Archive for the ‘Gesellschaft’ Category

1549: Cohn-Bendit über Macron

Freitag, April 28th, 2017

Der deutsch-französische Grünen-Politiker Daniel Cohn-Bendit, 72, ist ein erfahrener und kundiger europäischer Politiker. Ich wünsche mir, dass er noch stärker gehört wird. Andreas Fanizadeh hat ihn für die „taz“ (25.4.17) interviewt:

taz: Auch Linksintellektuelle wie Didier Eribon sagen, sie würden lieber nicht wählen, als Macron ihre Stimme zu geben.

Cohn-Bendit: In Frankreich kursiert eine Neuauflage der

These vom Sozialfaschismus

aus den 30er Jahren: Der Liberalismus sei der Steigbügelhalter des Kapitalismus und des Faschismus. Das war 1930 unsinnig und ist es heute. Intellektueller Hochmut macht manchmal blind. Wir hören hier nicht Eribons „Rückkehr nach Reims“, sondern eine Rückkehr ins Berlin der 1930er Jahre.

Mich entsetzt, wie Linke, die ich gut kenne, leichtfertig Macron denunzieren.

Als Banker, als Büttel des Finanzkapitals, oft mit einem gewissen Unterton, Macron hat schließlich drei Jahre bei der Rothschild-Bank gearbeitet. Was hat denn Jean-Luc Mélenchon getan? Er hat sein ganzes Leben in den Parteistrukturen der Sozialistischen Partei überlebt. Fast dreißig Jahre lang war er im französischen Senat, einer der unwichtigsten parlamentarischen Institutionen, aber sehr gut bezahlt. Acht Jahre lang genoss er die Tantiemen eines Europa-Abgeordneten, obwohl ihn Europa nicht interessiert und er sich so gut wie nie an Ausschuss- oder Gruppenarbeit beteiligt hat.

taz: Nach Umfragen sehen über drei Viertel der Franzosen ihr Land in der Krise. Woher rührt das? Sehen Sie reale Gründe?

Cohn-Bendit: Klar, die hohe Arbeitslosigkeit, sie liegt bei etwa 10 Prozent. Das Ausbildungssystem funktioniert schlecht. Es ist nicht auf der Höhe der Zeit. Es gibt auch kein duales System wie in Deutschland. Frankreich ist auch eine Stimmungsgeschichte. Viele haben Angst vor der Zukunft. Macron versucht, eine positive Perspektive zu öffnen. Le Pen argumentiert mit Ängsten. Das ist nun auch eine Abstimmung über Offenheit und Regression, Solidarität oder Ausgrenzung. Ja, Macron ist liberal in seinen Vorstellungen, aber auch sozialdemokratisch, wenn es um den Schutz der Schwächsten geht.

1548: Rangliste der Pressefreiheit

Mittwoch, April 26th, 2017

Im vergangenen Jahr hat sich die Lage für Journalisten und Massenmedien weltweit verschlechtert. Das geht aus der Rangliste für Pressefreiheit 2017 hervor, welche die Organisation „Reporter ohne Grenzen“ (ROG) veröffentlicht hat. Der ROG-Vorstandssprecher Michael Rediske (früher „taz“) sagte: „Besonders erschreckend, dass auch Demokratien immer stärker unabhängige Medien und Journalisten einschränken, statt die Pressefreiheit als Grundwert hochzuhalten.“

So habe in den USA (Rang 43) die Verfolgung von Investigativjournalisten und Whistleblowern zugenommen. In Polen (Rang 54) habe die nationalkonservative Regierung das öffentliche Fernsehen unter ihre Kontrolle gebracht. Die Türkei ist in den vergangenen zwölf Jahren von Platz 57 auf Platz 155 von 180 gefallen (die UNO hat 195 Mitglieder). Auf dem letzten Platz landet Nordkorea. An der Spitze wurde Finnland von Norwegen (NATO-Mitglied) abgelöst (SZ 26.4.17).

1547: Gäb lehnt Täve Schur ab.

Mittwoch, April 26th, 2017

Der Aufsichtsrats-Ehrenvorsitzende der Deutschen Sporthilfe, Hans-Wilhelm Gäb, 81, ein ehemaliger Weltklasse-Tischtennisspieler, spricht sich gegen die Aufnahme des DDR-Radsportidols Gustav-Adolf „Täve“ Schur in die Hall of Fame des deutschen Sports aus. „Kein Mensch käme auf die Idee, einen im Sport erfolgreichen Nazi, wenn er auch heute noch die Untaten des Regimes verherrlichte, in die Hall of Fame aufzunehmen. Warum dann Schur, der mit 86 Jahren immer noch als Propagandist einer Diktatur auftritt, die erwiesenermaßen tausende Menschenleben auf dem Gewissen hat?“ Er stellt sich damit gegen die Nominierung Schurs durch den Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) sowie gegen die Tolerierung des Vorschlags durch die Deutsche Sporthilfe (SZ 26.4.17).

1546: Türkei verbietet Kundgebung zum 1. Mai.

Dienstag, April 25th, 2017

Die Türkei verbietet wieder Kundgebungen zum 1. Mai auf dem Taksim. In der Regel werden seit den regierungskritischen Gezi-Protesten im Früsommer 2013 auch oppositinelle Demonstrationen auf dem Platz nicht zugelassen. Im vergangenen Jahr kam es dort zu Ausschreitungen, als regierungskritische Organisationen und Gewerkschaften trotz Verbots versucht hatten, auf den Platz vorzudringen.

Präsident Erdogan reist Mitte Mai auf Einladung Präsident Trumps in die USA. Es geht um Themen wie Syrien, Irak und die potenzielle Ausweisung des Predigers Fethulla Gülen aus den USA. Die türkische Regierung wirft ihm vor, Drahtzieher des gescheiterten Militärputschs im Juli 2017 zu sein (SZ 25.4.17).

