Archive for the ‘Gesellschaft’ Category

1770: Für Deutschland das Beste

Freitag, November 24th, 2017

Nach dem Scheitern der Sondierungsgespräche für Jamaika ist in Deutschland eine grundsätzlich neue Lage eingetreten. Das führt dazu, dass bisher eingenommene Positionen zu bedenken und ggf. zu verändern sind. Das trifft zuerst die SPD, die möglicherweise nicht mehr an ihrer Entscheidung für die Opposition festhalten kann, die zunächst völlig schlüssig war. Welche Lösungen gibt es und welche davon ist das geringste Übel?

1. Neuwahlen. Sie kommen nicht in Frage; denn wir wählen ja nicht so lange, bis eine uns günstig erscheinende Konstellation erreicht ist.

2. Minderheitsregierung. Das ist keine gute Lösung. Denn sie bedeutet regieren mit wechselnden, teils zufälligen Mehrheiten. Am Ende werden noch die Stimmen der Linken und der AfD benötigt.

3. Große Koalition. Sie ist das geringste Übel. Die SPD hat bisher gut mit regiert. Vielleicht kommt die Groko zahlenmäßig das letzte Mal in Frage. Leider ist hier eine Regierungsbeteiligung der Grünen ausgeschlossen, die eigentlich zur Erreichung ökologischer Mindestziele gebraucht werden. Notfalls muss die Groko ohne den SPD-Vorsitzenden Martin Schulz gebildet werden.

 

1769: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde

Mittwoch, November 22nd, 2017

Wir plagen uns ständig damit herum, schwerwiegende gesellschaftliche Probleme zu lösen. Das gilt in Zeiten des wachsenden Populismus und Rassismus und war noch nie anders. Aber wir könnten uns manchmal die Arbeit erleichtern, wenn wir auf Werke zurückgreifen würden, die sehr gute Vorschläge machen. Manchmal sind sie allgemein zu unbekannt geblieben. Das gilt nicht zuletzt für

Karl Raimund Poppers (1902-1994)

„Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ (1945).

Das Erscheinungsjahr lässt schon erkennen, mit was sich Popper auseinandergesetzt hat. Und insofern ist es verdienstvoll, dass 2017 ein Werk erscheint, das sich vornimmt, Poppers Theorie zu erklären:

Jack Nasher: Die Staatstheorie Karl Poppers. Eine kritisch-rationale Methode. Tübingen (Mohr Siebeck) 2017, 117 Seiten, 19 Euro.

Offene Gesellschaften sind bei Popper jene, die Veränderungen zulassen, diese sogar offensiv betreiben. Sie unterscheiden sich von traditionalen Gesellschaften dadurch, dass sie nicht durch Herkommen, Tabus, „ewige Werte“, religiöse Dogmen gebunden sind und nicht einfach an unbefragten Zuständen festhalten.

In seinem Buch rechnet Popper mit den Staatstheorien von

Plato (428 v.C. – 347 v.C.),

Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1831) und

Karl Marx (1818-1883)

ab. Wer weiß das heute schon. Popper erkennt bei den genannten Philosophen den Hang zum Autortären und Totalitären. Insbesondere bei Hegel mit seinem absoluten Wissen. Damit fährt Popper einen Generalangriff auf den Marxismus, der sich theoretisch auf Hegel und Marx gründet. Das macht Popper so unbeliebt auf der politischen Linken.

Abgeleitet ist Poppers Analyse von seinem Grundlagenwerk

„Logik der Forschung“ (1934).

Danach haben wir über die Welt immer nur Vermutungen, die durch Falsifikationen, also empirische Widerlegungen, verbessert oder ersetzt werden. Wir kennen nicht nur das Ziel der Geschichte nicht, wir wissen nicht einmal, was die Zukunft als nächstes bringt. Darum soll sich nach Popper die Politik nie zu viel vornehmen. Sie soll mit kleinen Schritten herumprobieren (muddling through). Bitte keine großen Würfe!

Da wir die Zukunft im Großen und Ganzen nicht kennen können, erübrigen sich auch

Apokalypsen (Gustav Seibt, SZ 21.11,17).

Ausgegrenzt werden bei Popper Kommunisten und Rassisten. Wer das ist, das könnten wir ja wissen.

