Archive for the ‘Gesellschaft’ Category

1538: Frankophilie

Samstag, April 22nd, 2017

Der Ausgang der französischen Präsidentschaftswahlen (Stichwahl: 7. Mai 2017) bestimmt weithin die Entwicklung Europas (in Form der EU). Bei einem Wahlsieg Marine Le Pens kann die EU sogar an ihr Ende kommen. Das nimmt Jürgen Kaube in der FAZ (22.4.17) zum Anlass, über das deutsche Phänomen der

„Frankophilie“

zu schreiben:

„Ihre Geschichte ist noch ungeschrieben, aber es ist fraglos neben der Geschichte der Aufklärung eine Geschichte der ästhetischen Vermittlung.

‚Leben wie Gott in Frankreich‘

kommt als deutsche Redewendung vermutlich am Ende des achtzehnten Jahrhunderts auf und bezog sich früh auf die dort vermutete Fähigkeit zum Genuss und zu ‚allen möglichen Vergnügungen‘ (Heinrich Heine).

Für die Überlegenheit eines Lebensstils, dem Kunst immer auch nach außen und nicht nur nach innen wirkt, wurde Frankreich hierzulande ein Symbol. Staunte die berühmte Madame de Stael in ihrem Buch ‚Über Deutschland‘ 1814 über deutsche Reflexionstiefe und Seelenbewegtheit –

„Beinahe alle verstehen sich auf Musik.“ -,

so richtete sich die Frankophilie der Deutschen stets aufs

Öffentliche, Visuelle, Greifbare.

Die Gedichte Baudelaires, die Impressionisten, die Romanwelt von Marcel Proust, die Gedanken und Gedichte Paul Valérys, der Surrealismus, der Existentialismus und der Strukturalismus –

in jeder intellektuellen und ästhetischen Begegnung mit Frankreich sahen sich die Sensibilität und das Denken unerhört erweitert. Auf nichts davon und nichts dieser Art wäre man in Deutschland je gekommen, was umso bemerkenswerter ist, als manches davon sich auch Anstößen aus Deutschland verdankt.“

 

1537: Islam: Gegen Integration

Freitag, April 21st, 2017

Der „Tagesschau“-Moderator Constantin Schreiber hat acht Monate in Moscheen in Deutschland recherchiert (Stern 23.3.17; Die Zeit 30.3.17). Einen Islam, der sich für Integration einsetzt, hat er nicht gefunden. Die Website „moscheebesuche.de“ listet Anfang 2017 180 Minarette und 2284 Moscheen in Deutschland auf. Ein offizielles Moscheeverzeichnis gibt es nicht. Häufig waren Moscheen bereits geschlossen, anderswo existierten welche, die nicht registriert waren. Von den Imamen sprach kaum einer deutsch. Ihre Hauptbotschaft: Abgrenzung und Bewahrung der eigenen Identität gegen deutsche Einflüsse. In den Moscheen traf Schreiber viele junge Männer und viele Flüchtlinge. Zur Sprache kam etwa die „Weihnachtsgefahr“!

„Mein Fazit: Konkrete Aufrufe zur Gewalt oder eine Verherrlichung des Dschihad habe ich nicht erlebt. Trotzdem war ich ernüchtert. Ich würde hier gerne ein positives Beispiel anführen, eine Predigt der Weltoffenheit. Das geben meine Recherchen nicht her.“

Da hilft vor allem eins: Imamausbildung auf Deutsch und in Deutschland, keine Zuständigkeit der arabischen Religionsministerien mehr.

 

1536: Brüssel: hart bei Brexit-Verhandlungen

Freitag, April 21st, 2017

Wie aus einem Arbeitspapier hervorgeht, will die EU sechs Wochen vor der britischen Parlamentswahl mit aller Härte in die Brexit-Verhandlungen gehen (SZ 21.4.17).

1. So sollen die Rechte der in Großbritannien lebenden EU-Bürger ohne Einschränkungen gesichert bleiben („lebenslänglich“).

2. Der Europäische Gerichtshof (EuGH) soll vorübergehend weiter für Großbritannien zuständig bleiben. Gesichert werden soll, dass bereits gefällte Urteilssprüche des EuGH nach dem Brexit durchgesetzt werden können.

3. Großbritannien soll die mit dem EU-Austritt verbundenen Kosten in Euro übernehmen.

EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker wird kommenden Mittwoch in London erwartet.

