Archive for the ‘Gesellschaft’ Category

1669: Egon Günther gestorben

Sonntag, September 3rd, 2017

Als er 1978 aus der DDR in den Westen ging, war Egon Günther Träger des Nationalpreises der DDR und einer ihrer wichtigsten Filmemacher. Die DDR verfügte über mehrere große Filmkünstler. Günthers Film „Der Dritte“ (1972) mit der wunderbaren Jutta Hoffmann war in aller Filmfreunde Munde. Es war der Film, in dem eine sehr selbständige Frau zum dritten Mal versucht, den richtigen Mann zu finden. Eine Geschichte also, die uns gerade heute nahe kommt. Der Film lief damals in den Kinos der BRD und bekam in Venedig einen Preis.

Günthers „Lotte in Weimar“ (nach Thomas Mann) mit Lilli Palmer wurde 1975 in Cannes gezeigt. Ärger mit der DDR-Zensur hatte Günther schon seit „Wenn du groß bist, lieber Adam“ (1965). Der Film wurde noch vor der Fertigstellung verboten und erlebte seine Premiere 1990. Günther war ein Arbeiterkind und stark von seiner Kriegserfahrung geprägt. Er schrieb auch Erzählungen und Romane. Literarische Stoffe sind ein durchgehendes Motiv seiner Arbeit. Auch später, als er im Westen etwa „Die Braut“ (1999) mit Veronika Ferres als Christiane Vulpius drehte.

Egon Günther ist im Alter von 90 Jahren in Potsdam gestorben (SZ 1.9.17).

1668: Biermann: DDR war meine Rettung.

Freitag, September 1st, 2017

Anlässlich der Tournee mit seiner Frau Pamela wird Wolf Biermann, der so höchst umstrittene Liedermacher und Dichter, in der „Zeit“ (31.8.17) von Stephan Lebert und Florian Illies interviewt.

Biermann: Warum wandert ein 16-jähriger Knabe 1953, kurz nach Stalins Tod, kurz vor dem 17. Juni, gegen den Strom der Millionen Flüchtlinge, nach Osten? Ich wechselte von der Demokratie in die Diktatur. Für mich persönlich war dieser Weg in die DDR aber meine Rettung.

Zeit: Die Rettung?

Biermann: Ich wäre im Westen ein Kader der Kommunistischen Partei geworden, die sich später DKP nannte. Und heute wäre ich wahrscheinlich ein Fossil der SED-PDS-Linken. Die Linke ist nur die flott umgetaufte totalitäre SED aus der DDR-Diktatur. Ich wäre ein Genosse der rot getünchten, der finsteren Lichtgestalten. Ein Horrorfilm!

1667: „Steigbügelhalter“ – der Fehler der deutschen Konservativen

Mittwoch, August 30th, 2017

1. Wenn schon der Zustand der Konservativen nicht gerade berückend ist, so sind sie, auch weltweit, sehr vielfältig. Vertreter des Großkapitals und „Christliche Fundamentalisten“ gehören genau so dazu wie „Lebensschützer“ und Anhänger des „Homeschooling“.

2. In seiner frühen Phase wollte Thomas Mann (1875-1955) „Deutschland deutsch erhalten, weiter nichts“. Mit dem französischen Philosophen Joseph de Maistre (1753-1821) etwa hatte er sich weiter nicht beschäftigt.

3. Die Koordinaten ihres Denkens haben sich bei den Konservativen in den letzten 200 Jahren stark verschoben. Es gibt unter ihnen Verächter und Anbeter des Staates.

4. Vor zehn  Jahren bestimmte Udo di Fabio, ein ehemaliger Richter am Bundesverfassungsgericht, Konservatismus als Plädoyer für ein Bekenntnis zur Aufklärung.

5. Ihren größten Fehler begingen die Konservativen, als sie 1933 den Nazis zur Macht verhalfen. Diese hatten die absolute Mehrheit im Reichstag verfehlt und brauchten die Deutsch-Nationale Volkspartei. Protagonisten wie Alfred Hugenberg (1865-1951) und Hjalmar Schacht ((1877-1970) traten in die Regierung Hitler ein. Auch der Zentrumsvertreter Franz von Papen (1879-1969) war dabei.

6. Nach 1945 gebärdete sich der Konservatismus rheinisch-katholisch, demokratisch und westorientiert (ein großes Verdienst Konrad Adenauers, 1876-1967).

7. Die CDU/CSU von heute war lange vor Angela Merkel „sozialdemokratisiert“ (denken wir an Hans Katzer und Norbert Blüm). Dadurch konnte eine „Modernisierung“ (Energiewende, Atomausstieg etc.) bewerkstelligt werden, welche die Konservativen allein nie hinbekommen hätten (Volker Weiß, Die Zeit 17.8.17).

