Archive for the ‘Gesellschaft’ Category

1455: Auschwitz-Täterdatenbank online

Freitag, Februar 3rd, 2017

Das polnische Institut für Nationales Gedenken (IPN) hat jetzt eine Datenbank zugänglich gemacht, die Namen von über

8 500 Tätern

enthält, die zwischen 1940 und 1945 in

Auschwitz-Birkenau,

dem größten deutschen Konzentrationslager auf polnischem Boden, eingesetzt waren. Hier wurden mindestens 950 000 Menschen ermordet. Sie starben als Arbeitssklaven oder an den Folgen von Folter und Verstümmelungen nach perversen Experimenten. Die Datenbank enthält zudem Fotos und Gerichtsurteile gegen die Täter.

Auf Polnisch, Deutsch und Englisch sind Angaben registriert zu Geburtsort und -datum, Ausbildungsstatus, militärischem Rang, Eintritt in den Militärdienst, in NSDAP und SS und Mitgliedsnummern. Das IPN will damit der „Verzerrung der Wahrheit über die Vergangenheit“ entgegenwirken. So sei oft von „polnischen Todes- und Vernichtungslagern“ die Rede. Es gab aber keine polnischen Todes- und Vernichtungslager, es waren deutsche, die bewusst auf polnischem Boden eingerichtet wurden.

Zugleich dient die Datenbank zur Propagierung des Geschichtsbilds der nationalkonservativen polnischen Regierung. Sie sieht Polen in der jüngeren Geschichte in der Opferrolle und weist Mitläufertum und Täterkontexte weit von sich. Die deutsche „Zentralstelle zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen“ in Ludwigsburg hat jetzt ebenfalls Zugriff auf die Datenbank erhalten. Sie teilte mit, dass 95 Prozent der Täter inzwischen tot seien. Die Veröffentlichung persönlicher Daten nach deutschen Recht ist sehr kompliziert. Eine pauschale Antwort ist kaum möglich. Es kommt auf jeden Einzelfall an (Bernd Graff, SZ 2.2.17).

1453: Ursula Krechels Roman „Landgericht“ im Fernsehen

Dienstag, Januar 31st, 2017

Ursula Krechel erzählt in ihrem großen Roman „Landgericht“ (492 Seiten), für den sie den Deutschen Buchpreis bekommen hat, die Geschichte der scheiternden Rückkehr eines jüdischen Richters (Richard Kornitzer) aus dem Exil nach Deutschland und des Zerfalls seiner Familie nach 1945. Nachgebildet ist der Plot dem Leben von Robert Michaelis.

Dem zweiteiligen Fernsehfilm unter der Regie von Matthias Glasner (Drehbuch: Heide Schwochow) gelingt es insgesamt, die bewegende Geschichte angemessen ins Fernsehen zu übertragen. Wesentlich dazu beigetragen haben die beiden Hauptdarsteller Ronald Zehrfeld und Johanna Wokalek, welche die „arische“ Ehefrau Claire von Kornitzer so überzeugend spielt, dass sie, enteignet, entrechtet, vergewaltigt, mehr Opfer gebracht zu haben scheint als ihr Mann. Die Kornitzer-Kinder Georg und Selma gelangen 1938 mit dem berühmten Kindertransport nach Großbritannien. Nach 1945 bleibt die seelisch schwer beschädigte Familie Kornitzer sich fremd. Die Kinder kehren endgültig nicht nach Deutschland zurück. Sie sind bei ihrer Pflegefamilie heimisch geworden. Der Fernsehfilm geht unter die Haut.

Der Kampf um die Wiedergutmachung verblasst gegenüber dem Kampf von Claire um ihre Wiederanerkennung als Mutter. Glaubwürdig erzählt wird das Auseinanderbrechen einer Familie. Er ist die verdienstvolle Mischung aus eingängigem Drama und unaufdringlicher Seelenstudie. Die Kritiker Ursula Scheer (FAZ 28.1.17), Lennart Laberenz (FAS 29.1.17) und Thomas Hahn (SZ 30.1.17) gehen nicht unkritisch mit dem Film um. Aber sie anerkennen dessen Verdienste. Lennart Laberenz findet „Landgericht“ allerdings „mutlos“ und „in der Mitte leer“.

