Archive for the ‘Gesellschaft’ Category

1496: Feministinnen bekämpfen „Familismus“.

Montag, März 13th, 2017

In einem Interview mit Zoe Sona (taz 8.3.17) erklärt die ehemalige Bundesvorsitzende von „Pro familia“ (2004 – 2010), Gisela Notz, den Begriff „Familismus“.

taz: Sie nennen die Überbetonung der familiären Ordnung Familismus. Was genau verstehen Sie darunter?

Notz: Das ist ein soziologischer Begriff, aber vor allem eine Ideologie. Sie sieht die bürgerliche Kleinfamilie – die mit staatlichem und kirchlichem Segen versehene heterosexuelle, monogame Vater-Mutter-Kind-Familie – als „naturgegebene“ und „gottgewollte“ Leitform einer Sozialstruktur an. Familismus ist eine Spielart des Antifeminismus, denn in der „Normalfamilie“ herrscht eine komplementäre Rollenaufteilung entlang der Geschlechterlinien. Die Mutter ist sorgende Hausfrau oder Zuverdienerin, der Vater der „Haupternährer“. Die Familie bildet den Dreh- und Angelpunkt der gesellschaftlichen Ordnung. Frauen glauben, sie müssten sich für die Familie aufopfern und ihre Bedürfnisse für sie zurückstellen. So dient die Familie als billigste Versorgungseinheit der Gesellschaft. Gerade in Zeiten, in denen sozialstaatliche Leistungen gekürzt werden, sorgt sie für Ausgleich. Die Wirkmächtigkeit des Familismus hat sich trotz aller Kritik der bisherigen Frauenbewegungen und deren Forderung nach Eigenständigkeit der Frauen erhalten.

1495: Neo Rauch hasst Windräder.

Montag, März 13th, 2017

Der international renommierte deutsche Künstler Neo Rauch (56) hasst Windräder. „Windkraftanlagen ruinieren die Landschaft, sie machen aus ihr eine Gegend, eine Art Werkstatt. Sie zerstören die Blickachsen.“ Rauch schließt nicht aus, sich irgendwann gegen Windkraftanlagen zu engagieren (SZ 13.3.17).

1494: Das Doppelgesicht von Silicon Valley

Sonntag, März 12th, 2017

Verheißungsvoll erscheint uns auf den ersten Blick das Silicon Valley. Liberal. Dort können junge, begabte Leute mit Start ups reüssieren. Es ist international, keinesfalls national borniert. Multikulturell. Begabung und Leistung zählen hier noch in barer Münze. Also: das Zukunftsmodell einer offenen, innovativen und selbstbestimmten Gesellschaft. Die Silicon Valley-Unternehmer traten weit überwiegend im US-Präsidentschaftswahlkampf für Hillary Clinton ein.

Aber das stimmt gar nicht: De facto führen uns die im Silicon Valley konstruierten Algorithmen für viele unmerklich im Netz in die ökonomische und politische Abhängigkeit. Die meisten bemerken es nicht einmal. Es ist wie so häufig. In den Echokammern werden wir zu den immer gleichen Produkten und politischen Vorschlägen geführt. Antidemokraten werden gefördert und können online hetzen. Manipulation nimmt zu. Propaganda und Lügen (Fake News) werden Tür und Tor geöffnet. Durch Hacking werden Wahlen verfälscht. Viel effizienter als früher schon. Silicon Valley hat sich mit der US-Rüstungsindustrie verbündet. Man lebt wunderbar miteinander und profitiert gegenseitig.

Silicon Valley zeigt das hässliche Gesicht des Kapitalismus. Verkommen, aber propagandistisch auf dem letzten Stand. Dass Hillary Clinton nicht gewählt wurde, wäre ja eigentlich kein Verlust, wenn nicht der noch schlimmere Vertreter gewählt worden wäre.

Silicon Valley kann nur sozialstaatlich gebändigt werden. Das ist dringend erforderlich.

1493: 2001: Der letzte Laden schließt.