1535: Was ist deutsch?

Donnerstag, April 20th, 2017

Die Frage „Was ist deutsch?“ verschwindet nicht. Sie wird immer wieder neu gestellt. Auch ich habe mich daran schon versucht (W.S.: Deutsche Diskurse. Die politische Kultur von 1945 bis heute in publizistischen Kontroversen. Zweite überarbeitete Auflage. Hamburg 2009, 232 S.). Nun legt der Heidelberger Literaturwissenschaftler Dieter Borchmeyer eine neue Version vor:

Was ist deutsch? Die Suche einer Nation nach sich selbst. Berlin 2017, 1056 S., 39,95 Euro.

Allein der Umfang dieser Arbeit beeindruckt. Und er ist ein Beweis für die Sorgfalt, mit der hier gearbeitet worden ist. Thomas Schmid (Literarische Welt 8.4.17) lobt sie für ihren Gedankenreichtum und ihre Präzision (vgl. Franziska Augstein, SZ 20.2.17).

Es war schon immer unmöglich, das Deutsche territorial zu bestimmen. „Deutsch ist, wer Deutsch spricht.“ Berüchtigt die deutsche Kleinstaaterei. „Zur Nation euch zu bilden, ihr hoffet es, Deutsche, vergebens./Bildet, ihr könnt es, dafür als Menschen euch aus.“ (Goethe/Schiller) Aber wir Deutschen sind nicht zur öffentlichkeitsabgewandten Innerlichkeit verdammt. Dies gilt in Zeiten umfassender Globalisierung um so mehr. Auch das Schwanken zwischen Kleinmut und Großkotzigkeit, zwischen Verzagtheit und Größenwahn, ist uns nicht schicksalhaft aufgegeben.

Borchmeyer widmet sich der deutschen Universität, die einmal der Ort von Selbstbestimmung und Konversation sein sollte, „die eine unvergleichliche Blüte erlebte und die mit der Vertreibung der Juden einen Schlag erhielt, von dem sie sich nie wieder erholte“. Das mit Abstand längste Kapitel des Buchs lautet „Deutschtum und Judentum – eine tragische Illusion?“ „Die Lektüre ist erschütternd. Das Kapitel zeigt, mit welch unendlicher Leidenschaft und Hingabe deutsche Juden bis zum Jahre 1933 bemüht waren, sich nicht nur zu assimilieren, sondern deutscher zu sein als die Deutschen und die deutschen Werte zu verinnerlichen.“

„Das Buch wäre nicht so dick geworden, gäbe es eine Antwort auf die Frage ‚Was ist deutsch?‘. Borchmeyer ist so umsichtig, nur Wege anzudeuten. Die Selbst- und Traditionszerstörung, die sich Deutschland mit dem Holocaust zugefügt hat, erscheint nach der Lektüre dieses Buches, das so viele gute deutsche Wege aufzeigt, die möglich gewesen wären, noch viel rätselhafter als zuvor.“

1534: Der deutsche Handelsüberschuss

Donnerstag, April 20th, 2017

Wenn gesagt wird, Deutschland sei Exportweltmeister, dann ist das meistens positiv gemeint. Verbunden damit ist aber unser Handelsüberschuss von 8,6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Nach Meinung der EU-Kommission gefährdet schon ein Überschuss von 6 Prozent die gesamtwirtschaftliche Stabilität, weil auf der anderen Seite von Überschüssen immer auch Defizite stehen müssen.

Nun hat der französische Präsidentschaftskandidat Emmanuel Macron, der Deutschland in jeder Hinsicht gewogen ist, behauptet, dass unsere wirtschaftliche Stärke in der jetzigen Ausprägung nicht tragbar sei. Es bedürfe eines „Ausgleichs“. Das ist leichter gesagt als getan. Deutschland erwirtschaftet gegenüber Frankreich seit langem Exportüberschüsse. 2016 waren es 35 Milliarden Euro. Deutsche Güter und Dienstleistungen sind im Ausland gefragt. Aber die entscheidende Ursache für unsere Überschüsse liegt woanders.

