Archive for the ‘Gesellschaft’ Category

1760: Atomwaffen – nicht ächten !

Freitag, November 17th, 2017

Der Bonner Emeritus für Politikwissenschaft, Christian Hacke, beschäftigt sich mit der Rolle von Atomwaffen in der Weltpolitik (SZ 15.11.17). Ich fasse seine Argumente in zehn Punkten zusammen:

1. Der Friedensnobelpreis für die Anti-Atom-Organisationen ist moralisch verständlich, aber politisch irreführend.

2. Die konventionelle Abschreckung ist gescheitert, das zeigt insbesondere die Zeit zwischen 1914 und 1945.

3. Der kalte Krieg hat dafür gesorgt, dass es keinen Krieg gab.

4. Die Atommächte USA, Russland, China, Großbritannien und Frankreich wollen nicht auf Atomwaffen verzichten. Israel besitzt bald die Zweitschlagsmentalität. Und Indien, Pakistan und Nordkorea halten an ihren Atomwaffen fest.

5. Der Trend zur Weiterverbreitung von Atomwaffen ist stärker geworden.

6. Die Mächte, die über Atomwaffen verfügen, genießen Prestige. Sie haben die Waffen zur eigenen Sicherheit. Gerade Diktaturen wie Russland und China versuchen, sich mit Hilfe von Atomwaffen zu festigen.

7. Demokratische Nuklearmächte schrecken nukleare Diktaturen ab und sorgen für ein globales Gleichgewicht.

8. Eine Abschaffung der Atomwaffen (die de facto nicht möglich ist) würde den konventionellen Rüstungswettlauf wieder anheizen.

9. Die Vision von der atomwaffenfreien Welt würde den freien Westen schwächen, autoritäre Regimes stärken und die stabilisierende Rolle von Atomwaffen negieren.

10. „Abgestufte Abschreckung unter Einbeziehung strategischer und taktischer Nuklearwaffen bleibt für die Stabilität und das Gleichgewicht der Weltpolitik auch im 21. Jahrhundert unverzichtbar.“

1759: Siemens: Energiewende kostet 6 900 Arbeitsplätze.

Freitag, November 17th, 2017

Siemens streicht in der Kraftwerks- und Antriebssparte 6 900 Arbeitsplätze weltweit, die Hälfte davon Deutschland. Betroffen sind die Standorte Mülheim, Offenbach, Erlangen, Berlin, Leipzig, Essen, Duisburg, Erfurt und Görlitz. Das kommt von der Energiewende. Überall verdrängen kleine dezentrale Anlagen Großkraftwerke mit ihren riesigen Gasturbinen. Immer mehr Haushalte werden von Konsumenten zu Produzenten und speisen selbst Strom ins Netz ein. Entwickelt werden große Energiespeicher, dadurch sind zunehmend Großkraftwerke überflüssig. Und die Konkurrenz etwa bei Windanlagen wächst global. Das ist für den Endabnehmer gut. Das Erneuerbare-Energien-Gesetz ist grundsätzlich richtig, muss aber dringend nachgebessert und flexibler gestaltet werden, damit nicht der kleine Privatkunde die Zeche zahlt.

Widerstand dagegen kommt von der IG Metall und von der Politik. Der sächsische Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU), der bereits seinen Rücktritt angekündigt hat, bezeichnete die Schließung von zwei Standorten in Sachsen als „unverantwortlich“. Und Sachsens Wirtschaftsminister Martin Dulig (SPD) zeigte sich „wütend und empört“ (Caspar Busse/Thomas Fromm SZ 17.11.17; Markus Balser SZ 17.11.17).

Auf der Tagesordnung: die Nachbesserung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes.

1758: Ronald Lauder: Über NS-Raubkunst

Freitag, November 17th, 2017

Für die „Zeit“ (2.11.17) hat Stefan Koldehoff den Präsidenten des Jüdischen Weltkongresses, Ronald Lauder, über die Lehren aus dem Fall Gurlitt befragt.

