Archive for the ‘Gesellschaft’ Category

1421: Überlebt die Sozialdemokratie ?

Freitag, Dezember 30th, 2016

Die Umfrageergebnisse der SPD bewegen sich seit langem auf einem konstant niedrigen Niveau. Anscheinend unabhängig davon, was die Partei tut. Das ist nicht einfach zu verstehen. Folgt man der belgischen Politologin Chantal Mouffe, die in London lehrt, dann überlebt die europäische Sozialdemokratie nicht. Till Briegleb hat sie für die SZ (29.12.16) interviewt.

SZ: Warum scharen sich die frustrierten Menschen der einstigen Arbeiterklasse denn nicht mehr um eine linke Partei, die früher ihre Interessen zu vertreten schien?

Mouffe: Dafür sind die sozialdemokratischen Parteien verantwortlich. Die Deindustrialisierung in Europa hat die Arbeiterklasse von den positiven Effekten der Globalisierung nicht profitieren lassen. Die Sozialdemokraten aber haben in den letzten Jahrzehnten allesamt den Standpunkt bezogen, es gäbe keine Alternative mehr zum neoliberalen Kapitalismus und zur Globalisierung. Da ist es nicht erstaunlich, dass für ihre ehemaligen Wähler rechtspopulistische Parteien attraktiv werden, deren zentrales Argument ist, sie seien die einzige Alternative zum System.

Leider ist die Sozialdemokratie im selben Moment kollabiert wie das sozialistische Staatsmodell und hat sich selbst impotent gemacht. Sie ließen sich von ihrem politischen Gegner aufsaugen. Deswegen steckt sie in einer existentiellen Krise. Das

Verwischen der Grenzen

zwischen

rechts und links,

das die Sozialdemokraten als Errungenschaft feierten, ist eben genau das Gegenteil: ein Desaster für die Demokratie, in der es ohne Gegner und Alternativen zu keiner produktiven Meinungsbildung kommt. Anstatt das System herauszufordern, haben sie sich zum aktiven Teil dieses Systems gemacht. Deswegen besteht kaum Hoffnung, dass die europäische Sozialdemokratie überlebt. Sie ist nicht mehr zu reparieren.

1420: Israel weiter auf dem Weg in die Isolation

Donnerstag, Dezember 29th, 2016

Der UN-Sicherheitsrat hat mit den Stimmen seiner 15 Mitglieder den Siedlungsbau verurteilt, den Israel auf der Westbank betreibt. Ein Veto der USA gab es nicht. Der Siedlungsbau auf dem besetzten palästinensischen Land verstößt gegen das Völkerrecht und untergräbt die Zwei-Staaten-Lösung, die die israelische Regierung vor allem verhindern will. US-Außenminister Kerry hat Israel scharf kritisiert. Er sagte u.a.:

„Wenn es nur einen Staat gibt, kann Israel entweder demokratisch bleiben oder jüdisch, beides geht nicht.“

Kerrys Rede hat in Israel hasserfüllte Kommentare hervorgerufen. Auch von Ministerpräsident Netanjahu. Natürlich kann man sich fragen, warum die USA in den letzten acht Jahren nicht mehr gegen den Siedlungsbau getan haben. Vielleicht will Kerry auch nur das letzte Wort behalten. Nicht vergessen werden darf, dass die USA Israel kürzlich

38 Milliarden Dollar Militärhilfe

für die nächsten zehn Jahre zugesagt haben.

Israel ist es gewöhnt, alleine zu stehen und sich auf seine militärische Stärke zu verlassen. Insbesondere auf seine Atomwaffen. Netanjahu setzt auf den nächsten US-Präsidenten

Donald Trump,

der auf Twitter schrieb: „Wir dürfen Israel nicht länger mit solch totaler Verachtung und Respektlosigkeit behandeln.“ Wunderbare Aussichten!

Israel ist weiter auf dem Weg in die Isolation.

(Peter Münch, SZ 28.12.16; Peter Münch, SZ 29.12.16; Stefan Kornelius, SZ 29.12.16)

1419: Helmuth Plessner „Die Grenzen der Gemeinschaft“ (1924)

Mittwoch, Dezember 28th, 2016

Der Soziologe Armin Nassehi (München) hat als sein „Buch des Jahres“ (SZ 27.12.16)

Helmuth Plessners „Die Grenzen der Gemeinschaft“ (1924)

ausgesucht. Er schreibt:

„Der Philosoph Helmuth Plessner (1892-1985) wendet sich in die ‚Grenzen der Gemeinschaft‘ nicht nur gegen sich radikalisierende Ideologien der Gemeinschaftlichkeit, sondern auch dagegen, diese mit einer Ideologie der besseren Gemeinschaft zu bekämpfen. Dem alten bösen ‚Wir‘ nicht mit einem neuen romantischen ‚Wir‘ zu begegnen, sondern nach Bedingungen für

Takt, Distanz und zivilisatorische Gelassenheit

zu suchen, darum geht es. Dass sich selbstdistanzierte ‚Masken‘ zivilisierter, vor allem weniger nervös begegnen können als Ensembles authentischer Bekenntnisse, könnte die Gesellschaft von den Zumutungen gemeinschaftlicher Identitätspolitiken befreien. Was für eine utopische Anti-Utopie! Gegen den sozialen Radikalismus und seine sozialradikale Bekämpfung hätte das Buch 2016 geschrieben werden müssen, wenn es nicht schon 92 Jahre existierte.“

1418: Bude: „Die Parteien haben Angst vor der Angst der Leute“

Mittwoch, Dezember 28th, 2016

In einem Interview mit Roland Preuss (SZ 27.12.16) äußert sich der Kasseler Soziologe Heinz Bude über die Angst der Deutschen. Er sagt u.a.:

„Es gibt so etwas wie eine Erlebnisschichtung der Angst. Die Angst vor einem terroristischen Angriff aus heiterem Himmel verbindet sich mit Ängsten, die mit grundlegenden Veränderungen in unserer Gesellschaft zu tun haben. Wir kommen aus einer Gesellschaft des Versprechens und befinden uns in einer Gesellschaft der Drohungen. Nehmen wir das Versprechen des Aufstiegs durch Bildung. Die Nachkriegsgenerationen haben sehr vom Ausbau des Bildungssystems profitiert. In der zweiten Hälfte der achtziger Jahre zeichnete sich die Bundesrepublik durch das sozial durchlässigste Bildungssystem in ganz Europa aus. Das hat viel mit dem Ausbau der Fachhochschulen zu tun. … Heute ist ein Studienabschluss nicht mehr hinreichende Bedingung für einen Aufstieg. Es macht sich das bedrohliche Gefühl breit, dass es für die Jungen schwieriger geworden ist, den Sozialstatus ihres Elternhauses auch nur zu halten.

Der Druck in den Betrieben ist gewachsen, die Intensität der Arbeit hat im Zuge der Digitalisierung und der Dienstleistungsorientierung zugenommen. Und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist mit der wachsenden Zahl von Frauen in Ausbildung, Studium oder Beruf auch nicht einfacher geworden. Mit einem Mal befindet man sich als jemand wieder, der im Wettbewerb um die wenigen, hervorragend bezahlten Stellen auf der Strecke geblieben ist. Mit Anfang vierzig erkennt zum Beispiel der Rechtsanwalt mit einer Universalkanzlei, dass er die Kollegin, die gleich nach dem Studium bei einer internationalen Law Firm eingestiegen ist, nicht mehr erreichen kann. Man darf sich über die Verbitterung gerade in den besser aufgestellten Teilen der deutschen Mittelklasse nicht täuschen.“

1417: Lilienthal über Didier Eribons „Zurück nach Reims“

Mittwoch, Dezember 28th, 2016

In der Rubrik „Buch des Jahres“ der SZ (27.12.16) äußert sich der Intendant der Münchener Kammerspiele Matthias Lilienthal über Dider Eribons „Zurück nach Reims“:

„Didier Eribons ‚Zurück nach Reims‘ (Suhrkamp) hat mich ganz persönlich getroffen, weil es erzählt, wie jemand aus proletarischen Verhältnissen sich erst nach dem Tod seines Vaters mit seiner Herkunft auseinandersetzt. Eribons Verleugnung seiner proletarischen Herkunft erinnerte mich an mich selbst. Ich komme zwar aus dem Mittelstand, bin aber auf einem Gaswerk in Berlin-Neukölln aufgewachsen. Als ich 19 wurde, habe ich mich schnell aus der Gropiusstadt nach Charlottenburg bewegt. Eribon beschreibt genau, wie der ehemals kommunistischen Arbeiterschaft nach dem Kaputtgehen der Industrie nicht nur ihre finanzielle Basis genommen wurde, sondern auch ihre Würde. Das erinnert mich an Berliner Parteiversammlungen der SPD. Nach der Lektüre habe ich mich gefragt, warum ich das Bild des Zigarre rauchenden Gerhard Schröder damals nicht richtig interpretiert habe. Dieses Buch nimmt den Wahlsieg von Donald Trump vorweg, und wenn man die Lehren aus ihm nicht zieht, wird man sich der Diskussion mit der AfD nicht stellen können. Es beschreibt aber auch, warum wir manchmal mit unseren Eltern hätten anders umgehen können.“

Ich habe das Buch zu Weihnachten von meinem Sohn bekommen und es schon gelesen.