„Die Deutschen investieren im Verhältnis zu wenig im Inland. Das zeigt im übrigen, dass die Exportüberschüsse auch aus deutscher Sicht nicht nur positiv sind. Die Kritiker Deutschlands auf der anderen Seite tun so, als müsse die Bundesregierung nur ihre Politik ändern und alles würde besser werden. Natürlich ist das nicht der Fall. Da hinter dem Aufbau der Überschüsse kein Masterplan stand, können sie auch nicht nach Plan oder per Dekret abgebaut werden. Vieles läuft bereits in die richtige Richtung: Die Bürger konsumieren mehr, die Löhne steigen tendenziell schneller als die Produktivität; damit werden die Kostenvorteile, die Deutschland vor der Finanzkrise dank einer zurückhaltenden Lohnpolitik errungen hat, langsam wieder abgebaut. …

Es ist fast tragisch. Der Euro sollte einmal Deutschland noch fester einbinden, den Verzicht auf die DM sahen viele als Geschenk und als Zeichen der Treue zum europäischen Projekt. Jetzt zeigt sich, dass kein Land so vom Euro profitiert hat wie Deutschland. Die alte deutsche Frage – Ist die Nation in der Mitte zu mächtig für Europa? – kehrt durch die Hintertür zurück.“ (Nikolaus Piper, SZ 20.4.17)

1533: Feridun Zaimoglu: Gegen doppelte Staatsbürgerschaft

Mittwoch, April 19th, 2017

Das Referendum in der Türkei, unabhängig davon, ob es gefälscht oder rechtmäßig war, fordert uns dazu auf, über die doppelte Staatsbürgerschaft nachzudenken. Denn wie kann ich einerseits die Freiheit in Deutschland genießen und dann in der Türkei für die Todesstrafe stimmen? Der Schriftsteller Feridun Zaimoglu, geb. 1965, schreibt dazu (Die Zeit 6.4.17):

„Ich war fünf Monate alt, als ich nach Deutschland kam. Meine Mutter hat mich in dieses Land getragen. Vor 25 Jahren bin ich dann Deutscher geworden. Damals gab es die doppelte Staatsbürgerschaft noch nicht, also habe ich meinen türkischen Pass abgegeben. Ich wollte das auch. Ich wollte Deutscher werden. Letztendlich lief es auf Pathos heraus, eine milde Form von Pathos: Was ist mein Land? Da musste ich mich entscheiden. Und da kann es keine zwei Antworten geben.

Ich kenne keine guten Argumente für die doppelte Staatsbürgerschaft. Du kannst nicht zwei Herren dienen. Und es geht um Gerechtigkeit. Jemand, der hier geboren ist und hier lebt, hat nicht die Möglichkeit zwei Pässe zu haben. Die Töchter und Söhne von Zugewanderten haben diese Möglichkeit. Und das finde ich ungerecht.

Fast alle türkischen oder kurdischen Verbände oder Vereine in Deutschland sind eigentlich Heimatvertriebenenorganisationen. Sie blicken nur auf die Türkei. Seit 30 Jahren reden wir davon, dass man die orientalische Art überwinden muss: Ehrenmorde, Aggressivität, Nationalstolz. Das alles muss im Mülleimer landen. Ich habe keine Lust auf Blickduelle mit Männern. Ich habe keine Lust auf diese aggressive Scheiße. Es gibt bestimmte Spielregeln der deutschen Gesellschaft, und die stehen fest. Und wer sich als beratungsresistent erweist, etwa im Verhalten gegenüber Frauen, dem wünsche ich gute Heimreise.

Ich verstehe nicht, wie Türken, die in Deutschland geboren und aufgewachsen sind, die Türkei immer noch als ihre Heimat betrachten können. Erdogan hetzt die Leute auf. Er hat das gesellschaftliche Klima in der Türkei vergiftet, und nun vergiftet er das gesellschaftliche Klima in Deutschland. Es ist ein Kulturkampf. Und er macht in der Türkei gemeinsame Sache mit den Neofaschisten. Im Vergleich zu den Grauen Wölfen ist die NPD ja ein Häschenverein.

Man kann als Türke oder Deutschtürke nicht von der Freiheit in Deutschland profitieren und für die Unfreiheit in der Türkei votieren. Wer das tut, ist feige. Und krank. Wenn man Erdogan-Unterstützer fragt, warum sie für die Verfassungsänderung stimmen wollen, kommen gar keine Argumente. Sie hören sich an wie bezahlte Angestellte des türkischen Tourismusministeriums. Sie kennen die Türkei nur aus Urlauben. Und dieses Urlaubsland wird dann idealisiert. Ich würde diese Leute am liebsten packen und durchschütteln. Was ist eigentlich los mit euch? Was stimmt mit euch nicht?“

1532: Eribon beschwört den Geist von `68.