Zeit: Herr Lauder, was lässt sich aus dem Fall Gurlitt lernen?

Lauder: Unzählige Opfer und deren Erben sind noch immer auf der Suche nach ihrem rechtmäßigen Eigentum. Dank Gurlitt haben Millionen von Menschen plötzlich verstanden, dass es auch Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrige das Problem im Umgang mit NS-Raubkunst weiterhin gibt und einige der Profiteure dieser Verbrechen noch immer unter uns leben. Der Druck auf jene, die sich der Vergangenheit noch nicht gestellt haben, hat zugenommen. Das Versteckspiel ist definitiv vorbei.

Zeit: Was erwarten Sie jetzt von den Ausstellungen in Bonn und Bern?

Lauder: Ich hoffe, dass die Besucher zwei Dinge verstehen werden. Erstens: Es geht hier nicht ums Geld. Es geht um moralische Verpflichtungen, die Museen und Sammlungen erfüllen müssen. Und zweitens: Der Fall Gurlitt und die Ausstellungen sind nur ein kleiner Teil des großen Ganzen. Es liegt noch viel Arbeit vor uns.

1757: Der Geist verlässt die Universität.

Donnerstag, November 16th, 2017

Jagoda Marinic beschäftigt sich (SZ 4./5.11.17) mit den „Geisteswissenschaften“. Für mich ist es selbstverständlich, dass die Naturwissenschaften, die „Geisteswissenschaften (organisiert zumeist in der Philosophischen Fakultät: Sprachen, Geschichte, Volkskunde, Völkerkunde etc.) und die „Sozialwissenschaften“ (organisiert in der Sozialwissenschaftlichen Fakultät: Politikwissenschaft, Soziologie, Wirtschafts- und Sozialpsychologie, Medienwissenschaft etc.) zur Universität gehören. Wobei die „Geisteswissenschaften“ und die „Sozialwissenschaften“ häufig unter dem Begriff Geisteswissenschaften zusammengefasst werden. Zu Recht.

Es ist keine Frage, dass die Naturwissenschaften sehr wichtig sind (hauptsächlich für den wissenschaftlich-technischen Fortschritt). Unklarer ist die Rolle der Geisteswissenschaften. Die Ausführungen von Marinic fasse ich in zehn (10) Sätzen zuzsammen.

1. An Universitäten werden mehr befristete Stellen für Wissensmanagement ausgeschrieben als für Forschung und Lehre.

2. Hörsäle werden nach Mäzenen benannt, Ehrensenatorentitel an die Chefs von Pharma-, Immobilien- und IT-Firmen vergeben.

3. Die Universität Heidelberg hat mitgeteilt, dass sie keine Geisteswissenschaften mehr im Rennen um die Exzellenz im Rennen hat.

4. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) vergibt nur 15,4 Prozent ihrer Mittel an Geisteswissenschaften.

5. Unter diesen Bedingungen wird in der Politikwissenschaft Theorie durch Empirie ersetzt.

6. Aus dem Land der Dichter und Denker ist das Land der Drittmittellangstreckenläufer geworden.

7. Es kommen immer mehr Studenten in die Universität, die Forscher und der Mittelbau sind allerdings mit Drittmittelanträgen beschäftigt und können sich nicht mit ihnen beschäftigen.

8. Forscht man nicht am besten, um Krankheiten zu bekämpfen?

9. Im Wettbewerb mit den Naturwissenschaften um die Anwendbarkeit des Gelernten für die Gesellschaft unterliegen die Geisteswissenschaften in der Öffentlichkeit.

10. Die Macht der Geldgeber zieht sich durch bis in die Nachwuchsförderung.

Fazit: Das verkennt die Aufgaben der Wissenschaft. Denn es geht schließlich nicht nur um Durchökonomisierung und Nützlichkeitsdenken. Sondern um den Geist.