1768: Ausschluss Russlands von den Olympischen Winterspielen 2018

Dienstag, November 21st, 2017

Der sportliche Leiter der Skispringer und Kombinierer im Deutschen Skiverband (DSV), Horst Hüttel, hat sich für den Ausschluss Russlands von den Olympischen Winterspielen in Pyeonchang ausgesprochen. „Es ist die einzige konsequente Entscheidung, die zu treffen ist.“ Das IOC will seine Entscheidung am 5. Dezember verkünden. Als Grundlage dienen die Ergebnisse zweier IOC-Kommissionen, die Doping-Vorwürfe gegen Russland untersuchen. Die McLaren-Kommission hatte festgestellt, dass zwischen 2011 und 2015

rund 1 000 Athleten

von einem Dopingsystem profitierten. Auch in Sotschi 2014. Im Vorfeld der Sommerspiele im letzten Jahr in Rio de Janeiro hatte sich das IOC gegen einen Komplett-Ausschluss entschieden (SZ 21.11./).

1767: Die Union sammelt sich hinter Angela Merkel.

Dienstag, November 21st, 2017

Wer nach der Beendigung der Sondierungsgespräche durch die FDP angenommen hatte, dass nun Angela Merkel noch mehr Federn lassen müsste, der hat sich anscheinend getäuscht. Im Gegenteil. Die Union sammelt sich hinter Merkel, auch der in Bayern angeschlagene Horst Seehofer.

Mangels Alternative!

Merkel hat sogar schon erklärt, sie würde im Zweifelsfall wieder für das Amt der Bundeskanzlerin kandidieren. Ein Zeichen von Stabilität. Falls die FDP geglaubt hat, sie könne ihre geringe Bedeutung dadurch erhöhen, dass sie die Bundesrepublik in die Krise stürzt, hat sie sich anscheinend verkalkuliert. Die meisten Menschen mögen den Abbruch der Sondierungen nicht.

1766: Kardinal Marx gegen bedingungsloses Grundeinkommen

Montag, November 20th, 2017

Die SZ (20.11.17) hat Reinhard Kardinal Marx, den Vorsitzenden der Deutschen Bischosfskonferen, folgendes gefragt:

„Die Diskussion dreht sich um ein bedingungsloses Grundeinkommen. Das heißt, wir werden irgendwann eine sehr große Gruppe der Gesellschaft sehen, die zu Hause sitzt. Ist das sozial?“

Kardinal Marx: „Nein. Das ist das Ende der Demokratie. Wer meint, man könne eine Gesellschaft aufbauen, indem man einen großen Teil mit dem Grundeinkommen versorgt und ansonsten Unterhaltungsindustrie auf sie loslässt, liegt meiner Ansicht nach falsch. Denn die Arbeit ist nicht irgendetwas, sondern die Arbeit gehört auch zur Grundkonstitution des Menschseins: Dass ich etwas schaffe für mich und meine Familie, was von Wert ist, nicht bedeutungslos ist. Die politischen Folgen sehen wir ja in manchen Bereichen jetzt, wenn Leute den Eindruck haben: ‚Ich bin abgehängt, ich bin zu nichts mehr nütze.‘ …“

1765: Joachim Meyerhoff wundert sich.

Montag, November 20th, 2017

Der vielfach ausgezeichnete Schauspieler Joachim Meyerhoff, geb. 1967, ist auch ein sehr erfolgreicher Schriftsteller. Von ihm kennen wir aus seinem Romanwerk „Alle Toten fliegen hoch.“ vier Teile:

  1. „Amerika“ (2011),
  2. „Wann wird es endlich so, wie es niemals war.“ (2013),
  3. „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ (2015) und
  4. „Die Zweisamkeit der Einzelgänger“ (2017).

Den letzten Teil habe ich noch nicht gelesen. Kester Schlenz hat Meyerhoff für den „Stern“ (2.11.17) interviewt:

Stern: Was wäre aus Ihnen geworden, wenn Sie damals nicht auf die Schauspielschule gegangen wären?

Meyerhoff: Ich weiß nicht, was dann passiert wäre. Vielleicht habe ich auch deswegen all die Jahre durchgehalten, weil ich einfach nicht wusste, was ich sonst hätte machen sollen.

Stern: Man spürt ihre Freude am Formulieren. Wie schreiben Sie? Wie im Rausch – oder quälen Sie sich?

Meyerhoff: Es gibt beides. Manchmal brüte ich zwei Stunden über einer Stelle, mal fliegt mir was zu. Manchmal habe ich nachts Eingebungen. Dann springe ich aus dem Bett und schreibe sie sofort auf.

Stern: Was inspiriert Sie?

Meyerhoff: Neulich trug ich zu Hause eines meiner Lieblings-T-Shirts. Es hat schon einige Löcher. Mein dreijähriger Sohn sah mich an und sagte:

„Papa, du siehst aus wie meine Blockflöte.“

Das ist Weltliteratur. Besser geht es nicht. Von Kindern kann man viel lernen.

Stern: Ihre Bücher scheinen durchzogen zu sein von einem permanenten Gefühl der Verwunderung über sich selbst und einer tiefen Sehnsucht nach Ruhe und Frieden.