Mittwoch, April 19th, 2017

Didier Eribons Roman „Zurück nach Reims“ habe ich mit großem Gewinn gelesen. Und hier hat sich unter der Nr. 1417 der Intendant der Münchener Kammerspiele, Matthias Lilienthal, persönlich und sehr enthusiastisch dazu geäußert. Nun analysiert Eribon (FAS 16.4.17) die französischen Präsidentschaftswahlen am 23. April (Stichwahl: 7. Mai). Sein Ausgangspunkt dabei ist der Rechtsruck bei den französischen Wahlen der letzten Jahrzehnte. Mitverantwortlich dafür ist für Eribon der Kandidat des bürgerlichen Lagers, Emmanuel Macron. Durch seine „Modernisierung“ würden die Grenzen zwischen „rechts“ und „links“ verwischt, obwohl sich an der antagonistischen Struktur der Gesellschaft nichts geändert habe. „Konsequenz dieser Entwicklung war, dass die Linke ihren traditionellen Referenzrahmen aufgab und den der Rechten übernahm.“

Dagegen beschwört Eribon den Geist von `68. Ob das etwas nützt?

Viele Arbeiter gingen heute nicht mehr wählen. Und von denen, die sich beteiligten, gebe jeder zweite seine Stimme dem „Front Nationale“. Macron wolle das Parlament schwächen und die Verwaltung stärken, damit seine Reformen beschleunigt würden. Er gehe darauf aus, die Errungenschaften aus einhundert Jahren sozialer Kämpfe zu kassieren: das Arbeitsrecht, die Arbeitslosenversicherung etc. Das habe der Soziologe Pierre Bourdieu bereits 1996 vorausgesagt. Insofern seien Macron und Le Pen nur die Pole desselben Systems. „Dynamisch gesehen wählt man also mit Macron schon heute Le Pen.“

Zudem zeigten die in letzter Zeit zunehmenden Umfragewerte des linken Kandidaten Jean-Luc Mélenchon, dass der „linke“ Diskurs sehr wohl auf Resonanz stoße. Der Kandidat dürfe nur nicht nationalistische Affekte („Vaterland“) ins Spiel bringen. Von da sei es nicht mehr weit bis zur Fremdenfeindlichkeit. Vielmehr müsse ein Denken entwickelt werden, das auf gesellschaftlichen Kämpfen aufbaue und den Internationalismus stärke. Auch sei es Unfug, den Erfolg der „Rechtspopulisten“ auf die „Identitätspolitik“ (für Frauen, Schwarze, sexuelle Minderheiten, Migranten und ökologische Fragen) zurückzuführen. So breite sich stetig eine „faschistoide Stimmung“ aus.

Eribons Programm: „Man muss nur an den Mai 1968 in Frankreich zurückdenken: zehn Millionen streikende Arbeiter, eine starke feministische Bewegung, der Kampf der Einwanderer, die Kritik am Justiz- und Gefängnissystem und so weiter. All diese Dinge zusammen sind die Linke.“

Bei aller Sympathie: hier handelt es sich um ein veraltetes Modell, dem gerade die Zuversicht derjenigen fehlt, die sich ihm anschließen sollen. Die Illusionen von 1968 sind zerstoben. Was Frankreich braucht, ist vor allem eine höhere

Produktivität.

Und weiterhin eine

sozialdemokratische Sozialpolitik

der kleinen Schritte, die mehr Gerechtigkeit verspricht als eine schematische Gunstgewährung nach Klassenlage. Und: Macron ist das weit geringere Übel als Le Pen!

1531: Schimpfkanonade (über die Bildungsmisere)

Dienstag, April 18th, 2017

Der Direktor des Max-Planck-Gymnasiums in Göttingen, Dr. Wolfgang Schimpf, befasst sich in der FAZ (6.4.17) mit der gegenwärtigen Bildungsmisere und macht einen Verbesserungsvorschlag, dem wir  zustimmen können. Er möchte nämlich die Begabungsförderung verstärken. Die emanzipatorische Kraft des Gymnasiums und der Berufsausbildung sieht er im Leistungsgedanken. Und er möchte nicht, dass sich, wie in Niedersachsen zu befürchten, die Gymnasien selber abschaffen.