Sonntag, März 12th, 2017

Stanley Kubrick drehte 1968 seinen Science-Fiction-Film „2001 – Odyssee im Weltraum“. Er zeigte die Zukunft, die eine schräge Welt versprach. 1969 kam das Kulturversandhaus „2001“ auf den Markt. Anfangs sehr erfolgreich. Doch spätestens seit 2002 klingt 2001 nicht mehr visionär, sondern rückwärtsgewandt. Und ungefähr seit dieser Zeit ging es mit dem Kulturkaufhaus bergab. Nun schließt Ende März der letzte Laden in Frankfurt.

Im Internet lebt die Marke weiter (Corinna Budras, FAS 12.3.17).

1492: Facebook muss endlich haften.

Sonntag, März 12th, 2017

In der FAS (12.3.17) schreiben Marten Freidel und Volker Zastrow:

„Das Urteil des Landgerichts Würzburg zugunsten von Facebook ist falsch. Es enthebt den Konzern einer Verantwortung, die er tatsächlich hat. In dem Fall ging es um ein Foto, auf dem der syrische Flüchtling Adas Modamani und Bundeskanzlerin Merkel für ein Selfie posieren. Nachdem dieses Bild ins Netz gelangt war, missbrauchten Hetzer es auf die immer gleiche Weise. Sie stellten es neben die Fotos von Terroristen und behaupteten, Modamani sei der Attentäter. Sie erklärten ihn zum Täter von Brüssel, Ansbach und Berlin. Zuletzt behaupteten Rechtsradikale, Modamani sei einer der Flüchtlinge, die in Berlin versucht hatten, einen Obdachlosen anzuzünden. Nichts davon ist wahr. Anas Modamani hat nichts verbrochen. Aber die Fotomontagen kursieren noch immer auf Facebook. Modamani stellte daher einen Antrag auf eine einstweilige Verfügung. Er wollte erreichen, dass Facebook die besagten Bilder von sich aus sucht und löscht – also nicht nur einzeln entfernt, wenn sich einer beschwert. Doch das Gericht lehnte den Antrag ab. Die Richter argumentierten, Facebook mache sich die Inhalte seiner Nutzer weder zu eigen, noch verbreite es sie selbst.

Das steht im Widerspruch zu einem Urteil, das der Europäische Gerichtshof vor drei Jahren fällte. Damals ging es um Google. Die Richter entschieden damals: Selbst wer gegen Gesetze verstößt, hat das Recht, dass Google die Nachrichten darüber irgendwann entfernt. Das wurde ‚Recht auf Vergessen‘ genannt. Ein unbescholtener Mann dagegen muss sich gefallen lassen, auf Facebook massenhaft als Verbrecher gebrandmarkt zu werden?“

1491: AfD gegen ARD und ZDF

Sonntag, März 12th, 2017

Die AfD kämpft weiter gegen den öffentlich-rechtlichen Rundfunk (ARD und ZDF). Obwohl deren institutioneller Status durch die insgesamt schlüssige und kontinuierliche Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts seit vielen Jahrzehnten vollständig gesichert ist. Die AfD kann sich mit der auch finanziellen Unabhängigkeit von ARD und ZDF nicht abfinden. Dabei ist der öffentlich-rechtliche Rundfunk die Hauptsäule des dualen (öffentlich-rechtlichen und privaten) Rundfunks und ein Garant für eine freie Berichterstattung („Tagesschau“, „Tagesthemen“, „Heute“, „Heute-Journal“, viele Magazine etc.). Der Rundfunkbeitrag beträgt monatlich 17,50 Euro.

Die AfD-Fraktion im rheinland-pfälzischen Landtag hat dazu eine große Anfrage eingereicht. Man wisse, dass sich in Sachsen-Anhalt 145000 Haushalte weigerten, den Rundfunkbeitrag zu bezahlen. Es gäbe dort fast 44000 Zwangsvollstreckungen. Die AfD fordert „die umgehende Abschaffung der Zwangsfinanzierung des öffentlichen Rundfunks“ und wehrt sich gegen mögliche Erhöhungen von 2021 an (FAZ 11.3.17).

Auch hier klingt die DDR-Abhängigkeit der AfD durch. Schlimm!

