Archive for the ‘Gesellschaft’ Category

1609: Argentinische und russische Fußballer gedopt

Montag, Juni 26th, 2017

Die Stimmung beim vielfachen argentinischen Fußballmeister

River Plate Buenos Aires

ist so schlecht wie lange nicht mehr. Denn nicht nur hat der alte Stadtrivale

Boca Juniors Buenos Aires

gerade die Meisterschaft gewonnen, sondern zwei oder drei Spieler sind beim Doping erwischt worden: Lucas Martinez Quarta, 21, und Camilo Mayado, 26. In ihrem Urin wurde das Diuretikum Hydrochlorothiazid nachgewiesen. Wahrscheinlich auch beim Stürmer Sebastian Driussi, 21. Wenn das aber zugegeben worden wäre, hätte er nicht für 15 Millionen Dollar an Zenit St. Petersburg verkauft werden können (Javier Caceres, SZ 26.6.17).

Im russischen Staatsdoping geht man nicht so kleinteilig vor wie in Argentinien. Im McLaren-Report werden laut der britischen ‚Mail on Sunday‘ alle 23 Spieler des russischen WM-Teams von 2014 beschuldigt, gedopt gewesen zu sein. Die Lage im russischen Fußball spitzt sich nach dem Ausscheiden im Confed-Cup zu. Die Daten, auf die sich die Berichterstatter beziehen, stammen zum Teil noch vom ehemaligen russischen Dopinglabor-Chef Grigori Rodshenkow, der in die USA geflohen ist. In Russland ist der zuständige Sportminister nicht dazu da aufzuklären, sondern zu vertuschen. Das tut der bekannte Minister Witali Mutko auch.

Schon in den Nullerjahren dieses Jahrhunderts gab es im russischen Fußball eine Systemdoping-Debatte. 2003 wurde Jegor Titow mit Bromantan erwischt, einem gebräuchlichen Maskierungsmittel aus den Beständen der Roten Armee. Zwei Monate zuvor waren Wladislaw Waschtschuk und Maxim Demenko von Spartak Moskau wegen Dopingverdachts aus dem Aufgebot gegen Irland genommen worden. 2009 wurden Alexej Beresuzki und Sergej Ignaschewitsch von ZSKA Moskau nach dem Champions League-Spiel gegen Manchester United des Dopings überführt. Sie hatten ein meldepflichtiges Stimulans eingenommen. Beide Spieler waren bei der Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien dabei (Thomas Kistner, SZ 26.6.17).

1608: Brexit-Erklärung durch Grammatik

Sonntag, Juni 25th, 2017

Ein Gründungsintendant des Humboldtforums in Berlin,

Neil MacGregor, 71, ein Germanist,

hat den Brexit in der Festrede zum 250. Geburtstag von

Wilhelm von Humboldt

listig mit der Wortstellung in der englischen Grammatik erklärt. Während im Deutschen das Prädikat häufig erst am Ende des Satzes stehe, seien die Deutschen gezwungen, stets am Anfang immer schon alles bis zu seinem Ende zu denken. Im Englischen kommt das Prädikat viel früher, was dem Sprecher erlaube, in den Satz hineinzuspringen, ohne dessen Ende zu kennen. Da brauche man sich nicht zu wundern, so MacGregor, dass ein Volk für den Brecit stimme, ohne jegliche Ahnung, wie das Abenteuer ausgehen werde (FAS 25.6.17).

1607: Das Kreuz kommt auf das Berliner Schloss.

Sonntag, Juni 25th, 2017

Der Stiftungsrat des Berliner Schlosses hat in seiner jüngsten Sitzung Einvernehmen darüber erzielt, dass es – wie 2011 beschlossen – bei der historischen Rekonstruktion des Kuppelschmucks mit einem Kreuz bleibt. Der Sprecher des Stiftungsrats, Bernhard Wolter, erklärte: „Alles andere wäre Geschichtsklitterung und Verfälschung.“ Berlins Kulturstaatssekretär Torsten Wöhlert hatte keinen Änderungsantrag gestellt. Die Gründungsintendanten

  • Neil MacGregor,
  • Hermann Parzinger und
  • Horst Bredekamp

tragen den Beschluss mit (FAZ 24.6.17).

