In einem gemeinsamen Interview mit Eon-Chef Johannes Teyssen in der FAS (17.9.17) fordert Grünen-Chef Cem Özdemir eine Reform der Energiewende. Die Stromsteuer soll gesenkt oder ganz abgeschafft werden, eine Klimaabgabe eingeführt. Teyssen: „Wir brauchen keine EEG-Umlage wie bisher, sondern eine CO2-Steuer, die den CO2-Ausstoß mit Kosten belegt und so die grüne Energie wettbewerbsfähiger macht.“ Özdemir schlägt vor, dass die nächste Bundesregierung das Thema gemeinsam mit dem französischen Präsidenten Macron angeht. „Wenn Frankeich und Deutschland gemeinsame Sache in der Energiepolitik machen, dann läuft was in Europa.“
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1699: Özdemir: SUV-Fahrer sollen zahlen.
Sonntag, September 17th, 20171698: Heilpraktiker abschaffen ?
Sonntag, September 17th, 2017Prof. Dr. Bettina Schöne-Seifert (60) ist Medizinethikerin an der Universität Münster. Sie gehört dem Münsteraner Kreis an, einer 17-köpfigen Expertengruppe, die Heilpraktiker notfalls abschaffen will. Kim Björn Becker hat sie für die SZ (25.8.17) interviewt.
SZ: Sie fordern, den Beruf umzukrempeln und ihn notfalls zu annullieren. Was ist ihr Problem mit den Heilpraktikern?
Schöne-Seifert: Unsere Hauptsorge besteht nicht einmal darin, dass Heilpraktiker ihren Patienten durch obskure Therapien aktiv schaden können. Unsere Hauptkritik zielt auf anti- oder pseudowissenschaftliche Ansätze in der Versorgung und auf fehlende Kompetenzen im Erkennen medizinischen Behandlungsbedarfs. Und das Ganze mit staatlicher Anerkennung.
SZ: Wer als Heilpraktiker arbeiten will, benötigt eine staatliche Zulassung. Ist das keine Garant für bestimmte Standards?
Schöne-Seifert: Nein, im Gegenteil. Die staatliche Zulassung ist ein wesentlicher Teil des Problems. Wenn ein Patient zu einem Heilpraktiker geht, sollte er eindeutig wissen, dass er den Bereich wissenschaftlicher Plausibilität und Sicherung verlässt. Weil es aber in Deutschland eine staatliche Anerkennung des Heilpraktikerwesens gibt, suggeriert dies den Kranken, dass diese alternative Behandlungswelt staatlich angemessen reguliert und qualitätskontrolliert wird. So ist das ja auch in anderen Lebensbereichen der Fall, etwa in der Flugsicherheit. Im Heilpraktikerwesen aber sind diese Qualitätsunterstellungen grundfalsch. Wir fordern daher, den Beruf abzuschaffen oder aber radikal zu reformieren.
W.S.: Ich habe es selbst miterlebt, wie Heilpraktiker großen Schaden anrichten.
1697: Arbeitgeberpräsident: Wir sind auf einem guten Weg.
Sonntag, September 17th, 2017Der Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer, 64, ein Ingenieur, der in Bremerhaven ein Familienunternehmen führt, ist von Tobias Kaiser und Dorothea Siems für die „Welt“ (16.9.17) interviewt worden.
Welt: Wir sehen allerdings bei der Integration der Flüchtlinge, wie schwierig das sein kann.
Kramer: Finden Sie? Das sehe ich anders. Eine Million Menschen sind in den vergangenen Jahren als Flüchtlinge nach Deutschland gekommen, und 200 000 davon arbeiten bereits in Betrieben, sei es als Praktikanten, in Ausbildung oder als Beschäftigte. Das ist ein großer Anteil, vor allem, wenn sie bedenken, dass viele Flüchtlinge noch in Deutschkursen sind, Kinder und Alte nicht arbeiten können und viele Frauen aus traditionellen Gründen gar keine Arbeit suchen. Das heißt, wir sind auf einem verdammt guten Weg.
…
1696: Konservative sind glücklicher.
Samstag, September 16th, 2017Die französische Ökonomin Pauline Grosjean, die lange in Großbritannien und dann in den USA gelebt hat, erforscht gegenwärtig Paarbeziehungen in Australien. Sie macht nebenbei weitere Entdeckungen. So hat sie herausgefunden, dass Konservative grundsätzlich glücklicher sind als Nicht-Konservative.
„Konservative haben in der Regel einen höheren Selbstbezug, weshalb sie sich weniger durch die Probleme anderer oder globale Veränderungen beeinflussen lassen.“ (Ricarda Richter, Die Zeit 31.8.17).
