Archive for the ‘Gesellschaft’ Category

1729: Wo steht die SPD ?

Sonntag, Oktober 29th, 2017

Als Bürgermeister Hamburgs hat Olaf Scholz bei den gewalttätigen Auseinandersetzungen um den G 20-Gipfel versagt. Nun legt er ein Papier zur Lage der SPD vor: „Keine Ausflüchte! Neue Zukunftsfragen beantworten! Klare Grundsätze!“. Es soll eine schonungslose Betrachtung sein. Scholz möchte keine „Ausflüchte“ mehr. Die Probleme seien „grundsätzlicher“. Die Wahlniederlage könne, so Scholz, nicht auf eine fehlende Mobilisierung der eigenen Anhänger oder auf die mangelnde Fokussierung auf soziale Gerechtigkeit zurückgeführt werden.

Dann kommt der Kern seiner Argumentation: Auch in Zeiten der Globalisierung und Digitalisierung werde wirtschaftliches Wachstum „eine zentrale Voraussetzung sein, um eine fortschrittliche Agenda zu verfolgen“. Die SPD müsse Wachstum aus Überzeugung anstreben, sie werde seit langem als „zu taktisch“ wahrgenommen.

Dagegen hatte Parteichef Schulz in letzter Zeit wieder die „Systemfrage“ gelten lassen und mehr „Mut zur Kapitalismuskritik“ gefordert (Christoph Hickmann, SZ 27.10.17). Wohl in Richtung auf Andrea Ypsilanti? Da können wir ja nicht einmal mehr lachen. Nach Meinung der SPD-Linken muss die SPD „linker“ werden. Scholz spricht für die SPD-Rechte. Er hat Recht.

Jasper von Altenbockum (FAZ 28.10.17) sieht die SPD so: „Sie hat den Kontakt zu einer Wählerschaft verloren, die einen linksliberalen Klimbim nicht mitmachen will, der die Grünen und die Linkspartei nachäfft.“

1728: Vatikan sieht Luther-Jahr positiv.

Sonntag, Oktober 29th, 2017

Vielleicht sieht der Vatikan das Luther-Jahr 2017 positiver als viele Protestanten. Papst Franziskus hat immerhin schon 2016 festgestellt, dass „Luthers Absichten nicht falsch“ waren. Ein gemeinsamer liturgischer Leitfaden wurde beim Geburtstag des Lutherischen Weltbunds (LWB) am Reformationstag 2016 im schwedischen Lund vorgestellt. Da kann es nicht ausbleiben, dass sich katholische Kritiker der ökumenischen Beschleunigung ärgern. Der Papst gebe sein Alleinstellungsmerkmal als Nachfolger Petri auf, heißt es.

In der Perspektive des Vatikans ist die katholische Kirche heute ähnlich vielfältig wie der Protestantismus. Der Luther-Experte des Vatikans, Professor Giancarlo Pani, sagt: „Die Nähe wirkt endlich stärker als der Unterschied.“ Papst Franziskus bewege sich genau in der Richtung der Vorgaben des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-1965). In der gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre 1999 habe man einen ersten Höhepunkt der Gemeinsamkeit feiern können. Danach war Luther kein Ketzer, sondern ein „Vater des Glaubens und gemeinsamer Lehrer“.

In der evangelischen Kirche Roms sagte Papst Franziskus bereits 2015: „Die katholische Kirche muss mutig und ehrlich die Absichten der Reform und Luthers im Sinne einer sich immer wieder reformierenden Kirche neu bewerten.“ (Jörg Bremer, FAZ 28.10.17)

1727: „Hoppy“ Kurrat ist tot.