1606: Rehabilitierung von Homosexuellen

Sonntag, Juni 25th, 2017

Der Bundestag hat die Rehabilitierung homosexueller Justizopfer beschlossen. Der frühere Paragraf 175 des Strafgesetzbuchs hatte sexuelle Handlungen zwischen Männern unter Strafe gestellt. Etwa 64.000 Personen wurden danach verurteilt. Sie können nun eine Entschädigung von 3.000 Euro verlangen. Hinzu kommen 1.500 Euro für jedes angefangene Gefängnisjahr. Ausgenommen sind Männer, die wegen sexueller Handlungen mit Jungen unter 16 Jahren verurteilt wurden. Ursprünglich hatte der Entwurf eine Altersgrenze von 14 Jahren vorgesehen. Auf Druck der Unions-Fraktion wurde sie aber angehoben (FAZ 24.6.17).

1605: Münkler: Demokratie in Zeiten der Digitalisierung

Samstag, Juni 24th, 2017

Herfried Münkler hat sich in den letzten Jahren in Deutschland zum „ersten Staatsphilosophen“ entwickelt (Jens-Christian Rabe, SZ 22.6.17). Seine bisweilen lässige Eleganz war stilbildend. Der Berliner Politikwissenschaftler hat vor der Werner-von-Siemens-Stiftung in Nymphenburg über die Zukunft der Demokratie gesprochen. Und er hat kein Hehl aus seiner Meinung gemacht, dass die Demokratie noch keineswegs gegen die Autokratie (z.B. Erdogan, Trump, Orban, Kaczynski) gewonnen hat. Insbesondere als nervöse „Stimmungsdemokratie“ in Zeiten der Digitalisierung. Münkler sieht zwei zentrale Bedingungen für das Überleben der Demokratie:

  • Die Politiker müssten die Politik „verkleinern“, also über direkte Abstimmungen systematisch Macht ans Volk abgeben in lokalen oder regionalen Zusammenhängen.
  • Das Volk wiederum müsse angesichts der Vergrößerung der Politik etwa in Europa seine notwendige politische Inkompetenz aktiv bekämpfen, selbst wenn es Freizeit oder Verdienstausfall bedeute.

1604: Wähler werden immer älter.

Freitag, Juni 23rd, 2017

Bei der Bundestagswahl 2017 stellen Menschen, die 70 Jahre und älter sind, erstmals die größte Wählergruppe. Dazu hat Karin Janker (SZ 23.6.17) den Philosophen Michael Hampe, 56, befragt, der an der ETH in Zürich lehrt:

SZ: Wie gelingt die politische Verjüngung?

Hampe: Die bevorstehende Bundestagswahl bietet wie jede politische Abstimmung das Potenzial zur Verjüngung: In einer Demokratie muss sich nicht immer die Mehrheit durchsetzen. Ein Beispiel aus dem aktuellen Wahlkampf ist die Forderung der „Ehe für alle“.

SZ: Die haben die Grünen gerade zur Bedingung für eine Regierungsbeteiligung erklärt.

Hampe: Die Forderung, dass homosexuelle Paare die gleichen Rechte wie heterosexuelle Paare haben sollten, erhält sehr viel Zustimmung unter jungen Menschen und eher wenig unter älteren. Sie entspricht also momentan noch nicht der Mehrheitsmeinung. Trotzdem könnte die „Ehe für alle“ bei einer Regierungsbeteiligung der Grünen kommen. Dann würde eine Forderung, die in Zukunft erst der Meinung der Mehrheit entsprechen wird, umgesetzt. Das wäre eine Form von chronologischer Gerechtigkeit.

1603: Die Mär von Russland als Opfer westlicher Expansion

Mittwoch, Juni 21st, 2017

Auf dieses Buch habe ich lange gewartet. Es war fällig. Nun ist es da:

Manfred Quiring: Putins russische Welt. Wie der Kreml Europa spaltet. Berlin (Christoph Links) 2017, 264 Seiten, 18 Euro.

Der langjährige, sehr erfahrene Moskau-Korresponent der „Welt“ und Russland-Kenner Manfred Quiring beschäftigt sich mit dem „schon an Starrsinn grenzenden Unwillen, das in Russland herrschende Regime realistisch zu betrachten“. Er betrachtet die Quellen von Putins Macht und seine Ziele. Das Bild, das so entsteht, ist hässlich. Es zeigt Putin als Herrscher eines

Geheimdienststaats.

Dekonstruiert wird der Mythos von Russland als Opfer westlicher Expansion. Tatsächlich hat Russland die Krim annektiert, es unterstützt in der Ukraine mit russischen Waffen ausgerüstete Separatisten. Völkerrechtswidrig!

