Archive for the ‘Gesellschaft’ Category

1589: Antisemitismus in Deutschland und Europa

Samstag, Juni 10th, 2017

Der Antisemitismus ist der fürchterlichste Rassismus, den wir kennen. Weil er im Holocaust (mit ca. 6 Millionen Ermordeten) gezeigt hat, wie mörderisch er ist. Heute tritt er in so vielen verschiedenen Formen und Erscheinungen auf, dass es manchmal schwerfällt, ihn rechtzeitig zu identifizieren. Am schlimmsten ist er dann, wenn er verdeckt agiert, wenn es den Antisemiten in vielen Fällen unbewusst ist, dass sie Antisemiten sind. Die Umfrageergebnisse, die wir kennen, verharmlosen das Phänomen Antisemitismus eher als dass sie es aufzudecken.

Ein kurzer Blick auf die Berichterstattung der letzten Zeit lässt einiges erkennen. So das Mobbing jüdischer Kinder in Berlin-Friedenau (Sergey Lagodinsky, taz 12.5.17); die jüdische Kommissarin im „Tatort“ (Lea Wohl von Haselberg, taz 3./4.5.6.17); das „Cafè Zelig“ in München (Alex Rühle, SZ 3./4./5.6.17); wie ein großer Teil der politischen Linken heute vom Antisemitismus verhunzt wird (Stefan Reinecke, taz 6.6.17); die Einbeziehung des Sechstagekriegs von 1967 in das antisemitische Narrativ der Gegenwart (Peter Münch, SZ 6.6.17); die Gefährdung der deutsch-israelischen Beziehungen durch den Antisemitismus (Interview von Joachim Käppner und Ronen Steinke mit dem israelischen Historiker Tom Segev, SZ 8.6.17); die These, dass der Sechstagekrieg (1967) die Ursache für den Aufstieg des Islamismus sei (Interview von Sonja Zekri mit dem ägyptischen Historiker Khaled Fahmy, SZ 9.6.17).

Nun gibt es Streit um den von WDR und ARTE bei den Münchener Dokumentarfilmern Sophie Hafner und Joachim Schröder in Auftrag gegebenen Film „Antisemitismus in Europa“ (Jan Grosscarth, FAZ 3.6.17; Claudia Tieschky, SZ 9.6.17; Richard Herzinger, Die Welt 10.6.17). Dem Programmdirektor von ARTE ist der Film nicht „ausgewogen“ genug. Deswegen hat ihn noch keiner gesehen. Er sollte demnächst ausgestrahlt werden. Der WDR-Intendant Tom Buhrow leitete die Protestbriefe Schröders an seinen Programmdirektor Jörg Schönenborn weiter, der seinem Kollegen bei ARTE nicht widersprechen wollte.

Was die Angelegenheit so unverständlich macht, ist die Tatsache, dass so ausgewiesene Experten wie

Michael Wolffsohn und Götz Aly

den Film ausdrücklich gelobt haben, nachdem sie von den Filmemachern um eine Stellungnahme gebeten worden waren. Wolffsohn: „Das ist die mit Abstand beste und klügste und historisch tiefste, zugleich hochaktuelle und wahre Doku zu diesem Thema.“ Aly nennt den Film eine „beachtliche und außerordentlich facettenreiche journalistische Leistung“. „Die Intensität der Recherche verleiht dem Film eine ungewöhnliche Kraft.“ „Eine besondere Leistung des vorliegenden Dokumentarfilms sehe ich darin, dass sowohl die harten als auch die weichen Formen des Antizionismus/Antisemitismus thematisiert werden.“ Angesichts der Ablehnung des Films bei ARTE wurde gemunkelt, dass der Antisemitismus in Frankreich wohl noch stärker sei als in Deutschland.?

Inzwischen hat sich der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, bei ARTE nach dem Verbot des Films erkundigt. Mittlerweile verlangt der Zentralrat, dass der Film gezeigt wird.

Die zuständige WDR-Redakteurin  Sabine Rollberg, eine sehr erfahrene Journalistin, hatte den Film Ende 2016 zunächst abgenommen. Inzwischen erklärt der WDR: „Wir bedauern, dass die redaktionelle Abnahme im WDR offenbar nicht den üblichen in unserem Hause geltenden Standards genügte.“ Der Film sei mittlerweile nochmals begutachtet worden. Es bestünden nun „handwerkliche Bedenken“. Es gehe insbesondere um „Ungenauigkeiten und Tatsachenbehauptungen, bei denen wir Belege zunächst nachvollziehen müssen“.