Sonntag, Oktober 29th, 2017

Im Alter von 75 Jahren ist Dieter „Hoppy“ Kurrat nach langer Krankheit gestorben. Er hat 612 Spiele für Borussia Dortmund absolviert. 1963 gewann er mit der Mannschaft den deutschen Meistertitel, 1966 den Europapokal. Spielte bis 1972 in der ersten Mannschaft. Er war der Typ des Beißers im Mittelfeld. Die richtigen Fußballfans schätzen solche Spieler, auch wenn sie möglicherweise nicht die allerhöchste Qualität haben und nicht in der Nationalmannschaft spielen. Spieler wie „Hoppy“ Kurrat waren und sind glaubwürdig. Seinen Spitznamen hatte Kurrat von dem Westernhelden Hopalong Cassidy (SZ 28./29.10.17).

1726: Kulturelle Propaganda des Westens

Donnerstag, Oktober 26th, 2017

Im Berliner Haus der Kulturen der Welt (der früheren „Kongresshalle“, in der ich Mitte der sechziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts einige Feste mitgefeiert habe) beginnt nächste Woche die Ausstellung „Parapolitik: Kulturelle Freiheit und Kalter Krieg“. Es geht dabei in erster Linie um die Einflussnahme der „Central Intelligence Agency“

(CIA), des US-Geheimdienstes,

auf deutsche Intellektuelle und Künstler in der Nachkriegszeit. Insbesondere auf solche, die sich als nicht-kommunistische Linke verstehen. Im Mittelpunkt steht dabei der Kongreß für die kulturelle Freiheit (CCF) 1950, der von Antikommunisten wie

Arthur Koestler und Raymond Aron

dominiert wird. Kuratiert wird die Ausstellung von Anselm Franke, der dazu von Katrin Lorch interviewt wurde (SZ 25.10.17):

SZ: Und warum hatte ein Schriftstellerkongress so eine Bedeutung?

Franke: Der CCF unterhielt später ein nahezu globales Netzwerk, er unterstützte und unterhielt bis zu

fünfzig überwiegend literarische Zeitschriften

in etwa vierzig Ländern von Südafrika über Lateinamerika  bis hin zu Korea oder den Philippinen, er war weltweit an der Organisation von Festivals und Ausstellungen beteiligt, wichtige Infrastrukturen.

SZ: Zeigt sich darin nicht einfach eine Nachfrage nach neuen Formen der Debatte?

Franke: Sicherlich. Es ging ja nicht zuletzt auch um die Suche nach

„dritten Wegen“,

um Diskurse jenseits der Ideologie. Aber im Rückblick zeigt sich eben auch der durch und durch ideologische Charakter des Freiheitsdiskurses und, wie wir heute sehen, auch dessen Fragilität. Eine Publikation wie die New Yorker „Partisan Review“ war das Vorbild für das vom CCF gegründete deutsche Magazin

„Der Monat“

mit einem kultivierten und überwiegend literarischen, aber auch deutlich

konservativen

Kurs: Brillante Essayisten schrieben Kritiken, die sich bedeutender gaben als die Literatur selbst.

 

1725: Bildungsschub durch Reformation

Mittwoch, Oktober 25th, 2017

Das Reformationsjubiläum 2017 war bisher noch kein rauschender Erfolg. Weder was die Besucherzahlen noch was den geistigen Gehalt der Diskurse angeht. Vielmehr machen sich Autoren wie Günter Franzen über Luthers „deutsches Bodenpersonal“ lustig, das in diesem Fall von der Jubiläumsbeauftragten Margot Käßmann verkörpert wird (FAS 8.10.17). Aber die Wissenschaft arbeitet weiter. So hat der Bildungsökonom Ludger Wößmann (LMU München) Thesen zu dem Bildungsschub vorgelegt, der durch die Reformation ausgelöst worden ist.

  1. Die Reformation löste einen Bildungsschub aus.
  2. Mädchen profitierten vom protestantischen Bildungsschub stärker als Jungen.
  3. Die bessere Bildung der Protestanten erklärt weitgehend ihren wirtschaftlichen Vorsprung.
  4. Die Bildung der Bevölkerung spielte eine wichtige Rolle in der industriellen Revolution.
  5. Die steigende Bildung trug auch zum demografischen Übergang (durch weniger Kinder) am Ende des 19. Jahrhunderts bei.
  6. Die Zuwanderung gut gebildeter Hugenotten beförderte die technologische Entwicklung.
  7. Der Protestantismus führte zu einer deutlichen Erhöhung der Selbstmordrate.
  8. Durch die Reformation wählten Studierende eher säkulare als religiöse Fächer und Berufe.
  9. Der Bildungsschub trug zu sinkendem Kirchenbesuch und damit zur Säkularisierung bei.