Meyerhoff: Die Verwunderung unterschreibe ich sofort. Ich wundere mich ununterbrochen über das, was um mich herum geschieht.

1764: Die FDP traut sich nicht.

Montag, November 20th, 2017

Die FDP hat die Sondierungsgespräche abgebrochen. Sie entzieht sich damit ihrer Verantwortung. Vielleicht haben ihr die vier Jahre außerhalb des Bundestags einfach zu gut gefallen. Aber wer unter Modernisierung versteht, dass die Kohlekraftwerke beibehalten werden, auf den können wir in Regierungsverantwortung durchaus verzichten. Möglicherweise waren der FDP zu wenig Steuergeschenke für Reiche auf der Agenda.

Ministerpräsident Günther (CDU) aus Schleswig-Holstein, der dort eine Jamaika-Koalition führt, empfand den Schritt der FDP in Berlin als lange vorbereitet.

Ob der Wähler das Fehlverhalten der FDP entsprechend würdigt, wage ich zu bezweifeln.

Wegen der Rassisten und Rechtsextremisten kommen auf die Bundesrepublik schwere Zeiten zu.

Kandidiert Angela Merkel nochmals als Kanzlerkandidatin für die CDU?

1763: Wir können was für das Klima tun.

Sonntag, November 19th, 2017

Der Klimagipfel in Bonn hat keinen Durchbruch gebracht. Damit hatte wahrscheinlich auch kein denkender Mensch gerechnet. Aber auch ohne einen klimapolitischen Durchbruch können wir viele kleine Dinge für das Klima tun.

Der jährliche CO 2-Verbrauch pro Person beträgt in Deutschland laut Greenpeace

ungefähr 13,18 Tonnen

(Konsum: 2,82, Energiebereitstellung: 2,82, Verkehr: 1,93, Dienstleistungen: 1,58, Heizung: 1,32, Ernährung: 1,07, Strom: 0,94, Internationaler Gütertransport: 0,7).

Im Grunde weiß jeder, was er tun kann:

1. weniger heizen,

2. weniger Fleisch essen,

3. Strom sparen,

4. auf Ökostrom setzen,

5. regional einkaufen,

6. weniger Wasser verbrauchen,

7. das Auto mehr stehen lassen,

8. weniger konsumieren (Anna Steiner, FAS 19.11.17).

1762: Vater und Sohn Walser – im Gespräch

Sonntag, November 19th, 2017

Hier kommt eine große Portion Klatsch auf uns zu. Die meisten von uns mögen mehr oder weniger insgeheim Klatsch ja sehr gerne. Und so wird sich das Buch gut verkaufen:

Jakob Augstein/Martin Walser: Das Leben wortwörtlich. Ein Gespräch. Rowohlt Verlag. 2017, 352 Seiten, 19,95 Euro.

Martin Walser, 90, und Jakob Augstein, 50, haben sich 2005 zum ersten Mal getroffen, nachdem beiden klar geworden war, dass Augstein Walsers Sohn ist. Eine in der deutschen Literatur- und Journalistenszene nicht ganz unbedeutende Tatsache. Es treffen aufeinander der des Nationalismus und Antisemitismus bezichtigte Groß-Schriftsteller und der linke Verleger und Publizist, der im Hause Augstein aufgewachsen ist. Da könnten nun die Fetzen fliegen. Das tun sie aber nicht (was die Kritikerin Julia Encke bedauert, FAS 19.11.17).

Es handelt sich eher um ein Interview. Der Sohn fungiert als Stichwortgeber. Und der Vater behält das letzte Wort. Gegenüber seinen Gegnern und Antipoden:

Hans Egon Holthusen (1913-1997), dem ehemaligen SS-Mann, dem Walser das nie vorgewofen hat,

Marcel Reich-Ranicki (1920-2013), den Walser in „Tod eines Kritikers“ übel charakterisierte,

Ignaz Bubis (1927-1999), der Walser wegen seiner Paulskirchenrede 1998 „geistige Brandstiftung“ vorwarf,

Ruth Klüger (geb. 1931), der Schriftstellerin („Weiter leben“) und Kommilitonin aus Regensburg und

Frank Schirrmacher (1959-2014), der Walser vorgeworfen hatte, es gehe in „Tod eines Kritikers“ um den Mord an einem Juden.