Richard Herzinger vermutet, dass der Film manchen Begutachtern wohl zu „proisraelisch“ erscheine. So würden im Film manche Legenden über die Vertreibung der palästinenschen Bevölkerung und den Gaza-Krieg 2014 richtiggestellt. Der Film decke auf, dass der gegenwärtige Antisemitismus sich in erster Linie aus Gerüchten über den Staat Israel nähre, in die uralte judenhasserische Stereotype eingespeist würden. So habe der palästinensische Präsident

Mahmud Abbas

im EU-Parlament gesagt, ein israelischer Rabbi habe zur Vergiftung des Wassers der Palästinenser aufgerufen. Herzinger erlaubt sich die Behauptung, dass die Nahost-Berichterstattung der deutschen öffentlich-rechtlichen Medien „von unrichtigen und verzerrenden Schuldzuweisungen an Israel zuweilen wimmelt“.

Brunnenvergiftung überall?

Es ist doch wohl das Beste, dass der Film gezeigt wird, damit wir uns ein eigenes Urteil bilden können.

1588: Die Lösung des Nahost-Konflikts

Freitag, Juni 9th, 2017

Bei seiner Betrachtung des Sechstagekrieges von 1967 (SZ 6.6.17) spricht Peter Münch aus, worin er die Lösung des Nahost-Konflikts erkennen kann:

„Dabei weiß jeder seit Langem schon, wie die Lösung aussehen könnte. Denn in diesem gut eingefahrenen Konflikt ist alles schon bedacht, vorgezeichnet und verhandelt worden: Im Kern geht es um zwei Staaten für zwei Völker, mit Jerusalem als beider Hauptstadt und mit den Grenzen aus der Zeit vor dem Sechstagekrieg, Landtausch inklusive. Bei Umfragen findet sich grundsätzlich auf beiden Seiten eine Mehrheit für eine solche Friedenslösung. Die Menschen sind des Konflikts müde, und die Vorteile sind immens: Die Palästinenser gewönnen das Recht auf Selbstbestimmung; Israel könnte sich vom Mühlstein der Besatzung befreien und gewinnbringend auf sich selbst konzentrieren.“

1587: Claus Peymann 80

Mittwoch, Juni 7th, 2017

Der Intendant des „Berliner Ensembles“ (BE), Claus Peymann, wird heute 80 Jahre alt. Christine Dössel schreibt über ihn:

„Er ist das Großmaul des deutschsprachigen Theaters, sturköpfiger Grantler und Grandseigneur, der Intendanten-Patriarch par excellence: Claus Peymann, Altmeister der Regie und lebende Theaterlegende, als solche noch bis zum 2. Juli Chef des Berliner Enesmbles (BE), danach Rentner im Unruhestand.“

Die Intendanten-Stationen des geborenen Bremers Peymann waren Stuttgart (1974-1979), Bochum (1979-1986), Burgtheater (1986-1999), Berliner Ensemble (seit 1999). Seine Mitarbeiter haben eine 536 Seiten umfassende Werkbiografie („Mord und Totschlag“) herausgebracht. Mit Interviews, Reden, Polemiken, Artikeln, Briefwechseln. Leider habe ich sie noch nicht gelesen. Legendär sind einige Inszenierungen Peymanns. U.a. Kleists „Hermannschlacht“ in Bochum und Bernhards „Heldenplatz“ in Wien. Dort habe ich eine Aufführung 1988 miterlebt. Peymanns bevorzugte Autoren waren Peter Handke und Thomas Bernhard, die er vielfach uraufgeführt hat. In diesem Frühjahr las Peymann im BE aus Thomas Bernhards „Holzfällen“, ich habe zugehört.

„Überhaupt pflastern Skandale – echte wie aufgeblasene – Peymanns Weg. In seiner Stuttgarter Zeit wurde er 1977 wegen der ‚Zahnspenden-Affäre‘ als RAF-Sympathsisant beschimpft, als Piefke-Burgtheaterdirektor in Wien angefeindet und bespuckt, und in Berlin legte er sich mit dem Ex-Kultursenator Tim Renner an. Wo Claus Peymann Intendant war, war das Theater stets im Gespräch. Für viele Zeitgenossen ist er eine Plage, für das Theater ist er ein Geschenk.“

Ein echter 68er!