Wössmann fügt fünf Thesen an, welche die Bildungsökonomik in der Aueinandersetzung mit den sozialwissenschaftlichen Klassikern Karl Marx (1818-1883), Sigmund Freud (1856-1939), Émile Durkheim (1858-1917) und Max Weber (1864-1920) gefunden hat:

  1. Die von Max Weber postulierte „protestantische Arbeitsethik“ kann den wirtschaftlichen Vorsprung nur bedingt erklären.
  2. Die in der Wirtschaftsgeschichte gängige Ansicht, dass Bildung in der industriellen Revolution keine Rolle spielte, kann so nicht aufrecht erhalten werden.
  3. Die höhere Suizidneigung unter Protestanten ist eher soziologisch als theologisch zu erklären.
  4. Die Befunde zum Kirchenbesuch sind konsistent mit Sigmund Freuds Ansichten zu Religion und Bildung.
  5. Religion fungiert eher nicht als das von Karl Marx propagierte „Opium des Volkes“ (Die Zeit 12.10.17).

1724: Angela Merkel trifft Deniz Yücels Frau.

Mittwoch, Oktober 25th, 2017

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat am Rande der konstituierenden Sitzung des Deutschen Bundestags in ihrem Büro mit der Ehefrau, Dilek Mayatürk-Yücel, des seit acht Monaten unter nicht-rechtstaatlichen Verhältnissen in der Türkei in Untersuchungshaft sitzenden Journalisten Deniz Yücel („Die Welt“) gesprochen. Yücel wird der Spionage und des Terrorismus bezichtigt. Eine Anklage ist noch nicht erhoben worden (SZ 25.10.17).

1723: Ingeborg Bachmann und Paul Celan

Dienstag, Oktober 24th, 2017

Zwischen Ingeborg Bachmann (1926-1973) („Die gestundete Zeit“) und Paul Celan (1920-1970) („Todesfuge“) gab es eine zur Mythisierung prädestinierte Schriftstellerliebe im vergangenen Jahrhundert (vgl. hier 1160 und 1423). Beide waren die wesentlichen deutschsprachigen Dichtergestalten der Nachkriegszeit. Als sie sich 1948 in Wien kennenlernten, war Paul Celan der Jude aus Czernowitz, dessen Eltern von den Nazis ermordet worden waren. Er selbst hatte ein rumänisches Arbeitslager überlebt und war nun

„displaced person“.

Ingeborg Bachmann, die fünfeinhalb Jahre Jüngere, die Tochter eines früh in die NSDAP eingetretenen Schuldirektors aus Klagenfurt. Das größte Verbrechen des 20. Jahrhunderts stand „zwischen“ ihnen.

Von dieser Beziehung wusste die literarische Öffentlichkeit lange Jahre nichts. Immerhin ist ihr Briefwechsel 2008 publiziert worden:

Herzzeit. Ingeborg Bachmann – Paul Celan. Der Briefwechsel. Mit den Briefwechseln zwischen Paul Celan und Max Frisch sowie zwischen Ingeborg Bachmann und Gisèle Celan-Lestrange. Frankfurt am Main (Suhrkamp) 2008, 399 Seiten.

Der Briefwechsel lässt sehr tief blicken. In eine schwierige und letztlich scheiternde Beziehung.

Nun publiziert der Literaturkritiker Helmut Böttiger, geb. 1956,

„Wir sagen uns Dunkles“. Die Liebesgeschichte zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan. München (dva) 2017, 272 Seiten.