1545: Russland verbietet die „Zeugen Jehovas“.

Dienstag, April 25th, 2017

Das Oberste Gericht Russlands hat die „Zeugen Jehovas“ verboten. Es folgt damit einem Antrag des russischen Justizministeriums, die Gemeinschaft als „extremistische Organisation“ einzustufen. Die Zentrale der Gemeinschaft und ihre 395 örtlichen Organisationen werden geschlossen, ihr Eigentum fällt an den russischen Staat. Nach eigenen Angaben haben die „Zeugen Jehovas“ etwa 175 000 Mitglieder. Denjenigen, welche die Aktivität der Organisation weiterführen wollen, droht eine Verurteilung wegen Zugehörigkeit zu einer verbotenen religiösen Gemeinschaft, was mit bis zu sechs Jahren Haft bestraft werden kann.

Russland geht einen weiteren Schritt zu einer weltanschaulichen Diktatur (FAZ 22.4.17).

1544: Je größer das Auto, desto höher das gesellschaftliche Ansehen

Dienstag, April 25th, 2017

Wir kommen uns manchmal ziemlich vernünftig (rational) vor. Mit der Energiewende, gesunder Ernährung und Fahrradfahren, etc. Aber das ist nur die dünne und leicht zerreißbare Oberfläche. Viel wichtiger und entscheidender sind

unsere Gefühle.

Das können wir erkennen an der großen Zunahme beim Kauf von „Sport Utility Vehicles“ (SUVs). Manche sehen aus, wie zur Büffeljagd geeignet. Aber sie sind in der Regel nicht einmal geländetauglich, sondern „nur“ 20 cm höhergelegt. Sie vermitteln (vor allen Dingen bei Alten) das Gefühl, sicher und behütet zu fahren. Der Psychologe Rüdiger Hossiep (Die Zeit 12.4.17) führt einschlägige Experimente an, um zu zeigen, dass ein großer PKW immer noch ein höheres gesellschaftliches Ansehen mit sich bringt. Lächerlich.

Viele Autos werden auf „latente Aggressivität“ getrimmt. Besonders in Japan mit seiner sehr alten Bevölkerung. Insofern dienen PKWs wohl zur „Selbstkompensation“. Ich kenne in Göttingen viele kluge Leute. Die meisten davon auch ökologisch sehr problembewusst. Vor ihrer Tür (oder in der Garage) aber steht ein großer Spritfresser für’s Renommee. Insofern leben wir zwar im 21. Jahrhundert, unsere Seelen aber sind im Zeitalter des Bärentötens hängen geblieben.

1543: Autokraten fürchten Wissenschaft.

Montag, April 24th, 2017

Autokraten fürchten und bekämpfen die Wissenschaft (und den Journalismus), wo sie es können. Beispiele sind:

Recep Tayip Erdogan (Türkei),

Wladimir Putin (Russland),

Victor Orban (Ungarn),

Jaroslaw Kaczynski (Polen),

Marine Le Pen (Frankreich),

Donald Trump (USA).

Warum wohl?

Im Fall der USA trifft es uns besonders hart, weil die USA (im Westen) bisher dafür standen, dass sie unabhängige und freie Wissenschaft förderten und ausländische Wissenschaftler anzogen. Das behindert Donald Trump. Kommt er damit durch?

1542: Bildung (im älteren Sinne)

Montag, April 24th, 2017

Bildung ist eine windige Sache. Insbesondere für diejenigen, die sich ihrer Bildung nicht sicher sind. Das überlegt auch Thomas Steinfeld (SZ 22./23.4.17). Er kommt zu einem feinen Schluss:

„Wenn Bildung (in einem älteren Sinn) glückt, ist sie nicht einmal demokratisch. Denn gelingen kann sie nur im einzelnen Menschen, indem dieser einen kulturellen Gegenstand gedanklich ergreift und zu seiner Sache macht – um seinetwillen und aus keinem anderen Grund.“

1540: Die deutschen Exportschlager 2016

Samstag, April 22nd, 2017

Die Angaben sind gefasst in Milliarden Euro (FAZ 22.4.17):

Kraftwagen und Kraftwagenteile    228

Maschinen                                      170

Chemische Erzeugnisse                   107

Datenverarbeitungsgeräte               100

Elektrische Ausrüstungen                  76

Pharmazeutische Erzeugnisse           71

Sonstige Fahrzeuge                         60

Nahrungsmittel und Futtermittel      51

Metalle                                            48

Gummi- und Kunststoffwaren            43

Metallerzeugnisse                               41

1539: Frankreich ist Gastland auf der Frankfurter Buchmesse.

Samstag, April 22nd, 2017

In diesem Jahr ist Frankreich Gastland auf der Frankfurter Buchmesse. Der Ehrengast reist mit einer großen Zahl von sehr wichtigen Autoren an. U.a. sind das

der Schriftsteller-Star Michel Houellebecq,

die Dramatikerin Yasmina Reza,

der Literatur-Nobelpreisträger Jean-Marie Le Clézio,

die Literaturtheoretikerin Julia Kristeva,

der Soziologe Didier Eribon,

die Historikerin Hélène Carrère d’Encausse,

die in Berlin lebende Marie NDiaye,

der algerische Autor Kamel Daoud.

Mit den französichsprachtigen Autoren ist tatsächlich die ganze Welt in Frankfurt zu Gast. Denn die französischen Stimmen stammen nicht unbedingt aus Paris, sondern aus Nordafrika, Kanada oder dem Nahen Osten (FAZ 22.4.17).