8. Im Zeitalter der Globalisierung, von dem Deutschland profitiert, ist ein Denken in Kategorien der „nationalen Widergeburt“ nur noch in den Köpfen von bornierten Rückständigen vorhanden.

1666: Angriff auf den öffentlich-rechtlichen Rundfunk

Dienstag, August 29th, 2017

Pünktlich zu Bundestagswahl am 24. September beginnen wieder die weithin bekannten Angriffe des nationalen Medienkapitals auf den öffentlich-rechtlichen (=gesellschaftlichen) Rundfunk, ARD und ZDF (Jürgen Kaube, FAZ 26.8.17; Rainer Hank und Georg Meck, FAS 27.8.17). Hand in Hand mit der AfD.

Das verstehen wir einerseits, weil die eigenen Renditen nicht überall den Erwartungen entsprechen, vor allem dort nicht, wo nicht rechtzeitig in Online-Angebote investiert worden ist. Andererseits ist nicht plausibel, dass die Kritiker nicht verstehen, warum wir nach 1945 in Deutschland einen gesellschaftlichen, gebührenfinanzierten Rundfunk (Hörfunk und Fernsehen) haben.Er hat sich über Jahrzehnte bewährt und ist entlang den Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts seit 1961 systematisch ausgebaut worden. Zuletzt 2013/2014 (Haushaltsabgabe etc.).

Die Gründe für einen öffentlich-rechtlichen Rundfunk liegen zuerst im Versagen der Medienpolitik der Weimarer Republik (z.B. Hugenberg-Konzern) und in der NS-Medienpolitik (Propaganda). Außerdem zeigt ein Blick auf das Mediensystem der USA, dass dort bis auf die Ausnahmen Ostküste und Kalifornien keine Vorbilder zu finden sind. Zu schweigen von Diktaturen wie Russland und China.

Insofern sind die Vorwürfe „Staatsrundfunk“, „Zwangsgebühren“, „zweckgebundene Steuer“ etc. gegenstandslos. Auch wenn der öffentlich-rechtliche Rundfunk von seinen Kontrollgremien (Rundfunkräten, Verwaltungsräten und dem Fernsehrat des ZDF) regelmäßig scharf kontrolliert werden muss. Laut Bundesverfassungsgericht ist die Staatsquote in den Gremien auf ein Drittel zu beschränken. Und Gebührenerhöhungen dürfen nicht automatisch sein.

Dann kann der öffentlich-rechtliche Rundfunk (Programmauftrag: Information, Bildung, Beratung, Unterhaltung) ordentlich arbeiten. Mit seinen Nachrichtensendungen, Magazinen, seiner Hintergrundberichterstattung, seiner akribischen Recherche, seinen Talkshows, aber auch seinen Sportsendungen und seiner Samstagabend-Unterhaltung. Beim Sport beispielsweise sind nicht die Öffentlich-Rechtlichen die Preistreiber, sondern ganz andere aus dem Kreis der Kritiker. Die sind befangen.

Und haben eigentlich alle von uns den ganzen Mist vor Augen, der im Privatrundfunk heute schon gesendet wird?

1665: Ulrich Greiners Bekenntnisse eines Konservativen

Dienstag, August 29th, 2017

Manchmal drängt sich mir der Eindruck auf, dass es um den Konservatismus in Deutschland nicht zum Besten bestellt ist. Ich glaube aber, dass die Konservativen gebraucht werden. Und dass sie sich deshalb ruhig ein bisschen Mühe geben könnten. Einen Versuch macht dazu der langjährige Feuilleton-Chef der „Zeit“ Ulrich Greiner (davor FAZ) in seinem Buch

Heimatlos. Bekenntnisse eines Konservativen. Reinbek bei Hamburg (Rowohlt) 2017, 160 S., 19,95 Euro.

Das Buch beruht auf einem Artikel in der „Zeit“ vom März 2016.

1. Greiner möchte als Konservativer „jenseits von politischer Korrektheit und diesseits der AfD“ erscheinen.

2. Als Konservative anerkennt er Rüdiger Safranski, Sibylle Lewitscharow, Martin Mosebach und Peter Sloterdijk, immerhin.

3. Bei jemandem, der das Abendland verteidigt wie Greiner, hätte man sich ein wenig mehr Lob für die politischen Diskurse seit der französischen Revolution vorstellen können.