„(Böttiger) verleiht dem Verhältnis von Bachmann und Celan, …, Transparenz, ohne die Beteiligten zu entblößen und ohne auch nur in die Nähe eines raunenden oder bedeutungsschwangeren Tons zu geraten. Er bettet die Beziehung in ihren historischen Kontext ein, entfaltet, quellengesättigt und atmosphärisch, das kulturelle Panorama der Nachkriegszeit und legt dabei die Dynamiken eines seine Kräfteverhältnisse neu auslotenden Literaturbetriebs frei, innerhalb dessen sich die beiden jungen Dichter zu etablieren versuchten, was zwangsläufig auch in ihr Verhältnis hineinspielen musste.“ (Wiebke Porombka, FAZ 7.10.17) Das Liebesgespräch unserer Protagonisten setzte sich fort bis hinein in Ingeborg Bachmanns 1971 erschienen Roman „Malina“. Die Geschichte hat ihren Platz in der Literatur.

Ein neuralgischer Punkt ist die Tagung der Gruppe 47 im Mai 1952 in Niendorf. Bachmann und Celan lesen dort, werden aber möglicherweise nicht verstanden. Bachmann versagt die Stimme. Und Celan gewinnt den Eindruck, schutzlos antisemitischen Ressentiments ausgesetzt zu sein. Walter Jens hat 1976 die Tagung in Niendorf des Antisemitismus bezichtigt. Hans-Werner Richter hatte sich dazu hinreißen lassen, Celans Vortrag mit Goebbels zu vergleichen. Bachmann flehte Richter weinend an, sich bei Celan zu entschuldigen. Eine tolle Lage im deutschen Literaturbetrieb.

Paul Celan ging 1970 in die Seine, Ingeborg Bachmann verbrannte 1973 in Rom.

1722: Deutsche Unternehmen wollen einen harten Brexit.

Montag, Oktober 23rd, 2017

Deutsche Unternehmen wollen einen harten Brexit. Großbritannien müsse seine finanziellen Verpflichtungen anerkennen. Das sagte der Leiter der Außenwirtschaftsabteilung des Bundesverbands Außenhandel, Großhandel, Dienstleistungen (BGA), Gregor Wolf. Die Unternehmen verstünden die politische Tragweite der Verhandlungen und ließen sich nicht von kurzfristigen Interessen leiten. Sie seien auch bereit, den Preis eines Scheiterns zu bezahlen.

„Ein chaotischer Brexit würde unsere Mitglieder hart treffen. Es würde sie aber noch härter treffen, wenn der europäische Binnenmarkt geschwächt wird. Deshalb lehnen wir Sonderabsprachen mit Großbritannien ab. Das würde nur zu einer Rosinenpickerei führen und damit zum Zerfall der Union und des gesamten Marktes.“ (T.G., FAS 22.10.17)

1721: Christopher Clark gegen Referenden in Europa

Sonntag, Oktober 22nd, 2017

Durch sein Buch „Die Schlafwandler“ (2012) über den Beginn des Ersten Weltkriegs hat sich der britische Historiker Christopher Clark, der in Cambridge lehrt, bei der Linken endgültig unbeliebt gemacht. Manchmal wird er dort gehasst. Ich habe darüber hier unter den Nummern

306, 470, 475, 599, 606 und 697

geschrieben. Die seriöseste Clark-Kritik haben 2017

Klaus Gietinger und Wilfried Wolf

in ihrem Buch „Der Seelentröster“ geliefert. Clark arbeitet auch für das ZDF. Für den Sender ist er monatelang durch ganz Europa gereist, um in seiner sechsteiligen „Europa-Saga“ (erste Folge: 22.10., 19.30 Uhr) zu erkunden, ob die Einheit Europas gefährdet ist. Dazu hat ihn Teresa Pfützner für „Die Welt“ (21.10.17) interviewt.

Welt: Heinrich Mann hat gesagt: „Das übernationale Gemeinschaftsgefühl der Europäer ist reine Erfindung der Dichter.“ Wie haben Sie das auf ihrer Reise durch den Kontinent für die „Europa Saga“ erlebt: Ist das europäische Gemeinschaftsgefühl Dichtung oder Wahrheit?