Das finde ich nicht. Wir können die Lektion gut gebrauchen.

Der zweite Teil läuft morgen am Mittwoch, dem 1. Februar, um 20.15 im ZDF.

 

1452: Barack Obama: Über Literatur und Politik

Sonntag, Januar 29th, 2017

Der vorherige US-Präsident Barack Obama hat kurz vor Ende seiner Amtszeit der Literaturkritikerin der „New York Times“ Einblick in seine Bücher-Lektüre gegeben (hauptsächlich Toni Morrison, Junot Diaz und Marilynne Robinson). Dabei sagte er:

„Ich glaube, dass es mir während meiner Präsidentschaft nicht ein bestimmter Roman leichter gemacht hat, mich in das Leben anderer Leute hineinzuversetzen, sondern das Lesen von Literatur im Allgemeinen. Es half, die richtigen Muskeln zu trainieren.“ (Julia Encke, FAS 29.1.17)

1451: Eva Illouz: „Trump lügt ständig.“

Sonntag, Januar 29th, 2017

Die israelische Professorin für Soziologie, Eva Illouz (Jerusalem), bringt im Sommer 2017 ihr Buch „Wa(h)re Gefühle: Authentizität im Konsumkapitalismus“ bei Suhrkamp heraus. Julia Encke hat sie für die FAS (29.1.17) über Donald Trump befragt.

FAS: Frau Illouz, wie würden Sie Donald Trumps Art, Politik zu machen, beschreiben? Ist das Wort „Gefühl“ in seinem Fall überhaupt der richtige Begriff?

Illouz: Gefühle sind nicht das Problem von Trump! Das Problem von Trump ist, dass er jedes Prinzip und jedes Axiom kommunikativen Handelns und kommunikativer Rationalität im öffentlichen Raum verspottet:

Er lügt ständig

und missachtet den Grundsatz, dass man sich wenigstens den Anschein geben sollte, die Wahrheit zu sagen. Er bestreitet die Gültigkeit von Wissenschaft und damit die

Existenz objektiver Maßstäbe

zum Vergleich miteinander konkurrierender Behauptungen. Er bestreitet überhaupt, dass es eine gemeinsame Welt für alle Menschen gibt. Für ihn existiert nur eine Welt, die aus Menschen besteht, die ihn und seine Interessen unterstützen – seine Verleugnung der Erderwärmung ist dafür nur ein Beispiel. So wie er mit anderen Nationen kommuniziert, versucht er noch nicht einmal, den Eindruck zu erwecken, dass es darum geht, ein gemeinsames Verständnis zu entwickeln: Es ist eine reine Machtdemonstration und nichts anderes, wie im Fall der Drohung, Mexiko für die geplante 20-Milliarden-Dollar-Mauer zahlen zu lassen. …“

1450: Russland führt Prügelstrafe wieder ein.

Sonntag, Januar 29th, 2017

Auf der Betreiben der besonders konservativen Kreise der Duma, die mit der russisch-orthodoxen Kirche in Verbindung stehen, wird in Russland die Prügelstrafe in Familien wieder eingeführt. Das neue Gesetz ändert den Tatbestand „Prügel“ in Paragraph 116 des Strafgesetzbuchs. Danach dürfen „nahe Personen“ geprügelt werden, wenn es zwar zu Schmerzen, zu einem blauen Auge oder Schürfwunden kommt, aber nicht zu weiteren körperlichen Schäden.