4. Er möchte keine „Wintermärkte“ anstatt der „Christkindls“- und „Weihnachtsmärkte“.

5. Mit all unseren Rauchverboten, Anschnall- und Helmpflichten sind wir nach Greiner auf dem Weg in eine „Diktatur der Fürsorge“.

6. Greiner meint, da stimmen wir alle zu, dass wir unsere Sprache besser pflegen müssen.

7. „Eine Versöhnung mit dem radikalen Islam ist nicht möglich, eine Versöhnung mit den moderaten Muslimen nicht nötig.“

8. Greiner möchte katholisch sein dürfen. Von mir aus gerne.

9. Greiner geißelt den modernen Moralismus als „Triumph der Gesinnung über die Urteilskraft“. Moralisiert er nicht selbst auch?

10. Greiners Kritiker Jens Bisky (SZ 29.8.17) findet das alles zu „privat“. Er vermisst die großen Konservativen, den Historiker Joachim Ritter, den Sozialphilosophen Arnold Gehlen, den Soziologen Helmut Schelsky und den Moralphilosophen Robert Spaemann. Vermisse ich die eigentlich auch?

Die in Greiners Buch überall zu spürende Kritik an der CDU/CSU finde ich ungerecht; denn die Union will ja Wahlen gewinnen.

1664: Kleines Wähler-Brevier

Samstag, August 26th, 2017

1. 46 Prozent der Wähler wissen noch nicht, was sie bei der Bundestagswahl am 24. September wählen wollen. Die Wahl ist also noch nicht entschieden. Wir unterscheiden

Stammwähler, Unentschlossene und „Ablehnende“.

2. Das beschreibt sehr gut Susanne Gaschke (SPD), die als Oberbürgermeisterin in Kiel abgewählt wurde (Welt 26.8.17).

3. Wir stellen uns die Gesellschaft nicht mehr als Klassengesellschaft (Arbeit und Kapital) vor wie bei Karl Marx, auch wenn sie es noch sein sollte. Und nicht mehr als „nivellierte Mittelstandsgesellschaft“ wie bei Helmut Schelsky (1953), sondern aufgeteilt in zehn Milieus.

4. Vertikal sind diese (von unten nach oben) gegliedert in a) „Untere Mittelschicht/Unterschicht“, b) „Mittlere Mittelschicht“ und c) „Oberschicht/Obere Mittelschicht“. Horizontal (von links nach rechts) in a) „Tradition“, b) „Modernisierung/Individualisierung“ und c) „Neuorientierung“.

5. Beim Wählen lässt die Milieubindung nach. Das geht zu Lasten der am stärksten milieugebundenen Volkspartei, der SPD.

6. Auch wenn wir jeden Wähler exakt in ein Milieu einordnen könnten, hieße das noch nicht, dass wir vorhersagen könnten, was er wählt.

7. Geblieben beim Wähler ist die Sehnsucht nach Vereinfachung und Übersichtlichkeit.

8. Heute muss jeder Wähler weithin individuell gesehen und angegangen werden. Das führt zum Haustürwahlkampf.

9. Mit einem Algorithmus, der die Online-Einkäufe, die Amazon- und Google-Suchen, die E-Mails und WhatsApp-Nachrichten von Wählern kennen würde, könnten wir sein Wahlverhalten ziemlich genau vorhersagen. Aber das ist in Deutschland (aus guten Gründen) verboten.

10. Die Wähler in Deutschland sind mit der innenpolitischen Lage ziemlich zufrieden. Sie finden die Weltlage höchst beunruhigend.

1663: Linksextreme Plattform verboten

Samstag, August 26th, 2017

Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) hat die linksextreme Netzplattform „linksunten.indy-media“ verboten. Das Weiterbetreiben ist eine Straftat. Auf dieser Plattform wird zum Hass gegen andere und Repräsentanten des Staates aufgerufen. Gewalt wird propagiert. Und es werden Anleitungen zum Bau von Brandsätzen gegeben. Die Seite vom Netz zu nehmen ist nicht ganz einfach, weil der Server im Ausland steht.

Bei polizeilichen Überprüfungen wurden etwa in Freiburg bei denen, die „Widerstand“ gegen das „Schweinesystem“ befürworten, Waffen (Schlagstöcke, Rohre, Zwillen, Butterfly-Messer usw.) gefunden. Und so stellt sich die Frage, warum diese extremistischen Gewalttäter, die auch beim G 20-Gipfel in Hamburg beteiligt waren,

erst jetzt

mit ihrer Extremisten-Plattform verboten werden (Michael Hanfeld, FAZ 26.8.17).