Clark: Wahrheit. Auch, wenn Wahrheiten sich oft aus der Dichtung ergeben, jedes Nationalgefühl und jede Identität sind schließlich

konstruiert.

Ein starkes europäisches Gefühl habe ich besonders bei Menschen zwischen 18 und 25 Jahren erlebt, ob in den Niederlanden, Spanien oder sogar Griechenland – ich dachte, dort wären die Menschen von der EU traumatisiert! Auch in Kiew habe ich ein positives Europabild erlebt. Für sie ist Europa aber eher ein Traumbild, ein Land der unbegrenzten Möglichkeiten.

Welt: Für die Briten war es offenbar eher ein Albtraumbild. Wie empfinden Sie den Brexit?

Clark: Ich bedaure das Ergebnis sehr, auch wenn nicht feststeht, wie der Brexit am Ende aussehen wird. Ich habe die Entscheidung, ein Referendum durchzuführen, immer für einen schrecklichen Fehler gehalten. Plebiszite werden in vielen Ländern, auch Deutschland, nicht durchgeführt oder sind nicht erlaubt. Aus gutem Grund, in der Geschichte waren Volksabstimmungen eher ein Instrument von Diktaturen als von Demokratien. Napoleon III. hat ständig Referenden durchführen lassen, und auch

Hitler

hat sie benutzt: Ob die Volksabstimmung zur Angliederung Österreichs, die Saarabstimmung im jahr 1935 oder letztendlich die Frage, ob dem Führer mehr Machtbefugnisse zugesprochen werden sollen. Nein, ich sehe in Referenden oft nicht den Willen des Volkes verwirklicht.

Welt: Nach dem Einzug der AfD in den Bundestag kursierten in den sozialen Medien am Wahltag Sprüche wie „Heute war der letzte Tag, an dem Deutschland behaupten konnte, aus seiner Geschichte gelernt zu haben.“ Wie bewerten Sie das?

Clark: Ich finde das intellektuell ziemlich schwach, vielleicht sogar ein bisschen dumm. Erstens ist die Tatsache, dass eine Partei wie die AfD Erfolge erzielt hat, kein ausschließlich deutsches Phänomen. Vielmehr spiegelt sich dadurch auch in Deutschland die aktuelle europäische Situation wider – aber in Deutschland ist das Phänomen des Aufstiegs nationalistischer Parteien sogar eher weniger entwickelt als in anderen Ländern. Zweitens ist die AfD eine ziemlich lose Konstellation, die mit vielen Stimmen spricht. Es gibt eine rechtsextreme Ecke in der Partei, in der nationalsozialistisches Gedankengut vorhanden ist. Das ist schrecklich! In der AfD sind aber auch Wutbürger, die wegen Themen wie Wohnungsnot in die Politik gegangen sind.

Welt: Welche historischen Erfahrungen sind entscheidend für unsere Identität als Europäer?

Clark: Der dreißigjährige Krieg (1618-1648) war ein gesamteuropäisches Ereignis, aus dem sich durch den Westfälischen Frieden auch erstmals eine europäische Ordnung ergeben hat. In den Nachrichtenblättern von damals gewann der Begriff von Europa immer mehr an Gewicht. Der Erste und Zweite Weltkrieg haben ein Gefühl dafür gegeben, was Europa ist. Erst dadurch, dass Europa sich selbst bekriegt hat, dann dadurch, dass man überlegt hat, wie man in Zukunft einen solchen verheerenden Krieg auf dem Kontinent verhindern kann.

 

1720: Wenige einfache Gedanken über eine gerechte Gesellschaft

Donnerstag, Oktober 5th, 2017

1. Sehr vielen, mit denen ich spreche, steckt der Schock über das AfD-Wahlergebnis noch in den Knochen.

2. Unsere Gesellschaft hat durchaus Erfolge vorzuweisen: z.B. eine höhere Lebenserwartung, eine niedrigere Kindersterblichkeit, mehr materiellen Wohlstand. Wir kennen die Kosten, die kommende Generationen zu tragen haben, wie den Klimawandel oder die ungeklärte Endlagerung von Nuklearabfällen.

