Archive for the ‘Gesellschaft’ Category

1517: Doping in der Bundesrepublik

Mittwoch, März 29th, 2017

Hinterher haben ja immer alle Beschgeid gewusst. Und klar war, dass es in der alten Bundesrepublik Doping in großem Stil gegeben hat. Aber es bedarf in der Regel erst der Wissenschaft, bis manches so richtig klar ans Licht gebracht wird. Wie jetzt durch die Doktorarbeit von

Simon Krivec

an der Universität Hamburg. Darin haben 31 ehemalige bundesdeutsche Leichtathleten zugegeben, in ihrer Zeit als Hochleistungssportler gedopt zu haben. Die meisten davon anonym. Wir kennen aber einige Athleten mit Namen. Diejenigen nämlich, die Doping zugegeben haben:

Klaus-Peter Hennig (Diskus), Manfred Ommer (Sprint), Alwin Wagner (Diskus), Walter Schmidt (Hammerwerfen). Sie sind nicht die Nestbeschmutzer, sondern die Ehrlichen, die ich lobe. Christel Justen (Schwimmen), Birgit Dressel (Siebenkampf), Ralf Reichenbach (Kugelstoßen) und Uwe Beyer (Hammerwerfen) sind bereits tot und können keine Aussage mehr machen (Johannes Knuth, SZ 29.3.17).

Der heutige Hochleistunsgsport ist moralisch am Ende, nämlich vom Doping bestimmt. Und wenn ein Bundesminister wissentlich einen bestimmten Prozentsatz an Medaillen fordert, dann ist er schief gewickelt. Bitte keine Subventionen (Steuergelder) für den modernen Hochleistungssport mehr. Wenn Hochleistungssportler sich selbst finanzieren, dürfen sie machen, was sie wollen. Auch Dopen. Das ist Zirkus.

1515: Der Holocaust als sozialpolitisches Projekt

Dienstag, März 28th, 2017

Wieder einmal eckt Götz Aly mit der zentralen These seines neuen Buchs

Europa gegen die Juden 1880-1945. S. Fischer, 432 S., 26 Euro,

an. Nicht zum ersten Mal. Er stellt auf gesellschaftspolitische Gegebenheiten, auf Zahlen ab. Und kann damit belegen, dass die Verstrickung der Deutschen viel tiefer war, als durch die KZ-Mörder erkennbar ist. Viele haben vom Raub an den Juden persönlich profitiert. Und wollen es heute noch nicht wahrhaben.

Patrick Bahners verteidigt Aly. Er schreibt (FAS 19.3.17): „Nationale Gleichmacherei war ein sozialpolitisches Projekt: So erklärt uns Götz Aly jetzt den Holocaust. Wir erleben die Wiederkehr eines Nationalismus der sozialen Parolen. Wieder wird vor dem Arbeitsplatzklau durch die Flüchtlinge gewarnt. Vor diesem Hintergrund schreibt Aly, dass die besten politischen Ideen der Neuzeit zum Judenhass beigetragen hätten: Demokratie, Selbstbestimmung, soziale Gleichheit. Die Rezension seines Buchs in der ‚SZ‘ endet mit dem Satz: ‚Seiner abschließenden Überlegung, dass der zivilisatorische Fortschritt den Zivilisationsbruch begünstige, muss man nicht folgen.‘ Nein, muss man nicht. Man kann auch mit geschlossenen Augen durchs Leben gehen.“

1514: Günter Franzen: Was wir gewinnen, wenn wir älter werden: nichts.

Sonntag, März 26th, 2017

Günter Franzen, 70, nimmt sich in der FAS (26.3.17) u.a. die erbaulichen Traktate von Prof. Dr. Wilhelm Schmid vor. Am Ende seines Verrisses schreibt er: „Ich lebe in einer Dachwohnung im Norden Frankfurts mit freiem Blick auf Taunus und Wetterau. Wenn ich es irgendwann nicht mehr schaffe, in den dritten Stock zu kommen, werde ich einen ebenerdigen Raum im nahe gelegenen Wiesenhüttenstift beziehen. Sollte es meinem Alter Ego Wilhelm Schmid im Rahmen einer Lesetournee gefallen, in dieser Endlagerstätte abzusteigen, sollte er sich hüten, mich und die anderen Eingeschlossenen mit einem Zitat seines Gewährsmanns Blaise Pascal zu traktieren: ‚Das ganze Unglück der Menschen rührt allein daher, dass sie nicht ruhig in einem Zimmer zu bleiben vermögen.‘ Ich würde ihn, so wahr mir Gott helfe, unter Aufbietung meiner letzten Kräfte mit der Gesamtausgabe des wahnsinnigen Theologen E.M. Cioran erschlagen: drei Kilo, 2 000 Seiten. Autorenbuchhandlung.'“