Zentral ist dabei die Antwort auf die Frage, ob es das Versprechen westlicher Politiker gegeben hat, dass die NATO nicht über die Oder-Neiß-Linie hinaus nach Osten ausgedehnt werde. Überzeugend legt Quiring dar, wie widersinnig die Vorstellung ist, Gorbatschow habe sich 1990 in den Verhandlungen zur deutschen Einheit Garantien gegen die Aufnahme osteuropäischer Staaten in die NATO geben lassen. Das wäre seinerzeit, als die Sowjetunion und der Warschauer Pakt noch existierten, widersinnig und unmöglich gewesen.

Den angeblichen Wortbruch hat es nie gegeben.

Ansonsten hätten die Osteuropäer de facto nie die freie Wahl gehabt, zu welchem Bündnis sie gehören wollten. Das waren

  • die Esten,
  • die Letten,
  • die Litauer,
  • die Polen,
  • die Tschechen.
  • die Slowaken,
  • die Ungarn,
  • die Rumänen,
  • die Bulgaren.

Um deren Freiheit geht es nämlich. In Russland ist Putin der Zerstörer der Demokratie im eigenen Land, der mit den Mitteln der Angst nach innen und außen den Plan verfolgt, Russlands imperiale Macht wiederherzustellen (Daniel Brössler, SZ 12.6.17).

Wir können uns an der

russischen Musik

und an der

russischen Literatur

erfreuen. Das russische politische System war seit eh und je gänzlich und ständig hinterwäldlerisch, diktatorisch, repressiv, weithin mörderisch und nationalistisch borniert: das gilt für die Zeit des zaristischen weißen Terrors bis 1917, des stalinistischen Archipel Gulag (1924-1956), die „Stagnationsphase“ unter Breschnew, und es gilt heute im System Putin (abgesehen von der Jelzinschen Wodka-Phase).

1602: Solides SPD-Steuerkonzept

Dienstag, Juni 20th, 2017

Die SPD legt ein solides Steuerkonzept vor, wie der Wohlstand der Deutschen mittels einiger Korrekturen bei Steuern und Abgaben gerechter verteilt werden kann. In der Summe ist das solide gerechnet. Die Entlastungen sollen insgesamt etwa 15 Milliarden Euro betragen. Natürlich sollen kleine und mittlere Einkommen entlastet werden. Bemerkenswert ist, dass die SPD keine schön klingenden Versprechen macht. Der Solidaritätszuschlag soll 2020 abgeschafft werden, erst zur Hälfte, dann ganz. Das zeugt von Realitätssinn und Ehrlichkeit. 20 Milliarden Einnahmen für den Bundeshaushalt fallen dadurch weg. Die SPD hat auch bedacht, dass eine Steuerlücke auftritt durch den vom Bundesverfassungsgericht verordneten Wegfall der atomaren Brennelementesteuer.

Richtig ist auch der Ansatz, die Bezieher sehr geringer Einkommen bis zu 1300 Euro monatlich nicht über die Steuer, sondern über Zuschüsse zu den Sozialabgaben zu entlasten und gleichzeitig deren Rentenansprüche zu sichern. Dazu passt die paritätische Finanzierung der Krankenversicherung zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern. Die Genossen sind durchaus an der schwarzen Null interessiert. Bei Vermögenden (ohne Vermögenssteuer), Kapitalgesellschaften und Steuerflüchtlingen werden nach diesem Konzept künftig mehr Steuern kassiert (Cerstin Gammelin, SZ 20.6.17). Die CDU/CSU hat kein Steuerkonzept vorgelegt. Von ihr erwarten wir die gleiche Solidität. Vor allem mit Wolfgang Schäuble.

1601: „Tanz auf dem Pulverfass“: Benn, die Frauen und die Macht

Montag, Juni 19th, 2017

Über unsere beiden größten Lyriker des 20. Jahrhunderts, Bertolt Brecht (1898-1956) und Gottfried Benn (1886-1956), sind wir relativ gut informiert. Auch weil sie selber auskunftsfreudig waren. Von Benn allein steht in meiner Bibliothek Literatur von Thilo Koch, Dieter Wellershoff, Bruno Hillebrand, Hanspeter Brode, Gottfried Wilhelms, Jörg Döring/Erhard Schütz, Paul Raabe, Kai-Uwe Scholz, Hansjörg Rehfeldt. Werner Rübe, Jürgen P. Wallmann, Jürgen Schröder, Joachim Dyck und Helmut Lethen. Außerdem die Benn-Briefwechsel mit F.W. Oelze und Thea Sternheim. Ich fühle mich also gut informiert. Was soll mir da ein neues Buch über Benn bringen?

