Archive for the ‘Gesellschaft’ Category

1782: Die AfD ist gespalten.

Montag, Dezember 4th, 2017

Die AfD hat viele Gesichter. Lange Zeit konnten wir nicht erkennen, wer die Richtung bestimmte. Auch wenn in den Medien stets rechtsextreme Völkische wie Björn Höcke den Ton angaben. Von seinem Parteiausschluss ist nun keine Rede mehr.

Im Bundestag vertraten die AfD-Vertreter dezidiert rechtskonservative Positionen. Engagiert, aber sachlich im Ton. Sie verzichteten auf Provokationen, es gab keine Eklats. Die AfD gebärdete sich als politikfähig.

Auf dem Parteitag in Hannover hat sich nun gezeigt, dass die Partei de facto weiter nach rechts gerückt ist. Viele Delegierten sind von der Führung nicht steuerbar. Die Völkischen haben aus dem Hintergrund dafür gesorgt, dass der Berliner Landeschef Georg Pazderski, ein ehemaliger Soldat, der vor allem dafür sorgen wollte, dass die Partei die Regierungsbeteiligung vorbereitete, demütigende Momente bei der Wahl zum Vorstand überstehen musste. Eine Scheinkandidatin übertraf ihn in den ersten beiden Wahlgängen. Da musste der Verschlagenste ran, Walter Wallmanns (CDU) ehemaliger Bürochef Alexander Gauland, 76. Er ist der heimliche Chef der AfD. Auch wenn er nur 68 Prozent der Stimmen bekam. Georg Pazderski, Alice Weidel und Beatrix von Storch sind im Vorstand (Jens Schneider, SZ 4.12.17).

Von Frauke Petry ist keine Rede mehr.

Lassen wir uns nicht von dem konzilianten Ton im Bundestag täuschen!

1781: Verena Stefan gestorben

Montag, Dezember 4th, 2017

1975 erschien Verena Stefans Buch „Häutungen“. Es wurde ein bis dahin unvorstellbarer Bestseller. Die 1947 geborene Schweizerin beschrieb darin den Blick des Mannes auf den Körper der Frau. „Häutungen“ versuchte, dem etwas anderes entgegenzusetzen. „Beim schreiben dieses buches, dessen inhalt hierzulande überfällig ist, bin ich wort um wort und begriff um begriff an der vorhandenen sprache angeeckt.“ – lautete der erste Satz.

1972 in Berlin hatte Verena Stefan als Studentin die Gruppe „Brot und Rosen“ mitbegründet, die sich gegen die „Machos“ der 68er-Bewegung wandte. Künftig konnte 1968 auch mit Feminismus zusammengedacht werden. Es wurde der Typ des „Softies“ konstruiert. Das war allerdings nur die zeitgemäße Variante des „Machos“.

Seit 1998 lebte Verena Stefan in Montreal. Sie schrieb 2007 den Roman „Fremdschläfer“, der sich mit Asylanten auseinandersetzte. Stefan entsprach selbst dem Klischee einer harten Feministin keineswegs. In der Sache allerdings blieb sie unerbittlich. Verena Stefan ist in Kanada an Krebs gestorben (Helmut Böttiger, SZ 2./3.12.17).

1779: AfD-Fraktionsvize an antisemitischen Wahlspots beteiligt

Mittwoch, November 29th, 2017

Als Teilhaber der Kommunikationsfirma „wk & 1“ war der gegenwärtige AfD-Fraktionsvize im Bundestag, Peter Felser, 2001 und 2003 für mehrere Wahlspots der Republikaner verantwortlich. Diese durften vom SFB und vom HR nicht ausgestrahlt werden, weil sie antisemitisch waren. Das steht in einem Beschluss des Oberverwaltungsgerichts Berlin. Das Gericht sah einen „eindeutig antisemitischen Charakter“ in einem Teil des Wahlspots. Einmal war der Fernsehmoderator

Michel Friedman,

damals Mitglied im Vorstand des Zentralrats der Juden in Deutschland, verunglimpft worden. Zum anderen sei der Eindruck vermittelt worden, dass man behaupten dürfe, es habe den Holocaust nie geben (Jens Schneider, SZ 29.11.17).

1778: Keine Toleranz gegenüber christlichen Familien ?