1756: Ingeborg Bachmann – eine sehr kalkulierte und strategische Person ?

Sonntag, November 12th, 2017

Die Frankfurter Kulturdezernentin Ina Hartwig (früger „Frankfurter Rundschau“) hat ein Buch über Ingeborg Bachmann vorgelegt.

Ina Hartwig: Wer war Ingeborg Bachmann? Eine Biographie in Bruchstücken. Frankfurt/Main (S. Fischer) 2017, 320 S., 19,99 Euro.

Darin scheint eine andere Ingeborg Bachmann zu existieren als die „heilige Ingeborg“, die in vielen Mythen aufscheint. Julia Encke und Andreas Kilb haben sie für die FAS (12.11.17) interviewt:

FAS: Sie nennen Ihr Buch eine ‚Biographie in Bruchstücken‘. Warum?

Hartwig: Eine chronologisch geordnete Biographie hätte mich nicht interessiert. Aber es musste am Ende auch so sein, weil ein entscheidendes Kapitel, das mit Max Frisch, ungeschrieben geblieben ist. Es ist mir leider nicht gelungen, den Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Max Frisch einzusehen. Wir warten ja alle sehnsüchtig darauf, dass er publiziert wird. Also kann man zu dieser großen Geschichte nur bedingt etwas sagen. …

FAS: Wissen Sie, wie der Vater auf „Malina“ reagiert hat?

Hartwig: Nein. Wie so viele andere Familien hat auch die Bachmann-Familie über den Nationalsozialismus offenbar nicht gesprochen. Die NSDAP-Mitgliedschaft des Vaters seit 1932 ist erst am Ende der neunziger Jahre von Hans Höller herausgefunden worden.

FAS: Viele feministische Bachmann-Biographen sehen in der Schriftstellerin ein klassisches Opfer des Patriarchats. Dem scheinen Sie in Ihrem Buch vehement zu widersprechen.

Hartwig: Die ganze Opferproblematik ist nicht mein Ansatz – auch wenn sie hier und da zum Opfer geworden sein mag. Insgesamt halte ich Ingeborg Bachmann für eine sehr kalkulierte und strategische Person, die in entscheidenden Phasen ihres Lebens genau wusste, was sie wollte, und sehr viel gewagt hat. Sie hat eine zupackende, man könnte fast sagen: männliche Art gehabt, nicht nur in der Karriereplanung, sondern zum Teil auch in ihrem Verhältnis zu Männern.

FAS: Die heilige Ingeborg wäre damit ein Mythos von gestern.

Hartwig: Die heilige Ingeborg meint das Opfer, das sich mit anderen Opfern identifiziert. Wohingegen ich so weit gehen würde, zu sagen, dass ihre Identifikation mit Paul Celan fast an Anmaßung grenzte. Man kann nicht als Tochter eines ehemaligen Wehrmachtssoldaten und NSDAP-Mitglieds mit dem eigenen Vater nicht über diese Vergangenheit sprechen – und dieses Nicht-Sprechen dadurch kompensieren, dass man sich in einen staatenlosen Juden aus Czernowitz einfühlt, der beide Eltern im Holocaust verloren hat und selbst in einem rumänischen Arbeitslager war. Aber das entsprach damals dem Zeitgeist, so wurde vieles kompensiert. …

FAS: Der letzte Satz des Romans „Malina“ lautet: „Es war Mord.“

Hartwig: Dieser Satz bleibt natürlich ein ganz schreckliches Rätsel. Sie nimmt in „Malina“ die Verbrennungsmetaphorik vorweg. Wie kann das sein? Man darf nicht vergessen, dass sie sich selber mythisiert hat und in „Malina“ eben auch ihren eigenen Tod, was ihr von der Literaturkritik vorgeworfen wurde. Marcel Reich-Ranicki hat das nicht ertragen und sich geweigert, das Buch überhaupt zu besprechen. Sie hat also auch mit der eigenen Destruktivität gespielt, ihren Todestrieb stilisiert und daraus Literatur gemacht. Man muss das nicht mögen.

