Archive for the ‘Gesellschaft’ Category

1619: Gibt es einen liberalen Islam ?

Dienstag, Juli 4th, 2017

Die wenigen Muslime, die ich persönlich kenne, und die vielen Muslime, die ich gesellschaftlich (also hauptsächlich über die Massenmedien) wahrnehme, sind „moderne“ Menschen wir du und ich, für die ihre Religion keine überragende Bedeutung hat.

Der offizielle Islam türkischer und arabischer Provenienz, den ich kenne, kommt mir vollständig rückständig vor (antidemokratisch, nicht rechtstaatlich, intolerant, frauenfeindlich, mit Aufrufen zu Mord und Gewalt usw.). Die Mullahs und Imame kommen aus dem Ausland und repräsentieren die dortige politische Kultur, die mir weithin nicht besonders entwickelt vorkommt. Die Islamverbände in Deutschland werden teilweise aus dem Ausland finanziert. Der von der türkischen Regierung geleitete Verband DITIB hat in Deutschland Spitzeldienste vollführt.

Alles inakzeptabel.

Aber ich muss einräumen, dass ich den Islam und den Koran wohl nicht gut genug kenne. Ich bin also auf Experten bei ihrer Einschätzung angewiesen.

Eine klare Position nimmt der Publizist Henryk M. Broder ein: „Alle Religionen sind autoritär und verlangen von ihren Angehörigen, dass sie sich an die Gesetze und Gebote halten. Wenn aber ein Christ zum Islam übertritt oder ein Jude zum Christentum konvertiert, riskiert er – nichts. Der Islam dagegen ist nicht nur autoritär, sondern auch totalitär. Er duldet keine Abweichung. Und obwohl es ‚den‘ Islam angeblich nicht gibt, fühlt sich ‚der‘ Islam als Ganzes beleidigt und bedroht, wenn in einem nicht islamischen Land ein paar Mohammed-Karikaturen gedruckt werden oder in Berlin eine Handvoll Muslime eine liberale Moschee gründen. Kaum war der erste Gottesdienst vorbei, hatten schon zwei moslemische Institutionen, eine ägyptische und einen türkische, Fatwas gegen die Gründerin erlassen und sie als eine Gefahr für den Islam gebrandmarkt. Das ist nicht nur unangenehm, es kann auch lebensbedrohlich sein.“ (Die Welt 1.7.17)

Die Professorin für islamische Studien an der Universität Hamburg, Katajun Amirpur, dagegen nimmt an, dass es einen gleichzeitig authentischen und modernen und liberalen Islam (manchmal bezeichnet als „Reformislam“, „kritischer Traditionalismus“, „muslimische Reformdiskurse“ usw.) geben kann. Sie führt eine ganze Reihe von gelehrten Islam-Exegeten auf, die zeigen wollen, dass der Islam zur Gegenwart passt. Es komme gerade auf die richtige

Hermeneutik

an. Mit entsprechenden Vorverständnissen und Erkenntnisinteressen. Das erscheint uns zeitgemäß. Mohammed Schabestari etwa sagt: „Der Koran ist eine Schrift, die zwischen zwei Buchdeckeln versteckt ist. Er spricht nicht. Es bedarf eines Übersetzers, und wahrlich: Es sind die Menschen, die ihn zum Sprechen bringen.“ Die ägyptische Feministin Nawal El Saadawi meint: „So etwas wie eine beständige Religion gibt es nicht. Sie wandelt sich mit den politischen Umständen und auch durch die Neuinterpretation der Verse. Das gilt doch für alle Religionen, für das Judentum, das Christentum, den Islam. Nehmen wir diese Bewegung in Europa und den USA, die sich Befreiungstheologie nennt. Sie interpretiert die Bibel neu, sagt beispielsweise, Jesus war eine schwarze Frau. Und genau so gibt es in der islamischen Welt Strömungen, die den Islam liberal und aufklärerisch deuten.“ (SZ 3.7.17)

Eine ganz andere Position nimmt der aus Ägypten stammende, bekannte Islam-Kritiker Hamed Abdel-Samad ein, der gesagt hat: „Es gibt liberale Muslime, aber keinen liberalen Islam.“ (Die Welt 1.7.17) In seinem überzeugenden Text „Die liberalen Muslime haben versagt“ (online), der unter dem Titel „Die Mär vom liberalen Islam“ am 26.6.17 in der „Welt“ erschienen ist, nimmt er kein Blatt vor den Mund:

„Der radikale Islam schafft es immer wieder, junge Muslime zu begeistern und sie für seine mörderischen Ziele zu mobilisieren.“ Die liberalen Muslime in Deutschland hätten bei der Kölner Friedensdemo „Nicht mit uns“ und der Gründung einer liberalen Moschee in Berlin ihre Bewährungsprobe nicht bestanden. Sie seien zu Hause geblieben und hätten geschwiegen. DITIB habe die Teilnahme an der Demonstration verweigert und nachher Schadenfreude über die geringe Beteiligung gezeigt. Zehntausende junge Muslime hätten dagegen dem autokratischen türkischen Präsidenten Erdogan ihre Unterstützung zugesichert.

„Nur der politische Islam kann die Massen mobilisieren. Das tut er, weil er das Geld und die Infrastruktur dafür hat und weil er mit Hass, Verschwörungstheorien und der Aussicht auf politische Gewinne arbeitet.“ Viele junge Muslime in Deutschland würden in der Familie und der Moschee mit dem

Opferdiskurs

sozialisiert und würden dann in Demos gegen Israel und Mohammed-Karikaturen ihre Macht spüren lassen.

Die schweigende Mehrheit der Muslime habe bisher in allen Fällen geschwiegen. „Sie ist für mich deshalb nicht friedlich, sondern passiv, wie die schweigende Mehrheit der Deutschen, die zwischen 1933 und 1945 geschwiegen hatte und somit Deutschland und die Welt ins Elend stürzen ließen! Kein Mensch hat sie im Nachhinein dafür gelobt oder in Schutz genommen, weil sie selber keine Juden umbrachten.“ Die konservativen Islamverbände würden Gelder aus dem Ausland beziehen und

reaktionäre Diskurse

führen. Für Abdel-Samad ist der organisierte Islam Teil des Problems. Und gerade mehr Institutionalisierung würde ihn nicht zu einem liberalen Islam machen. „Ist es nicht endlich Zeit, von Muslimen, nicht als Kollektiv, sondern als Individuen zu verlangen, das zu leisten, was sie von der deutschen Mehrheit immer wieder verlangen: Ächtung von Hass und Gewalt, und mehr Toleranz und Akzeptanz von Vielfalt und Selbstbestimmung zu zeigen?“

Mein Fazit: einen liberalen Islam gibt es bisher nicht.

1618: „Die AfD tut alles, um unter fünf Prozent zu rutschen.“

Montag, Juli 3rd, 2017

Tobias Heimbach hat für die „Welt“ (1.7.17) den renommierten Wahlforscher Prof. Dr. Oskar Niedermayer, 64, FU Berlin, zu den Wahlaussichten 2017 befragt:

Welt: Was passiert mit der AfD?

Niedermayer: Die AfD tut gerade alles dafür, um unter die Fünf-Prozent-Hürde zu rutschen. Seit Januar geht es für die Partei in den Umfragen nur noch bergab. Bürgerliche Protestwähler wenden sich ab, weil sich die Partei nicht klar vom rechtsextremen Rand abgrenzt. Wenn Leute wie Höcke und Poggenburg weiter die Wahrnehmung dominieren, wird das für die Partei sehr gefährlich. Sollte allerdings die Flüchtlingskrise wieder eskalieren, würde ihr das steigende Werte bescheren.

1617: Gebühren für Privatfernsehen ?

Montag, Juli 3rd, 2017

Die medienpolitischen Forderungen von Vertretern des Privatfernsehens werden immer dreister. Nun hat der Pro-Sieben-Sat 1-Vorstand Conrad Albert gesagt:

„In dem Maße, in dem wir die Grundversorgung vor allem in jungen Segmenten de facto mitübernehmen, finden wir es sachgerecht, dass diese Inhalte aus öffentlichen Mitteln finanziert oder mitfinanziert werden.“ „Die öffentliche Finanzierung darf sich nicht länger an der Institution festmachen, sondern am Inhalt.“ „Warum leisten wir uns eigentlich zwei Anstalten, ARD und ZDF? Braucht es wirklich acht Milliarden Euro, um den öffentlich-rechtlichen Auftrag zu erfüllen?“ (FAS 2.7.17)

Damit liegt das Privatfernsehen auf einer Linie mit der AfD.