Schimpf knüpft vernünftigerweise an das Erfordernis nach Exzellenz an, von dem heute auch in Schulen und Universitäten unentwegt die Rede ist. Allerdings liefern die Gymnasien nicht mehr wie selbstverständlich die dazu passenden Absolventen, weil die Gymnasien zunehmend und mit Absicht beschädigt werden. Die Übergangsquoten sind auf über 50 Prozent gestiegen, ausgehend von früher zehn Prozent. Grund dafür sind politische Forderungen (OECD et alii). Die sehr guten Abiturnoten sind inflationär gestiegen. An den Universitäten die Durchfallquoten fast verschwunden. Alles mit Hilfe von grundsätzlichen Leistungsabsenkungen. Ein Abitur bedeutet nicht mehr Studierfähigkeit. Etc.

Die Privatisierung des Bildungswesens hält Schimpf sehr zu recht für einen Irrweg. Abgesehen davon, dass sie verfassungsrechtlich äußerst bedenklich ist. Denn die Verfassung verlangt Chancengleichheit und keine „Pressen“ für Reiche. Wie der Göttinger Pädagoge Hermann Giesecke schon vor sehr langer Zeit formulierte, ist Schule nicht die Fortschreibung der kindlichen Individualität, sondern ihr Gegenteil, aber nicht um die Kinder zu unterdrücken, sondern um sie herauszufordern. Das beherzigen heute rot-grüne Landesregierungen nicht mehr.

In Niedersachsen etwa ist die Eignungsaussage der Grundschulen gestrichen worden. Die Eltern sehen ihre Kinder – und manchmal aus den verständlichsten Gründen – in vielen Fällen falsch. Von den Kindern, die auf das Gymnasium streben, kann ein Drittel nach Auskunft der Schulleitungen nicht sicher lesen, schreiben und rechnen. Das Sitzenbleiben soll abgeschafft werden.

Für Gesamtschulen gilt seit zwei Jahren, dass sie Haupt- und Realschulen ersetzen. Sie haben eine Aufnahmequote von 60 Prozent für Schüler mit gymnasialer Eignung, 20 Prozent für Real-, zehn Prozent für Hauptschüler und zehn Prozent für inklusive Beschulung. Ein beträchtlicher Teil der ehemaligen Haupt- und Realschüler wird deshalb abgewiesen und meldet sich an Gymnasien an, die sie nicht abweisen dürfen. „So werden diese unweigerlich zu Gesamtschulen, allerdings ohne deren logistsiche Möglichkeiten etwa bei der sozialpädagogischen Unterstützung.“ Auch die Inklusion hilft bei der schleichenden Demontage. „Zieldifferenziertes Unterrichten“ heißt das Zauberwort. Es beschreibt den pädagogischen Grundsatz aller Gesamtschulen.

„Die Grünen haben aus ihrer gymnasialfeindlichen Einstellung nie einen Hehl gemacht, das ist eine aufrechte, berechenbare Haltung. Die SPD bestreitet bis heute, das Gymnasium abschaffen zu wollen. Die Praxis der von ihr bestimmten Bildungsadministration, aber auch ihre Grundsatzpapiere widersprechen dem freilich vehement.“

„Niedersachsen ist dabei, auf dem Weg zunehmender Leistungsabstinenz voranzuschreiten und das Gymnasium von innen her zu zerstören, das seine emanzipatorische Kraft gerade aus dem Leistungsgedanken gewonnen hat. Nicht Herkunft, sondern Fähigkeiten entschieden über Zukunftschancen – so die revolutionäre Grundidee dieser Schulform. Es wäre also nötig, sich auf den Zentralbegriff jeder erfolgreichen Sozialisation zu besinnen: Eignung. Eine Schule, deren Curriculum von Beginn an wissenschaftspropädeutisch ausgerichtet ist, wird ihre Ziele nur erreichen, wenn sie Zugangsbedingungen definieren und durchsetzen darf. Dabei geht es um Lerntempo, Lesefähigkeit, Sprachkompetenz, Umfang des aktiven Wortschatzes und anderes mehr.“

„Wir sind im Begriff, diese schlichten Einsichten, die überall gelten, wo es auf Leistung ankommt, zu vergessen. Eine Pädagogik aber, die dies ignoriert, wird gerade das ihren Kindern schuldig bleiben, was sie hauptsächlich erreichen müsste: Zukunftsfähigkeit. Exzellenz ist da nur noch Zufall, nicht aber Ergebnis systematischer Förderung von Begabungen. Das wäre eigentlich das Gebot der Stunde.“

Dem habe ich fast nichts hinzuzufügen.