1490: „Spiegel“-Biografie: Martin Walser 90

Freitag, März 10th, 2017

Martin Walser ist unser produktivster Schriftsteller. Ungeheuer sein Oeuvre. Er hat fast zu viel geschrieben, um stets auf der Höhe seiner Darstellungskunst zu sein. Und so ist wohl auch der eine oder andere Bewerbungsschuss in Richtung Literatur-Nobelpreis verpufft. Walser liegt nicht auf der Linie der sozialdemokratischen Literaturbewerter in Stockholm. Anders als Günter Grass, der seine SS-Mitgliedschaft erst nach dem Nobelpreis kundgetan hat. Da hat sich das Nobelpreis-Komitee wahrscheinlich ziemlich geärgert. Macht nichts. Philip Roth hat den Preis bisher auch nicht bekommen. Etc.

Martin Walser wird nun 90. Er scheint bei bester Kondition. Auch wenn er mit „Statt etwas oder der letzte Rank“ angeblich sein letztes Buch vorgelegt hat. In der Magazin-Reihe „Der Spiegel-Biografie“ ist er nun der „Chronist der deutschen Seele“. Ein fulminanter Band, der nicht zuletzt von Walsers Geistesgegenwart lebt. Sehr gut recherchiert, großartig geschrieben. Das liegt nicht zuletzt daran, dass hier viele Walser-Fans zu Wort kommen. Zum Beispiel Volker Hage.

Enthalten sind aktuelle Walser-Texte sowie eine Auswahl von Rezensionen seiner Werke, politische Schriften, Essays und Gespräche. Natürlich darf Walsers Rede 1998 als Friedenspreisträger des deutschen Buchhandels nicht fehlen, in der Walser sich als Antisemit erprobte (vgl Wilfried Scharf/Martina Thiele: Die publizistische Kontroverse über Martin Walsers Friedenspreisrede. In: Deutsche Studien 1999, Heft 142, S. 147-208). Ein stärkerer Akzent hätte auf Walsers Rede „Über Deutschland reden“ (in: Die Zeit 4.11.1988, S. 65-67) liegen können, in der Walser bekundete, sich nicht mit der deutschen Teilung abzufinden. Und das in einer Zeit, in der das gesamte links-liberale Milieu noch den realen Sozialismus gutfand. Walser war seiner Zeit voraus. So oder so. In dem Band finden wir ein Gespräch mit Walser über die deutsche Einheit.

Wir werden informiert über „Finks Krieg“ und „Meßmers Reisen“ und vieles mehr. Ein ganzes deutsches Kaleidoskop. Und mit Bewunderung lesen wir Walsers „Danksagung an die deutsche Sprache“. Ohne Dunst und Krampf. Nur unsere wunderbare deutsche Sprache. Als Walser-Kritiker kommen zu Wort Peter Wapnewski, Reinhart Baumgart, Rolf Becker, Hellmuth Karasek, Joseph von Westfalen, Volker Hage. Und ausführlich Walsers Antipode Marcel Reich-Ranicki. Ein besonderes Kapitel („Tod eines Kritikers“). 1998 haben sich Martin Walser und Rudolf Augstein an der Cote d’Azur getroffen und ihre Geschichte reflektiert. Zentrale deutsche Themen. Dieser Band von „Spiegel“-Biografie wird Geschichte machen.

Gegen Ende rezensiert der neue Stern am deutschen Kritikerhimmel, Volker Weidermann, Walsers letzten Roman („Statt etwas oder der letzte Rank“). Es sei ein höchst verlässlicher echter Walser. „Die Feinde und ich – wir waren ein Team. Zur Unterhaltung der Welt.“ „Ich würde gerne in die Welt hinausposaunen: Wer immer sich einbildet, mein Feind sein zu müssen, er darf zur Kenntnis nehmen, dass ich nicht mehr einholbar bin.“ Thomas Mann lobt Walser für seine Anpassungsfähigkeit. Und Weidermann schreibt: „Seine Bewunderung für die klugen Positionswechsler ist in Wahrheit Verachtung.“ Ja. Ohne die kommt Walser nirgends aus. Walser spricht über die Frauen. Das wichtigste Thema, viele werden es gebannt erwarten. Walser: „Das ganze Treue-Brimborium ist nichts anderes als die kulturelle Verbrämung einer barbarischen Strafroutine.“ Volker Weidermann verortet Martin Walser „letztlich in der deutschen Mitte“. „Er meinte immer, besonders viele Feinde zu haben, doch er war vor allem ängstlich.“