1416: Nach Terroranschlag – Politik verändern ?

Donnerstag, Dezember 22nd, 2016

1. Die Mörder aus der Migranten-Szene erreichen immer mehr ihr Ziel: dass nämlich selbst solche Merkel-Unterstützer wie ich allmählich ihre Haltung überdenken.

2. Klar ist ja, dass wir (als Deutschland) für die Migration nur begrenzte Kapazitäten haben. Das kann ich Obergrenze nennen. Ein Streit um des Kaisers Bart hilft hier gar nicht. Ich kann die Obergrenze zahlenmäßig festlegen, soweit das deutsche Asylrecht dem nicht entgegensteht.

3. Von der anderen 27 Staaten der EU ist keine Unterstützung zu erwarten.

4. Dann muss es die EU wenigstens schaffen, ihre Außengrenzen wirksam zu schützen.

5. Das Einzige, das ich der CSU noch vorwerfen kann, ist, dass sie Wasser auf die

Mühlen der AfD

leitet. Aber tu ich das hier nicht sogar selber?

6. Die Bundesregierung hat das Asyl- und Aufenthaltsrecht für Flüchtlinge und Asylbewerber im letzten Jahr schon massiv verschärft.

7. Anschließen kann ich mich der Forderung des sachsen-anhaltinischen Ministerpräsidenten Reiner Haseloff (CDU), doch die Nerven zu behalten.

8. Die Opposition und insbesondere die Grünen, bisher in Menschenrechtsfragen stets eine Bank, verhält sich relativ still. Sie möchte sich nicht unnötig exponieren. Das hilft der Bundesregierung aber nicht, von der wir erwarten, dass sie richtig handelt.

9. Es leben 168 000 „Geduldete“ bei uns in Deutschland, die eigentlich abgeschoben werden müssten. Davon sind zwei Drittel Männer, 55 ooo Jugendliche. Die meisten stammen aus Serbien, Afghanistan, Kosovo, Syrien, Albanien, Mazedonien. Die Gründe für die „Duldung“ sind vielfältig und teilweise banal: Zusammenhalten von Familien, fehlende Papiere, Ablehnung der „Herkunftsländer“, keine Flugverbindungen, „Reiseunfähigkeit“, Folteropfer u.a.

10. Bei der Behandlung und Verfolgung des nun Tatverdächtigen sind von den Behörden viele kleine Fehler begangen worden. Die Arbeit der Sicherheitsbehörden ist in diesen Fällen extrem schwer. Es führt kaum weiter, wenn sich nun der Bund und Nordrhein-Westfalen (Innenminister Jäger, SPD !) gegenseitig die Schuld zuschieben.

11. Ein erklecklicher Teil der jungen, männlichen Migranten ist anscheinend nicht integrationsfähig. Er trifft auf eine entschlossene deutschstämmige Islamistenszene (549 Personen), die hochgefährlich ist.

12. Was auf jeden Fall geht, ist eine starke Ausweitung der Video-Überwachung von öffentlichen Plätzen (Hans Leyendecker, Georg Mascolo, Nicolas Richter, Ronen Steinke, SZ 22.12.16; Stefan Braun, SZ 22.12.16; Moritz Baumstieger, SZ 22.12.16; Bernd Kastner, SZ 22.12.16)

M.E. ist es angezeigt, Abbitte zu leisten in Richtung derjenigen, die von Anfang an auf ein stärkeres und festeres Grenzregime mit wirksamen Personenkontrollen gedrängt haben.

Ich muss meine Meinung ändern.

1415: Handys in die Schulen

Mittwoch, Dezember 21st, 2016

Die deutsche Kultusministerkonferenz möchte die Nutzung privater Smartphones im Unterricht. Das hat deren Präsidentin, die Bremer Bildungssenatorin Claudia Bogedan, bekannnt gegeben. Ein Handyverbot in den Schulen sei heute nicht mehr zeitgemäß. Da schon fast alle Kinder ein Handy besäßen, sei es sinnvoll, diese didaktisch in allen Schulfächern einzusetzen. Die Lehrer müssten darauf vorbereitet werden. Dann könnten sie ihren Schülern z. B. beibringen, wie man mit

Shitstorms

und

rassistischen Postings

umgeht.