1695: Theodor Storm 200
Freitag, September 15th, 2017Zu einer Kindheit in den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, in der vorgelesen und gelesen wurde, gehörten wie selbstverständlich Figuren wie
Pole Poppenspäler und Hauke Haien.
Sie stammten von
Theodor Storm (1817-1888).
Er steht wohl für einen norddeutsch gefärbten „bürgerlichen Realismus“ und war keineswegs so unbedeutend, dass es gerechtfertigt wäre, seinen 200. Geburtstag zu übergehen (ich finde nämlich wenig über ihn in der Presse).
Storm stammte aus Husum und schrieb schon als 15-jähriger Schüler Gedichte, die in Zeitungen veröffentlicht wurden. Er studierte Jura in Kiel und Berlin, wo er zeitweilig in einer Wohngemeinschaft mit dem Historiker und Literaturnobelpreisträger Theodor Mommsen (1817-1903) und dessen Bruder Tycho lebte. Mit ihnen gab Storm eine Sammlung schleswig-holsteinischer Lieder, Märchen und Sagen heraus. Storm hatte ein Faible für sehr junge Damen, was ihm heute Überlegungen über Pädophilie einträgt. 1846 heiratete er. Aus der Ehe gingen sieben Kinder hervor. Storm arbeitete als Jurist, überwiegend als Amtsrichter. So von 1856 bis 1864 in unserer Nähe, in Heiligenstadt/Thüringen. Dort gibt es heute das Literaturmuseum „Theodor Storm“ und am Eingang der Fußgängerzone eine Bronzestatue Storms in Originalgröße. Danach ging Storm wieder in seine nordfriesische Heimat zurück.
Als Liberaler fühlte sich Storm im Milieu preußisch Konservativer und Juristen nicht immer wohl. Nach dem Tod seiner Frau heiratete er 1866 zum zweiten Mal. 1870 kam der damals 15-jährige Ferdinand Tönnies als Korrekturleser zu Storm und wurde sein Freund. Tönnies (1855-1936) gehört zu den Mitbegründern der Soziologie in Deutschland.
1849 veröffentlichte Storm das Märchen „Der keine Häwelmann“. Er hatte schon vorher Gedichte publiziert. 1852 erschien „Die Stadt“ („Am grauen Strand, am grauen Meer/ Und weitab liegt die Stadt;/ Der Nebel drückt die Dächer schwer/Und durch die Stille braust das Meer/Eintönig um die Stadt. …“ Wir kennen von ihm Adventsgedichte: „Von drauß‘ vom Walde komm ich her; …“ Das ist heute möglicherweise alles vergessen. 1849 erschien die Novelle „Immensee“, die 1943 von Veit Harlan verfilmt wurde (mit Kristina Söderbaum, Carl Raddatz, Paul Klinger, Malte Jäger), 1874 „Pole Poppenspäler“. Theodor Storms in seinem Todesjahr 1888 veröffentlichte Novelle „Der Schimmelreiter“ über den Deichgrafen Hauke Haien ist sein berühmtestes Werk.
1694: Kate Millett gestorben
Freitag, September 15th, 2017Kate Millett (geb. 1934), eine Feministin der ersten Stunde in den USA, ist gestorben. Ihr Hauptwerk „Sexus und Herrschaft“ (1970) war eine Generalabrechnung mit dem modernen Patriarchat. „Im Patriarchat entwickelte sich der Begriff des Eigentums von seinem einfachen Ursprung der Frau als beweglicher Habe (…). Die Unterwerfung der Frau unter den Mann ist natürlich weit mehr als ein wirtschaftliches oder politisches Ereignis; sie ist ein totales gesellschaftliches und psychologisches Phänomen.“
Millett entlarvte die männliche Sexualität als Herrschaftsinstrument. Das hatte sie bei D.H. Lawrence, Henry Miller und Norman Mailer entdeckt. Millett war radikal. Ihre Kritik der patriarchalischen Kleinfamilie ist bis heute nicht veraltet. Millett war manisch-depressiv, Zwangseinweisungen ließen sie zur Anti-Psychiatrie-Aktivistin werden. In den achtziger jahren bewirtschaftete Kate Millett eine Farm im Staat New York. Sie verarmte und wurde vergessen (Heide Oestreich, taz 8.9.17).
1693: Nicht-Wähler
Freitag, September 15th, 2017Wer nicht wählen geht, wählt seinen stärksten politischen Gegner.
1692: Unsere Ostdeutschen – hervorgegangen aus der DDR
Freitag, September 15th, 20171. Die DDR-Bürger hatten es wirklich nicht leicht mit ihrem Staat. Ausgesucht hatten sie ihn sich nicht. Es war keine Demokratie, sondern eine Diktatur, kein Rechtsstaat. Der Staat war wirtschaftlich schwach. Es gab keine annähernd geeignete politische Bildung. In der DDR herrschten Günstlingswirtschaft und Propagandamedien, die ganz und gar unglaubwürdig waren.