1513: Mara Delius: Über den Literaturbetrieb

Sonntag, März 26th, 2017

Mara Delius denkt in der „Literarischen Welt“ (25.3.17) über den Literaturbetrieb nach. Sie findet, dass es nicht zu wenig Frauen gibt, aber die „falschen Männer“. Sie schreibt: „Wer sich in diesen Tagen die Physiognomie des Literaturbetriebs ansieht, findet nicht sehr viel männliche Härte – und wenn Steifheit, dann eher die falsche: Die Zeit der schicken Autos und wilden Affären der Unseld- und Walser-Jahre, der Kasinobesuche, Bordellabende und Männer-unter-sich-Runden ist längst vorbei – auch wenn man noch so sehnsüchtig stierend das Weißweinglas schwenkt, es wird kein Martini draus … Und die Frauen? Steigen auf und an einem vorbei – erst gibt es gar keine Frauen, dann sind sie plötzlich überall. Verwirrung!“

1512: Karl-Heinz Bohrers „Alleinsein“

Samstag, März 25th, 2017

Einer unserer fähigsten Feuilletonisten, Thomas Steinfeld, schreibt in der SZ (25./26.3.17) sehr anschaulich über den 1932 geborenen Karl-Heinz Bohrer. Der ist in der deutschen Publizistik bekannt: FAZ-Redakteur, Literaturchef dort (gechasst von Joachim Fest zugunsten Marcel Reich-Ranickis), London-Korrespondent, Germanistik-Professor in Bielefeld, „Merkur“-Herausgeber, Schriftsteller (über 20 Bücher). Nun ist sein neues Buch erschienen:

Jetzt. Geschichte meines Abenteuers mit der Phantasie Berlin (Suhrkamp) 2017, 542 S.; 26 Euro.

Nach Steinfeld geht es darin nicht zuletzt um den bürgerlichen Glauben, die Kunst sei nicht nur autonom, sondern allen lebenspraktischen Verhältnissen überlegen.

Karl-Heinz Bohrer schreibt: „Mein Alleinsein war nichts anderes als die unmittelbare Wahrnehmung der anbrandenden Welt um mich herum. Das erzeugte keine Langeweile, keine Leere, sondern das Gegenteil davon. Es lief auf die Empfindung hinaus, über alles zu verfügen. Nicht im Tun, sondern in der Vorstellung. Es war das Glück absoluter Souveränität.“

Das Buch liegt bei mir bereits auf dem Schreibtisch bereit.

1511: Nationalität nennen bei begründetem öffentlichen Interesse

Samstag, März 25th, 2017

Der seit 1956 existierende Deutsche Presserat ist die staatsunabhängige Vertretung von Verlegern (Zeitschriften, Zeitungen) und Journalistenverbänden (innerhalb des DGB, DJV). Er soll über Verfehlungen im Journalismus entscheiden. Jeder von uns kann sich mit einer Beschwerde an den Deutschen Presserat wenden. Der spricht in einigen Fällen

Rügen

aus. Am meisten gerügt bisher: Die „Bild“-Zeitung.

Seit 1973 operiert der Deutsche Presserat mit einem (in der Zwischenzeit mehrmals geänderten) Pressecodex, in dem richtiges und falsches journalistisches Verhalten aufgeschrieben sind. Dieser Codex bildet die Grundlage für die Entscheidungen des Presserats.

Durch die Übergriffe in der

Kölner Silvesternacht 2015

ist eine Bestimmung geändert worden. Es hieß bisher nämlich, dass bei Straftaten die Herkunft oder Religion des Tatverdächtigen nur genannt werden durfte, wenn „für das Verständnis des berichteten Vorgangs ein begründbarer Sachbezug besteht“. Die Nichtnennung war die Regel, Ausnahmen mussten begründet werden. Daran war nach der Kölner Silvesternacht 2015 Kritik laut geworden. War es nicht schlimmer, wenn Leser oder Rezipienten das Gefühl hatten, ihnen werde etwas verschwiegen. Der Chef von ARD-Aktuell beim NDR, Kai Gniffke, formulierte: „Was nützt uns regelkonformer Journalismus, wenn uns keiner mehr glaubt.“

Nun heißt es in Ziffer 12,1 des Pressecodex: Künftig sei „bei der Berichterstattung über Straftaten darauf zu achten, dass die Erwähnung der Zugehörigkeit der Verdächtigen oder Täter zu ethnischen, religiösen oder anderen Minderheiten nicht zu einer diskriminierenden Verallgemeinerung individuellen Fehlverhaltens führt. Die Zugehörigkeit soll in der Regel nicht erwähnt werden, es sei denn, es besteht ein begründetes

öffentliches Interesse.“

(Karoline Meta Beisel, SZ 23.3.17)

1510: Frauen müssen selbst über Beruf entscheiden.