FAS: Sie erzählen in einem sehr unsentimentalen Ton von Ingeborg Bachmann. Das betrifft ihre Drogensucht, aber auch ihre Liebe zum „Untergrund“, wie Sie das nennen.

Hartwig: Man weiß seit längerem, dass sie drogenabhängig war. Aber was man nicht so genau wusste, ist, dass viele ihrer Freunde es damals nicht so genau wissen wollten. Am Ende hängt ihr wahnsinnig früher Ruhm mit ihrer Gefährdung, ihrer Drogensucht und ihrer Neigung zu Grenzerfahrungen wohl zusammen.

FAS: Wieso wirkte sie so stark auf Männer?

Hartwig: Sie muss ein unglaubliches Charisma gehabt haben und eine enorme Kraft. Und sie hat wirklich viel geleistet, wenn man bedenkt, dass sie nur 47 Jahre alt geworden ist. Was sie literarisch alles probiert hat in dieser Zeit, wie viele Briefwechsel sie geführt hat, das ist ja noch gar nicht alles publiziert! Sie hat hart gearbeitet und getrunken und in den letzten Jahren Tabletten in rauhen Mengen genommen – und in diesem Zustand weitergeschrieben! Aber sie hat wahrscheinlich eingesehen, dass eben dies eine Überforderung für die Männer ihrer Generation bedeutete. Außer vielleicht für Celan und Henze. … Solange der Briefwechsel nicht bekannt ist, wird Max Frisch weiter als der große Bösewicht gelten.

 

1755: Junge Muslime wollen gleiche Chancen.

Samstag, November 11th, 2017

Die dreißigjährige freie Journalistin und Bloggerin, Cigdem Toprak, die in Frankfurt/Main lebt, schreibt über junge Muslime:

„Junge Menschen muslimischen Glaubens interessieren sich nicht für muslimische Feiertage oder Gebetsräume an Universitäten. Sie wollen die gleichen Chancen auf eine gute Zukunft wie ihre Freunde deutscher Herkunft. Anerkennung wollen sie nicht für ihre Religion, sondern für die Symbiose ihrer deutschen und nicht deutschen Kultur und Lebensweisen. Sie wollen in ihrem Alltag nicht mit ihrer Religion konfrontiert und darauf reduziert werden, als Opfer gesehen oder als Sonderlinge behandelt werden. Sie wollen ein selbstverständlicher Teil dieser Gesellschaft sein und das genießen,

was Deutschland so lebenswert macht: Freiheit.

Sie wollen als säkulare Bürger dort ankommen, wo sie bereits zu Hause sind. Denn wenn sie in der Heimat ihrer Eltern sind, dann wissen alle, welchen Ort sie meinen, wenn sie nach drei Wochen sagen: ‚Ich will endlich nach Hause.‘

Sie meinen Deutschland.“ (Die Welt 11.11.17)

1754: Verkehrte Welt

Samstag, November 11th, 2017

Beim Wirtschaftsgipfel der Asien-Pazifik-Staaten trat die Volksrepublik China als Garant des Freihandels auf. Der chinesische Staatschef Xi Ping: „Offenheit bringt Fortschritt, wer sich abschottet, bleibt zurück.“ Die

Globalisierung

bezeichnete er als „unumkehrbaren historischen Trend“.

Anders der US-amerikanische Präsident Donald Trump, der sich für Protektionismus aussprach. Er setze auf bilaterale Abkommen mit Staaten, die „sich gewissenhaft an die Spielregeln“ hielten (FAZ 11.11.17).

Sehr traurig!