Alles olle Kamellen. Natürlich weithin von der Presse unterstützt, die zu den gleichen Medienunternehmen zählt wie das Privatfernsehen, aber so tut, als sei sie neutral. Damit hat sich das

Bundesverfassungsgericht

seit 1961 ff. ausreichend beschäftigt. Das ist beruhigend. Stellen wir uns einmal vor, dass der ganze Mist, der vom Privatfernsehen gezeigt wird, mit Rundfunkgebühren finanziert würde. Nicht auszudenken!

1616: „Unbeliebte sterben früher.“

Montag, Juli 3rd, 2017

Mitch Prinstein ist seit 2004 Professor für Psychologie und Neurowissenschaften an der Universität von North Carolina. Er forscht u.a. darüber, wie sich die Beliebtheit im Klassenzimmer auf das Erwachsenenleben auswirkt. In einer Zeit der „Follower“, „Likes“ und „Retweets“ nicht ganz unwichtig. Lina Paulitsch hat ihn für die SZ (3.7.17) interviewt:

SZ: Sie schreiben, dass Menschen, die schon als Kind unbeliebt waren, gesundheitliche Schäden davontragen. Das klingt ein bisschen übertrieben.

Prinstein: Unsere Forschungsergebnisse zeigen: Unbeliebte sterben früher als Beliebte. Diabetes und Herzkrankheiten sind bei ihnen viel wahrscheinlicher. Und selbst wenn man andere Sterblichkeitsfaktoren vergleicht wie etwa den sozioökonomischen Status der Eltern oder vorangegangene Erkrankungen, bleibt der Beliebtheitsgrad als Kind fürs Leben sehr entscheidend. Nur Rauchen hat noch deutlichere Auswirkungen auf die Sterblichkeit. Sie werden es nicht glauben, aber wenn man als Kind unbeliebt war, ist das gesundheitsschädlicher als zum Beispiel Alkoholmissbrauch oder Übergewicht.

1615: Was wollen die G 20-Gegner ?

Sonntag, Juli 2nd, 2017

Die G 20 bestehen aus 19 Staaten und der EU. Diese Vereinigung ist dazu da, den internationalen Handel zu organisieren, ihn also zu fördern, den Finanzsektor zu regulieren und den Klimaschutz zu gewährleisten. Keine leichten Aufgaben. Unter der zur Zeit herrschenden deutschen Präsidentschaft sind in Hamburg am 7. und 8. Juli 2017 insbesondere die ökonomische Förderung Afrikas und die Gesundheitspolitik auf der Tagesordnung. Dabei geht es nicht zuletzt darum, die Ursachen für die weltweiten Fluchtbewegungen zu bekämpfen. Italien hat ja bereits damit gedroht, seine Häfen für ausländische Schiffe zu schließen, die Flüchtlinge an Bord haben.

Es gibt also genügend Gründe, der G 20 Erfolg zu wünschen.

Die „antikapitalistischen“ G 20-Gegner wollen das Gegenteil. Sie sind insbesondere gegen den freien Welthandel. Damit teilen sie partiell die Positionen, die

Donald Trump und Pegida/AfD

einnehmen. Zu einer schlüssigen, vollständigen Analyse sind sie nicht in der Lage. Das verbindet sie mit den Linken in aller Welt.

Die G 20-Kritiker gibt es seit 20 Jahren. Für sie sind die G 20 Teil des Problems, nicht der Lösung. Massive Proteste gab es erstmals 1999 in Seattle (USA). Die Polizei hat anfangs schwere Fehler begangen, indem sie nicht präventiv und in Gesprächsoffensiven vorging, sondern nur mit Gewalt. So kam es 2001 auf dem G 8-Gipfel in Genua (Italien) zu einem Todesopfer, das sich danach sehr gut als Märtyrer eignete. Die G 8 sind die sieben stärksten Industriestaaten und Russland. Die europäischen Regierungschefs (der EU etc.) treffen sich turnusgemäß seither nur noch in Brüssel. Dort ist die Lage eher sicher. 2007 gelang es den Protestanten in Heiligendamm (Deutschland), ein Boot in den Sicherheitsbereich einzuschleusen. Beim G 7-Gipfel in Elmau (Deutschland) 2015 wurden die Zufahrtswege zum Gipfel blockiert.

In Hamburg droht linke Gewalt aus dem Schanzenviertel. Besonders gewalttätig sind häufig auch militante Tierschützer. Die Polizei und die Bundespolizei haben sich intensiv auf Hamburg vorbereitet. 20 000 Polizistinnen und Polizisten stehen bereit (Ralph Bollmann, FAS 2.7.17).

Hoffentlich verläuft der Protest überwiegend  friedlich. So hat er heute begonnen.