1586: Russland bekämpft erneuerbare Energie.

Mittwoch, Juni 7th, 2017

1. Russlands anfällige Wirtschaft ist in hohem Maße abhängig vom Verkauf von Öl und Gas.

2. Der Rückgang des Ölpreises brachte Russland 2014 an den Rand einer Finanzkrise.

3. Das Ende des fossilen Zeitalters, für die ganze Welt ein Segen, wäre für Russland eine Katastrophe.

4. In den USA sank der Kohleverbrauch zwischen 2010 und 2016 um 40 Prozent auf Grund des Anwachsens erneuerbarer Energien.

5. Russland hat Trump unterstützt, weil Clinton die Energiepolitik Obamas fortgesetzt hätte.

6. Mit der Präsidentschaft Trumps erreichte der fossile Rollback seinen ersten Höhepunkt.

7. Wegen der Annektion der Krim durch Russland musste Exxon (Vorstandschef: Rex Tillerson) seine russischen Joint Ventures einstellen.

8. Putin unterstützt die Rechtsnationalisten, weil sie den Klimawandel leugnen.

9. Der russische militärisch-industrielle Staatskomplex benötigt politische Destabilisierung in Krisenregionen wie Syrien.

10. Die EU kann sich von der fossilen Energie lösen. Den industriell schwachen, aber sonnenverwöhnten südeuropäischen Länder bietet sich eine Jahrhundertchance (Daniel Pelletier/Maximilian Probst, SZ 6.6.17)

 

1585: Was wollen die NSU-Opfer ?

Montag, Juni 5th, 2017

Weder im Prozess gegen Beate Tschäpe in München, in dem es um ihre Beteiligung an den 10 NSU-Morden geht, noch in den einschlägigen Landtags-Untersuchungsausschüssen ist das Leid der Hinterbliebenen der NSU-Opfer in den Blick genommen worden. Unbeantwortet ist immer noch die Frage,

ob deutsche Behörden (etwa Landesverfassungsschutzämter) mit den Mördern Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos sympathisiert und sie unterstützt haben.

Dieser „Kristallisationspunkt strukturellen Rassismus“ ist noch unaufgeklärt. Jetzt hat im Schauspiel in Köln ein fünftägiges Tribunal für die Opferangehörigen und ihre Forderungen stattgefunden.

Konrad Litschko (taz 17.5.17) hat dazu Ibrahim Arslan, 32, befragt. Als Siebenjähriger war er 1992 Zeuge, wie ein Anschlag auf das Haus seiner Familie verübt wurde. Dabei kamen seine Oma, seine Schwester und eine Cousine ums Leben. Arslan sagt zu den Wünschen der Hinterbliebenen:

„Sie wollen eine lückenlose Aufklärung der Morde. Sie wollen, dass die Hintermänner des NSU bekannt werden, die Nazis, die dem Trio das Geld und die Waffen besorgt haben. Sie wollen, dass die Polizisten zur Verantwortung gezogen werden, die die Ermittlungen in die falsche Richtung gelenkt haben. Und es gibt noch eine zweite Tat: Wie diese Gesellschaft mit den Morden umgeht. Wie sie die Betroffenen behandelt, wie die Polizei sie befragt. Dass hier einiges schief lief, darüber reden wir auch nicht. Dabei ist das für mich die schlimmere Tat. Den Mord, den kannst du nicht ungeschehen machen. Aber wenn du die Opfer danach auch noch schlecht behandelst, macht das die Menschen endgültig kaputt.“

 

1584: Die Lutherbibel – das Buch der deutschen Nation

Sonntag, Juni 4th, 2017

Es versteht sich nahezu von selbst, dass 2017, dem Jahr des Reformationsjubiläums, viele Versuche unternommen werden, Martin Luther (1483-1546) zu dekonstruieren. Das ist in der Wissenschaft so üblich. Ebenso im Journalismus, der auf diese Weise Spannung erzeugt. Und war Luther nicht de facto ein dicker, antisemitischer Grobian und Propagandist? Da ist was Wahres dran.