1489: Journalismus und Public Relations (Öffentlichkeitsarbeit) = Gegensätze

Donnerstag, März 9th, 2017

Eine Untersuchung des Mainzer Kommunikationswissenschaftlers Thomas Koch ergibt, dass Journalistinnen und Journalisten häufig in die Öffentlichkeitsarbeit (Public Relations) wechseln. Hauptsächlich aus drei Gründen:

1. Jobunsicherheit im Journalismus,

2. schlechte Vereinbarkeit von Familie und Beruf im Journalismus,

3. schlechte Arbeitsbedingungen im Journalismus.

Die Tatsache an sich wäre nicht weiter belangvoll, wenn dabei nicht ständig „vernebelt“ würde, dass Public Relations (Öffentlichkeitsarbeit) und Journalismus Gegensätze sind. Und keineswegs das Gleiche.

Während der Journalismus eine öffentliche Aufgabe erfüllt und dabei

informieren, bilden, beraten und unterhalten soll, wobei er Nachrichten beschafft und verbreitet, Stellung nimmt, Kritik übt und auf andere Art und Weise an der Meinungsbildung für die ganze Gesellschaft teilnimmt,

hat Öffentlichkeitsarbeit (Public Relations) die Aufgabe, von einem privaten Auftraggeber ein positives Bild (Image) in der Öffentlichkeit zu zeichnen.

Öffentlichkeitsarbeit ist eine Form der Werbung. Legitim, aber privat. Wenn auch mit gesellschaftlichen Auswirkungen. Und die Frage ist, wer wieviele Mittel für seine Öffentlichkeitsarbeit einsetzen kann, für seine Eigenwerbung.

(Daniel Bouhs, taz 28.2.17)

Die Erkenntnis ist nicht ganz neu, wird aber immer wieder „gezielt“ vergessen (vgl. W.S.: „Public Relations“ in der Bundesrepublik Deutschland. Ein kritischer Überblick über die gegenwärtig maßgebenden Ansichten. In: Publizistik (16. Jg.) 1971, S. 163-180).

 

1488: Wie mit der Türkei umgehen?

Mittwoch, März 8th, 2017

Das System Erdogan ist in der Türkei auf dem Weg in die Diktatur. Religiös fehlgeleitet, wie es so häufig auf der Welt der Fall ist. Besonders rückständig ist der Islam. Aber das System Erdogan ist gegenwärtig verunsichert, weil es sich nicht siegessicher ist beim Referendum. Daher die vielen falschen Zungenschläge. Bei manchen Aussageträgern habe ich den Eindruck, dass sie überhaupt nicht wissen, was Faschismus ist. Da könnten sie von uns noch lernen. Und es wäre besser, sie wüssten etwas über den Völkermord an den Armeniern 1916. Was das System Erdogan zusätzlich unsicher macht, ist die Tatsache, dass die türkische Zivilgesellschaft in den Städten gar nicht so schwach ist. Zur Zeit hat sie gegen das konsequent repressive System bloß keine Chance.

Da formuliert es sich so leicht, nun müsse die Bundesregierung einmal klare Kante zeigen. Aber wir brauchen die Türkei doch nicht, um zu wissen, was für uns Menschenrechte, Freiheit, Demokratie, Rechtsstaat und Sozialstaat bedeuten. Auch meine türkischen Kollegen, die fast alle zur Zeit in Deutschland sind, wissen das sehr genau. Also: unsere europäische Position ist völlig klar. Bis auf einige Franzosen, Deutsche, Ungarn, Polen etc., die noch nicht so weit sind. Die lernen noch nach. Türkische Politiker, die wir häufig nicht mögen, sollten bei uns frei ihre Propaganda machen dürfen. Das halten wir aus (Joachim Gauck). Und die wirtschaftlichen Daten der Türkei sind verheerend schlecht. Das sollte schnellstens wieder geändert werden.