Samstag, März 25th, 2017

Die Ehefrau des neuen Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier, Elke Büdenbender, ist Richterin. Während Steinmeiers Amtszeit lässt sie ihr Amt ruhen. Dafür ist sie aus den Reihen von Feministinnen scharf gerügt worden. Das sei ja ein Rückfall in patriarchalische Muster. Dazu schreibt Ulrike Heidenreich in der SZ (25./26.3.17): „Diese Reaktionen sind reflexhaft, holzschnittartig und übergriffig. Eine echte Weiterentwicklung wäre nämlich, wenn jede Frau jedes Lebensmodell wählen kann – ohne sich dafür rechtfertigen zu müssen.“

1509: Merkel kritisiert israelischen Siedlungsbau.

Samstag, März 25th, 2017

Bundeskanzlerin Angela Merkel hält an der Zwei-Staaten-Lösung für den Nahen Osten fest. Sie sagte, der Ausbau der israelischen Siedlungen im Westjordanland führe auf lange Sicht zu einer „Erosion der Zwei-Staaten-Lösung“. Israels Zukunft als jüdischer und demokratischer Staat sei auf diesem Weg nicht zu erhalten. Merkel bat den palästinensischen Präsidenten Mahmut Abbas darum, Israel in internationalen Gremien nicht „einseitig anzuprangern“. Angela Merkel hat die israelisch-deutschen Regierungskonsultationen abgesagt, weil die Knesset gerade ein Gesetz verabschiedet hat, das rückwirkend Siedlungsaußenposten legalisiert. Merkels Verhältnis zu Ministerpräsident Benjamin Netanjahu ist inzwischen stark beschädigt (sat., FAZ 25.3.17).

1508: SPD – für und gegen Maut

Samstag, März 25th, 2017

Der Bundestag hat das überarbeitete Maut-Gesetz beschlossen. 397 Abgeordnete stimmten dafür, 135 dagegen, es gab neun Enthaltungen. Während Linke und Grüne die Vorlage geschlossen ablehnten, verweigerten auch zwölf Abgeordnete der Union und 29 SPD-Parlamentarier die Zustimmung. Während also die SPD im Bundestag zustimmt, wollen die SPD-geführten Bundesländer Nordrhein-Westfalen (dort bald Landtagswahl), Rheinland-Pfalz und Niedersachsen im Bundesrat dagegen stimmen (mas, FAZ 25.3.17). Die SPD ist dafür und dagegen.

1507: Löhne und Renten steigen – Verteilung ungleich

Freitag, März 24th, 2017

Die deutsche Wirtschaft wächst. Die Arbeitslosigkeit ist so niedrig wie lange nicht. 2016 sind bei den Beschäftigten die nominalen Löhne um 2,3 Prozent gestiegen. Zugleich ist bisher die Inflation so gering, dass die Kaufkraft wächst. Und die unterdurchschnittlichen Verdienste holen auf (das Gastgewerbe meldete mit 3,5 Prozent den größten Zuwachs). Der IG Metall-Chef Jörg Hofmann sagt, dass die Beschäftigten einen fairen Anteil am wirtschaftlichen Erfolg bekämen (Catherine Hoffmann, SZ 23.3.17).

20,8 Millionen Rentner bekommen in diesem Jahr deutlich höhere Altersbezüge. In Westdeutschland steigen die Renten um 1,9 Prozent, im Osten um 3,59 Prozent. Allerdings dürfte die Inflationsrate steigen. Im vergangenen Jahr war das Altersgeld im Westen um 4,25 Prozent und im Osten um 5,95 Prozent gestiegen. Im Wesentlichen gute Daten. Und Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) sagt: „Die umlagefinanzierte Rente bleibt die zentrale Säule unseres Alterssicherungssystems – gerade in Zeiten niedriger Zinsen.“ (Thomas Öchsner, SZ 23.3.17)

Wie der Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung zeigt, sieht es bei der Verteilung der Vermögen nicht so gut aus. Die Löhne der unteren 40 Prozent waren im Jahr 2015 real gering niedriger als Mitte der 1990er Jahre. Das schadet uns allen. Die vermögensstärksten zehn Prozent der Haushalte besitzen mehr als 50 Prozent des Nettovermögens, während die untere Hälfte der Haushalte nicht einmal über ein Prozent des Vermögens verfügt. Von Armut sind in erster Linie Kinder betroffen. Das Armutsrisiko ist gewachsen. Davon sprechen wir, wenn Kinder in Haushalten leben, die über weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens verfügen. Diese Schwelle lag 2015 bei 942 Euro oder für Alleinerziehende mit einem dreijährigen Kind bei 1 225 Euro.

Die Wahlbeteiligung der Armen ist weit geringer als die der anderen Bürger. Bei der Mittelschicht sind es insbesondere befristete Arbeitsverträge, welche die Angst vor dem Abstieg mit sich bringen. Der Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung enthält den Hinweis auf eine Befragung von 130 Hoch-Vermögenden. Danach sind Erbschaften und Schenkungen der Hauptgrund für ihren Reichtum (Thomas Öchsner, SZ 24.3.17)