Vielleicht nur dies: von Handwerksmeistern höre ich in Bezug auf ihr Verantwortungsfeld sehr Ähnliches. Und natürlich habe ich aus dem Kreis von Sozialdemokraten, GEW-Mitgliedern und „Pädagogen“ sehr viel Abfälliges und manchmal Hämisches über Wolfgang Schimpfs Analyse gehört. Das ist leicht zu erklären: die Betreffenden wollen nicht das Gleiche wie Schimpf und sind dabei, weiter die Herrschaft des Mittelmaßes zu festigen.

Gute Nacht Bildung und Ausbildung!

1530: Lucas Cranach der Ältere und der Jüngere: die Bildgeber der Reformation

Donnerstag, April 6th, 2017

Martin Luther (1483-1546), der Reformator, war ein Mann des Wortes, gewaltig, derb und direkt. Es gab aber neben der Musik der Reformation (etwa Paul Gerhardt, 1607-1676) noch ihre Bildsprache. Sie wurde hauptsächlich geschaffen von Lucas Cranach dem Älteren (1472-1553) und seinem Sohn, Lucas Cranach dem Jüngeren (1515-1586). Sie waren nicht nur Maler und Grafiker, sondern vor allem Unternehmer. Wie um die Thesen aus Max Webers (1864-1920)

„Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“ (1905)

zu bestätigen.

Der ältere Lucas Cranach war ein wohlhabender Patrizier. Er war nicht nur der Inhaber einer florierenden Malerwerkstatt, sondern auch Inhaber einer Apotheke, eines Weinausschanks und einer

Druckerpresse.

Außerdem Ratsherr und Bürgermeister. Ihm gehörten die prächtigsten Häuser direkt am Marktplatz. Seine Malerwerkstatt, in die sein Sohn früh eintrat, belieferte unzählige Höfe in Europa. Unter dem Markenzeichen einer geflügelten Schlange, die ihm von Friedrich dem Weisen verliehen worden war, der Cranach 1505 zum Hofmaler gemacht hatte. Lucas Cranach der Jüngere war mit 19 Jahren bereits Meister in der Werkstatt. Zwischen 1535 und 1550 arbeiteten beide Cranachs gemeinsam, ab 1550 leitete der Jüngere die Geschäfte.

Mindestens 5000 Bilder schufen Vater und Sohn. Davon sind heute noch 1500 erhalten. Alle fünf bis sechs Tage vollendeten sie ein neues Werk. Gesellen malten aus, was die Meister vorgezeichnet hatten. Für bestimmte Bestseller wie die Porträts des Reformators wurden Schablonen gefertigt. Noch heute streiten die Kunsthistoriker bei manchen Werken, ob sie vom Vater oder vom Sohn stammen. Diese Frage hätte sich den Cranachs nicht gestellt. Sie arbeiteten

gewinnorientiert.

Ihr Hauptmotiv war der Reformator. Als Augustinermönch, mit Doktorhut, mit seiner Frau, Katharina von Bora, als Prediger und schließlich als friedlich Entschlafener im Leichenhemd. Die Cranachs waren Maler, Drucker und Verleger. Der Vater verlegte Luthers Bibelübersetzung. Seine Gebrauchsgrafik prägte einen neuen Stil. Und die Porträts des Jüngeren gaben dem Christentum ein neues Gesicht: lebendiger und plastischer als im maskenhaften gotischen Stil. Luthers Zeitgenossen werden an Jesu Abendmahlstafel platziert. Die neuen Kirchen füllten sich mit neuen Altarbildern. Der prächtige

Flügelaltar der Wittenberger Stadtkirche

ist ein Beispiel des reformatorischen Selbstbewusstseins: hier sitzt die Wittenberger Oberschicht, Luther neben Melanchthon und Bugenhagen. Und der jüngere Cranach ist als bärtiger Mundschenk dabei.