1753: Strategien gegen das Dick-Werden und Dick-Sein

Freitag, November 10th, 2017

Dietrich Garlichs, 69, war von 2010 bis 2017 Geschäftsführer der Deutschen Diabetes-Gesellschaft. In der SZ (10.11.17) gibt er Hinweise auf Strategien gegen das Dick-Werden und Dick-Sein:

Mehr als die Hälfte der Deutschen ist heute übergewichtig. Jeder vierte Deutsche erfüllt die Kriterien für eine krankhafte Fettleibigkeit (Adipositas). Das sind klare Risikofaktoren für viele ernsthafte Krankheiten: Diabetes, Herz-Kreislauf, viele Krebsarten. Mindestens drei Viertel der vorzeitigen Todesfälle sind inzwischen durch den Lebensstil verursacht. Das bedeutet persönliches Leid und hohe gesellschaftliche Kosten. Überernährung hat das alte Menschheitsproblem Hunger abgelöst.

Garlichs begründet, dass die Appelle an die individuelle Verantwortung hier bisher gar nichts gebracht haben. Außerdem gilt für Zucker und Fett nach wie vor der ermäßigte Mehrwertsteuersatz von sieben Prozent. Der Bundeslandwirtschaftsminister hat eine

„Strategie zur Reduktion von Zucker, Fetten und Salz“

angekündigt. Mehr als 25 Gramm Zucker sind laut WHO problematisch. Grundlage für diese Empfehlung sind 9 000 Studien zum Zusammenhang von Zucker und Übergewicht. Für Deutschland hat eine Allianz von über 20 wissenschaftlichen Organisationen vier Maßnahmen identifiziert, die geeignet sind, die Adipositas-Welle zu stoppen.

1. eine nach Gesundheitsaspekten gestaffelte Mehrwertsteuer für Lebensmittel: Obst und Gemüse werden gering oder gar nicht besteuert, normale Lebensmittel mit sieben Prozent, Ungesundes mit 19 Prozent.

2. ein Verbot von an Kinder gerichtete Werbung für ungesunde Lebensmittel: Freiwillige Selbstverpflichtungen der Industrie haben sich hier als wirkungslos erwiesen.

3. verbindliche Standards für die Schulversorgung. 2007 hat die Deutsche Gesellschaft für Ernährung im Auftrag des Landwirtschaftsministeriums Qualitätsstandards für Schulernährung herausgegeben. Bis heute sind diese nur im Saarland und in Berlin verbindlich.

4. täglich mindestens eine Stunde Bewegung in Kita und Schule.

Ob das reicht ?

1752: Videobeweis muss zum Erfolg geführt werden.

Donnerstag, November 9th, 2017

Der DFB will den Videobewies zum Erfolg führen. Dabei wird sogar in Erwägung gezogen, das Geschehen auf den Videoleinwänden der Stadien zu wiederholen. DFB-Chef Grindel: „Ich wäre bereit, so etwas zu machen, um dem Zuschauer ein Stück Transparenz zu geben.“ Projektleiter Lutz Michael Fröhlich: „Wir Schiedsrichter sind dafür offen, sehen Vor- und Nachteile.“

Fröhlich hatte erklärt: „Wir werden in Zukunft zwei Videoassistenten haben, die auch im Spielberichtsbogen stehen und somit zum Schiedsrichter-Team gehören. Sie dürfen eingreifen. Einer, der sich strittige Szenen ansieht, und einer, der den weiteren Spielverlauf im Auge behält, während der Erste eine strittige Szene checkt.“ Der Supervisor solle nur noch stiller Beobachter sein. Fröhlich weiter: „Es gibt Probleme, aber er ist sicher nicht gescheitert. Jetzt liegt es an allen – Schiedsrichter, Vereine, Fans und Medien – ihn nach vorne zu bringen.“ (dpa, sid, SZ 9.11.17)

Die Richtung stimmt.