Montag, November 27th, 2017

Berlin ist eine tolerante Stadt. Wir tolerieren Frauen mit Kopftüchern. Und endlich können gleichgeschlechtliche Paare heiraten. Vielfach sind buddhistische Mönche in der Stadt zu sehen. Es herrscht Freizügigkeit. Oder doch nicht ganz? Eine aus Bayern stammende katholische Mutter berichtete (Protokoll Julia Schaaf, FAS 26.1.17) folgendes:

„Jeden Abend sitzen wir zu dritt im Bett, kuscheln und lesen vor. Im Anschluss wird gebetet: ‚Müde bin ich, geh zur Ruh, schließe meine Augen zu. Vater lass die Augen dein über meinem Bettchen sein.‘ Dann sprechen die Kinder selbst darüber, was an dem Tag gut war und was wir vielleicht anders machen müssen. Mein Sohn ist jetzt acht, an manchen Tagen ist er ganz pragmatisch und sagt nur: Lieber Gott, beschütze meine Familie und meine Freunde. … Beten ist wie ein Stimmungsbarometer für meine Kinder, ein wichtiges Ritual, das sie sogar einfordern, wenn ich es aus Zeitgründen mal weglassen würde.“

Dann kam eines Tages der Sohn aus dem Religionsunterricht nach Hause und fragte: „Mama, das ist doch normal, dass wir beten?“ Er kam nicht aus dem Fach „Lebenskunde“, sondern aus dem katholischen Religionsunterricht.

Die Mutter stand bei einem Kita-Fest mit anderen Müttern zusammen und erzählte von ihrem Abendritual. „Und die Reaktion war: Wie? Hä? Botschaft: Das ist ja total hinterwädlerisch. Weltfremd. Als würden wir zu einem alten Mann mit weißem Bart beten.“

An Fronleichnam wusste die Schule nichts von dem geplanten Fronleichnamsausflug. „Religion wird überhaupt nicht unterstützt. Das fällt einfach unter den Tisch. Ich finde das schade. … In manchen Regionen in Deutschland scheint es Normalität zu sein, dass man seinen Glauben lebt und in den Alltag integriert. Aber in Berlin? … Ist es vielleicht Absicht, dass dieser Glaube untergeht? … Wie stark muss ein Kind sein mit acht oder neun Jahren, um sich bei so viel Gegenwind durchzusetzen in der Schule? Sagt er dann, er will das nicht, weil die anderen es doof finden? Inwiefern schränkt ihn das ein?“

Die Mutter ist inzwischen mit den Kindern nach Bayern zurückgegangen.

 

1777: Billie Jean King über Angela Merkel

Montag, November 27th, 2017

Billie Jean King (geb. 1943), die Tennis-Ikone, war die erste bekennende Lesbe im internationalen Sport. Und eine der besten Spielerinnen aller Zeiten. Zwischen 1959 und 1983 gewann sie zwölf (12) Grand Slams. Über Tennis hinaus galt ihr Leben der Gleichberechtigung von Frau und Mann. Im September 1973 schrieb sie Geschichte, als sie in einem Demonstrationskampf den ehemaligen Wimbledonsieger Bobby Riggs (damals 55), der behauptet hatte, er könne jederzeit die Nr. 1 im Frauentennis besiegen,

6:4, 6:3, 6:3

schlug. Das war eine Zeitenwende. Billie Jean King hat es danach erreicht, dass Frauen und Männer im Tennis gleich bezahlt werden. 2017 hat Sloane Stephans für ihren Sieg bei den US-Open 3,7 Millionen Dollar erhalten.

Michael Wittershagen hat King für die FAS (26.11.17) interviewt:

FAS: Im Jahr 2009 hat Ihnen Barack Obama für Ihre Verdienste die Medal of Freedom überreicht. Sind Sie stolz auf das, was Sie erreicht haben?

King: Ja, natürlich, vor allem deshalb, weil es auch eine Anerkennung für die

LGBT-Gemeinschaft

war. … Und ich war die erste weibliche Athletin, die diese Auszeichnung erhalten hat.

FAS: Es scheint, als seien  wir heute an einem ähnlichen Punkt wie zu Beginn der 1970er Jahre. Mit dem Sexismus in Hollywood, einem amerikanischen Präsidenten, der sich abfällig über Frauen äußert – macht Sie all das nicht unglaublich traurig?