Wolfgang Martynkewicz: Tanz auf dem Pulverfass. Gottfried Benn, die Frauen und die Macht. Berlin (Aufbau) 2017, 407 Seiten.

Martynkewicz ist Literaturwissenschaftler in Bamberg und Bayreuth und freier Autor. Und weil ich mich für die Frauen Benns („Gute Regie ist besser als Treue.“) interessiere, habe ich das Buch gelesen. Hier bin ich enttäuscht; denn ich habe nichts Neues erfahren. Zudem werden einige von Benns Frauen stiefmütterlich behandelt: Edith Osterloh, Astrid Claes und Ursula Ziebarth etwa. Anderes ist überall bekannt. Mit Thea und Dorothea (Mopsa) Sternheim soll es eine Ménage à trois geben haben. Na ja, na ja. In den Betten, nichts Neues.

Was Martynkewicz schärfer herausarbeitet als manche Autoren vor ihm, ist die schlimme Tatsache, dass Benn, der aus dem Expressionismus kam (und ihm prinzipiell lebenslang anhing) politisch Zeit seines Lebens ein ungebildeter und verirrter Autor war. Er hatte seine größte Zeit als Sanitätsoffizier im Ersten Weltkrieg in Brüssel. „Ich lebte in der Etappe einen guten Tag, war lange in Brüssel, wo Sternheim, Flake, Einstein, Hausenstein ihre Tage verbrachten. … Ich war Arzt an einem Prostituiertenkrankenhaus, ein ganz isolierter Posten, … hatte wenig Dienst, durfte in Zivil gehen, war mit nichts behaftet, hing an keinem, verstand die Sprache kaum; strich durch die Straßen, fremdes Volk …, was war die Kanonade von Yser, ohne die kein Tag verging, das Leben schwang in einer Sphäre von Schweigen und Verlorenheit, ich lebte am Rande, wo das Dasein fällt und das Ich beginnt. Ich denke oft an diese Wochen zurück; sie waren das Leben, sie werden nicht wiederkommen, alles andere war Bruch.“ (S. 97)

Benn lehnte die Weimarer Republik ab und sagte zu Hitler laut und deutlich ja. Das begann weit vor 1933 und endete erst mit seinem Tod 1956. Er ist nicht die einzige literarische Größe, die sich politisch verfehlt hat. Klaus Mann hat dazu das Erforderliche schon 1934 gesagt. Trotzdem oder gerade deswegen machte Benn nach 1945 eine steile literarische Karriere. Aus dieser Zeit stammen seine schönsten Gedichte. Z.B. „Epilog 1949“ (1949), das z. B. die folgende Strophe enthält:

„Das du dir trugst, dies Bild, halb Wahn, halb Wende,/das trägt sich selbst, du musst nicht bange sein/und Schmetterlinge, März bis Sommerende,/das wird noch lange sein.“

1600: Salman Rushdie 70

Montag, Juni 19th, 2017

1989 verurteilte der Ayatollah Khomeini als Vertreter des reaktionären, repressiven Islams den indisch-britischen Schriftsteller Salman Rushdie, der Englisch schreibt, wegen seiner „Satanischen Verse“ zum Tode. Danach war das Leben Rushdies ernsthaft bedroht. Er konnte nur noch unter Polizeischutz oder im Verborgenen leben. Gedungene Mörder waren hinter ihm her. Das hat er in seinen 2012 erschienenen Memoiren „Joseph Anton“ eindrücklich beschrieben.

Für das Todesurteil „reichte aus, dass Rushdie Bücher vom Westen im Osten und vom Osten im Westen handelten. Der Schriftsteller war der Repräsentant einer neuen, vielfarbigen Welt, in der aufgehen konnte, wer oder was sich immer als souveräne Kultur empfand (oder auch sich als solche nicht empfand). Und er benutzte dafür eine Form, die so westlich erschien wie der Hollywood-Film und die Rock-Ballade, nämlich den Roman“ (Thomas Steinfeld, SZ 19.6.17).

Schon Rushdies „Mitternachtskinder“ (1981) waren ein Riesenerfolg. Das Buch, politische Allegorie, Entwicklungsroman und Märchen zugleich, veränderte die Wahrnehmung nicht nur der indischen Dichtung und des indischen Subkontinents, sondern öffnete vielen Lesern die Augen für den Postkolonialismus. Salman Rushdie wurde der Repräsentant von literarischen Versuchen der Vermittlung zwischen Ost und West. Das brauchen wir heute dringender als je zuvor. Mögen Salman Rushdie noch viele produktive Jahre beschieden sein, gerade ist er erst 70 Jahre alt geworden.