„All dies sollte geschehen, indem man auf die Chancen blickt. Schon jetzt ist es so, dass laut medienpädagogischen Studien etwa die Hälfte der Jugendlichen ihr Smartphone für die Schule sinnvoll nutzt: um im Chat herauszubekommen, welche Hausaufgaben in Biologie anstehen oder zur Recherche für Referate in Deutsch. Denn in welchem Haushalt stehen noch meterlange Enzyklopädien im Regal? Und zugleich hat nicht jede Familie die Mittel, das Kind mit einem Smartphone auszustatten. Hier sind Förderprogramme nötig; auch diese müssen die Kultusminister entwickeln.“ (Ulrike Heidenreich, SZ 9.12.16)

Klaus Wolschner hat für die taz (22.11.16) den Hirnforscher Gerhard Roth gefragt, ob der Einsatz von Smartphones in Schulen sinnvoll ist.

Roth: Als Neurobiologe, der sich mit der kindlichen Entwicklung beschäftigt, bin ich sehr zurückhaltend, wenn es um Kinder bis zum Alter von vier Jahren geht. Die Entwicklung ihrer Gehirne und ihrer Psyche würde vermutlich negativ davon beeinflusst. Es gibt dazu allerdings keine seriösen Langzeit-Studien, und jeder, der dazu redet, redet aus seinem Bauch heraus.

taz: Sie haben in einem Ihrer Bücher beschrieben, wie stark Bildung mit Persönlichkeit zu tun hat. Kann sich Schüler-Persönlichkeit vor dem Bildschirm entwickeln?

Roth: Zumindest nicht im Kindesalter. Die Lehrerpersönlichkeit und die Beziehung des Lehrers zum Schüler ist mit Abstand der wichtigste Lernfaktor. Rund 50 Prozent des Lernerfolgs hängt von dem Vertrauen in den Lehrer ab, der vor mir steht, in dessen Augen ich sehen kann, und der mich anschaut, den ich spüre. Das beflügelt mein Gehirn, sich zu merken, was ich da höre. Deshalb müssen Lehrer kompetent, feinfühlig und vertrauenswürdig sein, und die Schüler müssen sich akzeptiert fühlen. Wie vertrauenswürdig und feinfühlig ist ein Handy? Bei älteren Schülern kann das Tablet eine wunderbare Hilfe sein, wie Schulbücher, wenn der Lehrer professionell damit umgeht.

1414: Putins Ideologie

Mittwoch, Dezember 21st, 2016

Alice Bota („Die Zeit“ 8.12.16) schreibt über Wladimir Putins Weltanschauung:

„Putin geht es heute nicht darum, die Sowjetunion wieder zu errichten. Die Hälfte der Russen mag deren Untergang bedauern; aber sie zurückhaben, das will nur eine Minderheit. Vorherrschend ist nun eine Ideologie aus Versatzstücken, in der auch sowjetische Elemente ihren Platz haben. Die Stärke dieser Ideologie ist ihre Flexibilität und ihre Fähigkeit zur Camouflage. Sie lässt sich schwer greifen, und sie verändert sich, wenn die Begebenheiten es verlangen. Sie kann selbst die größten Widersprüche aushalten: Antifaschismus zu predigen, aber Rechtsextreme im Ausland zu unterstützen. Den Patriotismus zu beschwören, aber das eigene Land ausrauben. Russlands Größe zu preisen (und damit ja all seine Etnien), aber den Nationalismus zu befeuern. Militärische Interventionen zu verurteilen und zugleich das syrische Aleppo in Schutt und Asche bomben. Hier sowjetische Symbolik hochzuhalten, da jene aus der Zarenzeit, garniert mit dem Segen der russisch-orthodoxen Kirche.“

1413: 2016: 74 Journalisten getötet

Montag, Dezember 19th, 2016

Wie „Reporter ohne Grenzen“ in ihrem Jahresbericht mitteilen, sind 2016

74 Journalisten

bei der Arbeit getötet worden. Die gefährlichsten Staaten sind Syrien, Afghanistan, Mexiko und Irak. 2015 waren noch

101 Journalisten

getötet worden. Der Rückgang erklärt sich wohl damit, dass nach dem Krisenjahr 2015 viele Journalisten aus den Ländern geflohen sind, in denen die journalistische Arbeit zu gefährlich geworden ist (SZ 19.12.16).

1412: Harald Schmidt und Hannover

Sonntag, Dezember 18th, 2016

Städtebeschimpfungen machen Spaß. Einer der größten Beschimpfer war Thomas Bernhard. Auch Rolf Dieter Brinkmann brachte es hier sehr weit.

Harald Schmidt über Hannover:

„Die Stadt liegt zwar nicht am Arsch der Welt, aber man kann ihn von dort aus sehr gut sehen.“ (SZ 17./18.12.16)