Was Luther aber auch war, und dies ist schwer zu leugnen: Er war ein mächtiger und genialer Sprachschöpfer, dem es mit der Bibelübersetzung letztlich gelang, eine in ganz Deutschland verbindliche und verständliche Sprache zu schaffen.

Viele Wörter und Redewendungen gehen direkt auf ihn zurück, wie Christian Feldmann in einem sehr überzeugenden Aufsatz in der FAS (4.6.17) darlegt: Luther liebte u.a Alliterationen wie Schmach und Schande, Leib und Leben, fressendes Feuer.

Auf ihn gehen zurück: Nächstenliebe, Herzenslust, Ebenbild, Morgenland, Feuertaufe, Judaslohn, Bluthund, Machtwort, Schandfleck, Lückenbüßer, Lockvogel, Lästermaul, Gewissensbisse, wetterwendisch, kleingläubig, friedfertig, lichterloh, auf eigene Faust, für immer und ewig, sein Licht nicht unter den Scheffel stellen.

Er verwandte Metaphern wie ein Herz und eine Seele, der große Unbekannte, ein Buch mit sieben Siegeln, die Zähne zusammenbeißen, im Dunkeln tappen, auf Sand bauen. Von Luther stammen: Wer andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein, Hochmut kommt vor dem Fall, Recht muss Recht bleiben, Den Seinen gibt’s der Herr im Schlaf.

Luther fing nicht bei Null an und war nicht der erste auf seinem Feld, aber der wirkungsvollste, einflussreichste, talentierteste und originellste. Und er konnte seine Fähigkeit am wichtigsten Buch der Zeit zeigen, der Bibel. So schuf er eine überregionale, allgemein verständliche Sprache. Früher hatte man sich mit Latein beholfen. Aber das sprach nur eine dünne hochgebildete Schicht. Bei der Verbreitung von Luthers Arbeit kamen ihm

der Buchdruck

und

die Ausweitung der Warenproduktion und des Handels

zur Hilfe. Was würde heute wohl Donald Trump dazu sagen?

Luther stützte sich auf die sächsische Kanzleisprache. Am ehesten beförderten die Siedlungsbewegungen im Raum um Erfurt, Meißen und Leipzig die Entwicklung einer gemeinsamen Sprache. Die sprachgeografische Mittellage kam Luther zur Hilfe. Das mittlere Deutschland hatte eine Brückenfunktion, von Kiel oder Konstanz aus hätte sich der Reformator eher schwergetan.

Martin Luther schaute dem Volk auf’s Maul: „Man muss nicht die Buchstaben in der lateinischen Sprache fragen, wie man soll Deutsch reden, wie diese Esel tun, sondern man muss die Mutter im Hause, die Kinder auf den Gassen, den gemeinen Mann auf dem Markt darum fragen und denselbigen auf das Maul sehen, wie sie reden, und darnach dolmetschen; da verstehen sie es denn und merken, dass man deutsch mit ihnen redet.“

Luther hat treffsichere und klangschöne Dialektausdrücke literaturfähig gemacht, Wörter wie Lippe, Blüte, Pforte, Strom, klug und bunt. Der Begriff Arbeit bekam bei ihm eine ganz neue Bedeutung. Zu schweigen von Gerechtigkeit, Sünde und Buße. Fortan konnte jeder Laie, der des Lesens mächtig war, alleine Gottes Wort interpretieren. Luther hat das Deutungsmonopol des Klerus gebrochen.

Der 23. Psalm beginnt so: „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf einer grünen Aue. Und führet mich zum frischen Wasser.“

Die Lutherbibel ist das Buch der deutschen Nation geworden und geblieben. Was für ein großes Glück!

1583: Das Kreuz auf (mit) dem Berliner Stadtschloss

Sonntag, Juni 4th, 2017

Meinetwegen hätte es den Neubau des Berliner Stadtschlosses wirklich nicht zu geben brauchen. Es erinnert doch sehr an die

Hohenzollern,

die vielfach Dreck am Stecken haben, mit dem wir heute nichts mehr zu tun haben wollen.