King: Nein, es erweckt nur wieder meinen Kampfgeist. Wir müssen einfach immer weitermachen, das Leben verläuft nicht in geraden Linien und am Ende ist alles gut. Ehrlich gesagt interessiert es mich deshalb nicht, wer gerade Präsident ist. Was ich sehe, ist, dass es nach der Wahl eine Gegenreaktion gab und sich immer mehr Frauen politisch engagieren. Ich bewundere zum Beispiel

Angela Merkel,

sie leistet phantastische Arbeit, sie ist ein tolles Beispiel für das, was Frauen erreichen können, wie sie die Welt verändern. Es wäre ein Traum, sie einmal kennenlernen zu dürfen. Die von ihr gezeigte Menschlichkeit ist außergewöhnlich. Sie ist Vorbild für uns alle. …

1776: Medien im postfaktischen Zeitalter

Sonntag, November 26th, 2017

Im Berliner Brecht-Haus wurde letzte Woche unter Literaten, Publizisten und Wissenschaftlern über Schriftsteller im „postfaktischen Zeitalter“ diskutiert. Dabei formulierte der Hildesheimer Politologe David Salomon einige ziemlich einfach klingende, aber nicht belanglose Erkenntnisse, die ich hier kondensiert wiedergebe (Dirk Kniphals, taz 21.11.17)

1. Die klassische Medienkritik aus dem Journalismus und der Wissenschaft (die stets eher von links kam) steht heute in der Gefahr, entlang von Vokabeln wie „Lügenpresse“ verwechselt zu werden mit Rassisten und Nationalisten von „Pegida“, AfD, Identitären und „Reichsbürgern“. Das verstehen viele Menschen nicht sofort.

2. Das Internet ist weder die vollständige Erfüllung demokratischer Träume noch der „Schmutzkübel“ der Gesellschaft.

3. Wir haben es mit einem neuen „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ (Habermas 1962) zu tun. Er besteht in der Verlagerung der Werbung (mit der sich alle Medien finanzieren) ins Netz und weg von den klassischen Medienkonzernen. Die gehen deshalb selbst ins Netz (wie Springer).

4. Die Enthüllungen Günter Wallraffs in den Siebzigern (z.B. bei „Bild“) standen noch ganz im Zeichen von Kampagnen wie „Enteignet Springer!“.

5. Paul Sethes Satz von 1965, dass die „Pressefreiheit die Freiheit von zweihundert reichen Leuten“ sei, gilt heute mehr denn je. Gerade wegen des Netzes, gegen das einzelne Nutzer nicht ankommen. Denken wir nur an die Abertausende von Öffentlichkeitsarbeitern (Public Relations).

1775: Rentenentwicklung

Sonntag, November 26th, 2017

1. Für Männer lag das Altersgeld zum 1. Juli 2016 im Westen durchschnittlich bei 1 051 Euro brutto im Monat, im Osten bei 1126 Euro. Frauen erhielten in den alten Bundesländern 613 Euro, im Osten 888 Euro. Das liegt an den verschiedenen Erwerbsverläufen in Ost und West.

2. Normalerweise steigt das Altersgeld Jahr für Jahr, wenn auch in der Regel nicht so stark wie die Löhne. Nach Modellrechnungen erhöht sich die Rente bis 2031 um insgesamt 36 Prozent, das sind 2,2 Prozent pro Jahr.

3. Gerechnet wird mit einem „Eckrentner“. Dieser erhält 2017 eine Rente von 1 396 Euro vor Steuern und Abzügen. Im Jahr 2025 würde dieser Rentner nach 45 Berufsjahren 1 701 Euro bekommen, 2031 1 904 Euro. Berücksichtigt werden müssen hier die Höhe des Krankenkassenbeitrags und die Teuerungsrate.

4. 2017 bis 2023 gibt es ein „Zwischenhoch“, weil der Job-Boom viel Geld bringt. 2026 bis 2033 „sieben schlechte Jahre“. Das liegt am Eintritt der „Babyboomer“ (Geburtsjahrgänge 1959 bis 1968) in den Ruhestand.

5. Mit 18,7 Prozent des sozialversicherungspflichtigen Gehalts liegt der Beitrag so hoch wie 1996. Bis 2022 bleibt er bei 18,6 Prozent. Danach steigt er ziemlich abrupt.

6. Wer 45 Jahre wie der Durchschnitt verdient und eingezahlt hat, kommt 2017 auf eine Rente von 48,2 Prozent seines Nettogehalts. Von 2025 an geht es abwärts. Bis auf 44,6 Prozent im Jahr 2031.

7. Die Bundesregierung rechnet damit, dass 2017 ein Riester-Sparer eine Rente von monatlich 85 Euro erhält. 2031 sind es danach dann 294 Euro (Thomas Öchsner, SZ 22.11.17).