1614: Zum Tod von Simone Veil

Sonntag, Juli 2nd, 2017

Kurz vor ihrem 90. Geburtstag ist Simone Veil gestorben, die Grande Dame der französischen und europäischen Politik. Als sie 2010 als „Unsterbliche“ in die Academie Francaise gewählt worden war, unterstrich der Schriftsteller Jean d’Ormesson, der die Rede auf Veil hielt: „Wir lieben Sie, Madame.“ Präsident Emmanuel Macron sagte anlässlich ihres Todes, sie solle „uns allen“ ein Vorbild sein.

Nicht immer in ihrem bewegten Leben war Simone Veil die Zuneigung der französischen Nation so sicher. Als sie 1974 als Gesundheitsministerin unter Valéry Giscard d’Estaing das Gesetz zur Legalisierung der Abtreibung in der Nationalversammlung verteidigte, reagierte ein Teil der Franzosen mit Hass. Abtreibungsgegner sprühten „Veil gleich Hitler“ an ihr Haus, auf ihr Auto wurden Hakenkreuze gemalt. Falscher hätte diese Hetze nicht sein können. Simone Veil litt sehr darunter, wie sie später in ihrem autobiografischen Buch „Un vie“ schrieb.

Die hochbegabte Jüdin wurde unmittelbar nach ihrem Abitur mit 16 Jahren zusammen mit ihrer Mutter und ihrer Schwester von Nizza aus in das Konzentrationslager

Auschwitz-Birkenau

deportiert. Nur ihre Schwester und sie überlebten und kehrten 1945 nach Paris zurück. Während ihres Jurastudiums lernte sie ihren Mann, Antoine Veil, kennen (gestorben 2013). Drei Söhne gingen aus dieser Ehe hervor.

1979 wurde Simone Veil die Spitzenkandidatin der damaligen Präsidentenpartei UDF bei den ersten Direktwahlen zum europäischen Parlament. Sie hatte schon früh begonnen, sich für den

europäischen Versöhnungsprozess

einzusetzen. Die Wahl zur Präsidentin des Europaparlaments krönte diesen Einsatz. Bei einer ihrer letzten Wahlkampfveranstaltungen 1979 wurde der Saal von Anhängern des Rassisten Jean-Marie Le Pen gestürmt. Veil rief ihm zu: „Ich sage Ihnen nur eins. Sie machen mir keine Angst. Ich habe Schlimmeres überlebt. Sie sind nur ein Hasenfuß von SS.“

1993 wurde Simone Veil Sozialministerin unter Ministerpräsident Edouard Balladur. Mit Präsident Jacques Chirac verband sie das Bestreben, die Erinnerungen an die Schoa wachzuhalten. Sie bestärkte ihn gegen seine Kritiker, die Mitschuld des französischen Staates an der Judendeportation anzuerkennen. Sie stand an seiner Seite, als er die Gedenkstätte für die Opfer der Schoa in Paris einweihte. 2005 rief sie ihre Landsleute dazu auf, dem europäischen Verfassungsvertrag zuzustimmen. Nach ihrer Wahl in die Academie Francaise 2010 ließ sie sich ihre Lagernummer

78651

in ihren Akademie-Säbel gravieren (FAZ 1.7.17).

 

1613: Helmut Kohl und die Juden

Sonntag, Juli 2nd, 2017

Helmut Kohl ist nun beerdigt. Die Auseinandersetzungen davor waren wohl eher privat-familiär als politisch begründet. Der Herausgeber der „Jewish Voice from Germany“ (Deutsche Ausgabe in Zusammenarbeit mit der „Welt“), Rafael Seligmann, schreibt in seinem Leitartikel (in der Ausgabe: Juli 2017) über

„Helmut Kohl und die Juden“.