3. Die Errungenschaften der westlichen Demokratien werden manchmal selbst von solchen Menschen abgelehnt, die deren Erfolge nicht glaubhaft leugnen können.

4. 40 Jahre Kommunismus (real existierender Sozialismus) lassen sich nicht von heute auf morgen überwinden. Hier liegt der Hauptgrund für unser Bundestags-Wahlergebnis.

5. Noch nicht gelungen ist in unserer Gesellschaft eine gerechte Verteilung (Einkommen, Gehälter, Vermögen) und Umverteilung (Steuern).

6. Weit verbreitet ist die Angst vor der Dynamik der kapitalistischen Gesellschaft. Angst machen die Globalisierung, das Fremde, der schnelle Wandel. Dabei könnten wir wissen, dass Deutschland Profiteur davon ist.

7. Die Furcht vor dem schnellen Wandel lässt Werte wie Heimat wichtiger werden.

8. Einige Mitglieder unserer Gesellschaft sind tatsächlich abgehängt. Hauptsächlich weil es ihnen an Ausbildung und Bildung fehlt. Hier liegt das zentrale Feld erfolgreicher sozialer Entwicklung.

9. Wenn Einzelne und Gruppen keine Chance zum Aufstieg mehr sehen, werden sie zu Protestierern. Sie geben ihre Stimme dann Parteien, von denen nicht erwartet wird, dass sie Probleme lösen.

10. Die großen Veränderungen von 1789, 1917, 1933 und 1989 waren zum geringsten Teil Produkte politischer Theorie, sondern beruhten darauf, dass Menschen in Not waren, Ungerechtigkeit empfanden und sich anders nicht mehr zu helfen wussten.

11. Mit faulen Sprüchen wie „Jeder ist seines Glückes Schmied“ lassen sich Menschen heute nicht mehr hinters Licht führen. Auch nicht mit falschen Behauptungen vom „trickle down“, wonach das Wachstum von Einkommen und Vermögen bei den gut Situierten früher oder später auch bei der breiten Bevölkerung ankommt. Diese Sprüche sind in den USA weit verbreitet.

12. In unserem Bildungssystem müssen die Schutzbefohlenen wieder Lesen, Schreiben und Rechnen lernen und die darauf aufbauenden Fertigkeiten. Dazu zählen nicht zuletzt die politische Bildung und die Digitalisierung. Schluss mit der Zertifizierungspolitik, wo alle ein Zertifikat bekommen, manche davon aber nicht den Stoff beherrschen.

13. Wir dürfen nicht über die Ungerechtigkeiten unserer Gesellschaft einfach hinweggehen wie etwa über die explodierenden Mieten und Wohnungspreise.

14. Erbschaften spalten unsere Gesellschaft. Diese Spaltung darf nicht noch durch eine falsche Steuersenkungspolitik (für die Reichen) vertieft werden.

15. Wenn Eltern Nachhilfe nicht bezahlen können, Musikunterricht nicht finanzieren und wenn sie keinen Praktikumsplatz in London vermitteln, haben ihre Kinder schlechte Chancen.

16. Wenn diejenigen, die sich als Liberale verstehen (to whom it may concern), statt als Anwälte für die Entfaltung Einzelner aufzutreten, die Partikularinteressen Vermögender schützen, tun sie das für unsere Gesellschaft Falsche.

17. Schenkungen, Stiftungen und Spenden von Reichen sind grundsätzlich gut, können aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass dann die Reichen die gesellschaftlichen Entscheidungen treffen.

18. Unser Grundgesetz gibt uns einen guten Rahmen für unsere bürgerlich-parlamentarische Demokratie. Sie braucht Bürger, keine Helden.

19. Unser Motto lautet: keine Visionen und großen Würfe, wo aus einem Grund alles geheilt wird, sondern das tägliche, beharrliche Verbessern des uns durchschnittlich Gegebenen, das Muddling through.

20. Wir müssen Europa bauen.