In Russland werden jedes Jahr etwa 12.000 Frauen von ihren Partnern oder nahen Verwandten getötet, 36.000 verprügelt. Die orthodoxe Kirche verkündete, die körperliche Strafe sei nicht schlecht, wenn sie „aus Liebe“ erfolge. Die Abgeordnete Jelena Misulina befürwortete die Gesetzesänderung nachdrücklich. Sie hatte kürzlich das Gesetz gegen „Propaganda für nichttraditionelle sexuelle Orientierungen“ eingebracht (Friedrich Schmidt, FAZ 28.1.17).

1449: Roland Berger: 2017 – Chance und Gefahr

Samstag, Januar 28th, 2017

Der Nestor der Firmenberatung, Roland Berger, äußert sich in der „Welt“ (28.1.17) kurz und markant über die größte Gefahr und die größte Chance für Deutschland 2017:

„Die größte Gefahr für die deutsche Wirtschaft ist die drohende Renationalisierung Europas und der Welt und die größte Chance sind Fähigkeiten, Engagement und Fleiß unserer Mitbürger.“

1448: SPD – im Aufwind ?

Samstag, Januar 28th, 2017

Bei der Sonntagsfrage liegt die SPD immerhin bei 24 Prozent. Das kann nicht einfach auf Martin Schulz zurückgeführt werden, ist aber als hoffnungsvolles Zeichen zu interpretieren. Bei der Bundestagswahl 2013 erreichte die SPD 25,7 Prozent. Und hämische und schadenfrohe Kommentare wie der Leitartikel von Susanne Gaschke in der „Welt“ (28.1.17) sind unangebracht. Ich verstehe sie als Zeichen der Frustration, die Frau Gaschke seit der Affäre um den Kieler OB kennzeichnet. Frust ist niemals ein guter Berater bei politischen Analysen (Philip Kuhn, Die Welt 28.1.17).

Zur Zeit hat Rot-Rot-Grün keine Mehrheit. Für Martin Schulz wäre es schon ein Riesenerfolg, erreichte die SPD einen Prozentsatz nahe 30. „Die Grünen wiederum sind längst keine linke Partei mehr; sie sind ein interessantes Sammelbecken von Lebenssensiblen, Ökoliberalen und sympathischen Spontis. Das ist nicht schlecht, führt aber auch dazu, dass das Profil der Partei oft der eines Fußballs gleicht.“ (Kurt Kister, SZ 28.1.17)

Trotz Flüchtlingen und Terrorismus sind drei Viertel der Deutschen mit Angela Merkel immer noch zufrieden. Die AfD setzt auf die Stimmung gegen „die Elite“ oder „das Establishment“ und hat mit innerparteilichen Machtkämpfen zu tun. In letzter Zeit legt sie nicht mehr zu. Die Linke ist in einer Existenzkrise. Sie verliert im Osten ihren Status als Regionalpartei an die AfD. Das sind keine Mehrheiten, sondern mehr oder weniger starke Minderheiten. So sollten wir sie auch behandeln.

1447: „Gipfel der Poeten“ im Kanzleramt

Freitag, Januar 27th, 2017

Die Staatsministerin für Kultur und Medien, Monika Grütters, hatte zum „Gipfel der Poeten“ ins Kanzleramt geladen. Es ging tatsächlich um die beiden größten Lyriker deutscher Sprache im 20. Jahrhundert: Gottfried Benn (1886-1956) und Bertolt Brecht (1898-1956). Benn starb am 7. Juli 1956 in West-Berlin, Brecht wenige Wochen später am 14. August 1956 in Ost-Berlin. Die Dramaturgin des Deutschen Theaters, Anika Steinhoff, hatte Gedichte und Briefstellen ausgestellt, in denen die Dichter den Frauen nachstellten und aneinander vorbeigingen.

Ein Rätsel gaben einige Zeilen Brechts aus seinen letzten Lebensjahren auf:

„Beim Anhören von Versen/Des todessüchtigen Benn/Habe ich auf Arbeitergesichtern/Einen Ausdruck gesehen/Der nicht dem Versbau galt und kostbarer war/Als das Lächeln der Mona Lisa.“

„Das war, meinten die einen, die späte Anerkennung Benns durch seinen Antipoden. Nein, sagten die anderen, das war die letzte böse Botschaft der Jüngeren an den Älteren, eine Bekräftigung aller Absagen an die bürgerliche Dekadenz, …“ (Lothar Müller, SZ 27.1.17).