Da heißt es: „.. der Katholik und Historiker Helmut Kohl verstand die Geschichte besser als all seine Vorgänger. Er wusste nicht nur, dass es nie mehr einen europäischen Krieg geben durfte. Und dass es jeder materielle Einsatz und jeder politische Kompromiss wert waren, die Völkerverständigung in Europa und anderswo zu fördern. Als deutscher Patriot mit einem stetigen Sinn  für die Geschichte wusste Helmut Kohl darüber hinaus, dass die Juden mehr waren als die Opfer der Nazis und der sie tragenden deutschen Nation. Die Juden waren Mit-Menschen und hierzulande waren sie Deutsche. Das konnte man in der Pfalz besonders gut erfahren – wenn man wollte. Und Helmut Kohl wollte. Ihm war bekannt, dass Juden spätestens seit dem vierten Jahrhundert in den Ortschaften und Städten am Rhein siedelten. Dass die Hebräer Teil der Gesellschaft waren. Jahrhunderte, ehe das deutsche Reich entstand. In den Städten Südwestdeutschlands blühten die ersten größeren jüdischen Gemeinden dieses Landes auf. Speyer, Worms, Mainz waren nach dem hebräischen Akronym „SchUM“, die „Knoblauch“-Städte. Christen und Juden lebten in Frieden ohne Mauern miteinander. Solange, bis die Kreuzfahrer und der menschliche Abschaum die Juden erschlugen oder vertrieben, ihr Eigentum raubten und die hebräischen Gemeinschaften auslöschten.

Die im Frühjahr 1990 gewählte DDR-Regierung unter Führung von Lothar de Maizière lud ausreisewillige sowjetische Juden ein, in Ostdeutschland eine neue Heimat zu finden. Als im Oktober Deutschland wiedervereinigt wurde, hätten die Innenminister der Länder und des Bundes diese Zuwanderungsmöglichkeit gerne aufgehoben. Israel lieferte ihnen das perfekte Alibi. Nach Jerusalems Definition existieren keine jüdischen Flüchtlinge, da alle Juden in Israel willkommen sind.

Helmut Kohl ließ sich nicht darauf ein. Er setzte durch, dass den Juden aus dem Osten weiterhin die Zuwanderung nach Deutschland offen stand. Es kamen etwa 200 000 Menschen. Die Hälfte von ihnen blieb in den jüdischen Gemeinden. Sie bilden heute die Masse der Juden in Deutschland. Für dieses Verdienst sollte Helmut Kohl von Juden und Deutschen gleichermaßen geehrt werden.“

Rafael Seligmanns neuer Roman „Deutsch Meschugge“ Transit Verlag 2017, 288 Seiten, 24 Euro, erscheint gerade.

 

1612: Julia Kristeva über Franzosen, Identität, Depression, Schriftkultur usw.

Mittwoch, Juni 28th, 2017

Die 1941 in Bulgarien geborene Julia Kristeva ist eine Ikone des

Poststrukturalismus.

Die Psychtherapeutin und Philosophin war eine enge Kollegin von Roland Barthes. Sie hat über 30 Bücher zur Linguistik, zum Feminismus und zur Psychoanalyse geschrieben. Sie hat uns auch heute noch

sehr viel zu sagen.

Das zeigt ein Interview mit Jürgen Rühle (SZ 27.6.17):

Über die Franzosen:

„Die Franzosen sind tief deprimiert  durch die Globalisierung. Die einen verhärten sich und werden Populisten oder Fundamentalisten. Die anderen versuchen einen Neuanfang und machen sich auf den Weg.“

Über Identität:

„Ein gängiger Versuch, den Identitätsverlust zu beheben, besteht darin, sich einer Bewegung anzuschließen: Da ich selbst niemand bin, versuche ich, wenigstens ein Teil einer Gruppe zu sein. Dort bekommt der Depressive endlich Antworten, die er selbst niemals finden kann.“

Über Depression:

„Meine Patienten sagen: Ich weiß nicht, wer ich bin, was ich will. Man hat alle Anker und Werte verloren, die Fähigkeit zu lieben, zu glauben. Die Depression ist also die Folge eines Identitätsverlusts.“

Über Schriftkultur/Bildkultur:

„Der Alltag läuft ja noch mehr über Bilder als damals. Bilder funktionieren unmittelbarer als die Sprache. Viele Menschen können ihre Befindlichkeit, Begierden, Ängste heute kaum in Worte kleiden.“

Über religiöse Bedürfnisse:

„Aber ich wusste .. schon, dass das religiöse Bedürfnis eine anthropologische Konstante ist.“

Über Fundamentalismus:

„Das Tempo der permanenten Veränderungen macht den Leuten genau so Angst wie die Vereinzelung und der politische Diskurs, der sich so stark auf ökonomische Zwänge verkürzt hat.“

Über Heilmittel:

„Man müsste vermitteln, was uns ausmacht. Uns Europäer. Das hieße, die Geschichte des Humanismus wieder neu zu lernen.“

Über Skepsis nationalen Kulturen gegenüber:

„Das fängt bei den Kreuzzügen an, geht über die Kolonialgeschichte bis hin zu den Weltkriegen und der Schoah.“