Es liegt auf der Hand, weshalb die Türkei besonders pfleglich behandelt werden sollte. Und Angela Merkel, Frank Walter Steinmeier, Sigmar Gabriel und Martin Schulz wissen das: die unmittelbare Nachbarschaft des NATO-Mitglieds Türkei zu Russland ist beachtlich. Der Flüchtlings-Deal mit dem System Erdogan. Auch das grüne Immobilien-Kapital möchte nicht, dass Flüchtlinge in ihre Speisekammer einziehen. Die besonderen Verhältnisse der Türkei zu Iran (demnächst Atommacht), Irak (schiitisch-sunnitisches Chaos nach US-Imperialismus), Syrien, wo seit Jahrzehnten ein Massenmörder-Regime an der Macht ist. Selbst unser de facto schwieriges Verhältnis zu Israel (illegale, völkerrechtswidrige Besiedlung der Westbank) kann konstruktive Unterstützung durch die Türkei gebrauchen. Denken wir an Gaza!

Also: Nerven behalten! Uns nicht provozieren lassen! Die Möglichkeiten einer auch ökonomisch produktiven Zusammenarbeit sehen. Sobald es wieder geht, deutsche Touristen in die Türkei. Die guten Verhältnisse zwischen Türken und Deutschen in Deutschland stärken (ein schwerwiegendes Pfund). Ausbau der wissenschaftlichen Zusammenarbeit. Und vieles andere mehr. Und keine klare Kante. Die führt uns nur in den Rassismus!

 

1487: Kandinskys Hauptwerk „Das bunte Leben“ = NS-Raubkunst

Dienstag, März 7th, 2017

Im Münchener Lenbachhaus hängt Wassily Kandinskys (1866-1944) Hauptwerk „Das bunte Leben“ (von 1907). Es handelt sich wahrscheinliuch um NS-Raubkunst. Das ergeben die Recherchen der SZ (Kia Vahland, 4./5.3. und 6.3.17). Der Direktor des Lenbachhauses, Mattias Mühling, hat sich dafür ausgesprochen, das Gemälde vor die Limbach-Kommission zu bringen, die in Deutschland Empfehlungen zur NS-Raubkunst ausspricht. Das Gemälde gehört bisher der Bayerischen Landesbank, Miteigentümer ist der Freistaat Bayern. Die Bayerische Landesbank hat den Wunsch geäußert, das Bild möge in München bleiben. Die „Antragssteller“ haben in New York Klage gegen die Bayerische Landesbank eingereicht. Sie verlangen 80 Millionen Dollar oder die Rückgabe des Bildes.

Besessen hatte das Bild ursprünglich die jüdische Fabrikantenfamilie Lewenstein. Sie musste aus Nazi-Deutschland fliehen. 1940 wurde das Bild im besetzten Amsterdam auf einer für NS-Raubgut bekannten Auktion versteigert. Unklar ist, wer das Bild einem Zwischenhändler übergeben hat. War es das „Stedelijk Museum“ in Amsterdam, welches das Gemälde im Krieg aufbewahrte? In der Klageschrift der „Antragsteller“ heißt es, das schon im Herbst 1940 geflohene Geschwisterpaar Lewenstein habe damals niemanden beauftragt, das Bild zu verkaufen.

Jedenfalls verlor die Familie Lewenstein „Das bunte Leben“ unter politischem Zwang.

Die Kunsthistorikerin Erika Hanfstaengl hat als kommissarische Museumsleiterin des Lenbachhauses 1972 den Ankauf des Bildes durch die Bayerische Landesbank in die Wege geleitet. Dies ist pikant, weil Hanfstaengl währen des Krieges im besetzten Italien maßgeblich am Kunstraub der Nazis beteiligt war. Später wurde sie dann Kandinsky-Expertin. Eine deutsche Karriere.

Das Handlungsmuster ist stets das gleiche. Kunst wurde Juden in einer politischen Notlage unter irregulären Verhältnissen abgepresst und später häufig von deutschen Institutionen erworben. Und Juden als rechtmäßige Eigentümer müssen heute, 2017, ihr Recht vor Gerichten einklagen. Und sei es in New York.