Der Architekt der Berliner Stadtschlossrekonstruktion, Franco Stella, schreibt: „Es gehört zur Philosophie dieses Gebäudes, dass die äußere Form seiner rekonstruierten Bauteile möglichst originaltreu ist, die Form der Innenräume jedoch fast komplett erneuert wird, um den gestalterischen und technischen Anforderungen der neuen Nutzung als

Humboldt Forum

gerecht zu werden.“ (Die Welt 3.6.17)

Probleme macht das in Stellas Entwurf vorgesehene Kreuz auf dem Schloss. Zwar sagt für den Zentralrat der Muslime

Ayman Mazyek,

das Kreuz gehöre zur Geschichte des Bauwerks und das solle man nicht verschleiern.

Der in der DDR (1974) geborene und sozialisierte Kultursenator im rot-rot-grünen Senat, Klaus Lederer (Die Linke), ein Jurist, sieht im Kreuz ein „falsches Signal“ (FAS 4.6.17). Das kommt dabei heraus, wenn solche atheistischen Banausen in rot-rot-grünen Regierungen Macht ausüben. Hier atmet der

Geist der DDR

noch einmal ganz tief durch. Das dürfen wir nicht durchgehen lassen.

1582: Oskar Maria Graf (1894-1967)

Sonntag, Juni 4th, 2017

Er war der Mann mit der Lederhose, der nach 20 Jahren in den USA so gut wie kein Englisch sprach, bayerisches Urgestein. Der am Starnberger See geborene Graf, der nach dem Tod seines Vaters Bäcker lernte, hatte keine idyllische Jugend. Sein ältester Bruder Max, der die Bäckerei geerbt hatte, misshandelte ihn körperlich. Als meine Frau und ich in den Siebzigern des vergangenen Jahrhunderts mehrmals Urlaub am Starnberger See machten, gab es in Ammerland die Bäckerei Graf noch. Graf riss nach München aus, gehörte zur Bohème und zur Arbeiterbewegung. Er war an den „revolutionären“ Umtrieben um Kurt Eisner beteiligt.

Kennengelernt habe ich Graf zuerst in den beiden wunderbaren Büchern von

Ludwig Marcuse

„Mein zwanzigstes Jahrhundert“. Frankfurt am Main und Hamburg 1968

und

„Nachruf auf Ludwig Marcuse“. München 1969.

Seinerzeit standen in Göttingen eher marxistische Exerzitien auf dem Programm, die ich mit links auch absolvierte. Graf und Marcuse hatten sich im Münchener Fasching kennen- und schätzengelernt. Beide wichen von den Gruppenstandards deutscher Schriftsteller und Journalisten weit ab. Graf etwa, dessen Bücher im Mai 1933 zunächst nicht verbrannt worden waren, schrieb den Nazis aus dem Ausland: „Verbrennt mich!“ „Diese Unehre habe ich nicht verdient.“ Ein Jahr später wurden speziell seine Bücher verbrannt. 1934 wurde Graf ausgebürgert. Er lebte zunächst in der Tschechoslowakei. Auf einer Reise deutscher Schriftsteller in die Sowjetunion 1934 zum Ersten Allunionskongress der Sowjetschriftsteller war sein Verhalten ausgesprochen unbotmäßig.

1927 war sein erster Erfolgsroman

„Wir sind Gefangene“

erschienen. Graf war mit Mirjam Sachs verheiratet, einer Cousine von Nelly Sachs. Aus erster Ehe hatte er die Tochter Annemarie. 1938 flüchteten Oskar Maria Graf und Mirjam Sachs nach New York. Erst 1957 hat der Kommunist die US-amerikanische Staatsbürgerschaft erhalten. Auch in New York blieb Graf allein aus Werbegründen bei seiner Lederhose. Er ist mehrfach mit dem leicht verklemmt lachenden Bertolt Brecht beim bayerischen Bier fotografiert worden. Nach dem Tod von Sachs heiratete Graf 1962 Gisela Blauner. 1960 hatte er die Ehrendoktorwürde von der Wayne State University in Detroit erhalten „in Anerkennung seiner kompromisslosen geistigen Haltung“.

Graf kannte sowohl die Arbeiterklasse und die „kleinen Leute“ aus eigener Anschauung als auch Intellektuelle und Wissenschaftler. Blasse Theoretiker verhohnepiepelte er gekonnt. 1931 war sein Roman „Bolwieser“ erschienen, den 1976 Rainer Werner Fassbinder verfilmte. 1932 „Notizbuch des Provinzschriftstellers Oskar Maria Graf“. Sein Roman „Anton Sittinger“ wurde 1937 publiziert (verfilmt 1978). Auf deutsch erschien sein wichtigstes Buch

1946: „Das Leben meiner Mutter“ (englisch 1940).