Walser kann sagen: „In der Wasserburger Muttermilch war kein Antisemitismus.“ Augstein bleibt auffällig schweigsam, als Walser ihn darauf anspricht, dass Henryk M. Broder Augstein 2012 selber Antisemitismus vorgeworfen hat. „Dabei wäre die Tatsache, dass Vater und Sohn sich dem gleichen Vorwurf ausgesetzt sehen, doch die Grundlage für den interessantesten Teil eines tatsächlichen Gesprächs gewesen.“ „Dass sie sich anderen gegenüber schonungslos zeigen, einander aber bei den wichtigsten Themen so schonen, ist die Enttäuschung dieses wichtigen Buches.“

1761: Die Drei-Drittel-Gesellschaft

Samstag, November 18th, 2017

Nach 1945 hatte der Soziologe Helmut Schelsky in Deutschland die „nivellierte Mittelstandsgesellschaft“ entdeckt. Dabei hatte er zwar vernachlässigt, dass die alten

Klassenstrukturen

weiter existierten, es sich also um eine Klassengesellschaft handelte (die heute noch bis in die Paradise Papers hinein zu erkennen ist), aber erfasst, dass die Gesellschaft eine große Mischungsmaschine geworden war. Das galt bis in die achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts.

Nun veröffentlicht der Kultursoziologe Andreas Reckwitz aus Frankfurt/Oder 2017 sein Buch

„Die Gesellschaft der Singularitäten. Zum Strukturwandel der Moderne“ (Suhrkamp).

Darin konstatiert er eine sozialstrukturelle Umschichtung und spricht von einer neuen Klassenpolarisierung (Kurzfassung in FAS 22.10.17), was einige Plausibilität auf seiner Seite hat. Dabei geht es weniger um die materielle Dimension, sondern um die kulturelle Ebene des Lebensstils. Es handelt sich um einen Strukturwandel der Mittelschicht. Bei Reckwitz ist die Rede von einer

Drei-Drittel-Gesellschaft,

die aus einer neuen Mittelklasse, der alten Mittelklasse und der neuen Unterklasse besteht.

Die industrielle Moderne ist Geschichte. „Drei Faktoren, die sich seit den siebziger Jahren verzahnen, sind entscheidend für ihre Erosion: der technologisch-wirtschaftliche Wandel von der industriellen zur postindustriellen Gesellschaft (die Zahl der Industriearbeiter wird kleiner, während die der hochqualifizierten ebenso wie der niedrigqualifizierten Dienstleistungen wächst); die Bildungsexpansion, das heißt der Anstieg der Akademikerquote; und der kulturelle Wertewandel von den Pflicht- und Akzeptanzwerten zu den Selbstverwirklichungswerten von 1968.“ Die neue Mittelklasse besteht aus Hochschulabsolventen, für die die „Lebensqualität“ entscheidend wird.

„Früher als trivial geltende Bereiche wie

Ernährung und Körper

werden zu zentralen Betätigungsfeldern: gesundes Essen und aufwendiges Kochen, der Körper als Ort vielfältiger Bewegungskulturen zwischen Tai-chi, Paragliding und Tango sind für den Lebensstil ebenso typisch wie die Bedeutung, die dem

Reisen –

möglichst aktiv und ‚jenseits der Touristenpfade‘ – beigemessen wird.“ Die neue Mittelklasse betreibt eine konsequente Singularisierung, die von Werten wie Einzigartigkeit, Besonderheit und Authentizität geleitet wird.

Das Leben der neuen Unterklasse liefert ein drastisches Kontrastprogramm dazu. Sie stellt die Verlierer der Bildungsexpansion. Der Lebensstil der Unterklasse wird entwertet. Die Berufe hier sind unattraktiv, die Ernährung ungesund, der Körper zu dick, die Erziehung der Kinder zu anregungsarm und die Wohnviertel zu unsicher.

Die alte Mittelklasse, die von mittleren Bildungsabschlüssen gekennzeichnet wird (Handwerker, Angestellte, Facharbeiter), finden wir überwiegend in Kleinstädten. Die Bildung, welche die neue Mittelklasse hochgebracht hat, drängt die alte Mittelklasse an den Rand. Die Orientierung an eher materiellen Werten entspricht der stärkeren Ortsgebundenheit.

Laut Reckwitz stehen sich die drei neuen Klassen fremd gegenüber. Sie wohnen in verschiedenen Vierteln, schicken ihre Kinder auf unterschiedliche Schulen und bleiben bei den persönlichen Beziehungen unter sich. Der

Fahrstuhl-Effekt

der nivellierten Mittelstandsgesellschaft wird abgelöst vom

Paternoster-Effekt.

Die neue Mittelklasse befindet sich auf dem Weg nach oben, die alte Mittelklasse und die neue Unterklasse auf dem Weg nach unten. Konflikte sind da nicht verwunderlich. Ebenso nicht Wahlergebnisse mit Trump als Präsident, dem Brexit oder der AfD als stärkster Partei in Sachsen.