1751: Joy und Günther Weisenborn – Liebesbriefe aus der „Roten Kapelle“

Mittwoch, November 8th, 2017

Als Widerstandsgruppe gegen die Nazis ist die „Rote Kapelle“ nicht so bekannt wie die „Weiße Rose“. Das liegt am kalten Krieg, in dem die Mitglieder der „Roten Kapelle“ als diejenigen, die ihre Informationen an die Sowjetunion weitergegeben hatten, um z.B einen Krieg zu verhindern, nicht so gut gelitten waren. Das zeigt der Briefwechsel des Schriftstellers Günther Weisenborn (1902-1969) und seiner Frau Margarete, genannt Joy (1914-2004), zwischen 1942 und 1945. Erst 2009 hat der Bundestag ein Gesetz beschlossen, nach dem sie keine „Kriegsverräter“ mehr sind.

Joy und Günther Weisenborn: Liebe in Zeiten des Hochverrats. Tagebücher und Briefe aus dem Gefängnis 1942-1945. Hg. von Christian Weisenborn, Sebastian Weisenborn und Hans Woller. München (C. H. Beck) 2017, 298 S., 24,95 Euro.

Dass die Weisenborns den Zweiten Weltkrieg überlebt haben, grenzt an ein Wunder; denn Günther Weisenborn war vom Reichskriegsgericht bereits zum Tode verurteilt worden, ehe er aus Gründen, die im Dunkeln liegen, zu drei Jahren Haft begnadigt wurde. Zur „Roten Kapelle“ gehörten etwa auch der

Luftwaffenoffizier Harro Schulze-Boysen und der Jurist Arvid Harnack.

Die Mitglieder hatten verfolgten Juden geholfen und über Funk Nachrichten an gegnerische Geheimdienste, besonders den der Sowjetunion, weitergegeben. Ein sowjetischer Agent in Brüssel verriet sie unter der Folter. 1942 kam es zu einer Verhaftungswelle. Es wurden 120 Personen verhaftet. Mehr als 50 davon überlebten ihren Widerstand nicht. Die Hingerichteten wurden besonders grausam ermordet, die Männer an Drähten aufgehängt, die Frauen geköpft. Wie durch ein Wunder entgingen Joy und Günther Weisenborn den Hinrichtungen. Sie kam 1943 wieder frei.

Die Briefe und Tagebücher werden zum ersten Mal veröffentlicht. Wobei wir uns im Hinblick auf ihren Inhalt vor Augen halten müssen, dass die Briefe die Nazizensur passieren mussten. Trotzdem sind sie eindringliche Dokumente der letzten Kriegsjahre und der unerschütterlichen Liebe zweier Menschen zueinander. „Weißt Du, diese Zeit, so hart sie auch ist, sie führt einen Menschen bis zu seinem tiefsten Innern, und das ist gut, man lernt sich selbst erst richtig kennen.“, schrieb Joy am 1. November 1942.

Günther Weisenborn am 5. Februar 1943: „Es ist Krieg, die einen fallen in Stalingrad, die anderen in Plötzensee.“ Im Gefängnis erlebte er das Bombardement Berlins aus der Ferne. „Wir waren 36 Mann auf unserem Flur dort, von denen 2 freigelassen, 4 Freiheitsstrafen erhielten, darunter ich, der Rest Todesurteile und keine Begnadigung.“ Beide überlebten die Zeit der Repression und Folter gesundheitlich schwer angeschlagen. Nach 1945 gründete Weisenborn das Hebbel-Theater in Berlin mit. Von 1951 bis 1953 war er Chefdramaturg der Hamburger Kammerspiele. Als Pazifist engagierte er sich gegen die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik.

Die Briefe zeugen von einer großen Liebe „und sie erzählen von zwei Menschen, die gegen eine Sache kämpften, die sie für grundfalsch hielten, und die sich trotz Haft, Krieg und Entbehrungen nicht von ihren Überzeugungen abbringen ließen.“ (Nicolas Freund, SZ 8.11.17)

Joy und Günther Weisenborn eignen sich als Vorbilder für uns alle.