Viermal ist Graf aus seinem New Yorker Exil nach Deutschland zurückgekehrt. Auch um Verlagsangelegenheiten zu regeln. Seine dritte Europareise 1964 führte ihn nach West- und Ostberlin. Er wurde Mitglied der Akademie der Künste der DDR. Die Stadt München verlieh ihm in „Würdigung seines literarischen Werks“ ihre Goldmedaille. Ein Jahr nach seinem Tod wurde Grafs Urne nach München überführt und auf dem Alten Bogenhausener Friedhof beigesetzt.

Aus Anlass seines 50. Todestages sind mehrere neue Bücher über Graf erschienen. Das Münchener Literaturhaus zeigt die Ausstellung

„Rebell, Weltbürger, Erzähler“

aus Material des Grafschen Nachlasses in der Bayerischen Staatsbibliothek und in der Monacensia. Darin wird der Exilant Oskar Maria Graf in den Blick genommen (Rudolf Neumaier, SZ 3./4./5.617). Wir sollten Oskar Maria Graf nicht vergessen.

 

 

1581: Lieber die Erde bewohnbar machen als ins All fliegen.

Samstag, Juni 3rd, 2017

Karl-Markus Gauss spricht von der Mondlandung am 21. Juli 1969. Er schreibt: „In den bald fünfzig Jahren seither sind die Ozeane weiter verschmutzt, riesige Flächen des Regenwalds zerstört und unfassbare Mengen an Giften in die Luft geblasen worden oder in die Böden versickert. Und erst all die Kriege, von denen kein Jahr frei war, das angehäufte Arsenal atomarer Waffen, der Klimawandel. Es gibt so vieles zu preisen an unserer Erde und gerade deshalb so vieles zu beklagen.“

Gauss verweist auf den Vorschlag des Astrophysikers Stephen Hawking, die Welt möge sich darauf vorbereiten, dass unser Planet in hundert Jahren geräumt werde und die Menschen ins All fliehen würden.

„Wäre es nicht wesentlich einfacher und sinnvoller, so viel Hirnschmalz und Herzblut statt für die Abwanderung von unserem Planeten für das Verbleiben auf diesem einzusetzen? Hawking hat offenbar die Hoffnung längst aufgegeben, dass die Menschen ihren sensationellen Erfindergeist, ihre kühne Fantasie und ihre Vernunft auch dafür nutzen könnten, die Erde nicht weiter wie bisher zu traktieren, sondern dafür zu sorgen, dass sie bewohnbar bleibe, mehr noch, jener Ort werde, der für alle genug zu bieten hätte.“

Für die planetarischen Projekte von Milliardären wie Jeff Bezos und Elon Musk hat Karl-Markus Gauss wenig Verständnis. „Da drängt sich dem Liebhaber der alten Mutter Erde die Frage auf: Wie lange werden die Exilierten brauchen, um ihre neuen Planeten zu zerstören? Denn der Geist, der zu deren Kolonisierung ruft, ist ja derselbe, der zum Untergang des unseren führt.“ (SZ 3./4./5.6.17)

1580: Margaret Court gegen Martina Navratilova

Samstag, Juni 3rd, 2017

Margaret Court, die vielfache Grand-Slam-Siegerin im Tennis, hatte behauptet, der Tennissport sei voll von Lesben, denen geholfen werden müsse. Daraufhin konterte die ebenso erfolgreiche Tennis-Championesse Martina Navratilova in einem offenen Brief: „Wir feiern die freie Rede, aber das bedeutet nicht, dass sie frei von Konsequenzen ist. … Ihre Giftigkeit ist nicht nur eine Meinung. Sie versucht aktiv, lesbischen, schwulen, bisexuellen und Transgender-Menschen gleiche Rechte zu verwehren. Sie dämonisiert Transgender-Kinder und Transgender-Erwachsene. Ihre Kommentare sind krank und gefährlich. Es ist nun klar, wer Court ist: Eine tolle Tennisspielerin – und eine Rassistin und homophobe Person.“

Navratilova schlug vor, die Margaret-Court-Arena in Melbourne umzubenennen in Evonne-Goolagong-Arena. Goolagong hatte sieben Grand-Slam-Titel gewonnen (SZ 2.6.17).