1774: Russland schürt die Angst.

Freitag, November 24th, 2017

Der 1981 geborene russiche Schriftsteller Sergej Lebedew hat 2015 seinen Roman „Menschen im August“ veröffentlicht. Auf den 9. Europäischen Literaturtagen in der Wachau (Österreich) schilderte er, dass Russland in Angst lebt und bei seinen Nachbarn Angst schürt:

Zu klassischen sowjetischen Propaganda gehörte es zu behaupten, der Sowjetmensch kenne keine Angst. Tatsächlich war es anders. Unter dem Terror drang die Angst in Bewusstsein und Sprache, wurde zur Gewohnheit, zum Charakterzug und beeinflusste Strategien und Lebensentscheidungen.

In der russischen Geschichte des 20. Jahrhunderts gab es zwei helle Monate, den Februar 1917 und den August 1991. „Aber auf den Februar 1917 folgte im selben Jahr der Oktober mit seinem bolschewistischen Umsturz und auf den August 1991 folgte der Oktober 1993, als Panzer während der Konfrontation zwischen Präsident Jelzin und dem Obersten Sowjet das Parlament in Beschuss nahmen.“

„Heute ist mein Land krank vor Angst.“

Putin als Politiker lebt von der Angst. Für ihn ist es vorteilhaft, wenn Europa entzweit und geschwächt ist, wenn es an politischer und menschlicher Solidarität mangelt. „Putin, ein Abkömmling des Komitees für Staatssicherheit, einer repressiven sowjetischen Institution, scheint keine anderen Methoden des Regierens außer der Angst zu kennen.“ Deswegen ist er auch selbst für Angst anfällig.

„Russland ist wieder auf dem unheilvollen sowjetischen Weg, dem Weg der äußeren und inneren Aggression, der Feinde sowohl außerhalb des Landes wie im Nachbarhaus vermutet. Russland investiert in die Angst, indem es rechtsextreme Parteien in Europa unterstützt, bei denen die Ausbeutung nationalistischer Phobien auf der Tagesordnung steht; …“ (SZ 20.11.17)

1773: Lebenslänglich für Ratko Mladic

Freitag, November 24th, 2017

Das Kriegsverbrecher-Tribunal in den Haag hat den bosnisch-serbischen General Ratko Mladic zu lebenslänglicher Haft verurteilt. Es befand den heute 74-Jährigen schuldig wegen Völkermord, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Mladic war im Bosnienkrieg von 1992 bis 1995 kommandierender General der serbischen Truppen. Der Krieg hat 100 000 Todesopfer gefordert und zwei Millionen Menschen zu Flüchtlingen gemacht. Das Urteil ist ein starkes Signal des 1993 gegründeten Gerichtshofs. Mladics Verteidiger hatten Freispruch verlangt.

Das Gericht sprach den General in zehn von elf Punkten schuldig als Mitglied eines „kriminellen Unternehmens“, das in Bosnien eine

ethnische Säuberung

betrieben habe. Mladic hatte die mehr als dreijährige Belagerung Sarajevos persönlich kommandiert und das

Massaker von Srebrenica

im Juli 1995 mit mehr als 8 000 Toten angeführt.

Das Urteil stiftet zwar keine Versöhnung, aber es klärt umfassend Kriegverbrechen und ähnliche kriminelle Delikte (Peter Münch, SZ 24.11.17).

 

 

 

1772: Middelhoff hält sich im Gespräch.

Freitag, November 24th, 2017

Eine WDR-Dokumentation in der Reihe „Menschen hautnah“ mit dem Titel „Thomas Middelhoff – Absturz eines Topmanagers“ konnte am 23.11.17 nicht gezeigt werden, weil es eine Vereinbarung zwischen dem Produzenten und Thomas Middelhoff gab, wonach diesem eine Mitsprache bei dem Film zugesichert worden war. WDR: „Verinbarungen wie diese widersprechen den journalistischen Grundregeln des öffentlich-rechtlichen Rundfunks und sind für den WDR nicht akzeptabel.“ (SZ 23.11.17)

Thomas Middelhoff hat selbst ein Buch geschrieben: „A 115 – der Sturz“ (F.A. Herbig). Es darf nach einem Urteil des Landgerichts Stuttgart nicht weiter verbreitet werden, weil der „Spiegel“ ein Unterlassunsgurteil erwirkt hat wegen Tatsachenbehauptungen über Journalisten des Magazins (SZ 24.11.17).