Aus dem Jahr 1545 stammt ein

propagandistisches Doppelbild.

Links predigt Luther von einer schlichten Kanzel herab, über ihm die Taube, also der heilige Geist, die Gläubigen empfangen Oblaten und Wein. Rechts predigt ein fetter Mönch zu den Gläubigen, während ein Dämon ihm von hinten ins Ohr pustet. Daneben steht der prächtig geschmückte Papst vor einem Tisch voller Juwelen und Gold (Fritz Habekus, Die Zeit 23.3.17).

1529: Die USPD hat die Linke gespalten.

Mittwoch, April 5th, 2017

Unter August Bebel (1840-1913) war die SPD stets geschlossen. Am Beginn des Ersten Weltkriegs bildete sie die größte Fraktion im Reichstag, allerdings in der Opposition. Dann wurde der Druck auf die Partei so groß, dass sie am 4. August 1914 für die Kriegskredite stimmte. Eigentlich war die SPD von Anfang an eine Friedenspartei. Durch die Kriegskredite aber wurden die Friedenskräfte wieder geweckt, auch wenn

Hugo Haase,

eine treibende Kraft der Kriegsgegner, die zustimmende Rede im Reichstag halten musste.

Siegfried Jacobsohns „Weltbühne“ schrieb über Hugo Haase: „Ein kleiner, unscheinbarer Mensch. Einer, der, mit gebeugtem Rücken, nach einer harten Jugend und sehr viel Arbeit aussah … Ein kluger Kopf, ein Mann von zwingender Logik und mühselig erarbeitetem großen Wissen. Und ein Mensch, der über alle bitteren Nadelstiche des Lebens ein fühlendes Herz im Leibe behalten hatte. … Sein Radikalismus imponiert.“

1916 hielt Haase eine ganz andere Rede im Reichstag. Er geißelte diejenigen, die „als Ziel des Krieges die Ausdehnung unserer Weltmacht, die Erringung der Weltherrschaft“ anstrebten. „Man sollte annehmen, dass nur komplette Narren oder gewissenlose Verbrecher solche Pläne verfolgen.“ Die Rede endete in Tumulten. SPD-Chef Friedrich Ebert nannte Haase einen „schamlosen Kerl“ und „frechen Halunken“.

Am 6. und 7. August 1917 wurde die Anti-Kriegspartei USPD in Gotha gegründet, der Stadt des großen Parteitags von 1875. Führende Politiker dabei neben Hugo Haase waren Wilhelm Dittmann, Emil Barth und Georg Ledebour. Linke Demokraten und fortschrittliche Sozialpolitiker. Die Gutmenschen von 1917. Am Ende des Jahres hatte die Partei bereits über 100 000 Mitglieder. Während der „Revolution“ Ende 1918 bildet die USPD gemeinsam mit der SPD den „Rat der Volksbeauftragten“. Nur kurz; denn die SPD setzt wegen ihrer Angst vor einem bolschewistischen Umsturz fatalerweise auf das Militär. 1922 war die USPD bereits wieder am Ende. Zerrieben zwischen SPD und KPD, die Ende 1918 gegründet worden war.

Sie stand noch links von der USPD. Auch sie trat entschieden für den Frieden ein und hatte unter Soldaten und Matrosen (u.a. in Kiel) sehr viele Anhänger. Die Linke war endgültig gespalten und konnte, unvorbereitet, wie sie war, der militärischen Repression der Reichswehr nicht standhalten. Die „Revolution“ wurde niedergeschlagen.

Eine Scheinrechtfertigung für ihre Haltung entnahm die SPD der baldigen Wandlung der KPD zu einer stalinistischen Kaderpartei nach dem Tode Lenins 1924. Die KPD-Führung um Ruth Fischer wurde entmachtet. Die Gruppe um Ernst Thälmann (1944 im KZ Buchenwald durch Genickschuss ermordet) übernahm das Ruder. Sie proklamierte Ende der zwanziger Jahre die gänzlich falsche These vom „Sozialfaschismus“, wonach die Sozialdemokraten und nicht die Nazis die Hauptgegner der Kommunisten waren. Der Marxismus-Leninismus der KPD und ihrer Schwesterparteien (unter Führung der KPdSU) hat bis 1990 den „real existierenden Sozialismus“ diskreditiert (Joachim Käppner, SZ 1./2.4.17).