Daraus sind überwiegend unsere Ostdeutschen hervorgegangen (und das wird nicht in einer Generation überwunden, sondern setzt sich fort bis ins dritte und vierte Glied).
2. Gesellschaft und Staat waren in der DDR straff organisiert, streng stukturiert. Von der Wiege bis zur Bahre war alles geregelt, es ging seinen sozialistischen Gang (wie die SED ihn für richtig hielt).
3. Das alles lag am real existierenden Sozialismus unter Führung der Sowjetunion.
4. Daraus erwachsen heute die Hetze und die Hasstiraden gegen die Bundesrepublik („Lügenpresse“), gegen Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). Daher kommen Pegida und AfD (hier gibt es noch andere Quellen, Alexander Gauland etwa war 40 Jahre in der CDU).
5. Die Wessis seit 1989 haben ihren Teil zu der Entwicklung beigetragen. Sie hatten keine Ahnung vom real existierenden Sozialismus in der DDR. Und sie wollten den deutschen Osten auch nicht kennenlernen. Vorurteile bestimmten die Wahrnehmung. Wir DDR-Forscher fanden kaum Gehör. Vorherrschend war hochmütige Arroganz.
6. Infolgedessen fühlten sich viele Ostdeutsche vernachlässigt, gedemütigt, beleidigt, gekränkt, herablassend behandelt. Sie entwickelten ein von Ängsten geprägtes Weltbild.
7. Vorherrschend wurde in Ostdeutschland das Gefühl, Opfer der Verhältnisse in Deutschland zu sein. Das war nicht vollkommen unberechtigt. Und manchmal entstand die Vorstellung, dass man sich wehren müsse. Daraus gingen die neuen Neonazis, die Kameradschaften in Thüringen und die NSU-Mörder hervor.
8. Selbstmitleid bestimmte das Selbstwertgefühl.
9. Demgegenüber sprechen das politische System und die Massenmedien in Deutschland überwiegend davon, dass es Deutschland gutgehe. Das sehen viele unserer Ossis ganz anders.
10. Insbesondere die Ostdeutschen Angela Merkel (CDU), die Bundeskanzlerin, und Joachim Gauck (SPD), der gewesene Bundespräsident, waren es, die den Ostdeutschen mit ihrer Freiheits-Rhetorik das Gefühl vermittelten, dass ihre Lebensleistung nicht anerkannt werde. Daher resultieren die sonst unverständlichen Reaktionen vieler Ossis auf die Herausforderungen der Gegenwart.
1691: Unmögliches Gottesbild
Mittwoch, September 13th, 2017Für das SZ-Magazin wurde Heiner Geißler am 28. August zum letzten Mal interviewt (von Thomas Bärnthaler und Alex Rühle) (SZ 13.9.17). Dort äußert sich Geißler über sein Gottesbild:
„Es muss Streit geben über das Gottesbild der katholischen und protestantischen Theologie. Solch einen Gott kann es nicht geben. Auf der einen Seite erschafft er die Welt so, wie sie ist, was ja im Glaubensbekenntnis betont wird. Gleichzeitig hat er solch einen Pfusch geschaffen, dass er seinen eigenen Sohn in einem etwas komplizierten Manöver mit Hilfe einer Jungfrau auf die Welt gebracht hat, der dann in solidarischem Auftreten und Handeln sich an die Seite der leidenden Menschheit gestellt und alle Mühen und Leiden durchlitten hat, die andere auch erleiden, und dadurch die Welt erlöst hat. Was soll das für ein allmächtiger Gott sein, der erst eine Welt schafft, die dann aber so schlecht ist, dass sie vom eigenen Sohn wieder erlöst werden muss?“
1690: Documenta hat Finanzprobleme.
Mittwoch, September 13th, 2017Der Documenta 14 hat die Insolvenz gedroht. Das teilte der Vorsitzende des Aufsichtsrats und Kasseler Oberbürgermeister Christian Geselle (SPD) mit. Der Betrieb bis zu ihrem planmäßigen Abschluss am 17. September 2017 sei aber gewährleistet. Kurzfristig wurden offenbar Gläubiger um Stundung gebeten. Die Documenta 14 gab es erstmals neben Kassel auch in einer anderen Stadt – in Athen. Der Gesamtetat lag bei 37 Millionen Euro. Jeweils sieben Millionen kamen von der Stadt Kassel und dem Land Hessen sowie viereinhalb Millionen Euro von der Kulturstiftung des Bundes. Die andere Hälfte sollte die Documenta selbst erwirtschaften. Etwa durch Eintrittsgelder (afp, SZ 13.9.17).