ghana. Westliche industrielle Fischflotten ruinieren Teile der afrikanischen Fischerei, weil sie ihnen die Fanggründe leer räumen, teils auch illegal. Und ein Teil der arbeitslos gewordenen Afrikaner wandert dann nach Europa, wo manche dann als Billiarbeiter in der Landwirtschaft tätig sind, etwa in Italien.“

„Was die Kolonialherren Afrika angetan haben, war schlimm und menschenfeindlich. Aber haben wir es in den 60 Jahren afrikanischer Unabhängigkeit besser gemacht? Nein! Eines der schlimmsten Verbrechen der Kolonialzeit waren die Massaker an den Hereros in Deutsch-Südwestafrika im Jahre 2004 und danach. Man schätzt, dass 50 000 bis 100 000 Menschen massakriert wurden. So grauenhaft das ist, einige afrikanische Diktatoren haben es noch viel schlimmer getrieben. Mengistu Haile Mariam in Äthiopien hat solche Opferzahlen in den späten siebziger Jahren in zwei Wochen geschafft. Es gibt eine ganze Reihe fürchterlicher Gewaltherrscher: Idi Amin in Uganda, Samuel Dor in Liberia. Denken Sie an Gaddafi oder Mugabe.“

1371: Jonathan Franzen über US-Wahlen

Sonntag, November 6th, 2016

Seit „Korrekturen“ (2001) ist Jonathan Franzen für mich einer der größten zeitgenössischen Schriftsteller. Seine Schilderung der US-Mittelschicht trifft den Nagel auf den Kopf. Franzen hat u.a. in Deutschland studiert und gelebt und kennt unser Land sehr gut. 2013 erhielt er den „Welt“-Literaturpreis. Auch wenn ich nicht der Meinung bin, dass Schriftsteller politisch stets urteilsfähiger sind als andere Menschen. Aber sie publizieren, sind also öffentlich wahrnehmbar.

Franzen zeigt sich gegenüber der „Welt“ (5.11.16) „krank vor Sorge, dass Trump irgenwie einen Weg findet, die Wahl zu gewinnen“. Bei einem Clinton-Sieg rechnet Jonathan Franzen damit, dass sich die neue Präsidentin dann „mit bewaffneten Aufständen von Gruppen“ auseinandersetzen muss, welche die Rechtmäßigkeit ihrer Wahl bestreiten.

Zentral ist Jonathan Franzens Wahrnehmung Donald Trumps: „Das

Phänomen Trump

ist undenkbar ohne das Internet und die sozialen Medien. Das Internet hat eine Welt geschaffen, in der es möglich ist, in seiner eigenen virtuellen Realität zu leben, mit ihrem eigenen inwendig konsistenten Gerüst von

‚Fakten‘,

ohne sich je mit der altmodischen Realität auseinandersetzen zu müssen.

Intelligente, gut informierte Menschen

machen die Lügen, die Trump fortwährend erzählt, krank, aber für seine Unterstützer sind seine Lügen nicht einmal Lügen: Sie stimmen vollkommen mit der Onlinerealität, in der sie leben, überein. Und Twitter verstärkt das, weil Nuancierung und Komplexität auf Twitter unmöglich sind.“ (Literarische Welt 5.11.16)

1370: Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) als Bundespräsidentin?

Sonntag, November 6th, 2016

In Berlin verdichten sich die Gerüchte, Angela Merkel wolle ihre Parteifreundin Annegret Kramp-Karrenbauer, die saarländische Ministerpräsidentin, als Bundespräsidentin vorschlagen (Günter Bannas, FAZ 5.11.16). Sigmar Gabriel hatte Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) als Kandidaten präsentiert. 30 Wirtschaftsmanager unterstützen ihn (Die Welt 5.11.16). Er wird auch von dem Filmregisseur Sönke Wortmann (Grüne) als der beste Kandidat angesehen (Die Welt 5.11.16). Wortmann war schon zweimal Mitglied der Bundesversammlung, die den Bundespräsidenten wählt. Die nächste Bundesversammlung tagt am 12. Februar 2017 in Berlin. Die Landtagswahlen im Saarland finden Ende März 2017 statt.