Wir erkennen vier Gruppen, welche die de Maizière-Maßnahme kritisieren:

  1. diejenigen, die das als Wahlkampf-Aktion begreifen,
  2. Verharmloser wie Jakob Augstein, „Freitag“, „Spiegel“,
  3. Geheimdienstleute, die sich auf der Extremisten-Plattform informieren konnten,
  4. den Chefredakteur der „Welt“ (26.8.17), Ulf Poschardt, einen Porschefahrer, der die Plattform schon heute vermisst, weil sie fast unvergleichlich das „intellektuelle Elend“ der Linken greifbar mache. Da ich die Plattform nie konsumiert habe, kann ich das nicht beurteilen. Aber das „intellektuelle Elend“ der Linken kenne ich.

1662: Kinder sollen wieder richtig schreiben.

Freitag, August 25th, 2017

1. Immer mehr Bundesländer gehen vom „Schreiben nach Gehör“ in Grundschulen ab. „Wissenschaftlich“ heißt dieses Prinzip „Lesen durch Schreiben“.

2. Es geht zurück auf den Schweizer Pädagogen Jürgen Reichen (siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts).

3. Danach galten Diktate als verpönt, und bei den Schülern konnte der Eindruck entstehen, als sei richtiges Schreiben nicht so wichtig.

4. Heinz-Peter Meidinger (Vorsitzender des Deutschen Philologenverbands): „Die derzeitige Generation von Schülern liest und schreibt so wenig wie keine zuvor, zumindest, was volle, komplexere Sätze betrifft.“

5. Es soll wieder auf korrekte Rechtschreibung geachtet werden.

6. Richtiges Schreiben steht für Zuverlässigkeit, Verlässlichkeit und Ordnungssinn.

7. Susanne Eisenmann (Kultusministerin von Baden-Württemberg), CDU: „In Mathe war zwei und zwei schon immer vier und nicht ungefähr vier. So muss es auch im Deutschunterricht sein.“

8. Ties Rabe (Schulsenator Hamburg) SPD: „Viele Lehrer haben zu lange geglaubt, dass Kinder richtiges Schreiben mit Hilfe genialer Unterrichtsmethoden im Vorbeigehen lernen. Aber Rechtschreibung muss man echt üben.“

9. „Schreiben nach Gehör“ hat vor allem Kinder mit Migrationshintergrund und Kinder aus bildungsfernen Schichten benachteiligt, weil diese Anderes und anders hören als das Bildungsbürgertum.

10. Korrektes Schreiben dient der Ausbildung und dem Studium (FAS 6.8.17).

1661: Der Sozialismus in Venezuela

Donnerstag, August 24th, 2017

In Venezuela herrschen Hunger, Korruption und Gewalt. Das Parlament wurde entmachtet. Die Demokratie steht auf dem Spiel. Das ist richtiger Sozialismus. Den haben wir Hugo Chavez zu verdanken.

Im Juli hatte der weltberühmte Dirigent

Gustavo Dudamel (geb. 1981)

in einem offenen Brief in der „New York Times“ und in der spanischen Zeitung „El Pais“ von Präsident Nicolas Maduro verlangt, die Wahl einer verfassungsgebenden Versammlung

gegen das Parlament

zu unterlassen. Aus Rache wurde nun die US-Tournee des Nationalen Simon-Bolivar-Jugendorchesters abgesagt, dessen Chefdirigent Dudamel ist. Der hatte im Mai sein Schweigen über die katastrophale Lage in seinem Heimatland gebrochen wegen des Todes eines jungen Bratschers bei einer Demonstration (Harald Eggebrecht, SZ 24.8.17).

1660: Briefwahl: nicht unproblematisch

Donnerstag, August 24th, 2017

Robert Rossmann (SZ 23.8.17) schreibt:

„Die Briefwahl ist auch verfassungsrechtlich nicht unproblematisch. Das Wahlgeheimnis ist bei ihr nicht in gleicher Weise gewährleistet wie bei der Urnenwahl. Das gilt auch für die Kontrolle der Stimmabgabe. Wer kann etwa garantieren, dass die Bewohner eines Heimes tatsächlich alle ihre Briefwahlstimmen frei und geheim abgegeben haben? Die Liste der aufgedeckten Briefwahl-Betrügereien ist lang.

Das Bundesverfassungsgericht hat die Briefwahl trotzdem in mehreren Entscheidungen für verfassungskonform erklärt. Die Richter fanden, das Ziel, mit ihr die Wahlbeteiligung hoch zu halten, überwiege die Gefahren. Doch bei all diesen Karlsruher Entscheidungen lag die Briefwahl-Quote niedriger als heute. Der Bundestag tut deshalb gut daran, die Briefwahl nicht durch weitere Erleichterungen noch stärker zu fördern.“