Urteilen Sie selbst.

1446: Deutsches Theater (DT) Göttingen: „Die Nutznießer“

Freitag, Januar 27th, 2017

Das DT Göttingen hat bei der Berliner Schriftstellerin Gesine Schmidt ein Theaterstück bestellt („Die Nutznießer – ‚Arisierung‘ in Göttingen“), das sich mit der „Arisierung“ in Göttingen 1938 beschäftigt. Das Stück läuft zur Zeit. Es gründet sich auf die wissenschaftlichen Vorarbeiten von Alex Bruns-Wüstefeld und Ulrich Popplow. Es ist tatsächlich viel über die Nutznießer des Verbrechens zu erfahren, über „Judenhäuser“ usw. DT-Intendant Erich Sidler, ein Österreicher, sieht die Funktion des Stücks darin, dass die „rote Linie der Menschlichkeit“ nicht immer weiter verschoben wird, um „die Demokratie zu pflegen und in die Zukunft zu retten“. Angela Brünjes hat bereits am 16. Januar im „Göttinger Tageblatt“ darüber geschrieben (Henning Bleyl, taz 18.1.17).

Infos unter: www.dt-goettingen.de/stueck/arisierung.

1445: Zygmunt Baumann ist tot.

Donnerstag, Januar 26th, 2017

Der große Soziologe Zygmunt Baumann (1925-2017) ist gestorben. Er war ein in vieler Hinsicht außergewöhnlicher Zeitgenosse. 1925 in Polen geboren, floh seine jüdische Familie nach dem Überfall der Wehrmacht auf Polen in die Sowjetunion. Von 1944 bis 1953 diente er in der Roten Armee. Er machte als Geheimdienstoffizier Karriere und lehrte dann Soziologie in Warschau. Aus Protest gegen die starken antisemitischen Umtriebe in Polen verließ Baumann 1967 seine Heimat und ging nach Israel. Dort konnte er die Behandlung der Palästinenser nicht ertragen und zog weiter nach Leeds, wo die Werke entstanden, denen er seinen Weltruhm verdankt. Es verstand sich für Zygmunt Baumann von selbst, dass er den Holocaust ins Zentrum seines Denkens stellte.

Von Baumann haben wir gelernt oder hätten wir lernen können, dass der Holocaust

keine Entgleisung,

keine Fehlentwicklung und

kein Zivilisationsbruch

war. Die „Endlösung“ war das Ergebnis einer bürokratischen Kultur. Für Baumann war der Holocaust ohne die Zivilisation nicht denkbar. Erst die rational bestimmte Welt der modernen Zivilisation machte ihn möglich. Es handelte sich vor allem nicht um einen Rückfall ins Mittelalter. Vielmehr entfalteten archaischer Fanatismus und hypermoderne Technik ihre mörderische Verbindung.

In der Gegenwart sah Baumann in der Verbindung von Neoliberalismus und Digitalisierung ein revolutionäres Element. Die Gewalt werde ergänzt von eher moderater Überredung. „Folgsamkeit gegenüber vorgegebenen Standards wird heute eher durch Verlockung und Verführung als durch Zwang erreicht – und das Ganze erscheint im Gewand des freien Willens.“

In den westlichen Gesellschaften schwinde der Glaube an ein Ziel am Ende des Fortschritts. „Und so leben wir heute oft in einer wiederauferstandenen hobbesschen Welt

des Kriegs aller gegen alle.“ (Thomas Assheuer, Die Zeit 12.1.17)

Thomas Assheuer erweist sich in der Beschreibung des wissenschaftlichen Lebens von Zygmunt Baumann wieder einmal als der kundige Kenner. Und er stellt sehr gut dar.