Über die französische Kolonialgeschichte:

„Die Kolonialgeschichte wurde nicht aufgearbeitet, und sie wird es bis heute in den Schulen nicht. Das Thema der französischen Schuld hat enorme Sprengkraft.“

Über junge Araber in Frankreich:

„Das Französische ist wie eine tote Haut. Das ist gefährlich, weil diese jungen Leute unter einer Persönlichkeitsspaltung leiden. Sie sind nicht im Krieg gegen Frankreich, aber sie leiden, ohne ihr Leid ausdrücken zu können. Beim geringsten Anlass können sie dann abdriften.“

1611: Qualitätsjournalismus: Fünf Anmerkungen

Mittwoch, Juni 28th, 2017

Qualitätsjournalismus ist konstitutiv für die Demokratie. Es gibt ihn noch. Die großartigen Recherchen, Reportagen und welterklärenden Stücke. Deshalb braucht der Qualitätsjournalismus nicht neu erfunden zu werden. Andererseits sinken die Werbeerlöse der traditionellen Massenmedien und wandern ins Netz ab.

Aber die Skepsis gegenüber den ungefilterten Informationen aus den sozialen Netzwerken wächst.

Nun hat das Reuters Institute for the Study of Journalism (Oxford) in seinem Digital News Report berichtet, dass vor allem die unter 35-Jährigen bereit sind, für journalistische Qualität zu zahlen. Gerade weil die Repressionen gegen Journalisten weltweit zunehmen (insbesondere in Russland, der Türkei, Syrien etc.).

Alexandra Borchardt (SZ 26.6.17) macht dazu fünf Anmerkungen:

1. Der Journalismus muss neue Techniken nach Kräften nutzen, darf daraus aber keinen Selbstzweck werden lassen. Drei Entwicklungen werden den Journalismus besonders prägen:

a) der Einsatz von künstlicher Intelligenz,

b) Datenjournalismus und

c) die Analyse von Leseverhalten.

2. Journalisten müssen ihrem Publikum zuhören. Die Methoden, um Leser- und Nutzerverhalten zu verstehen, werden immer ausgefeilter. Hinweise darauf, zu welchen Zeiten auf welchen Geräten bestimmte Stoffe besonders gut angenommen werden, sind wertvoll. Der klügste Text hat keinen Wert, wenn nach drei Sätzen niemand weiterliest.

3. Der Journalismus muss an seiner Glaubwürdigkeit arbeiten. Nutzer trauen den etablierten Medien noch nicht genug. Laut Digital News Report gesteht im Durchschnitt nicht einmal jeder Zweite den Medien zu, zwischen Fakten und Fiktion zu unterscheiden.

4. Journalisten müssen ihre Arbeit erklären. Zeitdruck und Sparprogramme in Redaktionen lassen oft keine andere Möglichkeit: Es wird gegoogelt statt recherchiert. Wenn alle das tun, werden die Informationen austauschbar. Das übernehmen irgendwann Roboter. Echte Gespräche bringen Zwischentöne und Perspektiven in Geschichten, die Algorithmen nicht liefern können.

5. Medienhäuser dürfen nicht vor Google und Facebook einknicken. Es geht um ihre Unabhängigkeit. Schon jetzt gehen ca. 80 Prozent der Werbeerlöse dorthin.

1610: Niederlande mitschuld an Srebrenica

Mittwoch, Juni 28th, 2017

Ein niederländisches Gericht hat nunmehr das in der ersten Instanz 2014 ergangene Urteil bestätigt, wonach der niederländische Staat mitschuldig ist an der Ermordung von ungefähr 350 bosnischen Muslimen. 1995 hatten Schergen der bosnisch-serbischen Armee in einem Lager der UNO-Blauhelme die Männer und Jungen ermordet, nachdem diese sich in das UNO-Lager geflüchtet hatten.

Nach dem Urteil handelte der niederländische Staat „illegal“, weil er die muslimischen Männer und Jungen nicht ausreichend schützte. Die niederländische Brigade unter Oberst Tom Karremenas hatte keine Gegenwehr geleistet, die NATO versagt. Der Staat muss nun den Opferfamilien eine Teil-Entschädigung zahlen. Die Opferfamilien haben bereits enttäuscht auf das Urteil reagiert. „Das ist keine Gerechtigkeit.“ (Thomas Kirchner, SZ 28.6.17)

Unsere Pazifisten finden das Nicht-Eingreifen der niederländischen Brigade gewiss gut.